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Die drei von Cordova

Edgar Wallace: Die drei von Cordova - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/wallacee/3cordova/3cordova.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie drei von Cordova
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun13. Auflage
translatorRavi Ravendro
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111024
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14

Black sah nun, daß sich das Netz um ihn immer enger schloß. Er wußte nicht, welche geheimnisvollen Einflüsse am Werke waren, aber Tag für Tag hatte er entdecken müssen, daß seine Pläne auf alle mögliche Art und Weise durchkreuzt wurden. Immer neue Hindernisse hatten ihm den Weg versperrt. Er hatte sich daher entschlossen, jetzt eine Schlußabrechnung zu machen.

Als er zum Rennen ging, wurde er durch die lauten Stimmen der Buchmacher in die Wirklichkeit zurückgerufen. Der ganze Rennplatz war in großer Aufregung.

Dicht neben ihm rief jemand: »Sieben zu eins! ›Nemesis‹ sieben zu eins!«

Black verstand genug vom Rennen, um zu wissen, daß mit dem Favoriten etwas nicht in Ordnung war. Kurz darauf traf er einen Buchmacher, den er oberflächlich kannte.

»Welches Pferd hat Ihrer Meinung nach Chancen?« fragte er.

»›Timbolino‹«, war die kurze Antwort.

Er ging weiter und traf Sir Isaac Tramber dicht an der Barriere. Der Baronet sah bleich und aufgeregt aus.

»Wodurch ist denn Ihr Pferd plötzlich wieder so stark in den Vordergrund gerückt?«

»Ich habe erneut darauf gesetzt.«

»Was, Sie haben noch mehr gewettet?«

»Ja, ich mußte doch etwas tun!« erwiderte Sir Isaac wild. »Wenn ich verliere, dann verliere ich mehr, als ich zahlen kann. Ob die Summe größer oder kleiner ist, darauf kommt es nicht mehr an. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich erledigt bin, wenn das Pferd nicht gewinnt, es sei denn, daß Sie noch etwas für mich tun können. Und Sie helfen mir doch, Black, alter Sportsmann?« fragte er drängend. »Es hat ja doch keinen Zweck, daß wir beide Geheimnisse voreinander haben. Wir müssen doch zusammenhalten.«

Black sah ihn fest an. Wenn ›Timbolino‹ verlor, hatte er den Mann noch fester in der Hand, und er konnte dann mit noch größerem Vorteil von seinem Namen und seiner gesellschaftlichen Stellung Gebrauch machen.

»Wenn nur dieser schreckliche Verlond nicht so gemein wäre«, fuhr Sir Isaac fort. »Er hat das Mädchen direkt gegen mich aufgehetzt – sie behandelt mich, als ob ich Luft für sie wäre. Und ich dachte, es wäre alles schon in Ordnung. Ich habe auch nur so hoch gewettet, weil ich hoffte, ihr Geld zu bekommen.«

»Was ist denn vorgefallen?«

»Ich traf sie eben hier und hatte eine klare Aussprache mit ihr. Aber sie war einfach eiskalt und wies mich glatt ab. Scheußlich unangenehm!«

In diesem Augenblick ging eine Bewegung durch die Menge. Über die Köpfe der Leute hinweg sahen sie die bunten Mützen der Jockeis, die zum Start ritten.

Sir Isaac hatte es sorgfältig vermieden, in die Nähe des Sattelplatzes zu gehen, nachdem er einen Blick auf sein Pferd geworfen hatte. Horace dagegen überwachte bis zum letzten Augenblick persönlich die Behandlung von ›Nemesis‹. Er sah nach, ob die Gurte richtig angezogen waren, kontrollierte das Zaumzeug und gab dem Jockei letzte Instruktionen. Er schaute der Stute noch prüfend nach, als sie weggeführt wurde, und wandte sich dann zu den Tribünen.

»Einen Augenblick, Gresham«, rief ihn Lord Verlond an, der hinter ihm herkam. »Glauben Sie, daß Ihr Pferd gewinnen wird?«

»Ja, jetzt bin ich davon überzeugt. Ich habe wirklich Vertrauen.«

»Glauben Sie auch«, fragte der Lord langsam weiter, »daß ›Timbolino‹ den ersten Platz belegt, wenn ›Nemesis‹ nicht gewinnt?«

Horace sah ihn verwundert an.

»Ja, das glaube ich wohl«, erwiderte er dann ruhig.

Es entstand eine Pause. Lord Verlond fuhr mit der Hand mehrmals wie geistesabwesend über sein glattrasiertes Gesicht.

»Wenn ich Sie nun bäte, Ihr Pferd zurückzuhalten, so daß es nicht gewinnt?« fragte er scheinbar gleichgültig.

Gresham wurde plötzlich feuerrot.

»Sie scherzen, Lord Verlond«, sagte er kalt.

»Ich scherze nicht, ich spreche zu Ihnen als Ehrenmann und erwarte, daß Sie mein Vertrauen respektieren. Nehmen wir an, ich würde Sie allen Ernstes bitten, ›Nemesis‹ durch Ihren Jockei zurückhalten zu lassen – würden Sie das tun?«

»Nein, auf gar keinen Fall. Aber ich kann nicht verstehen –«

»Lassen wir die Frage, ob Sie es verstehen oder nicht, ruhig beiseite.« Lord Verlond verfiel wieder in seinen alten scharfen Ton. »Wenn ich Sie nun bäte und Ihnen als Belohnung dafür die Erfüllung Ihres heißesten Wunsches in Aussicht stellte – würden Sie es dann tun?«

»Nein, um keinen Preis der Welt«, entgegnete Horace ernst.

Ein bitteres Lächeln spielte um den Mund des alten Mannes.

»Ich verstehe.«

»Aber ich kann nicht begreifen, warum Sie diese Frage an mich gestellt haben.« Horace war bestürzt und verwirrt. »Sie wissen doch sicher –«

»Ich weiß nur, daß Sie denken, ich wollte Sie veranlassen, Ihr Pferd zurückzuhalten, weil ich auf das andere gesetzt hätte«, sagte der Lord mit einem leichten Lächeln. »Ich möchte Ihnen raten, auf Ihre Redlichkeit nicht so stolz zu sein«, fügte er unhöflich hinzu, obwohl er immer noch lächelte. »Es könnte Ihnen in einigen Tagen leid tun, daß Sie meine Bitte nicht erfüllt haben.«

»Wenn Sie mir sagen wollten –«, begann Horace.

Die plötzliche Zumutung des Lords, der bei all seinen Fehlern doch ein echter Sportsmann war, hatte ihn sprachlos gemacht.

»Ich werde Ihnen nichts sagen – weil ich Ihnen überhaupt nichts zu sagen habe.«

Horace stieg ihm voraus die Treppe zu den Tribünen hinauf, Er war im Innersten aufgewühlt durch das ungewöhnliche Verhalten des alten Herrn. Er kannte ihn zwar als einen exzentrischen Mann; er wußte auch, daß Verlond in dem Ruf stand, ein schlechter Mensch zu sein, obgleich es keinen Beweis dafür gab. Aber selbst in den Augenblicken, in denen Horace am wenigsten freundlich von dem Lord dachte, wäre ihm nicht im Traum eingefallen, daß dieser alte Schuft – so nannte er ihn jetzt – ihn ernsthaft darum bitten könnte, sein Pferd zurückzuhalten. Es war einfach undenkbar. War Lord Verlond nicht früher Leiter verschiedener großer Rennen gewesen, und besaß er nicht die Mitgliedschaft eines der ersten Rennclubs der Welt?

Er bahnte sich seinen Weg bis nach oben, wo er Lady Mary erblickte.

»Du siehst bedrückt aus«, sagte sie, als er an ihre Seite trat. »Hast du dich über Onkel geärgert?«

»Nein«, erwiderte er ungewöhnlich schroff und kurz.

»Oder hat dein gutes Pferd Kopfschmerzen bekommen?« fragte sie neckend.

»Ich habe mich an etwas Unangenehmes erinnert«, erwiderte er zusammenhanglos.

Die Pferde waren jetzt alle am Start versammelt.

»Dein Pferd steht in der Mitte«, rief sie ihm zu.

Er nahm seinen Feldstecher und konnte das Schokoladenbraun und das scharfe Giftgrün der Farben seines Jockeis deutlich unterscheiden.

Sir Isaacs Jockei – graue Streifen auf Weiß und eine gelbe Kappe – war ebensogut zu erkennen. ›Timbolino‹ hatte den Platz an der Innenseite gezogen.

Die vierundzwanzig lebhaften, aufgeregten Tiere machten dem Starter viel Mühe. Zehn Minuten lang gingen sie zurück oder auf die Seite oder stießen sich gegenseitig vor den beiden langen Bändern. Er wartete mit musterhafter Geduld, kommandierte, ermahnte und fluchte schließlich, denn er war Schotte, und er hatte nicht den mindesten Respekt vor den Favoriten.

Diese Pause gab Horace die Möglichkeit, seine Gedanken wieder zu sammeln; das sonderbare Ansinnen des Lords, der sich ruhig und gelassen neben ihm unterhielt, hatte ihn ein wenig aus der Fassung gebracht.

Für Sir Isaac Tramber bedeutete die Verzögerung eine fast unerträgliche Steigerung der Spannung. Seine Hände zitterten nervös; er hob den Feldstecher ungeduldig und senkte ihn wieder. Eine grauenhafte Furcht packte ihn, als endlich das Startzeichen gegeben wurde. Das Feld fegte in donnerndem Galopp auf dem Weg zum Ziel die Bahn entlang.

Beim Start ertönten laute Rufe aus der Menge. Alle Gläser richteten sich jetzt auf das Feld. Während der ersten beiden Achtelmeilen gab es keine Distanzen; der Start war glänzend verlaufen. Das Feld näherte sich in einer fast ausgerichteten Linie, aber plötzlich schob sich ein einzelnes Pferd dicht an der Umzäunung etwas weiter vor. Es war ›Timbolino‹.

»Sieht so aus, als ob er gewinnen würde«, sagte Horace mit philosophischer Ruhe. »›Nemesis‹ ist zu sehr eingekeilt.«

Mitten im Rennen suchte der Jockei von ›Nemesis‹ nach einer Lücke. Er war zwischen zwei Pferden eingeklemmt, deren Reiter nicht die geringste Bereitwilligkeit zeigten, ihm freie Bahn zu geben. Das Feld hatte schon den halben Weg hinter sich, als der Jockei die Stute aus dieser Enge herauszog, indem er zurückblieb und um die anderen herumzukommen versuchte.

›Timbolino‹ hatte zwei klare Längen Vorsprung vor ›Colette‹, die eine Länge vor einer Gruppe von fünf Pferden lag. ›Nemesis‹ befand sich an achter oder neunter Stelle, als die Strecke halb zurückgelegt war.

Horace hatte die Stoppuhr in der Hand. Er setzte sie in Gang, als das Feld das vierte Achtelmeilenzeichen passierte, und sah nervös auf das Zifferblatt.

»Das ist ein langsames Rennen«, sagte er dann etwas aufgeregt.

Als ›Nemesis‹ nun freie Bahn hatte, schoß sie aus der Menge vor und war bald dritte, drei Längen hinter ›Timbolino‹.

Der Jockei auf Sir Isaacs Pferd war seiner Sache vollkommen sicher. Bei seinem bevorzugten Platz direkt an der Umzäunung hatte er sich nicht weiter im Sattel gerührt. Jetzt sah er sich um, ob ihm irgendeine Gefahr drohte, und sein erfahrenes Auge erkannte sofort, daß ›Nemesis‹ ihm gefährlich werden konnte, die gleichmäßig und ruhig im Rennen lag.

Hundert Yard vor dem Ziel trieb der Jockei ›Nemesis‹ an, und gleich darauf hatte sie das führende Pferd beinahe eingeholt.

Der Reiter auf ›Timbolino‹ sah die ernste Lage und arbeitete mit Händen und Absätzen. Das willige Pferd gehorchte ihm sofort.

Nun eilten beide Tiere in gleicher Höhe dahin, dem anderen Feld weit voraus. Der Vorteil lag scheinbar auf der Innenseite, aber Horace, der mit Kennerblick von der Tribüne aus alles genau beobachtete, wußte, daß das Pferd in der Mitte die bessere Chance hatte. Er war vor dem Rennen über die Bahn gegangen und hatte festgestellt, daß der Boden dort fester und sicherer war.

›Timbolino‹ antwortete auf die Anstrengungen seines Reiters mit der schärfsten Gangart, und einmal gelang es ihm, kurz vorzustoßen. Der Jockei auf ›Nemesis‹ zückte die Peitsche, aber er gebrauchte sie nicht. Unausgesetzt beobachtete er seinen Gegner, und zwanzig Yard vor dem Ziel trieb er ›Nemesis‹ mit ganzer Gewalt vorwärts.

Auch ›Timbolino‹ gab das Letzte her, und als die beiden Pferde an dem Stand der Zielrichter vorbeiflogen, war nicht zu erkennen, wer gesiegt hatte.

Horace wandte sich mit einem Lächeln zu Lady Mary.

»›Nemesis‹ hat gewonnen!« rief sie. »Nicht wahr, ich habe doch recht?«

Ihre Augen glänzten vor Erregung.

»Ich kann dir leider keine Antwort darauf geben. Sie lagen zu dicht nebeneinander, als daß man es von hier aus entscheiden könnte.«

Er sah zu Sir Isaac hinüber. Das Gesicht des Baronets zuckte nervös, und seine Hand, die den Feldstecher hielt, zitterte wie Espenlaub.

Es gibt einen Mann, der das Ergebnis ängstlicher erwartet als ich, dachte Horace.

In der großen Menge unten hörte man aufgeregtes Gerede. Man wettete schnell und leidenschaftlich um das Resultat, denn die Nummern waren noch nicht aufgezogen worden.

Beide Pferde hatten ihre Parteigänger. Plötzlich erhob sich ein Lärm, der sich zu einem Brüllen steigerte. Der Rennleiter hatte zwei Nullen in dem Rahmen hochziehen lassen. Es war ein totes Rennen!

»Donnerwetter!«

Das war die einzige Bemerkung, die Horace dazu machte. Er eilte, so schnell er konnte, auf die andere Seite der Bahn.

Sir Isaac folgte dicht hinter ihm. Plötzlich ergriff ihn jemand am Arm. Er sah sich hastig um – es war Black.

»Lassen Sie das Rennen wiederholen«, sagte er mit heiserer Stimme. »Es war ein unverhofftes Glück, daß ›Nemesis‹ aufholte. Ihr Jockei hat ja geschlafen! Folgen Sie meinem Rat, und lassen Sie die Entscheidung zwischen den beiden Pferden noch einmal austragen.«

Sir Isaac zögerte.

»Ich bekomme den halben Preis und meine halben Wettgelder«, meinte er nachdenklich.

»Holen Sie sich doch das Ganze. Nur vorwärts, Sie haben doch nichts zu befürchten. Ich kenne das Geschäft auch. Bringen Sie das Rennen zur Entscheidung. Nichts kann Sie am Sieg hindern!«

Sir Isaac ging langsam zu dem Platz, wo die Pferde abgesattelt wurden. Den dampfenden Tieren wurde gerade das Zaumzeug abgenommen.

Gresham war schon dort. Er sah den Baronet gut gelaunt an.

»Nun, Sir Isaac, was beabsichtigen Sie zu tun?« wandte er sich liebenswürdig an ihn.

»Was ist denn Ihre Meinung?« fragte Sir Isaac argwöhnisch.

Es war seine innerste Überzeugung, daß alle Menschen Spitzbuben wären, und er hielt es für das sicherste, das Gegenteil von dem zu tun, was sein Gegner wünschte. Wie mancher mißtrauische Mann machte er häufig Fehler bei der Beurteilung von Menschen.

»Ich halte es für ratsam, den Preis zu teilen. Die Pferde haben ein sehr schweres Rennen hinter sich. Ich glaube, ›Nemesis‹ hatte Pech, daß sie nicht gewann.«

Das gab den Ausschlag bei Sir Isaac.

»Nein, wir wollen das Rennen für die beiden Pferde noch einmal wiederholen.«

»Wie Sie wollen«, erwiderte Horace kühl. »Aber es ist wohl berechtigt, Sie zu warnen. Mein Pferd war während der ersten Hälfte des Rennens eingekeilt, sonst hätte es leicht gewonnen. Es mußte –«

»Das weiß ich alles sehr gut«, unterbrach ihn der Baronet schroff. »Aber trotzdem bin ich für eine klare Entscheidung.«

Horace nickte und wandte sich zu seinem Trainer, um sich mit ihm zu beraten. Wenn Sir Isaac sich dafür entschied, das Rennen noch einmal zum Austrag zu bringen, so konnte man nichts dagegen machen. Das Renngesetz besagte, daß die beiden Eigentümer der Pferde einiggehen müßten, wenn der Preis geteilt werden sollte.

Sir Isaac verständigte die Rennleitung von seiner Absicht, und es wurde festgesetzt, daß die Entscheidung nach dem letzten Rennen des Tages ausgetragen werden sollte.

Tramber zitterte vor Erregung, als er zu Black zurückkam. »Ich weiß nicht, ob Sie wirklich recht haben«, sagte er zweifelnd. »Dieser Gresham sagte, daß sein Pferd eingekeilt war. Ich habe es leider im Rennen nicht gesehen. Fragen Sie doch einmal jemand danach.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen.« Black klopfte ihm auf den Rücken. »Sie brauchen sich nicht im mindesten aufzuregen, Sie werden das Entscheidungsrennen ebensoleicht gewinnen, wie es mir leichtfällt, von hier auf den Sattelplatz zu gehen.«

Aber Sir Isaac war noch nicht beruhigt und sprach einen ihm bekannten Journalisten an, der eben vom Telegrammschalter zurückkehrte.

»Haben Sie das Rennen genau beobachtet?«

»Ja, Sir Isaac«, sagte der Reporter lächelnd. »Vermutlich bestand Gresham darauf, das Rennen zu wiederholen?«

»Nein, das hat er nicht getan. Aber ich glaube, es war nur ein unglücklicher Zufall, daß mein Pferd nicht gewann.«

Der Journalist schnitt ein Gesicht.

»Es tut mir leid, aber ich bin nicht Ihrer Ansicht. Mr. Greshams Pferd hätte leicht gewinnen können, wenn es nicht gerade am Anfang eingekeilt gewesen wäre.«

Tramber berichtete dem Oberst, was er eben gehört hatte.

»Sie können doch diese Journalisten hier nicht ernst nehmen«, sagte Black verächtlich. »Was wissen denn die? Habe ich denn nicht ebenso Augen im Kopf wie diese Leute?«

Aber Sir Isaac ließ sich nicht so leicht beschwichtigen.

»Diese Kerle sind verflucht gute Kritiker. Ich wünschte wirklich, ich hätte den Preis geteilt.«

Black klopfte ihm wieder beruhigend auf die Schulter.

»Sie verlieren die Nerven, Ikey. Beim Abendessen werden Sie es mir noch danken, daß ich Ihnen viele Tausend Pfund gerettet habe. Er wollte doch das Rennen nicht wiederholen lassen?«

»Wer? Meinen Sie Gresham?«

»Ja – was wollte denn der?«

»Er war nicht sehr dafür. Er meinte, man solle die Pferde nicht überanstrengen.«

Black lachte.

»Das ist doch alles Unsinn!« sagte er verächtlich. »Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ein Mann wie er sich darum kümmert, ob sein Pferd ein hartes Rennen hinter sich hat oder nicht? Nein! Er hat alles genausogut beobachtet wie ich. Er sah, daß Ihr fauler Jockei hätte gewinnen müssen, wenn er nicht geschlafen hätte. Natürlich wollte er ein zweites Rennen nicht mehr riskieren. Ich versichere Ihnen, daß ›Timbolino‹ gewinnt.«

Der Optimismus seines Begleiters ermutigte Sir Isaac ein wenig, und er erwartete die Entscheidung in besserer Laune. Dazu kam noch, daß sich die meisten Zuschauer ähnlich äußerten wie Black. Alles setzte auf ›Timbolino‹. Man konnte zwei zu eins gegen ›Nemesis‹ setzen.

Aber diese Stimmung dauerte nur kurze Zeit.

Gresham war mit Mary in den Teeraum gegangen und stand an dem kleinen Eingang, der zu den Tribünen hinaufführte, als ihm der Ruf: »›Nemesis‹ zwei zu eins!« entgegentönte.

»Die werden doch nicht etwa gegen mein Pferd wetten!« rief er erstaunt.

Er winkte einen Bekannten heran, der gerade vorüberging.

»Wird gegen ›Nemesis‹ gewettet?« fragte er.

Der Mann nickte. Es war ein Kommissionsagent, der alle möglichen Aufträge entgegennahm, die man ihm gab.

»Gehen Sie hin und setzen Sie für mich auf ›Nemesis‹. Setzen Sie soviel Geld, wie Sie nur auftreiben können. Sehen Sie zu, daß Sie die Quote auf eins zu eins bringen«, sagte Gresham entschlossen.

Er war kein Spieler, aber er war klug und geschäftstüchtig. Er konnte ein Rennen richtig beurteilen und wußte genau, was sich zugetragen hatte. Daß er plötzlich auf sein eigenes Pferd setzte, machte großen Eindruck. Das Interesse für ›Timbolino‹ flaute ab und wandte sich bis zu einem gewissen Grade ›Nemesis‹ zu.

Dann wurden wieder bedeutendere Summen auf das Pferd von Sir Isaac gesetzt.

Black wettete nicht aufs Geratewohl, aber hier sah er eine Chance, leicht Geld zu verdienen. Er glaubte wirklich, was er Sir Isaac gesagt hatte, und war fest davon überzeugt, daß der Jockei sich keine Mühe gegeben hatte. Da er noch genügend Kredit bei den besten Buchmachern hatte, konnte er hohe Wetten abschließen.

Aufs neue machte sich ein völliger Umschwung bei den Wetten bemerkbar. Wieder war ›Timbolino‹ der Favorit, und ›Nemesis‹ lag schwächer – zuerst sechs zu vier, dann zwei zu eins, dann fünf zu zwei.

Aber nun gingen telegrafische Wetten aus dem ganzen Land ein. Die Resultate des Rennens und knappe Berichte waren in den Abendzeitungen von England, Irland und Schottland erschienen.

Die kleinen Wetter in ganz Großbritannien trafen schnell ihre Entscheidungen und setzten aufs neue. Einige wollten ihre bisherigen Einsätze retten, andere ihre Gewinne, wie sie glaubten, noch vergrößern.

Sie setzten fast ausschließlich auf ›Nemesis‹. Die objektiven Berichterstatter hatten kein anderes Interesse gehabt, als dem Publikum genaue Berichte zu geben und den Verlauf des Rennens so zu schildern, wie er gewesen war. Und sie hatten ein anderes Bild gewonnen als Sir Isaac Tramber und Oberst Black.

Das letzte Rennen war für halb fünf Uhr angesetzt, und nachdem die Pferde am Ziel angekommen und abgesattelt waren, wurden ›Timbolino‹ und ›Nemesis‹, die in dem denkwürdigen Lincolnshire-Handicap ein totes Rennen gelaufen waren, feierlich zur Bahn geführt.

Die Frage des Platzes war bedeutungslos. Zwei erfahrene alte Jockeis ritten die Tiere, und es gab keinen langen Aufenthalt beim Start. Ein Rennen mit nur zwei Pferden gewährleistet jedoch noch nicht den gleichmäßigen Start. Es schien nichts im Wege zu stehen, daß das winzige kleine Feld zur selben Zeit abkam, aber als das Band hochschnellte, drehte sich ›Nemesis‹ gerade halb um und verlor dadurch einige Längen.

»Ich wette auf ›Timbolino‹«, rief jemand mit schriller Stimme am Fuß der Tribünen. Schnell antwortete ein anderer: »Ich nehme an – drei zu eins.«

Die Wette wurde noch von vielen Seiten durch Zuruf angenommen.

Sir Isaac beobachtete das Rennen von unten aus. Black stand an seiner Seite.

»Nun, was habe ich Ihnen gesagt?« fragte der Oberst befriedigt. »Sie haben das Geld so gut wie in der Tasche, mein Junge. Sehen Sie doch, Ikey, mit drei Längen in Front! Das Rennen können Sie ja gar nicht mehr verlieren.«

Der Jockei von ›Nemesis‹ trieb sein Pferd nicht vor der Zeit an, hielt die Zügel kurz und schien sich damit zufriedenzugeben, drei Längen zurückzuliegen. Gresham beobachtete die beiden Pferde durch den Feldstecher und war mit dem Verhalten seines Jockeis zufrieden.

»Sie laufen nicht allzu schnell«, sagte er zu dem Herrn an seiner Seite. »Aber vorhin war ›Nemesis‹ an diesem Punkt noch weiter zurück als jetzt.«

Beide Pferde lagen ruhig im Rennen. Bei dem fünften Achtmeilenpfosten gab der Jockei ›Nemesis‹ die Zügel etwas frei, und ohne offensichtliche Anstrengung verbesserte die Stute ihre Position. Er wußte genau, was er ihr zutrauen konnte, und hielt sie vorläufig zurück.

Der Rest des Rennens ist rasch geschildert. Es war in keiner Weise aufregend, bis sie den letzten Pfosten vor dem Ziel erreichten. In diesem Augenblick sah sich der Jockei von ›Timbolino‹ um.

»Er ist geschlagen«, sagte Gresham halb zu sich selbst. Er wußte aus Erfahrung, daß einige Jockeis die Angewohnheit haben, sich umzudrehen, wenn das Pferd unter ihnen nachläßt.

Zweihundert Yard vom Ziel entfernt holte ›Nemesis‹ mühelos auf, so daß sie mit ihrem Gegner auf gleiche Höhe kam. ›Timbolinos‹ Jockei hob die Peitsche.

Zwei kurze, scharfe Schläge, und das Pferd schoß eine Kopflänge vor. Aber ›Nemesis‹ griff aus, ging an dem rasch zurückfallenden ›Timbolino‹ vorüber und gewann das Rennen leicht mit eineinhalb Längen.

Sir Isaac wollte seinen Augen nicht trauen. Er keuchte schwer, ließ den Feldstecher sinken und starrte bestürzt auf die Pferde.

Es war klar, daß sein Pferd geschlagen war, schon lange, bevor es das Ziel erreicht hatte.

»Er hält das Pferd absichtlich zurück«, schrie er, außer sich vor Wut und Ärger. »Seht doch diesen Betrüger an, ich werde ihn vor das Ehrengericht bringen! So reitet man doch kein Pferd!«

Blacks Hand spannte sich stahlhart um seinen Arm.

»Halten Sie doch den Mund«, flüsterte er ihm zu. »Wollen Sie denn allen Leuten hier auf die Nase binden, daß Sie bankrott sind? Das Rennen ist ganz in Ordnung, Sie sind besiegt. Ich habe ebensoviel verloren wie Sie – machen Sie, daß Sie von hier wegkommen.«

Sir Isaac eilte mitten durch die große Menschenmenge, die erregt über den Ausgang des Rennens debattierte. Er fühlte sich wie betäubt und konnte noch nicht fassen, was das für ihn bedeutete. In seiner Verstörtheit und Verwirrung war ihm nur eins klar: ›Timbolino‹ hatte verloren! Ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß er ein ruinierter Mann war, wenn nicht Black ihn auf irgendeine wunderbare Weise aus dieser Situation rettete. Das war die einzige Hoffnung, die ihm blieb – und an diese klammerte er sich jetzt.

»Das Pferd ist mit Absicht zurückgehalten worden«, wiederholte er düster. »Es war ganz unmöglich, daß es verlieren konnte! Das ist doch richtig, Black?«

»Wollen Sie wohl ruhig sein«, fuhr ihn der Oberst an. »Sie werden noch die größten Unannehmlichkeiten haben, wenn Sie Ihre Zunge nicht im Zaum halten.«

Er führte den zitternden Mann von der Bahn fort und ließ ihn einen steifen Brandy trinken.

Allmählich fand der Baronet in die Wirklichkeit zurück, und seine schreckliche Lage kam ihm zum Bewußtsein.

»Ich kann nicht zahlen, Black«, jammerte er. »Was für eine fürchterliche Katastrophe für mich! Was war ich doch für ein Narr, daß ich Ihren Rat annahm! Verdammt noch mal, Sie haben mit Gresham unter einer Decke gesteckt – warum hätten Sie mir sonst den Rat gegeben! Was haben Sie denn bei dem Schwindel verdient?«

»Seien Sie jetzt sofort ruhig! Sie sind wie ein dummes Kind, Ikey. Wozu machen Sie denn diesen Krach? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich ebensoviel verloren habe wie Sie. Nun heißt es sich hinsetzen und einen neuen Plan ausdenken, wie wir zu Geld kommen können. Wieviel haben Sie denn eigentlich verloren?«

Sir Isaac schüttelte hilflos den Kopf.

»Ich weiß es nicht«, sagte er teilnahmslos. »Sechs- oder siebentausend Pfund. Und ich habe augenblicklich nicht einmal sechs- oder siebentausend Pence. Es ist eine schreckliche Katastrophe für mich, Black! Ein Mann in meiner gesellschaftlichen Stellung – ich werde meine Pferde verkaufen müssen!«

»Gesellschaftliche Stellung!« Black lachte geringschätzig. »Darum würde ich mich jetzt am allerwenigsten grämen! Ich glaube, Sie leben tatsächlich nicht in der Wirklichkeit! Ist Ihnen denn nicht klar, daß Sie ebensowenig eine gesellschaftliche Stellung haben wie ich? Wer sorgt sich denn darum, ob Sie Ihre Ehrenschulden zahlen oder nicht? Die Leute werden mehr erstaunt sein, wenn Sie zahlen, als wenn Sie Ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Schlagen Sie sich jetzt einmal all diesen Unsinn aus dem Kopf und werden Sie vernünftig. Sie können alles, was Sie verloren haben, wieder hereinholen und noch viel mehr verdienen. Vor allem müssen Sie heiraten – und zwar schnell. Und dann muß Lady Mary eben das Geld ihres Onkels erben – fast ebenso schnell.«

Ikey sah ihn verzweifelt an.

»Selbst wenn sie mich heiraten würde«, sagte er kleinlaut, »müßte ich noch jahrelang auf das Geld warten.«

Black lachte verächtlich.

*

Auf ihrem Heimweg von der Rennbahn wurden sie von einem Mann überholt, der den Baronet am Arm berührte.

»Entschuldigen Sie, Sir Isaac«, sagte er und überreichte ihm ein Kuvert.

»Für mich?«

Ikey öffnete verwundert den Umschlag. Ein kleiner Zettel und vier Banknoten zu je tausend Pfund kamen zum Vorschein.

Tramber las atemlos:

›Zahlen Sie Ihre Schulden und führen Sie von jetzt an ein anständiges Leben. Meiden Sie Oberst Black wie den Teufel und arbeiten Sie, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.‹

Die Handschrift sah verstellt aus, aber an der Ausdrucksweise war leicht Lord Verlond zu erkennen.

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