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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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7. Elisens Heim

Frau Braun bewohnte mit ihrer Tochter Elli seit einigen Jahren dasselbe Haus mit Dr. Burgs. Waren auch die Töchter dieser beiden Familien in Freundschaft miteinander verbunden, so konnte man dies weniger von den Frauen sagen. Frau Dr. Burg war eine einfache, tätige Frau, die es nicht liebte, ihren Wohlstand durch Aufwand in Kleidern oder Möbeln kundzutun. Frau Braun dagegen suchte ihr kärgliches Einkommen durch einen gewissen äußern Glanz zu verdecken und war dadurch, sowie durch ihr unzufriedenes, mürrisches Wesen der Frau Doktor nicht angenehm. Letztere konnte es darum nicht lassen, der Mutter Ellis dann und wann ihre Meinung gerade heraus zu sagen, was selbige aber so übel empfand, daß sie sich hochmütig von dieser Frau, von der sie vieles hätte lernen können, zurückzog. Sie hätte auch am liebsten ihre Tochter von dem Umgang mit Anna ferngehalten. Die beiden Mädchen aber hatten die letzten Schuljahre zusammen verlebt, waren bei einem Geistlichen konfirmiert worden und so miteinander verwachsen, daß eine Trennung nicht mehr möglich war. Wie froh war Elli, wenn sie der Mutter entschlüpfen und bei Doktors einkehren konnte. Elli war ganz das Gegenteil von ihrer Mutter. Während sich bei dieser ein höchst oberflächlicher Sinn offenbarte, hatte die Tochter eine Tiefe des Gemütes und neben geistiger Begabung einen offenen Blick für alles Edle und Gute. In praktischen Dingen war sie ganz unerfahren, wiewohl man ihr Begabung dafür nicht absprechen konnte. Doch wie sollte sie bei einer Mutter, die sich nie mit dergleichen befaßt hatte, richtig angeleitet werden? Was Elli in dieser Beziehung fehlte, konnte sie selbst noch nicht beurteilen. Aber die gute Frau Doktor sagte oft zu ihrem Gemahl und sagte es auch heute: »Elli ist lieb und gut, aber ein Unglück gibt's, wenn die einmal heiratet.«

»Ein Unglück braucht's deshalb noch nicht zu geben,« meinte der Doktor lächelnd, worauf ihm seine Frau zu verstehen gab, daß sie es für das größte Unglück halte, wenn eine Frau nicht kochen könne und nichts von der Wirtschaft verstehe. Das untergrabe von vorneherein das Wohl des Hauses und lasse keine Gemütlichkeit aufkommen. »Und das kannst du glauben,« fügte sie hinzu, »ein Unglück hat's auch gegeben in der Ehe der Frau Braun. Wenn alles gewesen wäre, wie es hätte sein sollen, so wüßte man doch woher und wohin. Sie zieht aber einen dichten Schleier um die Vergangenheit, selbst Elli, ihre Tochter, scheint über ihr früheres Leben ganz im unklaren zu sein. ›Der Vater ist tot; wir sind früher sehr reich gewesen und wir sind weit her‹ – das ist das einzige, was sie zu wissen scheint. Aber daß noch viel dahinter steckt, ist ganz sicher, ich müßte keine Lebenserfahrung haben.«

»Ja, die Frauen sind klüger als unsereins,« schmunzelte der Doktor, »und meine kleine Frau ist die klügste von allen.«

»Bist doch froh, daß du mich hast,« sagte die Doktorin eifrig. »Du armer Mann, was wolltest du wohl mit einer Frau Braun anfangen?«

Während dieses Gespräch unten vor sich ging, wurde oben, einen Tag nach dem Besuch der Mädchen im weißen Häuschen, der Saal der Frau Braun zu einer Kaffeegesellschaft hergerichtet. Es sollte so fein wie möglich ausfallen, denn die Damen, die sich Frau Braun zum Kaffee eingeladen hatte, sahen auf so etwas, das waren andere Damen als die Frau Doktor. Sie selbst hatte denn auch ihren schönsten Staat angelegt und stand, sich musternd, vor dem Spiegel. Bald strich sie die Falten ihres braunseidenen Kleides, bald machte sie sich mit ihrem Haar zu tun oder zupfte an ihrem Spitzentuch. Jetzt trat Elli ein, die in ihrem niedlichen Kleide und der weißgestickten Schürze einen lieblichen Anblick gewährte. Frau Braun wandte sich zu ihr. »Du siehst ja aus wie ein Stubenmädchen, binde deine Atlasschürze um, wie es sich für die Tochter des Hauses schickt.« »Anna hat immer eine weiße Schürze beim Herumreichen um, Frau Doktor sagt, es ist geschickter wegen der Flecken.« – »Ist Frau Doktor deine Mutter, oder bin ich es? Ich werde dir den Umgang mit Doktors ganz verbieten, wenn sie dich gegen mich einzunehmen versuchen.« »Das tun sie gar nicht,« sagte Elli seufzend und ging, um der Mutter gehorsam zu sein.

Elli stand, nachdem sie die Schürze gewechselt hatte, sinnend an ihrem Fenster, das einen Blick in den zierlichen kleinen Garten bot, den Burgs zur Benutzung hatten. Sie saßen in der Laube und tranken ihren Kaffee in behaglicher Ruhe. Sobald Ellis Kopf sichtbar wurde, rief Anna ihr zu: »Komm herunter, Elli, es ist so schön im Freien.«

»Kann nicht,« rief Elli kopfschüttelnd.

»Warum nicht?«

»Kaffeebesuch,« gab sie traurig zur Antwort und eilte schnell vom Fenster weg, denn mehrfaches Klingeln sagte ihr, daß die Damen im Anzuge seien. Da kam denn eine lilaseidene und eine grauseidene, eine in lehmfarbenem Gewand, eine in resedagrün. Die in schwarzer Seide hatte sich eine Haube mit zitronengelbem Band aufgesetzt zur Aufmunterung des Ganzen. Sie rauschten herein und beknicksten und begrüßten sich. Dabei gingen die Augen nach allen Seiten hin, das Zimmer musternd.

Ja, den Augen entging nichts, das wußte Frau Braun, deshalb hatte sie Sorge getragen, wertvolle Gegenstände, die sie sonst im Schrank aufbewahrte, ans Tageslicht zu fördern.

»Das ist ja etwas Prächtiges,« rief die lilaseidene, auf eine alte silberne Teekanne zurauschend. Sie prüfte sie von allen Seiten. »Ganz echt und gediegen,« sagte sie bewundernd.

»Echt!« riefen die andern und kamen auch dazu.

»Dem Dinge nach zu urteilen,« hob die erste wieder an, »müssen Sie aus einer reichen alten Familie stammen.«

Frau Brauns Gesicht zeigte vollste Befriedigung. Was sie bezweckt hatte, war erreicht. Sie wurde von den Damen für etwas Besonderes gehalten und von diesem Glanz umgeben nahm sie den Vorsitz am Kaffeetisch ein mit einer Vornehmheit und Würde, die ihresgleichen suchte.

Elli reichte den Kaffee herum, doch schien sie mit ihren Gedanken nicht bei der Sache zu sein. Immer stand ihr Gelüste nach Doktors Rosenlaube und sie hoffte, später unbemerkt ein wenig hinunterschlüpfen zu können. Ihr war das Reden der Damen unerträglich. Viele Familien waren schon durchgesprochen und sie fürchtete beständig, daß ihre lieben Hausfreunde an die Reihe kommen möchten.

»O,« sagte die resedagrüne und wischte sich den Schweiß von der Stirne, »es ist warm bei Ihnen, Liebe, es ist eigentlich ein Opfer, im Sommer zum Kaffee auszugehen. Haben Sie keinen Garten?«

»Wenn Sie es wünschen,« sagte Frau Braun errötend, »können wir auch in den Garten –«

»Mama,« sagte Elli erschrocken, »Doktors –«

»Jawohl, du hast recht.« fiel ihr die Mutter ins Wort, die Sache geschickt drehend, »Doktors haben sich dorthin gepflanzt. Es ist ja nicht angenehm, in diesen Stadtwohnungen alles miteinander teilen zu müssen. Gemütlicher ist es, wir bleiben oben, man ist mehr unter sich.«

»Ich würde mir an Ihrer Stelle ein Landhaus in der Vorstadt kaufen, Liebe,« warf die grauseidene dazwischen, die Gastgeberin prüfend ansehend.

Frau Braun feierte wieder einen Triumph. Für so reich galt sie also unter den Damen! Es war gut, nach außen hin zu glänzen.

»Ich habe auch schon daran gedacht,« gab sie zur Antwort, »doch es hat alles seine Schwierigkeiten.« Und nun wandte sich das Gespräch auf die Häuser und ihre Einrichtungen, auf die Möbel und deren Behandlung, auf Möbelstoffe und dergleichen. Es war ein unerschöpfliches Kapitel, das die Schwüle des Zimmers und das Bedürfnis nach frischer Luft vergessen machte.

Elli aber war in ihr Stübchen geflohen und weinte bitterlich. Wie konnte ihre Mutter etwas sagen, das nicht wahr war. Ihr Inneres war empört darüber, und die Mutter, die sich selbst und andere schon so oft belogen hatte, merkte es gar nicht, daß sie durch ihre Unwahrheit des Kindes Herz verwundet hatte. Wie ganz anders war es gestern bei Tante Elfriede gewesen. O, wenn sie immer im Weißen Häuschen sein könnte, dann würde sie gewiß gut und fromm werden, wie sie es zu sein wünschte. –

Es klopfte. »Fräulein Elli,« sagte das Mädchen, »der Konditorjunge bringt die Torte; und er will gleich das Geld dafür –«

Elli vertilgte schnell die Tränenspuren und eilte hinaus. »Es ist Besuch bei der Mutter, ich kann sie jetzt nicht stören, wir schicken das Geld morgen.«

Der Junge brummte etwas von »borgen« und dergleichen und verließ zögernd die Wohnung.

Elli mußte wieder herumreichen. Es war etwas ganz Besonderes, Nußtorte mit Schlagsahne. Zwei der Damen hatten sich schon bedient, die dritte war in ein so tiefes Gespräch mit ihrer Nachbarin verwickelt, daß sie gar nicht merkte, wie Elli vor ihr stand und herumreichte. Letztere wartete eine Weile geduldig. Auf einmal waren die Gedanken nicht mehr bei der Sache. Ein Kippen des Tortentellers, ein Ausrutschen der schlüpfrigen Torte und gleichzeitig ein Schrei des Entsetzens aus aller Damen Mund! Da lag des Kaffees schönste Zierde im Schoß der Lilaseidenen, und während die so Beglückte angstvoll dasaß, des Schatzes hütend, der ihr so unfreiwillig zugefallen war, liefen die andern Damen ruhelos hin und her. Die eine riß beim schnellen Ausstehen einen Sahnetopf um, der seinen Inhalt auf die Tischdecke entleerte. Der weiße Strom floß ruhig seine Bahn, bis er an der andern Seite des Tisches langsam zur Erde träufelte und auf dem großblumigen Teppich Spuren seines Daseins hinterließ.

Von der Torte rettete man, was zu retten war, man löffelte, man aß, die Lilaseidene rief dazwischen: »Warum gerade mir das! Meine Kleiderfarbe ist die allerempfindlichste.« Sie rief nach Wasser, die andern Damen zeterten über das Ungeschick, Frau Braun aber, der die ganze Lage schrecklicher war als sie aussprechen konnte, hieß Elli, die vor Schreck regungslos dastand, das Zimmer verlassen und nicht wieder erscheinen, bis die Damen fort seien.

Elli lief aus dem Zimmer, aus der Wohnung hinunter und suchte Zuflucht bei den Freunden.

»Elli, wie siehst du denn aus, was hast du, Kind?« rief die Doktorin mütterlich besorgt. Beim Ton ihrer freundlichen Stimme konnte das junge Mädchen die Tränen nicht mehr zurückhalten. Unter Schluchzen erzählte sie ihr Mißgeschick. Die Doktorin aber sagte: »Das kommt vom Träumen, Elli. Du mußt immer die Gedanken auf das richten, was dir übertragen ist. Doch nun laß gut sein, Kind, geh hinauf, sieh, wo du dich nützlich machen kannst.«

»Ich soll nicht wieder kommen, bis die Damen fort sind. Mama hat mich fortgeschickt.«

»Verkehrte Wirtschaft,« brummte die Doktorin, doch so, daß Elli es nicht hören konnte.

Der Doktor wollte eben in der Vorstadt einige Krankenbesuche machen und forderte die jungen Mädchen auf, ihn zu begleiten. Elli, die nicht wieder nach oben zu gehen wagte, glaubte es annehmen zu dürfen; doch schritt sie niedergedrückt an Annas Seite. Es war sieben Uhr abends und die Schwüle des Tages machte einer erfrischenden Abendluft Platz. Der Doktor blieb vor einem der letzten Häuser stehen und sagte den Mädchen, daß er etwa eine halbe Stunde zu tun habe; sie sollten den Weg durch die Wiesen einschlagen, der ins nahegelegene Eichenwäldchen führe, er komme ihnen entgegen.

Anna und Elli hatten sich noch gar nicht über den gestrigen Nachmittag ausgesprochen. Das nahende Gewitter und die Sorge, so schnell als möglich nach Hause zu kommen, hatte keinen vertraulichen Austausch der Gedanken aufkommen lassen.

»Siehst du, Anna,« sagte Elli, »gestern legte ich mich mit den besten Vorsätzen zu Bett und heute ist es mir schlimmer denn je ergangen.«

»Wir wollen uns nur täglich an alles erinnern, was Tante Elfriede uns gesagt hat,« antwortete Anna. »Besonders daran, daß wir unsere Fehler erkennen müssen und gegen dieselben kämpfen.«

»Also ich muß gegen das Träumen kämpfen,« sagte Elli nachdenklich. »Ich will es von jetzt an ernstlich tun. Und dann – doch sieh, was kommt denn da?«

Eine Kindertruppe wurde sichtbar. Vom Eichwald kam sie her. Drei Knaben, den besseren Ständen angehörig, zogen einen kleinen Handwagen und zwei größere zierlich und sauber gekleidete Mädchen gingen daneben. Als sie an Anna und Elli vorübergingen, zogen die Knaben artig die Mützen, auch die kleinen Mädchen grüßten. »Wie höflich,« bemerkte Anna gegen Elli.

»Was nur die Kinder vorhaben mögen! Armer Leute Kinder sind es nicht. Und doch der Handwagen.« Sie sahen sich noch einmal nach ihnen um.

Jetzt machten sie Halt. Sie schienen auszuruhen. Sie sprachen eifrig miteinander. Dann holte die Älteste ein Beutelchen aus ihrer Tasche, schüttete den Inhalt in ihren Schoß und begann eifrig zu zählen.

»Sie müssen etwas zu verkaufen haben, sieh doch, sie überzählen ihren Verdienst,« flüsterte Elli Anna zu.

Die Sache nahm sie so ein, daß sie beschlossen, umzukehren, um noch einmal an den Kindern vorüber zu müssen. Jetzt standen sie nahe bei ihnen, doch die Kleinen merkten in ihrem Eifer nicht, daß sie beobachtet wurden.

»Ob wir's noch einmal versuchen, Johanna,« sagte das jüngere Mädchen.

»Nein, Martha,« gab die ältere zur Antwort, »erbetteln wollen wir es uns auch nicht. Der Klempner hat schon zehn Groschen heruntergelassen und sagte ja, daß er die Lampe um keinen Pfennig billiger lassen würde.«

»Wenn wir doch noch fünfzig Pfennige mehr hätten,« seufzte Martha traurig.

»Ja wenn!« sagte der größte der Knaben nachdenklich. »Wie sollen wir aber die erlangen in so kurzer Zeit?«

Jetzt trat Elli, die ihren Geldbeutel schon in der Hand hielt, vor. Sie warf der Ältesten fünfzig Pfennige in den Schoß und sagte freundlich: »Wenn euch gerade soviel fehlt, da habt ihr's.«

Johanna wurde glühend rot und wollte es nicht nehmen. Der kleinste aber der Knaben klatschte fröhlich in die Hände und sagte: »Ei, wie schön, nun können wir der Mutter doch die Lampe kaufen.«

Elli, welche fürchtete, der Kleinen Zartgefühl verletzt zu haben, redete nun freundlich mit den Kindern, ebenso Anna, sie stellten ihnen vor, daß das Geld ja nicht erbeten sei, sondern ihnen freiwillig aus Liebe gegeben worden. So nahmen es die Kinder dankbar und wurden zutraulich. Sie erzählten den jungen Mädchen, daß sie keinen Vater mehr hätten, aber eine Mutter, die sie über alles liebten. Es sei die beste Mutter, die es auf Erden gäbe, übermorgen sei ihr Geburtstag. Dazu hätten sie sich schöne Überraschungen ausgedacht. Die Mutter liebe Eichenlaub über alles, deshalb wollten sie ein Eichenlaubgewinde um die Tür machen und von Blumen ihren Namen hineinsetzen. Von dem ersparten Gelde solle eine Lampe gekauft werden. Sie hätten erst nicht an etwas so Großes gedacht, aber die Lampe sei durch ein Mißgeschick zerbrochen und die Mutter sei traurig darüber gewesen. Wie würde sie sich nun freuen, wenn sie eine neue bekomme.

»Ihr bekommt wohl Taschengeld,« sagte Elli.

»Nein, wir bekommen gar nichts, aber wir haben morgens keine Semmel zum Kaffee gegessen und haben uns das Geld erspart.«

»Ja, das hat viele Wochen gedauert,« fügte Karlchen selbstgefällig hinzu.

»Aber es war nicht so schlimm, da wir für die Schule noch ein großes Butterbrot bekamen,« ergänzte Martha bescheiden, während Johanna zur Eile trieb, da die Mutter sich sonst wegen des langen Ausbleibens sorgen würde.

Sie steckte die Decke, die sie über das Eichenlaub gebreitet hatte, an den Seiten fest; die beiden großen Brüder zogen den Wagen, der kleine schob nach und so trabten sie, nachdem sie noch einmal freundlich gegrüßt und gedankt hatten, von dannen.

Die Mädchen sahen dem kleinen Zug so lange nach, bis sie um eine Ecke bogen und ihren Blicken entschwunden waren. Sie waren beide durch das kleine Erlebnis sichtlich bewegt und Elli seufzte: »Wenn ich doch meine Mutter auch so lieben könnte!« Wie verlangte ihr Herz danach, es wurde ihr aber schwerer gemacht als den Kindern, die sich im hellen Glanz der Mutterliebe sonnen durften und es von der Mutter erst lernten, wie sie selbst entbehrte, um andern, besonders ihren Kindern, eine Freude zu machen.

Unter eifrigem Gespräch über das Erlebte waren die jungen Mädchen wieder bis an die Vorstadt gelangt. Sie trafen Annas Vater und traten mit ihm den Heimweg an.

Frau Braun hatte unterdessen ihre Damen entlassen und saß allein. Sie sah im höchsten Grade ärgerlich und verstimmt aus. Sie hatte es wohl gemerkt, wie den Gästen die gute Laune verdorben war und wie sie mit verdrießlichen Gesichtern abgezogen waren. Bemerkungen über das Ungeschick des jungen Mädchens waren genug gefallen. Das alles trug nicht dazu bei, Frau Braun gegen ihre Tochter weicher zu stimmen. Dazu kam, daß nach Abzug der Gäste das ziemlich grobe Dienstmädchen eintrat mit der Meldung, daß Rechnungen eingelaufen seien, die sogleich bezahlt werden müßten. Die Leute haben gesagt, wenn sie kein Geld bekommen, lieferten sie keine Waren, und dem stimmte sie auch bei. Wenn die Frau es nicht für nötig fände, ihr den Lohn heute oder morgen auszuzahlen, dann lasse sie den Kram liegen. Wäre es nicht wegen Fräulein Elli, so wäre sie längst über alle Berge.

Frau Braun hieß sie schweigen und das Zimmer verlassen. Dies geschah, aber die Tür wurde so heftig ins Schloß geworfen, daß Frau Braun eben nachgehen wollte und es sich verbitten. Sie besann sich jedoch der übrigen Hausbewohner wegen eines andern. Sie wußte ganz genau, daß die Köchin dann dasselbe noch einmal so laut draußen wiederholen würde, und solche Blöße wollte sie sich, besonders Doktors gegenüber, nicht geben. Sie ging an ihren Silberschrank, suchte in den Kasten, die mit allerhand Schmuckgegenständen gefüllt waren, herum, zog ein paar lange, goldene, altmodische Ohrglocken hervor, sowie eine zerbrochene goldene Kette, wickelte beides zusammen und sagte für sich: »Das wird vorderhand der Not abhelfen; der Juwelier wird mir morgen für diese wertvollen Sachen mehr Geld auszahlen, als die Rechnungen und der Lohn für die Köchin betragen.«

Jetzt ward die Tür leise geöffnet und Elli trat verlegen ein. »Bist du endlich da? Es wird Zeit, daß du kommst. Wenn man eine Tochter besitzt und gar keine Hilfe an ihr hat, nur Schimpf und Schande, das ist sehr traurig,« fügte sie hinzu. Sie habe gehofft, sie solle ihr Trost und ihre Stütze sein, das scheine aber nicht so. Fremden Leuten liefe sie nach, bei ihnen zeige sie sich liebenswürdig, und wenn ihre Mutter einmal etwas von ihr wolle, dann gehe es immer schief usw. Elli bat sanftmütig um Verzeihung, die Mutter hörte nicht darauf. Sie jammerte und klagte weiter, wie es ihr so schlecht im Leben gehe, wie sie nirgends Glück habe, sondern lauter trübe Tage. Es wäre ein elendes Leben; sie möchte wissen, ob es wohl noch Leute gebe, denen es wie ihr ginge usw.

»Ich war gestern mit Anna bei einer kranken Dame, der geht es sehr traurig. Sie kann weder gehen noch stehen und ist doch glücklich dabei,« wagte Elli schüchtern zu sagen.

»Geh mir mit der kranken Dame. Was geht mich Doktors kranke Dame an. Du gehst nicht wieder mit dahin. Was dir der Besuch für Nutzen gebracht hat, haben wir heute gesehen. Nun leg dich schlafen, es wird doch eher keine Ruhe für mich.«

Elli tat wie ihr geheißen. Sie wußte, es war das beste, schweigend zu gehorchen.

Als sie in ihrem Stübchen war, wollte sie die Begegnung mit den Kindern, die wie ein Sonnenstrahl den trüben Tag erhellt hatte, in ihr Notizbuch eintragen. Wo war es? Sie führte es stets bei sich, jetzt fand es sich nicht. Wo hatte sie es zuletzt gehabt? Auf der Fahrt nach Eichstädt! Sie hatte es nicht wieder eingesteckt, nachdem sie gestern die Bemerkung über den jungen Mann hineingeschrieben hatte. Es mußte ihren Händen entglitten sein? Wer mochte es gefunden haben! Dunkle Röte übergoß sie. Wie, wenn einer von den jungen Leuten es an sich genommen hätte! Doch nein, die würden achtlos darüber hinweggeschritten sein, besonders der Lange, der es von seiner Höhe herab gar nicht einmal habe sehen können. Sie nahm sich vor, künftig vorsichtiger zu sein, auch ihre Gedanken nicht gleich zu Papier zu bringen. Es wäre doch schrecklich, wenn die jungen Herren es gefunden und gelesen hätten, was nur für die Augen ihrer besten Freundin bestimmt war. Sie konnte lange nicht einschlafen vor diesen beunruhigenden Gedanken. Endlich siegte der Schlaf und machte allen Kümmernissen ein Ende.

Wer Frau Braun war, wissen wir. Es war Elise, das verwöhnte Kind, das mit dem Amerikaner in die weite Welt gezogen war. Sie hatte das erhoffte Glück nicht gefunden, haschte aber dennoch nach den Gütern dieser Welt und verehrte sich in irdischen Sorgen und Grämen. Sie hatte keine Ahnung, wer die kranke Tante im Häuschen war, sonst hätte sie vielleicht die Neugierde hingetrieben, zu sehen, was Elfriede auf ihrem Krankenbett glücklich mache. Die Kinder aber der andern Freundin waren heute in naher Berührung mit ihrer Tochter gewesen und sie ahnte nicht, daß Lorchen in derselben Stadt, wenn auch weit entfernt von ihr, wohnte. Wie verschieden hatten sich die Lebenswege der drei Freundinnen gestaltet!

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