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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Rückkehr.

D'Artagnan war durch diese schreckliche Mitteilung des Athos ganz betäubt worden. Indes waren ihm in dieser halben Bekanntmachung noch viele Dinge dunkel geblieben. Fürs erste hatte sie ein völlig Betrunkener einem halb Betrunkenen gemacht; doch ungeachtet der Schwankung, die durch den Dunst von zwei oder drei Flaschen Burgunder in dem Gehirn erzeugt wird, erinnerte sich d'Artagnan doch, als er am folgenden Morgen erwachte, noch an jedes Wort, als hätten sich diese Worte, wie sie vom Munde des einen fielen, im Geiste des andern abgeprägt. All dieser Zweifel erweckte in ihm ein noch glühenderes Verlangen, sich Gewißheit zu verschaffen, und er ging zu seinem Freunde mit dem festen Vorhaben, das Gespräch vom vorigen Tage wieder aufzunehmen; allein er fand Athos schon ganz bei Selbstbewußtsein, das heißt den behutsamsten und undurchdringlichsten Menschen. Übrigens kam der Musketier, nachdem er ein Lächeln und einen Händedruck mit ihm gewechselt hatte, seinem Wunsche selbst entgegen. »Mein lieber d'Artagnan,« sprach er, »ich war gestern derb betrunken, das empfand ich diesen Morgen an meiner schweren Zunge und an meinem noch sehr beflügelten Puls. Ich wette, daß ich tausend Torheiten sprach.« Als er dies sagte, starrte er seinen Freund so fest an, daß dieser in Verlegenheit kam. »Nicht doch,« versetzte d'Artagnan, »wenn ich mich recht erinnere, so habt Ihr nichts außerordentliches gesprochen.« »Ha, Ihr setzt mich in Erstaunen, denn ich dachte, Euch eine sehr klägliche Geschichte mitgeteilt zu haben.« Hier starrte er den jungen Mann an, als wollte er im Grunde seiner Seele lesen. »Meiner Treu!« rief d'Artagnan, »ich glaube, daß ich noch mehr betrunken war als Ihr, da ich mich auf gar nichts mehr erinnere.« Athos gab sich mit diesen Worten keineswegs zufrieden und sagte: »Ihr müßt es wohl bemerkt haben, lieber Freund, daß jeder seine eigene Trunkenheit habe; der eine hat eine lustige, der andere eine traurige. Ich habe die traurige; und wenn ich einmal benebelt bin, so ist es meine Manie, alle diese düsteren Histörchen auszukramen, die mir meine Amme eingepfropft hat. Das ist mein Fehler, ein Hauptfehler, ich bekenne es; außerdem aber bin ich ein guter Trinker.« Athos sprach das auf eine so natürliche Weise, daß d'Artagnan in seiner Überzeugung erschüttert ward, und da er die Wahrheit zu ergründen bemüht war, so sagte er: »O, so ist es in der Tat; ich erinnere mich daran, wie man sich eines Traumes erinnert, daß wir von Gehenkten gesprochen haben.« »Ah, Ihr seht nun,« entgegnete Athos, indem er erblaßte, aber doch zu lächeln versuchte, »ich wußte es wohl, denn die Gehenkten sind mein Alp.« »Ja, ja,« versetzte d'Artagnan, »mein Gedächtnis kommt mir wieder zurück – ja, es handelt sich, wartet nur – es handelte sich um eine Frau.« »Seht nur,« entgegnete Athos, der fast bleifahl wurde, »das ist meine große Geschichte von der blonden Frau, und wenn ich diese erzähle, bin ich totberauscht.« »Ja, so ist's,« sagte d'Artagnan, »die Geschichte war's von der blonden, großen und schönen Frau mit den blauen Augen.« »Ja, und gehenkt.« »Durch ihren Gemahl, einen vornehmen Herrn, den Ihr kanntet,« fuhr d'Artagnan fort, und faßte dabei Athos fest ins Auge. »Nun, seht Ihr, wie man einen Menschen bloßstellen könnte, wenn man nicht mehr weiß, was man redet,« sagte Athos, und zuckte die Achseln, als ob er Mitleid mit sich selbst fühlte. »Bei Gott! ich will mich nicht mehr benebeln, d'Artagnan, die Gewohnheit ist gar zu häßlich.« D'Artagnan schwieg, dann änderte Athos plötzlich das Gespräch und sagte: »He, Freund, ich danke Euch für das Pferd, das Ihr mir gebracht habt.« »Hat es Euren Beifall?« »Ja, doch ist es kein Pferd für den schweren Dienst.« »Ihr irrt; ich habe zehn Meilen in weniger als anderthalb Stunden mit ihm zurückgelegt, und es schien mir nicht mehr übermüdet, als hätte es einen Lauf um den Platz Saint-Sulpice gemacht.« »Ach, so tut es mir leid.« »Wie das?« »Ja, ich habe es weggegeben.« »Wieso?« »Die Sache war diese: als ich diesen Morgen um sechs Uhr aufwachte und Ihr noch schliefet wie eine Taube, wußte ich nicht, was ich tun sollte; ich war noch ganz verdummt von unserem gestrigen Gelage. So ging ich denn hinab in den Saal und sah einen der zwei Engländer, wie er eben mit einem Roßtäuscher um ein Pferd handelte, denn das seine starb gestern am Blutschlag. Wie ich nun sah, daß er hundert Pistolen für einen Brandfuchs bot, trat ich zu ihm und sagte: ›Hören Sie, edler Herr, auch ich habe ein Pferd zu verkaufen.‹ ›Und zwar ein ganz hübsches,‹ entgegnete er; ›ich sah es gestern, als es der Knecht Ihres Freundes an der Hand führte.‹ ›Finden Sie, daß es hundert Pistolen wert sei?‹ ›Ja, wollen Sie es mir geben für diesen Preis?‹ ›Nein, doch spiele ich mit Ihnen.‹ ›Womit?‹ ›Mit Würfeln.‹ Gesagt, getan – aber ich habe das Pferd verloren. Doch hört nur,« fuhr Athos fort, »die Decke habe ich wieder gewonnen.« D'Artagnan machte eine recht saure Miene. »Macht Euch das verdrießlich?« fragte Athos. »Ja, ich gestehe es,« versetzte d'Artagnan; »dieses Pferd hätte uns an einem Schlachttag kenntlich machen sollen; es war ein Unterpfand, ein Andenken. Athos, Ihr habt unrecht getan.« »He, mein lieber Freund,« erwiderte Athos, »setzt Euch an meine Stelle; ich langweilte mich zum Sterben, und dann auf Ehre, ich mag die englischen Pferde nicht. Wenn es sich nur darum handelt, von jemandem erkannt zu werden, gut, so ist hierzu der Sattel genug; er ist hinlänglich bemerkbar. Was das Pferd anbelangt, so werden wir für sein Verschwinden bald eine Entschuldigung ausfindig machen. Was Teufel, ein Pferd stirbt bald; nehmen wir an, das meinige bekam den Rotz oder den Wurm.« D'Artagnans Gesicht wurde nicht heiterer. »Das ist mir unangenehm,« fuhr Athos fort, »daß Ihr soviel auf dieses Tier zu halten scheint, denn ich bin mit meiner Geschichte noch nicht zu Ende.« »Was habt Ihr also noch weiter getan?« »Als ich mein Pferd verspielt hatte, neun gegen zehn, seht nur den Wurf, so kam es mir in den Sinn, um das Eurige zu spielen.« »Ja, doch hoffe ich, blieb es bei dem bloßen Gedanken?« »Nein, ich habe ihn auf der Stelle ausgeführt.« »Ha, zum Kuckuck!« rief d'Artagnan beunruhigt. »Ich spielte und verlor.« »Mein Pferd . . .« »Euer Pferd, sieben gegen acht; nur ein Auge Unterschied . . . Ihr kennt das Sprichwort?« »Athos, Ihr seid nicht bei Sinnen, das schwöre ich.« »Mein Lieber, das hättet Ihr mir gestern sagen sollen, wo ich Euch die dummen Histörchen erzählte, nicht diesen Morgen. Ich verspielte also das Pferd samt Sattel und Zeug.« »Aber das ist schrecklich!« »Wartet nur, Ihr urteilt nicht aus dem rechten Gesichtspunkt; ich wäre ein ausgezeichneter Spieler, wenn ich nicht meinen Kopf aufsetzte, aber das tue ich gerade wie beim Trinken. Ich setzte also meinen Kopf auf.« »Wie konntet Ihr denn spielen? Es blieb Euch ja nichts mehr übrig?« »Ja doch, mein Freund! es blieb Euch noch der Diamant übrig, den ich gestern an Eurem Finger schimmern sah.« »Dieser Diamant?« rief d'Artagnan und griff lebhaft mit der Hand nach seinem Ring. »Und da ich Kenner bin, indem ich einst selbst welche besaß, so habe ich ihn auf tausend Pistolen geschätzt.« »Ich hoffe,« sprach d'Artagnan ernst und halbtot vor Bangen, »Ihr habt keine Erwähnung von meinem Diamanten gemacht?« »Im Gegenteil, lieber Freund! Ihr begreift wohl, dieser Diamant wurde unsere einzige Zuflucht, mit ihm konnte ich Pferde und Zeug und selbst Geld für unsere Reise gewinnen.« »Athos, Ihr macht mich schaudern,« sagte d'Artagnan. »Ich sprach also von Eurem Diamanten mit meinem Gegner, der ihn gleichfalls bemerkt hatte. Zum Teufel! mein Lieber, Ihr tragt am Finger einen Stern des Himmels, und wollet nicht, daß man ihn ins Auge fasse! Das ist unmöglich.« »Endet, mein Lieber, endet,« rief d'Artagnan, »denn, auf Ehre, Ihr tötet mich mit Eurer Kaltblütigkeit.« »Wir teilten somit diesen Diamanten in zehn Teile, jeden von hundert Pistolen.« »Ach, Ihr wollet nur scherzen und mich auf die Probe stellen,« sagte d'Artagnan, den schon der Zorn an den Haaren zu packen anfing, wie Minerva den Achilles in der Iliade anfaßt. »Nein, bei Gott! ich scherze nicht. Ich hätte Euch wohl sehen mögen! Seit vierzehn Tagen erblickte ich kein menschliches Angesicht, und wurde ganz struppig durch dieses fortwährende Entpfropfen der Bouteillen.« »Das ist noch kein Grund, um meinen Diamanten aufs Spiel zu setzen,« antwortete d'Artagnan, die Hand krampfhaft ballend. »Hört mich also zu Ende. Zehn Teile zu hundert Pistolen, jede in zehn Würfen, ohne Revanche. Auf dreizehn Würfe verlor ich alles. Auf dreizehn Würfe. Die Zahl dreizehn war mir von jeher verhängnisvoll; es war am dreizehnten Juli, als . . .« »Donner und Wetter!« rief d'Artagnan aufspringend; die Geschichte von heute machte ihn auf die gestrige vergessen. »Geduld,« sagte Athos. »Ich hatte einen Plan. Der Engländer war ein Original. Ich sah ihn diesen Morgen mit Grimaud sprechen; und Grimaud vertraute mir, daß er ihn in seine Dienste aufzunehmen suchte. Ich spielte mit ihm um Grimaud, um den schweigsamen Grimaud, und teilte ihn auch in zehn Teile.« »Ha, da muß man aus der Haut fahren!« sagte d'Artagnan und erhob ein Gelächter. »Hört Ihr, ich gewinne Grimaud selber, und mit den zehn Teilen von Grimaud, der nicht ganz einen Dukaten wert ist, gewinne ich auch den Diamant zurück. Sagt mir nun, ob Beharrlichkeit nicht eine Tugend ist?« »Meiner Treu! das ist recht drollig,« sagte d'Artagnan getröstet, und hielt sich vor Lachen die Seiten. »Ihr begreift, daß ich, sobald ich wieder etwas Fonds hatte, alsogleich um den Diamanten spielte.« »Ach, Teufel!« sprach d'Artagnan von neuem verdüstert. »Ich gewann Euer Reitzeug wieder und darauf Euer Pferd, dann mein Reitzeug und mein Pferd – und dann verlor ich alles wieder. Kurz, ich bekam Euer Reitzeug und das meinige. So steht im ganzen die Sache, der Wurf war kostbar, und ich hielt mich dabei fest.« D'Artagnan atmete, als hätte man ihm das ganze Wirtshaus von der Brust weggeschoben, und sagte dann schüchtern: »Also bleibt mir der Diamant?« »Unangetastet, lieber Freund! auch das Reitzeug Eures Bucephalus und des meinigen.« »Doch was hilft uns das Reitzeug ohne die Pferde?« »Ich knüpfe daran einen Gedanken.« »Athos, Ihr macht mich zittern.« »Hört, es ist schon lange her, d'Artagnan, daß Ihr nicht mehr gespielt habt.« »Ich habe auch gar keine Lust zum Spielen.« »O, verschwören wir nichts! Ihr habt seit langem nicht mehr gespielt, sage ich, Ihr müßt also eine sehr gute Hand haben.« »Nun, und dann?« »Nun, der Engländer und sein Gefährte befinden sich noch hier. Ich werte es; wie gern sie unser Reitzeug besäßen. Ihr scheint viel auf Euer Pferd zu halten; nun, so würde ich an Eurer Stelle mit dem Reitzeug um das Pferd spielen.« »Er wird aber nicht wollen eines bloßen Reitzeugs wegen.« »So setzt beide daran, bei Gott! ich bin ganz und gar kein solcher Egoist wie Ihr.« »Ihr würdet das tun?« fragte d'Artagnan unschlüssig, so sehr beherrschte ihn die Zuversicht des Athos, ohne daß er es wußte. »Bei meiner Ehre, auf einen einzigen Wurf.« »Doch da ich die Pferde verlor, so läge mir ungemein daran, wenigstens das Reitzeug zu behalten.« »Nun, so spielt um Euren Diamanten!« »O, das ist etwas anderes; nie, nie!« »Teufel!« rief Athos, »ich würde Euch in Vorschlag bringen, um Planchet zu spielen: weil das aber schon geschehen ist, so wird es der Engländer gewiß nicht mehr eingehen.« »Es bleibt dabei, lieber Athos,« erwiderte d'Artagnan, »ich will lieber gar nichts mehr wagen.« »Das ist schade,« antwortete Athos kalt, »der Engländer ist vollgepfropft mit Goldstücken. Ach, Gott! so versucht doch nur einen Wurf; ein Wurf ist doch schnell gemacht.« »Und wenn ich verliere?« »Ihr werdet gewinnen.« »Doch wenn ich verliere?« »Nun, so gebt Ihr ihm unser Reitzeug.« »Wohlan, einen Wurf!« versetzte d'Artagnan. Athos ging, den Engländer aufzusuchen; er traf ihn im Stalle, wo er eben mit lüsternen Augen die Reitzeuge musterte. Die Gelegenheit war günstig. Er stellte seine Bedingungen: die zwei Reitzeuge gegen ein Pferd, oder wenn er wolle, gegen hundert Pistolen. Der Engländer rechnete schnell; die zwei Reitzeuge waren wenigstens dreihundert Pistolen wert; er schlug ein. D'Artagnan warf mit Zittern die Würfel; sie zeigten die Zahl drei. Seine Blässe erschreckte Athos, der bloß sagte: »Hm, Freund, der Wurf ist traurig; Ihnen, mein Herr, werden die Pferde mit dem Gezeug zufallen.« Der Engländer triumphierte und gab sich nicht einmal die Mühe, die Würfel zu rollen. Er warf sie auf den Tisch, ohne hinzublicken, so versichert war er seines Sieges. D'Artagnan wandte sich, um seine böse Laune zu verbergen. »He! he! he!« rief Athos mit seiner gelassenen Stimme, »der Wurf ist außerordentlich; ich sah ihn nur viermal in meinem Leben: zwei Asse!« Der Engländer sah höchst erstaunt, auch d'Artagnan sah und glühte vor Freude. »Nimmt der Herr sein Pferd wieder?« fragte der Engländer. »Ja,« versetzte d'Artagnan. »Nun, und geht es nicht auf Revanche?« »Unsere Bedingnisse sagten nichts von einer Revanche: Sie werden sich erinnern.« »Es ist wahr. Das Pferd soll Ihrem Bedienten übergeben werden.« »Einen Augenblick,« sagte Athos. »Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich ein Wort mit meinem Freunde sprechen,« »Sprechen Sie.« Athos zog d'Artagnan beiseite. »Nun,« fragte d'Artagnan, »was willst du noch versuchen? Du willst, daß ich weiterspiele, nicht wahr?« »Nein, ich will, daß Ihr nachdenket.« »Worüber?« »Ihr nehmt das Pferd wieder?« »Allerdings.« »Ihr tut unrecht; ich würde die hundert Pistolen nehmen; Ihr wißt ja, daß Ihr mit dem Reitzeug gegen das Pferd oder gegen hundert Pistolen spieltet.« »Ja.« »Ich würde die hundert Pistolen nehmen.« »Nun, und ich nehme das Pferd.« »Ich wiederhole Euch, Ihr tut unrecht. Was tun wir denn mit einem Pferde für uns beide? ich kann doch nicht hinten aufsitzen; wir sehen aus wie die zwei Haimonskinder, die ihre Brüder verloren haben; Ihr werdet mich doch nicht dergestalt demütigen, daß Ihr auf diesem herrlichen Pferde neben mir trabt? Ich würde mich keinen Augenblick bedenken, und die hundert Pistolen nehmen; wir haben Geld nötig zur Rückreise nach Paris.« »Ich bleibe einmal bei dem Pferd, Athos!« »Und Ihr tut unrecht, mein Freund; ein Pferd reißt aus, ein Pferd bäumt sich und schlägt über, ein Pferd frißt aus einer Krippe, woraus ein rotziges Pferd gefressen hat – und sodann sind ein Pferd oder vielmehr hundert Pistolen verloren; dann muß ein Herr sein Pferd nähren, wogegen hundert Pistolen den Herrn nähren.« »Wie sollen wir aber zurückkommen?« »Potz Wetter! auf den Pferden unserer Lakaien; man sieht es uns doch am Gesicht an, daß wir Männer vom Stande sind.« »Wir werden gut aussehen auf solchen Kleppern, indes Aramis und Porthos auf ihren prächtigen Pferden einhertraben.« »Aramis und Porthos!« rief Athos, und erhob ein schallendes Gelächter. »Was ist's denn?« fragte d'Artagnan, der die Lustbarkeit seines Freundes gar nicht begriff. »Nichts, nichts! fahrt nur fort,« entgegnete Athos. »Also – Eure Ansicht ist –?« »Die hundert Pistolen zu nehmen, d'Artagnan! mit den hundert Pistolen können wir bis zu Ende des Monats zechen; seht, wir haben viel ausgestanden, und müssen uns ein wenig erholen.« »Ich mich erholen? o nein, Athos! sobald ich in Paris bin, spüre ich jener armen Frau wieder nach.« »Nun, haltet Ihr etwa ein Pferd für diesen Zweck nützlicher als hundert schöne Louisdors? Nehmt die hundert Pistolen, Freund!« D'Artagnan bedurfte nur eines Grundes, um sich zu ergeben, dieser schien ihm vortrefflich. Außerdem fürchtete er, in Athos' Augen selbstsüchtig zu erscheinen, wenn er sich länger widersetzte. Somit willigte er ein und wählte die hundert Pistolen, die ihm der Engländer sogleich aufzählte.

Jetzt war man nur auf die Abreise bedacht. Der Friede mit dem Gastwirt kostete außer dem alten Pferde des Athos' noch sechs Pistolen. D'Artagnan und Athos nahmen die Pferde von Planchet und Grimaud; die zwei Diener machten sich zu Fuß auf den Weg und trugen die Sättel auf den Köpfen. Obwohl die zwei Freunde schlecht beritten waren, so gewannen sie bald Vorsprung vor ihren Lakaien, und kamen in Crèvecoeur an. Sie sahen von weitem schon Aramis, der sich melancholisch an das Fenster lehnte und in den weiten Luftraum hinausstarrte. »Holla, he! Aramis, was Teufel machst du denn da?« riefen die zwei Freunde. »Ah, Ihr seid es? d'Artagnan! und Ihr, Athos?« entgegnete der junge Mann. »Ich sann eben nach, wie schnell die Güter dieser Welt vergehen. Mein englisches Pferd, das sich eben entfernte und eben mitten in einer Staubwolke verschwand, war mir ein lebendiges Bild von der Gebrechlichkeit aller irdischen Dinge. Das Leben selbst stellt sich dar in drei Worten: Erit, est fuit.« »Was will das eigentlich sagen?« fragte d'Artagnan, der die Wahrheit zu ahnen anfing. »Das will sagen, daß ich eben einen ungeschickten Handel geschlossen habe. Sechzig Louisdor für ein Pferd, das seinem Gange nach wenigstens fünf Meilen in der Stunde zu machen im stande wäre.« D'Artagnan und Athos erhoben ein Gelächter. »Lieber d'Artagnan!« sagte Aramis, »ich bitte Euch, seid nicht böse auf mich; Not kennt kein Gebot. Außerdem bin ich am meisten gestraft, denn dieser verwünschte Pferdemakler betrog mich wenigstens um fünfzig Louisdor. Ha, Ihr beide seid gute Wirte: Ihr reitet auf den Kleppern Eurer Lakaien, und lasset Euch Eure Luxuspferde ganz sanft in kleinen Tagesmärschen an der Hand nachführen.«

In diesem Moment hielt ein Wagen, den man kurz zuvor auf der Straße von Amiens heranrollen sah vor dem Wirtshaus, und Grimaud und Planchet stiegen aus, ihre Sättel auf dem Kopf. Der Wagen fuhr leer nach Paris zurück, und die zwei Lakaien machten sich verbindlich, wenn sie der Fuhrmann mitnähme, ihn auf dem ganzen Wege zechfrei zu halten. »Was ist denn das? Was hat das zu bedeuten?« fragte Aramis, als er sah, was da vorging. »Nichts als die Sättel?« »Begreift Ihr jetzt?« sagte Athos. »Freund! das geht ganz so wie bei mir. Ich habe das Pferdezeug instinktartig behalten. Holla, Bazin! trage mein neues Reitzeug zu denen dieser Herren.« »Und was tatet Ihr mit Euren Doktoren?« fragte d'Artagnan. »Lassen wir das, mein Freund!« versetzte Aramis. »Seht, ich begann ein Gedicht in Versen von einer Silbe zu machen! das ist sehr schwierig, doch das Verdienst liegt überall in der Schwierigkeit. Der Stoff ist recht artig; ich will Euch den ersten Gesang vorlesen; er hat vierhundert Verse und dauert nur eine Minute lang.« »Meiner Treu! lieber Aramis,« entgegnete d'Artagnan, der die Verse fast ebensosehr haßte wie das Latein! »fügt zu dem Verdienst der Schwierigkeit noch das der Kürze hinzu, und Ihr dürft wenigstens versichert sein, daß Euer Gedicht ein doppeltes Verdienst haben wird.« »Und dann werdet Ihr sehen,« fuhr Aramis fort, »daß es ehrbare Leidenschaften atmet. – Ha, Freund! wir kehren nach Paris zurück? – Bravo! ich bin bereit. Wir werden somit den guten Porthos wiedersehen? Um so besser. Ihr könnt gar nicht glauben, wie sehr er mir abging, dieser große Plattkopf!« Man machte eine Stunde halt, um die Pferde ausrasten zu lassen. Aramis berichtigte seine Zeche, brachte Bazin mit seinen Kameraden in den Wagen, und man reiste ab, um zu Porthos zu kommen.

Man fand ihn fast schon hergestellt und folglich weniger blaß, als ihn d'Artagnan bei seinem ersten Besuch angetroffen. Er saß an einem Tisch, worauf eine Mahlzeit für vier Personen stand, obgleich er allein war. Dieses Mittagmahl bestand aus köstlich bereiteten Fleischspeisen, guten Weinen und herrlichen Früchten. »Ha, beim Himmel!« rief er aufstehend, »Ihr kommt gerade recht, meine Herren, ich bin eben bei der Suppe, Ihr könnt mit mir essen.« »Oh, oh!« rief d'Artagnan, »war es wieder Mousqueton, der mit dem Lasso diese Bouteillen eingefangen hat? Sieh nur, ein gespicktes Frikandeau und einen Rinderbraten.« »Ich erquicke mich,« sprach Porthos, »ich erquicke mich. Nichts schwächt so sehr als die teuflischen Verrenkungen. Hattet Ihr schon einmal eine Verrenkung, Athos?« »Noch nie; doch erinnere ich mich, daß ich bei unserm Scharmützel in der Gasse Féron einen Degenstich erhielt, der nach vierzehn oder achtzehn Tagen ganz dieselbe Wirkung hervorbrachte.« »Doch dieses Mittagmahl, lieber Porthos, war nicht für Euch allein,« sagte Aramis. »Nein,« entgegnete Porthos, »ich erwartete einige Edelleute aus der Nachbarschaft, die mir eben melden ließen, daß sie nicht kämen. Nehmt also ihre Plätze ein, und ich verliere nichts bei dem Tausche.« »He, Mousqueton, bring Stühle, und laß die Bouteillen verdoppeln.« »Wißt Ihr, was wir da essen?« fragte Athos nach zehn Minuten. »Bei Gott!« versetzte d'Artagnan, »ich esse gespicktes Kalbfleisch mit Artischocken.« »Und ich Lämmernes,« sagte Porthos. »Und ich Geflügel,« sprach Aramis. »Ihr irrt, meine Herren,« entgegnete Athos ernst, »Ihr esset Pferdefleisch.« »Ei, so geht doch!« rief d'Artagnan. »Pferdefleisch?« fragte Aramis mit einer Grimasse des Ekels. Porthos allein gab keine Antwort. »Ja, Pferdefleisch; nicht wahr, Porthos, wir essen Pferdefleisch vielleicht samt allem Gezeug?« »Nein, meine Herren,« erwiderte Porthos, »das Reitzeug habe ich behalten.« »Meiner Treu!« sagte Aramis, »wir gelten alle gleich viel, man möchte sagen, daß wir uns das Wort gaben.« »Was wollt Ihr, dieses Pferd beschämte meine Gäste, und ich wollte sie nicht demütigen.« »Und dann ist Eure Herzogin noch immer in den Bädern, nicht wahr?« fragte d'Artagnan. »Ja, noch immer,« entgegnete Porthos. »Nun, meiner Treu! der Gouverneur der Provinz, einer von den Edelleuten, die ich heute zu Mittag erwartete, bezeigte ein so großes Verlangen danach, daß ich es ihm schenkte.« »Ihr habt es verschenkt?« rief d'Artagnan. »Ach, mein Gott! ja, verschenkt, das ist der rechte Ausdruck,« sagte Porthos; »das Pferd war mindestens einhundertfünfzig Louisdor weit, und der Knauser wollte mir nur achtzig geben.« »Ohne Sattel?« fragte Aramis. »Ja, ohne Sattel.« »Sie sehen, meine Herren!« sprach Athos, »daß Porthos wieder von uns allen den besten Handel abgetan hat.« Darauf erhoben sie ein solches Gelächter, daß Porthos ganz verblüfft wurde; doch erklärte man ihm bald die Ursache dieser Fröhlichkeit, in die er seiner Gewohnheit gemäß rauschend einstimmte. »Auf diese Weise haben wir also Geld?« sagte d'Artagnan. »Was mich betrifft,« sagte Athos, »so habe ich den spanischen Wein des Aramis so köstlich gefunden, daß ich davon sechzig Bouteillen in den Wagen der Lakaien packen ließ, was meine Börse hübsch gelüftet hat.« »Und ich,« entgegnete Porthos, »meint Ihr, ich hatte keine Auslagen mit meiner Verrenkung? Dabei rechne ich Mousquetons Wunde gar nicht, für den ich den Chirurgen täglich zweimal mußte kommen lassen.« Athos wechselte mit d'Artagnan und Aramis ein Lächeln und sagte: »Nun, ich sehe, daß Ihr Euch gegen den armen Burschen recht großherzig bewiesen habt. So handelt nur ein gütiger Herr.« »Kurz,« versetzte Porthos, »nach Abschlag aller Kosten bleiben mir noch etwa dreißig Taler.« »Und mir zehn Pistolen,« sagte Aramis. »Es scheint,« sprach Athos, »wir sind die Krösusse der Gesellschaft. D'Artagnan, wieviel bleiben Euch von Euren hundert Pistolen?« »Von meinen hundert Pistolen? Fürs erste gab ich Euch fünfzig davon.« »Ihr glaubt?« »Bei Gott!« »Ach ja! es ist wahr, ich entsinne mich.« »Dann habe ich sechs davon dem Wirt bezahlt.« »Welch ein Vieh war dieser Wirt! Warum gabt Ihr ihm sechs Pistolen?« »Ihr sagtet ja, daß ich sie ihm geben möchte.« »Es ist wahr, ich bin zu gut. Kurz, nun bleiben noch?« »Fünfundzwanzig Pistolen,« erwiderte d'Artagnan. »Und seht,« sagte Athos, indem er einige kleine Münzen hervorzog. »Ihr nichts?« »Meiner Treu! oder so wenig, daß es nicht der Mühe lohnt, es zur Summe zu rechnen.« »Jetzt zahlen wir zusammen, was wir besitzen, Porthos!« »Dreißig Taler.« »Aramis?« »Zehn Pistolen.« »Und Ihr?« »Zwanzig fünf.« »Das macht in allem?« sagte Athos. »Nur sechshundertfünfzehn Livres,« sprach d'Artagnan, der wie Archimedes rechnete. »Wir werden, wenn wir in Paris ankommen, noch vierhundert übrig haben, außer den Reitzeugen,« sagte Athos. »Doch unsere Schwadronpferde?« versetzte Aramis. »Ei was,« rief Porthos, »laßt uns essen, die zweite Tracht kühlt aus.«

D'Artagnan traf bei seiner Ankunft in Paris einen Brief von Herrn des Essarts, der ihm meldete, Se. Majestät habe beschlossen, den Feldzug am 1. Mai zu eröffnen, wonach er unverweilt seine Vorkehrungen zu treffen habe. Er eilte sogleich zu seinen Gefährten, die er erst vor einer halben Stunde verlassen hatte, und die er jetzt sehr trübselig oder vielmehr sehr bewegt antraf. Sie hatten sich zum Rat bei Athos versammelt, was immerhin Umstände von gewisser Wichtigkeit anzeigte. In der Tat hatte jeder von ihnen in seiner Wohnung einen ähnlichen Brief von Herrn von Tréville empfangen. Die vier Philosophen stierten sich ganz verblüfft an; Herr von Tréville trieb in bezug auf Disziplin keinen Scherz. »Wie hoch veranschlagt Ihr die Equipierungen?« fragte d'Artagnan. »Oh,« entgegnete Aramis, »wir machten soeben unsere Berechnungen mit spartanischer Knauserei, und fanden, daß jeder eintausendfünfhundert Livres bedarf.« »Viermal fünfzehn sind sechzig, das macht sechstausend Livre,« sagte Athos. »Mir dünkt,« erwiderte d'Artagnan, »daß tausend Livres für jeden genug wären. Ich rede zwar nicht als Spartaner, aber als Prokurator –« Auf das Wort Prokurator richtete sich Porthos in die Höhe und sagte: »Halt! ich habe einen Gedanken.» «Das ist schon etwas,« versetzte Athos kalt, »ich habe nicht einmal einen Schatten von einem Gedanken; doch d'Artagnan ist ein Narr, meine Herren!« »Tausend Livres, ich erkläre, daß ich allein für meine Equipierung zweitausend Livres nötig habe.« »Viermal zwei sind acht,« sprach Aramis; »wir bedürfen also achttausend Livres, um uns zu equipieren, obwohl wir die Sättel hierzu bereits haben.« »Sodann,« versetzte Athos, der so lange wartete, diesen schönen Gedanken für die Zukunft auszusprechen, bis d'Artagnan, der fortging, um Herrn von Tréville zu danken, die Tür hinter sich zugemacht hatte, »sodann jener herrliche Diamant, der am Finger unseres Freundes schimmert. Zum Teufel! d'Artagnan ist ein zu guter Spießgeselle, als daß er seine Brüder in der Klemme ließe, während er das Lösegeld eines Königs an seinem Mittelfinger trägt.«

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