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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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Langsam dahinschlendernd, ging er der Stadt zu. Das war wieder diese heiße, glitzernde Sonntagsluft, die ihm stets so wohl that. Die Sonne brannte auf den schwarzen Sonntagsrock nieder, der blanke Staatshut drückte die Stirn,.... ringsum eilige, erhitzte Menschen,... und Nichts, Nichts zu thun, als vergnügt zu sein. – In dieser Festluft, durch diese Vergnügungshast ohne Geld in der Tasche einhergehen zu müssen, das ist die Hölle auf Erden! Auf dem Stephansplatz da blieb er stehen und dachte nach: Sollte er zum hohen Markt hinaufbiegen? Nein – nein! Er wollte den Quai entlang gehen; er mußte auch etwas genießen, bevor er einen Entschluß faßte. Erleichtert schritt er weiter. Das Schreckliche war wenigstens um ein Geringes hinausgeschoben. In den Alleen an der Donau musterte er die sonntäglichen Dienstmägde; lehnte sich an einen Baum und rauchte eine Cigarrette, dann ging er in das Gartencafé des Hôtel Metropole. Wie hübsch es hier war! Auf dem Donauufer lagen halbnackte Buben und rauchten Cigarrenstummel; Arbeiter saßen dort, die Hände um die Knie geschlungen und schauten schläfrig den Fluß hinab. Aus dem Grün der Büsche leuchtete der rothe Rock einer Iglauerin, die blaue Hose eines Soldaten hervor. Unten auf dem Wasser lag das kleine Dampfschiff, dessen Abfahrtsglocke eifrig in das gleichmäßige Summen hineinläutete, welches sich die Ufer entlang zog. Und über all' das bunte Treiben legten die Bäume ihren Schatten; unten aber, im vollen Sonnenglanze, lag die Donau, ein breites blendendes Lichtband.

Es mußte gut thun, hier zu sitzen, wenn man ein leichtes Herz hat. Nächstens, wenn alles Unangenehme vorüber sein würde, beschloß Leopold hier seinen Sonntag zu beginnen. Heute zwar war es etwas anderes, heute hatte er noch schwere Arbeit vor. Daß er Geld haben mußte, stand fest. Es wird sich wieder gut machen lassen; er wird irgendwie Geld verdienen. »Kellner zahlen!« Vorsichtig legte er den Ueberzieher über den Arm und eilte fort.

Der hohe Markt lag öde und gelb von Sonnenschein vor ihm. Einige Weiber, die Obst verkauften, drängten sich unter dem Thorwege des Rathhauses zusammen; zwei Buben spielten am Brunnen. Leopold zögerte. Er scheute sich über diesen großen hellen Platz hinüber zu gehen. Ihm gegenüber öffnete sich das schwarze Loch der Judengasse. Dort rührte und regte es sich im tiefen Schatten. Ein breitschultriger Mann trat auf den Platz hinaus, den eingedrückten Hut tief auf das Gesicht herabgezogen. Er trug einen rothen Bart und einen langen, grüngrauen Rock. Mit der Hand schirmte er die Augen und sah zu Leopold hinüber, als erwartete er ihn.

»Ich kann's nicht thun!« sagte sich Leopold, und doch, in demselben Augenblick, begann er schon zu gehen, gerade auf den Mann dort an der Ecke zu.

»Haben Sie was?« fragte dieser.

»Ja.« –

»Zeigen Sie her.« Der Mann ging voran die Judengasse entlang, bog rechts in einen Hof ein und blieb stehen: »Zeigen Sie.«

Leopold holte seine Shawls hervor und reichte dem Mann das Packet ungeöffnet. Dieser untersuchte die Waare genau – – eine Ewigkeit, wie es Leopold schien. Nicht weit von ihnen saß eine unreinliche Frau auf den Steinstufen einer Treppe und säugte ihr Kind; auf der anderen Seite hockten zwei schwarzhaarige Buben auf dem Boden und ließen ein Papierschiffchen die Gosse hinabschwimmen. Gott! – wie traurig, wie häßlich war das Alles! Würde er je wieder hinauskommen in die reinliche Welt?

»Was verlangen Sie?« fragte der Mann und schaute Leopold mit seinen blanken, syrupbraunen Augen forschend an.

»Vierzig –« versetzte Leopold leise.

Der Mann lachte. »Vierzig! Zehn – fünfzehn geb' ich.«

»Gehen Sie!« rief Leopold; er hätte den Juden schlagen mögen. »Glauben Sie vielleicht, ich hab's gestohlen? Ich brauche Geld, darum verkauf' ich's.«

»Schon gut,« meinte der Andere, »warten Sie hier, hier können Sie ruhig warten.«

Leopold blieb allein. Ein dumpfes, stumpfes Gefühl der Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Was kam es jetzt darauf an, er saß ja doch bis zum Halse im Schlamm. Das Schiffchen in der Gosse wollte nicht weiter schwimmen, es scheiterte an einer Zwiebel, die dort faulte. Der Säugling begann leise zu wimmern; ein Sonnenstrahl drang durch irgend einen Spalt in die Dämmerung des Hofes und hing einen lustigen Goldflitter an die röthliche Perrücke der Jüdin. Wie fern lag das sonnige, geputzte Wien, wie unendlich fern die helle Gestalt der Mietzi! Wüßte sie, wo ihr Poldl jetzt stand; was er um sie litt!

Der Mann kehrte, von einem zweiten begleitet, zurück, einem kohlschwarzen Juden, der etwas besseres zu sein schien, denn er trug ein Jaquet und eine goldene Cravattennadel. »Sie haben seidene Tücher,« schnurrte er, »zeigen Sie her. Der Preis?« –

»Ich hab' ihn schon genannt,« erwiderte Leopold mürrisch.

Der Jude zuckte die Achseln. »Vierzig Gulden – lächerlich! das werden Sie nie bekommen, junger Mann. Hier sind fünfundzwanzig Gulden. Dieses mal will ich's zahlen, damit Sie wiederkommen, wenn Sie etwas haben. Hier – nehmen Sie nur das Geld, es ist gut gezahlt.«

Leopold nahm es; und als er die schmutzigen Scheine in der Hand hielt, überlief es ihn heiß vor Freude. Jetzt war es vorüber! Jetzt war er frei! Er griff an seinen Hut und rannte davon.

Sobald er die Judengasse hinter sich hatte, mäßigte er seine Schritte und athmete tief auf. Er gehörte wieder zum feinen, reinlichen Wien, hatte keine Gemeinschaft mehr mit der finsteren Judenhöhle; nein! das wollte er vergessen; – und nun zur Mietzi!

* * *

Mietzi war allein zu Hause geblieben. Das hatte manchen Kampf und manches bittere Wort gekostet. Mietzi aber hatte bestimmt und unfreundlich erklärt: »Macht, was Ihr wollt, ich gehe nicht mit.«

Jeden Sonntag gab es beim Diurnisten Hempel unangenehme Auftritte. Der Vater und die Töchter hatten ein jeder etwas vor, wollten sich still fortschleichen; die arme Frau Hempel aber, die die Woche über unermüdlich arbeitete, den Haushalt besorgte, Kleider nähte und unablässig über die Vergnügungssucht und Verschwendung ihres Gatten und ihrer Töchter schalt, wollte am Sonntage auch ihren Theil an den Vergnügungen und Ausgaben haben. Sie drang auf eine Landpartie, konnte das jedoch nur schwer durchsetzen. Kati war heute schon vor dem Mittagessen verschwunden. Toni weigerte sich, an der Landpartie theilzunehmen. Sie hatte es einer Freundin versprochen, in den Prater zu gehen. »An diese Freundinnen glaubt kein Mensch,« höhnte die Mutter. Dennoch setzte Toni den theuren, blauen Hut auf, der ihrer Mutter ohnehin ein Aergerniß war, und zog ab. Mietzi gar wollte zu Hause bleiben, ohne Grund; sie hatte keine Lust auszugehen. »Warum? Ja, wenn ich einmal was will, dann hat keiner Lust,« grollte Frau Hempel. Die anderen wußten es wohl, warum Mietzi zu Hause blieb, der Mutter aber wurde das neue Künstlerthum ihrer Tochter sorgfältig verheimlicht, sie hätte sich entschieden dagegen aufgelehnt.

»Du hast wohl auch nicht Lust?« wandte sich Frau Hempel drohend an ihren Gatten.

»Doch – Pepi – warum nicht,« erwiderte dieser verlegen, »eine Landpartie, na weißt, vielleicht ist's heute doch zu heiß dazu.«

»Zu heiß! Gestern, vorgestern – da war's Dir nicht zu heiß. Wo warst Du da? Aber, wenn ich mal hinaus will, dann ist's gleich zu heiß.«

»Ich sag' ja nichts – Pepi. So schrei doch nicht gleich.« Herr Hempel sah wohl, heute war an kein Entrinnen zu denken.

So zogen sie denn ab; Herr Hempel einsilbig und niedergeschlagen, seine Gattin erhitzt und zornig.

Mietzi, nur mit einem rothen Unterrock und einer weißen Nachtjacke bekleidet, streckte sich in dem großen Lehnsessel des Vaters aus, legte die Füße, die in rothen Strümpfen steckten, auf einen anderen Stuhl und erwartete den Abend. Wenn sie am Abend auftreten sollte, so lag es ihr den ganzen Tag über wie Fieber im Blut; sie konnte nichts beginnen, sondern mußte stille halten und an den hellerleuchteten Theatersaal denken, an die vielen Menschen, jenes Meer runder, fleischfarbener Punkte bis an die Decke hinauf, an den heißen, schwülen Duft, halb Gas – halb Parfüm – halb Schminke, an das Knistern ihres Atlas-Anzuges, an die blanken, bewundernden Augen, die aus den Logen sie anstarrten. Das Orchester begann zu spielen, die Menschen klatschten und lärmten.... Mietzi rieb ihre Fußspitzen aneinander, schauerte in sich zusammen und blinzelte mit den Wimpern.

Es schellte. Mietzi fuhr auf. Wer konnte das sein? Sie schlich zur Thüre und schaute durch das Guckloch. Ach! der Poldl, der kam ihr recht. Dennoch fragte sie: »Wer ist's?« –

»Mach nur auf,« rief Leopold, »die anderen sind fort, sagt die Hausmeisterin.«

Mietzi schob den Riegel zurück und ging wieder, sich in ihrem Sessel auszustrecken.

Leopold trat in das Zimmer und machte eine hübsche Verbeugung: »Grüß' Dich Gott.«

Mietzi antwortete nicht, sondern sah ihn nur schläfrig an.

»Was giebt's? Du bist wohl noch nicht angekleidet?«

»Nein, wozu auch?«

»Ich dachte, wir würden mit einander ausgehen.«

»Ach! keine Idee! Bei der Hitze!«

»Bist Du krank?«

»Nein, ich erhole mich. Du weißt, heute Abend trete ich auf.«

»Ach ja, ich hab's gehört.« Leopold trat nun an Mietzi heran und küßte sie auf den Mund; sie ließ es geschehen, als merkte sie es nicht.

Er schob seinen Stuhl heran, setzte sich und zog langsam seine Handschuhe aus.

»Ich gehe auch in das Theater,« begann er feierlich.

»So,« meinte Mietzi und schloß die Augen.

»Ja –; in's Parquet.«

»Ah so!« Mietzi öffnete die Augen ein wenig und lächelte.

»Ja – und dann hol' ich Dich ab,« fuhr er zufrieden fort, »und wir gehen zum Leidinger, in ein Kabinet – weißt Du.«

Mietzi lachte jetzt. »Das wird schön! In ein chambre à part

»Teufel, chambre à part!« wiederholte Leopold und dachte, wo das Mädl die neuen Worte her hat!

Mietzi schlug jetzt voll die Augen auf, um Leopold freundlich anzusehen. »Komm, gieb mir einen Kuß, Poldl. So! nun kannst Du gehen.«

»Wie – gehn? Ich bleibe hier.«

»Geh' lieber. Du weißt, ich muß mich vorbereiten.«

»Ach, was ist da vorzubereiten!«

»Gewiß!« meinte Mietzi gereizt, »glaubst Du, ich will heute Abend aussehen, wie eine Vogelscheuche? Thue, was Du willst; ich schlafe.« Sie kreuzte die Arme über der Brust und schloß die Augen.

Leopold blieb neben ihr sitzen.

Ein mal sagte sie noch: »Weißt, Poldl, diese langen, blauen Seidenstrümpfe; führt Ihr die auch im Geschäft?«

»Strümpfe? Nein, die führen wir nicht.«

»Schön sind die; bis über das Knie. Die mögen theuer sein.«

»Das will ich meinen!« erwiderte Leopold und seufzte.

Dann schwiegen beide. Mietzi schien wirklich zu schlafen und Leopold sah sie unverwandt an.

»Um ein solches Mädl,« dachte er, »kann man schon viel leiden; kann man zu... zu allem – Möglichen werden!«

In dem großen, schwarzen Sorgenstuhl sah Mietzi sehr licht und kindlich aus. Das runde Gesichtchen ruhte ein wenig schief auf einer Seitenlehne und war über und über rosig. Die kurze Stirn hing voll Löckchen, die so hell waren, daß sie fast grau schienen. Die Augen waren geschlossen und Leopold wunderte sich, wie lang die dunkeln Wimpern waren; am Ende ein wenig hinaufgebogen; der Mund war fast zu klein und halb geöffnet, zeigte er eine Reihe kleiner, spitzer Zähne. Die ganze rundliche Gestalt regte sich sachte, von dem regelmäßigen ab und zu des Athemholens gewiegt.

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