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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Die socialdemokratische Gesellschaft vor dem Café wurde zerstreut und unruhig. Rotter sprang auf; er hatte der Pepi versprochen, noch einen Gang mit ihr zu machen. »Auf Wiedersehen im »Auge«. –

»Ich begleite Dich ein Stück,« rief Oberwimmer.

Auch Branisch legte sein Abendblatt fort, griff an seinen Hut und verlor sich in der Menge. So verschwand er jeden Abend; Niemand wußte, was er trieb.

»Trinken Sie heute bei mir Thee, Doctor?« fragte Amalie Remder und blickte Klumpf plötzlich mit ihren großen Augen ernst und böse an.

»Nein, liebe Freundin,« erwiderte Klumpf ruhig und freundlich. »Ich gehe in das Theater an der Wien. Aber kommen Sie heute denn nicht in das Gasthaus? Die Genossen werden dort sein.« –

»Ach nein! Es ist besser, der Vater geht heute nicht mehr aus,« und ihr Mund verzog sich ein wenig schief, als lächele sie höhnisch. »Uebrigens, wenn Sie in das Theater wollen, so ist's Zeit.«

»Ja, Sie sind meine Vorsehung, liebe Freundin,« erwiderte Klumpf und entfernte sich.

Lippsen schaute ihm nach, indem er das Kinn auf den Knopf seines Spazierstocks stützte und ein Auge zukniff.

»Ich habe es nicht gewußt,« sagte Lothar, »daß Klumpf das Theater, und zumal diese Art Theater liebt. Das stimmt nicht zu ihm.«

»Je nachdem,« brummte Lippsen, »wenn ein hübsches Madl dabei ist.«

»Wieso?«

»Nun ja, das Madl, dem wir auf der Stiege zur Redaktion so häufig begegnen, ist dort Statistin. Die sieht er sich an.«

»Wie, Klumpf?«

»Was ist weiter dabei? Man kann ein noch so großer Geist und doch für solch' sauberes Frätzchen nicht unempfindlich sein. O – er hat mir einen Vortrag über das Mädchen gehalten, so – in seiner Art. Sie ist ihm gleich die Zukunftsjungfrau, die Vertreterin der Anmuth in der Gesellschaft, eine Diotima geworden, oder er will sie wenigstens zu all'dem machen. Ich würde mich freuen, wenn er es schnell zu einem gewöhnlichen, sterblichen Verhältniß brächte, denn sonst, solche wunderliche Herzen machen oft gefährliche Sprünge; obgleich wieder, wenn so eine kleine, wiener Maus an einem großen Prophetenherzen zu nagen anfängt, so weiß man auch nicht, was daraus werden kann! Ja! dem Menschenloos entgeht Keiner. Dabei hat er mit dem Mädl noch nie ein Wort gesprochen; sie soll, glaube ich, seine Liebe durch Intuition errathen.«

»Lippsen,« sagte Amalie mit rauher Stimme. »Sie haben kein Herz. Sei verstehen den Klumpf gewiß nicht. » Gute Nacht.« Mit diesen Worten ergriff sie ihre Mappe und ging fort. In dem schmalen, dunkeln Kleide, den kleinen Herrenhut auf dem Kopfe, wie sie mit großen, energischen Schritten dahinging, nahm sie sich absonderlich streng und fremd in der behaglich dahinschlendernden Menge aus.

Lippsen wollte etwas sagen, schwieg jedoch und ließ nur seinen Schnurrbart bedeutungsvoll auf seiner Oberlippe wippen; dann brach auch er auf. »Also pünktlich im Auge Gottes.« –

»Schön! Heute sind die von der Gemeinschaft da –.«

»Servus.«

Nun begann für Lothar eine wunderliche Stunde des Tages. Er wollte sich erholen, er bedurfte dessen. Die Dunkelheit war hereingebrochen. Die Spaziergänger hatten sich verzogen. In den Anlagen – wo – nur ein Baum und eine Bank war, saßen die Paare beieinander. Die Luft war noch schwül. Akazien und Linden dufteten stärker. Unruhig wanderte Lothar in den Straßen umher; setzte sich endlich im Volksgarten auf eine Bank, dem kleinen Springbrunnen gegenüber. Im Wasser, unter den wenigen Schilfstengeln, die hier angepflanzt sind, sang ein Erdkrebs stets denselben hellen, feuchten Ton vor sich hin, der hier mitten im Menschengedränge dennoch einsam und weltvergessen klang. Auf der Bank, neben Lothar, saß ein Soldat mit seinem Schatz. Sie hatten die Hände ineinander gelegt; sprachen nicht – sondern hörten dem einschläfernden, sanften Lied des Wasserthieres zu. »Komm',« sagte endlich das Mädchen. Sie erhoben sich, grüßten und verschwanden in der Finsterniß der Allee.

»Hat einer ein Mädchen neben sich, so genügt das wohl, stilldazusitzen, die warmen Mädchenhände zu halten und die Geborgenheit, die uns aus solch warmer Nähe fließt, einzuathmen. Was das Eine dem Andern zu sagen hat, ist so einfach, daß es wohl auch das sachte Fiebern der Handfläche, oder ein Blick thut, und darum ist es der Friede. Man ist zu zweien; nur mit seinem Mädchen ist man zu zweien, weil man das Andere fühlt; sonst ist ein jeder doch allein! Gott, die Narren, welche die Sinnlichkeit, das einfache Nehmen und Fühlen seines Mädchens nicht verstehen und deshalb verachten. Darin liegt mehr und wohl auch Schöneres, als in allem Gerede!« Lothar seufzte. »Stets an die Zukunft denken, über den Staat spotten, tiefe Gedanken anhören, macht müde. Auf eine Stunde wenigstens sehnte er sich nach jenem einfachen, das auch nur durch einen Händedruck gesagt werden kann und tiefer sein sollte als manches Gerede. Und dann dachte er plötzlich an Tini, da ihm nichts Besseres einfiel.

Im Wirthshausgarten zum »Auge Gottes« in der Leimgrubengasse fanden sich, so lange die Jahreszeit es erlaubte, die Genossen allabendlich an dem langen Tisch unter der Veranda zusammen.

Wie ein enges, nicht helles Zimmer, sah dieser Garten aus mit seinen blauüberdeckten Tischen und den zwei alten Linden, deren fahle Blätter hier und da von den Gasflammen versengt und deren Stämme mit Anzeigen beklebt waren. Man vergaß hier, daß man sich im Freien befand und wunderte sich, emporblickend, ein Stück sternbestreuten Nachthimmels zu sehen.

Außer von den Genossen, wurde das Local von den kleinen Kaufleuten, Hausbesitzern und Beamten der Umgegend besucht; ruhige, ehrliche Leute, die mit der Socialisirung der Gesellschaft nichts zu thun hatten, noch haben wollten. Dennoch waren sie alle stolz auf ihren Socialdemokraten-Tisch; sie kannten die Namen, besprachen jede neue Erscheinung. Dieser Tisch, an dem leise und bedeutungsvoll gesprochen wurde, erregte ein geheimnißvolles und unheimliches Interesse in der nüchternen Runde der Stammtische und die Spießbürger genossen es wohlgefällig zum Glase Pilsener.

Lemke, Kehlmann und Tost befanden sich heute auch in der »Zukunftsgesellschaft«. Branisch hatte es klug gefunden, diese Leute mehr heranzuziehen, und hatte ein leidliches Verhältniß mit ihnen herzustellen gewußt. Gleich als Lothar an den Tische herantrat, merkte er, daß etwas Besonderes vorgefallen war. Man sprach leise und erregt. Rotter war sehr roth im Gesicht und schlug mit der Hand auf den Tisch. Oberwimmer klammerte sich an Tost's Rockaufschlag und flüsterte eifrig. Als Lothar sich setzte, ward ihm sogleich mitgetheilt: »Mit den Bäckern ist's aus!«

Wie? Was war geschehen? –

Lippsen hatte die Nachricht gebracht. »Ja, das muß man mitangesehen haben,« berichtete er und rollte zornig seine großen Hummeraugen, »wie die armen, schmutzigen Kerle, übernächtig, angetrunken auf der Gasse herumlungern und warten, ob die da oben es nicht endlich satt haben, ohne Bäcker auszukommen, warten, ob sie's bald durchgesetzt haben werden; – noch ein wenig aushalten, dann haben wir, was wir wollen.« Und plötzlich – trapp – trapp – all' diese blauen Jungen in Reih' und Glied, blank und gut genährt; und die Straßenbuben marschieren voraus und schreien: Die Militärbäcker sind da! Das muß man gesehen haben, um zu fühlen, wie's den armen Schelmen zu Muthe war. Hätte in jenem Augenblick einer nur die Courage gehabt anzufangen, ich weiß nicht, was geschehen wäre; der Haß stand deutlich genug auf diesen bleichen Gesichtern geschrieben. Der Rocher hat das auch gefühlt; er sagte zu einem der Bäckerbuben: »Wenn wir jetzt auf sie losgingen!« Aber nein! Die armen Narren sind zu verhungert, zu schwach; diese reinliche, blanke Staatsgewalt scheint ihnen unüberwindlich. Sie drückten sich die Wände entlang, ich sah es wohl; jetzt thun sie, was die da oben wollen. Gegen dieses Trapp-trapp halten sie nicht Stand. Verflucht!«

Oberwimmer lachte bitter. »Ja, sie vergessen diesen Ton zuweilen und versuchen es, sich mit denen dort oben einzulassen; aber beim ersten Trapp-trapp sind sie wieder in ihren Löchern.«

»Das wollen wir sehen!« schnarrte Lemke und riß seinen Schnurrbart in die Höhe.

»Doch!« sagte Lothar traurig; er dachte an Walke, »sobald einer sich ein wenig aufrichten will, stößt er an dieses unerbittliche harte Oben. Wie in einem unterirdischen Gange; man geht gebückt dahin, bis der Rücken schmerzt, man muß sich aufrichten, man erträgt es nicht länger – und versucht man's – bums, stößt man mit dem Scheitel an die Steinwand, so daß man sich schnell wieder bückt. So geht's den armen Leuten!«

»Hat einer einen sehr harten Schädel, so geht's vielleicht doch,« bemerkte Lippsen ruhig.

Da ergriff, zu Lemke's Unzufriedenheit, Tost das Wort. Auf seinen schlecht genährten Körper wirkte schon ein Glas Bier aufregend. Auf den grauweißen Wangen zeigten sich runde, rothe Flecken, seine Augen waren blank und er lachte viel. »Ein Schädel ist vielleicht nicht das rechte Instrument. Man sprengt solche Würde mit anderen Mitteln – haha!«

»Solche Vorfälle sind ganz normal,« überschrie ihn Kehlmann. »Bei einer Krankheit wird der Körper auch nicht mit einem Mal ganz ergriffen, zuerst kommen kleine Anfälle, Symptome – was weiß ich – bis dann die Krankheit Kraft gewinnt und den Körper auflöst. Und auflösen muß er ihn.«

»Ich weiß das doch nicht,« erwiderte Klumpf mit seinem sanft spöttischen Lächeln. »Ich kann diesen Körper krank nicht gebrauchen, er soll im Gegentheil gesunden – – und ich möchte schon bei den kleinen Anfällen zu kuriren anfangen.« Tost konnte darüber nur rauh und höhnisch lachen; Kehlmann aber verzog fürchterlich seine kranke Lippe und seine Worte überstürzten sich, als wäre dieser schiefe Mund zu eng, sie alle herauszulassen. »Um diese Ansicht zu theilen, müßte man blind sein. Gesunden! lächerlich! als ob das möglich wäre! Sehen Sie sich doch ein wenig um; merken Sie nicht, wie das alles fiebert, fault, krank ist? Warten Sie nur, wenn Sie's nicht glauben, sprechen wir uns in einigen Tagen.«

»Kehlmann!« donnerte Lemke, roth vor Zorn.

Kehlmann war ungewöhnlich aufgeregt; lachte hysterisch, sodaß die übrigen Tischgenossen verlegen schwiegen. Nur Oberwimmer fragte leise: »Wie so? Was wird geschehen?«

»Es ist wohl Zeit,« meinte Lemke dann, »daß ich den Kehlmann nach Hause bringe. Hier können wir ohnehin nur in Bildern reden. Sparen wir uns das auf. Ich habe mit Dr. Klumpf schon eine bessere Gelegenheit, diese Fragen auszufechten, verabredet. Komm, Kehlmann! Auf Wiedersehen.«

Die Anderen gingen. Nur Oberwimmer und Tost blieben und bestellten sich noch einen halben Liter Wein.

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