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Die drei von Cordova

Edgar Wallace: Die drei von Cordova - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/wallacee/3cordova/3cordova.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie drei von Cordova
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun13. Auflage
translatorRavi Ravendro
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
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2

Die Firma Black & Gram genoß in der Londoner City ein gewisses Ansehen. Was Gram betraf, so war er ein Mensch ohne Tadel – ein edelmütiger Mann und ein großzügiger Wohltäter. Aber Black beklagte sich mit einiger Entrüstung, daß Gram ihn durch seine verrückte Freigebigkeit eines Tages noch ruinieren werde.

Gram erlaubte seinem guten Herzen, seinen Verstand zu regieren; er war zu weich und nachgiebig als Geschäftsmann. In der City beurteilte man Gram daher skeptisch; man verglich ihn mit einer gutmütigen alten Dame. Aber Black kümmerte sich nicht weiter darum, sondern lächelte nur geheimnisvoll zu all den Anzüglichkeiten, die er zu hören bekam, und fuhr fort, über seinen Kompagnon zu klagen. Er mißbilligte Grams offensichtliche Anstrengungen, trotz der vielen Gerüchte, die über Oberst Black im Umlauf waren, für einen guten Ruf der Firma zu sorgen.

Diesen Titel hatte sich Black selbst beigelegt, obgleich er in der Rangliste des Heeres nicht geführt wurde. Auch in den umfangreichen Verzeichnissen von Ehrentiteln der amerikanischen Armee fand man seinen Namen nicht.

Die Firma Black & Gram hatte sich ursprünglich auf den Handel mit Effekten und Aktien beschränkt. Sie empfahl ihren Kunden bestimmte Papiere, und die Leute kauften oder verkauften je nach dem Rat, den die Firma gab. Nach einer gewissen Zeit erhielten sie dann von Black & Gram ein höfliches Schreiben, worin bedauert wurde, daß ihr bei der Firma hinterlegter Betrag erschöpft sei. Gleichzeitig wurden die Kunden dringend aufgefordert, ihre Verbindlichkeiten, die auf nicht näher erklärte Weise entstanden waren, so schnell wie möglich zu regeln.

Aus diesen bescheidenen Anfängen erwuchs eine Firma, die es noch zu bedeutender Größe bringen sollte. Gram trat aus. Er war überhaupt niemals Teilhaber gewesen – um die Wahrheit zu sagen. Manche bezweifelten sogar, daß dieser Mann wirklich existiert hatte. Aber Black war jedenfalls weiter erfolgreich, und sein Name erlangte in gewissen Kreisen einen fast magischen Klang.

In anderen Gesellschaftskreisen wurde er allerdings niemals erwähnt, und die großen Finanzleute der City, die Faring, die Wertheimer, die Scott-Teason, hatten von seiner Existenz vielleicht keine Kenntnis genommen. Sie betrieben ihre Geschäfte vornehm und zurückhaltend, verliehen ihre Millionen zu einem lächerlich geringen Zinssatz, legten Anleihen auf, finanzierten große staatliche Unternehmungen, kauften Goldvorräte. Um elf Uhr vormittags wurden diese wirklich großen Herren in ihren eleganten Autos zur Threadneedle Street gebracht, und um vier Uhr nachmittags wurden sie wieder abgeholt.

Natürlich lasen sie in der Presse von Oberst Black, denn an manchen Tagen waren die Handelsteile der Zeitungen voll von Berichten über seine Geschäfte. Sie erfuhren von seinen außerordentlich großen Umsätzen am Effektenmarkt, von seinen Engagements in argentinischen Elektrizitätspapieren, von seinen Gummiplantagen und seinen kanadischen Kupferminen, aber sie drückten weder Zustimmung noch Mißbilligung aus. Sie betrachteten diesen Mann mit demselben leidenschaftslosen Interesse, das eine große, schwere Schnellzuglokomotive für ein kleines, leichtes Auto zeigen würde.

Als Oberst Black diesen Finanzgrößen an einem denkwürdigen Tag einen Plan unterbreitete, der großen Gewinn versprach, antworteten sie nur, sie seien zu ihrem Bedauern nicht in der Lage, ›auf die interessanten Ausführungen Oberst Blacks näher einzugehen‹. Etwas bestürzt und verärgert wandte er sich an einen großen amerikanischen Konzern, denn er mußte in seinen Prospekten unbedingt klangvolle Namen vorweisen können, wenn er erfolgreich sein wollte. Die Amerikaner sind doch tüchtige Geschäftsleute, dachte Oberst Black und machte ihnen Angebote, die in ihrer Form sehr verlockend, im Grunde aber unverschämt waren. Er mußte nicht lange auf Antwort warten.

›Sehr geehrter Herr‹, schrieb man ihm – es handelte sich um eine dieser amerikanischen Firmen, die Millionenobjekte bearbeiten, ohne sich in der Art ihrer Korrespondenz irgendwie verbindlich zu zeigen –, ›wir haben Ihre Vorschläge aufs genaueste überprüft und sind fest überzeugt, daß Sie bei der Durchführung derartiger Geschäfte viel verdienen; es erscheint uns jedoch weniger sicher, daß wir in gleichem Maß dabei profitieren würden.‹

*

Eines Nachmittags kam Black nach London zurück, um einer Aufsichtsratssitzung beizuwohnen. Er war einige Tage auf dem Lande gewesen, um neue Kräfte für den bevorstehenden Kampf zu sammeln, wie er den übrigen Sitzungsteilnehmern halb zynisch, halb humorvoll mitteilte.

Er war ein breitschultriger Mann von mittlerer Größe. Sein hageres Gesicht hatte eine bleiche Farbe, die ins Gelbliche spielte. Aber nicht nur dieser eigentümliche gelbliche Teint, die geraden schwarzen Augenbrauen, die dünnen, zusammengekniffenen Lippen waren auffallend, sondern die ganze Persönlichkeit Oberst Blacks prägte sich unvergeßlich ein.

In seinem Wesen lag etwas Hastiges, fast Abruptes; seine Antworten waren mitunter verletzend und schroff. Wenn er eine Entscheidung getroffen hatte, so war sie endgültig. Obwohl die Finanzgrößen der City nichts von ihm wissen wollten, kannten ihn doch viele Leute, ja sein Name war eigentlich in ganz England populär. Es gab kaum einen Ort, nach dem er nicht schon Aktien verkauft hätte. Die kleinen Börsenspekulanten hörten auf ihn, und wenn er Aktien zur Emission brachte, so wurden sie doppelt überzeichnet. Fünf Jahre zuvor hatte er als ein fast Unbekannter begonnen, und es war ihm gelungen, sich in dieser kurzen Zeitspanne zu solcher Höhe emporzuarbeiten.

Pünktlich auf die Minute betrat er den Sitzungssaal, der zu seinen Geschäftsräumen in der Moorgate Street gehörte.

Die Sitzung drohte recht stürmisch zu werden. Wieder einmal handelte es sich um eine Fusion, und wieder einmal hatte der Führer einer beteiligten Gruppe von Eisenmagnaten allen Drohungen und Schmeicheleien Blacks widerstanden.

»Die anderen geben ja nach«, sagte der große, kahlköpfige Fanks. »Sie versprachen uns doch, daß Sie Sandfords Widerstand brechen würden.«

»Ich werde mein Versprechen auch halten«, erwiderte Black.

»Widdison wehrte sich damals auch, aber dann starb er«, fuhr Fanks fort. »Wir können nicht erwarten, daß die Vorsehung uns immer hilft.«

Black runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen zusammen.

»Solche Scherze liebe ich nicht! Sandford ist ein eigensinniger Mann; man muß sehr behutsam und vorsichtig mit ihm umgehen. Überlassen Sie das nur mir.«

Nach dieser etwas lahmen Erklärung Blacks vertagte sich die Versammlung. Als der Oberst den Sitzungssaal verlassen wollte, winkte ihn Fanks zu sich heran.

»Ich habe gestern einen Herrn getroffen, der Ihren Freund Doktor Essley in Australien gekannt hat.«

»So?«

Oberst Blacks Gesichtszüge verrieten keinerlei Erregung.

»Ja, er lernte ihn in seiner ersten Zeit dort kennen und fragte mich, wo er ihn hier treffen könne.«

Black zuckte die Schultern.

»Essley ist im Ausland, soviel ich weiß. – Sie können ihn doch nicht leiden?«

Augustus Fanks schüttelte den Kopf.

»Ärzte, die ihre Krankenvisiten mitten in der Nacht machen, die man niemals finden kann, wenn man sie braucht, und die ständig ins Ausland verreisen, sind mir nicht sonderlich sympathisch.«

»Doktor Essley ist ein vielbeschäftigter Mann«, entschuldigte ihn Black. »Wo wohnt eigentlich Ihr Freund?«

»Er ist nicht mein Freund. Es ist ein gewisser Weld, der in London eine Konzession zum Verkauf anbieten will. Er wohnt zur Zeit im ›Hotel Valet‹ in Bloomsbury.«

»Ich werde es Essley mitteilen, wenn er zurückkommt«, entgegnete Black.

*

Nachdenklich kehrte er in sein Privatbüro zurück. In der letzten Zeit ging alles verkehrt. Obwohl er in dem Ruf stand, viele Millionen zu besitzen, befand er sich doch in derselben Lage wie mancher andere Finanzmann: Sein Vermögen stand eigentlich nur auf dem Papier. Er hatte zwar die größten Finanztransaktionen durchgeführt, aber das hatte auch ungeheure Mittel verschlungen. Millionen waren durch seine Hände gegangen, für ihn selbst war jedoch kaum etwas geblieben. Merkwürdige Widersprüche vereinigten sich in ihm: Obwohl er verbrecherische Anlagen hatte, arbeitete er doch mit einwandfreien Methoden. Seine Pläne waren in finanzieller Hinsicht durchaus logisch und gesund, aber es hatte ihn fast übermenschliche Anstrengungen gekostet, sie durchzusetzen.

Ein Klopfen weckte ihn aus seinen unerfreulichen Gedanken. Gleich darauf trat Fanks ein.

Black runzelte die Stirn, aber der andere nahm sich ohne Aufforderung einen Stuhl und setzte sich.

»Ich möchte einmal ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Black«, begann er.

»Fassen Sie sich so kurz wie möglich.«

Fanks nahm eine Zigarre aus seinem Etui und steckte sie an.

»Sie hatten einen wunderbaren Aufstieg, Oberst. Ich kann mich noch auf die Zeit besinnen, als Sie in einem obskuren kleinen Geschäft als Börsenmakler anfingen. – Ich meine damit nichts Abschätziges«, sagte er schnell, als er sah, daß Blacks Züge sich verfinsterten. »Jedenfalls waren Sie ein Makler, der keinen Zutritt zur Börse hatte. Sie hatten so einen Menschen – ich meine, einen unerfahrenen Partner, der Ihnen das Geld besorgte.«

»Ja.«

»Das war doch wohl dieser geheimnisvolle Mr. Gram, wie?«

»Sein Nachfolger. – An Gram war übrigens nichts Geheimnisvolles.«

»Ein gewisser Mr. Flint?«

»Ja.«

»Starb der nicht ganz plötzlich?«

»Ich glaube«, erwiderte Black schroff.

»Wieder ein Akt der Vorsehung«, sagte Fanks langsam. »So kamen Sie in den Alleinbesitz der Firma. Sie verlegten sich dann auf die Gründung von Gesellschaften, erwarben große Gummiplantagen und hatten Erfolg damit. Die Sache schlug ein. Nachher haben Sie eine Zinnminengesellschaft oder etwas Ähnliches gegründet. – Auch damals ereignete sich ein Todesfall.«

»Ja, ich glaube, es war einer der Direktoren – ich habe seinen Namen vergessen.«

Fanks nickte.

»Er hätte die Gründung verhindern können – er drohte mit seinem Rücktritt und wollte einige Ihrer Geschäftsmethoden bekanntgeben.«

»Er war ein starrköpfiger, eigensinniger Mensch.«

»Und da starb er.«

»Ja – er starb.«

Fanks sah den Oberst bedeutungsvoll an.

»Doktor Essley behandelte ihn.«

»Da haben Sie recht.«

»Und er starb.«

Black beugte sich vor.

»Was wollen Sie denn damit sagen? Bringen Sie etwa meinen Freund damit in Zusammenhang?«

»Ich wollte nur bemerken, daß die Vorsehung Ihnen einigermaßen zu Hilfe gekommen ist. All Ihre großen Erfolge treffen irgendwie mit dem Tod beteiligter Leute zusammen. – Auch mir haben Sie Doktor Essley einmal geschickt.«

»Sie waren krank.«

»Das stimmt«, entgegnete Fanks grimmig, »aber ich machte Ihnen damals auch allerhand zu schaffen.« Er klopfte die Asche seiner Zigarre in eine Bronzeschale. »Black, ich bin zu einem Entschluß gekommen. Ich werde meine sämtlichen Aufsichtsratsposten bei Ihren Gesellschaften niederlegen.«

Der Oberst lachte mißvergnügt.

»Lachen Sie meinetwegen, aber ich will kein Geld haben, das um einen zu teuren Preis erworben ist.«

»Mein Lieber, Sie können jederzeit von Ihren Posten zurücktreten. Aber darf ich Sie fragen, ob Ihr außergewöhnlicher Verdacht von anderen Leuten geteilt wird?«

»Im Augenblick noch nicht.«

Sie schauten, einander einige Zeit schweigend an.

»Ich möchte ordnungsgemäß ausscheiden«, sagte Fanks dann. »Den Wert meiner Anteile schätze ich auf etwa hundertfünfzigtausend Pfund – ich biete sie Ihnen zum Kauf an.«

»Sie setzen mich in Erstaunen.«

Black öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und nahm eine kleine grüne Flasche und eine Feder heraus.

»Der arme Essley«, meinte er lächelnd. »Er reist in Spanien herum und will die Geheimnisse der maurischen Parfüme kennenlernen. Wenn er wüßte, was Sie von ihm denken, würde er völlig fassungslos sein.«

»Es ist besser, daß Essley die Fassung verliert, als daß ich mein Leben verliere. – Was haben Sie da eigentlich?«

Der Oberst entkorkte die Flasche und tauchte die Feder ein. Dann zog er sie wieder heraus und hielt sie dicht an seine Nase.

»Was ist das?« fragte Fanks neugierig.

Statt einer Antwort hielt ihm Black die Feder hin.

»Ich kann nichts riechen«, sagte Fanks.

Blitzschnell senkte Black die Feder und berührte die Lippen des anderen.

Mit einem Aufschrei stürzte Fanks zu Boden und rührte sich nicht mehr.

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