Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Die drei von Cordova

Edgar Wallace: Die drei von Cordova - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/wallacee/3cordova/3cordova.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie drei von Cordova
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun13. Auflage
translatorRavi Ravendro
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111024
modified201604124
projectid97b4f42c
Schließen

Navigation:

6

Oberst Black war in einer sonderbar gereizten Stimmung. Er wußte nicht recht, was er von diesen Ereignissen halten sollte. Einerseits war er wütend über den Vorfall, auf der anderen Seite mußte er darüber lachen.

Diese geheimnisvollen Männer, die über ihn zu Gericht sitzen wollten, hatten seine Papiere und Geschäftsbücher durchstöbert. Sie waren aus dem Nichts gekommen und wieder ins Nichts verschwunden, sie hatten ihn beunruhigt – ihm einen furchtbaren Schrecken eingejagt, wenn er ehrlich sein sollte. Aber für gewisse Charaktere ist Mut in erster Linie eine Frage der Beleuchtung. Black war im hellen Morgensonnenschein wieder kühn geworden, denn er hatte die Überzeugung, daß sie nichts Greifbares gegen ihn hatten entdecken können.

Er saß in seinem Hausmantel am Frühstückstisch; Sir Isaac Tramber leistete ihm Gesellschaft.

Oberst Black liebte die guten Dinge des Lebens, vor allem die Annehmlichkeiten der modernen Technik und delikate Speisen. Der Tisch war reich gedeckt.

Sir Isaac lebte einfacher. Ein Cognac mit Sodawasser und ein Apfel bildeten sein ganzes Frühstück.

»Was ist denn eigentlich los?« brummte er schlecht gelaunt. Er war in der letzten Nacht spät zur Ruhe gekommen und hatte schlecht geschlafen.

Black schob ihm einen Brief über den Tisch zu.

»Was halten Sie davon? Hier ist ein niederträchtiger Brief von der Firma Tangye – die Leute wollen zehntausend Pfund von uns haben und schreiben, daß sie mich in der Öffentlichkeit als vertragsbrüchig brandmarken wollen, wenn sie die Summe nicht umgehend erhalten.«

»Dann zahlen Sie doch«, erwiderte Sir Isaac müde.

Der Oberst lachte auf.

»Reden Sie doch kein dummes Zeug! Woher soll ich denn plötzlich zehntausend Pfund nehmen? Ich bin nahezu bankrott, das wissen Sie doch, Tramber. Wir sind beide in derselben Lage. Auf dem Papier habe ich ein Vermögen von zwei Millionen Pfund, aber ich glaube kaum, daß ich auch nur ein paar Tausend Pfund auftreiben könnte, selbst wenn ich es versuchte.«

Sir Isaac schob seinen Teller zurück.

»Sie sprechen doch nicht etwa im Ernst?« fragte er brüsk.

»Meinen Sie wegen des Geldes?«

»Ja. Ich hätte eben beinahe einen Schlaganfall bekommen. Mein lieber Freund, wir säßen aber ganz elend in der Patsche, wenn uns gerade jetzt das Geld ausgehen sollte.«

Black lächelte.

»Das ist ja gerade das, was passiert ist. Aber ob wir nun in der Klemme sind oder nicht, wir müssen der Situation ins Auge sehen. Ich habe mein Bankkonto überzogen; im Hause habe ich ungefähr hundert Pfund, und ich vermute, daß Sie etwa ebensoviel bei sich haben.«

»Ich habe nicht einmal hundert Schilling.«

»Unsere Spesen sind ungeheuer«, fuhr Black fort. »Sie wissen, wie sich alles summiert. Wir haben ein oder zwei Geschäfte in Aussicht, aber außerdem nichts. Wenn wir nur die Fusion der großen Eisenhütten im Norden zustande brächten! Dann hätten wir Geld in Hülle und Fülle und könnten beide Schecks über Hunderttausende von Pfund ausstellen.«

»Können Sie denn in der City kein Geld auftreiben?«

Der Oberst schlug die Spitze eines gekochten Eis ab, ohne zu antworten. Tramber kannte die Lage dort genausogut wie er selbst.

»Hm«, meinte Sir Isaac schließlich, »aber irgendwie müssen wir doch jetzt Geld beschaffen.«

»Wie steht es denn mit Ihrem Freund?«

Die Frage klang gleichgültig, war aber wohlüberlegt.

»Welchem Freund?« Sir Isaac lachte heiser. »Allerdings – ich habe nicht so viele Freunde, daß es notwendig wäre, einen genauer zu bezeichnen. Sie meinen natürlich Lord Verlond?«

Black nickte.

»Verlond ist der einzige Mann auf der Welt, den ich nicht um Geld angehen darf.«

»Er besitzt doch aber ein großes Vermögen«, sagte Black spöttisch.

»Das stimmt«, erwiderte Sir Isaac grimmig. »Und womöglich muß er mir noch einmal sein Geld hinterlassen.«

»Hat er keinen Erben?« fragte der Oberst interessiert.

»Früher war einer vorhanden – ein Neffe, der hoch hinauswollte. Aber der lief von zu Hause fort, und man nimmt an, daß er auf einer Ranch in Texas ums Leben gekommen ist. Auf jeden Fall beabsichtigt Lord Verlond, ihn für tot erklären zu lassen.«

»Das war allerdings ein Schicksalsschlag für den alten Mann.«

Diese Äußerung schien Sir Isaac zu belustigen, denn er lehnte sich zurück und lachte laut auf.

»Was sagen Sie da – ein Schicksalsschlag? Er hat seinen Neffen gehaßt wie die Pest! Lord Verlond entstammt der jüngeren Linie, und der Junge war ein wirklicher Verlond. Deshalb haßte ihn doch der Alte so sehr. Ich bin überzeugt, daß er ihm das Leben zur Hölle gemacht hat. Er ließ ihn immer am Wochenende zu sich kommen, um ihn zu schikanieren, bis der junge Mensch schließlich verzweifelte, seine geringen Ersparnisse nahm und auf und davon ging.

Einige Freunde seiner Familie haben nachgeforscht, wo er geblieben war, aber der Alte hat sich nicht im geringsten um ihn gekümmert. Die anderen haben ihm dann eine Stelle in einer Druckerei in London verschafft. Schließlich wanderte er nach Amerika aus.

Ein paar interessierte Leute haben seine Spur verfolgt. Er ging nach Texas und kam auf eine ziemlich verwahrloste Ranch. Später erfuhr man, daß ein Mann, auf den seine Beschreibung paßte, bei einer Schießerei getötet wurde. Es muß eine jener üblen Gegenden gewesen sein, die man in den Wildwestfilmen sehen kann.«

»Wer ist denn jetzt der Erbe?«

»Den Titel erbt niemand. Das Vermögen geht an die Schwester des Jungen. Sie ist ein recht hübsches Mädchen.«

Black sah ihn unter halbgeschlossenen Augenlidern hervor an.

Sir Isaac drehte nachdenklich an seinem Schnurrbart und wiederholte noch einmal: »Wirklich – ein hübsches Mädchen.«

»Dann haben Sie also . . . Aussichten?« fragte Black langsam.

»Was meinen Sie damit?« Sir Isaac richtete sich auf.

»Genau das, was ich sage. Der Mann, der sie einmal heiratet, bekommt einen ganz schönen Sack voll Geld. So ist es doch?«

»Ja, so ähnlich«, antwortete Sir Isaac düster.

Der Oberst stand auf und faltete seine Serviette sorgfältig.

Er brauchte so notwendig bares Geld, daß er sich nicht viel darum kümmern konnte, was die City dazu sagte. Wenn Sandford seinen Plänen wegen der Fusion der Hütten im Norden entgegentrat, so war das allerdings eine andere Sache; aber er hoffte, mit ihm fertig zu werden, obwohl er schwer zu beeinflussen war.

Er schaute seinen Geschäftspartner nachdenklich an.

»Ikey«, sagte er dann, »in letzter Zeit legen Sie wenig Wert auf unsere gegenseitigen Beziehungen, ja Sie fangen sogar an, sich ihrer zu schämen. Ich habe plötzlich einen tugendhaften Charakterzug an Ihnen entdeckt, und ich muß sagen, daß mir das leid tut.«

Er sah Sir Isaac gerade in die Augen.

»Ach, Unsinn!« sagte der Baronet sorglos. »Sie wissen doch ganz genau, daß ich meine Stellung in der Gesellschaft wahren muß.«

»Sie sind mir aber auch verschiedenes schuldig.«

»Es sind nur viertausend Pfund. Und die sind gedeckt durch eine Lebensversicherung über fünfzigtausend Pfund, die für mich abgeschlossen ist.«

»Die Prämie muß ich aber selbst zahlen«, brummte der Oberst bissig. »Ich dachte freilich im Augenblick nicht an Geld.«

Er maß Sir Isaac von Kopf bis Fuß mit seinen Blicken.

»Fünfzigtausend Pfund«, sagte er dann belustigt. »Mein lieber Ikey, wenn man Sie ermordet, sind Sie mehr wert als lebendig.«

»Machen Sie doch nicht so gräßliche Witze!«

Der Oberst nickte.

»Nun gut, wir wollen nicht weiter darüber sprechen«, sagte er.

Er schlug seinen Hausmantel zusammen, ging durch die Wohnung zu seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür hinter sich.

*

Die tugendhaften Anwandlungen seines Geschäftspartners gaben Oberst Black zu denken. Diese Symptome waren mehr als unangenehm, sie begannen ihn zu beunruhigen. Black gab sich keinen Illusionen hin. Er traute Sir Isaac Tramber ebensowenig wie anderen Menschen, ja vielleicht noch weniger.

Der Baronet hatte sich nur durch Blacks Geld bis zu einem gewissen Grade in der Gesellschaft rehabilitieren können; mit Blacks Geld hatte er wieder Rennpferde gekauft.

Der Oberst hatte jedoch auch hier nicht etwa aus dem menschenfreundlichen Grund gehandelt, einem anderen zu helfen, den die Gesellschaft geächtet hatte und mit dem anständige Leute nichts mehr zu tun haben wollten.

Als Ausgestoßener konnte Sir Isaac ihm nicht nützlich sein.

Black hatte seine Ansicht über sein Verhältnis zu dem Baronet einmal in einem Satz von epigrammatischer Kürze zusammengefaßt: ›Er war das heruntergekommenste Werkzeug, das mir jemals unter die Hände kam; aber ich habe ihn wieder auf die Beine gestellt und schön herausgeputzt, und heute ist er, wenn auch gerade keine anziehende Schönheit, so doch ein ganz erträglicher Gentleman.‹

Und Sir Isaac hatte sich wirklich als nützlich erwiesen. Das Geld, das Black auf ihn verwandt hatte, rentierte sich, ebenso der Anteil des Baronets an dem Geschäft, das er offensichtlich verachtete.

Sir Isaac Tramber fürchtete Black. Hauptsächlich aus diesem Grunde konnte der Oberst seine Macht über den schwächeren Partner ausüben. Tramber hatte schon in mancher schlaflosen Nacht überlegt, wie er sich von Blacks Tyrannei befreien könnte; seine Versuche waren jedoch alle mißglückt. Im Laufe der letzten Woche hatte sich nun aber etwas ereignet, was den Baronet schlechterdings zwang, sich von dem Oberst zu trennen. Sir Isaac hatte nämlich Aussicht, seine gesellschaftliche Lage in jeder Beziehung zu verbessern.

Eine Verlobung mit Lady Mary Cassilirs war in greifbare Nähe gerückt. Und diese Dame hatte, wie Oberst Black so vulgär sagte, ›einen ganz schönen Sack voll Geld‹.

Ihr Onkel, Lord Verlond, hatte ihm zu verstehen gegeben, daß er seinen Antrag nicht ungern sehen würde. Lady Mary war sein Mündel; allerdings ließ sie sich von dem alten Mann keineswegs terrorisieren. In Anfällen von Wut und Launenhaftigkeit konnte dieser grimmige Herr nämlich manchmal unausstehlich sein, und vielleicht bekam er wenigstens einen gewissen Respekt vor ihr, wenn sie seine Zornesausbrüche und Vorwürfe unbeachtet ließ.

Sir Isaac begab sich nachdenklich in seine Wohnung. Es war ihm klar, daß er sich von Black lösen mußte, und da er skrupellos war, fragte er nicht danach, daß er seine ganze jetzige Stellung eigentlich dem Oberst verdankte.

Der Gedanke, daß er bald frei sein würde, brachte ihn in gute Stimmung. Er hatte sich zu einem Spaziergang im Hydepark umgezogen und war in der besten Laune, als er Lord Verlond und seine schöne Nichte traf.

Es gab böse Leute, die Lord Verlond und Lady Mary nur ›die schöne Dame mit dem häßlichen Alten‹ nannten.

Lady Mary war schlank und eine typische Engländerin von vornehmer Haltung. Ihre Schönheit wurde betont durch einen zarten Teint und strahlende, lebensvolle Augen. Reiches kastanienbraunes Haar umrahmte ihr ebenmäßiges Gesicht; hochgeschwungene Brauen und ein entschlossenes, schöngeformtes Kinn gaben ihren Zügen darüber hinaus besondere Anziehungskraft.

Sie überragte ihren Begleiter fast um Haupteslänge. Verlond war niemals eine schöne Erscheinung gewesen, und das Alter hatte seine scharfen Züge noch kantiger und eckiger gemacht. Sein Gesicht sah so hart und unnahbar aus, als ob es aus Granit gemeißelt wäre.

Er grüßte Sir Isaac kurz.

»Setzen Sie sich, Ikey«, sagte er mit einem Lächeln.

Lady Mary hatte dem Baronet nur kaum wahrnehmbar zugenickt und ihre Aufmerksamkeit sofort wieder der vorbeiflutenden Menschenmenge zugewandt.

»Sind Sie heute nicht zu Pferd?« fragte Sir Isaac.

»Aber ganz gewiß«, erwiderte der Lord. »Ich reite im Augenblick auf meinem grauen Streitroß an der Spitze meiner Kavalleriebrigade.«

Sein Humor erschöpfte sich darin, unnötige Fragen durch solche Antworten lächerlich zu machen.

Aber plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht wieder. Nachdem er sich durch einen kurzen Seitenblick vergewissert hatte, daß Marys Aufmerksamkeit durch andere Dinge in Anspruch genommen war, lehnte er sich zu Tramber hinüber.

»Ikey, ich fürchte, Sie werden Schwierigkeiten mit ihr haben«, sagte er leise.

»Ich bin es gewohnt, Schwierigkeiten zu überwinden«, entgegnete Sir Isaac leichthin.

»Aber mit derartigen Schwierigkeiten werden Sie nicht so leicht fertig – täuschen Sie sich nicht, Ikey, und halten Sie sich nicht für zu klug. Ich kenne ihren eigensinnigen Charakter – ich muß ja mit ihr im selben Hause leben. Sie ist ein verflucht aufsässiger kleiner Teufel. Ich finde keinen anderen Ausdruck.«

Sir Isaac sah sich vorsichtig um.

»Meinen Sie, daß jemand zwischen uns steht?«

Sir Isaac sah, daß sich die Augenbrauen des Lords zusammenzogen, und folgte den Blicken des anderen. Ein junger Mann, der freudig überrascht lächelte, näherte sich ihnen.

Sein Lächeln galt jedoch weder dem Lord noch dem Baronet, es galt zweifellos Lady Mary, die ebenfalls sehr erfreut schien, denn ihre Augen leuchteten auf, und sie winkte den Herrn zu sich heran.

Sir Isaacs Züge verdüsterten sich.

»Dieser verfluchte Bursche«, sagte er ärgerlich zu sich selbst.

»Guten Morgen.« Horace Gresham begrüßte den Lord. »Auch ein wenig spazierengegangen?«

»Nein«, brummte der alte Mann. »Ich bade, ich bin auf Tiefseefischfang, ich fliege! Sehen Sie denn nicht, was ich tue? Ich sitze hier und muß alle albernen Fragen dummer Leute über mich ergehen lassen, die des Weges kommen.«

Horace lachte. Er ließ sich durch den bissigen Humor des Lords nicht abschrecken. Ohne sich weiter mit ihm einzulassen, wandte er sich an Mary.

»Ich freue mich, Sie hier zu treffen.«

»Was macht Ihr schöner Rappe?« fragte sie.

Horace warf einen lächelnden Blick auf Tramber.

»Oh, er wird beim Rennen schon seinen Mann stehen. Jedenfalls wird er ›Timbolino‹ hart zusetzen.«

»Mein Pferd wird dem Ihren turmhoch überlegen sein, wo sie sich auch immer im Rennen begegnen«, sagte Sir Isaac ärgerlich. »Ich wette tausend Pfund darauf.«

»Ich habe nicht die Absicht, Ihnen dieses Geld abzunehmen«, entgegnete Gresham. »Ich halte so sicher gewonnene Wetten Ihnen und – Ihrem Freund gegenüber für unfair.«

Die letzten Worte waren ganz gleichgültig gesprochen, aber Sir Isaac Tramber hatte doch einen gewissen Unterton herausgehört. Die kleine Pause, die Horace beim Sprechen gemacht hatte, sagte ihm, daß dieser liebenswürdige junge Mann mehr von seinen persönlichen Verhältnissen wußte, als ihm im Augenblick lieb war.

»Wenn ich wette, so geht das meinen Geschäftsfreund gar nichts an«, fuhr er zornig auf. »Ich habe Ihnen eben eine faire und offene Sportwette angetragen. Wenn Sie nicht annehmen wollen – nun ja . . .«

Er zuckte die Schultern.

»Oh, wenn Sie wollen, nehme ich die Wette auch an«, erwiderte Horace, wandte sich dann aber wieder an Mary.

»Was will denn Gresham?« fragte Verlond hämisch, als er den Verdruß des Baronets sah.

»Ich wußte nicht, daß Sie Freunde sind«, sagte Sir Isaac. »Wo haben Sie ihn denn kennengelernt?«

»Wo man die meisten unliebsamen Bekanntschaften macht – im Rennclub. Aber der ganze Rennbetrieb wird jetzt so verdammt vornehm, Ikey, daß ein wirklicher Rennwetter von altem Schrot und Korn kaum noch zu treffen ist. Als ich das letztemal zum Rennen ging, war ich sehr enttäuscht. Der Teesalon war gesteckt voll, so daß man kaum die Türen öffnen konnte. Aber draußen war es trostlos leer. Pferderennen gehen in England vor die Hunde, Ikey.«

Er war nun bei seinem Lieblingsthema angekommen. Sir Isaac fühlte sich wenig behaglich, denn man konnte den Lord schwer ablenken, wenn er in Erinnerungen schwelgte.

»Heutzutage kann man überhaupt nicht mehr wetten wie früher«, fuhr der Lord fort. »Einmal habe ich fünftausend Pfund auf ein Pferd gesetzt, bei zwanzig zu eins, ohne daß sich nachher die Quote auch nur im geringsten änderte. Wo kann man das heute noch machen?«

»Wir wollen ein wenig Spazierengehen«, sagte Mary. Lord Verlond war so in seine Anklagen gegen den modernen Rennbetrieb vertieft, daß er gar nicht merkte, wie sich die beiden jungen Leute erhoben und fortgingen.

Sir Isaac sah es wohl und hätte den Redefluß des Lords gern unterbrochen; aber er unterließ es, weil er die schlechte Stimmung und die bissigen Worte des alten Mannes fürchtete.

*

»Es ist mir unbegreiflich, daß sich Ihr Onkel mit einem solchen Menschen überhaupt abgeben mag«, sagte Horace.

Mary lächelte.

»Ich bin nicht besonders erstaunt darüber, daß er zu ihm hält«, erwiderte sie trocken. »Onkels Geduld mit zweifelhaften Leuten ist sprichwörtlich.«

»Mir gegenüber ist er nicht sehr zuvorkommend.«

»Sie haben sich eben in der Gesellschaft noch nicht genügend unbeliebt gemacht«, meinte sie lachend. »Sie müssen sich erst mit allen anderen Menschen überworfen und verfeindet haben, bevor er sie schätzt.«

»Das ist aber doch nicht meine Art, nicht wahr?«

Sie wurde ein wenig rot.

»Nein, ich glaube, nicht«, sagte sie und sah ihn unter halbgeschlossenen Lidern hervor von der Seite an. »Ich bin überzeugt, daß Sie ein sehr netter und liebenswürdiger junger Mann sind. Sie müssen viele gute Freunde haben. Ikey dagegen hat sehr seltsame Bekanntschaften. Er speiste neulich in einem Lokal mit einem ganz unmöglichen Menschen – kennen Sie ihn vielleicht?«

»Es tut mir leid, ganz unmögliche Menschen kenne ich überhaupt nicht«, entgegnete er prompt.

»Es war ein gewisser Oberst Black.«

Er nickte. »Ich habe von ihm gehört.«

»Wer ist denn das eigentlich?«

»Ein Oberst.«

»Von der Armee?«

»Nicht von der englischen«, erwiderte Horace lächelnd. »In Amerika gibt es viele Höflichkeitstitel, und er ist – nun ja, er ist mit Sir Isaac befreundet . . .«

»Daraus kann ich nur entnehmen, daß er keinen besonders guten Charakter haben wird.«

Er sah sie dankbar an.

»Ich bin so froh, daß Sie das gesagt haben. Ich fürchtete schon –« Wieder machte er eine Pause.

»Was fürchteten Sie?«

Sie hatte den sonst so selbstsicheren Horace Gresham noch nie in solcher Verlegenheit gesehen.

»Nun ja – ich meine«, fuhr er ein wenig zusammenhanglos fort, »man hört allerhand Gerüchte. Ich weiß, daß er ein häßlicher Mensch ist, und ich weiß, wie gut und lieb Sie sind – Mary, ich liebe Sie mehr als alles andere auf der Welt!«

Sie wurde blaß, und ihre Hand zitterte. Sie hatte niemals gedacht, daß ihr jemand inmitten einer großen Menschenmenge eine Liebeserklärung machen könne. Die unerwartete Situation machte sie sprachlos und verwirrt. Sie schaute ihn an. Auch er war bleich geworden.

»Das hätten Sie nicht tun sollen«, sagte sie dann leise, »so am frühen Morgen . . .«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.