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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20190508
created20050620
projectid0a4128df
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Die Jagd nach der Equipierung.

Der bewegteste und geschäftigste von den vier Freunden war augenscheinlich d'Artagnan, obwohl d'Artagnan Gardesoldat, und als solcher leichter zu equipieren war als die Musketiere, die im Range höher standen; allein wie man sehen konnte, hatte unser Junker aus der Gascogne einen etwas behutsamen und geizigen Charakter, und dabei war er im Kontrast ruhmredig, um Porthos die Spitze zu bieten. Athos ging nicht aus seinem Zimmer; er war entschlossen, betreffs seiner Equipierung keinen Schritt zu wagen. Porthos setzte seine Spaziergänge fort, die Hände auf dem Rücken und den Kopf schüttelnd, indem er dabei murmelte: »Ich werde meiner Idee folgen.« Aramis sah trübselig und verwahrlost aus, und sprach gar nichts. Indes hatte Porthos zuerst seine Idee gefunden, und da er dieselbe mit Beharrlichkeit verfolgte, so schritt er auch zuerst zum Werk. Dieser würdige Porthos war ein Mann der Ausführung. Eines Tages bemerkte ihn d'Artagnan, wie er nach St. Leu ging, und folgte ihm instinktartig nach. Er trat dort ein, nachdem er vorher seinen Schnurrbart aufgerichtet und seinen Knebelbart langgezogen hatte, was bei ihm stets sehr eroberungssüchtige Entwürfe anzeigte. Da d'Artagnan, um sich zu verstellen, alle Vorsicht gebrauchte, so glaubte Porthos, daß man ihn nicht gesehen habe. Porthos lehnte sich an die eine Seite eines Pfeilers, d'Artagnan an die andere, ohne daß er bemerkt wurde. D'Artagnan gewahrte neben dem Pfeiler, wo er und Porthos lehnten, auf einer Bank eine Art reifer Schönheit, wohl ein bißchen gelblich und trocken, aber stolz und steif unter ihrer schwarzen Haube. Die Augen des Porthos neigten sich verstohlen nach dieser Dame, und schwärmten sodann wieder im weiten Kreis umher. Die Dame, die von Zeit zu Zeit errötete, schleuderte schnell wie ein Blitz auf Porthos einen Blick, und alsogleich ließ Porthos wieder sein Auge umherschweifen. Es war augenfällig, daß die Dame mit der schwarzen Haube durch dieses Benehmen lebhaft angereizt wurde; denn sie biß ihre Lippen bis aufs Blut, kratzte sich an der Nase und rückte auf ihrem Sitz verzweiflungsvoll hin und her. Als Porthos das bemerkte, strich er abermals seinen Schnurrbart in die Höhe, zog seinen Knebelbart aufs neue in die Länge und warf einer nahesitzenden Dame Winke zu, einer Dame, die nicht allein schön, sondern zweifelsohne auch vornehm war. Sie hatte ja einen jungen Neger hinter sich, der das Kissen brachte, auf dem sie kniete, und eine Kammerfrau, welche die mit einem Wappen gestickte Tasche für das Gebetbuch in der Hand hielt. Die Dame mit der schwarzen Haube folgte dem Blick des Porthos in all seinen Richtungen und bemerkte, daß er sich der Dame mit dem Samtkissen, dem Negerknaben und der Kammerfrau hinwandte. Inzwischen spielte Porthos seine Rolle gut; er blinzelte mit den Augen, legte die Finger an seine Lippen und lächelte auf eine Weise, daß es der verschmähten Schönen mörderisch in die Seele drang. Auch sie ließ ein so lautes »Hm!« vernehmen, daß sich alle Anwesenden und sogar die Dame mit dem roten Kissen umwandte; Porthos hielt sich gut; er verstand recht wohl, allein er stellte sich taub. Die Dame mit dem roten Kissen machte, da sie sehr schön war, einen gewaltigen Eindruck auf die Dame mit der schwarzen Haube, die in ihr eine schreckliche Nebenbuhlerin erblickte; sie machte auch großen Eindruck auf Porthos, der sie viel jünger und hübscher fand, als die Dame mit der schwarzen Haube; endlich einen großen Eindruck auf d'Artagnan, der in ihr die Dame von Meung, von Calais und Dower erkannte, die sein Verfolger, der Mann mit der Narbe, als Mylady tituliert hatte. D'Artagnan glaubte zu erraten, die Dame mit der schwarzen Haube sei die Prokuratorsfrau aus der nahegelegenen Gasse Aux-Ours. Infolgedessen erriet er ferner, daß Porthos Rache zu nehmen suche für seine Niederlage in Chantilly, wo sich die Prokuratorsfrau rücksichtlich der Börse so hartnäckig bewiesen hatte. Doch mitten unter dem allem bemerkte auch d'Artagnan, daß kein einziges Gesicht die Artigkeiten des Porthos' erwiderte. Es waren bloß Chimären und Illusionen. Die Prokuratorsfrau stand auf, um den Saal zu verlassen, Porthos eilte ihr zuvor und legte die Hand an die Klinke der Tür. Die Prokuratorsfrau lächelte in dem Wahn, Porthos wolle ihr aus Artigkeit die Tür öffnen, allein sie wurde schnell und hart enttäuscht. Als sie nur noch drei Schritte von ihm entfernt war, wandte er den Kopf und richtete seine Augen unverrückt auf die Dame mit dem roten Kissen, die sich gleichfalls erhoben hatte, und von ihrem Neger und der Kammerfrau gefolgt, herbeikam. Als nun die Dame mit dem roten Kissen nahe bei Porthos war, öffnete dieser zuvorkommend die Tür und bahnte ihr den Weg. Das war zuviel für die Prokuratorsfrau; sie zweifelte nicht mehr daran, daß zwischen dieser Dame und Porthos ein Liebesverhältnis bestehe. Wäre sie eine große Dame gewesen, würde sie wohl in Ohnmacht gefallen sein; da sie aber nichts als eine Prokuratorsfrau war, sprach sie zu Porthos bloß mit verhaltener Wut: »Hm, Herr Porthos, mir wissen Sie keine Artigkeit zu erzeigen?« Porthos gebärdete sich bei dem Tone dieser Stimme ungefähr wie ein Mensch, der nach einem Schlaf von hundert Jahren plötzlich aufwachen würde. »Mad– –Madame!« stammelte er, »sind Sie es wirklich? Wie befindet sich Ihr Herr Gemahl, der liebe Herr Coquenard? Ist er noch immer so karg wie früher? Wo hatte ich doch die Augen, daß ich Sie während dieser zwei Stunden gar nicht bemerkt habe?« »Ich war nur zwei Schritte von Ihnen entfernt, mein Herr,« entgegnete die Prokuratorsfrau, »allein Sie gewahrten mich nicht, denn Sie hatten nur Augen für die schöne Dame, der Sie sich eben so artig bewiesen.« Porthos stellte sich, als sei er verlegen, dann sagte er: »Ah, Sie haben bemerkt –?« »Man hätte blind sein müssen, um das nicht zu bemerken.« »Ja,« versetzte Porthos nachlässig, »es ist eine Herzogin, mit mir befreundet; ich kann wegen der Eifersucht ihres Gemahls nur höchst schwierig mit ihr zusammenkommen, und sie gab mir heute einen Wink, sie würde bloß aus der Ursache, mich zu sehen, hierherkommen.« »Herr Porthos,« sagte die Prokuratorsfrau, »würden Sie wohl so gütig sein, mir nur auf fünf Minuten den Arm zu bieten, da ich gern mit Ihnen sprechen möchte?« »Wie, Madame?« rief Porthos, mit den Augen sich selber zublinkend, wie ein Spieler, der über den lächelt, den er betört. Nachdem sich die Prokuratorsfrau überzeugt hatte, daß sie von niemandem gesehen oder gehört werde, sagte sie: »Ah, mein Herr Porthos, Sie sind, wie es den Anschein hat, ein mächtiger Sieger.« »Ich, Madame!« rief Porthos, sich in die Brust werfend; »und warum das?« »Nun, die Winke und dann die Artigkeit? Diese Dame mit ihrem Neger und ihrer Kammerjungfer ist mindestens eine Prinzessin.« »Sie irren,« antwortete Porthos, »mein Gott, nein, sie ist ganz einfach eine Herzogin.« »Und der Läufer, der an der Tür wartete? und der Wagen mit dem Kutscher in der großen Livree?« Porthos sah weder den Läufer noch den Wagen, allein Madame Coquenard hatte mit dem Blick einer eifersüchtigen Frau alles das gesehen. Porthos bedauerte, daß er die Dame mit dem roten Kissen nicht auf den ersten Schlag zu einer Prinzessin erhoben hatte. »O, Sie sind das Lieblingskind der Schönen, Herr Porthos!« entgegnete seufzend die Prokuratorsfrau. »Nun,« antwortete Porthos, »Sie können wohl denken, daß es mir bei einer Gestalt, wie sie mir die Natur verlieh, an Glück nicht fehlen kann.« »Mein Gott, wie schnell vergessen doch die Männer!« rief die Prokuratorsfrau, und erhob die Augen zum Himmel. »Mir dünkt, weniger schnell als die Frauen,« entgegnete Porthos, »denn ich kann wohl sagen, Madame, daß ich Ihr Opfer war, als ich mich verwundet, sterbend und selbst von den Ärzten verlassen sah. Ich, der Sprosse einer vornehmen Familie, der ich mich auf Ihre Freundschaft verließ, wäre in einer elenden Herberge in Chantilly anfangs beinahe an meinen Wunden und dann vor Hunger gestorben, und zwar ohne daß Sie mich nur einer Antwort würdigten auf die glühenden Briefe, die ich an Sie geschrieben habe.« »Allein, Herr Porthos! –« murmelte die Prokuratorsfrau, indem sie wohl fühlte, daß sie unrecht hatte, wenn sie das Benehmen der vornehmen Damen in jener Zeit in Erwägung zog. »Ich, der ich die Gräfin Pennaflor für Sie geopfert habe!« »Das weiß ich wohl.« »Die Baronin von –« »Herr Porthos, martern Sie mich nicht!« »Die Gräfin von –« »Herr Porthos, seien Sie doch großmütig.« »Sie haben recht, Madame, ich will nicht weiter sprechen.« »Da ist aber mein Mann schuld, der vom Borgen nichts hören will.« »Madame Coquenard,« sagte Porthos, »erinnern Sie sich an den ersten Brief, den Sie mir geschrieben haben, und der ein bißchen tief in mein Herz eingedrungen ist.« Die Prokuratorsfrau vergoß eine Träne und sagte: »Herr Porthos, ich schwöre Ihnen, Sie haben mich schwer gestraft, und wenn Sie sich künftig wieder in einer ähnlichen Bedrängnis befinden, so haben Sie sich nur an mich zu wenden.« »Nicht doch, Madame!« rief Porthos wie empört, »ich bitte Sie, reden wir nicht von Geld, das ist demütigend.« »Sie lieben mich also nicht mehr?« fragte die Prokuratorsfrau gedehnt und traurig. Porthos beobachtete ein majestätisches Stillschweigen. »Geben Sie mir eine solche Antwort? O, ich begreife.« »Gedenken Sie der Beleidigung, die Sie mir zugefügt haben, Madame; sie hat sich hier festgesetzt,« sagte Porthos und drückte die Hand aufs Herz. »Hören Sie, lieber Porthos, ich will sie wieder gutmachen.« »Was mache ich auch übrigens für Ansprüche!« entgegnete Porthos, mit Gutmütigkeit die Achseln zuckend, »ein Anlehen, weiter nichts. Bei alledem bin ich nicht unvernünftig; ich weiß, daß Sie nicht reich sind, Madame Coquenard, und daß Ihr Gemahl die armen Prozeßführer schröpfen muß, um ihnen einige Taler abzuzapfen. Ja, wären Sie eine Gräfin, eine Marquise oder eine Herzogin, so würden sich die Dinge ganz anders machen, und Sie verdienten keine Nachsicht.« Die Prokuratorsfrau war gereizt und sagte: »Wissen Sie, Porthos, daß meine Börse, ob auch die Börse einer Prokuratorsfrau, doch vielleicht besser gestellt ist, als die Kasse all ihrer zu Grunde gerichteten Zierpuppen.« »Sie haben mir da eine doppelte Beleidigung zugefügt,« sprach Porthos und ließ den Arm der Prokuratorsfrau aus dem seinigen gleiten; »denn wenn Sie reich sind, Madame Coquenard, so verdient Ihre Weigerung keine Entschuldigung.« Die Prokuratorsfrau, die fühlte, daß sie sich zu weit fortreißen ließ, entgegnete: »Wenn ich sage reich, so muß man das nicht buchstäblich nehmen. Ich bin nicht geradezu reich, sondern nur wohlhabend.« »Nun, Madame,« versetzte Porthos, »ich bitte Sie, sprechen wir nichts mehr über diese Sache; Sie haben mich verkannt, alle Sympathie ist zwischen uns erloschen.« »Ha, wie undankbar Sie sind!« »Sie haben wohl recht, sich zu beklagen,« sagte Porthos. »Gehen Sie nun mit Ihrer Herzogin, ich halte Sie nicht mehr ab.« »Ah, sie ist doch nicht gar so böse, als ich dachte!« »Hören Sie, Herr Porthos, und zum letztenmal, lieben Sie mich noch?« »Ach, Madame!« seufzte Porthos mit seinem schwermütigsten Tone, »wenn wir ins Feld ziehen, in einen Krieg, wo ich meinen Ahnungen gemäß getötet werde –« »O, reden Sie nicht von solchen Dingen,« sagte die Prokuratorsfrau unter Weinen und Schluchzen. »Ein Etwas verkündet mir das,« fuhr Porthos noch schwermütiger fort. »Sagen Sie lieber, daß Sie eine neue Liebe anknüpften.« »Nein, ich rede frei mit Ihnen. Es ist kein neuer Gegenstand, der mich rührt, und ich empfinde sogar hier im Grunde meines Herzens etwas, das für Sie spricht. Allein in vierzehn Tagen, wie Sie wissen, oder auch nicht wissen, eröffnet sich dieser verhängnisvolle Feldzug, und ich bin mit meiner Equipierung auf eine peinliche Weise beschäftigt. Dann will ich auch eine Reise zu meiner Familie machen, die weit entfernt in der Bretagne wohnt, um das nötige Geld zu meinem Ausrücken zu bekommen.« Porthos bemerkte einen letzten Kampf zwischen Liebe und Geiz. Er fuhr fort: »Und da die Güter der Herzogin, die Sie eben sahen, neben den meinigen gelegen sind, so werden wir mitsammen dahin reisen. Wie Sie wohl wissen, sind die Reisen nicht lang, die man zu zweien macht.« »Haben Sie also keine Freunde in Paris, Herr Porthos?« fragte die Prokuratorsfrau. Porthos antwortete mit seiner melancholischen Miene: »Wohl glaubte ich, welche zu haben, doch sah ich ein, daß ich mich betrog.« »Sie haben Freunde, Herr Porthos, Sie haben Freunde,« erwiderte die Prokuratorsfrau mit einer Ereiferung, von der sie selbst überrascht war; »beachten Sie unsere Verwandtschaft. Sie sind der Sohn meiner Tante, und folglich mein Vetter; Sie kommen von Royon in die Pikardie; Sie haben in Paris mehrere Prozesse und keinen Anwalt. Werden Sie wohl alles das berücksichtigen?« »Vollkommen, Madame.« »Kommen Sie zur Mittagsstunde.« »Ganz wohl.« »Und halten Sie sich klug vor meinem Gemahl, der spitzfindig ist trotz seiner sechsundsiebzig Jahre.« »Ha, sechsundsiebzig Jahre! Pest! ein hübsches Alter,« sagte Porthos. »Ein hohes Alter, wollen Sie sagen, Herr Porthos! Wirklich kann mich der liebe Mann jeden Augenblick als Witwe hinterlassen,« fuhr die Frau fort und blickte Porthos bedeutungsvoll an. »Zum Glück ist laut Heiratsvertrag dem überlebenden Teil alles Vermögen zugesichert.« »Alles Vermögen?« sagte Porthos. »Alles.« »Sie sind eine vorsichtige Frau, wie ich sehe, meine liebe Madame Coquenard!« rief Porthos und drückte ihr zärtlich die Hand. »Wir sind also wieder ausgesöhnt, lieber Herr Porthos?« versetzte sie, indem sie sich dabei zierte. »Für Lebenszeit,« antwortete Porthos mit derselben Miene. »Also auf Wiedersehen, mein Verräter!« »Auf Wiedersehen, meine Vergeßliche!« »Morgen, mein Engel!« »Morgen, Flamme meines Lebens!«

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