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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Hauswirtschaft des Bonacieux.

Der Kardinal kam in seinem Gespräch mit dem König zum zweitenmal auf die diamantenen Nestelstifte zurück. Diese wiederholte Erinnerung fiel Ludwig XIII. auf und er dachte, in dieser dringlichen Empfehlung müsse wohl ein Geheimnis stecken. Der König ward schon öfters als einmal dadurch gedemütigt, daß der Kardinal mittels seiner vortrefflichen Stadtwache über das, was in seinem eigenen Haushalt geschah, besser als er selbst unterrichtet war. Er hoffte somit, durch eine Unterredung mit Anna von Österreich einiges Licht zu bekommen, und sofort mit irgend einem Geheimnis, sei es nun dem Kardinal bekannt oder nicht bekannt, zu Seiner Eminenz zurückzukehren, wodurch er in den Augen seines Ministers ungemein gewinnen müßte. Er ging also zu der Königin und begann sein Gespräch wie gewöhnlich mit Drohungen gegen jene, die sie umgaben. Anna von Österreich neigte den Kopf und ließ den Strom verrinnen, ohne zu antworten, in der Hoffnung, er würde zuletzt doch anhalten; allein das war es nicht, was Ludwig XIII. wollte; Ludwig XIII. wollte einen Wortwechsel, aus dem irgend ein Funke hervorsprühen sollte; da er überzeugt war, der Kardinal nähre irgend einen Hintergedanken und bereite ihm eine von jenen schrecklichen Überraschungen, wie es Seine Eminenz zu tun verstand. Er erreichte dieses Ziel damit, daß er in seinen Anklagen beharrte. »Aber,« entgegnete Anna von Österreich, die dieser vagen Angriffe müde war, »aber, Sire, Sie sagen mir alles, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Was habe ich denn getan? Reden Sie, welches Verbrechen habe ich begangen? Ew. Majestät kann unmöglich all diesen Lärm wegen eines Briefes erheben, den ich an meinen Bruder geschrieben habe.« Der König, der hier auf eine so bestimmte Weise angegriffen wurde, wußte nicht, was er antworten sollte; er dachte, es wäre der rechte Moment, die Aufforderung anzubringen, die er erst am Tage vor der Festlichkeit machen sollte. »Madame,« sprach er mit Majestät, »es findet nächstens ein Ball statt im Rathaus; ich erwarte, daß Sie dort, um unsern braven Schöppen die Ehre anzutun, in Prachtkleidung erscheinen, und insbesondere mit den diamantenen Nestelstiften geschmückt sein werden, die ich Ihnen zu Ihrem Namensfest gab. Das ist meine Antwort.« Die Antwort war schrecklich. Anna von Österreich glaubte, Ludwig XIII. wisse bereits alles, und der Kardinal habe von ihm diese lange Verstellung von sieben bis acht Tagen erlangt, die übrigens schon in seinem Charakter lag. Sie wurde entsetzlich blaß, stützte sich mit ihrer wunderbar schönen Hand an eine Stuhllehne, blickte den König mit erschreckten Augen an und erwiderte keine Silbe. »Sie verstehen doch, Madame,« sprach der König, indem er sich an dieser Verlegenheit in ihrer ganzen Ausdehnung weidete, ohne doch die Ursache zu erraten: »Sie verstehen mich?« »Ja, Sire, ich verstehe,« stammelte die Königin. »Sie werden erscheinen auf diesem Ball?« »Ja.« »Mit Ihren Nestelstiften?« »Ja.« Die Blässe der Königin hatte sich womöglich noch vermehrt, und der König, der es bemerkte, empfand dabei jene kalte Grausamkeit, die eine schlimme Seite seines Charakters bildete. Dann sprach er: »Somit ist die Sache abgetan, und das ist alles, was Ich Ihnen zu sagen hatte.« »An welchem Tage findet dieser Ball statt?« fragte Anna von Österreich. Ludwig XIII. empfand instinktmäßig, daß er auf diese Frage nicht antworten sollte, welche die Königin mit fast sterbender Stimme machte. »Recht bald, Madame,« antwortete der König, »doch erinnere ich mich nicht mehr genau an den Tag, und will deshalb den Kardinal fragen.« »Hat Ihnen also der Kardinal dieses Fest angezeigt?« rief die Königin. »Ja, Madame;« entgegnete der König erstaunt, »aber warum das?« »Hat er Ihnen gesagt, Sie möchten mich auffordern, mit den Nestelstiften zu erscheinen?« »Das heißt . . . Madame!« »Er war es, Sire, er.« »Was liegt daran, ob er es war oder ich? Ist denn diese Aufforderung ein Verbrechen?« »Nein, Sire.« »Nun, Sie werden erscheinen?« »Ja, Sire.« »Gut,« sprach der König, sich zurückziehend, »gut, ich rechne darauf.« Die Königin verneigte sich, weniger aus Etikette, als weil die Knie unter ihr einsanken. Der König ging entzückt hinweg. »Ich bin verloren,« stammelte die Königin, »verloren, denn der Kardinal weiß alles; er stachelte den König an, der noch nichts weiß, aber bald alles erfahren wird. Ich bin verloren, mein Gott! mein Gott! mein Gott!« Sie kniete auf ein Kissen und betete, den Kopf zwischen die bebenden Arme gesenkt.

Ihre Lage war auch wahrhaftig schrecklich. Buckingham befand sich in London, Frau von Chevreuse in Tours. Indem sie nun ihr bedrohliches Unglück und ihre Verlassenheit ins Auge faßte, brach sie in ein Schluchzen aus. »Kann ich Ihrer Majestät nicht behilflich sein?« fragte plötzlich eine Stimme voll Sanftmut und Teilnahme. Die Königin wandte sich rasch um, denn man konnte sich an dem Ton dieser Stimme nicht irren; es war eine Freundin, die also sprach. In der Tat war an einer von den Türen, die in dieses Gemach führten, die hübsche Madame Bonacieux erschienen; als der König eintrat, war sie eben damit beschäftigt, Kleider und Wäsche in einem Kabinett zu ordnen, konnte da nicht weggehen und hatte alles mitangehört. Die Königin stieß einen durchdringenden Schrei aus, als sie sich überrascht sah, denn sie kannte in ihrer Betäubung anfangs die junge Frau nicht, die ihr Laporte beigegeben hatte. »O, fürchten Sie nichts, Madame,« sprach die junge Frau, indem sie die Hände faltete und über die Ängstlichkeit der Königin weinte. »Ich gehöre Ihrer Majestät mit Leib und Seele, und wie fern ich auch von derselben stehe, wie untergeordnet auch meine Stellung sei, so glaube ich doch, ein Mittel entdeckt zu haben, Ihre Majestät aus der Bedrängnis zu ziehen.« »Ihr, o Himmel! Ihr?« rief die Königin; »aber blicket mir ins Gesicht. Ich bin von allen Seiten verraten; darf ich mich auf Euch verlassen?« »O Madame,« rief die junge Frau und warf sich auf die Knie, »o, bei meiner Seele, ich bin bereit, für Sie zu sterben!« Diese Rede kam aus dem Grunde des Herzens, und man konnte sich über ihre Wahrhaftigkeit nicht täuschen. »Ja,« fuhr Madame Bonacieux fort, »ja, es gibt hier Verräter, doch im Namen der heiligen Jungfrau schwöre ich Ihnen, daß Ihrer Majestät niemand so ergeben sein kann, wie ich es bin. Sie haben jene Nestelstifte, die der König verlangt, dem Herzog von Buckingham gegeben, nicht wahr? Diese Nestelstifte waren in einem Kistchen von Rosenholz verschlossen, das er unter seinem Arm trug. Irre ich? war es nicht so?« »O, mein Gott, mein Gott!« murmelte die Königin, der vor Schrecken die Zähne klapperten. »Nun, man muß diese Nestelstifte zurückbekommen,« fuhr Madame Bonacieux fort. »Ja, ganz gewiß, das muß geschehen,« rief die Königin, »aber wie das anstellen, wie dahin gelangen?« »Man muß jemand zu dem Herzog schicken.« »Wen, aber wen? auf wen kann ich mich verlassen?« »Schenken Sie mir Vertrauen, Madame, erweisen Sie mir die Ehre, und ich werde einen Boten auffinden.« »Ich werde aber schreiben müssen.« »Ach, ja, das ist unerläßlich. Zwei Worte von der Hand Ihrer Majestät und Ihr eigenes Siegel.« »Doch diese paar Worte sind meine Verdammung, meine Ehescheidung, meine Verweisung.« »Ja, wenn sie in ruchlose Hände geraten. Allein, ich bürge dafür, daß diese paar Worte an ihre Adresse gelangen.« »Ach, mein Gott; ich muß mein Leben, meine Ehre, meinen Ruf in Eure Hände legen.« »Ja, Madame, ja, das muß geschehen, und ich werde alles das retten.« »Allein wie? sagt mir nur das?« »Mein Gemahl wurde vor zwei oder drei Tagen in Freiheit gesetzt und ich gewann noch nicht Zeit, ihn zu sehen; er ist ein braver, ehrbarer Mann, der niemand liebt und niemand haßt. Er wird das tun, was ich verlange; er wird auf mein Geheiß abreisen, ohne daß er es weiß, was er mit sich trägt, und den Brief Ihrer Majestät an seine Adresse abgeben, ohne daß er erfährt, er komme von Ihrer Majestät.« Die Königin faßte die beiden Hände der jungen Frau mit leidenschaftlicher Bewegung, blickte sie an, als wollte sie im Grund ihres Herzens lesen, und rief freudig erregt, mit dem Gefühl tiefer Dankbarkeit für die tapfere Frau: »Tue das, du Treue, und du hast mir das Leben gerettet, du hast mir die Ehre gerettet!« »O, überschätzen Sie nicht den Dienst, den ich Ihnen zu erweisen so glücklich bin; ich habe Ihrer Majestät nichts zu retten, die nur das Opfer schändlicher Komplotte ist.« »Es ist wahr, mein Kind, es ist wahr!« entgegnete die Königin, »du hast recht.« »Geben Sie also den Brief, Madame, die Zeit drängt.« Die Königin schrieb zwei Zeilen, versiegelte sie und übergab sie Madame Bonacieux. »Doch jetzt,« sprach die Königin, »jetzt vergessen wir noch eine sehr notwendige Sache.« »Welche?« »Das Geld.« Madame Bonacieux lächelte. »Ja, es ist wahr,« sprach sie, »und ich gestehe Ihrer Majestät, daß mein Gemahl . . .« »Dein Gemahl hat keines, willst du sagen.« »Allerdings hat er, doch ist er sehr geizig, das ist seine Schwachheit. Beunruhigen sich übrigens Ihre Majestät nicht, wir werden schon Mittel finden.« »Ich habe ebenfalls keines,« versetzte die Königin. »Doch warte.« Anna von Österreich lief zu ihrem Schrank und sprach dann: »Hier ist ein Ring von großem Werte, wie man mir versichert; er kommt von meinem Bruder, dem König von Spanien; da er mir gehört, so kann ich darüber verfügen. Nimm also diesen Ring und mach ihn zu Geld, und dein Gemahl kann abreisen.« »In einer Stunde soll Ihnen schon willfahrt sein.« »Du siehst die Adresse,« fügte die Königin hinzu, und zwar so leise, daß man kaum hörte, was sie sprach: »An Mylord, Herzog von Buckingham in London.« »Dieser Brief wird ihm selbst zugestellt werden. »Großherzige Seele!« rief Anna von Österreich. Madame Bonacieux küßte der Königin die Hände, versteckte das Papier in ihrem Leibchen und verschwand mit der Behendigkeit eines Vogels.

Zehn Minuten darauf war sie schon zu Hause. Wie sie der Königin sagte, hatte sie ihren Gemahl nicht gesehen, seit er in Freiheit gesetzt worden war, und wußte also nichts von der Veränderung, die in ihm in bezug auf den Kardinal vorgegangen war; eine Veränderung, die ihren Grund in der Schmeichelei und dem Gelde Seiner Eminenz hatte und seither durch einige Besuche des Grafen von Rochefort bestärkt wurde, der sich mit Bonacieux aufs innigste befreundete und ihm ohne viel Mühe den Glauben beibrachte, die Entführung seiner Frau geschah nicht infolge einer sträflichen Absicht, sondern sie sei bloß eine politische Vorsichtsmaßregel gewesen. Sie traf Herrn Bonacieux allein an; der arme Mann hatte große Mühe, sein Hauswesen wieder in Ordnung zu bringen, da er fast alle Geräte zertrümmert, alle Schränke ausgeleert fand. Als der würdige Krämer in sein Haus zurückkehrte, meldete er seine Rückkehr in sein Haus allsogleich seiner Gemahlin, und diese hatte ihm hierauf glückwünschend geantwortet, daß sie den ersten Augenblick, wo sie sich ihrer Pflicht entziehen könnte, ganz allein ihn mit einem Besuch erfreuen werde. Die Betrachtungen des Bonacieux waren durchaus rosenfarbig. Rochefort nannte ihn seinen Freund, seinen lieben Bonacieux, und wiederholte ihm stets, daß der Kardinal große Stücke auf ihn halte. Der Krämer sah sich schon auf dem Pfade der Ehre, des Wohlstandes und des Glückes.

Auch Madame Bonacieux hatte ihre Betrachtungen angestellt, jedoch über etwas anderes als über den Ehrgeiz; ihre Gedanken bewegten sich stets unwillkürlich um jenen schönen, jungen Mann, der ihr so wacker und so verliebt geschienen hatte.

Obwohl sich die beiden Gatten seit mehr als acht Tagen nicht gesehen hatten, und obwohl während dieser Woche wichtige Ereignisse zwischen ihnen vorgefallen waren, so begegneten sie sich doch mit einer gewissen Spannung; nichtsdestoweniger offenbarte Herr Bonacieux eine aufrichtige Freude und ging seiner Frau mit offenen Armen entgegen. Madame Bonacieux bot ihm die Stirn zum Kuß und sagte: »Laß uns ein wenig sprechen.« »Wie?« fragte Bonacieux erstaunt. »Ja, gewiß, ich habe dir etwas höchst Wichtiges zu sagen.« »Nun, auch ich habe einige ziemlich ernste Fragen an dich zu stellen. Ich bitte dich, gib mir ein bißchen Aufschluß über deine Entführung.« »In diesem Augenblick handelt es sich nicht um das,« versetzte Madame Bonacieux. »Um was handelt es sich denn? um meine Gefangennehmung?« »Ich wußte schon darum an dem nämlichen Tage; da du dich aber keines Verbrechens schuldig gemacht hast, so legte ich auf diesen Vorfall kein anderes Gewicht, als er verdiente.« Bonacieux war ein bißchen verletzt ob der geringen Teilnahme, die ihm seine Frau bewies, und sagte: »Madame, Ihr sprecht da allerliebst; wisset Ihr wohl, daß ich einen Tag und eine Nacht lang in einem Kerker der Bastille geschmachtet habe?« »Ein Tag und eine Nacht sind bald vorüber; lassen wir also deine Gefangenschaft beiseite und kommen wir auf das zurück, was mich hierher brachte.« »Wie? was dich hierher brachte – war es also nicht die Sehnsucht, deinen Gatten wiederzusehen, von dem du acht Tage lang getrennt warst?« fragte der Krämer, noch empfindlicher verletzt. »Zuerst von dem und dann von etwas anderm.« »Sprich.« »Es ist eine höchst wichtige Sache, von der vielleicht unser künftiges Glück abhängt.« »Madame! seit wir uns nicht mehr gesehen, hat sich unser künftiges Glück bedeutsam geändert, und es sollte mich nicht wundern, wenn uns in Mondenfrist recht viele Leute beneiden.« »Ja, zumal wenn du der Weisung folgst, die ich dir geben werde.« »Mir?« »Ja, dir! Es ist da ein gutes und frommes Werk zu verrichten, mein Freund, und zugleich auch viel Geld zu verdienen.«

Madame Bonacieux wußte recht wohl, wenn sie vom Gelde sprach, faste sie ihren Mann bei seiner schwachen Seite. Wenn aber ein Mensch, ob er auch ein Krämer war, zehn Minuten lang mit dem Kardinal Richelieu gesprochen hatte, so war er nicht mehr derselbe Mensch. »Viel Geld zu verdienen!« sagte Bonacieux. »Ja, viel!« »Wieviel ungefähr?« »Vielleicht tausend Pistolen.« »Es ist also sehr wichtig, was du von mir begehrst?« »Ja.« »Was muß denn geschehen?« »Du reisest auf der Stelle fort; ich übergebe dir ein Papier, das du unter keinem Vorwand aus den Händen läßt, und dahin abgibst, wohin es gehört.« »Und wohin soll ich reisen?« »Nach London.« »Ich nach London? Ei, du scherzest nur, was hätte ich denn in London zu tun?« »Aber andere bedürfen es, daß du dahin reisest.« »Wer sind denn diese andern? Ich erkläre dir, daß ich nicht mehr blindlings handle und nicht bloß wissen will, was ich wage, sondern auch, für wen ich etwas wage.« »Eine vornehme Person sendet dich und eine vornehme Person erwartet dich. Der Lohn wird über deine Wünsche hinausreichen; das ist alles, was ich dir sagen kann.« »Wieder Intrigen und immer Intrigen! Dank dafür, jetzt traue ich nicht mehr, der Herr Kardinal hat mich darüber aufgeklärt.« »Der Kardinal?« rief Madame Bonacieux, »hast du den Kardinal gesehen?« »Er ließ mich rufen!« erwiderte der Krämer stolz. »Und warst du so unklug, seiner Einladung nachzukommen?« »Ich muß dir sagen, es stand nicht in meiner Willkür, mich zu ihm zu verfügen, oder nicht zu verfügen, denn ich befand mich zwischen zwei Wachen. Ich kann es nicht leugnen, daß ich damals, wo ich Seine Eminenz noch nicht kannte, überaus froh gewesen wäre, hätte ich mich diesem Besuch entziehen können.« »Er hat dich also mißhandelt? er hat dir gedroht?« »Er reichte mir die Hand, nannte mich seinen Freund, hörst du, Frau! seinen Freund. Ich, der Freund des großen Kardinals!« »Des großen Kardinals!« »Nun, Madame, wollt Ihr ihm etwa diesen Titel streitig machen?« »Ich bestreite nichts, ich sage nur, daß eine solche Gunst eine ephemere ist. Es gibt Größen, die über die seinige erhaben sind, und nicht auf der Laune eines Menschen oder dem Erfolg eines Ereignisses beruhen, und auf solche Größen muß man vertrauen und sich ihnen anschließen.« »Madame, es tut mir leid, allein ich kenne keine andere Größe, als die des großen Mannes, dem zu dienen ich die Ehre habe.« »Du dienest somit dem Kardinal?« »Ja, Madame, und als sein Diener werde ich es nicht zugeben, daß Ihr gegen die Sicherheit des Staates an Komplotten teilnehmet, und einer Frau, die keine Französin ist und ein spanisches Herz hat, bei ihren Intrigen dienstbar seid. Glücklicherweise ist der große Kardinal da; sein wachsames Auge dringt bis in des Herzens Grund.« Bonacieux wiederholte Wort für Wort eine Redensart, die er vom Grafen Rochefort sagen hörte; allein die arme Frau, die auf ihren Gemahl gerechnet und sich in dieser Hoffnung bei der Königin für ihn verantwortlich gemacht hatte, zitterte nicht weniger sowohl wegen der Gefahr, in die sie sich versetzt fühlen mußte, als auch wegen der Ohnmacht, in der sie sich befand. Da sie indes die Schwachheit und insbesondere die Habsucht ihres Gatten kannte, so verzweifelte sie noch nicht daran, ihn für ihre Zwecke zu gewinnen. »Ach, Ihr seid ein Kardinalist, mein Herr,« sprach sie, »ach, Ihr frönt der Partei derjenigen, die Eure Frau mißhandeln und Eure Königin beschimpfen.« »Den allgemeinen Interessen gegenüber sind die Privatinteressen nichts. Ich bin für diejenigen, die den Staat retten,« sagte Bonacieux mit Nachdruck. Das war wieder eine Redensart des Grafen von Rochefort. »Und wißt Ihr auch, was der Staat ist?« fragte Madame Bonacieux, die Achsel zuckend. »Begnügt Euch, ein Bürger zu sein ohne alle Spitzfindigkeit, und wendet Euch auf die Seite, die Euch die meisten Vorteile bietet.« »He! he!« lachte Bonacieux, indem er auf einen Sack mit rundem Wanste klopfte, der einen Silberklang von sich gab, »was sagt Ihr zu dem hier, Frau Predigerin?« »Woher habt Ihr dieses Geld?« »Das erratet Ihr nicht.« »Etwa vom Kardinal?« »Von ihm und von meinem Freunde, dem Grafen von Rochefort.« »Von dem Grafen von Rochefort? aber das ist ja derjenige, der mich entführt hat.« »Das ist möglich, Madame.« »Und Ihr nehmet Geld an von diesem Menschen?« »Habt Ihr nicht gesagt, diese Entführung war rein politischer Art?« »Ja, allein diese Entführung hatte zum Zweck, mich zu vermögen, daß ich meine Gebieterin verrate, mir auf der Folter Geständnisse zu erpressen, welche die Ehre und vielleicht auch das Leben meiner erhabenen Herrin gefährden sollten.« »Madame,« erwiderte Bonacieux, »Eure erhabene Gebieterin ist eine treulose Spanierin, und was der große Kardinal tut, das ist wohlgetan.« »Mein Herr,« sprach die junge Frau, »ich wußte wohl, daß Ihr feig, habgierig und schwachköpfig seid, daß Ihr aber auch unehrbar seid, wußte ich nicht.« »Madame,« sagte Bonacieux, der seine Gemahlin noch nie in Zorn gesehen und der vor ehelichem Zank zurückschauderte, »Madame, was sprecht Ihr da?« »Ich sage, daß Ihr ein Elender seid,« fuhr Madame Bonacieux fort, die es wohl merkte, daß sie wieder einigen Einfluß auf ihren Gatten gewann. »Ah, Ihr treibt Politik, und zwar kardinalistische Politik! Ihr verkauft Leib und Seele für Geld an den bösen Feind?« »Schweigt, Madame, schweigt, man könnte Euch hören.« »Ja, Ihr habt recht, und ich würde mich für Euch um Eurer Feigheit willen schämen.« »Aber sagt, was begehrt Ihr denn von mir?« »Ich habe Euch gesagt, mein Herr, Ihr sollet auf der Stelle abreisen, und den Auftrag, dessen ich Euch würdige, allsogleich vollziehen; unter dieser Bedingung will ich alles vergeben und vergessen, und noch mehr . . .« – sie bot ihm die Hand – »ich will Euch wieder meine Freundschaft schenken.« Bonacieux war feig und habsüchtig, doch liebte er seine Frau und wurde weich. Ein Mann von fünfzig Jahren kann gegen eine Frau von dreiundzwanzig Jahren nicht lange einen Groll bewahren. Madame Bonacieux sah, daß er zauderte, und sprach: »Nun, seid Ihr entschlossen?« »Aber bedenkt doch ein wenig, liebe Freundin, was Ihr von mir verlangt; London ist weit von Paris, sehr weit, und vielleicht ist der Auftrag, den Ihr mir gebt, nicht ohne Gefahr?« »Was liegt daran, wenn Ihr derselben ausweicht?« »Doch, Madame Bonacieux, doch,« versetzte der Krämer, »ich widersetze mich geradezu Eurem Verlangen; die Intrigen machen mich schaudern, ich habe die Bastille gesehen! Brrr! die Bastille ist schrecklich. Nur daran denkend, durchrieselt mich ein Schauer. Man drohte mir mit der Folter. Wißt Ihr, was die Folter ist? Hölzerne Keile, die man einem zwischen die Beine treibt, bis die Knochen krachen! Nein, ich bin entschlossen, nicht abzureisen. Hm, zum Kuckuck, warum geht Ihr denn nicht selbst?« »Wahrlich, ich glaube, daß ich mich in bezug auf Euch bis jetzt nicht geirrt habe. Ihr seid ein Mann, und dazu einer der tollkühnsten.« »Und Ihr – Ihr seid ein Weib, ein erbärmliches, albernes und abgestumpftes Weib.« »Ha, Ihr fürchtet Euch. Nun gut, wenn Ihr nicht auf der Stelle abreiset, lasse ich Euch auf Befehl der Königin verhaften und in die Bastille stecken, vor der Ihr solche Angst habt.«

Bonacieux versank in tiefes Nachdenken, er erwog reiflich in seinem Gehirn den doppelten Zorn, den des Kardinals und den der Königin; der des Kardinals zeigte sich ungemein überwiegend. »Lasset mich von seiten der Königin verhaften,« sprach er, »ich werde meine Zuflucht zu Seiner Eminenz nehmen.« Madame Bonacieux fühlte, sie sei schon zu weit gegangen und erschrak darüber. Sie betrachtete ein Weilchen mit Ängstlichkeit jenes dumme Gesicht, auf dem sich eine unbeugsame Entschlossenheit ausprägte, wie das schon ist bei Blöden, die sich fürchten. »Wohlan, es sei!« sprach sie, »vielleicht habt Ihr am Ende doch recht: ein Mann sieht in der Politik schärfer als Frauen, zumal Ihr, Herr Bonacieux, der Ihr mit dem Kardinal gesprochen habt. Indes ist es doch hart,« fügte sie hinzu, »daß mein Gemahl, ein Mann, auf dessen Liebe ich rechnen zu können glaubte, mich so lieblos behandelt und meinen Wünschen nicht willfährt.« »Weil Ihre Wünsche zu weit führen könnten,« antwortete Bonacieux triumphierend, »und weil ich Ihnen mißtraue.« »So will ich davon abstehen,« sagte die junge Frau seufzend, »gut, reden wir nichts mehr davon.« »Wenn Ihr mir doch wenigstens sagen möchtet, was ich in London tun soll«, erwiderte Bonacieux, der sich etwas spät daran erinnerte, daß ihm Rochefort den Auftrag gegeben, die Geheimnisse seiner Gemahlin zu erforschen. »Es ist unnötig, daß Ihr es erfahret,« entgegnete die junge Frau, die jetzt ein instinktmäßiges Mißtrauen zurückhielt. Allein, je mehr die junge Frau zauderte, um so wichtiger dachte sich Bonacieux das Geheimnis, das ihm anzuvertrauen sie sich weigerte. Er beschloß daher, auf der Stelle zu Herrn von Rochefort zu gehen und ihm zu melden, daß die Königin einen Boten suche, um ihn nach London zu schicken. »Vergebt, wenn ich Euch verlasse, liebe Madame Bonacieux,« sagte er, »da ich aber nicht wußte, daß Ihr zu mir kommt, so habe ich einem meiner Freunde ein Rendezvous gegeben: ich kehre sogleich wieder zurück, und wollet Ihr bloß eine halbe Minute warten, so will ich Euch, wie ich meinen Freund abgefertigt habe, hier abholen und nach dem Louvre zurückführen, da es schon spät zu werden anfängt.« »Danke, mein Herr,« antwortete Madame Bonacieux, »Ihr seid nicht wacker genug, um mir dienstbar zu sein; ich will allein nach dem Louvre zurückkehren.« »Wie es beliebt, Madame Bonacieux,« entgegnete der Exkrämer. »Werde ich Euch bald wiedersehen?« »Zweifelsohne. In der kommenden Woche wird mir mein Dienst, wie ich hoffe, einige Freiheit gönnen, und diese will ich benutzen, um in unsern Angelegenheiten wieder Ordnung herzustellen, die wohl ein bißchen gestört worden sein muß.« »Gut, ich erwarte Euch . . . Ihr seid mir doch nicht gram?« »Ich – nicht im geringsten.« »Nun, auf baldiges Wiedersehen.« »Gewiß.« Bonacieux küßte seiner Gemahlin die Hand und ging rasch fort. »Nun,« sagte Madame Bonacieux, als ihr Mann hinter sich die Tür zugemacht hatte und sie sich allein befand, »diesem Einfältigen ging nichts mehr ab, als daß er Kardinalist wurde. Und ich, die ich der Königin dafür Bürge stand, ich, die ich meiner armen Gebieterin versprochen . . . O, mein Herr Bonacieux, ich habe Euch nie so recht geliebt, allein jetzt steht die Sache noch schlechter. Ich hasse Euch und gebe mein Wort, daß Ihr es büßen werdet.«

In dem Moment, als sie dieses sprach, vernahm sie einen Schlag an der Zimmerdecke und richtete den Kopf empor; eine Stimme rief ihr von der Höhe zu: »Liebe Madame Bonacieux! Öffnen Sie mir die kleine Pforte am Gang und ich will zu Ihnen hinabkommen.«

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