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Die drei von Cordova

Edgar Wallace: Die drei von Cordova - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/wallacee/3cordova/3cordova.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie drei von Cordova
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun13. Auflage
translatorRavi Ravendro
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111024
modified201604124
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19

Doktor Essleys Haus stand leer. Und obwohl die wenigen Möbel nicht fortgeschafft worden waren, machte das Haus mit den geschlossenen Fensterläden und den lange nicht gereinigten Treppenstufen einen verlassenen und trostlosen Eindruck.

Wilde Gerüchte hatten sich in der kleinen Vorstadt verbreitet. Wenn sie auf Wahrheit beruhten, mußten sie mit Recht die allgemeine Entrüstung hervorrufen.

›Doktor‹ Essley sollte seine Praxis ausgeübt haben, ohne dazu berechtigt gewesen zu sein. Es sollte ein Betrug der schlimmsten Art vorliegen, denn man raunte sich zu, daß er sich Namen, Titel und Beruf eines Toten angeeignet habe.

»Ich weiß nur«, erklärte Oberst Black einem Reporter, der ihn in seinem Büro aufsuchte, »daß ich Doktor Essley in Australien traf und daß seine Tüchtigkeit großen Eindruck auf mich machte. – Und ich muß sagen«, fügte er freimütig hinzu, »daß ich in gewisser Weise für seine Stellung hier in England verantwortlich bin, denn ich habe ihm nicht nur das Geld geliehen, eine Praxis zu eröffnen, sondern ich habe ihn auch all meinen Freunden empfohlen. Sie können sich wohl denken, wie schwer mich diese Enthüllungen treffen.«

Den jetzigen Aufenthaltsort des ›Doktors‹ konnte er nicht angeben. Er sagte, er habe ihn zuletzt vor etwa einem Monat gesehen, und damals habe Essley davon gesprochen, daß er nach Frankreich reisen wollte.

Mehr erzählte Oberst Black auch den Kriminalbeamten nicht, die von Scotland Yard kamen und ihm hartnäckig zusetzten. Sie schienen überhaupt nicht müde zu werden, ihn zu besuchen. Am Eingang seines Büros warteten sie auf ihn, sie näherten sich ihm in den Vestibülen der Theater und an den Portalen der Banken. Sie erschienen so häufig, als ob sie Vertreter einer Firma wären, der Black Geld schuldete.

Der Oberst hatte die kurze Zeit gut genützt. Er saß allein in seiner Wohnung und war in guter Stimmung. Es war ihm gelungen, eine große Geldsumme zusammenzubringen. Daß dieses Geld weder ihm gehörte noch ihm zustand, kümmerte ihn wenig. Es genügte ihm, daß es Geld war und daß er es in der Tasche trug. Auch die Gewißheit, daß er zu jeder Tages- und Nachtzeit telefonisch em Auto herbeirufen konnte, gab ihm ein sicheres Gefühl. Der Wagen würde ihn rasch nach Folkestone bringen. Und vor allem: Er lebte noch.

Die Rache dieses Bundes, der sich gegen Doktor Essley verschworen hatte, war an Black vorübergegangen – er bildete sich wirklich ein, daß eine graue Perücke, ein paar buschige Augenbrauen und einige medizinische Kenntnisse die klugen Männer getäuscht hatten, die nach England gekommen waren, um ihn zu verfolgen.

Aber dieser teuflische Fellowe, der wie durch Zauber plötzlich auftauchte und wieder verschwand, beunruhigte, ja, erschreckte ihn. Fellowe gehörte nicht zu den ›Vier Gerechten‹, das sagte ihm sein Gefühl. Fellowe war Beamter.

Sergeant Gurden, der Black manchen nützlichen Dienst geleistet hatte, war plötzlich in einen entlegenen Bezirk versetzt worden, ohne daß jemand den näheren Grund erfahren hätte. Mit ihm zusammen war der junge Frank Fellowe verschwunden, aber den hatte man später beobachtet, wie er mit hohen Regierungsbeamten ganz öffentlich speiste.

Black hatte allen Grund, sich unsicher zu fühlen, aber er war trotzdem von einer gewissen boshaften Freude erfüllt. Er war im Augenblick damit beschäftigt, die wenigen Papiere zu verbrennen, die er noch bei sich trug.

Er leerte eine alte Brieftasche und runzelte die Stirn, als er den Inhalt sah. Obenauf lag eine Schlafwagenkarte für die Reise von Paris nach Madrid, die auf den Namen ›Doktor Essley‹ ausgestellt war. Eine unverzeihliche Nachlässigkeit, daß er diesen Schein noch nicht vernichtet hatte! Es hätte zu den schlimmsten Konsequenzen führen können. Er verbrannte das Papier und zerstampfte die Asche, bevor er sie in den Kamin warf.

Die Dunkelheit brach herein, ehe er seine Vorbereitungen beendet hatte, aber er machte keine Anstalten, das Licht einzuschalten. Sein Anzug für die Reise lag nebenan, seine Koffer standen gepackt.

Er schaute auf die Uhr. In einer halben Stunde würde er auf dem Weg zu Sandford sein. Es war ein riskanter Schritt, den nur ein Wahnsinniger unternehmen konnte. Das sagte er sich selbst, aber er überdachte die Folgen, die dieser letzte Besuch haben konnte, mit Kaltblütigkeit.

Er ging in das nächste Zimmer und begann sich umzuziehen, erinnerte sich aber plötzlich, daß er ein Paket Banknoten auf dem Schreibtisch hatte liegenlassen, und ging zurück. Er fand das Geld auch und wollte gerade umkehren, als er ein Knipsen hörte und der Raum plötzlich hell erleuchtet war.

Fluchend drehte er sich um, seine Hand fuhr an die Hüfttasche.

»Rühren Sie sich bitte nicht«, sagte der Eindringling ruhig.

»Was – Sie sind es?« rief Black atemlos.

Der große, schlanke Mann mit dem kleinen Spitzbart nickte.

»Nehmen Sie ihre Hand von der Hüfttasche, Oberst. Es besteht keine unmittelbare Gefahr für Sie.«

Der Fremde war unbewaffnet.

»De la Monte«, stammelte Black.

Der andere nickte.

»Das letztemal trafen wir uns in Cordova, aber Sie haben sich seitdem etwas verändert.«

Black zwang sich zu einem Lächeln.

»Sie verwechseln mich anscheinend mit Doktor Essley.«

»Ja, das stimmt. Aber ich glaube, eine derartige Verwechslung ist vollkommen berechtigt. Essley oder Black«, sagte er dann fest, »Ihr Tag geht zur Neige, und die Nacht zieht herauf.«

Ein kalter Schauer überlief Black. Er versuchte zu sprechen, aber Kehle und Mund waren ihm trocken.

»Heute abend – jetzt?« sagte er mit leiser, fast krächzender Stimme. Seine Hände zitterten wie Espenlaub. Aber er war doch bewaffnet – der Fremde dagegen hatte keine Pistole. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Ein schneller Griff in seine Hüfttasche, und das Schreckgespenst, das ihn terrorisierte, war erledigt. Er zweifelte nicht, daß er einem der ›Vier Gerechten‹ gegenüberstand. Aber er war wie gebannt und vermochte nicht, seine Pistole zu ziehen. Das kühle Selbstvertrauen dieses Mannes hatte ihn gleichsam hypnotisiert. Er hatte nur den einen Wunsch, daß dieser gelassene Fremde sich wieder entfernte. Er fühlte sich wie in einen Schraubstock eingezwängt und sah keinen Ausweg und kein Entkommen.

Der andere schien Blacks Gedanken zu erraten.

»Ich habe Ihnen nur einen Rat zu geben«, sagte er. »Gehen Sie heute abend nicht zu Sandfords Dinner.«

»Warum . . . warum?« stotterte Black.

Der Fremde ging zum Kamin und klopfte dort die Asche seiner Zigarette ab.

»Weil Sie dann dem Gericht der ›Vier Gerechten‹ verfallen sind, die unschuldige Menschen vor Verrat und Gefahren schützen, wie Ihnen vielleicht bekannt ist. – Andernfalls . . .«

»Ja, was meinen Sie mit ›andernfalls‹?«

». . . sind Sie dem Gesetz ausgeliefert, Oberst Black. Denn in diesem Augenblick hat ein hoher Polizeibeamter einen Haftbefehl gegen Sie beantragt, da Sie unter Mordverdacht stehen.«

Manfred wandte sich um und ging langsam zur Tür.

»Halt!« schrie Black. Er hatte die Pistole in der Hand und zitterte vor Angst und Wut.

Manfred lachte. Er blieb nicht stehen, sondern sah nur über die Schulter zurück.

»Schuster, bleib bei deinem Leisten!« sagte er. »Gift, mein lieber Oberst, ist Ihre Waffe – oder ein Dolch wie neulich bei Jakobs. Der Knall einer Pistole ist nichts für Ihre Nerven.«

Er öffnete die Tür und verließ den Raum.

Black sank in den nächsten Sessel. Seine Lippen bebten, und kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Das war das Ende, seine Kraft war gebrochen. Er ging zum Telefon und wählte eine Nummer. Nach kurzer Zeit erhielt er Antwort.

Ja, der Wagen stand für ihn bereit. Die Polizei hatte noch keine Nachforschungen angestellt. Nacheinander rief er sechs verschiedene Garagen an, bei denen man Autos mieten konnte. Überall gab er den gleichen Auftrag, zwei Wagen für ihn bereitzuhalten, die den Weg fünfzig Kilometer zur Küste zurücklegen konnten, ohne nachtanken zu müssen. Nur den Platz, wo sie warten sollten, wechselte er bei jeder Bestellung.

»Ich werde den einen Wagen benützen, der andere fährt dicht hinter mir her. – Ja, leer. Ich muß in Dover mehrere Leute abholen.«

Er wollte sich nicht der Gefahr einer Panne aussetzen. Der zweite Wagen mußte in der Nähe sein, falls dem ersten ein Unfall zustoßen sollte.

Auch in diesem Augenblick war er noch ein guter Organisator. In der kurzen Zeit am Telefon hatte er die Halteplätze der Autos so disponiert, daß er stets zwei Wagen bereit fand, nach welcher Richtung er auch fliehen mußte.

Er vollendete seine Toilette für den Abend. Statt der Furcht beseelte ihn jetzt brennender Haß gegen den Mann, der seiner Laufbahn ein so plötzliches Ende bereitet hatte. Aber am meisten war ihm Sandford verhaßt, der ihn hätte retten können.

Er beachtete die Warnung der ›Vier Gerechten‹ nicht – er würde auch den Kampf mit der Polizei aufnehmen. Merkwürdigerweise fürchtete er die Polizei am allerwenigsten.

Jetzt war noch der letzte Schlag zu führen – er wollte den Mann tödlich treffen, dessen Widerstand ihn ruiniert hatte.

Zorn und Wut raubten ihm jede vernünftige Überlegung, er dachte nur noch an seinen Racheplan. Er ging in sein Zimmer, schloß den Schrank auf und nahm die kleine grüne Flasche heraus. Die Feder brauchte er heute abend nicht. Heute wollte er ganze Arbeit tun.

Nachdem er das Geld sorgfältig in verschiedenen Taschen untergebracht hatte, steckte er die Flasche in die Westentasche. Er sah sich noch einmal in dem Raum um, und ein schadenfrohes Leuchten lag in seinen Augen. Dann setzte er entschlossen den Hut auf, nahm seinen Mantel über den Arm und ging fort.

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