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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Seine Majestät der König Ludwig XIII.

Jener Vorfall erregte großes Aufsehen; Herr von Tréville zankte ganz laut mit seinen Musketieren, im stillen aber wünschte er ihnen Glück, und da er keine Zeit zu verlieren hatte, um es dem König zu melden, so ging er eilfertig nach dem Louvre. Es war schon spät; der König hatte sich mit dem Kardinal eingeschlossen, und man sagte Herrn von Tréville, daß der König arbeite und nicht empfangen werde. Am Abend kam Herr von Tréville zum Spiele des Königs. Der König gewann, und da Seine Majestät das Geld sehr liebte, so war er in bester Stimmung. Als er Herrn von Tréville in der Ferne erblickte, sprach er schon: »Kommen Sie, Herr Kapitän, kommen Sie, daß ich Sie auszanke; wissen Sie, daß sich Se. Eminenz über Ihre Musketiere bei mir beklagt hat, und zwar mit einer solchen Ereiferung, daß Se. Eminenz diesen Abend krank ist. Ja doch! Ihre Musketiere sind ja eingefleischte Teufel, Leute zum Aufhenken!« »Nein, Sire,« entgegnete Tréville, der auf den ersten Blick bemerkte, welche Wendung die Sache nahm, »nein, im Gegenteil sind sie gutmütige Wesen, sanft wie die Lämmer, und haben kein anderes Verlangen, dafür stehe ich, als dies, die Degen nur im Dienste Eurer Majestät aus der Scheide zu ziehen. Allein was ist's, die Leibwachen des Herrn Kardinals suchen ohne Unterlaß Händel mit ihnen, und so sind die armen jungen Leute genötigt, die Ehre ihres Korps zu verfechten.« »Höret, Herr von Tréville,« sagte der König, »höret. Sollte man nicht sagen, er rede von einer religiösen Gemeinde? Wirklich, mein lieber Kapitän, ich habe Lust, Ihnen das Anstellungsdekret abzunehmen und es Fräulein Chemerault zu geben, der ich eine Abtei versprochen habe. Doch denken Sie ja nicht, daß ich Ihnen auf das Wort glaube. Man nennt mich Ludwig den Gerechten, Herr von Tréville, und wir werden das allsogleich sehen.« »Eben, weil ich auf diese Gerechtigkeit vertraue, Sire, erwarte ich in Ruhe und Geduld, was Eurer Majestät belieben wird.« »Warten Sie immerhin, mein Herr, warten Sie immerhin,« sprach der König; »ich werde Sie nicht lange warten lassen.« Das Glücksrad des Spieles wandte sich wirklich, und da der König das Gewonnene wieder zu verlieren anfing, so war es ihm nicht unangenehm, einen Vorwand zu finden, um Karl den Großen zu machen – man lasse uns diesen Spielausdruck hingehen, dessen Ursprung uns, wir gestehen es, unbekannt ist. Der König erhob sich bald darauf und steckte das Geld in die Tasche, das vor ihm lag, und großenteils von seinem Gewinn kam. »La Vieuville!« rief er, »nehmen Sie meinen Platz ein, ich muß mit Herrn von Tréville über etwas Wichtiges sprechen. Ha, ich hatte achtzig Louisdor vor mir! Setzen Sie dieselbe Summe, damit diejenigen, die verloren haben, nicht Klage führen können. Vor allem Gerechtigkeit.« Hierauf wandte er sich zu Herrn von Tréville, ging zu einer Fensterbrüstung und fuhr fort: »Nun, mein Herr, Sie sagen, daß die Garden Ihrer Eminenz mit Ihren Musketieren Händel gesucht haben?« »Ja, Sire, wie sie es immer tun.« »Und sagen Sie, wie ist das gekommen? denn Sie wissen, mein lieber Kapitän, ein Richter muß beide Teile anhören.« »Ach, mein Gott, die Sache kam auf die einfachste, natürlichste Weise. Drei meiner wackersten Soldaten, die Euer Majestät dem Namen nach bekannt sind, und deren Dienst Sie schon öfter gerühmt haben, denn ich kann es dem König beteuern, daß ihnen ihr Dienst sehr am Herzen liegt, drei der wackersten Soldaten, sage ich, die Herren Athos, Porthos und Aramis, machten einen Spaziergang mit einem Junker aus der Gascogne, den ich Ihnen diesen Morgen empfohlen habe. Die Partie hatte in Saint-Germain stattfinden sollen, wie ich glaube, und sie gaben sich das Rendezvous bei dem Karmeliterkloster, als sie von Herrn von Jussac und den Herren Cahusac, Biscarrat und zwei andern Gardesoldaten gestört wurden, die in so großer Anzahl gewiß nicht ohne böse Absicht gegen die Edikte dort erschienen sind.« »Ah, ah,« sagte der König, »Sie erwecken in mir den Gedanken, daß sie gewiß deshalb dahin kamen, um sich selber zu schlagen.« »Ich klage sie nicht an, Sire; allein ich überlasse es Ew. Majestät, zu beurteilen, was fünf bewaffnete Männer an einem so verlassenen Orte zu tun haben, wie die Umgebung des Karmeliterklosters ist.« »Ja, sie haben recht, Tréville, Sie haben recht.« »Als sie nun meine Musketiere sahen, änderten sie ihr Vornehmen und vergaßen ihren Privathaß um des Korpshasses willen; denn Ew. Majestät weiß, daß diese Musketiere, die ganz und gar nur dem König zugetan sind, die natürlichsten Feinde der Garde sind, die dem Herrn Kardinal zugehören.« »Ja, Tréville, ja,« entgegnete der König melancholisch, »glauben Sie mir, es ist sehr traurig, in Frankreich zwei Parteien, zwei Köpfe im Königtum zu sehen, aber alles das wird aufhören, Tréville! es wird aufhören. Sie sagen also, die Garden haben Händel gesucht mit den Musketieren?« »Ich sage, die Sache sei wahrscheinlich so hergegangen, Sire, allein ich schwöre nicht darauf. Ew. Majestät weiß, wie schwer es ist, die Wahrheit zu ergründen, und besitzt man nicht die wunderbare Gabe, vermöge welcher Ludwig XIII. ›der Gerechte‹ genannt wird – –« »Tréville! Sie haben recht; doch waren Ihre Musketiere nicht allein, war nicht auch ein Kind unter ihnen?« »Ja, Sire, und ein verwundeter Mann, so daß drei Musketiere des Königs, worunter ein Knabe und ein Verwundeter, nicht allein gegen fünf der schrecklichsten Gardesoldaten des Herrn Kardinals sich behauptet, sondern auch vier in den Sand gestreckt haben.« »Ha, das nenne ich einen Sieg!« rief der König ganz strahlend, »ein vollkommener Sieg!« »Ja, Sire, so vollkommen, wie jener an der Brücke von Cé.« »Vier Männer, sagen Sie, und darunter ein Verwundeter und ein Knabe?« »Er ist kaum ein Jüngling, der sich bei dieser Gelegenheit so trefflich gehalten hat, daß ich mir die Freiheit nehme, ihn Seiner Majestät zu empfehlen.« »Wie nennt er sich?« »D'Artagnan, Sire. Er ist der Sohn einer meiner ältesten Freunde, der Sohn eines Mannes, der mit Ihrem Vater, glorwürdigen Andenkens, den Parteigängerkrieg mitgemacht hat.« »Und Sie sagen, dieser junge Mann hat sich trefflich gehalten? Erzählen Sie mir das, Tréville, Sie wissen, ich liebe die Kampf- und Kriegsgeschichten.« Der König Ludwig XIII. richtete sich empor, stolz den Schnurrbart streichend. »Sire!« versetzte Tréville, »wie gesagt, ist Herr d'Artagnan fast noch ein Knabe, und da er nicht der Ehre teilhaftig ist, ein Musketier zu sein, so ging er in Bürgerkleidung. Die Garden des Herrn Kardinals berücksichtigten seine große Jugend und noch mehr den Umstand, daß er nicht zum Korps gehörte, und forderten ihn auf, sich zu entfernen, ehe sie angreifen würden.« »Sie sehen nun, Tréville,« unterbrach ihn der König, »daß sie es waren, die angegriffen haben.« »So ist es, Sire, da waltet kein Zweifel mehr; sie ermahnten ihn also, sich zurückzuziehen, doch er entgegnete: er sei seinem Herzen nach Musketier, und ganz seiner Majestät ergeben, sonach bliebe er bei den Musketieren.« »Der wackere junge Mann!« murmelte der König. »Er blieb sonach wirklich bei ihnen, und Ew. Majestät hat an ihm einen so tapfern Kämpen, daß er es war, der Jussac jenen schrecklichen Degenstoß versetzte, der den Herrn Kardinal so in Zorn bringt.« »Er war's, der Jussac verwundete?« rief der König, »er, ein Knabe! Tréville, das ist unmöglich!« »Es ist, wie ich Ew. Majestät zu versichern die Ehre habe.« »Jussac, einer der wackersten Degen im Lande!« »Nun, Sire, er hat seinen Meister gefunden.« »Ich will diesen jungen Mann sehen, Tréville! ich will ihn sehen, und läßt sich etwas für ihn tun, nun, ich will darüber nachdenken.« »Wann geruhen Ew. Majestät ihn empfangen zu wollen?« »Morgen um die Mittagszeit, Tréville.« »Habe ich ihn allein zu bringen?« »Nein, stellen Sie mir alle vier mitsammen vor. Ich will allen auf einmal danken; dienstergebene Männer sind selten, Tréville, und man muß diese Ergebenheit belohnen.« »Um die Mittagszeit, Sire, werden wir im Louvre sein.« »Ah, über die kleine Treppe, Tréville, über die kleine Treppe; es ist nicht nötig, daß es der Kardinal erfahre.« »Wohl, Sire!« »Sie begreifen, Tréville, ein Edikt bleibt immer ein Edikt; am Ende bleibt es denn doch verboten, sich zu schlagen.« »Allein diese Begegnung, Sire! liegt ganz außer den gewöhnlichen Bedingungen eines Duells, es ist ein Hader, und der Beweis davon ist, daß fünf Gardesoldaten des Herrn Kardinals gegen meine drei Musketiere und Herrn d'Artagnan waren.« »Das ist wahr,« versetzte der König, »aber gleichviel, Tréville, kommen Sie immerhin über die kleine Treppe.« Tréville lächelte. Da es aber schon viel war, daß er diesen Knaben dahin brachte, sich gegen den Gebieter zu widersetzen, so verneigte er sich ehrfurchtsvoll vor dem König, und entfernte sich auf dessen Zustimmung.

Die drei Musketiere erhielten noch an demselben Abend Nachricht von der ihnen zugestandenen Ehre. Da sie den König seit lange schon kannten, so entflammten sie darüber nicht allzusehr, allein d'Artagnan erblickte darin mit seiner gascognischen Einbildungskraft sein künftiges Glück und brachte die Nacht mit goldenen Träumen zu. Auch fand er sich schon um acht Uhr früh bei Athos ein. D'Artagnan traf den Musketier völlig angekleidet und bereit zum Ausgehen. Da die Vorstellung bei dem König erst um die Mittagsstunde stattfand, so nahm er sich vor, mit Porthos und Athos einen Spaziergang nach dem Ballspielhaus zu machen, das nahe den Ställen des Luxembourg lag. Athos lud d'Artagnan ein, mitzugehen, und, obwohl er dieses Spiel nicht kannte, da er es nie gespielt hatte, so willigte er doch in den Vorschlag, weil er nicht wußte, was er von neun Uhr früh bis gegen Mittag mit seiner Zeit anfangen sollte. Die zwei Musketiere waren bereits eingetroffen und spielten mitsammen. Athos, der in allen Leibesübungen sehr gewandt war, stellte sich ihnen mit d'Artagnan gegenüber, und forderte sie heraus. Obwohl er mit der linken Hand spielte, so bemerkte er doch schon bei der ersten Bewegung, daß seine Wunde noch zu frisch sei, um eine solche Übung zu erlauben. Somit blieb d'Artagnan allein, und da er erklärte, eine Partie nicht allein regelrecht fortspielen zu können, so warf man sich bloß die Bälle zu, ohne das Spiel auf Rechnung zu setzen. Da flog aber einer von diesen Bällen, den die herkulische Hand des Porthos schleuderte, so nahe bei d'Artagnans Gesicht vorüber, daß der Ball, wäre er nicht vorbeigeflogen, die Audienz beim König verdorben hätte, denn er wäre zweifelsohne in die Unmöglichkeit versetzt worden, bei Hofe zu erscheinen. Indem nun von dieser Audienz, in seiner gascognischen Einbildungskraft, seine ganze Zukunft abhing, so verneigte er sich höflich vor Porthos und erklärte, er wolle die Partie erst dann wieder aufnehmen, wenn er ihnen standhalten könnte, und er nahm seinen Platz ein bei der Corda und in der Galerie. Zum Unglück für d'Artagnan befand sich unter den Zuschauern ein Gardesoldat Seiner Eminenz, der, noch ganz entrüstet über die Niederlage, die seine Kameraden tags zuvor erlitten hatten, fest entschlossen war, sich bei der ersten Gelegenheit zu rächen; er glaubte also, daß diese Gelegenheit gekommen sei, und wandte sich an seinen Nachbar mit den Worten: »Man darf sich nicht verwundern, daß sich dieser junge Mann vor einem Ball fürchtet, denn er ist zweifelsohne ein Lehrling bei den Musketieren.« D'Artagnan wandte sich, als hätte ihn eine Schlange gestochen, und stierte den Mann fest an, der dieses beleidigende Wort sprach. »Meinetwegen,« fuhr dieser fort, indem er keck seinen Bart kräuselte, »schaut mich an, so lange es beliebt, mein niedlicher Herr! was ich sagte, bleibt gesagt.« »Und weil das, was Ihr gesagt habt, zu klar ist, um eine Erklärung nötig zu haben, so bitte ich, folgt mir,« entgegnete d'Artagnan mit tiefer Stimme. »Wann denn?« fragte der Gardesoldat mit derselben höhnischen Miene. »Allsogleich, wenn es beliebt.« »Und wißt Ihr auch, wer ich bin?« »Ich? ich weiß das nicht, und mag es gar nicht wissen.« »Ihr tut unrecht, denn wüßtet Ihr meinen Namen, so würdet Ihr Euch vielleicht weniger beeilen.« »Wie nennt Ihr Euch?« »Bernajoux, aufzuwarten.« »Gut, Herr Bernajoux,« versetzte d'Artagnan gelassen, »ich erwarte Euch am Tore.« »Geht, ich folge Euch.« »Eilt nicht so sehr, damit niemand bemerke, daß wir mitsammen fortgehen; Ihr begreift wohl, daß wir zu dem, was wir tun, kein Menschenauge brauchen können.« »Ganz wohl,« erwiderte der Gardesoldat, der ganz erstaunt war, daß sein Name auf den jungen Mann keinen größeren Eindruck gemacht habe. Der Name Bernajoux war wirklich allenthalben bekannt, nur d'Artagnan wußte nichts von ihm; vielleicht deshalb, weil er bei den täglichen Streitigkeiten am häufigsten figurierte, da diese trotz aller Edikte des Königs und des Kardinals nicht unterdrückt werden konnten. Porthos und Aramis waren mit ihrer Spielpartie derart beschäftigt, und Athos betrachtete sie so aufmerksam, daß sie ihren jungen Genossen gar nicht fortgehen sahen, der am Tore wartete, wie er es zu dem Gardesoldaten Seiner Eminenz gesagt hatte; gleich darauf folgte ihm Bernajoux. Da d'Artagnan keine Zeit zu verlieren hatte, insofern die Audienz bei dem König um die Mittagsstunde festgesetzt war, so blickte er ringsumher und sagte zu seinem Gegner, als er die Straße ganz öde sah: »Meiner Treu! obwohl Ihr Bernajoux heißt, mein Herr! so ist es doch ein Glück für Euch, daß Ihr es nur mit einem Lehrling der Musketiere zu tun habt; seid indes beruhigt, ich werde mein bestes tun; also in Stellung!« »Jedoch,« sprach derjenige, der d'Artagnan solcherart herausforderte, »mich dünkt dieser Ort sehr übel gewählt, es wäre wohl besser hinter der Abtei Saint-Germain oder im Pré-aux-Clères.« »Was Ihr da sagt, verrät Kopf,« erwiderte d'Artagnan; »zum Unglück aber habe ich wenig Zeit, da ich um die Mittagsstunde anderswo sein muß. Also zur Sache, mein Herr!« Bernajoux war nicht der Mann, der sich auf solche Weise zweimal auffordern ließ. In demselben Augenblick funkelte sein Degen in der Hand, er stürzte auf seinen Gegner los und hoffte, ihn vermöge seiner großen Jugend leicht einzuschüchtern. D'Artagnan hatte aber tags zuvor seine Lehre bereits gemacht, und ganz erfrischt durch seinen Sieg, ganz trunken über sein künftiges Glück, war er fest entschlossen, nicht einen Schritt weit zurückzuweichen. Die zwei Degen hatten sich auch allsogleich vereinigt, und da d'Artagnan seine Stellung fest behauptete, so trat sein Gegner einen Schritt zurück. Allein d'Artagnan nützte den Augenblick, wo die Klinge des Bernajoux bei dieser Bewegung von der Linie abwich, entfernte seine Klinge, führte einen Streich von oben herab, und traf seinen Gegner in die Schulter. Da er aber nicht stürzte und sich nicht für überwunden erklärte, sondern sich nur mehr dem Hôtel de Trémouille zuwandte, in dessen Diensten er einen Verwandten hatte, so setzte ihm d'Artagnan lebhaft zu, der nicht wußte, wie schwer er seinen Gegner verwundet hatte, und hätte ihn ohne Zweifel mit einem zweiten Streich zu Boden geschmettert, als auf den Lärm, der sich von der Straße bis zum Spielhaus verbreitete, zwei Freunde des Gardesoldaten, die ihn mit d'Artagnan sprechen und dann hinausgehen sahen, mit dem Degen in der Hand aus dem Spielhaus eilten und sich auf den Sieger warfen. Sogleich erschienen aber auch Athos, Porthos und Aramis, und zwangen die zwei Gardesoldaten in dem Augenblick zum Rückzug, wo sie ihren jungen Kameraden angriffen. In diesem Moment stürzte Bernajoux nieder; da die Leibwache nur zwei gegen vier waren, so schrien sie: »Zu Hilfe, Hôtel de la Trémouille!« Auf dieses Geschrei lief alles aus dem Hotel und warf sich auf die vier Gefährten, die gleichfalls riefen: »Zu Hilfe, Musketiere!« Dieser Ruf wurde gewöhnlich erhört, denn man wußte, daß die Musketiere Gegner Seiner Eminenz waren, und liebte sie um ihres Hasses willen. Auch hatten sich die Leibwachen der Kompagnien, die dem Herzog Rouge, wie ihn Aramis nannte, nicht gehörten, bei diesen Zwistigkeiten in der Regel für die Musketiere erklärt. Es kamen also drei Gardesoldaten von der Kompagnie des Herrn des Essarts, während der dritte nach dem Hotel des Herrn von Tréville eilte und dort rief: »Zu Hilfe, Musketiere! Zu Hilfe!« Wie denn das Hotel des Herrn von Tréville gewöhnlich voll von Soldaten dieses Korps war, die ihren Kameraden schleunigst zu Hilfe kamen, so wurde das Gefecht allgemein, doch neigte sich der Vorteil auf die Seite der Musketiere. Die Garde des Herrn Kardinals und die Leute des Herrn de la Trémouille zogen sich in das Hotel zurück, dessen Tore noch zeitig genug zugemacht wurden, um die Feinde abzuhalten, daß sie nicht zugleich mit ihnen eindrangen. Der Verwundete wurde gleich anfangs weggeschafft, und zwar, wie gesagt, in einem üblen Zustand. Die Aufregung stieg unter den Musketieren und ihren Verbündeten auf den höchsten Grad, und schon hielt man Rat, ob man nicht, um die Vermessenheit der Bedienten des Herrn de la Trémouille zu bestrafen, das Hotel in Brand stecken sollte. Man machte einen Vorschlag, der auch mit Begeisterung aufgenommen wurde, als es zum Glück elf Uhr schlug; d'Artagnan und seine Freunde gedachten ihrer Audienz, und da sie es beklagt hätten, wenn man einen so schönen Streich ohne sie ausgeführt hätte, so ergaben sie sich in Ruhe. Man schleuderte bloß noch einige Pflastersteine an die Tore, da aber die Tore widerstanden, so ließ man ab: außerdem hatten sich einige, die man als Rädelsführer des Unternehmens ansehen mußte, von der Gruppe entfernt und waren nach dem Hotel des Herrn von Tréville gegangen, der sie auch erwartete, da ihm dieser Auftritt bereits bewußt war. »Sogleich nach dem Louvre,« sprach er, »nach dem Louvre, ohne einen Augenblick zu verlieren; trachten wir, den König zu sehen, ehe uns der Kardinal zuvorkommt: wir erzählen ihm die Sache als eine Folge des gestrigen Vorfalls, und so geht beides durch.«

Herr von Tréville ging nun, von den vier jungen Männern begleitet, nach dem Louvre, jedoch zum großen Erstaunen des Kapitäns der Musketiere meldete man diesem, der König sei in den Wald von Saint-Germain auf die Hirschjagd gegangen. Herr von Tréville ließ sich das zweimal sagen, und jedesmal bemerkten seine Gefährten, daß sich sein Gesicht verdüsterte. »Hat Seine Majestät gestern schon den Entschluß gefaßt, diese Jagd zu machen?« fragte er. »Nein, Ew. Exzellenz,« erwiderte der Kammerdiener, »der Oberjäger kam diesen Morgen und meldete, er habe in dieser Nacht einen Hirsch zum Vergnügen Seiner Majestät in Bereitschaft gehalten. Anfangs erklärte der König, daß er nicht gehen wollte, doch konnte er der Lust nicht widerstehen, die ihm diese Jagd verhieß, und so ist er nach dem Frühmahl fortgefahren.« »Und hat der König den Kardinal gesehen?« fragte Herr von Tréville. »Das ist ganz wahrscheinlich,« antwortete der Kammerdiener, »denn ich sah diesen Morgen die Pferde an den Wagen Seiner Eminenz gespannt und fragte, wohin die Fahrt gehe, und man gab mir zur Antwort: ›nach Saint-Germain‹.« »Man eilte uns zuvor,« sprach Herr von Tréville. »Meine Herren, ich will diesen Abend mit dem König sprechen, doch rate ich nicht, daß Ihr Euch dahin wagt.« Diese Ansicht war zu vernünftig, und kam übrigens von einem Manne, der den König zu gut kannte, als daß es die vier Männer versucht hätten, ihm zu widersprechen. Herr von Tréville forderte sie auf, nach Hause zurückzukehren und auf Nachricht von ihm zu warten.

Als Herr von Tréville nach seinem Hotel zurückkehrte, bedachte er, es wäre für ihn wohl am geratensten, zuerst Klage zu führen. Sonach schickte er einen seiner Bedienten zu Herrn de la Trémouille mit einem Schreiben, worin er ihn ersuchte, die Leibwache des Herrn Kardinals aus seinem Hause zu entfernen und seine Leute über die Frechheit zu tadeln, daß sie einen Ausfall auf die Musketiere gemacht haben. Allein Herr von Trémouille, der schon durch seinen Stallmeister, den besagten Verwandten des Bernajoux, unterrichtet war, ließ ihm antworten, es käme weder Herrn von Tréville noch auch seinen Musketieren zu, Klage zu führen, sondern vielmehr ihm, dessen Leute die Musketiere angefallen und verstümmelt hätten, und dem sie sein Hotel verbrennen wollten. Da indes der Kampf zwischen diesen zwei hohen Herren sich hätte in die Länge ziehen können, weil natürlich jeder auf seiner Ansicht bestehen mußte, so ersann Herr von Tréville ein Mittel, das zum Zweck hatte, alles ans Ende zu bringen; er wollte nämlich selbst zu Herrn de la Trémouille gehen. Er begab sich somit unverweilt in dessen Hotel und ließ sich melden. Die zwei hohen Herren begrüßten sich sehr höflich, denn wenn sie auch nicht Freunde waren, so achteten sie sich doch. Beide waren Männer von Herz und Ehre, und da Herr de la Trémouille, ein Protestant, den König nur selten sah, und zu keiner Partei gehörte, so handelte er gewöhnlich ohne Vorurteil in seiner sozialen Stellung. Indes war diesmal sein Empfang, wenn auch höflich, doch kälter als gewöhnlich. »Mein Herr,« sprach Herr von Tréville, »wir beide glauben, einer habe sich über den andern zu beklagen, und so bin ich denn gekommen, daß wir uns über diese Angelegenheit ins klare setzen.« »Recht gern,« antwortete Herr de la Trémouille, »allein ich muß Ihnen im voraus sagen, daß ich gut unterrichtet bin, und daß alles Unrecht auf Seite Ihrer Musketiere liegt.« »Mein Herr,« versetzte Tréville, »Sie sind ein zu verständiger und rechtlicher Mann, um den Vorschlag nicht anzunehmen, den ich Ihnen machen will.« »Tun Sie das, mein Herr, ich höre.« »Wie steht es mit Herrn Bernajoux, dem Vetter Ihres Stallmeisters?« »Sehr schlimm, mein Herr. Außer dem Degenstich, den er am Arm erhielt – der übrigens nicht gefahrvoll ist –, ward ihm noch ein zweiter versetzt, der ihm durch die Lunge drang, so zwar, daß der Arzt das Traurigste voraussagt.« »Ist der Verwundete bei Bewußtsein?« »Vollkommen.« »Spricht er?« »Mit Anstrengung, doch spricht er.« »Gut, begeben wir uns zu ihm. Beschwören wir ihn im Namen Gottes, der ihn vielleicht bald abruft, daß er die Wahrheit sage. Er sei Richter in seiner eigenen Sache, und was er sagen wird, das will ich glauben.« Herr de la Trémouille bedachte sich ein Weilchen und willigte dann ein, weil es schwer war, ihm einen vernünftigeren Vorschlag zu machen. Somit gingen beide in das Zimmer hinab, worin der Verwundete lag. Als dieser die zwei edlen Herren zum Besuche kommen sah, versuchte er sich in seinem Bett aufzurichten, doch war er zu schwach und sank, durch diese Anstrengung erschöpft, fast ohnmächtig wieder zurück. Herr de la Trémouille trat zu ihm und ließ ihn an einem Salze riechen, das ihn wieder in das Leben zurückrief. Und damit man Herrn von Tréville nicht beschuldigen könne, er habe einen Einfluß auf den Kranken genommen, so forderte er Herrn de la Trémouille auf, daß er ihn selbst befrage. Es traf ein, was Herr von Tréville vorausgesehen hatte. Bernajoux dachte zwischen Leben und Tod nicht einen Augenblick daran, die Wahrheit zu verhehlen, und erzählte den beiden Herren den Vorfall genau so, wie er gewesen war. Das war alles, was Herr von Tréville verlangte; er wünschte Bernajoux eine baldige Genesung, beurlaubte sich von Herrn de la Trémouille, kehrte unverweilt in sein Hotel zurück und ließ den vier Freunden melden, daß er sie bei der Mittagstafel erwarte. Herr von Tréville empfing eine gute, ganz antikardinalistische Gesellschaft. Es läßt sich nun bedenken, daß sich das Gespräch während der ganzen Mahlzeit um die zwei Niederlagen bewegte, welche die Leibwachen Seiner Eminenz erlitten. Da nun d'Artagnan der Held dieser zwei Tage gewesen, so fielen ihm alle Glückwünsche zu, die ihm Athos, Porthos und Aramis nicht bloß als gute Kameraden, sondern auch als Männer überließen, an denen in dieser Hinsicht schon oftmals die Reihe war. Gegen sechs Uhr erklärte Herr von Tréville, daß er nach dem Louvre gehen müsse, da aber die von Seiner Majestät bewilligte Audienzstunde schon vorüber war, stellte er sich, statt bei der kleinen Treppe Einlaß zu verlangen, mit den vier jungen Männern im Vorgemach auf. Der König war von der Jagd noch nicht zurückgekehrt. Unsere jungen Männer mengten sich in die Schar der Hofleute und warteten kaum eine halbe Stunde, als alle Türen aufgingen und der König angekündigt wurde. Bei dieser Ankündigung fühlte sich d'Artagnan bis in das Mark der Knochen durchschauert. Der darauffolgende Augenblick sollte aller Wahrscheinlichkeit nach über den Rest seines Lebens entscheiden. Seine Augen waren angstvoll nach der Tür gerichtet, durch die Seine Majestät eintreten mußte. Ludwig XIII. schritt seinem Gefolge voraus; er war im Jagdanzug, ganz bestaubt, hatte große Stiefel an und hielt in der Hand eine Peitsche. D'Artagnan erkannte mit dem ersten Blick, daß das Gemüt des Königs stürmisch aufgeregt sei. Die drei Musketiere säumten also nicht und traten einen Schritt vorwärts, indes d'Artagnan hinter ihnen versteckt blieb. Allein, obgleich der König Athos, Porthos und Aramis persönlich kannte, ging er doch an ihnen vorüber, ohne sie anzusehen. Als aber die Augen des Königs einen Augenblick bei Herrn von Tréville anhielten, ertrug der diesen Blick mit solcher Festigkeit, daß der König sein Gesicht abwandte, worauf sich Seine Majestät murrend in seine Gemächer begab. »Die Sache geht schlimm,« sprach Athos lächelnd; »wir werden diesmal noch nicht zu Ordensrittern geschlagen.« »Wartet hier zehn Minuten,« sagte Herr von Tréville, »und seht Ihr mich nach Verlauf dieser Zeit nicht zurückkehren, so geht zurück in mein Hotel; denn es wäre dann unnütz, hier länger zu harren.« Die jungen Männer warteten zehn Minuten, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten, und als sie sahen, daß Herr von Tréville noch immer nicht kam, gingen sie fort, über das, was geschehen möge, sehr beunruhigt.

Herr von Tréville war kühn in das Kabinett des Königs getreten, und hatte Seine Majestät in einem Lehnstuhl sitzend und mit seiner Peitsche an die Stiefel klopfend in einer sehr üblen Stimmung angetroffen, was ihn jedoch nicht abhielt, den König mit seinem größten Phlegma um das Befinden zu fragen. »Es geht schlecht, mein Herr, schlecht, ich habe Langweile.« »Wie doch, Ew. Majestät langweilt sich?« entgegnete Herr von Tréville; »genossen Sie heute nicht das Vergnügen der Jagd?« »Ein schönes Vergnügen, bei meiner Seele; das hat aus der Art geschlagen, ich weiß nicht, ob das Wild keine Fährte mehr, oder ob die Hunde keine Nasen mehr haben.« »Wirklich, Sire, ich begreife Ihre Verzweiflung, das Unglück ist groß; Sie haben aber noch, wie mich dünkt, eine hübsche Anzahl von Falken und Sperbern.« »Und keinen Menschen, der sie abrichtet; die Falkoniers sterben aus, nur ich verstehe noch die Kunst der Falknerei. Nach mir wird alles zu Ende sein, man wird noch mit Fußfallen, Schlingen und Marderfallen jagen, hätte ich nur Zeit, Schüler zu bilden! Doch ja, da ist der Kardinal, der mir keinen Augenblick Ruhe gönnt, der mir von Spanien spricht, der mir von Österreich spricht, der mir von England spricht! Ach, Herr von Tréville, ich bin mit Ihnen in bezug auf den Kardinal unzufrieden.« »Und worin bin ich so unglücklich, Eurer Majestät zu mißfallen?« fragte Herr von Tréville, die tiefste Betroffenheit heuchelnd. »Versehen Sie derart Ihr Amt, mein Herr?« fuhr der König fort, ohne direkt auf die Frage des Herrn von Tréville zu antworten; »erwählte ich Sie deshalb zum Kapitän meiner Musketiere, daß Sie einen Menschen ermorden, ein ganzes Stadtquartier in Aufstand setzen und Paris anzünden wollen, ohne mir ein Wort davon zu sagen? Allein, während ich hier Klage führe,« fuhr der König in seiner Ereiferung fort, »sitzen zweifelsohne die Ruhestörer bereits im Gefängnis, und Sie kommen gewiß, um zu melden, daß Gerechtigkeit gehandhabt wurde.« »Sire,« entgegnete Herr von Tréville ruhig, »ich komme vielmehr, um von Ihnen Gerechtigkeit zu verlangen.« »Und gegen wen?« rief der König. »Gegen die Verleumder!« erwiderte Herr von Tréville. »Ei, seht doch, das ist neu!« entgegnete der König. »Werden Sie mir nicht zugeben, daß sich Ihre drei verdammten Musketiere Athos, Porthos und Aramis und der Junker von Béarn wie Wütende auf den armen Bernajoux gestürzt und ihn so mißhandelt haben, daß er wahrscheinlich noch in dieser Stunde seinen Geist aufgibt? Werden Sie mir nicht zugeben, daß sie sodann das Hotel des Herzogs de la Trémouille belagerten und sich anschickten, dasselbe in Brand zu setzen, was vielleicht zur Zeit des Krieges eben kein so großes Unglück gewesen wäre, da es ein Nest der Hugenotten ist, was aber zur Zeit des Friedens ein sehr schlimmes Beispiel gibt? Sagen Sie, ob Sie es ableugnen wollen?« »Und wer hat diesen schönen Bericht erstattet, Sire?« fragte Herr von Tréville gelassen. »Wer mir diesen schönen Bericht erstattet hat, mein Herr? wer anders, als derjenige, der wacht, wenn ich schlafe; der arbeitet, wenn ich mich unterhalte; der alle inneren und äußeren Geschäfte leitet in Frankreich wie in Europa?« »Seine Majestät will wohl von Gott sprechen,« sagte Tréville; »denn ich kenne nur Gott, der über Euer Majestät so erhaben ist.« »Nein, ich will von der Stütze des Reiches sprechen, von meinem einzigen Diener, von meinem einzigen Freunde, von dem Herrn Kardinal.« »Seine Eminenz ist nicht Seine Heiligkeit, Sire!« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß nur der Papst unfehlbar ist, und diese Unfehlbarkeit sich nicht auf jeden einzelnen Kardinal erstreckt.« »Sie wollen also sagen, daß er mich täuscht. Sie wollen sagen, daß er mich verrät? Somit klagen Sie ihn an. Nun, reden Sie, gestehen Sie freimütig, daß Sie ihn anklagen.« »Nein, Sire, sondern ich sage, daß er sich selbst täuscht, daß er schlecht unterrichtet war; ich sage, daß er sich übereilte, indem er die Musketiere bei Seiner Majestät anklagte, gegen die er ungerecht ist, und daß er seine Nachrichten nicht aus lauteren Quellen geschöpft hat.« »Die Anklage kommt von Herrn de la Trémouille, dem Herzog selbst. Was entgegnen Sie darauf?« »Ich könnte entgegnen, Sire, daß er in dieser Sache zu sehr beteiligt ist, um ein unparteiischer Zeuge zu sein; aber weit davon entfernt, Sire, erkenne ich den Herzog als einen echten Edelmann, und ich unterwerfe mich seiner Aussage; doch unter einer Bedingung, Sire!« »Und diese ist?« »Daß Ew. Majestät ihn kommen läßt, ihn selbst ohne Zeugen befragt, und daß ich allsogleich nach dem Vernehmen des Herzogs vor Ew. Majestät erscheinen darf.« »Wohlan!« sprach der König, »und Sie richten sich dann nach dem, was der Herzog aussagen wird?« »Ja, Sire!« »Sie nehmen seinen Ausspruch an?« »Allerdings.« »La Chesnaye!« rief der König, »La Chesnaye!« Der vertraute Kammerdiener des Königs Ludwig XIII., der sich stets an der Tür aufhielt, trat ein. »La Chesnaye,« sprach der König, »man hole mir augenblicklich Herrn de la Trémouille; ich will ihn diesen Abend noch sprechen.« »Gibt mir Ew. Majestät das Wort, niemanden als Herrn de la Trémouille und mich zu sehen?« »Niemanden, auf mein fürstliches Wort.« »Also morgen, Sire!« »Morgen, mein Herr!« »Um wieviel Uhr, wenn es Ew. Majestät gefällig wäre?« »Wann es Ihnen beliebt.« »Wenn ich aber zu früh käme, müßte ich befürchten, Ew. Majestät aufzuwecken.« »Mich aufzuwecken? Kann ich denn schlafen? Ich schlafe nicht mehr, ich träume bisweilen, das ist alles. Kommen Sie nur, so früh Sie wollen, um sieben Uhr; doch haben Sie acht, wenn Ihre Musketiere schuldig sind.« »Wenn meine Musketiere schuldig sind, Sire, so sollen die Schuldigen Ew. Majestät überliefert werden. Verlangt Ew. Majestät noch mehr, ich bitte zu sprechen; ich stehe bereit, zu gehorchen.« »Nein, mein Herr, nein; man nennt mich nicht ohne Ursache Ludwig den Gerechten. Also morgen, morgen.« »Gott erhalte Ew. Majestät!«

Wie wenig auch der König schlief, so schlief doch Herr von Tréville noch schlechter; er ließ es noch an demselben Abend seinen drei Musketieren und ihrem Gefährten vermelden, sie möchten sich morgen um halb sieben Uhr bei ihm einfinden. Er nahm sie mit sich, ohne ihnen eine Versicherung oder ein Versprechen zu machen, und ohne ihnen zu verhehlen, daß sein und ihr Glück vom Zufall abhänge. Als er bei der kleinen Treppe ankam, ließ er sie warten. Wäre der König noch immer über sie erzürnt, so sollten sie sich ungesehen entfernen; wolle er sie aber empfangen, solle man sie nur rufen müssen. Als Herr von Tréville in das besondere Vorgemach des Königs kam, traf er la Chesnaye, der ihm sagte, man habe den Herzog de la Trémouille gestern abend nicht in seinem Hotel angetroffen; er sei zu spät nach Hause gekommen, um sich noch nach dem Louvre zu begeben; er sei eben erst hierher gekommen und befinde sich jetzt bei dem König. Dieser Umstand war Herrn von Tréville sehr angenehm, denn er war versichert, daß sich zwischen ihm und Herrn de la Trémouille keine Einflüsterung von fremder Seite einschmuggeln werde. In der Tat waren kaum zehn Minuten vergangen, als die Kabinettstür des Königs aufging, wo dann Herr von Tréville den Herzog de la Trémouille herankommen sah, der sich ihm näherte und zu ihm sprach: »Herr von Tréville, Seine Majestät ließ mich rufen um zu erfahren, wie sich die Sache gestern früh in meinem Hotel verhalten habe. Ich sagte ihm die Wahrheit, das heißt, daß die Schuld auf der Seite meiner Leute lag. Da ich Sie nun hier treffe, so nehmen Sie gefälligst meine Entschuldigung hin, und betrachten Sie mich stets als einen Ihrer Freunde.« »Herr Herzog,« entgegnete Herr von Tréville, »ich setze so viel Zuversicht in Ihre Rechtlichkeit, daß ich bei Seiner Majestät keinen andern Vertreter wollte als Sie. Ich sehe, daß ich mich nicht betrog, und danke Ihnen dafür, daß es noch einen Mann gibt, von dem man untrüglich sagen kann, was ich von Ihnen gesagt habe.« »Es ist gut, es ist gut!« sprach der König, der zwischen der Doppeltür diese Komplimente mitangehört hatte; »nur sagen Sie ihm, Tréville, weil er behauptete, Ihr Freund zu sein, daß ich zu den seinigen zu gehören wünsche, daß er mich aber vernachlässigt, daß ich ihn bald drei Jahre lang nicht sah, und daß ich ihn nur dann sehe, wenn ich ihn berufen lasse. Sagen Sie ihm das von meiner Seite; denn das sind Dinge, die ihm ein König nicht selbst sagen kann.« »Dank, Sire, Dank!« rief der Herzog; »doch bitte ich Euer Majestät, zu glauben, daß nicht diejenigen – ich sage das nicht in bezug auf Herrn von Tréville –, daß nicht diejenigen Ihre ergebensten Diener sind, die Sie zu jeder Stunde um sich sehen.« »Ha, Sie haben gehört, was ich sagte; um so besser, Herzog, um so besser,« sprach der König und trat weiter hervor. »Ah, Sie sind es, Tréville! und wo sind Ihre Musketiere? Ich habe Sie gestern gebeten, mir dieselben vorzustellen; warum taten Sie es nicht?« »Sie stehen unten, Sire, und mit Ihrer Erlaubnis wird la Chesnaye sie heraufrufen.« »Ja, ja, sie mögen sogleich kommen; es wird acht Uhr, und um neun Uhr erwarte ich einen Besuch. Gehen Sie, Herr Herzog, und vor allem, kommen Sie wieder. Treten Sie ein, Tréville!« Der Herzog verneigte sich tief und ging fort. In dem Moment, als er die Tür öffnete, erschienen die drei Musketiere und d'Artagnan. »Kommt, meine Wackeren!« sprach der König, »kommt, ich habe euch auszuzanken.« Die Musketiere näherten sich mit einer Verbeugung, und d'Artagnan folgte ihnen nach. »Wie, des Teufels!« fuhr der König fort; »Ihr vier habt in zwei Tagen sieben Gardesoldaten Seiner Eminenz kampfunfähig gemacht? Das ist zuviel, meine Herren, das ist zuviel. Auf solche Art wäre Seine Eminenz gezwungen, seine Kompagnien in drei Wochen zu erneuern, und ich müßte die Edikte in ihrer ganzen Strenge gelten lassen. Wenn es zufällig nur ein Mann gewesen wäre, so wollte ich nichts sagen; aber sieben Mann in zwei Tagen, das ist zuviel; ich wiederhole es, das ist zu arg!« – »Eure Majestät sieht auch, wie sie zerknirscht und reuevoll sind, um ihre Entschuldigungen vorzubringen.« »Ganz zerknirscht und reuevoll, hm!« rief der König, »ich verlasse mich nicht so ganz auf ihre heuchlerischen Gesichter; besonders steht dort hinten ein Gascognergesicht. Treten Sie vor, mein Herr!« D'Artagnan, wohl bewußt, daß das Kompliment ihn anging, trat mit seiner verzweiflungsvollsten Miene näher. »Nun, was sagten Sie denn, daß er ein junger Mann sei? er ist noch ein Kind, Herr von Tréville, ein wirkliches Kind. Und dieser hat Jussac den schrecklichen Degenstich versetzt?« »Und jene zwei hübschen Hiebe dem Bernajoux.« »Wirklich?« »Abgerechnet davon,« sagte Athos, »daß ich, hätte er mich nicht den Händen Cahusacs entzogen, höchstwahrscheinlich nicht die Ehre hätte, Euer Majestät in diesem Augenblick meine tiefste Verehrung zu beweisen.« »Potz Element! dieser Béarner ist ja ein wahrhafter Dämon, Herr von Tréville! wie mein königlicher Vater ausgerufen hätte. Bei diesem Gewerbe muß man ja viele Röcke durchlöchern und viele Degen zersplittern; und die Gascogner sind immerfort arm, nicht so?« »Sire! ich kann wohl sagen, man hat in ihren Bergen noch keine Goldgruben aufgefunden, obwohl ihnen der Himmel dieses Wunder für die Art und Weise schuldig wäre, mit der sie die Ansprüche Ihres königlichen Vaters, Sire, unterstützt haben.« »Das will soviel sagen, daß mich die Gascogner selbst zum König gemacht haben, nicht wahr, Tréville, da ich der Sohn meines Vaters bin? Nun gut! ich sage nicht nein! La Chesnaye, geht und durchsuchet meine Taschen, ob Ihr nicht vierzig Pistolen findet, und habt Ihr sie gefunden, so bringet sie her. Und jetzt, junger Mann, die Hand auf das Herz und sagt, wie ist das zugegangen?« D'Artagnan erzählte das Abenteuer vom vorigen Tage mit all seinen Umständen, wie er aus Freude, Seine Majestät zu sehen, gar nicht schlafen konnte, und drei Stunden vor der Audienzzeit zu seinen Freunden gegangen sei; wie sie sich mitsammen in ein Ballspielhaus begaben, und wie er von Bernajoux ausgehöhnt wurde, weil er Furcht zeigte, es flöge ihm ein Ball ins Gesicht, und wie dieser seinen Hohn fast mit dem Verlust seines Lebens, und Herr de la Trémouille, der sich unparteiisch verhielt, mit dem Verlust seines Hotels bezahlen mußte. »Es ist gut,« murmelte der König, »ja, so hat mir der Herzog den Vorfall erzählt. Armer Kardinal! sieben Männer in zwei Tagen, und gerade deine liebsten; doch damit ist es genug, meine Herren; verstehen Sie, es ist jetzt genug; Ihr habt Rache genommen für die Rue Féron, und noch mehr als das; Ihr müßt Euch zufrieden geben.« »Wir sind es,« entgegnete Tréville, »wenn es Eure Majestät ist.« »Ja, ich bin's,« sprach der König, indem er einen Griff Gold aus der Hand la Chesnayes nahm und selbes in d'Artagnans Hand mit den Worten legte: »Das ist ein Beweis meiner Zufriedenheit!« D'Artagnan schob die vierzig Pistolen ohne alle Umstände in die Tasche und dankte Seiner Majestät auf das untertänigste. »Nun,« sprach der König, »ist es halb neun Uhr; Ihr könnt Euch entfernen. Dank für Ihre Ergebenheit, meine Herren! Ich kann stets darauf rechnen, nicht wahr?« »O, Sire!« riefen alle vier Gefährten mit einer Stimme, »für Eure Majestät lassen wir uns in Stücke hauen!« »Gut, gut! doch bleibt lieber ganz, das ist mehr wert, und so seid Ihr mir nützlicher. Tréville!« fuhr der König mit halbleiser Stimme fort, während sich die andern entfernten; »da Sie bei den Musketieren keinen erledigten Platz haben, und da ich überdies für die Aufnahme in dieses Korps ein Noviziat angeordnet, so stellen Sie diesen jungen Mann zu der Gardekompagnie Ihres Schwagers, des Herrn Essarts. Ha, bei Gott! Tréville, ich freue mich auf die Grimasse, die der Kardinal machen wird; er wird toben; aber gleichviel, ich bin in meinem Recht.« Der König begrüßte mit der Hand Herrn von Tréville, der fortging und sich zu seinen Musketieren begab, die eben beschäftigt waren, mit d'Artagnan die vierzig Pistolen zu teilen.

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