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Die drei Musketiere

Alexandre Dumas (der Ältere): Die drei Musketiere - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorAlexander Dumas
titleDie drei Musketiere
year1928
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
editorGeorg Carl Lehmann
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modified20190508
created20050620
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Wo der Herr Siegelbewahrer Séguier öfter die Glocke suchte, um zu läuten, als er es sonst getan hat.

Man kann sich unmöglich eine Vorstellung machen, welchen Eindruck jene paar Worte auf den König hervorbrachten. Er wurde bald blaß, bald rot, und der Kardinal sah auf der Stelle, er habe das verlorene Feld mit einem Schlage wieder gewonnen. »Herr von Buckingham in Paris!« rief der König. »Und was hat er hier getan?« »Er zettelte zweifelsohne eine Verschwörung an mit Ihren Feinden, den Hugenotten und Spaniern.« »Nein, beim Himmel, nein, er hat sich gegen mein Glück verschworen mit Frau von Chevreuse, Frau von Longueville und den Condés.« »O Sire, welch ein Gedanke! die Königin ist zu klug, zu verständig, und liebt Ew. Majestät zu warm.« »Das Weib ist schwach, Herr Kardinal!« entgegnete der König, »und was die Wärme der Liebe betrifft, so habe ich hierüber meine Ansichten.« »Nichtsdestoweniger behaupte ich,« sprach der Kardinal, »daß der Herzog von Buckingham aus rein politischen Beweggründen nach Paris gekommen sei.« »Und ich bin überzeugt, Herr Kardinal, er sei um anderer Dinge willen hier gewesen. Doch wenn die Königin schuldig ist, so möge sie zittern.« »Obwohl mein Geist nur mit dem größten Widerstreben eine solche Verräterei ins Auge faßt,« entgegnete der Kardinal, »so bringt mich doch Ew. Majestät auf den Gedanken. Frau von Lannoy, die ich auf Ew. Majestät Befehl wiederholt befragt habe, gestand mir, daß Ihre Majestät die vorige Nacht sehr lang gewacht, am Morgen viel geweint und den ganzen Tag geschrieben habe.« »So ist's,« erwiderte der König, »sie schrieb gewiß an ihn, Kardinal! ich muß die Papiere der Königin haben.« »Doch wie dieselben wegnehmen, Sire? Mich dünkt, diesen Auftrag könne weder ich noch Ew. Majestät erlassen.« »Wie verfuhr man denn bei der Marschallin d'Ancre?« sagte der König zornentflammt. »Erst hat man ihre Schränke und dann sie selbst untersucht.« »Sire, die Marschallin d'Ancre war nur die Marschallin d'Ancre, eine florentinische Abenteurerin und nichts weiter, indes die erhabene Gemahlin Ew. Majestät, Anna von Österreich, Königin von Frankreich, das ist: eine der größten Fürstinnen der Welt.« »Sie ist deshalb noch um so schuldiger, Herr Herzog! Je mehr sie ihre hohe Stellung vergaß, desto tiefer sank sie herab. Außerdem bin ich schon längst entschlossen, all diesen kleinen politischen Intrigen und Liebesangelegenheiten ein Ende zu machen. Sie hat einen gewissen Laporte im Dienste . . .« »Diesen halte ich für den Schlußhaken von allem,« versetzte der Kardinal. »Sie glauben also wie ich, daß sie mich hintergeht?« fragte der König. »Ich glaube und wiederhole es, Ew. Majestät, daß die Königin gegen die Macht ihres Königs konspiriert, allein ich sagte nicht: gegen seine Ehre.« »Und ich sage Ihnen: gegen beides; ich sage Ihnen, daß mich die Königin nicht liebt; ich sage Ihnen, daß sie einen andern liebt; ich sage Ihnen, daß sie den Herzog von Buckingham liebt! Warum ließen Sie ihn nicht festnehmen während seines Aufenthalts in Paris!« »Den Herzog festnehmen, den ersten Minister Karls I. verhaften! Sire, bedenken Sie, welch ein Aufsehen das erregen müßte, und hätte der Verdacht Ew. Majestät einigen Bestand gewonnen, woran ich noch immer zweifle, welch ein furchtbarer Lärm! welch ein entsetzliches Ärgernis!« »Da er sich aber wie ein Herumstreicher, wie ein Dieb benahm, mußte man ja . . .« Ludwig XIII. erschrak selbst über das, was zu sagen er im Zuge war, und hielt inne, während Richelieu seinen Hals vorstreckte und vergeblich auf die Rede wartete, die an seinen Lippen kleben blieb. »Man mußte . . .?« »Nichts,« erwiderte der König, »allein Sie haben ihn doch während seiner Anwesenheit in Paris nicht aus den Augen verloren?« »Nein, Sire!« »Wo hat er gewohnt?« »In der Gasse de la harpe Nr. 75. »Wo ist diese?« »Neben dem Luxembourg.« »Sind Sie versichert, daß sich die Königin und er nicht gesehen haben?« »Sire, ich glaube, die Königin halte zu getreu an ihre Pflichten.« »Sie unterhielten aber einen Briefwechsel, die Königin hat ihm täglich geschrieben. Herr Herzog, diese Briefe muß ich haben.« »Sire, jedoch wenn . . .?« »Herr Herzog! ich will sie haben um jeden Preis.« »Doch erlaube ich mir, Ew. Majestät aufmerksam zu machen . . .« »Verraten Sie mich denn auch, Herr Kardinal, da Sie immer so meinem Willen widerstreben? Sind Sie auch einverstanden, mit dem Spanier und dem Engländer? mit Frau von Chevreuse und der Königin?« »Sire!« entgegnete der Kardinal lächelnd, »ich glaubte gegen einen solchen Argwohn gesichert zu sein!« »Herr Kardinal! Sie haben mich verstanden, ich will diese Briefe haben.« »Hierzu gäbe es nur ein Mittel.« »Welches?« »Diese Angelegenheit müßte dem Herrn Siegelbewahrer Séguier übertragen werden. Die Sache gehört ganz in sein Bereich.« »Man soll ihn auf der Stelle berufen.« »Er wird bei mir sein, Sire! ich ließ ihn bitten, zu kommen, und als ich in den Louvre ging, gab ich Befehl, ihn, wenn er kommt, warten zu lassen.« »Man hole ihn auf der Stelle.« »Der Befehl, Ew. Majestät, wird vollzogen werden, aber . . .« »Was, aber?« »Aber die Königin wird sich vielleicht weigern, zu gehorchen.« »Meinen Befehlen?« »Ja, wenn Sie nicht weiß, daß diese Befehle vom König ausgehen.« »Nun, damit sie ja nicht daran zweifle, will ich es ihr selber melden.« »Ew. Majestät wolle nicht vergessen, daß ich alles tat, um einen Bruch zu vermeiden.« »Ja, Herzog! Ich weiß es, Sie sind zu nachsichtsvoll für die Königin; und ich sage Ihnen, wir müssen später darüber sprechen.« »Wann es Ew. Majestät belieben wird, aber ich werde immerhin glücklich und stolz sein, Sire, mich der guten Harmonie zu opfern, die meinen Wünschen gemäß zwischen dem König und der Königin von Frankreich herrschen soll.« »Gut, Kardinal! gut, doch lassen Sie mir den Siegelbewahrer holen, indes ich bei der Königin eintrete.« Ludwig XIII. öffnete die Verbindungstür und trat in den Korridor, der zur Königin Anna von Österreich führte.

Die Königin war in düstere Gedanken versenkt, als die Tür aufging und der König eintrat; tiefes Stillschweigen verbreitete sich in der Umgebung der Königin. Der König unterließ jede Höflichkeitsbezeigung, hielt vor der Königin und sagte mit bewegter, bebender Stimme: »Madame, Sie werden einen Besuch bekommen von dem Herrn Kanzler, der Ihnen meinem Auftrag gemäß gewisse Angelegenheiten mitteilen wird.« Die unglückselige Königin, die ohne Unterlaß mit Ehescheidung, Verbannung und sogar mit einem Gericht bedroht wurde, erblaßte trotz ihrer Schminke und konnte sich nicht erwehren zu sagen: »Doch wozu diesen Besuch, Sire? Was wird der Kanzler mir sagen, das mir Ew. Majestät nicht selber sagen könnte?« Der König drehte sich auf der Ferse herum, ohne zu antworten, und fast in demselben Augenblick meldete der Gardekapitän, Herr von Quitant, den Besuch des Kanzlers. Als der Kanzler eintrat, hatte sich bereits der König durch eine andere Tür entfernt.

Der Kanzler war halb lächelnd, halb errötend, eingetreten. Da wir im Verlauf dieser Geschichte wieder auf ihn zurückkommen werden, so kann es nicht schaden, wenn unsere Leser gleich jetzt mit ihm Bekanntschaft machen. Dieser Kanzler war ein seltsamer Mann. Des Roches le-Masle, Kanonikus von Notre-Dame, und vormals Kammerdiener des Kardinals, stellte ihn Seiner Eminenz als einen ganz ergebenen Mann vor. Der Kardinal hatte ihm vertraut, und war mit ihm gut gefahren.

Die Königin stand noch, als er eintrat, als sie ihn aber sah, setzte sie sich wieder in ihren Lehnstuhl und winkte ihren Frauen, sich auf ihre Kissen und Stühle niederzulassen. Dann fragte sie mit stolzer Miene: »Was wollen Sie, mein Herr? und zu welchem Ende sind Sie hier?« »Madame, um in des Königs Namen, abgesehen von aller Ehrerbietung, genau alle Ihre Papiere zu untersuchen.« »Wie, mein Herr? eine Durchsuchung meiner Papiere? – Mir das? ha, das ist eine unwürdige Behandlung!« »Wollen Sie mir vergeben, Madame: ich bin in dieser Hinsicht nur das Werkzeug, dessen sich der König bedient. Ging Seine Majestät nicht eben von hier fort? Hat er Sie nicht selbst aufgefordert, sich auf diesen Besuch vorzubereiten?« »Durchsuchen Sie also, mein Herr; ich bin, wie es scheint, eine Verbrecherin; Estefania! geben Sie ihm die Schlüssel zu meinen Tischen und Schränken.« Der Kanzler durchsuchte diese Geräte wohl der Form wegen, allein er wußte recht gut, daß die Königin den wichtigen Brief, den sie an diesem Tage geschrieben, nicht in diese Möbel sperren werde. Nachdem der Kanzler die Laden des Sekretärs zwanzigmal auf und zu gemacht hatte, so mußte er, wie er auch zögerte, so mußte er, sage ich, mit seinem Geschäft ans Ende kommen, das heißt, die Königin selber durchsuchen. Der Kanzler näherte sich nun Anna von Österreich, und sagte in zitterndem Ton und mit ganz verlegener Miene: »Jetzt bleibt mir noch die Hauptdurchsuchung übrig.« »Welche?« fragte die Königin, die ihn nicht verstand, oder vielmehr nicht verstehen wollte. »Seine Majestät ist versichert, daß heute ein Brief von Ihnen geschrieben wurde, und weiß auch, daß derselbe noch nicht an seine Adresse gelangt ist. Dieser Brief findet sich nicht in Ihrem Tisch und Sekretär, und doch ist er irgendwo.« »Sollten Sie es wagen, Hand an Ihre Königin zu legen?« sagte Anna von Österreich, indem sie sich mit stolzer Würde erhob und den Kanzler auf eine fast drohende Weise anblickte. »Ich bin ein getreuer Untertan des Königs, Madame! und alles, was Seine Majestät gebietet, werde ich tun.« »Nun, das ist wahr,« entgegnete Anna von Österreich, »der Herr Kardinal wurde von seinen Kundschaftern gut bedient. Ich habe heute einen Brief geschrieben, der noch nicht abging, hier ist dieser Brief.« Die Königin griff mit der Hand in ihr Leibchen. »Madame!« sprach der Kanzler, »so geben Sie mir diesen Brief.« »Ich will ihn nur dem König geben,« erwiderte Anna. »Hätte der König gewollt, daß ihm dieser Brief eingehändigt werde, so würde er ihn selbst abverlangt haben. Allein ich wiederhole Ihnen, er hat mir aufgetragen, ihn abzufordern, und sollten Sie mir denselben nicht geben . . .« »Nun?« »So habe ich gleichfalls den Auftrag, ihn zu nehmen.« »Wie? was wollen Sie damit sagen?« »Daß meine Befehle weit reichen, Madame, und daß ich berechtigt bin, das verdächtige Papier sogar an der Person Ew. Majestät zu suchen.« »Wie schaudervoll!« rief die Königin. »Madame, wollen Sie sich also etwas leichter darein finden.« »Dieses Betragen ist eine schmähliche Gewalttätigkeit! Wissen Sie das, mein Herr?« »Madame, entschuldigen Sie, der König befiehlt.« »Ich werde es nicht zugeben, nein, nein, eher will ich sterben!« rief die Königin, bei der sich das kaiserliche Blut der Spanierin und Österreicherin empörte. Der Kanzler machte eine tiefe Verbeugung, dann näherte er sich mit der offenbaren Miene, keinen Zollbreit abzuweichen von der Vollziehung des erhaltenen Auftrags, und wie etwa ein Henkersknecht in der Folterkammer hätte tun mögen, Anna von Österreich, aus deren Augen man in diesem Moment Tränen der Wut hervorquellen sah. Die Königin war, wie schon bemerkt, eine große Schönheit. Der Auftrag konnte somit als ungemein delikat angesehen werden, allein der König war vermöge seiner Eifersucht gegen Buckingham auf den Punkt gekommen, daß er gegen niemand mehr eifersüchtig war. Der Kanzler Séguier suchte in diesem Moment zweifelsohne den Strick der Glocke mit den Augen, weil er ihn aber nicht fand, so faßte er seinen Entschluß und griff mit der Hand nach der Gegend hin, wo sich nach dem Geständnis der Königin das Papier befand. Anna von Österreich trat einen Schritt zurück und wurde so blaß, als müßte sie schon sterben, stemmte sich, um nicht umzusinken, mit der linken Hand an einen Tisch, der sich hinter ihr befand, zog mit der Rechten ein Papier aus ihrer Brust hervor und reichte es dem Siegelbewahrer, indem sie mit bebender Stimme sprach: »Nehmen Sie hier den Brief, nehmen Sie, und befreien Sie mich von Ihrer widerwärtigen Gegenwart.« Der Kanzler, der von einer Gemütsaufregung zitterte, die sich leicht begreifen läßt, nahm den Brief, verneigte sich bis zur Erde und entfernte sich. Die Tür war hinter ihm kaum geschlossen, als die Königin halb ohnmächtig in die Arme ihrer Frauen sank.

Der Kanzler brachte den Brief zum König, ohne daß er ein einziges Wort gelesen hatte. Der König empfing ihn mit bebender Hand, blickte nach der Adresse, die noch fehlte, wurde sehr blaß, entfaltete ihn langsam, und las ihn sehr rasch, als er an den ersten Worten ersah, daß er an den König von Spanien gerichtet sei. Es war durchaus ein Angriffsplan gegen den Kardinal. Die Königin forderte ihren Bruder und den Kaiser von Österreich auf, sich, von der Politik Richelieus verletzt, den Anschein zu geben, da er sich unaufhörlich mit der Erniedrigung des Hauses Österreich beschäftigte, als wollten sie Frankreich den Krieg erklären, und die Entfernung des Kardinals zur Bedingung des Friedens zu machen; doch von der Liebe ward in diesem Briefe nicht eine Silbe gesprochen. Der König war ganz erfreut darüber und erkundigte sich, ob der Kardinal noch im Louvre sei. Man meldete ihm, daß Seine Eminenz im Arbeitskabinett die Befehle Seiner Majestät erwarte. Der König begab sich unverweilt zu ihm. »Nun, Herzog!« sprach er zu ihm, »Sie hatten recht, und ich hatte unrecht; die ganze Intrige ist politischer Art, und von der Liebe ist in diesem Briefe gar nicht die Rede. Dagegen geschieht Ihrer stark Erwähnung.« Der Kardinal nahm den Brief und las ihn mit der größten Aufmerksamkeit. Als er zum Schluß kam, fing er ihn noch einmal zu lesen an. »Nun, Ew. Majestät,« sprach er, »Sie sehen, worauf es meine Feinde anlegen. Man droht Ihnen mit zwei Kriegen, wenn Sie mich nicht entfernen. An Ihrer Stelle, Sire, würde ich wirklich einem so mächtigen Andringen nachgeben, und ich meinerseits schätze mich glücklich, wenn ich mich von den Geschäften zurückziehen dürfte.« »Was sprechen Sie da, Herzog?« »Ich sage, Sire! daß bei diesen außerordentlichen Kämpfen und beständigen Anstrengungen meine Gesundheit erliegen wird. Ich sage, daß ich die Mühewaltung bei der Belagerung von La Rochelle kaum werde aushalten können, und daß Sie besser täten, den Herrn von Condé oder Herrn von Bassompierre, oder einen andern tapferen Mann zu erwählen, dessen Beruf der Krieg ist, aber nicht mich, der ich ein Mann der Kirche bin, nicht mich, der ich ohne Unterlaß von meinem Beruf abgezogen werde, um mich für Dinge zu verwenden, für die ich nicht tauge. Sie werden glücklicher sein im Innern, Sire, und ich zweifle nicht daran, auch größer nach außen.« »Herr Herzog,« sagte der König, »seien Sie ruhig, ich sehe das ein; alle diejenigen, die in diesem Briefe genannt sind, sollen bestraft werden, wie sie es verdienen, und die Königin selber.« »Sire, was sprechen Sie da? Gott soll mich bewahren, daß die Königin meinetwegen im mindesten behelligt werde; sie hielt mich immer für ihren Feind, Sire, obwohl ich Ew. Majestät bezeigen könnte, daß ich sie stets eifrigst und sogar gegen Sie in Schutz genommen habe. O, wenn sie Ew. Majestät hinsichtlich der Ehre verraten könnte, so wäre das etwas anderes, und ich wäre der erste, der da sagte: ›Keine Gnade, Sire! keine Gnade für die Schuldige.‹ Glücklicherweise ist das nicht so, und Ew. Majestät erlangte hiervon einen neuen Beweis.« »Es ist wahr, Herr Kardinal,« sprach der König, »Sie haben recht, wie immer; allein die Königin verdient deshalb nicht weniger meinen ganzen Zorn.« »Sie haben sich den ihrigen zugezogen, Sire, und wirklich wäre es mir erklärlich, wenn sie Ew. Majestät ernstlich gram würde . . .« »Solcher Art will ich stets meine und Ihre Feinde behandeln, Herzog, wie hoch auch dieselben gestellt sein mögen, und welcher Gefahr ich auch laufe bei ihrer strengen Behandlung.« »Die Königin ist meine Feindin, doch ist sie nicht die Ihrige, Sire, im Gegenteil ist sie eine ergebene und tadellose Gemahlin. Gestatten also Ew. Majestät, daß ich mich bei Ihnen für sie verwende.« »So soll sie sich demütigen und mir zuerst entgegenkommen.« »Im Gegenteil, Sire, geben Sie ihr das Beispiel: Sie hatten zuerst unrecht, da Sie die Königin in Verdacht gezogen haben.« »Ich sollte den ersten Schritt tun?« sagte der König; »nimmermehr.« »Sire, ich bitte inständig.« »Außerdem, wie sollte ich ihr zuerst entgegenkommen?« »Indem Sie etwas tun, wovon Sie wissen, daß es ihr angenehm wäre.« »Was?« »Geben Sie einen Ball; Sie wissen doch, wie sehr die Königin den Tanz liebt; ich bürge dafür, daß sie auf eine solche Aufmerksamkeit keinen Groll mehr nähren werde.« »Herr Kardinal, Sie wissen, daß ich die weltlichen Vergnügungen nicht liebe.« »Die Königin wird Ihnen um so dankbarer sein, als sie Ihre Abneigung gegen diese Vergnügungen kennt. Außerdem wird ihr eine Gelegenheit geboten, die schönen, diamantenen Nestelstifte zu tragen, die Sie ihr an ihrem Namenstag schenkten, und womit sie sich bisher noch nicht geschmückt hat.« »Wir wollen sehen, Herr Kardinal, wir wollen sehen,« sagte der König, »wir wollen sehen, doch bei meiner Ehre, Sie sind zu nachsichtsvoll.« »Sire,« versetzte der Kardinal, »überlassen Sie die Strenge Ihren Ministern, die Nachsicht ist eine königliche Tugend; wenden Sie dieselbe an, und Sie werden sich überzeugen, daß Sie sich dabei wohl befinden.« Als hierauf der Kardinal die Pendeluhr elf Uhr schlagen hörte, verneigte er sich tief, bat den König, sich entfernen zu dürfen, und ersuchte ihn, als er sich wegbegab, noch einmal, daß er sich mit der Königin wieder aussöhne.

Anna von Österreich, die wegen des ihr abgenommenen Briefes auf Vorwürfe gefaßt war, verwunderte sich sehr, als sie am folgenden Tage sah, wie er sich ihr zu nähern bemüht war. Ihre erste Bewegung war zurückweisend; der Stolz der Frau und die Würde der Königin waren zu grausam verletzt, so daß sie sich von dem ersten Schlag nicht sogleich erholen konnte. Allein durch die Frauen ihres Gefolges bewogen, gab sie sich die Miene, als wollte sie allmählich vergessen. Der König benutzte den ersten Augenblick, um ihr unablässig zu sagen, er sei gesonnen, eine Festlichkeit zu veranstalten. Eine Festlichkeit war für die arme Anna von Österreich etwas so Seltenes, daß bei dieser Ankündigung, wie es der Kardinal voraussah, die letzte Spur ihres Grames, wenn auch nicht in ihrem Gemüt, doch mindestens in ihrem Antlitz, verschwand. Sie fragte, wann diese Festlichkeit stattfinden sollte, allein der König erwiderte, daß er sich jedenfalls mit dem Kardinal besprechen müsse. In der Tat fragte der König täglich den Kardinal, wann die Festlichkeit statthaben sollte, und jeden Tag verschob es der Kardinal unter irgend einem Vorwand, sich darüber bestimmt zu erklären. So vergingen zehn Tage.

Acht Tage nach diesem erzählten Auftritt erhielt der Kardinal einen Brief mit dem Stempel von London, worin bloß diese Zeilen standen: »Ich habe sie – allein ich kann London nicht verlassen, weil es mir an Geld gebricht; senden Sie mir fünfhundert Pistolen, und vier bis fünf Tage nach dem Empfang derselben werde ich in Paris sein.« An demselben Tag, als der Kardinal diesen Brief erhalten, wandte sich der König wieder an ihn mit der gewöhnlichen Frage. Richelieu zählte an seinen Fingern und sprach ganz still zu sich selbst: »Wie sie schreibt, kommt sie vier oder fünf Tage nach dem Empfang des Geldes; das Geld braucht vier oder fünf Tage, um dahin zu kommen; sie braucht vier oder fünf Tage, um hier einzutreffen, das macht zehn Tage; rechnen wir noch widrige Winde, böse Zufälle, Weiberschwäche, und nehmen wir zwölf Tage an.« »Nun, Herr Herzog,« sagte der König, »ist Ihre Rechnung gemacht?« »Ja, Sire! wir haben heute den zwanzigsten September; die Stadtschöppen geben am 3. Oktober ein Fest. Das trifft herrlich zusammen; da brauchen Sie sich nicht die Miene zu geben, als tun Sie etwas wegen der Aussöhnung mit der Königin.« Dann fügte er noch hinzu: »Allein, vergessen Sie nicht, Sire, am Tage vor dem Fest Ihrer Majestät zu sagen, daß Sie zu sehen wünschen, wie gut ihr die diamantenen Nestelstifte stehen.«

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