Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Graf Keyserling >

Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
Schließen

Navigation:

Es drängte sich vor: »Mit dem Fordern kommt auch nicht alle Mal was heraus. Die Bäcker fordern, wie der Herr sagt – schon eine Weile, fragen Sie, ob viel Vergnügen dabei herausgekommen ist. Fragen Sie hier den Masing.« Er wandte sich nach dem Bäckergesellen am Kartentisch um, dessen Stuhl war jedoch leer. »Wo ist der Masing?« rief er. »Und das Mädel ist auch fort.« Die Umstehenden kicherten.

»Der wird wohl auf Dich warten,« hieß es.

»Ist das ein Linker! Er hat mir noch zu zahlen.« Dieser Vorfall nahm jetzt das Interesse in Anspruch.

Rotter mußte innehalten und sich enttäuscht niedersetzen. »Hol' sie der Teufel mit ihren Karten,« brummte er.

Eine neue laute Gesellschaft drang in das Zimmer ein. Unreinliche Gesellen, die lärmend und alle zugleich aufeinander einschrieen.

»Schau! Die Brüder! Sie kommen von der Berathung,« sagte der alte Arbeiter neben Rotter.

»Ja« – versetzte ein Anderer, »nun ist's beschlossen; sie geben nicht nach, und wer arbeitet, der soll zusehen.«

Die Dame an der Kasse schaute mißmuthig die Ankömmlinge an und unterhandelte leise mit ihrer Kellnerin.

Aller Blicke übrigens waren auf die neuen Gäste gerichtet und diese fühlten das wohl, sie schrieen nach Stühlen, nach Bier, sie waren die Helden des Tages; bleiche, übermüthige Helden, deren zerknitterte Kleider ein fahles Gemisch von Mehrstaub und Schmutz bedeckte. Sie bildeten mitten im Zimmer einen Kreis und tranken aus einem hohen Glase, welches drei Liter faßte.

»Dieses haben sie bezahlt,« berichtete die Kellnerin ihrer Herrin, »aber es hielt schwer. Sie haben alle ihre Säcke umgekehrt, bis sie das Geld zusammen hatten.« –

»Geben Sie nichts her, wenn nicht vorher gezahlt ist,« beschloß die Dame.

Rotter hatte wieder einen Gegenstand der Begeisterung gefunden. »Da sind sie! Hörst Du? Sie werden nicht nachgeben. Fräulein – Fräulein – – hier ist Geld. Bringen Sie den Herren da drüben noch solch ein großes Glas. Sagen Sie – von einem Freunde. Die armen Jungen, mögen sie sich satt trinken.«

Die armen Jungen waren sehr heiter und führten eine lebhafte Unterhaltung. Obgleich alle Anwesenden zuhören konnten, so blieb es doch dunkel, wovon sie sprachen. Es schien, als erwarteten sie Jemanden, dem es schlecht ergehen sollte – – diesem Jemand sollte gezeigt werden, was es heißt, sich ausschließen. Einige Mädchen gesellten sich zu ihnen. Eins fiel durch die schöne, schlanke Gestalt und das bleiche, schmale Gesicht auf, das fast bis zur Nase von einer Wolke leichten, blonden Haares verdeckt ward, unter dem die Augen brennend und blau hervorglänzten. Sie hatte sich hinter einen der Bäckergesellen gestellt, einen schmächtigen, schwarzen Jungen, der wie ein Jude aussah, wickelte dessen krause Haare um ihre Finger und lächelte.

»Trink, Pepi!« meinte der Bursche und reichte ihr das Glas.

Sie ergriff es mit beiden Händen und führte es an die Lippen.

»Genug!« riefen die Anderen. »Das Mäd'l hat einen Fall – wie keiner. Genug!«

Pepi aber trank fort, ohne abzusetzen. Als einer ihr das Glas aus der Hand nahm, meinte sie ärgerlich: »Er vergönnt mir's nicht,« und begann wieder ruhig die Haare ihres Buben um die geschwollenen, rothen Finger zu wickeln.

Da trat Chawar in den Kreis, sein Glas in der Hand: »Servus, Kameraden.«

»Oho! der rothe Schabber,« sagte Einer

»Wenn Kameraden in Noth sind,« fuhr Chawar fort, »so drückt der Chawar sich nicht abseits, hier trink!« und er bot sein Glas dem ihn zunächst Sitzenden hin; dabei schlang er seinen Arm um Pepi und kniff sie gelinde in die Seite, was das Mädchen mit einem sanften Lächeln quittirte.

»Du kannst halt trinken,« meinte Chawar liebenswürdig.

»Wenn's was giebt,« erwiderte Pepi.

»Warum soll's nichts geben? Hier!« und er hielt ihr sein Glas hin. »Kameraden, rückt zusammen, wir wollen auch ein Platzerl. Fräulein – ein Bier.« Dieser Ruf bewirkte, daß dem Böhmen ein Platz eingeräumt wurde. Breitbeinig setzte er sich nieder, zog Pepi zu sich auf seine Knie und fühlte sich sofort als Hauptperson. »Haha – Kameraden, Ihr habt's ihnen gezeigt, das ist recht, sie sollen ihr Brod selber kneten!«

Tini war am anderen Tische sitzen geblieben, den Kopf mit der schweren Last der schwarzen Haare in beide Hände gestützt. Kein Zucken ihres Gesichts verrieth, was in ihr vorging; ernst, fest schläfrig sah sie drein, nur die Augen, die unverwandt Pepi anschauten, schienen größer und schwärzer zu werden.

Im ganzen Lokal herrschte eine gewisse Spannung. Alles lauschte auf das Gespräch der Bäcker, und alle erwarteten etwas, erwarteten Jemand, dem es übel ergehen sollte. Die Dame an der Kasse flüsterte mit der Kellnerin etwas von Sicherheitswache.

An der Außenthüre erhob sich ein Getöse. Die Bäckergesellen horchten auf und lachten. Chawar schrie: »Laßt sie herein kommen. Wer arbeitet, wenn die Anderen hungern, muß Bier bezahlen. Das ist Gerechtigkeit!« Er schwankte zur Thüre; andere folgten ihm; von außen ward die Thüre aufgestoßen, rücklings drängten Leute in das Zimmer, sie schienen etwas zu ziehen. Das Gedränge an der Thüre wurde groß; alles schrie durcheinander. Die Dame an der Kasse stand aufrecht hinter ihrem Tisch und rief nach dem Feuerburschen, nach der Polizei.

Rotter, dem der Lärm und der Tumult zu Kopf stieg, stürzte sich auch unter die Menge. Da stand er und redete: »Brüder! seit einig. Nicht hier ist der Feind. Spart die schönen Kräfte Eurer Entrüstung!«

Lothar, er wußte nicht wie, stand plötzlich mitten in dem Gedränge. Er verstand nicht, was vorging. Dort an der Thüre schlug man sich. Er sah Chawar mit dem Arm ausholen; aber er ward zurückgestoßen, »was willst Du? was geht's Dich an?« – – und dann tauchte aus dem dichten Menschenknäul eine Gestalt auf, halb nackt, nur mit leinenen Beinkleidern bekleidet; über die Köpfe der Anderen emporgehoben, erschien dieser dürre, nackte Körper mit den spitzen Schulter- und Rückenknochen wunderlich fremd und bleich unter den blauen Kitteln und schäbigen Röcken; das blasse, junge Gesicht verzerrte sich, es weinte; – nun verschwand es in der Menge – dort tauchte es wieder auf – blaß und verzerrt.

»Das geht nicht, sie schlagen ihn todt,« sprach Lothar vor sich hin.

»Er ist einer von den Buben, die weiter arbeiten, den haben sie sich von nebenan herüber geholt,« erklärte der alte Arbeiter von vorhin.

Hinter Lothar lachte Jemand, ein kreischendes krampfhaftes Lachen. Tini war es. Sie stand auf einem Stuhle, die Hände in die Seite gestämmt und beugte sich aufmerksam über das Gewühl unter ihr – mit weit offenen, spähenden Augen. Das Haar hatte sich gelöst und fiel in schweren, schwarzen Strähnen ihr bis über den Gürtel; ihr ganzer üppiger Leib zitterte und wandt sich unter dem dünnen blauen Kleide; mit den Füßen stampfte sie vor Erregung und beugte sich vor, wie bereit zum Sprunge – dort hinein – um mitzuthun.

»Jesus Marie! Der arme Bub'! den schlagens todt!«

Lothar überlief es heiß bei diesem Anblick, seine Hände ballten sich, die Leidenschaft des Mädchens steckte ihn an.

»Jesus Marie! der arme Bub'! den schlagen's todt!« klagte eine andere Stimme neben Lothar. Das stand Pepi mit ihrem geduldigen, bleichen Gesichtchen, die Hände über den Bauch gefaltet und seufzte.

Bei diesem Ausruf wandte sich Tini um. Es zuckte über ihr Gesicht. Sie schloß den Mund und ihre Lippen wurden bleich. Heftig schüttelte sie sich die schwarze Mähne aus der Stirn und sich hastig niederbeugend, griff sie mit beiden Händen dem neben ihr stehenden Mädchen in die Haare; – dieses kreischte auf –; Tini verlor das Uebergewicht und nun rollten die beiden Frauenzimmer auf dem Boden über einander hin, von Tini's Haar wie mit einem blanken, dunklen Schleier umhüllt.

»Mädchen, was thut Ihr!« rief Lothar.

Sie aber ließen einander nicht los, und Tini wiederholte immer wieder mit einem eigenen, wüthigen Kehlton: »Schlangen – Schlangen – wirst Du noch beim Louis sitzen – sag?«...

Wie in einem Tollhause tobte alles um Lothar her in dem gelben Tabaksnebel; selbst Rotter, dort oben auf einem Tisch, war verändert, wie er erhitzt, den Hut im Nacken, immer wieder schreiend zur Einigkeit – zu einigem Angriff auf den gemeinsamen Feind ermahnte.

Lothar selbst war vom Schwindel erfaßt, er mußte etwas thun, – etwas Gewaltsames; – alle seine Glieder bebten. Gedankenlos stürmte er auf den Haufen vor ihm ein: »Laßt den Buben frei. Seit Ihr Thiere?« rief er.

»Was will der?« erwiderte ein stämmiger Geselle und holte mit dem Arm aus, um Lothar zurück zu stoßen.

Dieser jedoch ergriff ihn: »Ihr sollt den nackten Buben dort nicht quälen, hört Ihr – hört Ihr!« wiederholte er und warf den Gesellen mit voller Wucht zu Boden. Dann athmete er auf; das that wohl!

Plötzlich ward es in dem Gedränge an der Thüre stiller. Die Menge bewegte sich zurück, in das Zimmer hinein. Jemand klopfte Lothar auf die Schulter. Rotter war es. »Komm',« sagte er leise, »sie ist schon da.« –

»Wer? –«

»Die Polizei! Hier haben wir nichts mehr zu thun. O! die Hallunken, die Hallunken!«

Lothar ließ sich mit fortziehen, der Thüre am entgegengesetzten Ende zu. Als er noch einmal zurückschaute, sah er die Dame an der Kasse aufrecht hinter ihrem Mahagonygeländer stehen und das müde, schlaffe Gesicht lächelte triumphirend und säuerlich.

Hinausgelangt, gingen sie mit eiligen Schritten der Stadt zu. Rotter sprach immerfort, heftig mit den Armen in der Luft hin- und herfahrend. Alle Reden, welche die Aufregung in ihm erzeugt hatten, mußten heraus. »Mit Thieren können wir keinen Staat gründen.... und was seit Ihr besser als Thiere? Es lauert ein jeder nur darauf, wie er den Bruder zerreißen kann. Sprecht Ihr nicht von Brüderlichkeit? Bei den Wölfen will ich eher Brüderlichkeit finden, als bei Euch!« O, er schonte sie nicht. Kühn und unerbittlich trat er ihnen entgegen.

Auch Lothar fühlte das Bedürfniß zu sprechen. So gingen sie lautredend neben einander her, ohne daß der Eine auf den Anderen hörte.

Am Ferdinandsthor, als der Burgplatz hell vom Monde beschienen vor ihnen lag – schwiegen sie beide plötzlich. Lothar fröstelte... Hier war es still, leer und kühl. Die Kieswege, die kleinen Kastanien, die lang sich hinziehende Fensterreihe der Burg – alles weiß von Mondglanz; nur die beiden Reiter inmitten des Platzes standen sich wie riesenhafte, tintenschwarze Schatten gegenüber.

Rotter lachte – – und setzte dann schwermüthig hinzu: »Ach – ach – dieser Ekel!« –

»Und doch wieder,« meinte Lothar, »manches Schöne.« Er dachte an die Gestalt des wüthenden Mädchens drüben.

Als sie vom Graben in den Stephansplatz einbogen, sahen sie vor dem Dom zwei hagere Gestalten stehen. Sie erkannten Klumpf und Feitinger, die dort in die Betrachtung des Domes versunken waren. Klumpf sprach lebhaft und wies zum Thurm empor, der sich aus der schattigen, dunkeln Masse des unteren Baues sehr hoch in das Mondlicht emporreckte.

»Nein!« sagte Klumpf, »so etwas wird man sich künftig nicht mehr erdenken. Wenn die Menschheit das große Problem gelöst haben wird, dann werden wir so nicht bauen. Der Zukunftsbau wird sich mehr an der Erde hinbreiten, klar, sicher, fröhlich. Dieses hier spricht zu seht das Ringen und Sehnen nach Unverstandenem und daher Ueberschwänglichem aus. Sehen Sie, Doctor – diese düsteren Massen, wie es sich übereinander schiebt und schwer aufeinander lastet – traurig und gespenstisch... Und hier der Thurm, wie ein Märchen steigt er plötzlich aus all' der Drangsal auf; er kann nicht hoch genug steigen, nicht leicht, nicht überirdisch genug; er hat mit dem da unten nichts mehr gemein. Da haben Sie das Bild der unversöhnten Gegensätze! Hier schwer, peinvoll – dort überirdisch – mystisch. Das Ideal wohnt nicht im irdischen Körper, – es steigt selbständig über das Irdische empor... Aber lieben werden wir auch in Zukunft diese schönen Denkmäler einer Zeit, in der die Menschheit noch suchte, was wir dann schon halten werden; – so wie wir unsere Kindheit lieben; nicht wahr? In der Kindheit werden wir ja auch von einer dunkeln, unverstandenen Welt umgeben, die uns schreckt, durch die wir angstvoll unseren Weg suchen; und denken wir an das Schöne, auf das wir hoffen, dann ist es ein Märchen, ganz licht – ganz überirdisch – wie dieser Thurm.«

»Sehr schön, sehr wahr!« bemerkte Feitinger. »So lange wir nicht wissen, wird uns alles zur Legende!«

Dieser Zwischenruf schreckte Klumpf aus seinem Traume auf. Er bemerkte Lothar und Rotter und streckte ihnen die Hände entgegen.

»Ah! da seid Ihr! Wir haben einen schönen Abend erlebt. Einige Arbeiter habe ich kennen gelernt, die nach meinem Herzen sind. So hoffnungsvoll, wie heute, habe ich mich lange nicht gefühlt. Kommt in das Café – ich erzähle Euch davon!«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.