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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Reise.

Um zwei Uhr früh verließen unsere vier Abenteurer Paris und zogen durch die Barrière Saint-Denis; sie verhielten sich stumm, so lange es Nacht war, ließen die Dunkelheit unwillkürlich ihren Einfluß auf sich ausüben und sahen überall einen Hinterhalt. Bei den ersten Strahlen des Tages entfesselten sich ihre Zungen; mit der Sonne kehrte ihr froher Sinn zurück; es war am Vorabend einer Schlacht; das Herz pochte, die Augen strahlten, man fühlte, daß das Leben, aus dem man vielleicht bald treten sollte, zuletzt doch ein gutes Ding war. Alles ging recht gut bis nach Chantilly, wo man gegen acht Uhr früh ankam. Man mußte frühstücken und stieg vor einer Schenke ab, die als Schild den heiligen Martin hatte, dargestellt, wie er die Hälfte seines Mantels einem Armen gibt. Man trug den Lakaien auf, die Pferde nicht abzusatteln und zur baldigen Weiterreise bereit zu sein. Man ging in das Gemeinzimmer und setzte sich an einen Tisch. Ein Edelmann, der auf der Straße von Dammartin angekommen war, saß an demselben Tisch und frühstückte. Er begann die Unterredung über Regen und schönes Wetter; die Reisenden antworteten; er trank auf ihre Gesundheit und die Reisenden erwiderten diese Höflichkeitsbezeigung. Jedoch in dem Moment, wo Mousqueton meldete, die Rosse ständen bereit, und wo man sich erhob, schlug der Fremde Porthos vor, auf die Gesundheit des Kardinals zu trinken. Porthos erwiderte, es wäre ihm ganz recht, wenn der Fremde auch auf die Gesundheit des Königs trinken wollte. Der Fremde aber antwortete: er kenne keinen andern König als Seine Eminenz. Porthos nannte ihn einen Betrunkenen; der Fremde zog vom Leder. »Da habt Ihr eine Dummheit begangen,« rief Athos, »doch gleichviel, da läßt sich nicht mehr zurücktreten; tötet diesen Mann und eilt uns nach, so schnell Ihr es vermöget.« Und alle drei stiegen wieder zu Pferd und sprengten mit verhängten Zügeln davon, indes Porthos seinem Gegner versprach, er wolle ihn mit allen Stößen durchbohren, die man in der Fechtkunst kennt. »Das ist der erste,« sprach Athos nach fünfhundert Schritten. »Warum hat aber dieser Mann lieber Porthos angegriffen, als jeden andern?« fragte Aramis. »Nun,« versetzte d'Artagnan, »weil Porthos viel lauter sprach als wir alle, so hielt er ihn für den Führer.« »Ich habe es immerhin gesagt, dieser Kadett aus der Gascogne sei ein Brunnen der Weisheit,« murmelte Athos. Die Reisenden setzten ihren Weg fort.

In Beauvais verweilte man zwei Stunden, um sowohl die Pferde sich erholen zu lassen, als auch, um auf Porthos zu warten. Da nach Verlauf von zwei Stunden weder Porthos noch eine Nachricht von ihm eintraf, setzte man die Reise fort. Eine Meile von Beauvais, an einer Stelle, wo der Weg zwischen zwei Böschungen eingeengt war, traf man auf acht bis zehn Menschen, die den Umstand nützten, daß hier die Straße ungepflastert war, und sich stellten, als ob sie hier arbeiteten, um Löcher zu graben und Kotgleise zu machen. Aramis, der in diesem künstlichen Sumpf seine Stiefel zu besudeln fürchtete, ließ sie mit harten Worten an. Athos wollte ihn zurückhalten, doch es war schon zu spät. Die Arbeiter fingen an, die Reisenden zu verhöhnen, und ihre Keckheit entflammte den kalten Athos dergestalt, daß er auf einen derselben losritt. Da zog sich jeder von diesen Menschen bis zum Graben zurück und ergriff dort eine versteckte Muskete; das Resultat war, daß unsere Reisenden buchstäblich durchs Feuer gehen mußten. Aramis wurde an der Schulter von einer Kugel getroffen, Mousqueton von einer andern, die im fleischigen Teil der Hüften steckenblieb. Indes fiel Mousqueton allein vom Pferde; nicht als wäre er so schwer verwundet gewesen, sondern weil er die Wunde nicht sehen konnte, so glaubte er, daß er viel gefährlicher verletzt sei, als es wirklich der Fall war. »Das ist ein Hinterhalt!« rief d'Artagnan, »erwidern wir das Feuer nicht und eilen wir weiter.« Der schwerverwundete Aramis faßte sein Pferd an der Mähne, und dieses trabte mit den andern fort. Jenes von Mousqueton holte sie wieder ein und trabte in seiner Reihe ganz allein. »Da haben wir jetzt ein Pferd zum Wechseln,« sprach Athos. »Ein Hut wäre mir lieber,« entgegnete d'Artagnan, »den meinigen hat mir eine Kugel weggerissen. Zum Glück ist der Brief, den ich trage, nicht darin gewesen.« »Ha, sie werden den armen Porthos töten, wenn er vorüberzieht,« sagte Aramis. »Wäre Porthos auf den Beinen,« versetzte Athos, »hätte er uns sicher schon eingeholt. Ich glaube, der Trunkenbold ist auf dem Kampfplatz nüchtern geworden.«

Man trabte noch zwei Stunden lang fort, obgleich die Rosse bereits so erschöpft waren, daß zu befürchten stand, sie würden alsbald den Dienst versagen. Die Reisenden wählten einen Seitenweg, da sie hier weniger behelligt zu werden hofften, jedoch in Crèvecoeur erklärte Aramis, daß er nicht mehr weiterreisen könne. Er mußte auch wirklich alle Kräfte aufbieten, die er unter seiner feinen Gestalt und seinen artigen Manieren barg, um bis hierher zu kommen. Er erblaßte mit jedem Augenblick, und man war genötigt, ihn auf seinem Pferde zu unterstützen; man hob ihn vor der Tür einer Herberge herab und gab ihm Bazin bei, der ohnedies bei einem Scharmützel mehr hinderlich als förderlich war, und zog von dannen, in der Hoffnung, in Amiens Nachtlager halten zu können. Als sie auf der Straße sahen, daß sie bis auf zwei Herren und auf Grimaud und Planchet zusammengeschmolzen waren, rief Athos: »Zum Henker! ich werde nicht ihr Narr sein, und bürge Euch dafür, Sie werden mich bis Calais nicht dahinbringen, daß ich den Mund auftue oder den Degen ziehe. Das schwöre ich –« »Schwören wir nicht,« entgegnete d'Artagnan, »und traben wir weiter, wenn es anders unsere Pferde aushalten.« Die Reisenden spornten ihre Pferde an, die, lebhaft aufgestachelt, wieder ihre Kräfte fanden. Man kam um Mitternacht nach Amiens und stieg ab vor der Herberge »Zur goldenen Lilie«. Der Wirt sah aus wie der ehrbarste Mann auf Erden; er empfing die Reisenden mit dem Leuchter in der einen und mit der baumwollenen Mütze in der andern Hand; er wollte jedem der zwei Gäste ein nettes Zimmer einräumen; unglücklicherweise lag jedes dieser Zimmer am äußersten Ende des Wirtshauses. D'Artagnan und Athos taten dagegen Einspruch. Der Wirt entgegnete, daß er keine andern habe, die der Exzellenzen würdig wären; allein die Reisenden erklärten, sie wollten zusammen ein Gemach, und jeder auf einer Matratze schlafen, die man auf den Boden ausbreiten möge; der Wirt widerstrebte lange, doch die Reisenden gaben nicht nach, und so mußte er ihren Willen tun.

Sie hatten bereits ihre Betten geordnet und ihre Tür von innen verrammelt, als vom Hofraum aus an ihre Fensterbalken geklopft wurde. Sie fragten, wer da sei, erkannten die Stimmen ihrer Bedienten und machten auf. Es waren in der Tat Planchet und Grimaud. »Grimaud wird allein im stande sein, die Pferde zu behüten,« sagte Planchet; »wenn es die Herren genehmigen, so will ich mich quer über die Türschwelle legen; auf diese Art werden Sie sicher sein, daß man nicht bis zu Ihnen vordringt.« »Und worauf willst du schlafen?« fragte d'Artagnan. »Hier ist mein Bett,« antwortete Planchet, auf ein Bund Stroh zeigend. »Komm also,« sagte d'Artagnan, »du hast recht, das Gesicht des Wirtes gefällt mir nicht, es ist zu schmeichelnd.« Planchet stieg durch das Fenster und legte sich quer vor die Tür, indes sich Grimaud im Stall einschloß, nachdem er versprochen hatte, um fünf Uhr früh werde er mit den vier Pferden bereitstehen.

Die Nacht verging ziemlich ruhig; gegen zwei Uhr morgens versuchte man wohl die Tür zu öffnen, da jedoch Planchet rasch aufwachte und »Wer da?« rief, antwortete man, daß man sich irrte, und entfernte sich wieder. Um vier Uhr früh hörte man ein großes Geräusch in den Ställen. Grimaud wollte die Stallknechte aufwecken, und diese schlugen ihn. Als man die Fenster aufmachte, sah man den armen Burschen ohnmächtig liegen; der Streich einer Heugabel hatte ihm den Kopf verletzt. Planchet ging hinab in den Hof, um die Pferde zu satteln; die Pferde waren gelähmt, bloß jenes von Grimaud, das tags vorher fünf bis sechs Stunden ohne Reiter getrabt war, hätte den Weg fortsetzen können, aber aus einem unbegreiflichen Irrtum hatte der Tierarzt, den man zweifelsohne berief, daß er dem Pferde des Wirtes zur Ader lasse, jenem des Grimaud zur Ader gelassen. Man fing an, sich zu beunruhigen; die ganze Reihe dieser Erlebnisse war vielleicht nur das Resultat des Zufalls, doch konnte sie auch ebensogut die Frucht eines Komplotts sein. Athos und d'Artagnan gingen hinaus, indes sich Planchet erkundigte, ob in der Umgegend nicht drei Pferde zu kaufen wären. Am Tore standen zwei Pferde aufgezäumt, frisch und lebhaft. Das kam gelegen. Er fragte nach den Eigentümern, man sagte ihm, sie hätten diese Nacht im Wirtshaus geschlafen und der Wirt halte eben mit ihnen Rechnung. Athos ging hinab, um die Zeche zu berichtigen, während d'Artagnan und Planchet am Straßentor blieben; der Wirt war in einem rückwärts gelegenen Zimmer, wohin man Athos beschied. Athos trat ohne Argwohn ein und zog zwei Pistolen hervor, um damit zu bezahlen. Der Wirt befand sich allein, an einem Schreibtisch sitzend, bei dem eine der Schubladen halb offen stand. Er nahm das Geld, das ihm Athos reichte, drehte es in den Händen hin und her, und rief plötzlich, das Geld sei falsch, und er würde ihn und seine Genossen einsperren lassen. »Schelm!« schrie Athos vorschreitend, »ich will dir die Ohren abschneiden.« Allein der Wirt bückte sich, nahm zwei Feuergewehre aus einer der Schubladen, wandte sich gegen Athos und rief um Hilfe. In demselben Moment traten vier bis an die Zähne bewaffnete Männer von den Seitentüren herein und stürzten sich auf Athos. »Ich bin angegriffen!« schrie Athos aus vollem Hals, »herbei, d'Artagnan! stich und schlag'.« Er drückte seine zwei Pistolen los. D'Artagnan und Planchet ließen sich nicht zweimal rufen, sie lösten die zwei Pferde am Tor ab, schwangen sich hinauf und sprengten spornstreichs davon. »Weißt du, Planchet! was aus Athos geworden ist?« fragte d'Artagnan während des Rittes. »Ach, mein Herr!« entgegnete Planchet, »auf seine Pistolenschüsse sah ich zwei fallen, und als ich noch durch die Glastür blickte, kam es mir vor, als schlüge er sich noch mit den andern.« »Wackerer Athos!« murmelte d'Artagnan; ach, daß ich dich so im Stiche lassen muß! Übrigens trifft uns vielleicht zehn Schritte von hier dasselbe Los. Vorwärts, Planchet! vorwärts! du bist ein tüchtiger Bursche.« »Ich habe es Ihnen gesagt, mein Herr!« erwiderte Planchet, »die Pikarden erkennt man erst im Umgang, außerdem bin ich hier in meiner Heimat, und das ermutigt mich.«

Beide sprengten rasch weiter und kamen in einem Ritt nach Saint-Omer. Hier ließen sie ihre Pferde ausatmen und schlangen, vor einem Überfall besorgt, die Zügel um den Arm, aßen auf der Gasse stehend einen Bissen aus der Hand und ritten wieder weiter. Hundert Schritte vor den Toren von Calais stürzte d'Artagnans Pferd, und es gab kein Mittel mehr, dasselbe wieder aufzurichten; das Blut rann ihm aus der Nase und den Augen! jetzt war noch das von Planchet übrig; allein dies hielt an und ließ sich durch nichts mehr weiterbringen. Wie gesagt, waren sie glücklicherweise nur noch hundert Schritte von der Stadt entfernt; sie ließen die beiden Gäule auf der Straße stehen und eilten dem Hafen zu. Planchet machte seinen Herrn auf einen Edelmann aufmerksam, der eben mit seinem Bedienten ankam und ihnen nur fünfzig Schritte voraus war. Sie gingen diesem Herrn schnell nach, der es eilig hatte. Seine Stiefel waren mit Staub bedeckt und er erkundigte sich, ob er nicht auf der Stelle nach England übersetzen könnte. »Das wäre sehr leicht,« entgegnete ihm der Patron eines segelfertigen Schiffes, »allein, diesen Morgen traf ein Befehl ein, niemanden überzufahren ohne ausdrückliche Erlaubnis des Herrn Kardinals.« »Ich habe diese Erlaubnis,« versetzte der Edelmann und zog ein Papier aus der Tasche, »da ist sie.« »Lassen Sie dieselbe vom Hafengouverneur vidieren, und geben Sie mir dann vor andern den Vorzug.« »Wo werde ich den Gouverneur treffen?« »In seinem Landhaus.« »Wo liegt das?« »Eine Viertelmeile von der Stadt; nun, Sie sehen es dort am Fuße des kleinen Hügels, mit dem Schieferdach.« »Ganz wohl,« sprach der Edelmann. Er nahm den Weg nach dem Landhaus des Gouverneurs, und sein Bedienter folgte ihm nach. Auch d'Artagnan und Planchet folgten dem Edelmann auf fünfhundert Schritt. Als sie außerhalb der Stadt waren, verdoppelte d'Artagnan seine Schritte und erreichte den Edelmann, wie er eben in einen kleinen Forst trat. »Mein Herr!« sagte d'Artagnan, »es scheint, daß Sie große Eile haben.« »Man kann nicht bedrängter sein, mein Herr!« »Ich bin in Verzweiflung,« versetzte d'Artagnan, »denn da ich gleichfalls sehr bedrängt bin, so wollte ich Sie um eine Gefälligkeit ersuchen.« »Um welche?« »Mich zuerst gehen zu lassen.« »Das ist unmöglich,« entgegnete der Edelmann. »Ich habe sechzig Meilen in vierundzwanzig Stunden gemacht und soll morgen mittag in London eintreffen.« »Ich machte denselben Weg in vierzig Stunden und muß morgen früh um zehn Uhr in London eintreffen.« »Das ist verzweiflungsvoll, mein Herr! doch da ich zuerst ankam, will ich nicht als Zweiter gehen.« »Es ist verzweiflungsvoll, mein Herr! doch da ich als Zweiter ankam, werde ich als Erster gehen.« »Im Dienste des Königs?« fragte der Edelmann. »Im eigenen Dienste,« versetzte d'Artagnan. »Mich dünkt aber, daß Sie da einen bösen Hader mit mir anzetteln.« »Zum Kuckuck; wie kann es anders sein?« »Was begehren Sie von mir?« »Wollen Sie es wissen?« »Allerdings!« »Gut, ich verlange den Auftrag, den Sie zu überbringen haben, da ich keinen habe und doch desselben bedarf.« »Ich glaube, Sie scherzen.« »Ich scherze niemals.« »Lassen Sie mich meine Wege gehen.« »Sie werden keinen Schritt weiter machen.« »Mein wackerer junger Mann! ich will Ihnen den Kopf zerschmettern, Holla! Lubin! meine Pistolen.« »Planchet!« rief d'Artagnan, »nimm du den Bedienten auf dich, ich mache es mit dem Herrn aus.« Planchet, der durch die erste Tat ermutigt war, stürzte sich auf Lubin, warf ihn kraftvoll auf den Boden und setzte ihm das Knie auf die Brust. »Mein Herr,« rief Planchet, »tun Sie jetzt Ihr Geschäft ab, ich habe das meinige bereits getan.« Als der Edelmann das sah, zog er seinen Degen und fiel gegen d'Artagnan aus, doch er hatte eine schwere Arbeit. In drei Sekunden versetzte ihm d'Artagnan drei Degenstöße und sagte bei jedem derselben: »Einen für Athos, einen für Porthos und einen für Aramis.« Beim dritten Stoß sank der Edelmann wie ein Klumpen nieder. D'Artagnan hielt ihn für tot oder mindestens für ohnmächtig und trat zu ihm hin, um ihm den schriftlichen Auftrag abzunehmen; doch in dem Moment, wo er die Hand ausstreckte, um ihn zu durchsuchen, versetzte ihm der Verwundete, der seinen Degen nicht losgelassen hatte, einen Stoß in die Brust und rief: »Einen für Sie.« »Und einen für mich! zuletzt kommt erst das Beste!« schrie d'Artagnan wütend, bohrte ihm die Klinge in den Bauch und spießte ihn so in die Erde. Jetzt schloß der Edelmann die Augen und sank in Ohnmacht. D'Artagnan durchwühlte ihm die Tasche, in der er ihn den Überfahrtsbefehl hatte stecken gesehen, und nahm denselben. Er lautete auf den Namen des Grafen von Wardes. Sodann warf er einen letzten Blick auf den schönen jungen Mann, der kaum fünfundzwanzig Jahre zählte, und den er auf den Boden ausgestreckt, ohne Besinnung, vielleicht auch schon leblos, liegen lassen mußte, und seufzte über das seltsame Schicksal der Menschen, vermöge dessen sie sich einander im Interesse von Leuten vernichten, die ihnen fremd sind, und von denen sie oft nicht einmal wissen, daß sie existieren.

Bald riß ihn jedoch Lubin aus seinen Betrachtungen, denn dieser fing zu heulen an und schrie aus Leibeskräften um Hilfe. Planchet legte Hand an seine Gurgel und schnürte sie ihm mit aller Gewalt zusammen. »Mein Herr,« sprach er zu d'Artagnan, »so lang ich ihn so halte, wird er sicher nicht schreien, wenn ich ihn aber loslasse, fängt er wieder an zu kreischen. Ich erkenne ihn für einen Normann, und die Normannen haben ihre starren Köpfe.« In der Tat suchte Lubin, wie gepreßt er auch war, einige Laute auszustoßen. »Warte!« sprach d'Artagnan, nahm sein Sacktuch und knebelte ihn. »Jetzt binden wir ihn an einen Baum,« sagte Planchet. Die Sache ward gewissenhaft vollzogen; dann zerrte man den Grafen von Wardes zu seinem Bedienten, und da bereits die Nacht einfiel und beide, der Verwundete und der Geknebelte, mehrere Schritte tief im Gehölz waren, so mußten sie offenbar hierbleiben bis zum kommenden Morgen. »Jetzt eilen wir zum Gouverneur,« sprach d'Artagnan. »Aber Sie sind ja verwundet, wie mich deucht,« sagte Planchet. »Das ist nicht von Belang; befassen wir uns nur mit dem Dringenden, dann kommen wir auf meine Wunde zurück, die mir übrigens nicht gefährlich scheint.« Beide gingen raschen Schrittes nach dem Landhaus des würdigen Gouverneurs. Man meldete den Grafen von Wardes. D'Artagnan wurde eingeführt. »Sie haben einen Paß vom Kardinal unterfertigt?« fragte der Gouverneur. »Ja, mein Herr!« antwortete d'Artagnan, »hier ist er.« »O, er ist ganz richtig und mit Empfehlungen ausgestattet,« sprach der Gouverneur. »Das ist ganz einfach,« entgegnete d'Artagnan, »da ich einer seiner getreuesten Anhänger bin.« »Es scheint, als ob seine Eminenz jemanden verhindern wollte, nach England überzusetzen?« »Ja, einen gewissen d'Artagnan, einen Béarner Edelmann, der mit dreien seiner Freunde von Paris in der Absicht abging, London zu erreichen.« »Kennen Sie ihn persönlich?« fragte der Gouverneur. »Wen?« »Diesen d'Artagnan.« »Recht gut.« »Geben Sie mir von ihm eine Beschreibung.« »Das ist ganz leicht.« D'Artagnan schilderte den Grafen von Wardes Zug für Zug. »Hat er Begleitung?« fragte der Gouverneur. »Ja, einen Diener mit Namen Lubin.« »Man wird auf sie achtgeben, und legt man Hand an sie, so kann Seine Eminenz ruhig sein, man wird sie unter guter Bedeckung nach Paris zurückbringen.« »Wenn Sie das tun, Herr Gouverneur,« versetzte d'Artagnan, »so werden Sie sich um den Kardinal sehr verdient machen.« »Werden Sie ihn bei Ihrer Rückkehr wiedersehen, Herr Graf?« »Ohne allen Zweifel.« »Ich bitte, sagen Sie ihm, daß ich ganz sein Diener bin.« »Ich werde nicht ermangeln.« Der Gouverneur war über diese Zusicherung erfreut, visierte den Paß und reichte ihn d'Artagnan. D'Artagnan verlor seine Zeit nicht mit unnützen Komplimenten, verneigte sich, dankte dem Gouverneur und ging fort. Als er im Freien war, setzte er sich mit Planchet in Lauf, nahm einen Umweg, jenes Gehölz vermeidend, und kehrte durch ein anderes Tor in die Stadt zurück. Das Fahrzeug war stets zur Abfahrt bereit; der Schiffsherr wartete am Hafen. »Nun, wie ist's?« fragte er, als er d'Artagnan kommen sah. »Hier ist mein visierter Paß,« sprach dieser. »Und jener andere Edelmann?« »Er wird heute nicht abreisen,« versetzte d'Artagnan, »doch seid unbesorgt, ich will für beide das Fahrgeld bezahlen.« »Wenn das ist, so fahren wir,« sagte der Schiffspatron. »Also vorwärts!« rief d'Artagnan. Er sprang mit Planchet in das Boot; fünf Minuten darauf waren sie an Bord. Es war die höchste Zeit, denn sie waren noch kaum eine halbe Meile vom Ufer entfernt, als d'Artagnan einen Funken sprühen sah und einen Knall vernahm. Es war ein Kanonenschuß, der das Schließen des Hafens bedeutete.

Jetzt war es an der Zeit, sich mit d'Artagnans Wunde zu beschäftigen. Sie war zum Glück nicht gefährlich, wie er es selbst gedacht hatte. Die Degenspitze traf eine Rippe und glitt von dem Bein ab, außerdem klebte sich das Hemd fest an die Wunde, und so flossen nur wenige Blutstropfen daraus hervor. D'Artagnan fühlte sich infolge der Anstrengungen ganz erschöpft. Man breitete ihm auf dem Verdeck eine Matratze aus, er streckte sich darauf nieder und entschlief. Mit Anbruch des folgenden Tages war er nur noch drei bis vier Meilen von Englands Küste entfernt; der Wind wehte die ganze Nacht schwach, und so kam man nur langsam weiter. Um zwei Uhr warf das Schiff im Hafen von Dover Anker aus. Um halb drei Uhr setzte d'Artagnan seinen Fuß auf Englands Boden und rief aus: »Endlich bin ich da!« Damit war es aber noch nicht abgetan; man mußte London erreichen. Die Post war in England damals schon ganz gut bestellt. D'Artagnan und Planchet nahmen jeder ein Pferd. Ein Postillon ritt ihnen voraus; in vier Stunden erreichten sie die Tore der Hauptstadt. D'Artagnan kannte London nicht; er verstand nicht englisch; aber er schrieb den Namen Buckingham auf ein Papier, und jedermann wies ihm das Hotel des Herzogs.

Der Herzog war mit dem König in Windsor auf der Jagd. D'Artagnan erkundigte sich nach dem vertrauten Kammerdiener des Herzogs, der ihn auf all seinen Reisen begleitet hatte und recht gut französisch verstand. Er sagte diesem, daß er von Paris in einer Angelegenheit käme, bei der es sich um Leben und Tod handle, wonach er auf der Stelle mit seinem Gebieter sprechen müsse. Die Zuversicht, mit der d'Artagnan sprach, überzeugte Patrice, so hieß dieser Diener des Ministers. Er ließ zwei Pferde satteln und übernahm es, den jungen Edelmann zu führen. Was Planchet betrifft, so hob man ihn von seinem Klepper herab, steif wie ein Rohr. Der arme Bursche war gänzlich erschöpft, während d'Artagnan von Eisen schien. Man kam im Schloß an und erkundigte sich; der König und Buckingham waren in einem zwei bis drei Meilen weit entfernten Moorgrund auf der Falkenjagd. Nach zwanzig Minuten war man am bezeichneten Ort. Alsbald vernahm Patrice die Stimme seines Gebieters, der einem Falken zurief. »Wen soll ich dem Mylord Herzog melden? fragte Patrice. »Den jungen Mann, der eines Abends auf dem Pontneuf, der Samaritaine gegenüber, Streit mit ihm gesucht hat.« »Das ist eine seltsame Empfehlung.« »Sie werden sehen, daß sie soviel als eine andere gelten wird.« Patrice spornte sein Pferd, erreichte den Herzog und meldete ihm den Boten in den eben angeführten Worten. Buckingham erkannte d'Artagnan auf der Stelle, und in der Vermutung, in Frankreich sei etwas vorgefallen, wovon man ihm Nachricht geben wollte, nahm er sich nicht die Zeit zu fragen, wo derjenige sei, der ihm Botschaft bringe, sondern sprengte fort, da er von weitem d'Artagnans Gardeuniform erkannte, und ritt gerade auf ihn zu. Patrice blieb bescheiden in der Entfernung. »Ist doch der Königin kein Unglück begegnet?« fragte Buckingham, indem er alle seine Gedanken, seine ganze Liebe in diese Frage ergoß. »Das glaube ich nicht, doch vermute ich, daß sie in einer großen Gefahr schwebt, aus der sie Ew. Hoheit allein ziehen können.« »Ich?« rief Buckingham, »sollte ich so glücklich sein, ihr in etwas dienen zu können? Reden, o, reden Sie!« »Nehmen Sie diesen Brief,« versetzte d'Artagnan. »Diesen Brief? von wem kommt er?« »Von Ihrer Majestät, wie ich denke.« »Von Ihrer Majestät!« rief Buckingham und erblaßte derart, daß d'Artagnan glaubte, er würde ohnmächtig werden. Er erbrach das Siegel. »Woher diese Verletzung?« fragte er und zeigte d'Artagnan die Stelle, wo der Brief durchbohrt war. »Ah, ich habe das nicht bemerkt,« rief d'Artagnan. »Dieses hübsche Loch machte gewiß der Degen des Grafen von Wardes, als er mir denselben in die Brust stieß.« »Sind Sie verwundet?« fragte Buckingham, indem er das Siegel erbrach. »O, es ist weiter nichts als eine Schramme,« versetzte d'Artagnan. »Gerechter Himmel, was habe ich gelesen!« rief der Herzog. »Patrice, bleibe hier oder eile vielmehr zum König, wo er auch sei, und melde Seiner Majestät, daß ich um Entschuldigung bitte, mich ruft ein Geschäft von höchster Wichtigkeit nach London zurück. Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie!« Beide sprengten im Galopp auf dem Wege nach der Hauptstadt.

Die Pferde rannten mit Windeseile und befanden sich in wenigen Minuten vor Londons Toren. D'Artagnan dachte, der Herzog würde, wenn er in der Stadt anlangte, den Lauf des seinigen etwas anhalten, doch war es nicht so; er verfolgte seinen Weg mit aller Hast und kümmerte sich nicht darum, ob er die Leute auf der Straße niederritt. In der Tat hatten sich auf diesem Ritt durch die Stadt mehrere Unfälle ereignet, allein Buckingham wandte nicht einmal den Kopf, um zu sehen, was mit denen geschah, die er niedergerannt hatte. D'Artagnan folgte ihm mitten unter Zurufungen, die wie Verwünschungen klangen. Als Buckingham in dem Hof seines Hotels anlangte, sprang er vom Pferde, schnellte diesem, unbekümmert, was es für Folgen habe, den Zügel um den Hals und eilte der Freitreppe zu. Der Herzog ging so schnell, daß ihm d'Artagnan kaum zu folgen vermochte. Er schritt der Reihe nach durch mehrere Salons, und endlich kam er in ein Schlafgemach, das zugleich an Geschmack und Reichtum ein Wunder war. In dem Alkoven dieses Zimmers befand sich eine Tapetentür, die der Herzog mit einem kleinen goldenen Schlüssel öffnete, den er an einer Kette von gleichem Metall am Halse hängen hatte. Als Buckingham über die Schwelle dieser Tür schritt, drehte er sich um und, das Zögern des jungen Mannes bemerkend, sagte er: »Kommen Sie, und wenn Ihnen das Glück zu teil wird, vor Ihrer Majestät erscheinen zu dürfen, so sagen Sie ihr, was Sie gesehen.« D'Artagnan war durch diese Aufforderung ermutigt und folgte dem Herzog, der die Tür hinter sich schloß. Beide befanden sich jetzt in einer kleinen Kapelle, die ganz mit persischer Seide tapeziert und mit Gold gestickt war und von vielen Kerzen erleuchtet wurde. Hier bemerkte man unter einem Prachthimmel von blauem Samt, überragt von weißen und roten Federn, ein Bildnis in natürlicher Größe, das Anna von Österreich so sprechend ähnlich war, daß d'Artagnan beim Anblick vor Überraschung aufschrie; man hätte geglaubt, die Königin sei im Begriff zu sprechen. Auf dem Altar und unter dem Bildnis stand das Kistchen, das die diamantenen Nestelstifte einschloß. Der Herzog näherte sich demselben, kniete nieder und öffnete das Kistchen. Er zog eine große blaue Bandschleife, die durchaus von Diamanten strahlte, hervor und sagte: »Sehen Sie, das sind die kostbaren Nestelstifte, mit denen mich begraben zu lassen ich den Schwur tat. Die Königin hat sie mir gegeben, die Königin nimmt sie mir wieder; nun, so möge denn ihr Wille geschehen!« hierauf küßte er diese Stifte, von denen er sich trennen mußte, einen nach dem andern. Aber auf einmal stieß er einen entsetzlichen Schrei aus. »Was ist es?« fragte d'Artagnan bekümmert. »Mylord, was begegnet Ihnen?« »Ha, alles ist verloren!« rief Buckingham, und wurde so blaß wie eine Leiche; »es fehlen zwei von diesen Nestelstiften, denn es sind nur noch zehn.« »Halten Sie dieselben für verloren, Mylord, oder glauben Sie, daß sie entwendet worden sind?« »Man hat sie mir geraubt,« rief der Herzog, »das ist ein Streich, der vom Kardinal ausgeht. Sehen Sie, die Bänder, woran sie hingen, sind mit der Schere durchschnitten.« »Haben Sie eine Vermutung, Mylord, wer den Diebstahl begangen hat? Vielleicht hat sie die Person noch in Händen . . .« »Hören Sie,« rief der Herzog. »Ein einzigesmal nur trug ich diese Nestelstifte, und das war vor acht Tagen in Windsor auf dem Balle des Königs. Die Gräfin von Winter, mit der ich zerworfen war, hat sich mir auf diesem Balle genähert. Dieser Schritt war eine Rache der eifersüchtigen Frau. Seit diesem Tage sah ich sie nicht wieder. Diese Frau ist eine Agentin des Kardinals.« »So hat er denn in der ganzen Welt Agenten!« rief d'Artagnan. »Ach, ja, ja!« versetzte Buckingham und knirschte vor Zorn mit den Zähnen; »ja, er ist ein furchtbarer Kämpfer. – Doch sagen Sie, wann findet jener Ball statt?« »Am nächsten Montag.« »Am nächsten Montag? Fünf Tage noch! das ist mehr Zeit als nötig ist. – Patrice!« rief der Herzog und öffnete die Tür der Kapelle. Der Kammerdiener erschien. »Meinen Juwelier und meinen Sekretär.« Der Kammerdiener entfernte sich hurtig und stumm. Obwohl jedoch der Juwelier zuerst berufen worden war, so erschien doch der Sekretär noch vor ihm, Das war ganz einfach, da er im Hotel wohnte. Er traf Buckingham in seinem Schlafgemach vor einem Tisch, wo er eigenhändig einige Briefe schrieb. »Herr Jackson,« sprach er, »verfügt Euch alsogleich zum Lordkanzler und meldet ihm, daß er diese Befehle zu vollziehen habe. Ich will, daß man sie auf der Stelle bekanntmache.« »Doch, gnädigster Herr, wenn mich der Lordkanzler um die Beweggründe fragt, die Ew. Hoheit zu so außerordentlichen Maßregeln bestimmten, was habe ich darauf zu entgegnen?« »Es habe mir so beliebt und ich habe niemandem Rechenschaft meines Willens abzulegen.« »Ist das die Antwort, die er Seiner Majestät überbringen soll,« erwiderte der Sekretär lächelnd, »wenn etwa Seine Majestät neugierig wäre, erfahren zu wollen, warum aus den Häfen Großbritanniens kein Schiff mehr auslaufen darf?« »Ihr habt recht, mein Herr,« versetzte Buckingham, »in diesem Falle möge er dem König sagen, daß ich den Krieg beschlossen habe, und daß diese Maßregel der erste feindselige Schritt gegen Frankreich sei.« Der Sekretär verneigte sich und ging.

Buckingham wandte sich wieder zu d'Artagnan und sagte: »Von dieser Seite wären wir denn ruhig. Sind die Nestelstifte noch nicht nach Frankreich abgegangen, so werden sie erst nach Ihnen dort ankommen.« »Wie das?« »Ich legte Beschlag auf alle Schiffe, die sich zu dieser Stunde in den Häfen Seiner Majestät befinden, und keines wird es ohne besondere Erlaubnis wagen, die Anker zu lichten.« D'Artagnan betrachtete mit Erstaunen den Mann, der die unbeschränkte Macht, die ihm das Vertrauen seines Königs einräumte, zum Dienste seiner Herzensangelegenheiten verwendete. Buckingham las in dem Gesichtsausdruck dieses jungen Mannes, was er eben dachte, und lächelte. Dann sprach er zu ihm: »Ja, Anna von Osterreich ist meine wahre Königin! Auf ein Wort von ihr will ich sogar mein Land verraten. Sie bat mich, den Protestanten in La Rochelle nicht die Hilfe zu schicken, die ich ihnen versprochen hatte, und ich tat es auch nicht. Ich brach damit mein Wort; aber gleichviel, ich gehorchte ihrem Verlangen; sagen Sie, ward ich nicht großmütig für meinen Gehorsam belohnt, da ich diesem Gehorsam ihr Bildnis verdanke?« D'Artagnan dachte bei sich, an welch schwachen und unbekannten Fäden zuweilen die Schicksale der Völker und das Leben der Menschen hängen!

Er war in diese Betrachtungen ganz vertieft, als der Goldschmied eintrat; es war ein Irländer und ausgezeichnet in seiner Kunst; er gestand es selbst, daß er jährlich hunderttausend Livres bei dem Herzog von Buckingham gewinne. »Herr O'Reilly,« sprach der Herzog zu ihm, indem er ihn in die Kapelle führte, »betrachtet diese diamantenen Nestelstifte und sagt, was das Stück davon wert ist.« Der Goldschmied warf einen Blick auf die zierliche Form der Fassung, berechnete die Diamanten einen nach dem andern im Werte, und sagte ohne Zaudern: »Mylord, das Stück fünfzehnhundert Pistolen.« »In wieviel Tagen würdet Ihr zwei solche Nestelstifte, wie diese sind, verfertigen? Ihr sehet, daß zwei fehlen.« »In acht Tagen, Mylord.« »Ich bezahle Euch für das Stück dreitausend Pistolen, doch übermorgen muß ich sie haben.« »Mylord soll sie haben.« »Herr O'Reilly, Ihr seid ein kostbarer Mann; doch damit ist's noch nicht genug, diese Stifte kann man niemandem anvertrauen, sie müssen in diesem Palast verfertigt werden.« »Unmöglich, Mylord, nur ich kann die Arbeit so herstellen, daß man den Unterschied zwischen der alten und neuen nicht bemerkt.« »Nun, mein lieber Herr O'Reilly, seid Ihr mein Gefangener, und könnet von dieser Stunde an nicht mehr aus meinem Palast treten; faßt also Euren Entschluß. Nennt mir diejenigen von Euren Gehilfen, die Ihr braucht, und die Werkzeuge, die sie mitbringen sollen.« Der Goldschmied kannte den Herzog; er wußte, daß jeder Einspruch fruchtlos wäre, und entschloß sich also. »Ist es mir erlaubt, meiner Frau Nachricht zu geben?« fragte er. »O, es ist Euch sogar erlaubt, sie zu sehen, mein lieber O'Reilly; seid unbekümmert. Eure Gefangenschaft sei ganz gelinde, und da jede Störung entschädigt sein will, so nehmt außer dem Preise für zwei Nestelstifte diese Anweisung auf tausend Pistolen, damit Ihr desto leichter die Ungemächlichkeit vergesset, die ich Euch verursache.« D'Artagnan vermochte sich in seinem Erstaunen über diesen Minister nicht zu fassen, der mit vollen Händen Menschen und Millionen schüttelte. Der Goldschmied schrieb an seine Frau und schickte ihr die Anweisung auf tausend Pistolen, während er ihr zugleich auftrug, ihm den geschicktesten Lehrling, eine gewisse Anzahl Diamanten, die er ihr nach Gewicht und Namen bezeichnete, und einige Werkzeuge zu schicken, deren er benötigte. Buckingham führte den Goldschmied in das für ihn bestimmte Zimmer, das nach einer halben Stunde schon in eine Werkstätte umgewandelt war: dann stellte er eine Wache an jede Tür, mit dem strengen Verbot, niemand andern als seinen Kammerdiener Patrice einzulassen. Es braucht kaum angeführt zu werden, daß es dem Goldschmied und seinem Gehilfen durchaus untersagt war, unter was immer für einem Vorwand den Palast zu verlassen.

Als dieser Punkt in Ordnung gebracht war, kehrte der Herzog zu d'Artagnan zurück. »Nun, mein junger Freund!« sprach er, »England gehört uns beiden; was ist Ihr Wunsch und Ihr Verlangen?« »Ein Bett,« antwortete d'Artagnan, »das ist, ich bekenne es, für diesen Augenblick mein dringendstes Bedürfnis.« Buckingham wies d'Artagnan ein Zimmer an, das an das seinige stieß. Er wollte den jungen Mann in seiner Nähe haben, nicht, als ob er Mißtrauen in ihn setzte, sondern um einen Menschen bei sich zu haben, mit dem er beständig von der Königin reden könnte.

Eine Stunde darauf wurde in London der Befehl kundgemacht, kein für Frankreich befrachtetes Schiff aus den Häfen auslaufen zu lassen, selbst nicht das Briefpaketboot. Das war in den Augen aller eine Kriegserklärung zwischen den zwei Königreichen. Am zweiten Tag um elf Uhr waren die diamantenen Nestelstifte fertig, und so gut nachgeahmt, so vollkommen ähnlich, daß Buckingham die neuen von den alten nicht zu unterscheiden vermochte, und daß sich die Geübtesten in dieser Sache geirrt hätten. Der Herzog ließ alsogleich d'Artagnan berufen und sprach: »Sehen Sie, da sind die diamantenen Nestelstifte, die Sie zu holen gekommen sind; und seien Sie mein Zeuge, daß ich alles tat, was in der Macht eines Menschen stand.« »Mylord seien unbesorgt, ich will erzählen, was ich gesehen habe; doch Eure Hoheit legt die Nestelstifte nicht wieder in das Kistchen.« »Das Kistchen wäre für Sie unbequem. Übrigens ist es für mich um so kostbarer, da es mir allein übrig bleibt. Sie werden melden, daß ich es bewahre.« »Mylord, ich werde Ihren Auftrag Wort für Wort ausrichten.« »Und jetzt,« sagte Buckingham, indem er den jungen Mann fest ins Auge faßte, »wie soll ich mich meiner Schuld gegen Sie entledigen?« D'Artagnan wurde rot bis zum Weiß der Augen. Er sah, daß der Herzog auf ein Mittel dachte, ihn zu vermögen, daß er etwas annehme, und der Gedanke, daß das Blut seiner Genossen und das seinige mit englischem Golde bezahlt werden sollte, erweckte in ihm ein seltsames Widerstreben. Er entgegnete: »Mylord, verstehen wir uns wohl, erwägen wir im voraus die Umstände, damit wir uns nachmals nicht verkennen. Ich stehe im Dienste des Königs und der Königin von Frankreich und gehöre zu der Kompagnie der Garden des Herrn des Essarts, der gleich seinem Schwager, Herrn von Tréville, Ihren Majestäten ganz besonders ergeben ist. Somit habe ich alles für die Königin, und nichts für Eure Hoheit getan. Außerdem wäre mir vielleicht von allem dem nichts gelungen, hätte es sich nicht darum gehandelt, einer Person gefällig zu sein, die ebenso meine Dame ist, wie die Königin die Ihrige.« »Ja,« versetzte der Herzog lächelnd, »diese andere Person glaube ich sogar zu kennen, es ist . . .« »Mylord,« fiel der junge Mann lebhaft ein, »ich habe sie nicht genannt.« »Das ist wahr,« entgegnete der Herzog. »Soll ich also für Ihre Aufopferung gegen diese Person erkenntlich sein?« »Sie haben es gesagt, Mylord. Denn gerade zu dieser Stunde, wo von einem Kriege die Rede ist, bekenne ich, daß ich in Ew. Hoheit nur einen Engländer, folglich einen Feind, erblicke, dem ich lieber auf dem Schlachtfeld als in dem Park von Windsor oder in den Gängen des Louvre begegnen möchte, was mich übrigens nicht abhalten wird, meiner Sendung pünktlich nachzukommen, um mich nötigenfalls in Vollziehung derselben töten zu lassen; allein ich wiederhole es, Ew. Hoheit, ohne daß Sie mir persönlich mehr zu danken haben, was ich bei der zweiten Begegnung für mich tue, als für das, was ich für Sie bei der ersten tat.« Buckingham murmelte: »Wir sagen: ›Stolz wie ein Schottländer!‹« »Und wir sagen: ›Stolz wie ein Gascogner!‹« entgegnete d'Artagnan. »Die Gascogner sind die Schottländer Frankreichs.« D'Artagnan verneigte sich vor dem Herzog und schickte sich an, fortzugehen. »Nun, Sie wollen gehen, wie Sie da sind? wohin? und wie?« »Es ist wahr.« »Gott verdamme mich! die Franzosen überlegen nichts.« »Ich vergaß, daß England eine Insel ist, und daß Sie königliche Gewalt ausüben.« »Gehen Sie nach dem Hafen, erkundigen Sie sich dort nach der Brigg ›Der Sund‹, übergeben Sie diesen Brief dem Kapitän; er wird Sie zu einer Bucht führen, wo man Sie gewiß nicht erwartet und wo nur Fischerkähne zu landen pflegen.« »Wie heißt diese Bucht?« »Saint-Valéry; doch warten Sie; wenn Sie dort ankommen, gehen Sie in eine elende Schenke, ohne Namen und Schild, in eine wahrhafte Matrosenkneipe; Sie können nicht irren, da es dort nur eine gibt.« »Dann?« »Dann fragen Sie nach dem Wirt und sagen Sie ihm: ›Forward‹.« »Was will das sagen?« »Vorwärts! – Das ist das Losungswort. Er wird Ihnen ein gesatteltes Pferd geben und den Weg andeuten, den Sie zu nehmen haben; und so werden Sie auf Ihrem Wege noch vier Pferdewechsel antreffen. Sie können bei jedem derselben Ihre Adresse in Paris geben, und die vier Pferde werden Ihnen dahin folgen; zwei davon kennen Sie schon und schienen Sie als Liebhaber zu schätzen; es sind die nämlichen, die wir geritten haben; und vertrauen Sie mir, daß die andern ebenso gut sind. Diese vier Pferde sind ganz für den Feldzug ausgestattet. Wie stolz Sie auch sein mögen, werden Sie sich doch nicht weigern, eins für sich und die drei andern für Ihre Gefährten anzunehmen, zumal, da Sie damit Krieg gegen uns führen. Der Zweck heiligt die Mittel – wie Ihr Franzosen sagt; nicht so?« »Ja, Mylord, ich nehme Ihre Geschenke,« versetzte d'Artagnan, »und gebe Gott, daß wir einen Gebrauch davon machen.« »Jetzt Ihre Hand, junger Mann, wir begegnen uns vielleicht bald auf dem Schlachtfeld, bis dahin scheiden wir als gute Freunde, wie ich hoffe.« »Ja, Mylord, doch in der Erwartung, bald Feinde zu werden.« »Seien Sie ruhig, ich verspreche es Ihnen.« »Ich zähle auf Ihr Wort, Mylord!« D'Artagnan verneigte sich vor dem Herzog und eilte dem Hafen zu.

Er fand das bezeichnete Schiff, dem Tower von London gegenüber, händigte dem Kapitän seinen Brief ein; dieser ließ ihn vom Hafengouverneur visieren und schickte sich zugleich zur Abfahrt an. Fünfzig Schiffe standen zum Auslaufen bereit. Als d'Artagnan an einem derselben ganz nahe vorübersteuerte, glaubte er die Dame von Meung zu erkennen, dieselbe, die der unbekannte Edelmann Mylady nannte, und die d'Artagnan so hübsch gefunden hatte; bei der raschen Strömung aber und dem Wehen des Windes glitt sein Schiff so schnell dahin, daß er die andern Fahrzeuge im Augenblick aus dem Gesicht verlor. Am folgenden Tage gegen neun Uhr früh landete man in Saint-Valéry.

Diese Reise verlief programmäßig und ohne jede Störung. So hatte er fast sechzig Meilen in zwölf Stunden zurückgelegt. Herr von Tréville empfing ihn, als hätte er ihn denselben Morgen gesehen, nur drückte er ihm etwas wärmer als gewöhnlich die Hand und meldete ihm: »die Kompagnie des Herrn des Essarts versehe im Louvre die Wache, und er könne sich auf seinen Posten verfügen.«

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