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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20190508
created20050620
projectid0a4128df
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Der Pavillon.

Um neun Uhr war d'Artagnan beim Hotel der Garden; er traf Planchet unter den Waffen, und das vierte Pferd war angekommen. Planchet hatte sich mit seiner Muskete und einer Pistole versehen. D'Artagnan nahm seinen Degen und steckte zwei Pistolen in seinen Gürtel; hierauf schwang sich jeder auf ein Pferd und sie ritten ohne Geräusch von dannen. Die Nacht war finster und niemand sah sie fortreiten. Planchet hielt sich zehn Schritte hinter seinem Gebieter. D'Artagnan gewahrte, daß in seinem Lakai etwas Außergewöhnliches vorgehe; und fragte ihn: »Hm, was fehlt uns denn, Herr Planchet?« »Finden Sie nicht, mein Herr, daß die Wälder so wie die Kirchen sind?« »Warum das, Planchet?« »Weil man sich in diesen wie in jenen nicht getraut, laut zu sprechen.« »Warum getraust du dich nicht, Planchet, laut zu sprechen, weil du Furcht hast?« »Furcht, gehört zu werden, ja, mein Herr!« »Furcht, gehört zu werden? Unsere Unterredung ist doch erbaulich, Planchet, und niemand hätte dagegen Einsprache zu tun.« Planchet kehrte wieder zu seinen früheren Gedanken zurück und versetzte: »Ach, mein Herr, wahrlich hat dieser Herr Bonacieux etwas Tückisches in seinen Brauen und etwas Widerliches im Spiele seiner Lippen.« »Was Teufel bringt dich wieder auf Bonacieux?« »Mein Herr, man denkt, was man muß und nicht, was man will.« »Weil du ein Hasenfuß bist, Planchet!« »O, mein Herr, verwechseln wir nicht die Klugheit mit der Feigherzigkeit, die Klugheit ist eine Tugend.« »Du bist tugendhaft, nicht wahr, Planchet?« »Mein Herr, ist das, was dort unten glänzt, nicht ein Musketenlauf? Wenn wir den Kopf bückten!« »In Wahrheit,« murmelte d'Artagnan, der an den Rat des Herrn von Tréville dachte, »in Wahrheit, dieses Tier würde mir endlich Furcht machen.« Er setzte sein Pferd in Trab. Planchet folgte der Bewegung seines Herrn so, als wäre er sein Schatten gewesen, und ritt trabend an seiner Seite. »Werden wir wohl die ganze Nacht so fortreiten?« fragte er. »Nein, Planchet, du bist schon am Ziel.« »Wie, ich bin am Ziel? und Sie, mein Herr?« »Ich reite noch einige Schritte weiter.« »Und mich lassen Sie allein?« »Hast du Furcht, Planchet?« »Nein, ich will Ihnen bloß bemerken, daß die Nacht sehr kalt sein wird, daß die Kühle Rheumatismen erzeugt, und daß ein Lakai, der an Rheumatismen leidet, ein trübseliger Bedienter ist, zumal für einen so frohmütigen Mann wie Sie.« »Nun, wenn du frierst, Planchet, so geh dort in eine von den Schenken und erwarte mich morgen früh um sechs Uhr vor dem Tor.« D'Artagnan sprang vom Pferde, warf Planchet den Zügel über den Arm, wickelte sich in seinen Mantel und ging rasch von dannen. »Gott, wie kalt ist mir!« rief Planchet, als er seinen Herrn aus den Augen verlor. Und da es ihn so sehr drängte, sich zu erwärmen, klopfte er schnell an die Tür eines Hauses, das mit allen Attributen einer Schenke ausgestattet war.

Indes hatte d'Artagnan, der einen kleinen Fußsteig eingeschlagen, seinen Weg fortgesetzt, Saint-Cloud erreicht und befand sich alsbald dem bezeichneten Pavillon gegenüber. Derselbe lag an einer ganz öden Stelle. Eine hohe Mauer, an deren Ecke er den Pavillon sah, zog sich an der einen Seite dieser Gasse hin, auf der andern schützte ein Gehege, in dessen Grund eine armselige Hütte stand, einen kleinen Garten gegen die Vorübergehenden. Er kam an die Stelle des Rendezvous, und da ihm nicht gesagt wurde, er sollte seine Anwesenheit durch ein Signal kundgeben, so harrte er. Man vernahm nicht das leiseste Geräusch und hätte wirklich glauben mögen, daß man hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt sei. D'Artagnan lehnte sich an das Gehege, nachdem er seine Blicke hinter sich gewandt hatte. Jenseits dieses Geheges, des Gartens und der Hütte umhüllte ein düsterer Nebel diesen weiten Raum, wo Paris schlief, und eine gähnende Leere, wo noch einige Lichtpunkte schimmerten, als traurige Sterne dieser Hölle. Für d'Artagnan aber hatte dieser ganze Anblick eine glückliche Gestalt angenommen; alle Gedanken bekamen ein Lächeln, alle Finsternisse waren durchsichtig. Die Stunde des Stelldicheins sollte schlagen. In der Tat ließ wenige Augenblicke darauf der Glockenturm von Saint-Cloud langsam zehn Schläge aus seinem brüllenden Schlund ertönen. Es lag etwas Trauriges in dieser ehernen Stimme, die so klagend mitten durch die Nacht hallte. Allein jeder dieser Stundenschläge vibrierte harmonisch in dem Herzen des jungen Mannes. Seine Augen richteten sich nach dem Pavillon an der Ecke der Mauer, wo alle Fenster, mit Ausnahme eines einzigen im ersten Stockwerk, mit Balken verschlossen waren. Durch eben dieses Fenster flimmerte ein sanftes Licht. Hinter diesem Fenster harrte offenbar Madame Bonacieux auf ihn. Nur ein letztes Gefühl von Scham hielt sie noch zurück; doch jetzt, wo es bereits zehn Uhr schlug, würde das Fenster aufgehen und d'Artagnan endlich die Hand der Liebe und den Preis seiner Ergebenheit erhalten. D'Artagnan wartete, von diesem süßen Gedanken durchdrungen, noch eine halbe Stunde, ohne ungeduldig zu werden, die Augen auf die reizende kleine Wohnung gerichtet, von der er zum Teil den Plafond mit den goldenen Leisten sah. Der Glockenturm von Saint-Cloud schlug halb elf Uhr. Diesmal durchrieselte ein Schauder d'Artagnans Adern, ohne daß er die Ursache begriff. Vielleicht hatte sich die Kälte auch seiner bemächtigt, so daß er eine leibliche Empfindung für einen moralischen Eindruck hielt. Dann stieg ihm der Gedanke auf, er habe falsch gelesen und das Rendezvous wäre erst um elf Uhr. Er ging zu dem Fenster hin, stellte sich in einen Lichtstrahl, nahm den Brief aus der Tasche und las ihn wieder durch; er irrte nicht, das Rendezvous war um zehn Uhr bestimmt. Er kehrte auf seinen Platz zurück und fing an über diese Stille und Einsamkeit unruhig zu werden. Es schlug elf Uhr. D'Artagnan geriet wirklich in Furcht, es könnte Madame Bonacieux etwas zugestoßen sein. Er klatschte dreimal mit den Händen, das gewöhnliche Zeichen der Verliebten, doch niemand antwortete ihm, selbst nicht das Echo. Hierauf dachte er mit einem gewissen Verdruß, die junge Frau wäre vielleicht in Erwartung seiner Ankunft eingeschlafen. Er näherte sich der Mauer und versuchte hinanzuklettern, allein sie war glatt und d'Artagnan verbog sich umsonst die Nägel. In diesem Moment faßte er die Bäume ins Auge, deren Blätter das Licht fortwährend versilberte, und da sich einer über den Weg neigte, dachte er, von seinen Ästen aus würde er ins Innere des Pavillons blicken können. Der Baum war leicht zu erklettern. Er saß im Augenblick mitten unter den Zweigen und seine Augen vertieften sich durch die durchsichtigen Scheiben ins Innere des Pavillons.

Dieser Anblick war seltsam und machte d'Artagnan schaudern vom Scheitel bis zur Fußsohle, denn jenes sanfte Licht, jene stille Lampe beleuchtete eine Szene schrecklicher Zerstörung; eine der Fensterscheiben war zerschmettert; die Tür war eingebrochen und hing zertrümmert an ihren Angeln, ein Tisch, auf dem ein schönes Nachtmahl gestanden haben mochte, lag auf dem Boden, die Flaschen bestreuten mit ihren Splittern den Fußteppich, und zwischen ihnen lagen Stücke von Früchten und andern Speisen. Alles gab Zeugnis von einem heftigen und verzweiflungsvollen Kampf in diesem Zimmer; d'Artagnan glaubte sogar mitten unter diesem seltsamen Gemeng Bruchstücke von Kleidern und Blutflecken am Tischtuch und an den Vorhängen wahrzunehmen. Er stieg schnell wieder unter einem furchtbaren Herzklopfen auf die Straße hinab und wollte sehen, ob sich keine andere Spur von einer Gewalttätigkeit auffinden lasse. Der kleine, sanfte Lichtschein erglänzte noch immer in der ruhigen Nacht. D'Artagnan nahm jetzt wahr, was er früher nicht bemerkt hatte, weil ihn nichts zu einer näheren Prüfung veranlaßte, daß der Boden hier eingeschlagen, dort durchlöchert war, und verworrene Spuren von Menschen und Pferdetritten kundgab. Außerdem hatten die Räder eines Wagens, der von Paris gekommen zu sein schien, in der weichen Erde tiefe Furchen eingedrückt, die nicht über die Höhe des Pavillons gingen und die Richtung gegen Paris nahmen. Endlich fand d'Artagnan bei seinem weiteren Nachsuchen neben der Mauer einen zerrissenen Frauenhandschuh. Indes war derselbe an den Punkten ganz rein, wo er die schmutzige Erde nicht berührt hatte. Es war einer von den parfümierten Handschuhen, wie sie die Liebenden gern von einer hübschen Hand abziehen.

D'Artagnan wurde jetzt fast wahnsinnig; er eilte nach der Landstraße auf demselben Wege, den er schon zurückgelegt hatte, ging bis zur Überfahrt und fragte den Schiffer. Dieser hatte gegen sieben Uhr eine in einen schwarzen Mantel gehüllte Frau übergesetzt, die sich alle Mühe zu geben schien, nicht erkannt zu werden; allein gerade infolge dieser Vorsichtsmaßregeln, die sie nahm, betrachtete sie der Schiffer um so aufmerksamer und erkannte, daß sie eine junge, hübsche Frau gewesen. Es gab damals, wie noch jetzt, eine Menge junger und hübscher Frauen, die nach Saint-Cloud kamen, und die nicht gern erkannt sein wollten, und dennoch zweifelte d'Artagnan keinen Augenblick, daß diese Frau, die der Schiffsmann bezeichnete, Madame Bonacieux war. Alles vereinigte sich, um d'Artagnan zu beweisen, daß ihn seine Vorgefühle nicht betrogen, und daß ein großes Unglück geschehen sei. Er kehrte schnell zurück auf dem Wege zum Schlosse, denn es bedünkte ihn, als habe sich im Pavillon vielleicht etwas Neues ereignet und als könnte er dort Auskunft erhalten. Die kleine Gasse war noch immer öde, und derselbe stille und sanfte Lichtschein verbreitete sich vom Fenster. D'Artagnan dachte nun an das stumme und blinde Mauerwerk, das aber doch gesehen hatte, und vielleicht zu sprechen vermöchte. Die Tür des Vorschlosses war gesperrt, doch er sprang über das Gehege und näherte sich der Hütte, ungeachtet ihn ein Kettenhund anbellte. Auf das erste Anklopfen gab niemand Antwort; es herrschte eine Grabesstille in der Hütte wie im Pavillon; da aber diese Hütte seine letzte Zuflucht war, so wich er nicht von der Stelle. Bald darauf schien es ihm, als hörte er im Innern ein leichtes Geräusch, ein furchtsames Geräusch, das selber zitterte, vernommen zu werden. D'Artagnan ließ nun ab, zu klopfen, und fing an, in einem Tone so voll Unruhe und Versprechungen, Schreck und Schmeichelei zu bitten, daß seine Stimme natürlich den Furchtsamsten beschwichtigen mußte. Endlich öffnete sich ein alter, wurmstichiger Fensterbalken, doch nur halb, und schloß sich sogleich wieder, als der Schimmer einer armseligen Lampe in einem Winkel d'Artagnans Wehrgehänge, den Degengriff und den Pistolenschaft beleuchtete. Doch wie rasch auch die Bewegung war, so konnte d'Artagnan doch den Kopf eines Greises bemerken. »Im Namen des Himmels!« rief er, »hört mich; ich warte auf jemand, der nicht kommt, und sterbe vor Unruhe. Ist in der Nähe hier ein Unglück geschehen? O, sprecht!« Das Fenster ging abermals langsam auf und dasselbe Gesicht kam wieder zum Vorschein, nur war es jetzt noch blasser als das erstemal. D'Artagnan erzählte ganz freimütig seine Geschichte bis auf die Namen. Der Greis horchte ihm aufmerksam zu, dann, als d'Artagnan beendet hatte, schüttelte er das Haupt mit einer Miene, die nichts Gutes verkündete. »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte d'Artagnan; »in des Himmels Namen! redet, erkläret Euch.« »O, mein Herr,« versetzte der Greis, »fragen Sie mich nicht, denn, wenn ich Ihnen sagte, was ich sah, würde es mir gewiß nicht gut ergehen.« »Ihr habt also etwas gesehen?« rief d'Artagnan; »nun im Namen des Himmels!« fuhr er fort, und warf dem Greis eine Goldmünze zu, »redet, sagt, was Ihr gesehen habt, und ich verbürge Euch mein Wort als Edelmann, daß ich kein Wort von dem weitersage, was Ihr mir anvertraut.« Der Greis las so viel Offenheit und Schmerz in d'Artagnans Gesicht, daß er ihm ein Zeichen gab, ihn anzuhören; dann sprach er mit tiefer Stimme: »Ungefähr um neun Uhr vernahm ich ein Getöse auf der Straße und wollte wissen, was das sein könnte; da näherte man sich einer Tür und ich bemerkte, daß man einzutreten suchte. Da ich arm bin und nicht ausgeraubt zu werden fürchte, so schloß ich auf, und sah einige Schritte vor mir drei Männer. Im Schatten stand ein Wagen mit angeschirrten und mit Handpferden. Diese Handpferde gehörten offenbar den drei Männern, die ritterlich angezogen waren. ›Ach, meine guten Herrn,‹ fragte ich, ›was verlangen Sie?‹ ›Hast du nicht eine Leiter?‹ sprach derjenige, der ihr Oberhaupt zu sein schien. ›Ja, mein Herr, die, womit ich mein Obst abpflücke.‹ ›Gib sie uns, und kehre wieder nach Hause; da hast du einen Taler für die verursachte Störung. Bedenke aber, wenn du ein Wort von dem sagst, was du sehen oder hören wirst, daß du verloren bist.‹ Mit diesen Worten warf er mir einen Taler zu, den ich aufhob, und nahm meine Leiter. Als ich die Tür des Geheges hinter ihnen zugemacht hatte, stellte ich mich wirklich, als ob ich in das Haus zurückkehrte, allein ich ging sogleich wieder durch eine Hintertür hinaus, schlüpfte in den Schatten und erreichte glücklich das Holundergesträuch, aus dem ich alles sehen konnte, ohne bemerkt zu werden. Die drei Männer ließen den Wagen geräuschlos vorwärts fahren; sie zogen daraus einen kleinen, dicken, kurzen und ärmlich gekleideten Mann hervor, der vorsichtig über die Leiter stieg, verstohlen in das Innere des Zimmers blickte, sachte wieder zurückkletterte und mit leiser Stimme sprach: ›Sie ist es!‹ Alsogleich trat derjenige, der mit mir gesprochen hatte, zu der Tür des Pavillons, öffnete mit dem Schlüssel, den er bei sich trug, sperrte wieder ab, und verschwand. Zu gleicher Zeit kletterten die zwei andern über die Leiter. Der kleine Alte blieb bei dem Kutschenschlag, der Kutscher hielt die Wagenpferde, der Lakai die Sattelpferde. Auf einmal erschallte im Pavillon ein großes Geschrei. Eine Frau lief zum Fenster und machte es auf, als wollte sie sich hinausstürzen. Wie sie aber die zwei Männer erblickte, eilte sie wieder zurück, und die zwei Männer stürzten ihr nach in das Zimmer. Von jetzt an sah ich nichts mehr, allein ich hörte das Krachen der Geräte, die man zerbrach. Die Frau schrie und rief um Hilfe. Ihr Geschrei war bald erstickt; die drei Männer traten ans Fenster, die Frau auf ihren Armen. Zwei stiegen die Leiter herab und brachten sie in den Wagen, in den nach ihr der kleine Alte stieg. Jener, der im Pavillon zurückblieb, machte den Balken wieder zu, kam bald darauf zur Tür heraus, und überzeugte sich, daß sich die Frau wirklich im Wagen befinde; seine zwei Gefährten erwarteten ihn schon zu Pferde. Er schwang sich gleichfalls in den Sattel; der Lakai nahm seinen Platz neben dem Kutscher, der Wagen, von den drei Reitern begleitet, rollte fort, und alles war zu Ende.«

D'Artagnan war zermalmt von einer so schrecklichen Nachricht und blieb stumm und regungslos, während in seinem Innern alle Dämone des Ingrimms und der Eifersucht tobten. »Wisset Ihr nicht beiläufig,« sagte d'Artagnan, »wer jener Mann ist, der diese teuflische Expedition geleitet hat?« »Ich kenne ihn nicht.« »Da er aber mit Euch sprach, so konntet Ihr ihn wohl sehen.« »Ha, Sie verlangen von mir eine nähere Beschreibung?« »Ja!« »Ein großer, hagerer Mann, von brauner Gesichtsfarbe, mit schwarzem Schnurrbart, schwarzen Augen und dem Aussehen eines Edelmannes.« »Er ist es!« rief d'Artagnan, »wieder er, immer er! Er ist mein Dämon, wie es scheint. – Und der andere?« »Welcher?« »Der Kleine.« »O, das ist kein vornehmer Herr, das kann ich versichern; auch trug er keinen Degen, und die andern begegneten ihm rücksichtslos.« »Vielleicht ein Lakai,« murmelte d'Artagnan. »O arme, arme Frau, was werden sie dir getan haben!« »Sie haben mir Verschwiegenheit versprochen,« sagte der Greis. »Ich wiederhole Euch mein Versprechen. Seid unbekümmert, ich bin ein Edelmann. Ein Edelmann hat nur sein Ehrenwort, und ich habe Euch das meinige verpfändet.« D'Artagnan begab sich wieder mit blutender Seele auf den Weg nach der Überfahrt. »O, wenn ich doch meine Freunde hätte,« seufzte er, »dann könnte ich doch wenigstens die Hoffnung nähren, sie wiederzufinden; allein wer weiß, was aus ihnen geworden ist?«

Es war fast Mitternacht, und nun handelte es sich darum, Planchet aufzusuchen. D'Artagnan ließ sich der Reihe nach alle Schenken öffnen, worin er Licht bemerkte, doch Planchet fand sich in keiner derselben. Bei der sechsten dachte er darüber nach, daß sein Nachsuchen ein bißchen gewagt sei. D'Artagnan gab seinem Bedienten erst um sechs Uhr morgens die Stunde, und so war dieser im Recht, wo er sich auch befand. Außerdem bedachte der junge Mann, wenn er in dieser Gegend bleibe, wo das Ereignis vorfiel, so könnte er wohl einigen Aufschluß über diese geheimnisvolle Geschichte bekommen. Er hielt somit bei der sechsten Schenke an, verlangte eine Flasche vom besten Wein und zog sich in die finsterste Ecke zurück, um hier den Tag zu erwarten. Doch auch diesmal täuschte ihn seine Hoffnung, denn wie er auch mit gespannten Ohren lauschte, so konnte er doch mitten unter den Flüchen, Späßen und Roheiten, welche die Arbeiter, Bedienten und Fuhrleute, in deren Gemeinschaft er geraten war, gegenseitig wechselten, durchaus nichts vernehmen, was ihn auf die Spur der entführten Frau zu bringen vermochte. Als er nun seine Flasche ganz ruhig und ohne einen Verdacht zu erwecken geleert hatte, sah er sich genötigt, in seiner Ecke eine möglichst gute Lage einzunehmen, und gut oder übel einzuschlafen. D'Artagnan zählte erst zwanzig Jahre, wie man weiß, und in diesem Alter hat der Schlaf unverjährbare Rechte, auf die er selbst bei verzweiflungsvollem Herzen gebieterisch besteht. Gegen sechs Uhr früh erwachte d'Artagnan mit jener Unbehaglichkeit auf, die gewöhnlich auf eine schlimme Nacht zu folgen pflegt. Er war mit seinem Anzug bald fertig und ging hinaus, um zu sehen, ob er am Morgen nicht eher, als in der Nacht, seinen Bedienten aufspüren könne. In der Tat war der erste Gegenstand, den er durch den feuchten, grauen Nebel erblickte, der ehrsame Planchet, der ihn mit den zwei Pferden an der Hand vor der Tür einer kleinen Schenke erwartete, vor der d'Artagnan vorbeigegangen war, ohne ihr Dasein zu vermuten.

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