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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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24. Mißverständnisse

Zwei Jahre sind vergangen. Im Landhaus Elise ist Leben und Frohsinn eingekehrt. Die Gatten tun einander Liebes und nicht Leides. Sie sind beide durch die Prüfungen des Lebens gereist und ihre Herzen haben sich den unvergänglichen Gütern erschlossen. Darum bauen sie nicht auf den Ungewissen Reichtum, sondern wenden das ihnen geliehene Gut zur Ehre Gottes an. Körner, der nun den großelterlichen Namen gegen den des Vaters vertauscht, hat sich in Seehausen als Arzt niedergelassen, da Doktor Willers in den Ruhestand getreten ist und ihm seinen Geschäftskreis überlassen hat. Er hat Anna als sein Weib heimgeführt und lebt mit ihr in glücklicher Ehe. Elli blüht in jugendlicher Schöne. Aus den Augen strahlt Glück und Freude. Sie hat eine gequälte Kindheit und schwere Jugend gehabt, darum erkennt sie nun das Gute doppelt dankbar an. Oft will es ihr als ein schöner Traum dünken, wenn sie als Tochter des Hauses auf der Veranda steht und in den schönen Garten schaut, in den sie früher oft von der Landstraße geblickt mit sehnsüchtig verlangenden Augen. Jetzt ist nicht nur der Garten für sie geöffnet, auch die Herzen der Eltern sind es, die das Leben ihrer Kinder mit reicher Liebe schmücken und das um so mehr, als Elli selbstlos den Eltern dient, bescheiden und demütig ist.

Sie ist mit ihrem verborgenen Leben die schönste Blume im Garten ihres Vaters. Die Doktorin schaut mit Stolz auf sie, weil sie weiß, ein klein wenig hat sie dazu beigetragen. Wenn aber Elfriede ihr Herzenskind rühmen hört, dann faltet sie ihre Hände auf ihrem Schmerzenslager und dankt Gott, der sie erhört und aus Elli ein Kind Gottes gemacht hat.

Der Verkehr mit der Freundin und jetzigen Schwägerin Anna hat sich aufs lieblichste gestaltet. Es ist dies Elli Ersatz für die Mädchen, die Doktors Haus verlassen haben, um Fremden Platz zu machen. Einer Einladung von Agnes in die Stadt hat sie im vorigen Jahr Folge geleistet. Doch kam sie nicht befriedigt wieder. Agnes hatte immer noch geschwärmt, doch nicht ausschließlich für den einen. Und dieser eine, der Neffe der Doktorin, warum ließ er sich gar nicht in Seehausen sehen? Die Doktorin wunderte sich auch. Aus Italien war er längst zurück, er war bereits im Amt. Seine Mutter hatte kürzlich geschrieben, daß ihm eine hübsche Landpfarre durch Wahl zugefallen sei. Ob er nun daran dachte, um Agnes zu werben? Ob dieselbe wohl die passende Gattin für ihn sein würde? Vielleicht paßte sie selber besser. Doch auf welchen Gedanken ertappte sie sich! Sie hatte bis jetzt nicht das geringste getan, sich ihm angenehm zu machen. Zuerst hatte sie die unliebsame Bemerkung über ihn gemacht, sodann ihm ein Familienerbstück entführt. Dann hatte sie ihn als Dieb ausgerufen und die Tür vor ihm verschlossen und endlich hatte sie ihn bei Agnes verdächtigt. Wahrlich, es war nur gerechtfertigt, wenn er nichts von ihr wissen mochte. Aber den Vater hätte er aufsuchen können, er war doch früher so vertraut mit ihm gewesen.

Während Elli eines Tages alle diese Fragen erwog, saß Otto an Tante Elfriedens Bett und erzählte ihr von seinen Erlebnissen. Er meinte, er habe nun alles, was er sich wünschen könne, aber eines fehle doch, das sei ein treues Weib, die mit ihm das Pfarrhaus bewohne, mit ihm an der Gemeinde arbeite, für ihn sorge und schaffe.

Auf Elfriedens Frage, ob er denn an niemand denke. Wurde er verlegen und sagte: »Das schon, aber es sei ganz aussichtslos.«

Tante Elfriede meinte, sie wolle sich nicht in sein Vertrauen drängen, aber als treue und verschwiegene Patin könne sie wohl wissen, wohin sein Herz ihn ziehe.

Da gewann er Zutrauen und offenbarte ihr, daß Elli es von Anfang an ihm angetan habe. Je mehr er sich über sie hätte ärgern wollen, um so lieber habe er sie gewonnen. Wenn er von ihr getrennt gewesen, habe er immer an sie denken müssen. Er erzählte von ihrem Zusammentreffen bei Tante Philippine und wie es ihn gerührt, daß sie so viel für ihn habe stricken müssen. Er habe es wohl gesehen, wie sich die kleinen Hände für ihn abgemartert hätten, schon den ersten Abend, als er bei Doktors gewesen, habe er an der Größe der Strümpfe gemerkt, für wen sie seien, er habe aber getan, als sehe er es nicht, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Als er Tante Philippine den letzten Morgen darüber zur Rede gesetzt, habe dieselbe ruhig geantwortet, das sei ihre Sache. An den großen Strümpfen habe Elli das Stricken um so besser lernen können, das sei der Hauptzweck bei der Sache gewesen.

Tante Elfriede hörte lächelnd zu und riet ihm dann, doch seinen Freund, den älteren Herrn Brown, zu besuchen, das andere würde sich ja finden.

Das fände sich nicht, antwortete Otto bestimmt. Elli habe selbst geäußert, sie begriffe nicht, wie man für einen so wenig hübschen Menschen schwärmen könne.

Schwärmen sei etwas ganz Verkehrtes, erwiderte Elfriede darauf. Elli, die sehr vernünftige Ansichten habe, werde sich nie einer so ungesunden Gefühlsäußerung hingeben. Aber einer treuen Liebe, die aushalte im Kampf des Lebens, halte sie sie für fähig. Gewiß, fiel Otto ihr in die Rede, aber immerhin würde er nie der Betreffende sein, überhaupt jetzt, da sie reich sei und es schöner habe, als er es ihr zu bieten vermöge, werde er nie daran denken, um sie zu werben.

Elli hänge nicht an den Gütern der Erde, also das komme nicht in Betracht, behauptete Elfriede hartnäckig. Sie redete ihm noch einmal zu, einen Besuch in Seehausen zu machen, entweder bei Doktors, oder bei dem jungen Paar, das sich gewiß freuen würde, ihn zu sehen.

Er wolle die jungen Leute in ihrem Glück nicht stören, hieß es, sie seien sich selbst genug usw.

Als aber die Pfingstzeit vorüber war und die Rosen blühten, da hielt er's nicht mehr aus. Er erinnerte sich des Geburtstages seines Freundes Heinrich und gedachte denselben zu überraschen. So wanderte er eines Tages vom Bahnhof Naundorf ab, die bekannte Landstraße hinunter, die nach Seehausen führte. Bei Tante Philippine wollte er als Gast einkehren und morgen seinen Freund aufsuchen. Niemand ahnte sein Kommen. Jetzt hatte er das Haus seiner Verwandten erreicht, er wollte eintreten, doch es war, als ob ihn ein gewisses Etwas weiter triebe. Er konnte ja, da ihn niemand bemerkt hatte, die Straße noch ein Stück weiter wandern, er wollte nur an dem Garten des Landhauses Elise vorbeigehen. Jetzt stand er da, einen Blick durch das Gitter werfend. Wie hatten sich die Zeiten geändert. Früher war er der Bevorzugte gewesen und war von Elli beneidet worden, jetzt hätte er etwas darum gegeben, wenn er so ungezwungen wie damals hätte ein- und auswandern können. Warum denn nicht? Niemand hätte ihm darob gezürnt, am allerwenigsten sein alter Freund, der sich oft im stillen wunderte, warum Otto gar nichts mehr von sich hören lasse.

Fröhliche Stimmen tönten aus dem Park. Er unterschied deutlich die Ellis, welche sagte: »Väterchen, die Rose ist für dich, du bekommst sie ins Knopfloch und Mütterchen stecke ich eine ins Haar.«

»Ob ich wohl auch eine bekäme, wenn ich sie bäte?« sagte Otto leise für sich, als er still vorüberging. Ja vorüber! Er hätte nicht gedacht, daß er es fertig brächte, an seines Freundes Haus vorüberzugehen. Aber in diesem Augenblick fehlte dem sonst kühnen Mann der Mut.

»Sah ein Knab' ein Röslein steh'n, Röslein auf der Heiden« – tönte es auf einmal von frischen Mädchenlippen und eine kräftige Baßstimme fiel ein: »war so jung und morgenschön, war so lieblich anzuseh'n.«

Das waren Vater und Tochter; wie gern hätte Otto als Dritter im Bunde mit eingestimmt. Doch es war gefährlich länger zu stehen, er eilte zurück und war in wenigen Minuten bei Tante Philippine. Sie empfing ihn freundlich und herzlich, schalt zwar ein wenig, daß er gar nichts von sich habe hören lassen, aber es war nicht böse gemeint. Junge Mädchen gab es immer noch bei der Tante, aber es waren jedes Jahr andere. Nur Emilie, die ihre Mutter verloren und nun, da auch der Vater tot war, ganz vereinsamt dastand, war bei Doktors als Pflegetochter angenommen. Sie mußte der alternden Doktorin rechte Hand sein. Philippine konnte sich auf sie verlassen. Sie war tüchtig und imstande, zeitweilig den Hausstand ganz allein zu führen.

Otto beobachtete sie. Wenn es darauf ankäme, eine tüchtige Hausfrau würde sie abgeben, aber ihr derbes Wesen war ihm unangenehm. Hübsch war sie auch nicht – das paßte zu ihm. Aber wenn kein Zug des Herzens da ist? –

»Otto, alter Junge, das ist ja fein,« rief am andern Morgen Heinrich, als Otto unvermutet bei ihm eintrat. »Kaum vermisse ich bei der Morgenpost deinen Glückwunsch, so trittst du selber in Person ein. Wo hast du so lange gesteckt? Bist weder zur Hochzeit noch sonst gekommen, ich glaubte mich schon ganz vergessen.«

Damit zog er ihn ins Wohnzimmer und stellte ihm die junge Doktorin vor, die ihm hold errötend die Hand zum Willkomm bot. Sie hatte viel von Heinrichs Freund gehört, jetzt wußte sie auch, daß sie ihn schon einmal gesehen hatte, sie sagte aber nichts.

Otto erinnerte sich ihrer auch, aber er schwieg ebenfalls darüber. Elli, die ihrer Freundin sonst alles anvertraute, hatte vermieden, von ihrer ferneren Bekanntschaft mit dem Langen zu sprechen. Eine gewisse Scheu hatte sie abgehalten, von ihm zu reden, einmal weil er der Freund von Annas Gatte war und dann – weil sie Gefühle gegen ihn hegte, die einzugestehen ihr unmöglich war, selbst der besten Freundin gegenüber. Anna hatte den Freund ihres Mannes nach einstündiger Bekanntschaft liebgewonnen, sie wunderte sich nur, wie es möglich sei, daß ein Mensch einen so verschiedenen Eindruck zu verschiedenen Zeiten machen konnte.

»Zu Mittag geht's nach Landhaus Elise, du begleitest uns natürlich,« sagte Heinrich. »Die Geburtstage werden immer dort gefeiert.«

Otto meinte, er wolle nicht stören, aber es half kein Sträuben. Das junge Paar nahm ihn in seine Mitte und wanderte fröhlich auf ihn einredend dem nahen Landhaus zu.

Die Tore waren weit geöffnet. Von Elli war nichts zu sehen. Wie würde er sie heute treffen? Vielleicht als verwöhnte junge Dame. Was würde sie sich aus dem einfachen Pfarrer machen?

Herr Brown, der auf der Veranda seine Zeitung las, war ebenso überrascht als hocherfreut über Ottos Besuch. Er schloß ihn immer wieder in seine Arme und sagte: »Wollten Sie sich denn gar nicht mit dem glücklichen Mann freuen? Ich habe ein treues Weib und liebe Kinder, die meinen Lebensabend schmücken, wollten Sie gar nicht kommen und sehen, wie reich der Herr mich gesegnet hat?«

Dann holte er seine Gattin und stellte sie dem jungen Pfarrer vor. Auch sie begrüßte den Freund ihres Mannes, von dem sie oft gehört hatte, mit Wärme und Heimlichkeit, um so mehr als sie wußte, daß er der älteste Sohn ihrer Freundin Lorchen war. Otto fühlte sich bald heimisch in der Familie, nur vermißte er ein Glied derselben schmerzlich, hatte aber nicht den Mut, nach ihr zu fragen. Heinrich schlug vor Tisch einen Spaziergang durch den Garten vor. Herr Brown versprach nachzukommen. Die beiden Freunde hatten sich viel zu erzählen, Heinrich konnte nicht genug rühmen, wie glücklich er sei durch die liebliche Gattin, die ihm Gott beschert. Otto hingegen berichtete von seinen Reisen und Erlebnissen, von seiner einsamen Pfarre, und wie er so gern das Mütterlein zu sich nehmen würde, wenn sie der Geschwister wegen aus der Stadt fort könnte.

»Otto, du mußt auch heiraten,« sagte Heinrich, ihm auf die Schulter klopfend.

Otto zuckte mit den Achseln und schwieg.

Sie waren am kleinen Efeuhäuschen. Otto sah es von oben bis unten an. »Dies kleine Haus ist mir früher nie aufgefallen. Jetzt sieht es freundlich und einladend aus, man möchte gleich darin wohnen.«

»Es hat schon eine Besitzerin,« sagte Heinrich, »als Bruder kann ich wohl wagen, dich hineinsehen zu lassen.« Otto wehrte ihm entschieden, doch Heinrich hatte schon die Türklinke erfaßt und wollte eben aufmachen, da drehte jemand hastig den Schlüssel herum und eine Stimme im Innern rief: »Heinrich und Anna, seid ihr's? Jetzt wird nicht aufgemacht!«

»Geburtstagsüberraschungen, ohne Zweifel!« sagte Heinrich lachend.

Da wurde das gerötete Gesicht einer Bäckerin am Fenster sichtbar, eine kleine Hand kam zwischen den Blumentöpfen zum Vorschein und eine Stimme sagte: »Nur zu deinem Besten, Heinrich.« Otto zog seinen Hut. Und Elli? – ja die war so erschrocken, daß sie sofort vom Fenster verschwand und nicht wieder sichtbar wurde. Es war gut, daß sie hinter den Wänden des Hauses ihrer Bewegung Herr werden konnte, sie wollte um keinen Preis ihre Gefühle verraten, die sie übermannten, als sie den unerwarteterweise vor sich sah, mit dem sich ihre Gedanken öfter als sie wollte, beschäftigten.

Heinrich erzählte seinem Freund, wie Mutter und Schwester hier gewohnt, ohne zu ahnen, daß sein Vater in so naher Beziehung zu ihnen stünde. Und als er auf die Schwester zu sprechen kam, da floß ihm das Herz über voll Lobes über sie. Er erzählte dem Freund, wie ihr stiller Einfluß von Segen für die Mutter gewesen sei, wie letztere offen bekenne, daß sie durch ihr Kind erst zur rechten Erkenntnis ihrer Schuld gekommen und wie Vater und Mutter glücklich seien im Besitz ihres Kleinodes. Der Vater habe Elli auf ihren Wunsch das Häuschen zu eigen gegeben. Sie könne darin schalten und walten nach Belieben. Sie habe ihr Stübchen darin, wo sie mit den Freundinnen verkehre, aber auch ihre Küche, wo sie zu besonderen Zeiten Besonderes zu bereiten pflege. So sehe er auch heute einer Überraschung entgegen, denn Elli habe bei Frau Doktor Willers den Haushalt trefflich gelernt.

War es ein Wunder, daß Otto je mehr und mehr in dem Gedanken befestigt wurde, sie und keine andere würde fähig sein, eine gute Pfarrfrau abzugeben?

Endlich schlug die Essensstunde. Alle waren im Speisezimmer versammelt, nur Anna und Elli fehlten. Nun trat Anna herein mit einer wohlgelungenen Torte. Sie war mit Rosen ringsum besteckt.

»Hier, Heinrich,« sagte sie, »das ist Ellis Geschenk. Sie hat den ganzen Morgen für dich in der Küche geschwitzt, aber sieh, wie prächtig der Kuchen auch geraten ist!«

»Wo ist denn mein Schwesterchen?« rief Heinrich. Da trat sie verlegen und schüchtern ein, nicht jubelnd, wie sie es sonst getan haben würde. Heinrich lief auf sie zu, umarmte und küßte sie herzlich und nahm ihre Glückwünsche in Empfang. Otto schaute sie an. So lieblich war sie ihm nie erschienen. Jetzt kam sie, den Gast zu begrüßen. Sie reichte ihm verlegen die Hand und sagte: »Verzeihen Sie, daß ich Sie vorhin nicht bemerkte. Das Zuschließen der Tür galt meinem Bruder, nicht Ihnen.«

»Wer weiß!« sagte Otto lächelnd. »Ich habe es gar nicht anders erwartet, als daß ich bei Ihnen vor verschlossene Türen kommen würde.«

Die andern, die der Rede Sinn nicht ahnten, sahen überrascht aus. Sie wußten ja alle nicht, in welchen Beziehungen Otto und Elli bereits zueinander standen.

Bei Tische herrschte fröhliche Stimmung, und so schwand bei Otto immer mehr das befangene Gefühl, das ihn anfangs beschlichen hatte.

Am Nachmittag erschien Doktor Willers mit seiner Gattin samt Tante Berta. Emilie führte die Aufsicht bei den Pensionärinnen. Sie sollte, wenn am Abend alles beschickt sei, mit ihnen nachkommen. Der Kaffee wurde im Garten eingenommen. Elli saß neben Tante Berta, die ihr zuflüsterte, sie solle mit ihr kommen, sie habe ihr etwas zu sagen. Elli, verwundert, was Tante Berta für Geheimnisse haben könne, folgte ihr und nun offenbarte ihr diese, daß Agnes heute eintreffen würde. Sie wisse ja, wie sie für ihren Neffen schwärme und sie habe ihr das Versprechen abgenommen, sobald Otto komme, es ihr zu melden. Sie würde dann ihren Besuch bei Doktors, die sie schon lange eingeladen hatten, ausführen. Sie habe nun gestern gleich geschrieben, da Otto nur wenige Tage bleiben könne. Es sei doch schön, zwei Menschen glücklich zu machen. Sie wisse, ihr Neffe suche eine Frau, und daß er Agnes gern habe, sei ihr fast zur Gewißheit geworden, da er ihr Bild gestern lange angesehen, auch nach ihr gefragt habe. Sie denke bestimmt, Agnes werde mit dem Abendzug kommen. Dann sei ja Otto die beste Gelegenheit gegeben, um sie zu werben.

Elli erschrak. Als sie sich jedoch an alles erinnerte, was früher vorgegangen war, sah sie es selbst ein, daß es wohl nicht anders kommen konnte. Doch gefiel ihr Tante Bertas Verfahren durchaus nicht, auch hatte sie das Gefühl, als ob Frau Doktorin es nicht billigen würde.

Sie nahm sich vor, so zurückhaltend als möglich gegen den Gast zu sein. Als sie sah, daß die Herren sich anschickten in den Park zu gehen, bat sie Anna, mit ihr ins Efeuhäuschen zu kommen. Dort saßen die Freundinnen gern zusammen, es war Ellis kleines Heim, wo sie nicht mehr träumte, nein, das war vorbei, aber wo sie manchen kleinen Kampf auskämpfte, wo sie ihren Heiland um Kraft und Stärke bat, wenn sie ihr eigenes Unvermögen fühlte. Sie setzte sich mit Anna ans efeuumrankte Fenster, stützte den Kopf aufs Fensterbrett und schaute trübe vor sich hin.

»Du bist in gedrückter Stimmung, Elli. Fehlt dir etwas?« fragte die gute Anna besorgt.

Elli schüttelte den Kopf und schwieg.

Anna ergriff ihre Hand. »Elli, wenn ich dich früher so fragte, sagtest du mir alles; jetzt, da ich deine Schwester bin, solltest du es erst recht.«

»Die Mutter ist jetzt so lieb und gut, der Vater ebenfalls, es wäre unrecht, wenn ich klagen wollte.«

»Aber,« fügte Anna hinzu und sah sie prüfend an, »es bleibt immer etwas zu wünschen übrig. Elli, du hast noch einen Wunsch?«

Elli wurde rot und eine Träne rollte langsam über ihre Wange. Sie umschlang Anna und sagte:

»Wenn du Heinrich nichts sagen willst, dann will ich dir etwas anvertrauen.« Und nun erzählte sie der Freundin, was sie alles mit Otto erlebt, wie er das Notizbuch gefunden und wisse, wie sie über ihn denke, wie er aber ein trefflicher Mensch sei und Tante Elfriedens Pate. Sie schätze ihn sehr und Tante Elfriede habe ihr viel Rühmenswertes von ihm erzählt usw.

Anna lächelte still und sagte nichts darauf. Eben jetzt gingen die Herren am Häuschen vorüber. Als Anna ihren Gatten erblickte, rief sie ihm munter zu, Heinrich grüßte und fragte, ob es erlaubt sei mit dem Freund einzutreten. Elli meinte, der Herr würde sich wohl wenig daraus machen, das kleine Heim zu sehen. Doch sie waren schon eingetreten und standen in dem kleinen Zimmer. Es war zierlich und nett, alles zeugte von dem Geschmack und Ordnungssinn der Bewohnerin. Als Elli ihre Gäste gebeten hatte, sich zu setzen, schien ihr plötzlich etwas einzufallen. Sie ging an einen kleinen Schrank, schloß denselben auf und holte behutsam eine blank geputzte Zinnkanne heraus. Sie ging damit zu Otto und sagte: »Herr Pastor, darf ich Ihnen Ihr Familienerbstück jetzt zurückgeben? Es tut mir leid, daß es so lange in fremden Händen hat sein müssen.«

»Mein verehrtes Fräulein, ich habe wenige oder gar keine Ansprüche darauf. Es hat meinem Onkel gehört, mit dem werden Sie es abzumachen haben.«

»Ihr Herr Onkel hat keine Ansprüche darauf, mit dem ist die Sache ausgeglichen worden. Meine Tante hat die Kanne gegen ein echtes Porzellangeschirr eingetauscht.«

»Und nun soll ich die Kanne als Geschenk von Ihnen annehmen,« sagte Otto belustigt.

»Ich behalte sie nicht,« sagte Elli entschieden. »Nehmen Sie das Erbstück, das Ihrer Familie Eigentum ist. Agnes wird hoffentlich denken wie Sie –«

Sie stockte und wurde rot. Sie war zu weit gegangen, das fühlte sie. Otto war bei den letzten Worten erregt aufgestanden und sagte nun, daß er die Kanne nur unter einer Bedingung wieder nehmen würde, worauf Elli erwiderte, sie wisse nicht, was das für eine Bedingung sei, sie wünsche nur, daß er das Erbstück bedingungslos so bald als möglich an sich nehme. Sie wollte noch etwas hinzufügen, da war er ihren Blicken entschwunden. Da Heinrich und Anna einem Ruf der älteren Herrschaften in den Garten schon früher gefolgt waren, so befand sich Elli allein.

Sie hatte sich so auf Heinrichs Geburtstag gefreut und nun mußte gerade an diesem Tage die schöne Eintracht gestört werden. Aber war sie nicht selber schuld? Sie war erregt über das, was Tante Berta ihr gesagt hatte. Jetzt erkannte sie ihr Herz mit seinen Wünschen und Hoffnungen, die durch Tante Bertas Worte zerstört waren. Sie gelobte sich in der Stille, sie wolle sich selbst über Agnes Glück freuen und dankbar sein für alles, was der Herr ihr in den Eltern und Geschwistern gegeben habe.

Um nicht aufzufallen, ging sie in den Garten zur übrigen Gesellschaft. Otto war verschwunden, es hieß, er habe Tante Berta nach Hause begleiten wollen.

Emilie kam mit den Pensionärinnen, doch Otto erschien nicht wieder. Als Elli Emilie fragte, ob Besuch bei Doktors eingetroffen sei, verneinte es diese und sagte nur, der Briefträger sei dagewesen und habe einen Brief von Agnes an Tante Berta gebracht, wenigstens sei es Agnes Handschrift gewesen.

»Tante Berta,« fing Otto unterwegs an, »warum gehst du so zeitig nach Hause?«

Sie sah ihn prüfend an und fragte: »Warum begleitest du mich?«

»Ich wollte dich nur etwas fragen, Tante.«

Sie sah ihn überrascht an.

»Was hattest du am Kaffeetisch mit Fräulein Brown so eifrig zu sprechen?«

»Hast du uns belauscht?«

»Nein, meine Aufmerksamkeit erregte nur ein Name, der häufig von dir genannt wurde.«

»Wirklich!« sagte Berta verklärt. »Da habe ich mich also nicht getäuscht! Dann laß dir sagen, lieber Otto, daß ich Agnes geschrieben habe, du seiest hier, und daß ich sie mit dem Abendzug erwarte!«

»Was hat der Besuch der Dame mit meinem Hiersein zu tun?« fragte Otto erregt.

Nun beichtete Berta, und Otto wurde so böse, daß er drohte, sofort abzureisen, wenn die Betreffende wirklich die Taktlosigkeit haben würde, zu erscheinen.

Tante Berta war leicht einzuschüchtern. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie selbständig gehandelt hatte, und auch dies hatte sie nur getan, weil sie Agnes bei ihrem Fortgehen hatte versprechen müssen, Herrn Rosts Besuch zu melden, damit sie denselben mitgenießen könne. Nun glaubte sie ein gutes Werk zu tun und mußte sehen, daß es von seiner Seite durchaus nicht anerkannt wurde.

»Wäre ich doch lieber auf meiner Stube bei meinen Büchern und Blumen geblieben. Es taugt nicht, wenn ich mich in die Händel der Welt mische. Otto, vergib und kehre zu deinem Freund zurück, er wird sicher auf dich warten.«

Otto, der einsah, daß er jetzt nicht mitgehen durfte, um die Sache nicht schlimmer zu machen, kehrte verstimmt um. Anstatt aber nach Landhaus Elise zurückzugehen, ging er in Heinrichs Wohnung, setzte sich in dessen Studierzimmer und stützte den Kopf sorgenschwer in die Hand.

Unterdes war Tante Berta zu Hause angelangt, und hatte statt Agnes einen Brief von ihr gefunden. Derselbe lautete:

»Liebe Tante Berta!

Ich komme nicht. Wenn ich für junge Herren schwärmen will, so kann ich das hier ebenso gut als bei Euch. Da ich aber das Schwärmen aufgegeben habe, so schwärme ich auch nicht mehr für Herrn Rost. Ich habe gemerkt, daß Schwärmen ein sehr vergängliches Ding ist, die rechte Liebe aber unvergänglich. Und weil ich einen jungen Mann hier wirklich liebgewonnen habe und er mich, so stehe ich im Begriff, mich zu verloben. In herzlicher Liebe

Deine Agnes.«

»Gott sei Dank,« rief Berta erfreut, setzte ihren Hut wieder auf und trabte in das Landhaus Elise zurück. Sie fand Elli und Anna im Garten auf und ab gehend.

Elli ging erstaunt und fragend auf sie zu. Es war etwas ganz Außergewöhnliches, daß Tante Berta, wenn sie sich einmal verabschiedet hatte, noch einmal wieder auftauchte.

»Wo ist Otto?« rief sie erregt.

»Herr Pastor Rost ist ja mit dir gegangen, seitdem ist er nicht wiedergekommen.«

»Nicht wiedergekommen, o mein Gott, wo ist er denn?«

Nun wurde Elli auch unruhig. Sie beherrschte sich jedoch und sagte nur: »Ich weiß es nicht. Was soll er denn?«

»Es ist wegen Agnes,« flüsterte Berta, worauf Elli sich stolz abwandte und nur sagte: »Du mußt ihn dir suchen, Tante Berta.« –

Jetzt kam Heinrich. »Wer soll gesucht werden?«

»Pastor Rost ist verschwunden,« sagte Anna, »und Tante Berta sucht ihn.«

Elli, die nichts mehr von der Sache hören mochte, ging zu den jungen Mädchen.

»Da ich Otto auch suche,« versetzte Heinrich, »und ich Sie nicht allein suchen lassen will, so wollen wir zusammengehen. Er ist vielleicht in meiner Wohnung.«

»Es ist ja heute gar kein Zusammenhalten,« sagte der alte Herr Brown. »Ich habe mich so unendlich auf meinen jungen Freund gefreut und nun ist er wieder entschlüpft. Heinrich ist auch nicht da.« –

»Lassen Sie doch die jungen Leute,« sagte Doktor Willers, während die Doktorin Elli, die eben herbeikam, scharf ansah.

Otto kam nicht wieder. Heinrich kam nicht wieder, auch Tante Berta blieb vom Schauplatz verschwunden.

Elli war innerlich empört in dem Gedanken, daß Agnes gekommen sein möchte. Zuzutrauen war es ihr, so wie sie sie von früher her kannte. Der Brief war sicher als Vorbote vorausgeschickt.

Elli ließ sich aber nichts merken, sondern widmete sich den jungen Mädchen, denen eine Einladung nach dem Landhaus das denkbar schönste Vergnügen war.

Als alle zum Aufbruch rüsteten, erschien Heinrich. Er flüsterte Anna einige Worte zu, die ein Aufleuchten ihrer Augen zur Folge hatten. Er sagte dann laut zu seiner Gattin, sie möchte sich beim Nachhausegehen Doktors anschließen, er habe noch etwas mit den Eltern zu reden.

Elli räumte schnell den Tisch ab mit Lina, dem nimmer rastenden Mädchen, und ahnte nichts von der Unterredung, welche Heinrich mit den Eltern hatte.

»Also, Vater, er darf im Laufe des morgenden Tages kommen?«

»Zu jeder Stunde, er ist mir stets willkommen,« sagte Herr Brown bewegt. »Wenn ich nur wüßte, wie unser Kind zu der Sache steht?«

»Das wird sich finden,« sagte Heinrich. »Otto ist der beste Mann, den es auf der Welt gibt.«

Heinrich sagte den Eltern gute Nacht und eilte nach Hause, ohne sich vor Elli sehen zu lassen.

Am folgenden Morgen, es war ein taufrischer Morgen, alles blühte und duftete, am schönsten aber entfalteten die Rosen ihre Pracht, da wanderte Otto wieder nach dem Landhaus Elise, diesmal in dem frohen Bewußtsein, von den Eltern willkommen geheißen zu werden.

Heinrich und Tante Berta hatten ihn wirklich am Tage zuvor in der Wohnung des jungen Doktors gefunden. Er hatte sehr gedrückt und sorgenschwer dagesessen. Als aber Berta ihm voll Freude den Brief gezeigt, da hatten sich seine Züge aufgeheitert und er hatte herzlich gelacht. Dann hatte er Tante Berta die Hand gereicht und gesagt: »Tante, die junge Dame ist vernünftiger als du.«

Berta hatte sanft dazu genickt und gemeint, es solle ihr erstes und letztes Mal sein, daß sie sich in anderer Leute Angelegenheiten mische. Darauf war sie entschwunden, ehe die Freunde sich dessen versahen. Heinrich und Otto waren allein.

Otto hatte sich dem Freund vertraut, derselbe glaubte ihm Mut machen zu dürfen und hatte, wie wir wissen, noch denselben Abend mit dem Vater gesprochen.

Herr Brown erfuhr nun von Otto, daß er schon einen Eindruck von Elli gewonnen habe, als er noch sehr jung gewesen, und daß er schon lange gefühlt, daß sie und keine andere die Auserwählte seines Herzens sei.

Herr Brown und seine Gattin gaben dem jungen Mann von Herzen ihren Segen zu seinem Vorhaben, sagten aber beide, daß sie nicht wüßten, wie Elli dächte. Sie habe nie seinen Namen genannt und nie von ihm gesprochen.

Er bat um die Erlaubnis, sie fragen zu dürfen.

Sie nickten lächelnd und Elise sagte, sie sei im Garten, um die Blumengläser mit frischen Rosen zu füllen.

Er ging. Der Springbrunnen plätscherte und die Vöglein sangen. Unter den Linden, dem Springbrunnen gegenüber, saß ein junges Mädchen, den Schoß voll Rosen, die sie zu Sträußchen zusammenband. Sie merkte nicht, daß jemand nahte, da Otto über den weichen Nasen schritt. Nun stand er vor ihr. Sie erschrak, nahm schnell ihre Rosen zusammen, schüttete sie auf die Bank und sprang auf.

»Bleiben Sie sitzen, Fräulein Elli,« sagte Otto herzlich. »Wissen Sie, weshalb ich heute komme?«

Sie nickte. »Darf ich Ihnen Glück wünschen?« sagte sie und zwang sich, ruhig zu erscheinen.

Otto sah sie erstaunt an. »Ich wüßte nicht wozu. Was meinen Sie eigentlich?«

»Ist Agnes nicht gekommen?« fragte Elli verwundert.

»So haben Sie den Unsinn auch geglaubt?«

»Tante Berta sagte es mir. Ihr Verschwinden und Tante Bertas Aufregung – dann Heinrichs Verschwinden –«

»Hat in Ihnen den Gedanken befestigt, daß ich mich mit dem Fräulein, das seinerzeit für mich schwärmte, verloben würde? Dann wäre ich wirklich der gottlose, häßliche Mensch, für den Sie mich einst hielten.«

»Können Sie das gar nicht vergessen,« sagte Elli. »Sie wissen, daß ich lange von meinem Irrtum zurückgekommen bin. Jetzt halte ich Sie nur für stolz und hochmütig,« fügte sie trotzig hinzu.

Otto fragte erstaunt, wie er das verdient habe.

»Sie wollen die Kanne, welche Ihrer Familie gehört, nicht nehmen, obwohl ich mich, wie Sie wissen, dazu verpflichtet habe, sie Ihnen zurückzustellen, sobald sie in meinen Besitz gelangt sei.«

»Ich will sie nehmen,« sagte er entschlossen, »aber nur unter einer Bedingung –«

»Nein, bedingungslos,« forderte Elli hartnäckig.

»Fräulein Elli, die Bedingung ist nicht schwer zu erfüllen, wenn –«

»Wenn es Ihnen ein großer Gefallen ist, so nennen Sie die Bedingung,« sagte Elli, die von seinem bittenden Blick überwunden, nicht länger widerstehen konnte.

»Ich will die Kanne nehmen, wenn – fügte er stockend hinzu – wenn Sie mir alle Tage Kaffee daraus einschenken wollen.«

Jetzt war's an Elli zu erschrecken. Aber nun, da das heraus war, nahm er ihre Hand und bat sie, ihm zu vertrauen. Und als sie in den schattigen Wegen des Parkes auf und ab gingen, da wurden alle Mißverständnisse aufgeklärt, da trat an die Stelle des Humors, den er so gern ihr gegenüber hatte walten lassen, der tiefe Ernst. Sie durfte einen Blick tun in sein Herz, das von treuer Liebe gegen sie erfüllt gewesen war, lange ehe sie es geahnt. Und als sie sich versprochen hatten, fortan in Liebe und Treue zueinander zu stehen, bis der Tod sie scheide, da tat sich auch das jungfräuliche Herz auf; sie sagte ihm, daß er schon lange ihr Herz bewegt habe und sonst keiner.

Dann gingen sie zu den Eltern, die freudigen Herzens die Kinder segneten. Sie wußten es, die Kinder würden glücklich sein auf Erden und ihr Bund ein gesegneter, weil ihre Liebe gegründet war in dem, der in Freud und Leid, in Not und Trübsal unser Trost ist.

Niemand aber war glücklicher als Anna und Heinrich. Sie empfingen die Geschwister mit offenen Armen und Anna flüsterte leise: »Elli, nun sind alle Wünsche erfüllt.«

Am Nachmittag schritt das junge Paar der Wohnung des Doktors Willers zu. Das Haus war wie ausgestorben. Elli meinte, sie würden gewiß alle in jener Laube Kaffee trinken, in der sie beide einst die denkwürdige Unterredung gehabt hatten.

So war es. Otto, der Elli gebeten hatte, im Hause zu bleiben, bis er die Tante rufe, fand sie alle gemütlich um den Kaffeetisch versammelt. Tante Philippine stand auf und ging ihm entgegen.

»Otto, wo bist du geblieben? Nach dem Morgenkaffee warst du verschwunden. Zu Mittag hast du dich nicht abgemeldet, auch den Nachmittagskaffee läßt du uns allein trinken.«

»Ich war im Landhaus. Tantchen, verzeihe meine Verletzung des Hausgesetzes. Es kommen Tage im menschlichen Leben, in denen alles Äußere zurücktritt, wo man nur der Stimme des Herzens folgt. Tantchen, die einst meine Füße auf Kommando hat bestricken müssen, die hat mein Herz bestrickt. Elli ist – –«

Doch kaum hat er das Wort vollendet, kommt Elli aus dem Hause und mit den Worten: »Frau Doktorin, was sagen Sie?« ist sie ihr um den Hals gefallen und weint und lacht zu gleicher Zeit. Frau Doktorin, die gestern schon in der Stille beobachtet hat, begreift schnell die Lage. Sie küßt und umarmt beide und drückt unverhohlen ihre Freude aus. Ebenso der Doktor, der herbeikommt und mit Staunen vernimmt, was geschehen ist. Nun wird es auch unter den Pensionärinnen laut, Tante Berta aber schüttelt ungläubig das Haupt und sagt einmal über das andere, sie habe doch nie gemerkt, daß Elli je für ihren Neffen geschwärmt habe. Otto aber sagte stolz zur Doktorin: »Tantchen, nun habe ich doch eine aus deiner Garde.«

»Möge sie sich bewähren,« sagte Philippine ernst, »und meinen Lehr- und Erziehungsgrundsätzen Ehre machen.«

Als Otto seine Elli zur Mutter brachte, da legte Lorchen segnend die Hände auf das junge Paar, hocherfreut, daß ihr Sohn sich die Tochter ihrer Freundin erkoren habe. Sie bat Gott, daß sie länger zusammenpilgern möchten, als es ihr mit ihrem treuen Gatten vergönnt gewesen war.

Elfriede aber sah verklärt zu ihnen auf, als sie an ihrem Bett standen, nun das erstemal zusammen. Sie nahm ihre beiden Hände in die ihren und segnete sie.

»Eure kranke Tante bittet euch: bleibt bei Jesus, lasset ihn das Licht eures Lebens sein, er wird eure Wege ebnen und alles Wohl mit euch machen.«

Sie drückten ihr beide dankbar die Hände, sie wußten es, sie konnten ihr in Ewigkeit nicht danken für alles, was sie an ihnen getan.

Als sie von Tante Auguste aus Elfriedens Stube geholt wurden, da selbige erklärte, sie wolle auch etwas von den beiden haben, auch bedürften sie leiblicher Stärkung, da sah Tante Elfriede das liebe junge Paar noch einmal mit ihren schönen, verklärten Augen an und sagte: »Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum, unsern Herrn.« Dann legte sie sich erschöpft in die Kissen zurück und rief: »Auf Wiedersehen, wenn nicht hier, so im Himmel.«

Sie fühlte es, ihres Bleibens würde nicht mehr lange sein auf Erden.

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