Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20190508
created20050620
projectid0a4128df
Schließen

Navigation:

Die Audienz.

Herr von Tréville war in diesem Moment in sehr übler Stimmung, dennoch begrüßte er artig den jungen Mann, der sich vor ihm bis zur Erde neigte, und nahm lächelnd sein Kompliment auf, da ihn die béarnische Mundart zugleich an seine Jugend und an sein Vaterland erinnerte – eine zweifache Erinnerung, die den Menschen jeden Alters zum Lächeln bringt. Indem er sich aber fast ebenso schnell dem Vorzimmer näherte und d'Artagnan mit der Hand ein Zeichen gab, als wollte er ihn um die Erlaubnis bitten, die andern abzufertigen, ehe er mit ihm anfinge, so rief er dreimal mit immer wachsender Stimme, so daß er alle Mittelstufen vom gebieterischen bis zornmütigen Tonausdruck durchging: »Athos! Porthos! Aramis!«

Die zwei Musketiere, mit denen wir bereits Bekanntschaft gemacht und die den zwei letzten dieser drei Namen antworteten, verließen allsogleich die Gruppen, unter denen sie standen, und näherten sich dem Kabinett, dessen Tür sich hinter ihnen schloß, wie sie über die Schwelle traten. Obwohl ihre Haltung nicht ganz ruhig war, so erregte sie doch durch ihre zugleich würdevolle und ehrfurchtsvolle Ungezwungenheit die Bewunderung d'Artagnans, der in diesen Männern Halbgötter und in ihrem Oberhaupt einen olympischen Zeus erblickte, der mit all seinen Blitzen bewaffnet war. Als die Musketiere eingetreten waren, als die Tür hinter ihnen zuging, als das murmelnde Getöse im Vorgemach, dem jenes Rufen zweifelsohne neue Nahrung gegeben, wieder anfing, und Herr von Tréville endlich drei- oder viermal schweigend mit gerunzelter Stirn das Kabinett der ganzen Länge nach durchmessen hatte, indem er stets an Porthos und Aramis vorüberschritt, die starr und stumm wie auf der Parade dastanden, hielt er auf einmal vor ihnen an, betrachtete sie von Kopf bis zu den Füßen mit erzürntem Blick und sagte: »Wißt ihr, was mir der König gesagt hat, und das erst gestern abends? Meine Herren, wißt ihr das?« »Nein,« antworteten die zwei Musketiere nach einem Augenblick des Stillschweigens, »nein, gnädiger Herr, wir wissen es nicht.« »Ich hoffe aber, Sie werden es uns gefälligst sagen,« fügte Aramis mit seinem höflichsten Ton und seiner anmutigsten Ehrfurcht hinzu. »Er hat mir gesagt, daß er künftig seine Musketiere unter der Leibwache des Kardinals rekrutieren wolle.« »Unter der Leibwache des Kardinals, und warum das?« fragte Porthos lebhaft. »Weil er sah, daß sein saurer Wein nötig habe, durch eine Mischung guten Weines aufgefrischt zu werden.«

Die zwei Musketiere erröteten bis zum Weiß ihrer Augen. D'Artagnan wußte nicht, wo er sei, und hätte gern hundert Fuß unter der Erde sein mögen. »Ja, ja,« fuhr Herr von Tréville mit Ereiferung fort, »ja, und Seine Majestät hat recht, denn es ist auf meine Ehre wahr, daß die Musketiere eine traurige Figur bei Hofe spielen. Der Herr Kardinal erzählte gestern beim Spiele des Königs mit einer Miene des Mitleids, die mir sehr mißfallen hat, daß vorgestern diese verdammten Musketiere, diese ›eingefleischten Teufel‹, und er legte auf diese Worte einen ironischen Ton, der mir noch mehr mißfiel; ›diese Kopfabsäbler‹, fügte er hinzu und blickte mich mit tigerartigem Auge an, sich in der Gasse Féron in einer Schenke verspätet haben, und daß eine Runde seiner Wache, ich glaube, er wollte mir unter die Nase lachen, gezwungen war, diese Ruhestörer einzuziehen. Tod und Teufel! Ihr müßt doch davon wissen! Musketiere einziehen! Ihr waret dabei, leugnet es nicht, man hat euch erkannt, und der Kardinal hat euch namentlich angeführt. Es ist freilich meine Schuld, ja, meine Schuld ist's, weil ich meine Leute auswähle. Nun, zum Teufel, Aramis, warum habt Ihr mich denn um den Kriegerrock gebeten, da Ihr Euch in der Soutane so gut ausgenommen hättet? Dann Ihr, Porthos! habt Ihr nur deshalb ein so schönes goldenes Wehrgehänge, um einen Degen von Stroh daran zu hängen? Und Athos, ich sehe Athos nicht, wo ist er?« – »Gnädiger Herr,« entgegnete Aramis traurig, »er ist krank, schwer krank.« »Krank, schwer krank, sagt Ihr, und was fehlt ihm?« »Man befürchtet bei ihm die Pocken, o Herr,« antwortete Porthos, der gleichfalls ein Wort einmengen wollte, »und das wäre sehr verdrießlich, denn es würde ganz sicher sein Gesicht verunstalten.« »Pocken! – Das ist wieder eine glorwürdige Geschichte, die Ihr da erzählt, Porthos; in seinem Alter krank an den Pocken! Nein, aber gewiß verwundet, vielleicht getötet. Ha, wenn ich das wüßte! Donnerwetter! Ihr Herren Musketiere, ich dulde es nicht, daß man so in schlechten Orten herumstreift, auf der Straße Zank anfängt und überall gleich den Degen zieht. Kurz, ich will es nicht, daß man der Leibwache des Herrn Kardinals Stoff zum Lachen gibt, denn es sind wackere, ruhige und geschickte Leute, die nie in den Fall kommen, eingezogen zu werden, und die sich auch nicht würden verhaften lassen, dessen bin ich versichert. Sie stürben lieber auf dem Platz, als daß sie einen Schritt zurückwichen. Sich wehren, fliehen, davonschleichen, ha! das ist gut für die Musketiere des Königs!«

Porthos und Aramis knirschten vor Wut. Sie hätten gern Herrn von Tréville erwürgt, wäre es ihnen nicht bewußt gewesen, daß es seine große Liebe für sie war, die ihn so zu reden bewog. Sie stampften auf den Boden, bissen sich die Lippen blutig und zerquetschten fast das Stichblatt ihres Degens. Wie schon gesagt, hörte man außen: Athos, Porthos und Aramis rufen, und man erriet es an dem Tone der Stimme des Herrn von Tréville, daß er ganz in Zorn entbrannt war. Zehn vorwitzige Köpfe lehnten sich an die Tapeten und erblaßten vor Ärger, denn ihre fest an die Tür gepreßten Ohren verloren nicht eine Silbe von dem, was da gesprochen wurde, während ihr Mund den Anwesenden im Vorgemach alle die beleidigenden Worte des Kapitäns wiederholte. Im Augenblick war das ganze Hotel in Aufregung vor der Tür des Kabinetts bis hinab zum Straßentor. »Ha, die Musketiere des Königs lassen sich einfangen von den Garden des Herrn Kardinals!« fuhr Herr von Tréville fort, im Innern ebenso wütend wie seine Soldaten, doch stieß er seine Worte ab und bohrte eines nach dem andern wie ebenso viele Dolchstiche in die Brust seiner Zuhörer. »Ha, sechs Garden Seiner Eminenz verhaften sechs Musketiere des Königs! Tod und Hölle! mein Entschluß steht fest. Ich gehe augenblicklich nach dem Louvre, ich verlange meine Entlassung als Kapitän des Königs und bitte um eine Leutnantsstelle bei der Leibwache des Kardinals, und wenn er sie mir verweigert, Blitz und Wetter! so werde ich Abbé!«

Auf diese Worte kam es außen vom Gemurmel zum lauten Ausbruch; man hörte überall nichts als Flüche und Verwünschungen. Die Luft erschallte immer lauter von: Tod und Teufel! von Mordelement! und Donnerwetter! D'Artagnan sah sich nach einer Tapete um, hinter die er sich versteckte, und hatte große Lust, sich unter den Tisch zu kauern. »Ganz richtig, mein Kapitän,« sprach Porthos, »wir waren sechs gegen sechs, doch wurden wir verräterisch festgenommen, und ehe wir noch Zeit hatten, unsere Degen zu ziehen, sind zwei von uns tot niedergefallen und Athos war schwer verwundet und taugte auch nichts mehr. Sie kennen ja Athos, und, Kapitän, er versuchte zweimal aufzustehen und stürzte zweimal zusammen. Wir haben uns aber nicht ergeben, nein, man hat uns gewaltsam fortgezerrt. Auf dem Wege machten wir uns davon. Was Athos betrifft, so hielt man ihn für tot, ließ ihn ruhig auf dem Kampfplatze liegen, und fand es nicht der Mühe wert, ihn fortzutragen. So ist die Geschichte. Was Teufel, Kapitän, man gewinnt nicht alle Schlachten. Der große Pompejus hat die von Pharsalus verloren, und Franz I., den ich als einen tüchtigen Krieger rühmen hörte, verlor doch die bei Pavia.« »Und ich gebe mir die Ehre, zu versichern, daß ich einen mit seinem eigenen Degen durchbohrte,« sagte Aramis, »denn der meinige zerbrach bei dem ersten Streiche. Getötet oder erdolcht, mein Herr, wie es beliebt.« »Das wußte ich nicht,« versetzte Herr von Tréville in einem etwas milderen Tone. »Der Herr Kardinal hat übertrieben, wie ich sehe.« »Um Vergebung, mein Herr,« fuhr Aramis fort, der, als er den Kapitän beruhigter sah, eine Bitte vorzubringen wagte, »sagen Sie nicht, daß Athos verwundet sei; er geriete in Verzweiflung, wenn das zu den Ohren des Königs käme, und da die Verwundung sehr schwer ist, indem der Stich von der Schulter in die Brust eindrang, so stände zu befürchten –«

In diesem Moment erhob sich der Türvorhang und ein edler, schöner, doch schrecklich blasser Kopf kam zum Vorschein. »Athos!« riefen die zwei Musketiere. »Athos!« wiederholte Herr von Tréville. »Mein Herr,« sprach Athos, »Sie verlangten nach mir,« er sagte das mit einer zwar schwachen, doch ganz ruhigen Stimme und fuhr fort: »Sie verlangten nach mir, wie mir meine Kameraden meldeten, und ich beeile mich Ihrem Befehl nachzukommen. Hier bin ich, gnädiger Herr, was wünschen Sie?«

Bei diesen Worten trat der Musketier festen Schrittes in guter Haltung und gegürtet wie immer in das Kabinett. Herr von Tréville war über diesen Beweis von Mut gerührt und schritt ihm lebhaft entgegen. »Ich habe soeben diesen Herren gesagt,« sprach er, »daß ich es meinen Musketieren verbiete, ihr Leben ohne Not in die Schanze zu schlagen, denn wackere Leute sind dem König sehr wertvoll, und der König weiß es, daß seine Musketiere die wackersten Männer auf Gottes Erdboden sind. Eure Hand, Athos!«

Und ohne daß Herr von Tréville auf diesen Beweis von Zuneigung eine Antwort von dem neuen Ankömmling erwartete, faßte er seine Rechte und drückte sie mit Innigkeit, ohne dabei zu bemerken, daß Athos, wie groß auch seine Selbstbeherrschung war, eine Bewegung des Schmerzes nicht unterdrücken konnte und noch blasser wurde, was man für unmöglich gehalten hätte. Die Tür war halb offen geblieben, so viel Aufsehen erregte Athos' Ankunft, dessen Verwundung, so geheim sie auch gehalten wurde, doch allen bekannt war. Ein Jubelschrei war das Echo der letzten Worte des Kapitäns, und einige Köpfe zeigten sich, von Entzücken hingerissen, an den Öffnungen der Tapeten. Herr von Tréville wollte zweifelsohne mit lebhaften Worten diesen Eingriff in die Gesetze der Schicklichkeit zurückweisen, aber da empfand er, daß sich Athos' Hand in der seinigen krampfhaft zusammenzog, und bemerkte, daß derselbe, indem er ihn stier anblickte, nahe daran sei, ohnmächtig zu werden. In diesem Moment stürzte Athos, der all seine Kräfte zusammengerafft hatte und doch endlich überwältigt ward, wie tot zur Erde. »Einen Wundarzt!« rief Herr von Tréville. »Den meinigen, den des Königs, den besten! Einen Wundarzt, oder bei Gott! mein wackerer Athos ist verloren.«

Auf das Rufen des Herrn von Tréville stürzte alles in sein Kabinett, ohne daß er daran dachte, gegen irgend jemand seine Tür zu schließen, und alle drängten sich um den Verwundeten. Doch wäre diese Dringlichkeit nutzlos gewesen, hätte sich der verlangte Arzt nicht in dem Hotel selber gefunden; dieser arbeitete sich durch das Gewühl und näherte sich Athos, der noch immer ohnmächtig war, und da ihn das Getöse und Gedränge in seiner Tätigkeit störten, so verlangte er zuvörderst und umgänglich, daß man den Musketier in ein Nebenzimmer trage. Herr von Tréville öffnete allsogleich eine Tür und zeigte Porthos und Aramis, die ihren Gefährten auf die Arme nahmen, den Weg. Somit war das Kabinett des Herrn von Tréville, dieser so geachtete Ort, ein zweites Vorgemach geworden. Jedermann schwätzte, sprach, deklamierte, fluchte und verwünschte die Leibwachen des Kardinals. Ein Weilchen darauf kehrten Porthos und Aramis zurück, der Chirurg und Herr von Tréville blieben allein bei dem Verwundeten. Endlich kehrte auch Herr von Tréville zurück. Der Verwundete erlangte das Bewußtsein wieder, und der Wundarzt erklärte, der Zustand des Kranken dürfe seine Freunde ganz und gar nicht beängstigen, denn seine Schwäche sei nur eine Folge des Blutverlustes. Herr von Tréville winkte nun mit der Hand und alles zog sich zurück, d'Artagnan ausgenommen, der es ja nicht vergaß, daß er Audienz hatte und mit der Hartnäckigkeit eines Gascogners an derselben Stelle verblieb. Als alle fortgegangen waren und die Tür wieder geschlossen wurde, wandte sich Herr von Tréville um und sah sich allein mit dem jungen Manne.

»Um Vergebung,« sprach er lächelnd, »um Vergebung, mein lieber Landsmann! ich habe ganz auf Sie vergessen. Was wünschen Sie? Ein Kapitän ist ein Familienvater, der eine größere Verantwortlichkeit hat als ein gewöhnlicher Familienvater. Die Soldaten sind große Kinder; aber da ich darauf sehe, daß man die Befehle des Königs und zumal die des Kardinals vollziehe . . .« D'Artagnan konnte sich eines Lächelns nicht enthalten. Herr von Tréville urteilte aus diesem Lächeln, daß er es mit keinem Schwachkopf zu tun habe, und indem er gerade auf die Sache losging, änderte er das Gespräch und sagte: »Mein Herr! ich hatte Ihren Vater recht lieb. Was vermag ich für seinen Sohn zu tun? Reden Sie schnell, meine Zeit gehört nicht mir.« »Mein Herr!« entgegnete d'Artagnan, »als ich Tarbes verließ und hierher reiste, war meine Absicht, Sie im Vertrauen auf diese Freundschaft, die Ihnen nicht aus dem Gedächtnis geschwunden ist, um die Uniform eines Musketiers zu bitten. Aber nach allem dem, was ich seit zwei Stunden gesehen, ist es mir einleuchtend, daß eine solche Gunst ungeheuer wäre, und mir bangt, ob ich sie verdienen könne.« »Es ist allerdings eine Gunst, junger Mann!« erwiderte Herr von Tréville, »doch kann sie nicht so hoch über Ihnen stehen, wie Sie glauben, oder zu glauben Miene machen. Für diesen Fall hat indes eine Entscheidung Seiner Majestät Sorge getragen, und ich sage Ihnen mit Leidwesen, daß niemand unter die Musketiere aufgenommen wird ohne vorausgehende Probe von einigen Feldzügen, gewissen Auszeichnungen oder einem zweijährigen Dienst in einem andern Regiment, das weniger begünstigt ist als das unsrige.« D'Artagnan verneigte sich, ohne zu antworten. In ihm stieg das Verlangen nach der Musketieruniform, seit er bemerkte, daß man zu ihrer Erlangung so große Schwierigkeiten überwinden müsse. Tréville heftete auf seinen Landsmann einen so durchdringenden Blick, daß man glauben konnte, er wolle in den Grund seines Herzens schauen, und fuhr fort: »Aber aus Rücksicht für Ihren Vater, meinen alten Landsmann, wie ich schon sagte, will ich etwas für Sie tun. Unsere Söhne von Béarn sind gewöhnlich nicht reich, und ich zweifle, daß sich die Sache verändert hat, seit ich die Provinz verlassen habe. Nicht wahr, Sie haben zum Leben nicht viel Geld mitgebracht?« D'Artagnan erhob sich mit einer stolzen Miene, die sagen wollte, daß er von niemand ein Almosen verlange. »Das ist gut, junger Mann, das ist gut,« sagte Tréville, »ich kenne diese Miene, ich bin nach Paris gekommen mit vier Talern in der Tasche und hätte mich mit jedem geschlagen, der mir gesagt hätte, ich wäre nicht imstande, den Louvre zu kaufen.« D'Artagnan richtete sich noch mehr empor; nach dem Verkauf eines Pferdes betrat er seine Laufbahn mit vier Talern mehr, als Herr von Tréville die seinige begonnen hatte. »Es ist also vonnöten, wie ich gesagt habe, daß Sie die Summe, die Sie besitzen, aufbewahren, wie bedeutend sie auch sein möge. Sie haben auch vonnöten, sich in den Übungen zu vervollkommnen, die einem Edelmann gebühren. Ich will heute dem Direktor der königlichen Akademie schreiben, und man wird Sie morgen schon ohne Geldeinlage aufnehmen. Weisen Sie dieses kleine Geschenk nicht zurück. Unsere Edelleute von bester Abkunft und mit großem Reichtum bewerben sich öfter um diese Gunst und können sie doch nicht erlangen. Sie werden dort reiten, fechten und tanzen lernen; Sie werden sich dort gute Kenntnisse zu eigen machen, und von Zeit zu Zeit kommen Sie zu mir, um mir zu sagen, wie weit Sie vorgerückt sind, und ob ich weiter etwas für Sie tun könne.«

Obwohl d'Artagnan mit den Sitten des Hofes unbekannt war, so empfand er doch die Kälte dieses Empfanges und sagte: »Ach, mein Herr, ich sehe, wie sehr mir heute der Empfehlungsbrief fehlt, den mir mein Vater mitgegeben hat.« »Ich verwundere mich in der Tat,« sagte Herr von Tréville, »daß Sie eine so weite Reise unternahmen ohne dieses notwendige Viatikum, unsere einzige Hilfsquelle.« »Gott sei Dank, ich hatte es bei bei mir in bester Form,« entgegnete d'Artagnan, »doch es ist mir entwendet worden.« Darauf erzählte er den ganzen Vorfall in Meung, beschrieb den unbekannten Edelmann in allen Einzelheiten, und das alles mit einer Wärme und Wahrheit, daß Herr von Tréville entzückt war. »Das ist seltsam,« rief der letztere gedankenvoll; »Sie haben also ganz laut von mir gesprochen?« »Ja, mein Herr, und damit zweifelsohne eine Unbesonnenheit begangen: jedoch ein Name wie der Ihrige mußte mir auf der Reise als Schild dienen. Sie können denken, daß ich mich öfter in diesen Schutz begab.« Damals war die Schmeichelei sehr im Schwunge, und Herr von Tréville liebte den Weihrauch wie ein König oder ein Kardinal. Er konnte also nicht umhin, selbstgefällig zu lächeln, doch verschwand dieses Lächeln sogleich wieder, und indem er selbst auf das Ereignis in Meung zurückkam, fuhr er fort: »Sagen Sie mir, hatte dieser Edelmann nicht eine leichte Narbe an der Wange?« »Ja, wie sie das Streifen einer Kugel machen würde.« »War er nicht ein Mann von schöner Gesichtsbildung?« »Ja.« »Von hohem Wuchse?« »Ja.« »Blaß im Gesicht und mit braunen Haaren?« »Ja, ja, so ist es. Wie kommt es, mein Herr, daß Sie diesen Menschen kennen? Ha, wenn ich ihn wieder treffe, und ich werde ihn wieder antreffen, so schwöre ich's, und wäre es in der Hölle . . .« »Er erwartete eine Dame?« fragte Tréville weiter. »Er ist wenigstens abgereist, nachdem er einen Augenblick mit derjenigen, die er erwartet, gesprochen hatte.« »Wissen Sie nichts von dem Inhalt ihres Gespräches?« »Er händigte ihr ein Kästchen ein und sagte, dasselbe enthalte ihre Weisung, doch dürfte sie es erst in London aufschließen.« »War diese Frau eine Engländerin?« »Er nannte sie Mylady.« »Er ist es,« murmelte Tréville, »er ist es; und ich dachte, daß er noch in Brüssel wäre.« »O mein Herr, wenn Sie wissen, wer dieser Mann war,« rief d'Artagnan, »so sagen Sie mir, wer – und wo ist er? Dann entbinde ich Sie von allem, sogar von der Zusage, mich unter die Musketiere aufzunehmen, denn vor allem will ich mich rächen.« »Junger Mann,« erwiderte Tréville, »seien Sie wohl auf Ihrer Hut, sehen Sie ihn auf der einen Seite der Straße herankommen, so treten Sie auf die andere, und stoßen Sie nicht an einen solchen Felsen, denn er würde Sie wie Glas zersplittern.« »Das hält mich nicht ab,« sagte d'Artagnan, »wenn ich ihn wiederfinde . . .« »Wenn ich Ihnen einen Rat geben soll,« versetzte Herr von Tréville, »so suchen Sie ihn nicht auf. Mein Freund!« sprach er laut und gelassen, »da ich die Geschichte mit dem verlorenen Brief für wahr halte, so will ich Sie, um die Kälte wieder gutzumachen, die Sie anfangs beim Empfang gefühlt haben mögen, als den Sohn meines alten Freundes mit den Geheimnissen unserer Politik bekannt machen. Der König und der Kardinal sind die besten Freunde; ihre scheinbaren Streitigkeiten sollen nur die Schwachsinnigen beirren. Ich will es nicht, daß ein Landsmann, ein hübscher Edelmann, wackerer Junker, von diesen Verführern betört werde und wie ein Schwachkopf in das Netz falle, worin so viele schon zu Grunde gegangen sind. Bedenken Sie recht wohl, daß ich diesen zwei allgewaltigen Herren ergeben bin, und daß meine ernstlichen Schritte keinen andern Zielpunkt haben, als dem König und dem Kardinal, diesem erhabensten Geiste, zu dienen, den Frankreich je gehabt hat; Sie mögen sich nun danach richten, junger Mann, und wenn Sie, ob wegen Ihrer Familie, ob wegen Ihrer freundschaftlichen Verhältnisse, oder aus Instinkt, einen Groll wider den Kardinal nähren, wie er sich denn so oftmals bei unsern Edelleuten äußert, so sagen Sie uns Lebewohl, und trennen Sie sich von uns. Ich werde Ihnen in tausendfachen Dingen behilflich sein, doch gestatte ich Ihnen keine engere Verbindung mit meiner Person. In jedem Falle hoffe ich durch meine Offenheit Ihre Freundschaft zu gewinnen, denn bis zu dieser Stunde sind Sie der einzige junge Mann, mit dem ich eine solche Sprache führte.« Bei sich selbst sprach Tréville so: »Hat der Kardinal wirklich diesen jungen Fuchs zu mir geschickt, so wird er, da er wohl weiß, wie sehr ich ihn hasse, nicht unterlassen haben, seinem Spion zu sagen, das beste Mittel, mir den Hof zu machen, wäre, über ihn das Schlimmste zu reden; und der schlaue Gevatter wird mir auch trotz meiner Versicherungen antworten, daß ihm Seine Eminenz verhaßt sei.« Es kam aber anders, als es Tréville erwartet hatte, denn d'Artagnan antwortete ganz einfach: »Mein Herr, ich komme mit ganz ähnlichen Gesinnungen nach Paris. Mein Vater hat es mir ans Herz gelegt, daß ich von niemandem etwas erdulde, als von dem König, von dem Kardinal und von Ihnen, die er für die drei Ersten in Frankreich hält.«

Wie man bemerkt, so hatte d'Artagnan den beiden andern noch Herrn von Tréville beigefügt, allein er dachte, daß dieser Zusatz nicht schaden könne. »Ich hege somit die höchste Verehrung für den Herrn Kardinal,« fuhr er fort, »und die größte Hochachtung für seine Handlungen. Es ist nun um so besser für mich, wenn Sie, wie Sie sagen, freimütig mit mir reden, denn Sie werden mir die Ehre erzeigen, diese Geschmacksähnlichkeit zu schätzen; haben Sie jedoch irgend einen sehr natürlichen Argwohn gefaßt, so fühle ich, daß es mein Verderben ist, wenn ich die Wahrheit spreche; das wäre um so schlimmer, wenn ich dadurch Ihre Achtung verlöre, die mir über alles in der Welt gilt.«

Herr von Tréville war über diesen letzten Punkt überrascht. So viel Scharfsinn und Freimütigkeit gewannen seine Bewunderung, hoben aber doch nicht jeden Zweifel auf; je mehr dieser junge Mann die andern jungen Leute übertraf, um so mehr war er zu fürchten, wenn er sich in ihm täuschte. Nichtsdestoweniger drückte er d'Artagnan die Hand und sprach: »Sie sind ein ehrbarer Junker, doch kann ich in diesem Moment nicht mehr für Sie tun, als ich eben angeboten habe. Mein Hotel steht Ihnen jederzeit offen. Indem Sie mich nun zu jeder Stunde besuchen und jede Gelegenheit benützen können, so werden Sie später wahrscheinlich erlangen, was Sie zu erlangen wünschten.« »Das will sagen,« entgegnete d'Artagnan, »Sie werden so lange warten, bis ich mich würdig gemacht habe.« »Wohlan,« fügte er mit der Vertraulichkeit eines Gascogners hinzu, »seien Sie ganz ruhig. Sie werden nicht lange zu warten brauchen.« Er verneigte sich, um fortzugehen, als ob das übrige nur ihn anginge. »So warten Sie nur,« antwortete Herr von Tréville, ihn zurückhaltend, »ich habe Ihnen ja einen Brief an den Direktor der Akademie angeboten. Sind Sie zu stolz, um ihn anzunehmen, mein junger Edelmann?« »Nein, mein Herr,« sagte d'Artagnan, »ich bürge Ihnen, mit diesem Briefe soll es nicht so gehen wie mit dem andern. Ich schwöre es Ihnen; ich will ihn so gut bewahren, daß er an sein Ziel gelangt, und wehe dem, der es versuchen wollte, mir ihn wegzunehmen.« Herr von Tréville lächelte zu dieser Prahlerei, und während er seinen jungen Landsmann an der Fensterbrüstung zurückließ, wo sie standen und sprachen, setzte er sich an den Tisch und schrieb den versprochenen Empfehlungsbrief. Da mittlerweile d'Artagnan nichts besseres zu tun hatte, so schlug er einen Marsch an den Fensterscheiben, besah sich die Musketiere, von denen einer nach dem andern wegging, und folgte ihnen mit dem Blicke, bis sie an der Wendung der Straße verschwanden.

Nachdem Herr von Tréville den Brief vollendet hatte, siegelte er ihn, stand auf und trat zu dem jungen Mann, um ihn demselben zu übergeben; aber in dem Augenblick, als d'Artagnan die Hand ausstreckte, um ihn zu nehmen, war Herr von Tréville höchst erstaunt, als er sah, wie sein Schützling aufsprang, vor Zorn erglühte und mit den Worten aus dem Kabinett stürzte: »Donner und Wetter! Diesmal soll er mir nicht entschlüpfen.« »Wer denn?«, fragte Herr von Tréville. »Er, mein Dieb!« rief d'Artagnan. »Ha, der Verräter!« Und er verschwand. »Ein Teufelsnarr!« murmelte Herr von Tréville. »Indes,« fügte er hinzu, »wenn nur das nicht eine schlaue Manier zu entwischen ist, indem er sah, daß sein Stoß fehlging.«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.