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Die drei von Cordova

Edgar Wallace: Die drei von Cordova - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/wallacee/3cordova/3cordova.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie drei von Cordova
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun13. Auflage
translatorRavi Ravendro
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
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11

In Somers Town wohnte zu der Zeit Willie Jakobs, ein Mann, der in mancher Beziehung Charakter besaß, obwohl er eine gewisse Vergangenheit hatte. Diese Vergangenheit bestand aus dreimonatigen Gefängnisstrafen, die er des öfteren verbüßt hatte. Aber im Zuchthaus hatte er noch nicht gesessen.

Er war klein, hatte ein schmächtiges Gesicht und scharfe schwarze Augen. Er konnte sich gewandt bewegen und ging immer ordentlich gekleidet. Man hatte von ihm den Eindruck, daß er gerade einen Tag auf Urlaub sei; soweit es sich um ehrliche Arbeit handelte, hatte Mr. Jakobs allerdings dauernd Urlaub.

Willie Jakobs bezog seit einigen Jahren eine ›Rente‹ von Oberst Black, und seither führte er das Leben eines Gentlemans, das heißt, er glaubte wenigstens, wie die Vornehmen zu leben.

Manchmal fühlte er sich sogar wie ein Lord – auch hier hatte er sein eigenes Ideal –, aber diese Extravaganz leistete er sich nicht allzu häufig, denn von Natur aus war er enthaltsam und sparsam. Immerhin lebte er wie ein Gentleman, das konnten alle Bewohner von Somers Town bestätigen. Er ging zu Bett, wann es ihm paßte, stand manchmal mit den Hühnern – die nicht da waren – auf oder blieb im Bett liegen und las seine Lieblingszeitung.

Mr. Jakobs war ein glücklicher Mensch. Niemals fehlte ihm das Kleingeld zu einem Glas Ale, und er überlegte sich nicht lange, ob er einen Schilling mehr oder weniger beim Rennen setzen sollte. Manchmal leistete er sich sogar das Vergnügen, das Frühstück im Bett einzunehmen.

Jeden Sonnabendmorgen erhielt er mit der Post fünf Pfund von einem Wohltäter, der nichts weiter von ihm verlangte, als daß er glücklich lebte und sich nicht daran erinnerte, wie er einmal einen bekannten Finanzmann die Taschen eines Toten durchsuchen sah.

Das hatte Willie Jakobs nämlich gesehen.

Er selbst hatte sich seit seiner Jugend als Dieb betätigt, und er war nicht wenig stolz auf seine Vorfahren, die dasselbe Handwerk betrieben hatten. Eigentlich war er auch nicht mit der Absicht in die Firma Black & Co. eingetreten, sich eine zwanzigjährige Pension zu verschaffen; vielmehr hatte er nur auf eine günstige Gelegenheit gehofft, einmal schnell eine große ›Dividende‹ einstreichen zu können. Aber Oberst Black hatte ihn in der ersten Zeit scharf beobachtet.

Damals gehörte ein unangenehmer Mann dem Aufsichtsrat der Firma an – das heißt, er war nur dem genialen Oberst Black unangenehm. Er starb denn auch eines plötzlichen Todes. Der Arzt, der den Toten untersuchte, kam zu dem Schluß, daß ein Kollaps die Ursache gewesen sein müsse.

Auch Mr. Jakobs wußte es nicht besser. Er hatte sich eines Tages heimlich in das Büro von Oberst Black geschlichen; das war nichts Außergewöhnliches, denn Willie Jakobs stahl in aller Heimlichkeit, aber mit gutem Erfolg. Er war gerade auf der Suche nach Briefmarken und Kleingeld, die häufig im Büro des Obersts herumlagen; es war allgemein bekannt, daß Black in diesen Dingen sorglos und nachlässig war. Jakobs hatte allerdings erwartet, das Büro leer zu finden, und als er sah, wie der große Oberst Black persönlich sich über eine hingestreckte Gestalt beugte, war er vor Schreck wie gelähmt.

Der Oberst war eifrig damit beschäftigt, die Taschen des Toten nach einem Schreiben zu durchsuchen, denn der auf dem Boden liegende Mann war zu ihm gekommen, um ihm seine Rücktrittserklärung zu überreichen, und unvorsichtigerweise hatte er alle Gründe hineingeschrieben, die ihn zu diesem Schritt bestimmten. Die größte Torheit freilich war es gewesen, Oberst Black dies alles zu erzählen.

Willie Jakobs wußte natürlich nichts von diesem Brief und konnte sich deshalb auch nicht richtig erklären, warum Black die Taschen des Toten durchwühlte. Sein primitiver Verstand fand die Lösung darin, daß Oberst Black nach Geld gesucht hätte. Das sagte er Black sogar ins Gesicht, ohne sich um etwaige Folgen zu kümmern.

Bei der später angeordneten gerichtlichen Leichenschau trat Mr. Jakobs nicht als Zeuge auf. Offiziell wußte er überhaupt nichts von der Angelegenheit. Gleichzeitig aber zog er sich von seiner Tätigkeit bei der Firma zurück, und seither lebte er ohne irgendeine Beschäftigung in seinem Hause in Somers Town. Er war glücklicher Pensionär auf Lebenszeit, dessen einzige Pflicht darin bestand, über gewisse Dinge den Mund zu halten.

Zwei Jahre später erhielt er am Weihnachtsmorgen durch die Post eine prachtvolle Bonbonniere. ›Mit den besten Wünschen für ein frohes Fest‹, stand auf einer Begleitkarte. Aber der Absender hatte es nicht für nötig gehalten, seinen Namen anzugeben. Mr. Jakobs, der sich wenig aus Schokolade machte, wunderte sich über die teure Aufmachung des Geschenks und wünschte, daß der gütige Spender lieber Bier geschickt hätte.

»Heda, Spot, fang!« rief er und warf seinem Hund, der Süßigkeiten liebte, ein Stück Schokolade hin. Spot knabberte es auf und wedelte mit dem Schwanz. Aber plötzlich ging ein Zittern durch seinen Körper, er legte sich hin und war gleich darauf tot.

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis Willie Jakobs den Zusammenhang zwischen dem toten Tier und dem Weihnachtsgeschenk entdeckte.

Er versuchte mit demselben Erfolg das Experiment bei dem Hund seines Hauswirts und dem Kanarienvogel eines anderen Mieters, ja er hätte allmählich alle Tiere von Somers Town ins Jenseits befördert, wenn ihn nicht sein Hauswirt durch eine Anzeige wegen Mordversuchs daran gehindert hätte. Dann kam die Wahrheit ans Tageslicht: Die Schokolade war vergiftet. Willie Jakobs sah sich mit Genugtuung als Held einer dunklen Vergiftungsaffäre in den Zeitungen. Diese Sache verlief zwar im Sande, sie hatte aber unangenehme Folgen für ihn, denn sein Bild wurde von einem kleinen Kaufmann erkannt, den er einst bestohlen hatte. Auf diese Weise wurde er in derselben Woche zum zweitenmal verhaftet.

Als Mr. Jakobs wieder aus dem Gefängnis kam – er hatte die bei ihm übliche Zeit von drei Monaten abgesessen –, erwartete er nun, eine ›Rente‹ für diese ganze Zeit zu bekommen. Statt dessen erhielt er nur zwanzig Pfund und einen maschinegeschriebenen Brief mit der Mitteilung, daß es dem Absender leid tue, ihn in Zukunft nicht mehr unterstützen zu können.

Mr. Jakobs schrieb an Black und empfing als Antwort ein Schreiben, in dem der Oberst erklärte, daß er das Ansinnen Jakobs nicht verstehen könne; er habe ihm niemals Geld geschickt und wisse auch gar nicht, warum er ihm Geld schicken sollte.

Willie Jakobs packte angesichts dieser Undankbarkeit und Niedertracht seines früheren Chefs die Wut; er trug den Brief zu einem Rechtsanwalt und erzählte ihm die ganze Geschichte. Aber der lehnte die Sache mit einem einzigen Wort ab: »Erpressung!«

Von da an war Mr. Willie Jakobs trotz seines Widerwillens gezwungen, wieder zu arbeiten; das heißt, er ›arbeitete‹ auf seine Weise. Er spekulierte gelegentlich an der Börse, wenn er einen guten Tip bekam, und betätigte sich wieder als Dieb. Glücklicherweise hatte er seine Geschicklichkeit im Taschendiebstahl noch nicht eingebüßt. So hatte er bald recht ansehnliche Erfolge. Den ›Vertrieb‹ der Beute übernahm ein Hehler, der sich vor kurzer Zeit in der Eveswall Road niedergelassen hatte. Willie Jakobs ging es dabei gut, sogar so gut, daß er Oberst Blacks Verhalten wieder milder beurteilte.

*

An dem Abend, an dem Lord Verlond seine Gesellschaft gab, machte sich Willie Jakobs auf den Weg, um, wenn möglich, noch ein paar ›Geschäfte‹ zu machen.

Nachdem er über den engen Hof und durch die schmalen Gassen gegangen war, die ihn von der Stibbington Street trennten, wandte er sich südwärts zur Euston Road. Dann passierte er gemächlich die Tottenham Court Road, um zur Oxford Street zu gelangen.

Die Tottenham Court Road war zu dieser Abendstunde sehr belebt. Die Leute interessierten sich für die glänzenden Auslagen, flanierten auf und ab und begafften sich gegenseitig. An der Autobushaltestelle herrschte lebhafter Verkehr. Das war für Willie Jakobs das rechte Milieu.

Er schätzte Leute, die ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt konzentrierten und keine Gedanken für andere Dinge hatten. In gewisser Weise war er ein guter Psychologe. Er sah sich also nach einem Menschen um, dessen Aufmerksamkeit so abgelenkt war, daß er Nutzen daraus ziehen konnte.

An einem eben haltenden Autobus drängte sich eine kleine, ungeduldige Schar von Leuten, die es kaum erwarten konnten, daß die anderen Fahrgäste ausgestiegen waren. Unter diesen erspähte er mit schnellem Blick sein Opfer.

Es war ein untersetzter Herr in mittleren Jahren; nach seiner Kleidung taxierte Jakobs ihn als vermögend.

Jakobs hatte durchaus nicht die Absicht, eine Autobusfahrt zu unternehmen, aber er begann plötzlich, sich mit den Ellenbogen einen Weg zur Tür zu bahnen.

Er kam auch gut durch die Menge, dann strengte er sich jedoch nicht mehr an, tat so, als ob er sich an eine wichtige Verabredung erinnerte, und suchte wieder einen Ausweg aus dem Menschenknäuel. Nachdem es ihm gelungen war, aus dem Gedränge herauszukommen, wandte er sich um und wollte sich schnell aus dem Staube machen.

In diesem Augenblick legte sich jedoch eine feste Hand auf seine Schulter. Er schaute sich rasch um – ein gutgekleideter, schlanker junger Mann stand hinter ihm.

»Hallo – wollen Sie denn nicht mit dem Autobus fahren?«

»Nein, Mr. Fellowe. Ich wollte zwar eigentlich mitfahren, aber eben fiel mir ein, daß ich zu Hause das Gas habe brennen lassen.«

»Dann wollen wir zusammen zurückgehen und es ausdrehen«, meinte Fellowe, der sich für diesen Abend eine ganz spezielle Aufgabe gestellt hatte.

»Wenn ich es mir genau überlege«, meinte Jakobs nachdenklich, »so ist die ganze Sache den Weg nicht wert. Ich habe nämlich einen Gasautomaten – da geht ja dann das Gas von selbst aus.«

»Nun, dann begleiten Sie mich ein wenig. Wir wollen einmal sehen, ob bei mir das Gas noch brennt«, sagte Fellowe gutgelaunt.

Er hatte Jakobs nur leicht am Arm gefaßt; als dieser sich aber zu befreien suchte, wurde der Griff plötzlich stahlhart.

»Was ist denn los?« fragte Jakobs ganz unschuldig.

»Es ist immer wieder das alte Spiel«, erwiderte Frank lächelnd. »Hallo, Willie, Sie haben etwas fallen lassen.«

Er bückte sich schnell, ohne Jakobs loszulassen, und hob eine Brieftasche auf.

Der Autobus wollte gerade abfahren, als sich Frank umwandte und dem Schaffner ein Zeichen gab zu halten.

»Ich glaube, einer der Fahrgäste, die eben eingestiegen sind, hat seine Brieftasche verloren. Wahrscheinlich ist es der korpulente Herr, der gerade nach hinten gegangen ist.«

Der ›Wohlhabende‹ stieg schnell aus dem Autobus und entdeckte auch sogleich seinen Verlust. Als er seine Brieftasche zurückerhalten hatte, war der Vorfall zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt.

»Sie sind eben Polizist, da ist nichts zu machen«, sagte Jakobs mit philosophischer Ruhe. »Ich hatte Sie vorher gar nicht bemerkt, Mr. Fellowe.«

»Das dachte ich mir, obwohl ich doch groß genug bin.«

»Und häßlich genug«, fügte Willie hinzu, der nicht im mindesten eingeschüchtert war.

Frank lächelte.

»Sie sind noch lange keine Autorität als Schönheitsrichter, Willie«, sagte er scherzend, als sie zusammen zur nächsten Polizeistation gingen.

»Sagen Sie einmal, Mr. Fellowe«, begann Willie plötzlich, »warum macht sich denn die Polizei nicht daran, einen Mann wie Olloroff zu fangen? Warum werden immer bloß so kleine Leute wie ich gefaßt, wenn ich mir mit viel Mühe und Arbeit meinen Lebensunterhalt verschaffen will? Der Olloroff macht doch Tausende, und er hat Hunderte von Menschen ruiniert. Warum kommt denn der nicht ins Zuchthaus?«

»Ich hoffe schon, daß wir ihn noch dorthin bringen.«

»Na, und da ist dann noch dieser andere, der die kleinen Leute anlockt. Wenn zum Beispiel ein Verkäufer dessen Prospekte liest, wird er dazu verleitet, fünf Pfund herzugeben, um damit einen Goldminenanteil zu kaufen. Natürlich gibt der dumme Verkäufer das Geld – das heißt, er muß es sich aus der Ladenkasse nehmen. Das tut er sozusagen nicht in unehrlicher Absicht, denn er bildet sich ein, eines Tages als reicher Mann in das Büro seines Chefs treten zu können. ›Sehen Sie mal, hier ist Ihr langvermißter Longfellow!‹ wird er dann sagen. – Verstehen Sie, was ich meine?«

Frank nickte.

»›Sehen Sie‹«, ließ Jakobs begeistert den Verkäufer weitersprechen, »›Das ist aus Ihrem früheren Angestellten geworden, der sich den kleinen Fehler zuschulden kommen ließ und sich damals fünf Pfund aus der Ladenkasse lieh.‹«

Es war nicht weiter merkwürdig, daß sie auch von Oberst Black sprachen, denn gerade an diesem Tag war vor Gericht gegen ihn verhandelt worden. Ein allzu vertrauensseliger Kunde Blacks, der sein Geld verloren hatte, hatte auf Rückerstattung der Summe geklagt. Der Oberst hatte sich jedoch nicht einmal die Mühe genommen, sich durch einen Rechtsanwalt vertreten zu lassen.

»Früher habe ich auch für Black gearbeitet«, sagte Jakobs. »Wissen Sie, als Bote für neununddreißig Schilling die Woche also nicht viel mehr, als ein Leichenträger verdient.«

Plötzlich sah er Frank gerade ins Gesicht.

»Haben Sie schon einmal zusammengezählt, wie viele ›Freunde‹ Blacks plötzlich gestorben sind? – Sie werden noch so lange warten, bis die ›Vier Gerechten‹ ihn sich holen«, warnte Mr. Jakobs liebenswürdig. »Die werden nicht viel Federlesens mit ihm machen.«

Er schwieg eine Weile, dann wandte er sich wieder an Frank.

»Denken Sie einmal an, Mr. Fellowe, nun haben Sie mich schon zum dritten Male geschnappt«, sagte er.

»Ich habe auch gerade daran gedacht.«

»Warten Sie einmal einen Augenblick.« Jakobs blieb stehen. »In der Tottenham Court Road haben Sie mich erwischt, in der Charing-Cross-Road und in Cheapside. Stimmt es?«

»Sie haben ein blendendes Gedächtnis«, erwiderte Frank lächelnd.

»Niemals in seinem Revier«, sagte Jakobs halb zu sich selbst. »Und stets in Zivil. Immer beobachtet er mich. Ich möchte nur wissen, warum?«

Frank überlegte einen Augenblick.

»Wir wollen eine Tasse Tee zusammen trinken«, sagte er dann. »Dabei kann ich Ihnen eine schöne Geschichte erzählen.«

»Ich fürchte, wir werden sehr bald zu den Tatsachen kommen«, meinte Willie kritisch.

Als sie sich in dem Café gegenübersaßen, sagte Fellowe: »Ich werde ganz offen zu Ihnen sein, Willie.«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie bitten, mich lieber nicht beim Vornamen zu nennen. Es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, daß ich mit Ihnen befreundet bin.«

Frank lachte wieder. Willie hatte ihm schon viel Vergnügen bereitet.

»Ich habe Sie jetzt schon dreimal gefaßt«, begann er, »aber dies ist das erste Mal, daß Sie von unserem Freund Black gesprochen haben. Wenn Sie das vorher schon getan hätten, wäre es Ihnen nicht so schlecht gegangen.«

Willie Jakobs schaute zur Decke empor.

»Jaja, ich erinnere mich, Sie haben früher schon einmal auf den Busch geklopft.«

»Wollen Sie mir nicht sagen, warum Black Ihnen fünf Pfund wöchentlich zahlt?«

»Das tut er nicht«, fuhr Willie auf. »Weil er ein ganz gemeiner Halunke ist – ein Schieber, ein Lügner –«

»Wenn Sie noch mehr zu sagen haben, erleichtern Sie ruhig Ihr Herz. Schießen Sie los!«

Willie zögerte.

»Was hilft es denn, wenn ich das tue? Sie sagen hinterher doch nur, daß ich Sie angelogen habe.«

»Versuchen Sie es doch einmal.«

Willies Zurückhaltung schwand allmählich. Eine Stunde lang saß der Polizist mit dem Dieb zusammen, und sie sprachen eifrig miteinander.

Dann trennten sie sich.

Mr. Jakobs machte sich auf den Heimweg nach Somers Town. Er war dankbar, daß er mit einem blauen Auge davongekommen war, aber er war doch auch ein wenig eingeschüchtert.

Frank nahm sich ein Taxi und fuhr zu Blacks Haus, und als er ihn dort nicht antraf, nach Hampstead. Er wies den Chauffeur an, so schnell wie möglich zu fahren und sich um keine Verkehrsregeln zu kümmern.

*

May Sandford erwartete im Wohnzimmer den Oberst. Sie stand in der Nähe des Kamins, knöpfte ihre Handschuhe zu und bemühte sich, ihre Freude darüber zu verbergen, daß ihr früherer Freund sie besuchte.

»Wohin wollen Sie gehen?« war die erste hastige Frage Franks.

Sie sah ihn verletzt an.

»Sie haben kein Recht, mich in diesem Ton zu fragen«, sagte sie ruhig. »Aber ich will es Ihnen sagen – ich gehe zu einem Abendessen.«

»Mit wem?«

Sie errötete, denn sie war wirklich empört über ihn.

»Mit Oberst Black.«

Es kostete sie große Anstrengung, den aufwallenden Zorn zu unterdrücken.

»Ich fürchte, das kann ich nicht zugeben«, sagte Frank kühl.

Sie starrte ihn an.

»Ich möchte Ihnen ein für allemal sagen, Mr. Fellowe, daß ich meine eigene Herrin bin und tue, was mir gefällt. Sie haben nicht das mindeste Recht«, – sie stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf –, »mir zu sagen, was ich tun oder lassen soll. Ich gehe, wohin ich will und mit wem ich will.«

»Heute abend werden Sie jedenfalls nicht ausgehen«, erwiderte Frank ungerührt.

»Wenn es mir paßt, heute abend auszugehen, dann werde ich es tun!«

»Nein, Sie werden das bleibenlassen.« Er hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. »Ich werde vor Ihrem Hause warten. Wenn Sie mit diesem Mann ausgehen, verhafte ich Sie.«

Sie trat entsetzt einen Schritt zurück.

»Ich werde Sie ganz bestimmt verhaften«, fuhr er entschlossen fort. »Ich kümmere mich nicht darum, welche Folgen das für mich hat. Ich werde irgendeine Beschuldigung gegen Sie erheben, werde Sie durch die Straßen auf die Polizeistation bringen und in eine Zelle sperren, als ob Sie eine gemeine Diebin wären. – Das alles werde ich tun, weil ich Sie liebe«, sagte er leidenschaftlich, »weil Sie für mich das Höchste und Wertvollste auf dieser Welt sind – weil ich Sie mehr liebe als mein Leben, mehr, als Sie jemals ein anderer Mann lieben kann. – Und wissen Sie, warum ich Sie auf die Polizeistation bringen werde?« fuhr er dann ernst fort. »Weil Sie dort sicher sind! Die Frau, die Sie dort betreut, steht dafür ein, daß Sie nicht mit einem solchen Schuft in Berührung kommen – dorthin darf er Ihnen nicht folgen, wie unverschämt er auch sonst sein mag.«

Er wandte sich wütend um, als Oberst Black in tadellosem Abendanzug das Zimmer betrat.

Der Oberst blieb plötzlich stehen, als er Franks Gesichtsausdruck sah, und ließ seine Hand in die Tasche gleiten.

»Nehmen Sie sich vor mir in acht!« rief Frank.

Black erblaßte.

May fand endlich ihre Sprache wieder.

»Wie können Sie nur! Was erlauben Sie sich!« sagte sie tonlos. »Sie wollen mich verhaften – wie können Sie nur an so etwas denken? Und obendrein erzählen Sie noch, daß Sie mich lieben!« Sie sah ihn zornbebend an.

Er nickte langsam.

»Ja, ich liebe Sie«, erwiderte er ruhig, »ich liebe Sie so sehr, daß ich um Ihrer Sicherheit willen Ihren Zorn auf mich ziehe. Kann ich Sie noch mehr lieben?«

In seiner Stimme lag ein bitterer und zugleich rührend hilfloser Ton, aber seine Entschlossenheit war nicht mißzuverstehen.

Er verließ sie nicht eher, als bis sich Black nach einer scharfen Auseinandersetzung mit ihm verabschiedet hatte. In seiner erklärlichen Aufregung hatte er seine ursprüngliche Absicht, dem Oberst eine kleine, grüne Flasche mit Glasstöpsel abzunehmen, vollständig vergessen.

*

Als Black an diesem Abend in seine Wohnung zurückkehrte, fand er untrügliche Anzeichen, daß sie systematisch durchsucht worden war. Er könnte jedoch nicht entdecken, wie sich die Leute Zutritt verschafft hatten. Die Türen waren alle geöffnet, obwohl sie mit den kompliziertesten Sicherheitsschlössern versehen waren und er selbst sie mit einem Schlüssel verschlossen hatte, von dem kein Duplikat existierte. Die Fenster waren alle geschlossen, es war auch kein Versuch gemacht worden, Geld oder Wertsachen aus dem Schreibtisch zu entwenden. Als einziges Zeichen ihrer Anwesenheit hatten die Einbrecher ein Siegel zurückgelassen, das in das Löschpapier auf dem Schreibtisch eingedrückt war.

In dem sauberen runden Wachssiegel stand nur eine römische Vier. Aber die Schlichtheit dieser Mahnung erschreckte ihn um so mehr. Es schien, als ob die ›Vier Gerechten‹ all seiner Bemühungen, sich ihnen zu entziehen, spotteten. Sie öffneten ohne Mühe seine sichersten Patentschlösser, wußten mehr und besser über seine Tätigkeit Bescheid als seine vertrautesten Freunde und kamen und gingen, wann es ihnen paßte.

Diese Erkenntnis hätte einen Mann, der nicht die Zähigkeit Blacks besaß, sicher völlig verwirrt und hilflos gemacht. Aber der Oberst hatte schon einen jahrelangen harten Kampf geführt. Wie viele fürchterliche Drohungen hatte er schon erhalten! Ständig hatte er im Schatten der Vergeltung gelebt, und doch hatte ihn die angedrohte Rache nie ereilt.

Mit Stolz rühmte er sich, daß er noch nie die Ruhe verloren oder sich zu übereilten Handlungen hatte hinreißen lassen. Aber nun wurde, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, seine Handlungsweise nicht von persönlicher Habgier diktiert, sondern von einer größeren Leidenschaft – er wollte sich rächen.

Diese Einstellung ließ ihn weniger sorgfältig vorgehen, als er es sonst zu tun pflegte. Er achtete nicht darauf, ob man ihn an diesem Abend beobachtete, und doch waren ihm ›Schatten‹ gefolgt – nicht nur einer, sondern mehrere.

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