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Die dritte Stiege

Eduard Graf Keyserling: Die dritte Stiege - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie dritte Stiege.
authorEduard Graf von Keyserling
year1985
publisherCarl Winter Universitätsverlag
addressHeidelberg
isbn3-533-03635-9
titleDie dritte Stiege
pages1-294
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1892
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VII.

Schweigend gingen sie die enge Gasse entlang. Alle, außer Feitinger, nahmen ihre Hüte ab, weile es hier so schwül und beklommen war, und unwillkürlich bogen sie die Köpfe zurück, sahen zu den Dächern auf, über denen eine blinde, dunstige Luftschicht lagerte; sie suchten dahinter den Nachthimmel, um sich an ihm zu kühlen.

In der Hauptstraße erreichten sie die Pferdebahn. Der Wagen war leer und Feitinger's Miene erheiterte sich; er setzte sich nahe zu Klumpf, zündete sich eine Cigarre an und meinte: »Hier können wir ungestört plaudern.« Die anderen schienen jedoch zum Plaudern wenig aufgelegt, darum sprach der Lehrer allein, sehr geläufig, einzelne Worte stark unterstreichend: »Ich kann es nicht sagen, Doctor, wie jedes Zusammensein, jedes Wort aus Ihrem Munde mit immer auf's Neue wieder Muth giebt! Weiß es Gott, daß ich dessen bedarf. Die ganze Woche über von kleinlicher Großthuerei geplagt, gezaust, beargwöhnt. Nicht einmal das tägliche Brod hat man. Und für alle Mühe nur Verachtung, Verweise, kein Avancement! Zwar, was sind die Leiden der Einzelnen? Auf das Allgemeine kommt es an! Aber schließlich besteht das allgemeine Elend doch aus den Schmerzen der Einzelnen. Und da kann die Geduld wohl zuweilen reißen. Aber Sie, Doctor, wissen Sie, Sie haben wieder Alles in mir geklärt, meinen Haß geklärt. Denn Haß ist nöthig – sowie die Liebe. Der rechte Haß ist moralisch. Nicht jenes qualmige Hassen der Leute dort, nein – der Haß, der um seiner Liebe willen haßt – wie groß – wie schön!«

Rotter stieß Lothar an und lachte leise; Klumpf aber fuhr aus seinen Gedanken auf: »O!« sagte er mit besorgtem Gesicht, »ich kenne diese Leute schon lange. Manche von ihnen mögen redliche Arbeiter sein, gewiß! Aber ich weiß es wohl, ihre Wege sind nicht meine Wege.«

»Gerade zu früh war es,« meinte Rotter, »wie diese Leute sich als Partei aufgespielt und uns um unseren Paß gefragt haben. Sie sind ja diejenigen, die sich absondern mit allerlei Heimlichkeiten.«

»Sie haben viel Einfluß gewonnen,« bemerkte Klumpf nachdenklich. »Manches in ihrem Treiben ist dunkel; doch ich kenne sie! dennoch haben sie mich heute verwirrt, mir Gedanken gemacht, wie es zu geschehen pflegt, wenn Jemand uns ein Stück Wahrheit zeigt, welches wir bisher übersehen haben. Lemke mag Recht haben, ich setze mich zu wenig aus, ich kenne das Volk nicht. Sein Spott war ungerecht, denn gewiß, es war nicht Furcht, was mich zurückhielt. Ich habe eben nichts Gefährliches – wie er sagt – zu thun gefunden – wahrhaftig! Aber es mag solche Dinge geben. Hörtet Ihr? Er forderte mich auf, in einer engeren Versammlung von Arbeitern – die er abzuhalten pflegt – mein Programm, oder, mehr Grundprincip, wie er sagte – gegen das seine zu halten. Es sollte wohl eine Muthprobe sein,« setzte er lächelnd hinzu und zuckte die Achseln.

»Vortrefflich!« rief Rotter, »wir wollen ihnen zeigen...«

»Das weiß ich gewiß,« begann Klumpf wieder und seine Stimme zitterte sachte. »Sorge um meine Sicherheit hat mich von keiner That zurückgehalten. Seine Freiheit, sein Leben für die Sache einsetzen, denke ich, wäre das Leichteste; leichter als das stille, fortgesetzte Ringen mit Muthlosigkeit, Gemeinheit, Mißerfolg. Wäre der Sache damit gedient, daß ich gefangen gesetzt werde – oder daß es mir an's Leben geht, ich würde das einen wohlfeilen Gewinn nennen. Nur das? hier bin ich...« Er breitete seine Arme aus und das vorüberhuschende Licht der Straßenlaternen beleuchtete für einen Augenblick grell dieses bleiche Märtyrergesicht mit den dunklen, aufgeregten Augen.

»Ich kenne das Volk sehr gut,« versetzte Rotter. »Brückmann und ich fahren jetzt in das Samstagscafé an der Linie; mehr kann man nicht thun.«

»Doctor,« sagte Feitinger eifrig. »Kennen Sie den Metallarbeiter Stiller, der sich in dem Proceß so schön vertheidigt? Wie sagte er doch? »Ich versuche Bildung unter meine Genossen zu verbreiten, denn das macht uns stark.« Ein seltener Mensch und von großem Einfluß. Den finden wir drüben im Neubau – im »Auge Gottes« – ich führe Sie hin.«

»Gut. Wohin Sie wollen,« erwiderte Klumpf und sah sehnsüchtig nach dem dunkeln Laubdach des Volksgartens hinüber, aus dem süße Düfte herüberwehten und die Klänge eines Walzers herübertönten, dort wäre es schöner und reinlicher, als hier die finstere Straße zur Vorstadt hinauf.

In der Bergstraße stiegen Klumpf und Feitinger ab, während Rotter und Lothar noch weiter zur Linie hinabfuhren.

Das Café Zapp befand sich im unteren Stock einer langen, finsteren Zinskaserne. Ueber der Thür hing eine runde, halbrothe, halbblaue Laterne; vor den erleuchteten Fenstern waren rothe Vorhänge vorgezogen. Schon im Flur lag der Tabaksqualm wie dichter Nebel über den Gegenständen, im Local selbst vermochte Lothar in diesem Rauchschleier anfangs nur die Lichtflocken der Gasflammen zu unterscheiden; lautes Stimmengesumme und drückende Hitze schlugen ihm entgegen. Rotter drängte vorwärts zwischen den kleinen Holztischen hindurch. Alle waren besetzt, meist von Arbeitern in blauen Kitteln, deren viele schon schlaff und trunken waren; hie und da wurde Karten gespielt und laut dabei gestritten.

»Die Herren werden nebenan Platz nehmen müssen,« ertönte eine weibliche Stimme. Eine hochbusige Kellnerin stand vor ihnen, angethan mit einer blanken, rothen Atlasjacke; das hochaufgethürmte, wirre Haar ließ nur einen geringen Theil des bleichen, grau angerauchten Gesichtes frei, das mit den schwarz umränderten Augen, den zu rothen Lippen wie das Gesicht einer wohlfeilen Puppe aussah.

»Gewiß, Fräulein,« erwiderte Rotter, als hätte er ein Frauenzimmer vor sich, dem er allenfalls auch die Cour zu machen geneigt wäre; »wenn Sie einen Platz für uns übrig haben – so sind wir Ihnen sehr dankbar. Das Geschäft geht gut, wie ich sehe.« –

»Ja, Samstags,« erwiderte das bleiche, mißmuthige Wesen und führte die Herren in das Nebenzimmer, welches ebenso voll, laut und unrein, wie das erste war. Nur durch ein großes und glänzendes Buffet zeichnete es sich aus, an dem – vor der weißen Marmorplatte, die Herrin des Cafés an der Kasse saß. Eine alte, mächtige Frau mit zuviel falschem Haar auf dem Kopf, das ihr wie eine unförmige, schwarze Haube das bleiche, weiche Gesicht umrahmte; in schwarze Seide gekleidet, eine goldene Kette um den Hals, Ringe an den weißen Fingern, saß sie in ihrem mahagony Abschlag, wie in einer würdevoll bürgerlichen Oase, mitten in dem wüsten Treiben und schrieb beständig Zahlen in ihr großes Buch, den einzigen vernünftigen Untergrund des lauten Spuckes vor ihr, den sie verachtete.

»Wie gefällt es Dir?« fragte Rotter vergnügt. »Hier ist echtes Volk, das kann auch Lemke nicht in Abrede stellen.« Lothar starrte nachdenklich in die Menschenmenge hinein, die sich vor ihm im gelben Nebel drehte.

»Ich weiß nicht,« fuhr Rotter fort, »ob Klumpf sich hier erbauen würde, des Materials wegen, wie er sagt. Schau! Da ist auch einer unserer Bäckerrevolutionäre; seine Kappe ist noch weiß von Mehl. Der muß übrigens noch Geld übrig haben, denn er spielt und verliert, wie es scheint.« Er wies zum nebenstehenden Tisch hinüber, an dem vier Männer Karten spielten. Der Bäckergesell' mit der weißbestäubten Kappe war noch jung; sein feines, bartloses Gesicht sah krank und verlebt aus; ein Vorderzahl fehlte ihm, was den hübschen Mund entstellte.

Mit beiden Händen hielt er die schmutzigen Karten; seine Blicke gingen ernst von einem Spieler zum anderen und vor Aufregung biß er den Cigarrenstummel, den er im Munde hielt, daß er knirschte. Neben ihm saß ein junges Frauenzimmer in ein blaues Umschlagtuch gehüllt, einen Hut mit glänzenden, neuen Atlasmaschen auf dem Kopf. Ihr spitzes, kupferiges Gesicht trug denselben gespannten, starren Ausdruck, wie das des jungen Menschen; nur bei jeder ausgespielten Karte zuckte es nervös.

Zwei der anderen Spieler waren Arbeiter in blauen Kitteln; der vierte war ein dürres Männchen mit eingefallenen Wangen; die kleinen, blauen Augen waren roth gerändert; eine schwarze Binde umschloß sein Gesicht, als habe er Zahnweh. Er sprach viel Lustiges, neckte seinen ernsten, jungen Partner, ließ Bier bringen und spielte, als gäbe er nicht Acht. Diese Partie schien Aufsehen zu erregen – denn eine dichte Reihe von Zuschauern umstand den Tisch.

»Der kommt mit dem Freischupper nicht auf –« hörte Lothar es flüstern. Das Männchen redete mit hoher, durchdringender Stimme immer zu.

»Freilich! unsere Bäcker – das sind Teufelskerle, die zeigen's den da... haha... sucht Euch Andere, wenn Ihr Jemand schinden wollt!... Du – ein Sechserl bekomme ich.«

Das Mädchen zog unter ihrem Tuch einen Tabaksbeutel hervor, entnahm ihm langsam ein Zehnkreuzerstück und legte es dem Bäckergesellen in die Hand.

Dieser drehte es einige Male hin und her; schob es dann hastig über den Tisch, wieder knirschend in seine Cigarre beißend.

»Das ist das Empörende,« philosophirte Rotter, »daß diese armen Leute, die sich die Woche über unmenschlich geplagt haben, kein anderes Vergnügen haben, als dieses hier – sage – dieses! Diese Armseligkeit!«

»Armseligkeit ist nicht richtig,« erwiderte Lothar, »nein: sieh – wie sie die Karten in den Fingern biegen, wie sie sie auf den Tisch hauen; was sich in ihnen an Lebenslust und Leidenschaft aufgespeichert hat, muß Alles in einer Nacht heraus. Schau den dort! Wie er tobt! Das ist seine Armseligkeit!...«

An einem Tische abseits saß ein Mann im blauen Arbeitskittel vor seinem Liter Bier; er war bereits schwer trunken; sein Gesicht zeigte rothe Flecken, die Nase war blau, die Augen klein und feucht. Schlaff stützte er sich mit den Armen auf die Tischplatte; der steife, halb eingetriebene Hut saß ihm im Nacken. Er lächelte und sprach beständig vor sich hin; bisweilen lachte er über seine eigenen Worte so herzlich, daß er beide Hände auf den Bauch legte, damit es diesen nicht zu stark erschüttere; doch die Lustigkeit ward übermächtig in ihm; mit der einen Hand schlug er auf den Tisch, mit der anderen trieb er sich den Hut ein und stieß einen schrillen Jodler aus.

»Freilich!« meinte Rotter und lachte, »daß sie aber nichts Anderes haben.«

»Nein –« sagte Lothar, »weil diese Lebenslust in diese eine Nacht zusammengedrängt wird, darum wird das Vergnügen gewaltsam, thierisch – wenn Du willst. Sie haben keine Zeit, Phrasen zu machen. Daß diese Kraft und Lust in ihnen wohnt, das bewundere ich, darum beneide ich sie. – Uebrigens sieh – unser Bekannter!«

Chawar trat in das Zimmer; neben ihm stand Tini, das Hausmeistermädl, mit sehr rothen Wangen und übergroßen, blanken Augen; sie folgte dem Burschen mit schleppendem Gange und dem Wiegen in den Hüften, welches diese Mädchen annehmen, wenn sie müßig einhergehen dürfen. Chawar ließ sich an einem bereits dichtbesetzten Tische nieder, da die Anwesenden für ihn bereitwillig und wie ängstlich zusammenrückten. Langsam klopfte er mit einem Geldstück auf die Tischplatte, bestellte für sich und sein Mädel zu trinken und begann laut zu sprechen. Tini saß neben ihm, ernst den Kopf in beide Hände stützend und musterte die Anwesenden. Als sie Lothar und Rotter bemerkte, stieß sie Chawar an und deutete mit dem Kopf hinüber – der Bursche lächelte und grüßte die Herren tief.

»Das ist richtig,« setzte Rotter das vorherige Gespräch fort, da er sich bereitwillig für anderer Leute Gedanken begeisterte. »Diesem Lebensdrange muß ein geeignetes Feld angewiesen werden; das sage ich auch. Wie viel schöne Kraft wird hier vergeudet. Sie saufen hier und spielen eine Nacht: das ist das Einzige, was die Gesellschaft ihnen bietet! Wenn man das bedenkt...« Rotter erhob seine Stimme, wurde tönender in seinen Perioden, denn er bemerkte, daß ein ältlicher Mann – der bisher der Kartenpartie zugesehen hatte, zugehört hatte. »Der Durst nach Vergnügen kann und soll auch nicht unterdrückt werden; er ist menschlich.«

Der Mann nebenan nahm seine Pfeife aus dem Munde, beugte sich zu Rotter vor und bemerkte: »Ja, lieber Herr, ein Mal in der Woche muß der Mensch sich was zu gut thun. Nicht? Nun und da kommt's auf einen Rausch, auf eine Rauferei – auf so was nicht an.« Er lächelte, spie aus und steckte seine Pfeife wieder befriedigt in den Mund.

»Das sag' ich ja,« erwiderte Rotter eifrig.

»Aber, wenn ich sehe, wie es hier zugeht; findet der Arbeiter denn hier Erholung, hier – in diesem Loch?« setzte er leiser hinzu, damit die Dame an der Kasse es nicht höre.

»Ist nichts Besseres da – so nimmt man vorlieb,« meinte der Arbeiter ruhig.

»Das ist's, lieber Freund, das ist's!« rief Rotter und war in seinem Element, denn jetzt hörten auch Andere zu, selbst das Spiel stockte. »Das Schlechteste ist für Euch gut genug, für diejenigen, die sich am härtesten plagen. Die Anderen, die Drohnen, die können es sich nicht gut genug sein lassen. Euch eine Erholung, ein Vergnügen zu schaffen, welches wirklich erholt und vergnügt, daran denkt die Gesellschaft nicht. Eine Nacht in einer Kneipe, ist Lohn genug für eine Woche Arbeit. Nein, liebe Freunde! Ihr dürft nicht sagen: wenn nichts Besseres zu haben ist, so nimmt man halt vorlieb! Es ist Besseres zu haben, – nur müßt Ihr es fordern...« Rotter gerieth in echte Rednerstimmung, machte mit den Armen weite Bewegungen, als er von dem dürren Männchen am Kartentisch unterbrochen ward, welches verdrießlich war, die Partie gestört zu sehen.

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