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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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18. Elli und der Fremde

Auf der Veranda des Landhauses saßen zwei Herren in eifrigem Gespräch, ein alter und ein junger. Die Freundschaft, die im Herbst infolge des Unfalls, den der ältere Herr gehabt, angeknüpft worden, wurde nun durch eifrigen Verkehr fortgesetzt und befestigt. Herr Müller erzählte dem jungen Freund, wie er in seiner Jugend mit Glücksgütern gesegnet gewesen, aber dann in Armut und Not gekommen wäre. Wie er da gelernt hätte ums tägliche Brot arbeiten, und wie er durch angestrengte Tätigkeit und durch Segen von oben abermals zu Wohlstand gekommen, und wie er seitdem den Reichtum als von Gott verliehen ansehe und treu damit hauszuhalten suche.

Otto reichte ihm dankbar die Hand. Er wußte, woher die Zuschüsse in seine magere Studentenkasse gekommen waren den Winter über, er wußte, wer der Wohltäter war, der es seinem Mütterchen so erleichtert hatte. Doch der Fremde wollte von keinem Dank wissen. Er brach ab und erzählte von seinem langjährigen Aufenthalt in Südamerika, nachdem er New York verlassen. Otto mußte dann von seinem Freund berichten, von dem Herr Müller nicht genug hören konnte. In nächster Zeit sollte Heinrich von seiner Reise zurückkehren. Otto hatte ihm im Auftrag des Vaters schreiben müssen, lang und ausführlich. Doch es war keine Antwort erfolgt. Er wußte nicht, welchen Eindruck die wichtige Nachricht auf Körner gemacht habe, daß sein Vater noch lebe und nach ihm verlange.

»Mein Leben wird sich, wenn mein Sohn zurückgekehrt sein wird, freundlicher gestalten,« sagte Müller ernst. »Ich hoffe, mein Sohn wird sich in meiner Nähe niederlassen.«

»Wohl kaum,« entgegnete Otto. »Hier im Städtchen hat man in der Person meines Onkels einen tüchtigen, altbewährten Arzt; für einen zweiten reicht der Kundenkreis nicht und Körner hat die feste Absicht, sich bei seiner Rückkehr einen häuslichen Herd zu gründen.«

Müller sah den jungen Mann fragend an.

»Er wird es Ihnen selbst sagen,« fuhr dieser fort, »daß er bereits gewählt hat. Die Wahl ist eine vortreffliche und Sie –«

»Ich werde einsam bleiben wie zuvor.«

»Sie werden zwei Kinder statt eines haben, einen Sohn und eine Tochter.«

»Sie haben recht, einen Sohn und eine Tochter,« setzte er gedankenvoll hinzu. Er schwieg eine Weile und sah traurig vor sich hin. Plötzlich sagte er in bittendem Ton: »Junger Freund, spielen Sie mir eins Ihrer Lieder.«

Otto holte seine Zither, die er stets mitbringen mußte, und griff in die Saiten.

»Wirf Sorgen und Schmerz ins liebende Herz des mächtig dir helfenden Jesus,« begann er.

Herr Müller schritt, die Hände auf dem Rücken, langsam durch den Garten und seufzte tief. Er war, ohne daß er es merkte, bis ans eiserne Tor gekommen, welches den Garten von der Straße trennte. Da stand ein junges Mädchen, ganz in Träumen versunken, ein Paket im Arm. Sie war schlank und lieblich anzusehen. Die rehbraunen Augen sahen schüchtern und neugierig zugleich in das Eldorado hinein. Als der alte Herr aus dem Gebüsch heraustrat und plötzlich vor ihr stand, tat sie einen Schrei und das Paket entfiel ihren Händen.

Es fiel klirrend zu Boden und der alte Herr sah, daß das junge Mädchen sich erschrocken bückte und die Scherben zusammensuchte. Dabei sah sie so unglücklich aus, daß Herr Müller die Gartentür öffnete und zu ihr trat. Er sagte freundlich: »Ich habe Sie doch nicht erschreckt und bin schuld, daß Sie das Paket fallen ließen?«

»Ja,« sagte Elli, und sah ihn offen und ehrlich an. »Ich wollte längst gern den Besitzer des Landhauses sehen, und als es nun geschah, erschrak ich.«

Der Klang der Stimme, sowie Ellis ganze Erscheinung schien auf Herrn Müller einen besonderen Eindruck zu machen. Er bat sie, näher zu kommen und sich seinen schönen Garten anzusehen.

Sie lehnte es ängstlich ab.

Herr Müller meinte, die Mutter würde nicht böse sein, wenn sie etwas später komme, worauf Elli erwiderte, sie sei in Pension und die Pensionsdame sei strenge. Und da Herr Müller etwas so Gütiges hatte, so vertraute sie ihm, sie habe des Hausherrn Lieblingsvase zerbrochen und habe sie ersetzen wollen, bevor er es merke. Nach langem Suchen habe sie in der Stadt eine eben solche gefunden, es sei die einzige passende gewesen und nun sei dieselbe durch ihre Unvorsichtigkeit auch dahin.

»Kommen Sie mit mir, liebes Kind, ich habe eine Menge solcher Sachen und schöner als diese da. Wenn's auch nicht genau stimmt, so denke ich, kann der Herr mit dem Tausch zufrieden sein.«

Elli mußte ihm folgen. Was würde dies ohne das unglückliche Zerbrechen für ein Glück gewesen sein! Wie würden die übrigen sie beneidet haben. Bang und beklommen folgte sie dem Herrn durch den Garten ohne sich umzusehen. Als sie die Veranda betraten, erhob sich Otto in seiner ganzen Länge und grüßte höflich. Die Zither war verklungen, er hatte schon einige Zeit beobachtet, daß Herr Müller mit dem jungen Mädchen zu tun hatte. Eine dunkle Röte übergoß Ellis Gesicht, sie grüßte wieder, durchschritt die Veranda und betrat den Gartensaal.

»Hier,« sagte Herr Müller gutmütig, »haben Sie die Auswahl, nehmen Sie, was Ihnen beliebt.« Schöne Vasen gab es allerdings, doch keine war an Gestalt und Malerei der zerbrochenen ähnlich. Während Elli die Vasen musterte, musterte Herr Müller das junge Mädchen. Er sah sie nicht nur mit Teilnahme, sondern mit sichtlicher Bewegung an.

Draußen auf der Veranda stand einer und schaute neugierig auf die Gruppe. Er sagte halblaut für sich: »Das junge Mädchen holt schon wieder den Leuten Sachen aus dem Hause.« Er schüttelte lächelnd den Kopf und sah dem weitern Treiben zu. Jetzt schien sie etwas Passendes gefunden zu haben, denn sie strahlte ganz verklärt, als Herr Müller ihr eine reizende Vase übergab. Sie sah ihn bittend an, er lächelte gütig und wehrte mit der Hand. Und nun nahm sie seine große Hand in ihre kleinen, weichen und drückte sie innig und er beugte sich und streichelte sie über den blonden Scheitel. Dann holte der alte Herr ein feines Seidenpapier und wickelte die Vase hinein. Nachdem Elli nochmals gedankt hatte, schlüpfte sie schnell durch die Veranda, wurde wieder rot, als sie Otto grüßte, und enteilte schnellen Schrittes. Die beiden Herren sahen sich fragend an.

»Können Sie mir sagen, wer das liebliche junge Mädchen ist?« sagte Herr Müller erregt.

»Gewiß,« war Ottos Antwort. »Aber dafür müssen Sie mir erzählen, wie sie dazu kommt, Ihnen eine Ihrer kostbaren Vasen fortzutragen.« Herr Müller erzählte in Kürze von dem kleinen Erlebnis. Otto sagte lachend:

»Da werde ich also Gelegenheit haben, die Vase täglich auf dem Schreibtisch meines Onkels bewundern zu können, denn das junge Mädchen ist bei Doktor Willers in Pension, um dort den Haushalt zu lernen.«

»Wissen Sie, wie sie heißt und woher sie ist?«

»Ich weiß nur, daß sie Elli Braun genannt wird. Woher und wohin ist mir unbekannt. Meine Tante sagte mir von unglücklichen Familienverhältnissen und verkehrter Erziehung.«

Herr Müller schwieg und ging in starker Erregung in der Veranda auf und ab. Otto, dem der Gedanke zu fern lag, daß irgend ein Zusammenhang zwischen dem jungen Mädchen und seinem Freund sein konnte, merkte es nicht. Überwältigt von dem eben gehabten Eindruck ging er an seine Zither und spielte: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden.«

Elli war außer Hörweite, und das war gut so, sie wäre vielleicht wieder rot geworden, wenn sie es vernommen hätte. Sie eilte so schnell sie konnte dem Hause zu, denn sie hatte nicht viel Zeit zu verlieren. Beim Abwischen war ihr das Unglück zugestoßen. Der Doktor war nicht zu Hause und Frau Doktorin war böse gewesen und hatte gesagt, daß es ihren Mann sehr verstimmen würde. Darum war Elli mit ihrer Erlaubnis in die Stadt geeilt, um den Schaden zu ersetzen. Erhitzt kam sie zurück. Es war heiß gewesen und das Erlebnis hatte sie erregt. Ohne sich zu besinnen, klopfte sie an des Hausherrn Tür. Ein kräftiges Herein erlaubte ihr einzutreten.

Der Doktor sah verwundert auf, was Elli ihm zu sagen habe.

Es wurde ihr schwer, aber die Wahrheit mußte heraus. So bekannte sie denn ohne Umschweife, daß sie die Vase zerbrochen habe und Ersatz bringe.

Das Zerbrechen war dem Doktor etwas sehr Unangenehmes, besonders wenn es seine Sachen, mit denen er sehr eigen war, betraf.

»Wieder geträumt?« sagte er, Elli von der Seite anblickend.

Sie nickte stumm.

»An was denken Sie nur immer, liebes Kind? Wissen Sie noch, was ich Ihnen sagte, als Sie zu uns kamen? Viel stricken und nicht träumen!«

»Ich stricke jetzt sehr gern,« sagte Elli verlegen.

»Ja, das haben Sie gelernt, aber das andere, ei, ei, das hapert sehr. Sagen Sie mir einmal offen, an was haben Sie gedacht, als Sie meine Vase hinwarfen?«

Elli wurde dunkelrot und sagte leise: »An meinen Strickstrumpf.«

Der Doktor lachte herzlich. »So, Sie denken, wenn Sie das sagen, da dürfe ich nicht böse sein. Nun, was haben Sie denn im Städtchen für ein wunderbares Stück aufgetrieben, das meinen Schreibtisch fortan zieren soll?« Mit diesen Worten nahm er ihr das Paket aus der Hand und wickelte es auf. Ein Ruf der Überraschung glitt von seinen Lippen. »Das haben Sie im Städtchen nicht bekommen. Die Vase ist kostbar, viel wertvoller als die meinige.«

Elli errötete und mußte nun beichten. Sie erzählte alles der Wahrheit gemäß, doch schien der Doktor nicht gerade angenehm berührt davon, daß er gezwungen war, eine geschenkte Vase von Herrn Müller anzunehmen. Ellis offenes Bekenntnis jedoch versöhnte ihn. Er sagte ernst: »Gott behüte Sie, mein Kind, daß Sie stets der Wahrheit die Ehre geben, auch wenn es Ihnen schwer wird. Die zerbrochene Vase schmerzt mich sehr, aber noch viel mehr würde es mir leid tun, wenn Sie um solchen Gegenstandes willen Ausflüchte gemacht oder mich betrogen hätten.« Er entließ sie freundlich und Elli verließ sein Zimmer sehr erleichtert.

Nach Tisch, als die jungen Mädchen ihre Freistunde im Garten genossen, erzählte ihnen Elli zu ihrem größten Erstaunen von ihren Erlebnissen. Sie vermochten es kaum zu glauben, daß Elli nicht nur den Besitzer des Landhauses gesehen, sondern mit ihm gesprochen hatte, von ihm selbst in seinen Garten geführt worden sei, sogar bis ins Haus! Als sie aber zu fragen begannen, als Elli erzählen sollte von den Wunderdingen, die sie geschaut, da zeigte sich's, daß sie gar nichts gesehen hatte, ja, daß sie nicht einmal imstande war, ihnen die Person des alten Herrn zu beschreiben. Die zerbrochene Vase, die Angst und Unruhe deswegen, der Schreck, von Herrn Müller angeredet zu werden, das Erblicken Ottos auf der Veranda, alles hatte sie dermaßen verwirrt und bestürzt gemacht, daß der Eintritt in das Landhaus nicht den erwünschten Erfolg gehabt hatte, den sie sich im Geist ausgemalt hatte. Und doch war ihr Großes widerfahren. Die Güte und Freundlichkeit des Herrn hatten einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen und sie freute sich, bis sie ihn das nächstemal wiedersehen würde.

Am Abend konnte Elli lange nicht einschlafen. Gedanken der wunderlichsten Art gingen durch ihr Köpfchen. Am meisten waren sie in dem wunderbaren Landhaus. Sie hörte noch die Klänge der Zither, die hier wie damals im Pfarrhause so meisterhaft gespielt wurde. Und jetzt hatte sie den Spieler mit Augen geschaut, nun wußte sie, daß es kein überirdisches Wesen war, sondern der Mann, bei dem sie eine so schöne Gabe am wenigsten gesucht hätte. Wie aber war dieser Herr Rost mit dem Besitzer des Landhauses bekannt geworden! Wie gut, daß der einsame Mann einen Freund hatte. Möchte nur Herr Rost um seinetwillen recht lange bleiben.

Doch derselbe weilte bereits einen Monat im Hause seiner Verwandten und hatte schon verschiedene Male von seiner nahen Abreise gesprochen. Ein Brief beschleunigte dieselbe. Es war ihm eine vorteilhafte Hauslehrerstelle angeboten worden in einer gräflichen Familie, die den Winter in Italien zu verleben gedachte. Wie sehr hatte er sich gewünscht, etwas von der Welt zu sehen, seine beschränkten Mittel erlaubten es ihm nicht. Nun stand ihm das vielgepriesene Italien offen; wie wollte er sich die Zeit zum Nutzen und zur Freude dienen lassen.

Er saß in seinem Zimmer und las den Brief noch einmal durch. Als er ihn einsteckte, zog er ein kleines, rotes Notizbuch hervor, das er schon seit einigen Tagen bei sich trug.

»Ob ich es ihr wiedergebe?« sagte er lächelnd. »Ihr Eigentum ist es – aber es wird sie vielleicht zu sehr erschrecken.« Er las wieder die Worte, die er schon unzählige Male gelesen: »Welch ein häßlicher, gottloser Mensch!!!«

»Die drei Ausrufungszeichen sind eigentlich nur Zeichen, aber sie bekräftigen das Gesagte dreifach und drücken das Entsetzen der kleinen Blondine aus. Hoffentlich haben sich ihre Ansichten über mich geändert,« sagte er nachdenklich.

»Wenn ich nicht der Tante versprochen hätte, mich gar nicht mit den jungen Mädchen einzulassen, würde ich die erste Gelegenheit benutzen, dies zu erforschen.« Er drehte das kleine Buch in seinen Händen um und blätterte darin. Auf einer Seite stand: »Wie langweilig ist der heutige Tag, die Mutter ist verstimmt, von Anna habe ich nichts gesehen.«

Und auf einer andern Seite: »Die Mutter ist so mürrisch und verdrießlich. Wie gut, daß ich Anna habe, sie ist mir alles.« »Die Mutter muß eine unangenehme Frau sein,« sagte Otto halblaut. Er zog unwillkürlich Vergleiche zwischen dieser und der seinen, und dankte Gott, der ihn in seiner Mutter so reich gesegnet hatte. Wie würde sich dieselbe freuen, wenn sie von seinen Aussichten hörte, wie glücklich war er, nun auf eigenen Füßen stehen zu können.

Zwei Tage vor der Abreise begab Otto sich nach Tisch nicht wie sonst auf sein Zimmer, sondern in den Garten. Er wollte den schönen Sommertag genießen und seine Mittagsruhe im Freien halten. Er bestieg seinen Lieblingsplatz, der, in einem Nußbaum verborgen, ihn den Blicken aller Welt entzog. Er konnte sehen, was im Garten vorging, wurde aber selbst nicht gesehen. Tiefe Stille umgab ihn, ein leiser Wind nur säuselte in den Bäumen und bewegte die Blätter. Da schlugen Stimmen an sein Ohr. Zwei Mädchen kamen eiligen Schrittes den Weg herauf. Die eine, die Otto für Agnes erkannte, schien sehr aufgeregt zu sein und redete eifrig auf Elli, denn das war die andere, ein.

»Ich kann mir nicht helfen,« sagte sie, »ich schwärme für ihn mit ganzer Seele. Er ist mein Ideal, und wenn er dir noch so wenig angenehm ist, für mich ist er schön.« Potztausend, wen meint die Kleine, dachte Otto, und verhielt sich ruhig auf seinem Baum.

Sie gingen jetzt in die ganz in der Nähe des Baumes befindliche Laube, und Agnes zog Elli neben sich auf die Bank.

»Siehst du, Elli, du sollst meine Vertraute sein, denn dich habe ich von allen am liebsten. O Elli,« sagte sie, und nahm wieder den schwärmerischen Blick an: »Wie einnehmend ist er!«

»Agnes, laß doch das dumme Schwärmen,« sagte Elli ärgerlich. »Wie kann man sich so gebärden um einen Mann, der nichts weniger als schön ist. Die Leibeslänge ist doch eher ungemütlich. Und das Gesicht – nun ja, er hat kluge Augen, aber –«

Otto machte ein höchst belustigtes Gesicht und knisterte mit den Zweigen, um die Mädchen aufmerksam zu machen.

»Was war das?« sagte Elli.

»Ein Vogel,« erwiderte Agnes und fuhr unbeirrt fort. »Ich möchte ihn einmal öffentlich reden hören. Alles, was er sagt, gefällt mir so. O wie schön müßte es sein, immer mit ihm leben zu können –«

»Agnes, hör auf, sonst sag' ich's der Doktorin. Weißt du denn eigentlich genau, was Herr Rost ist? Er sprach heute mittag von einer Hauslehrerstelle, die er in nächster Zeit annehmen wolle.«

»Er ist Kandidat der Theologie und wird einmal Pastor.«

»Also doch!« sagte Elli betroffen. »Ich vermutete es fast nach den Äußerungen, die er heute mittag tat.«

»Er wird gewiß ein bedeutender Kanzelredner.«

»Das kann wohl sein, er ist ja sehr klug – aber ich wollte, er hielte seine Reden wo anders und nicht auf der Kanzel,« sagte Elli offen. »Ich habe Grund, anzunehmen, daß er sehr irrige Ansichten hat.«

Agnes sah sie mit großen Augen an. »Warum denkst du das?«

»Ich habe meine Gründe, die ich dir später erklären will. Ich glaube kaum, daß er sich den geistlichen Beruf freiwillig gewählt hat, er müßte sich denn ganz geändert haben.«

»Hast du ihn früher gekannt?«

»Gekannt gerade nicht. Ich habe ihn einmal im Eisenbahnwagen mit einem Freund reden hören. Das hat mir nicht die beste Meinung von ihm beigebracht. Ich erzähle es dir ein andermal. Dort kommen die andern.«

»O Elli, wie schade.«

»Jetzt hör auf mit Schwärmen und sei vernünftig.«

Emilie rief zur französischen Stunde, und das Gespräch hatte sein Ende erreicht.

Am Abend fiel es allen auf, daß Otto schweigsam und in sich gekehrt war. Selbst die Späße des Doktors vermochten nicht, ihn heiter zu stimmen. Nachdem die jungen Mädchen sich zurückgezogen hatten, sagte Otto zur Tante, als er mit ihr allein war: »Tantchen, das Ende der Erholungszeit ist gekommen. ES wird Zeit, daß ich abreise, man fängt an für mich zu schwärmen und ich habe versprochen, deine Garde unangefochten zu lasten.«

»Meinst du Agnes?« sagte die kluge Frau, die mit ihrem Scharfblick das junge Mädchen längst durchschaut hatte.

Er nickte lächelnd und streckte ihr die Hand hin. »Es ist jedoch nicht gefährlich, wenigstens für mich durchaus nicht. Aber ich gehe.«

»Das ist brav, Otto. Nur nicht mit jungen Mädchen spielen. Viele junge Männer, die derartiges merken, fühlen sich geschmeichelt und sagen Worte, die sie nicht so meinen, die aber in den törichten Mädchenherzen falsche Hoffnungen erwecken. Hat denn Agnes dich etwas merken lassen?«

»Ich habe etwas gemerkt,« sagte Otto ausweichend und verließ, nachdem er Gute Nacht gesagt hatte, schnell das Zimmer.

Am andern Morgen begab er sich schon früh nach dem Landhaus und blieb bis gegen Mittag. Die Trennung von seinem alten Freund wurde ihm sehr schwer. Derselbe bat so dringend, den Abend noch einmal wiederzukommen, daß er es nicht abschlagen konnte.

Bei Tische baten die jungen Mädchen Frau Doktorin, ihnen zu erlauben, während der Freistunde einige Besorgungen im Städtchen zu machen. Fünf durften gehen, eine sollte zurückbleiben. Das Los des Dableibens traf Elli, die sich willig darein ergab, um so mehr, als sie den letzten ihrer Strümpfe zu vollenden und Frau Doktorin ihr gesagt hatte, bis heute abend müsse das halbe Dutzend in ihre Hände geliefert werden, sie wolle dieselben verschenken. Elli war über den Empfänger derselben nicht mehr im Zweifel.

Sie ging mit ihrem Strickstrumpf in den Garten und setzte sich in eine schattige Laube. Doktors gingen zur Mittagsruhe. Otto, der genau von allem Kenntnis genommen hatte, begab sich auch in den Garten. Er entdeckte Elli in der Laube und ging festen Schrittes aus dieselbe zu. Er hatte bis jetzt immer mehr in lustigem Tone mit Elli gesprochen, nun sollte sie ihn von einer andern Seite kennen lernen, er war es sich selbst schuldig.

»Verehrtes Fräulein,« begann er mit ernster Stimme, »verzeihen Sie, wenn ich störe.« Elli sprang erschrocken auf und fragte, ob er hier lernen wolle. Beim Aufstehen war ihr der Meßstrumpf entfallen, er bückte sich danach und hob ihn auf. Nachdem er ihn von allen Seiten betrachtet hatte, verzog sich seine ernste Miene zu einem Lächeln und er überreichte ihn Elli mit den Worten: »Sie stricken ja gewaltig große Strümpfe.«

»Im Auftrag,« antwortete sie schnell und legte die Arbeit in ihr Körbchen. »Ich will, wie gesagt, nicht stören,« fuhr er fort. »Ich möchte nur, bevor ich abreise, Ihnen etwas zurückerstatten, was längere Zeit in meinem unfreiwilligen Besitz gewesen ist.« Mit diesen Worten zog er das bewußte Büchlein aus der Tasche und fügte hinzu: »Sie bekennen sich doch als Eigentümerin dieses?«

Elli war dunkelrot geworden. Sie nahm das Buch, das er ihr hinhielt, schnell aus seiner Hand und stotterte Verlegen, daß sie es allerdings vor mehreren Jahren verloren habe.

»Ich bin nicht so rücksichtsvoll gewesen, es uneröffnet zu lassen. Habe ich recht gehabt, die wenig schmeichelhafte Bemerkung, die dasselbe enthält, auf mich zu beziehen?« Elli zupfte Blätter von der Laube und zerpflückte sie, und sah dabei verwirrt zu Boden.

»Die erste Äußerung,« fuhr Otto fort und sein Ton nahm wieder etwas Lustiges an, »hat mich weniger gerührt. Es kann nicht lauter Schönheiten geben, an meinem Aussehen kann ich nichts ändern. Auch mit der zweiten Bemerkung hatten Sie damals das Richtige getroffen.« Hier nahm er wieder den ernsten Ton an. »Denn ich war los von Gott. Daß ich es nicht mehr bin, verdanke ich nächst Gottes Gnade einer treuen Pate und einer frommen Mutter. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich meinen Beruf nicht gezwungen, sondern aus freier Wahl ergriffen habe. Wissen Sie, daß ich in demselben nicht nur glücklich bin, sondern auch von dem Ernst und der Heiligkeit meines Berufes tief ergriffen. Gott helfe mir, daß ich einmal mein Amt treu verwalte und dadurch in etwas wieder gut mache, was ich in früheren Jahren durch törichtes Reden verschuldet habe.

»Ich bin Ihnen noch schuldig, zu sagen, daß ich gestern auf jenem Baum saß, als Sie mit Ihrer Freundin in der Laube sprachen und, ohne daß ich es wollte, jedes Wort Ihres Gesprächs gehört habe. Ihr Buch würde ich Ihnen längst zurückgegeben haben, wenn ich früher Gelegenheit dazu gehabt hätte. Leben Sie wohl!« Mit stummer Verbeugung verließ er die Laube.

Elli saß wie vernichtet da. Sie drehte das kleine rote Buch krampfhaft in den Händen herum, öffnete es hastig und las immer wieder die mit Bleistift geschriebenen großen Worte. Diese Worte hatte er drei Jahre lang immer wieder lesen können; es war unbeschreiblich peinlich für sie. Und wenn sie sich den Mann, dem sie gegolten hatten, jetzt vergegenwärtigte? Wie ruhig und ernst hatte er gesprochen. Seine klangreiche Stimme tönte noch in ihren Ohren. Er hatte gesagt, er verdanke einer frommen Pate viel. Wohl konnte sie das begreifen, wenn sie an Tante Elfriede dachte, und was dieselbe ihr war. Wie gut würde sie sich in diesem Punkt mit ihm verstanden haben. Agnes hatte recht. Er war ein Mann, zu dem man aufsehen mußte. Agnes, die glückliche! Er hatte gehört, wie sie über ihn dachte. Daß ihm an ihrer guten Meinung lag, konnte man merken. Sie wollte Agnes das damalige Zusammentreffen in der Eisenbahn um keinen Preis erzählen, im Gegenteil. –

»Elli, Elli, wo bist du,« rief die Doktorin, »das Kaffeewasser kocht und du bist nicht am Platze.«

Gegen Abend konnte Elli den letzten ihrer Strümpfe in Frau Doktors Hände liefern. Die Hausfrau sagte lächelnd:

»Das erste halbe Dutzend, hoffentlich folgen noch viele darauf.«

Als Elli eine halbe Stunde später mit dem Deckkorb ins Zimmer trat, kam sie gerade dazu, wie die Tante ihrem Neffen ein Paket Strümpfe überreichte, mit den Worten: »Hier, Otto, das habe ich für dich stricken lassen.«

Er warf einen Seitenblick auf das junge Mädchen und sagte: »Das ist ja riesig liebenswürdig,« und verließ das Zimmer. Hatte er mit dem »riesig liebenswürdig« die Tante gemeint oder sie? Gewiß die erstere, sie war fest überzeugt, daß er sie für sehr liebenswürdig halten mußte. Und doch – wie bittersauer hatte sie sich's mit den Strümpfen werden lassen, und nun kamen sie in die Hände eines, der es nicht zu schätzen wußte. Nun, es konnte ihr ja gleich sein. Mit den Strümpfen schwand vielleicht die Gedankenlosigkeit, und das Träumen hatte für immer ein Ende.

Nach dem Abendbrot empfahl sich Otto den jungen Mädchen, indem er vor der Gesamtzahl eine Verbeugung machte und herzlich für freundliche Verpflegung dankte. Dann ging er nach dem Landhaus, doch mahnte die Tante, den Abschied nicht in die Länge zu ziehen. Der Abend war wundervoll. Doktor Willers saß mit seiner Gattin auf der Veranda, während die jungen Mädchen sich im Garten zerstreuten.

Agnes, die eben von Tante Berta kam, mit der sie Heimlichkeiten zu haben schien, gesellte sich zu Elli. Dieser war es recht, sie wollte gern ihre gestern gesprochenen Worte zurücknehmen.

»Elli,« begann Agnes, als sie allein waren, »du wolltest mir erzählen, warum du Herrn Rost nicht zutrautest, daß er ein guter Pastor wird.« »Ich hatte mich getäuscht,« entgegnete Elli, »ich weiß jetzt bestimmt, daß er die rechten Ansichten hat, daß er – daß er viel besser ist, als ich dachte.«

Agnes, die nicht zu den gründlichen Naturen gehörte, ließ sich an dieser Äußerung genügen und war froh, sich gegen jemand aussprechen zu können. Sie erzählte ihr, daß sie es Tante Berta anvertraut habe, wie sie für Herrn Rost schwärme, dieselbe habe mit ihr schöne, darauf passende Gedichte gelesen und ihr versprochen, wenn sie fort sei, ihr zu schreiben, wenn Herr Rost wiederkäme. Und nun fing sie an, Stellen aus den Gedichten herzusagen: »Seit ich ihn gesehen, glaub' ich blind zu sein; wo ich hin nur blicke, seh' ich ihn allein« usw. »Ist das nicht schön, Elli?« flüsterte sie dazwischen. Oder das: »Die Welten dreh'n sich all um Liebe, Lieb' ist ihr Leben, Lieb' ihr Tod, und in mir wogt ein Weltgetriebe von Liebeslust und Liebesnot.«

Elli war still und ließ sie schwatzen. Sie dachte nur, ob das wohl die rechte Liebe sei, wie Agnes sie äußerte. Ihrem treuen, ehrlichen Gemüt war diese Art zuwider. Ihr war das Herz schwer, sie wußte selbst nicht warum.

Die beiden waren, wie sie es oft abends taten, durch die offene Gartenpforte geschritten und hatten den Weg ins Städtchen eingeschlagen. Ohne daß sie's merkten, waren sie in die Nähe des Landhauses gekommen. Alles lag in tiefem Schweigen. Da tönte plötzlich eine feine Musik durch den stillen Abend. Sie kam aus dem Garten. Es war das Abschiedslied, das Herr Rost seinem Freund spielte: »Wenn Menschen auseinandergehn, so sagen sie auf Wiedersehn – auf Wiedersehn.«

»O Elli, wie schön, wie entzückend!« rief Agnes und zog sie vorwärts, während Elli entschieden zur Umkehr mahnte und den Rückweg antrat. Agnes, die immer noch stille stand und den Klängen lauschte, merkte nicht, daß Elli sie verlassen, erst als sie des Doktors Haus fast erreicht hatte, kam sie ihr nachgelaufen. »Elli, höre doch: ›Es tönt ein voller Harfenklang, den Lieb' und Sehnsucht schwellen, er dringt zum Herzen tief und bang und läßt das Auge quellen.‹« Frau Doktorin stand an der Gartenpforte.

»Kinder, wo schwärmt ihr denn herum?« Sie sah sie prüfend an, besonders Agnes. »Schnell zu Bett, damit ihr morgen frisch zur Arbeit seid,« sagte sie, »die andern sind längst oben. Mondscheinspaziergänge sind nicht gedeihlich.«

Die beiden lagen noch lange wach, Agnes spann goldene Zukunftsträume, obwohl sie nur in Traumbildern lebte. Elli hatte den Kopf unter die Decke gesteckt und weinte bitterlich.

Als die Sechse am andern Morgen herunter kamen, war Otto über alle Berge. Die Doktorin hatte keine wecken lassen, sie wollte mit ihrem Neffen allein sein.

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