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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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X.

Im Salon bei Zweigeld's waren die gelben Seidenvorhänge an den Fenstern alle niedergelassen. In der goldenen Dämmerung saß Frau Zweigeld. Sie hatte eine Weile in einem dicken Bibelcommentar gelesen, denn es war Sonntag. Es wurde jedoch schwül im Gemach; die Rosen in den Glasschalen welkten in der heißen Luft und sträuten einen betäubenden, süßen Duft aus; das macht matt. Frau Zweigeld lehnte sich in die Sophaecke zurück und blickte nachdenklich vor sich hin. Im Nebenzimmer sang Gisela am Clavier das Kücken'sche Lied vom Schwan und der weißen Blume. Die klaren Töne dieser kindlichen Stimme nahmen heute einen gefühlvollen Schmelz an, der Frau Zweigeld auffiel. »Er singt so süß, so leise – und will im Singen vergehen« – das klang herzbrechend, und Frau Zweigeld wurden die Augen feucht. Ach, Gott! in jedem Menschenherzen wächst immer auf's Neue der wunderliche Glaube an etwas unnennbar Schönes, Ersehnenswerthes auf – – wieder – – ob – gleich – – wer hat's gefunden?

Frau Zweigeld seufzte. Die stets straffgespannte, in sich gesammelte Natur hatte Augenblicke, in denen sie sich widerstandslos und ganz ihrem Gefühl – und zugleich einem sehr weichen, schmelzenden Gefühle hingab. Ihr strenges, regelmäßiges Gesicht nahm einen erregten, weinerlichen Ausdruck an – sie schloß die Augen halb. Sie dachte an die ferne Zeit, da auch sie auf dieses unbekannte Schöne hoffte, – drüben in Prag, in dem großen stillen Hause.

Alles drehte sich dort um den majestätischen, alten Mann, ihren Vater. Er war Oberlandesgerichtsrath und ein Haupt der nationaldeutschen Partei. Mutter und Tochter saßen den Tag über in der großen Stube über ihre Handarbeiten gebeugt und warteten, ob der Vater nicht ihrer bedürfen würde, denn er liebte es, sich bei seinen Arbeiten seiner Frau und seiner Tochter mitzutheilen. Dann kam er aus seinem Arbeitszimmer, ging auf und ab, erzählte, erklärte; zuweilen mußte Mathilde einen Abschnitt aus einem wissenschaftlichen Buche und eine Akta vorlesen. War Gesellschaft, so kamen strebsame, junge Leute, die dem Vater andächtig zuhörten, selbst patriotische Gesinnungen äußerten und Mathilde eine ernste, zurückhaltende Verehrung bezeigten. Da erschien in diesem kühlen und gemessenen Kreise der Wiener Advokat Zweigeld mit seinen Witzen, seinem hübschen Lachen, der leichten Art, all' die großen, heiligen Sachen zu besprechen. Anfangs wunderte sich Mathilde über ihn; dann interessirte er sie. Sie begann ein sonniges, heiteres Leben zu ahnen, dessen Verkörperung ihr dieser junge Mann war, den sie liebte. O! es war eine schöne Zeit! Der Vater war gegen diese Heirath, denn er urtheilte streng über den »Wiener Leichtsinn«. Aber all' die Kämpfe und die Thränen waren doch süß, denn es waren Kämpfe und Thränen um ein übergroßes Glück, welches sie deutlich in der Zukunft zu sehen glaubte... Und nun?....

Die Thüre ward geöffnet und der Doctor steckte den Kopf herein. »Mathilde, es ist wohl noch Zeit, daß ich mich ein wenig niederlege, um 5 Uhr fahren wir in den Prater.«

»Leg' Dich nur nieder.« Sie richtete sich auf, strich sich die Haarbänder an den Schläfen glatt und beugte sich über ihren Bibelcommentar. Sie war wieder die ruhige, majestätische Frau Zweigeld.

Dr. Zweigeld begab sich in sein Arbeitszimmer, zog sich den Rock aus und legte sich auf die Couchette. Er hatte gestern zu viel Sekt getrunken und fühlte Kopfweh. Hier war es angenehm. Gedämpft und zart klang Gisela's Lied zu ihm herüber. Einige unangenehme Gedanken schossen ihm zwar durch den Kopf – an Waisengeldern – an einen Wechsel – aber er wies sie ab. Heute war Sonntag, da ließ sich ohnehin nichts thun; und dann an Geschäfte muß man denken, wenn man sich ausgeschlafen hat, sonst kommt nichts Gescheutes dabei heraus. »Das ist mein Grundsatz,« murmelte er, gähnte und streckte sich.

Die Thüre, die zur Kanzlei führte, ward behutsam geöffnet. Welch' ein widerwärtiges Knarren doch die Thüre hatte. Verstimmt wandte sich der Doctor um. Da stand sein Diener und schaute ihn ängstlich an.

»Was willst Du, Joseph? Was stehst Du da?«

»Ein Herr ist da. Er fragt nach dem Herrn Doctor.«

»Heute? Ein Herr?«

»Ich kenne ihn nicht. Er sagt, er heißt Morgenstern und muß durchaus den Herrn Doctor sprechen.«

»Hast Du gesagt, daß ich zu Hause bin?«

»Ja, Herr Doctor.«

»Trottel! Ich lasse bitten!« Wüthend erhob sich der Doctor, das Haar stand ihm von der einen Seite schief ab; die eine Wange war roth abgedrückt. Schlaff saß er auf seiner Couchette und erwartete seinen Besuch. Natürlich wird es etwas Unangenehmes sein, das ahnte ihm –....

Endlich erschien ein ältlicher, feingekleideter Herr mit einer großen Hakennase, einem kohlschwarzen Backenbart und zwei schwarzen Lockencoteletten auf der Stirn. Er entschuldigte sich, daß er störe – aber die Dringlichkeit der Angelegenheit...

»O, bitte!« unterbrach ihn der Doctor und wies auf einen Stuhl. Dieser Mann war ihm bereits zuwider.

Als der Fremde sich bequem zurecht gesetzt hatte, zog er ein Papier aus der Tasche und es zwischen Zeigefinger und Mittelfinger haltend, wiegte er es während des Sprechens hin und her. »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen – Herr Doctor – mitzutheilen, daß ich hier diesen Wechsel von Rosenbaum und Comp. angekauft habe, – das Vergnügen gehabt habe, anzukaufen,« verbesserte er sich.

Der Doctor erröthete und sagte nur: »Ah – wirklich!«

»Hier dieser Wechsel,« fuhr Herr Morgenstern fort, »ist nun morgen fällig. Ich dachte mir, Herr Doctor ist mit Geschäften überladen, da übersieht man ein Datum leicht. Ich dachte mir, Du gehst heute zum Herrn Doctor und rufst ihm diesen kleinen Posten – 10-000 Gulden – in das Gedächtniß zurück. Es wird ihm angenehm sein.«

Es schien zwar dem Doctor durchaus nicht angenehm zu sein. Er antwortete hochmüthig und gereizt: »Ich danke Ihnen, mein Herr. Sie haben sich unnütz herbemüht, ich vergesse meine Termine nie. Daß Rosenbaum den Wechsel weiter begeben, wußte ich allerdings nicht. Das ändert an der Sache jedoch nichts. Ob Morgenstern, ob Rosenbaum, ist gleichgültig.« Dabei stand er auf, ruhig und imposant.

Der Fremde war ganz erschrocken. »Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. Aber zuweilen.... ich dachte«... Der arme Mann war sehr verlegen, was den Doctor nur noch kühler und vornehmer machte.

Kaum war jedoch Herr Morgenstern fort, so änderte sich die vornehme Haltung des Doctors. Er fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und begann wie toll im Zimmer auf und ab zu gehen. »Das ist eine Schweinerei! Wie kommt dieser Rosenbaum dazu, den Wechsel weiter zu begeben? Dieser räudige Wucherer! Ich hatte sicher darauf gerechnet, ihn zu prolongiren. Aber was dieser Morgenstern bedeutet, weiß ich. Wo soll das Geld denn herkommen? Nun – Herr Rosenbaum, warten Sie, ich werde für Sie schon einen kleinen Wucherprozeß ausfindig machen.« – Aber das Geld? Er konnte wohl wieder eine kleine Anleihe bei den Waisengeldern machen, die er verwaltete. Ja, wo sollte das Geld denn auch anders bis morgen beschafft werden? Fatal war es immerhin. Die Abgabe des Rechenschaftsberichts, die Sitzung stand vor der Thüre. »Nun – bis dahin wird sich etwas finden. Jesus – dieser Rosenbaum!« – – Schwer warf er sich wieder auf die Couchette und schloß die Augen. Ein wenig Schlaf wird jetzt wohlthun. Wie hübsch das Kind singt und schläfrig sang er mit: »O! Blume – weiße Blume! Kannst Du dies Lied verstehn?« – – –

Er war eben im Begriff einzuschlafen, als das Knarren der Thüre ihn wieder weckte; da stand Joseph und hielt einen Brief.

»Teufel! kann man denn auch am Sonntag nicht seine Ruhe haben,« fuhr der Doctor auf.

»Er bittet um Antwort,« berichtete Joseph.

Das auch noch! Aergerlich öffnete der Doctor den Brief mit einem Riß durch das ganze Couvert. »Wer schreibt denn? F. Benze. Was will denn der?« Nachlässig überlief er die Zeilen. »- – Ernster Schritt – – – ich habe mich bis in die geheimsten Tiefen des Herzens geprüft – – große, ernste Meinung. – – Günstige Lebensstellung.« Der Doctor rieb sich die Augen. Was war das... Unzweifelhaft – – der junge Mann hielt um Gisela an. »Das ist eine schöne Geschichte!« Er stürmte in den Salon hinaus.

»Mathilde – Mathilde!«

Ruhig schaute Frau Zweigeld von ihrem Bibelcommentar auf. »Nun? Ist der Wagen schon da?«

»Ach was! lies hier,« rief er und hielt seiner Frau den Brief hin – konnte es jedoch nicht erwarten, bis sie ihn gelesen. »Er hält um Gisela an. Da haben wir die Bescheerung.«

Frau Zweigeld las den Brief aufmerksam und, wie es ihrem Gatten schien, sehr langsam durch.

»Er spricht von auskömmlicher Stellung,« sagte er aufgeregt. »Von seinem Vater erhält er, wie ich höre, 1500 Gulden. Das ist wenig. Nun, und seine Einnahmen? Sehr glänzend ist die Partie jedenfalls nicht.

Frau Zweigeld faltete den Brief zusammen und sah so ernst vor sich hin, daß ihr Gatte verlegen wurde.

»So sag doch Deine Meinung.«

»Die Geldfrage ist hier wohl nicht so schwerwiegend,« erwiderte sie und zog die Augenbrauen ein wenig empor; ein Zeichen, daß sie mit ihrem Gatten nicht zufrieden war. »Wir sind, denke ich, in der Lage, unserem einzigen Kinde genügende Mittel zu bieten, um einen standesgemäßen Haushalt zu gründen.«

»Gewiß, gewiß!« meinte Herr Zweigeld verwirrt, »aber die Zeiten sind schlecht – man weiß nicht...«

»Die Hauptsache ist,« fuhr Frau Zweigeld fort; »was das Kind dazu sagt.«

»Die Hauptsache!« der Doktor lachte. »Ich denke, die Meinung der Eltern geht vor. Das ist doch so Comment in diesen Affairen.«

»Ja – hast Du denn etwas gegen Benze?«

»Nein, das sag' ich nicht. Uebrigens muß das Kind gewiß gefragt werden.«

»Nun also!« Seufzend erhob sich Frau Zweigeld und beide gingen an die Thüre von Gisela's Zimmer und horchten. Gisela sang nicht mehr, sondern spielte nur leise mit einer Hand die Melodie des Liedes – klagend und langsam.

– »Das arme Kind!« flüsterte Frau Zweigeld und ihre Mundwinkel zuckten. »Da sitzt es jetzt so still und weiß von Nichts, und wir sollen hinein und ihm all' die Aufregung und Unruhe bringen; ein neues, vielleicht dunkles Schicksal!«

Der Doctor sah seine Gattin bewundernd an. »Wo sie nur, bei jeder Gelegenheit, die hübschen, würdigen Worte hernimmt, die jeder Lebenslage Schwung geben?« dachte er. Dabei fiel ihm ein, daß sein Anzug vom Mittagsschlafe her noch in Unordnung sein müßte, was zu der Situation nicht stimmte. Er eilte zum Spiegel, um das zurecht zu stellen. Als er damit fertig war, hatte seine Frau sich schon zu Gisela begeben und die Thüre hinter sich geschlossen. »- Hm – das hat Eile!« brummte er enttäuscht. Uebrigens war es ihm auch so recht; die Frauenzimmer mögen sich aussprechen und er konnte später seinen väterlichen Segen ertheilen. Im Zimmer auf und ab gehend, überlegte er sich den Wortlaut dieses Segens. Da fiel ihm etwas Wichtiges ein. Er klingelte nach Joseph und befahl diesem, sofort einige Flaschen Champagner zu besorgen – Röderer – natürlich.

Unterdessen trat Frau Zweigeld leise an das Clavier und legte ihrer Tochter sanft beide Hände auf die Schulter.

»Fahren wir schon?« fragte Gisela.

»Nein,« sagte Frau Zweigeld und in diesem »Nein« mußte etwas Besonderes gelegen haben, denn Gisela schaute verwundert auf.

»Ist etwas geschehen – Mama?«

»Geschehen – mein Kind? Ja – es ist etwas geschehen – etwas – was Dich betrifft.«

Jetzt bemerkte Gisela den Brief; erröthete und die Hände, mit denen sie nach den Händen der Mutter griff, waren kalt. Beide schwiegen eine Weile – erregt und ein wenig unsicher, was jetzt zu thun sei. Gisela hörte, wie ihr Vater im Nebenzimmer auf und ab ging... wie der Canarianvogel im Fenster leise zu schlagen begann.

»Komm,« sagte Frau Zweigeld und zog ihre Tochter zum Sopha hin. Gisela kniete zu ihrer Mutter nieder, das Gesicht halb zum Weinen, halb zu einem Lächeln verzogen. »Ja, es ist etwas geschehen – etwas – das Dich – nah betrifft. Der Dr. Benze schreibt an den Vater; er hält um Deine Hand an... Bedenke, liebes Kind, was das heißt. Der Vater und ich wollen Dich in keiner Weise beeinflußen...«

Gisela verbarg ihr Gesicht in den Schooß ihrer Mutter und sagte leise: »Ja – ja – Mama.«

»Ja!« wiederholte Frau Zweigeld erstaunt und ein wenig gereizt. »Was denn ja?« Gisela wollte ihr Gesicht jedoch nicht erheben, sondern nickte nur im Schooß ihrer Mutter, bis diese streng versetzte: »Liebes Kind, Du kannst unmöglich schon entschieden haben. Ich habe Dich wohl nicht recht verstanden. Es handelt sich hier um den entscheidensten Schritt Deines Lebens,... es handelt sich darum, Dein Elternhaus zu verlassen und Dein Leben an einen Mann zu binden, den Du verhältnißmäßig noch wenig kennst. Bedenke mit voller Fassung Deines Geistes diesen Schritt, mein...« Jetzt begann Gisela zu weinen und zu schluchzen, so daß ihr ganzer Körper bebte.

»Aber, Kind!« Frau Zweigeld wurde ungeduldig. »Was sollen diese Thränen? Dazu ist keine Veranlassung da. Komm', setze Dich neben mich. Der Vater und ich haben Nichts gegen den Dr. Benze; im Gegentheil! Nur wünsche ich, daß Du die Sache gründlich Dir überlegst.«

Gisela mußte sich erheben und neben ihrer Mutter Platz nehmen. Da saß sie denn und sagte kläglich: »Ich will bei Dir und dem Papa bleiben.«

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