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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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IX.

Die Morgenstunden in der Redaktion waren für Lothar die Zeit der Ruhe und Sammlung. Der Raum still und dämmerig; von nebenan vernahm er Lini's eintönige Stimme, die der Frau Fliege den Roman aus dem Extrablatt vorlas; der Lärm der Straße, sich im engen Lichthof fangend, drang wunderlich gedämpft, wie durch ein Rohr, hinauf. Lothar schrieb, las und rauchte. Wenn er sich mit ganzer Seele in seine Arbeit vertiefte, erschien es ihm, als nähme der Zukunftsstaat, der still und siegfest an die Stelle des Alten treten sollte, wirklich greifbare Gestalt an. Jeden Morgen berauschte er sich an diesen – Visionen.

Gegen elf Uhr ward es unruhig in der Redaktion; die anderen kamen. Oberwimmer war der Erste. Schon im Vorzimmer ließ er seine hohe, muntere Stimme vernehmen: »Die Ehre, Frau Fliege! Ah! der Roman. Nun, haben Sie schon den Mörder der schönen Mechthilde entdeckt? Nicht? Ach! glauben Sie's mir, sie ist nicht ganz todt. Das thut das Extrablatt nicht, daß es ein so schönes Mädl ermorden läßt, die lebt wieder auf!« Dann trat er zu Lothar ein, sehr hübsch, mit seinen rosa Mädchenwangen. »Servus! Was giebt's? Was hast Du fertig?« und er stöberte in den Papieren umher; las Alles, machte sich Notizen, erzählte, fragte, – rittlings auf einem Stuhl sitzend. Er lachte über Alles und bewunderte Alles. »Das hast Du gut gemacht. Sehr schön! Wo nimmst Du das nur her?« Der war auch Einer, der nie verzweifelte, der den Sieg der Sache für selbstverständlich hielt; das thut wohl.

Rotter erschien mit seiner Aktenmappe unter dem Arm, von den Gerichten kommend, heiß von Entrüstung über Alles, was er dort erlebt hatte.

Auch die anderen fanden sich ein: Lippsen, Feitinger. Alle sprachen zu gleicher Zeit, saßen auf den Tischen und Fensterbänken umher; die Luft war dick von Cigarrendampf.... und dann plötzlich flog alles auseinander, fort, zur Mittagsmahlzeit.

Das Redaktionszimmer blieb ungeordnet zurück, als wäre hier eine Schlacht geliefert worden; die Stühle waren schief in das Zimmer gerückt, einige umgestürzt; der Fußboden mit Cigarrenstummeln und zerrissenen Briefen übersäet; die Tische waren wüst mit Papieren, Büchern, Sodaflaschen und Gläsern bedeckt, und oben von der Decke, im blauen Tabaksqualm, hing die Lampe mit ihrem großen, angeräucherten Schirm herab, wie ein grüner Raubvogel, der sich auf dieses Schlachtfeld niederlassen will.

Lautlos, auf Filzschuhen, schlich dann Frau Fliege in das Gemach und ordnete. Sie trug ihre horneingefaßte Brille, und sie las Alles, die liegengebliebenen Briefe und Schriftstücke; die über den Fußboden verstreuten Papierfetzen sammelte sie und steckte sie sorgfältig in die Tasche. –

Den übrigen Theil des Tages ging Lothar seinen Geschäften nach. Er hatte viel zu thun, das war es, was ihn befriedigte; er brauchte nie mehr mit dem schläfrigmüden Gefühl eines unnützen Menschen sich zu fragen.... was jetzt beginnen? Er mußte endlose Wanderungen durch das glühende, mit hartem Sonnenlicht gefüllte Wien machen. So ging er in die Margarethen-Vorstadt hinaus, um einen Arbeiter zu besuchen, der sich in einer Versammlung hatte hinreißen lassen, leidenschaftliche Reden zu halten und dem Polizei-Commissär Gehorsam zu versagen. Für dieses Vergehen war er zu einigen Wochen Gefängniß verurtheilt worden und befand sich in großer Noth.

Um diese Zeit war der Verkehr in der Margarethen-Straße nur schwach. Schusterbuben und Geschäftsleute stahlen sich an den Häusern hin, Hunde lagen mitten auf dem Trottoir, so matt, daß die Vorübergehenden über sie hinwegsteigen mußten; den Trödlerläden, in denen die alten Sachen glühten und kochten, entströmte ein fader Staubgeruch und die Verkäuferinnen schlummerten hinter ihren Ladentischen. In der Hundsthurmstraße, in die Lothar nun einbog, ward gebaut. Die Straße war mit morschen Brettern verlegt; aus großen Schutthaufen erhoben sich Staubsäulen wie Rauch. Auf ihren Gerüsten standen die Arbeiter von Kalk befleckt, wie weißbemalte Statuen sich gegen den hartblauen Himmel abhebend. Unten schleppten Weiber die Kalkeimer heran; in mißfarbene Röcke gekleidet, die schmutzigen Tragpolster auf dem Kopf, gehörten sie in dieses Chaos von Brettern, Schutt und Kalk hinein; der Vorübergehende streifte sie, ohne sie zu bemerken; und lachte eine oder schimpfte sie, so war man verwundert, daß diese staubigen Sachen auch zu leben begannen.

Weiter fort erhoben sich mächtige Fabrikgebäude. Lothar konnte durch die Fenster der Untergeschosse die riesigen schwarzen Arme der Maschinen sich regen sehen; russige, halbnackte Menschen gingen zwischen ihnen hin und her. Ein Pusten und Zischen und eine heiße Luft voll von Oel- und Kohlengerüchen drang heraus, der unreine Athem dieses schwitzenden, stöhnenden Ungeheuers dort unten.

Lothar's Ziel war eine alte Zinskaserne. Immer wieder war ein Ausbau, ein neuer Flügel, ein Stockwerk diesem baufälligen Gebäude hinzugefügt worden, daß es aussah, wie jene alten Storchnester, wo der Storch jedes Jahr auf das alte Nest ein neues baut.

Lothar irrte in den unsauberen Höfen umher. Auf den Holzstiegen mit den wackeligen Geländern, in den kleinen Wohnungen wimmelte es von Kindern und Frauen; die Außenthüren standen alle offen, weil die Leute in den engen Räumen erstickten. Ueberall die graugelbe Farblosigkeit, wie sie altes Holz und alte Lumpen haben, überall fiel das Licht durch blinde Scheiben auf bleiche Gesichter.

»Franz Walke, wohnt er hier?« erkundigte sich Lothar und ward immer weiter verwiesen. Endlich fand er ihn.

Wieder eine Stube voll trüben, staubigen Lichtes und voll farbloser, grauer Gegenstände; und trug hier und da ein Gegenstand eine hellere Farbe, wie das roth und weiße Ueberbett, das blaue Tuch dort auf dem Stuhl, so schienen diese Farben sterben zu wollen, so welk und blaß waren sie. Franz Walke saß an seinem Tisch, ein Glas mit einem Weinrest darin, vor sich, den Kopf in die Hände gestützt. Im Bett lag seine kranke Frau; auf dem Fußboden spielte ein siebenjähriges Mädchen mit seiner Puppe. Der Arbeiter begrüßte Lothar mit einem leisen: »Die Ehre,« ohne seine Stellung zu verändern, als wunderte er sich nicht über diesen Besuch und erwartete auch nichts von ihm. Das Gesicht des Mannes, über das die bräunliche, blanke Haut so knapp gezogen war, daß es schien, als müsse sie an den scharfen Backen- und Augenknochen reißen, drückte nur schläfrige Abspannung aus.

»Guter Freund,« begann Lothar. »Ich komme vom Dr. Klumpf. Wir haben von Ihnen gehört und würden Ihnen gerne helfen. Für seine Ueberzeugungen zu leiden, das muß man ertragen können; aber wir möchten es den Genossen erleichtern. Zusammenstehen in solchem Falle, ist unser erster Grundsatz.«

Der Mann verzog den struppigen Schnurrbart zu einer Art Lachen, die nicht freundlich war.

»Seien Sie unbesorgt, für Ihre Familie wird in der Zeit Ihrer Abwesenheit gesorgt werden; Sie müssen morgen bei uns vorsprechen. Ihre Frau ist krank; das Fräulein Remder wird sie besuchen. Nur den Kopf oben behalten, lieber Freund. Sie stehen nicht allein. Entschließen wir uns, denen oben die Wahrheit zu sagen, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie nicht eben freundlich antworten; noch haben sie die Macht....«

....»Und wissen's, Herr?« begann der Mann plötzlich und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wissen's, daß ich ein Narr gewesen bin? Ja, ein Narr. Hätt' ich keinen Rausch gehabt, so hätt' ich's nimmer gesagt. Der Marbe aber hat mir zugeredet und hat Wein geben lassen; da hab' ich mich nimmer ausgekannt; der Commissär hat schreien können, wie viel er gewollt, ich hab' nur so drauf losgesprochen. Ja und nun... ha – ha... Wozu habe ich das Alles denn zu sagen gebraucht? Wem hat's geholfen? Ein Narr bin ich gewesen. Jetzt stecken sie mich ein, nachher kündigt mir die Fabrik. Mir ist's besser ergangen, als den anderen allen; ich hab' mein Auskommen gehabt. Warum reden die Anderen nicht?... Ich mußte der Dumme sein! Solche Herren wie Sie, die können reden, denen kostet's nichts, aber unsereins soll das Maul halten.... Ein Narr bin ich gewesen.«

Von der Ecke aus dem Bette verlautete eine hohe, heisere Stimme: »Ich hab's Dir gleich gesagt, Du sollst nicht hingehen.«

»Schweig'!« donnerte Walke und schlug wieder auf den Tisch, daß das Glas klirrte.

Vom Bette her ertönte ein tiefer Seufzer herüber, und Lothar sah, wie der Kopf der Kranken in der weißen Nachthaube sachte und ruhelos auf dem Polster hin und herrollte. Lothar fühlte sich von Traurigkeit und Muthlosigkeit ergriffen. Er wußte wohl, was er vorzubringen hatte: Die Lehre... aber sie erschien ihm jetzt so kühl und leer – gegen die rohe Kraft dieses gegenwärtigen Unglückes; doch – mit leiser Stimme begann er zu sagen, was er zu sagen hatte. Walke hatte Recht. Ein aussichtsloses Entgegentreten nützt nichts; man muß seine Entrüstung niederhalten, ausharren, zusammenstehen, in der Stille wirken. Erst, wenn die Partei sich stark genug fühlt, darf sie hervortreten und wird der Sieg ihr gehören. Unnütze Opfer müssen vermieden werden... Schweigend hörte der Mann zu. Die Kranke seufzte zuweilen und rollte ihren Kopf ruhelos hin und her.... und ein leises Wispern begleitete ständig Lothars Vortrag; es war das Kind, welches mit seiner Puppe spielte; ein mageres, halbnacktes kleines Mädchen, dessen gelbweißes Gesichtchen und durchsichtige, graue Augen einen unkindlichen Ausdruck ruhiger Erfahrung, kummervollen Verständnisses trugen. Sie spielte das Wochenbett ihrer Puppe, eines unreinlichen Pappscheusals mit nur einem Auge. In Lumpen gehüllt lag sie in einem Holzkasten, neben ihr ein unkenntliches Ding aus Lumpen als Kind. Das Mädchen sprach ununterbrochen auf die Puppe ein, während ein Sonnenstrahl durch die trüben Scheiben fallend ein wenig zitterndes, schmutziges Gold in die Ecken streute, das dünne, bleiche Beinchen des Mädchens und das garstige Gesicht der einäugigen Wöchnerin beschien.

»Drum guten Muth,« schloß Lothar mit dem schmerzlichen Gefühl, daß seine Worte hier keinen Trost brachten. »Es muß ja besser kommen, kommen Sie morgen zu uns.«

Walke lachte wieder sein unerfreuliches Lachen. »Schön Dank; werden schon kommen. Was einmal sein wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, besser wär's gewesen, wenn's so geblieben wär', wie's war und ich das Maul gehalten hätt'! Hab' die Ehre – Herr!«

Als Lothar die Familie verließ, zerrte er nachdenklich und mißmuthig an seinem rothen Schnurrbart. In dem Evangelium, das er dort oben vorgebracht, mußte doch ein Fehler sein, weil es in dieser elenden, armen Stube ihm selbst so hohl geklungen... jedoch er tröstete sich; Klumpf »Die Episteme« – fehlte, die mußte man den Leuten bringen. –

Er ging in die Mariahilfer-Vorstadt hinüber, und Rotter zu treffen; dann war eine Schusterversammlung, die er besuchen wollte; endlich mußte er nach den Bäckern sehen... so ging es hin, bis das Abendlicht in den Straßen roth aufleuchtete. Dieses war die Stunde, in der sich die Genossen vor dem Café an der Elisabethbrücke versammelten. Die ganze Redaktion fand sich ein, selbst Amalie Remder kam mit ihrer Musikmappe von ihren Unterrichtsstunden in der Stadt. Man war müde von der Hitze der Arbeit des Tages; ein jeder vertiefte sich in sein Abendblatt und warf nur kurze Bemerkungen hin, die alle sofort verstanden, als Leute, die den Gang ihrer Gedanken kennen.

Um sie war das Leben der Stadt lärmend geworden; Kopf an Kopf strömten die Menschen über die Brücke. Die Mädchen, mit der linken Hand leicht ihr Kleid fassend, die Rechte im Arm des Geliebten. Nähterinnen und Ladenmädchen mit ihren weißen Pappschachteln, Arbeiter, Ladendiener; in dem rosenrothen Abendlicht, das allmälig einem durchsichtigen Grau wich, athmete Wien in seiner traulichen, verliebten Weise von der Last des Tages auf. Ueber der Kuppel der Karlskirchen hingen schon einige blasse Sterne und auf der Straße leuchteten die Gasflammen auf – noch matt und weißlich.

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