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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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17. Der Einbruch

Die Frühlingssonne entsandte ihre warmen Strahlen. Alles was Odem hatte, streckte sich ihr verlangend entgegen. Die Amsel ließ sich hören und hier und da streckte ein Blümlein sein Köpfchen aus der Erde, als wollte es fragen: »darf ich kommen?« Die Schneeglöckchen aber standen alle in Reih und Glied. Sie hatten volles Recht da zu sein, denn sie waren bestellt, den Frühling einzuläuten.

In des Doktors Garten hatten sich fleißige Hände geregt. Das Erdreich war umgegraben, Beete waren abgesteckt, in den nächsten Tagen sollten die jungen Mädchen unter Philippinens Leitung säen und pflanzen lernen. Heute war Sonntag, da gab's außer den notwendigen Dingen nichts zu tun.

Am Morgen waren alle in der Kirche gewesen und jetzt gingen die jungen Mädchen, nachdem sie Frühlingslieder miteinander gesungen hatten, fröhlich plaudernd durch den Garten.

»Mich soll wundern, was da noch herauskommt,« lachte Emilie. »Jeder hat etwas anderes gesehen und wenn wir alles zusammenstellen, müssen die Bewohner von »Landhaus Elise« ganz wunderbare Menschen sein.«

»Ich bleibe dabei, ich habe zwei reizende Kinder gesehen,« rief Wilhelmine. »Sie waren sehr fein angezogen und sahen niedlich aus mit ihren blonden Locken und den frischen Gesichtern.«

»Demnach müßten es junge Leute sein, die dort wohnten,« warf Elli ein.

»Am Fenster stand eine ältliche Frau mit einer großen Strichhaube,« rief Klara.

»Entschieden die Kinderwärterin.«

»Oder die Großmama.«

»Nichts von allem,« kicherte Adelheid. »Ich fragte die Kinder, wie sie hießen und wer ihre Eltern seien. Da erzählten sie mir, ihr Papa sei Maler. Er habe die Zimmer im Landhaus neu gemalt und habe mit dem Herrn drin zu sprechen. Da Sonntag sei und ein so schöner Frühlingstag, habe er sie mitgenommen, damit sie sich den Garten ansehen sollten. Mehr habe ich nicht erfahren können.«

»Unsere Köchin sagt, in der Stadt erzählte man sich, die Herrschaft lebe bis jetzt ganz zurückgezogen. Man habe im Winter nie jemand aus- oder eingehen sehen. Nur eine alte schweigsame Dienerin besorge die nötigen Einkäufe und rede wenig. Nun, im Sommer wird schon alles ans Tageslicht kommen; wer zuerst das rechte entdeckt, bekommt eine Belohnung.«

Mit diesen Worten waren die jungen Mädchen um das Haus herumgegangen und wollten eben hineingehen, als am Gartentor heftig geklingelt wurde.

»Die Kinderwärterin! die Großmutter, nein die Wirtschafterin aus dem Landhaus,« flüsterten die jungen Mädchen einander zu. Elli, welche schnell die Gartentür geöffnet hatte und nach dem Begehr der Frau gefragt, stürzte an den andern vorbei mit den Worten: »Denkt euch dies Glück! Der Doktor wird in dem Landhaus gebraucht, nun werden wir alles erfahren.«

Sie riß ohne anzuklopfen des Doktors Tür auf und rief: »Herr Doktor, Sie sollen nach dem »Landhaus Elise« kommen, es ist jemand krank dort.«

Der Doktor, der eben sein Mittagsschläfchen hielt, fuhr in die Höhe. Jetzt erst merkte Elli, daß sie wider alles Gebot gehandelt habe, und entschuldigte stotternd ihr schnelles Hereinbrechen.

»Immer in Gedanken,« schmollte der Doktor. »Gedankenlos macht rücksichtslos. Wer so ein schweres Tagewerk hat wie ich, dem ist wohl ein wenig Schlaf zu gönnen.«

Elli ging betreten zu ihren Genossinnen zurück, sie war traurig, daß der gute, liebe Doktor mit ihr gezürnt. Wie konnte sie auch so gedankenlos sein, ihn im Mittagsschlaf zu stören. Da kam er wirklich schon, er glaube gewiß, der Fall sei sehr dringlich, und jetzt erst, während Elli alles in Ruhe überdachte, besann sie sich, daß die Frau gesagt, der Herr Doktor möchte gelegentlich einmal hinkommen. Ja, wenn nicht ein so geheimnisvoller Zauber um das Landhaus gelegen hätte. Die jungen Mädchen hatten sich so in ihre Gedanken hineingelebt, daß der Wunsch, tiefer in die Geheimnisse des verschlossenen Hauses einzudringen, immer reger wurde. Und nun auf einmal war durch das Erscheinen der Frau die Möglichkeit geboten, näheres zu erfahren.

Während des Abendessens pflegte der Doktor gern zu erzählen, heute war er ernst und schweigsam. Tante Berta, seine Nachbarin, die von den Vorkommnissen unten wenig hörte, oder, wenn sie es hörte, in der Regel wieder vergaß, fragte ihn, ob er unwohl sei.

»Der Mittagsschlaf fehlt mir,« sagte er verdrießlich.

Elli, die gerade hinter ihm stand, um ihm den Tee zu reichen, flüsterte halblaut, er möge ihr verzeihen, es tue ihr so sehr leid, daß sie ihn unnötigerweise gestört habe.

»Keine Verletzung der Hausordnung wieder,« sagte er und drohte lächelnd mit dem Finger. Eine Bitte um Verzeihung konnte ihn aber sofort besänftigen. Er wurde freundlich und gesprächig und erzählte, daß er zum erstenmal im »Landhaus Elise« gewesen sei. »Ein hübsches Haus,« fuhr er fort, »und ein prächtiger Garten.«

Die jungen Mädchen hörten auf mit Essen und sahen alle sechs den Doktor mit Spannung an.

»Was haben Sie denn, Adelheid,« sagte dieser, »so essen Sie doch. Sie sehen aus, als sollte sich etwas Fürchterliches ereignen.«

Adelheid wurde glühend rot und zog den Oberkörper, den sie ganz nach vorn gebeugt hatte, damit ihr ja nichts von der wundersamen Mär entgehen sollte, schnell zurück.

Der Doktor, innerlich über die Neugierde der jungen Mädchen belustigt, schwieg eine ganze Weile, bis endlich die Doktorin ausrief:

»Nun, Doktor, da rede doch nur gerade heraus. Was ist's denn mit dem geheimnisvollen Hause? Von wem ist es denn bewohnt, und wie heißt der Besitzer?«

»Ei, ei, meine Frau Gemahlin ist auch von Wißbegierde geplagt. Der Besitzer hat einen ganz wunderbaren Namen, er ist kaum auszusprechen. Er kommt selten hierzulande vor. Ich habe mir ihn aber trotzdem gut gemerkt, und glaube ihn auch richtig aussprechen zu können.«

»Nun?« fragte die Doktorin gespannt.

»Der Mann heißt – Müller.«

Die ganze Tischgesellschaft lachte und der Doktor am herzlichsten. Dann fuhr er fort:

»Familie hat er keine, darum war bisher nichts von der Familie zu sehen. Also, ein alter Junggeselle oder vielleicht auch Witwer, namens Müller, seine Familienverhältnisse hat er mir nicht aufgedeckt, bewohnt mit einer älteren Wirtschafterin das Landhaus. Der Mann scheint Vermögen zu haben, es war alles reich und fein eingerichtet. Der Garten verspricht unter der Leitung eines Gärtners noch schöner zu werden als unter dem früheren Besitzer –«

»Was fehlte ihm denn?« forschte die Doktorin.

»Er hatte Schmerzen an einem Fuß, den er sich im Herbst verrenkt hatte. Doch ist es nicht schlimm. Ich habe ihm eine Einreibung gegeben und werde in einigen Tagen einmal wieder nachsehen. Der Mann hat mir übrigens gefallen, er scheint viel von der Welt gesehen zu haben und will nun hier sein Alter in Ruhe beschließen.«

»Warum gerade hier? Es wundert mich, daß er sich unser unbedeutendes Städtchen ausersehen hat.«

»Er hat auf der Durchreise das Haus gesehen und sagte mir, die hübsche Lage, sowie der Name habe ihn angezogen. Da es zum Verkauf angeboten sei, habe er es sich zu eigen gemacht. So, nun bitte ich keine Fragen weiter. Ich weiß durchaus nichts mehr und denke, das soeben Erzählte wird meine verehrten Zuhörer vollständig befriedigen.«

Ob es ganz befriedigte? Die jungen Mädchen hätten jedenfalls lieber gesehen, wenn etwas mehr Märchenhaftes um die Sache gewesen wäre. Es war ihnen gar nicht recht, daß der Zauber gebrochen war und daß ein Herr wie alle Herren mit einem nur zu gewöhnlichen Namen das schöne Landhaus mit dem prächtigen Garten bewohnte.

Eines Tages aber, im Mai, als die Bäume blühten und volles Frühlingsleben sich entfaltet hatte, kam Adelheid eiligst zu ihren Genossinnen und verkündete unter lautem Staunen, daß sie auf ihrem Gange nach der Stadt einen Mohren gesehen habe, einen leibhaftig schwarzes Menschen. Auch ein Papagei habe sich auf einer Messingstange in der Veranda geschaukelt. Sie sollten nur kommen und es sehen, sie habe sich nicht getäuscht. Das nahm nun den jungen Mädchen wieder die Köpfe und Gedanken ein, und als Frau Doktorin kam und sie statt bei der Arbeit beim Schwatzen fand, klopfte sie in die Hände und rief: »Was ist mir das! Zwei gehören in die Küche, zwei habe ich im Garten angestellt, zwei haben die Stuben in Ordnung zu bringen und jetzt finde ich alle sechs zusammen, schwatzend als ob Feierabend wäre!«

Die jungen Mädchen waren weggeweht wie die Spreu vom Winde. Wenn sie auch nicht mehr zusammen schwatzten, so war gewiß keine, die nicht bei der Arbeit an Herrn Müller, an seinen Mohren oder an den Papagei auf der Messingstange dachte.

Im Garten des Landhauses blühte und duftete es, die Vögel sangen um die Wette und flogen lustig von Baum zu Baum. Alle Vorübergehenden blieben stehen und priesen den glücklichen Besitzer dieses reizenden Heims. Aber niemand ahnte, daß drinnen ein einsamer Mann wohnte, der alle seine Herrlichkeiten willig hingegeben hätte, wenn er Kunde gehabt hätte von denen, die ihm die nächsten hätten sein sollen auf Erden. Während die Wände seines Hauses von manchen Seufzern und Tränen hätten berichten können, herrschte bei Doktors fröhliches Leben. Wo sechs junge, blühende Mädchen hausen, da kann kein Trübsinn aufkommen. Tränen gab es freilich auch, sogar oft in reichlicher Fülle. Aber sie fallen bei jungen Mädchen nicht so ins Gewicht, hinter den Wolken bricht die Sonne immer wieder durch. Unter der festen Leitung der trefflichen Hausfrau entfalteten sich nicht nur die wirtschaftlichen Fähigkeiten der jungen Mädchen, auch das innere Leben gedieh unter Philippinens gesegnetem Einfluß. Ihr natürliches, urwüchsiges Wesen ließ bei den Pflegetöchtern eine Frische und Natürlichkeit aufkommen, die mehr anzieht als ein gemachtes Wesen. Die verschieden beanlagten Wesensarten rieben sich oft aneinander. Doch lernten die Mädchen sich ineinander fügen, ihre gegenseitigen Fehler in Liebe tragen. Daß sie das lernten, war gut. Im späteren Leben begegnen sich oft seltsame Naturen, die verschiedensten Menschen werden zusammengewürfelt. Wohl dem, der sich in den andern zu fügen weiß, der, eingedenk des Wortes: »Einer trage des andern Last,« nicht nur von andern getragen sein will, sondern seinen Nächsten zu tragen weiß mit seinen Schwächen und Gebrechen und in selbstloser Liebe nicht das Seine sucht, sondern das, was des andern ist.

Unter den blühenden Bäumen und duftenden Büschen in Doktors Garten wanderte ein junges Mädchen, das heute nicht viel von dieser Liebe zu spüren schien. Mit verdrießlichem, mißmutigem Gesicht ging sie einher. Dann blieb sie stehen und stampfte mit dem Füßchen, daß der Kies knirschte. Gerade in diesem Augenblick legte sich eine Hand auf ihre Schulter.

»Klara, du hast kein Sonnenscheingesicht, du paßt besser in den Keller, wo die saure Sahne steht, als unter Gottes lichtblauen Himmel. Was ist dir denn zugestoßen?«

Nun begannen die Klagen. Kein Mensch habe sie lieb. Die andern jungen Mädchen flüsterten und kicherten immer zusammen, sobald sie komme, entflöhen sie. Sie fühle sich einsam und verlassen und wisse recht gut, daß sie über sie lachten usw.

»Weißt du,« sagte die Doktorin ernst, »daß du einen großen Fehler hast. Du bist mißtrauisch. Mißtrauen ist ein böser Wurm, der allen Frohsinn zernagt und alle Freude nimmt. Ein mißtrauischer Mensch sieht überall Trug und Verrat und wird nie seines Lebens froh. Bitte Gott, daß er dich heile von diesem Schaden und dir die rechte Liebe ins Herz gebe. Eine köstliche Blüte der Liebe ist das Vertrauen. Hast du Liebe, so hast du Vertrauen, und hast du beides, dann wird die Stirn glatt und die sauren Mienen verziehen sich.« Dabei nahm sie Klaras Kopf in ihre beiden Hände und sah sie freundlich an. »So, nun geh und schaff dir zu morgen Sonnenschein an, deine Genossinnen sind nicht so schlimm, wie du denkst.«

Damit ging Frau Doktorin. Klara aber grollte: »Das sind sie doch, ich werde mich heute gar nicht um sie kümmern und morgen erst recht nicht.« Ja morgen! Kein Mensch wußte es hier, daß Klara morgen Geburtstag hatte; sie wollte ganz für sich sein, niemand brauche ihr Glück zu wünschen, denn lieb habe sie doch niemand.

Und doch wußten sie's. Elli hatte es erkundet, daß Klaras Geburtstag am Mittwoch in der Pfingstwoche sei, und die jungen Mädchen hatten in der Stille beraten, wie sie Klara eine Freude machen könnten. Daher das Flüstern, das Geheimtun. Nachdem sie der Doktorin Erlaubnis hatten, wurde beschlossen, abends, wenn alle schlafen gegangen seien, einen Kuchen zu backen. Es kam ihnen zu statten, daß Klara aus Gesundheitsrücksichten immer eine halbe Stunde früher zu Bett ging als die übrigen. Am Morgen war ein Gang in die Stadt notwendig geworden, um alles zum Backen Erforderliche einzukaufen. Das hatte den ersten Verdruß mit Klara gegeben. Warum sie nur allein bleiben müsse und die andern fünf die Bevorzugten seien? Als Frau Doktorin sagte, eine Stütze müsse sie behalten, fügte sie sich, aber mit grollendem Herzen. So war sie in einer wenig festlichen Stimmung, während die andern kaum den Abend erwarten konnten. Klara ging schon um acht zu Bett, Kopfweh vorschützend. Für die übrigen war es sehr wünschenswert. Sie begaben sich in die Küche, banden sich Backschürzen um und waren eifrig und geschäftig beim Zuckerreiben, Zitronenschälen, Mandelwiegen usw. Dann wurde der Teig gerührt und in die große Kuchenform getan. Nachdem der Ofen immer wieder geprüft worden, hatte man endlich die Form glücklich hineingeschoben. Nun saßen die fünf am Herd und plauderten zusammen in nächtlicher Stille. Doktors waren inzwischen schlafen gegangen, auch die Dienstboten, die früh heraus mußten, waren ins Bett geschickt. Der Kutscher wohnte drüben bei seinen Pferden, kurz, alles schlief in Frieden. Die fünf aber malten sich aus, wie erstaunt wohl Klara sein würde, wenn sie sie morgen mit Blumen und Gesang begrüßten.

»Jetzt bräunt sich der Kuchen,« sagte die sachverständige Emilie. »Wir wollen den Teller bereitstellen, damit wir ihn aus der Form stürzen können, sobald er gut ist.«

»Den Teller habe ich im Eßzimmer stehen lassen.« rief Elli, »ich will ihn schnell holen.«

»Aber leise,« warnte Wilhelmine, »daß Frau Doktorin nicht erwacht.«

Elli stieg die untere Treppe mit einem Licht in der Hand hinauf und wollte eben die Eßstubentür aufklinken, als sie ein höchst verdächtiges Geräusch aus diesem Zimmer kommen hörte. Mit schweren, gewichtigen Männertritten ging es einher. Elli durchrieselte es eiskalt vor Schreck. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, kurz entschlossen den Schlüssel im Eßzimmer herumzudrehen und war nun also sicher, daß der Dieb, der jedenfalls eingebrochen war, an ihr nicht zum Mörder werden konnte. Sie flog zu Doktors Schlafstubentür und mit dem Schrei: »Diebe im Haus!« riß sie dieselbe auf, um weiter zu fliehen, und diese Schreckenskunde dem vierblätterigen Kleeblatt, das soeben in stolzer Freude den wohlgeratenen Kuchen aus dem Ofen brachte, zu verkünden. Die jungen Mädchen, erst starr vor Schrecken, griffen hastig in der Küche nach Verteidigungsgeräten. Elli rannte zu den Dienstleuten, die schon durch grelles Läuten der Frau Doktorin aufgeweckt, sich fragend im Bett aufrichteten. »Lotte und Mine, schnell, es sind Diebe im Haus!«

Ein lautes Kreischen war die Antwort. Als Elli in die Küche zurückkam, standen die vier kampfbereit. Emilie war mit einem eisernen Feuerhaken bewaffnet, Wilhelmine mit der Kohlenschaufel, die schmächtige Agnes mit dem geschliffenen Bratenmesser, während Adelheid die dazu passende zweizinkige Gabel im Arm führte. Elli ergriff in Ermangelung einer andern Waffe den größten hölzernen Kochlöffel, und so zogen die Bäckerinnen in die oberen Räume, wo soeben der Doktor im Schlafrock, Frau Doktor im Morgenkleid auftauchte, letztere mit ängstlich fragender Gebärde. Elli deutete stumm auf das Eßzimmer. Wirklich, da hörte man wieder deutlich schwere Tritte. Jetzt klapperte eine Tasse –

»Mein Geschirrschrank,« wimmerte Frau Doktorin, »mein bestes Porzellan. Und alles Silberzeug im Eßschrank, o das Unglück!«

»Ich werde schießen,« sagte der Doktor ruhig. Mit diesen Worten zog er einen Revolver, den er unter dem Schlafrock verborgen trug, hervor.

»Um Gotteswillen, Doktor, richte kein Unglück an,« jammerte die sonst so tapfere Frau. »Lieber will ich alles einbü–«

Ein lauter Schrei des Entsetzens aus allen Kehlen, denn jetzt wurde am Türdrücker geklinkt und zwar ganz heftig und eine männliche Stimme ließ sich vernehmen. Was dieselbe gesagt, konnte kein Mensch wissen, sie wurde übertäubt durch die angstvollen Frauenstimmen. Jetzt kam Johann mit der Laterne über den Hof, denn der Doktor hatte nach ihm geklingelt.

»Johann, es sind Diebe, wie kommen wir ihnen am besten bei.« sagte der Doktor, Johann beim Arm nehmend.

»Nun, von vorne, Herr Doktor. Im Eßzimmer ist Licht und die Verandatür scheint aufzustehen.«

»Gut, da gehen wir ums Haus herum und fassen sie von der Seite ab.«

»Um Gotteswillen, Mann, stürz dich nicht ins Verderben,« rief die Doktorin entsetzt, »wir wissen ja gar nicht, wie viele es sind.«

Jetzt erschienen Lotte und Mine in verzweifeltem Zustand. Zitternd und bebend kamen sie herbei, jede mit einem handfesten Rutenbesen über die Schulter. Gleichzeitig wurden Tante Berta und Klara sichtbar, beide in Regenmäntel gehüllt, einen Eimer Wasser zwischen sich tragend.

»Wo ist das Feuer?« riefen sie zitternd.

»Feuer ist nirgends. Diebe sind eingebrochen,« rief Emilie. »Wir haben es nur Elli, welche sofort das Eßzimmer verschloß, zu verdanken, daß wir nicht alle ermordet daliegen.«

»O mein Gott, Diebe,« jammerte Tante Berta und rang die Hände. »Das ist ja noch schrecklicher als Feuer.«

Jetzt kam der Doktor mit Johann aus dem Garten zurück.

»Die Verandatür ist geschlossen. Wir sahen den Schatten eines baumlangen Mannes und da wir nicht wissen, ob es noch mehr sind, so müssen wir uns erst ausrüsten, bevor wir den Angriff wagen.«

Ein tüchtiges Rütteln und Klopfen an der Tür ließ abermals alle aufschrecken, doch ertönten jetzt deutlich die Worte:

»Tante Philippine, Onkel Fritz, schließt doch die Tür auf und laßt den armen Wanderer endlich ein.«

Emilie, welche der Tür zunächst stand und diese Worte deutlich hörte, während die andern wieder scheu zusammenfuhren, drehte den Schlüssel um. Die Türklinke bewegte sich wieder, die Tür öffnete sich und mit den Worten:

»Ist hier Empörung?« erschien ein anständig gekleideter Herr, ein Licht in der Hand haltend und die seltsame Gruppe vor sich mit höchstem Erstaunen musternd. Der Herr war baumlang, trug einen grauen Sommerüberzieher und hatte mit seiner Brille ein gar gelehrtes Aussehen. Er sah einem Spitzbuben durchaus nicht ähnlich.

»Otto, du bist's?« sagte die Doktorin in maßlosem Erstaunen. »Wie bist du hereingekommen?«

»Nicht wie ein Dieb durchs Fenster, sondern wie andere ehrliche Leute durch die offene Verandatür.«

Die Doktorin sah die jungen Mädchen strafend an. »Wer hat das Amt des Zuschließens?«

Adelheid zeigte mit dem Bratenmesser auf Elli, die vor Schreck ganz bleich geworden war und den breiten Kochlöffel schützend vors Gesicht hielt. War's vor Scham über ihre Vergeßlichkeit oder wollte sie nicht erkannt sein? Aber Ottos kluge Augen richteten sich forschend auf das junge Mädchen, während der Doktor sagte:

»Ei, ei, Elli, schon wieder die Leute umsonst aus dem Schlafe geweckt und das ganze Haus in Unruhe gebracht. Doch jetzt möchte ich entschieden um Ruhe bitten. Ich ersuche die verehrten Insassen des Hauses, sich in ihre verschiedenen Gemächer zurückziehen zu wollen.«

Otto erklärte jedoch lachend, er müsse erst vor der ganzen Versammlung beichten, wie er dazu komme, so hinterrücks bei Nacht und Nebel in das Haus seiner Verwandten einzubrechen. Er habe mit einem früheren Zuge eintreffen wollen, habe aber unterwegs unerwartet einen Freund getroffen, der schuld sei, daß er den späteren Zug habe benutzen müssen. Er habe die ehrliche Absicht gehabt, an der Hausklingel zu schellen. Da habe er die weitgeöffneten Verandatüren erblickt und natürlich diese bequemere Art, ins Haus zu kommen, vorgezogen. Eben habe er sich beim Onkel melden wollen, da sei ihm der Weg ins Haus durch das Schließen der Eßstubentür versperrt worden. Nun sei ihm erst durch das Rufen und Schreien der weiblichen Stimmen, sowie durch die darauf folgende Bewegung im Hause klar geworden, um was es sich handle, und er habe vergebens versucht, durch Rufen und Klopfen die Hausbewohner zu beruhigen.

»Durch deinen Anblick ist es vollständig geschehen,« sagte die Doktorin lachend. »Ich wußte nicht, daß du noch Studentenstreiche machen konntest, wiewohl du keiner mehr bist. Doch komm, daß ich dir ein Ruheplätzchen anweise. Ihr Mädchen macht, daß ihr zu Bett kommt.«

Schnell war die Gesellschaft davon. Otto sagte lachend zur Tante: »Eine wunderliche Garde, Tantchen. Mit den Sechsen hätte ich es ausnehmen wollen, trotz der fürchterlichen Waffen.«

Die jungen Mädchen waren in die Küche geeilt und Klara, die über allem ihren Mißmut vergessen hatte, zürnte diesmal nicht, als die übrigen sie baten, hinaufzugehen, sie wollten sich nur ihrer Waffen entledigen. Es war ein Glück, daß der Kuchen aus dem Ofen war, ehe die Aufregung erfolgte. Sonst wäre er unter allen Umständen zu Kohle verbrannt. Nun gingen sie hinauf, aber noch lange plauderten sie von dem Schreck und der Bestürzung und der nachfolgenden Überraschung.

Agnes flüsterte begeistert: »Welch ein einnehmender Mann! Für den könnte ich schwärmen.«

»Das laß nicht die Doktorin hören,« sagte Adelheid. »Die ist sehr gegen das Schwärmen. Schwärmerei, sagt sie, sei etwas Ungesundes, ein kranker Auswuchs, der weggeschnitten werden müsse. Sprich das Wort nicht in ihrer Gegenwart aus, mir ist's einmal schlecht ergangen.«

Elli, die schon im Bett lag und von wunderlichen Gedanken eingenommen war, fand es unbegreiflich, für diesen langen Herrn, der immer wieder ihre Wege durchkreuzte, zu schwärmen. Aber merkwürdig war er ihr, das konnte sie nicht leugnen. Daß er nun als Gast hier weilte und sie beide unter einem Dach wohnten, wollte ihr fast unmöglich scheinen. Aber es war doch nun Gelegenheit, ihn kennen zu lernen, er war ihr wichtig, weil er ein Freund Doktor Körners war.

Am andern Morgen sehr zeitig weckte Emilie. So leise wie möglich kleideten sich die Mädchen an, holten ein Tischchen mit einem weißen Tuch, setzten den Kuchen, einen prächtigen Blumenstrauß und ihre kleinen Geschenke darauf, stellten einen Blumenspruch, den Elli gewählt hatte, so auf, daß Klara die Worte gleich sehen mußte, traten dann hinter einen Bettschirm, den Frau Doktorin ihnen zu diesem Zweck bewilligt hatte, und begannen mit leiser Stimme das Geburtstagslied: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.«

Als das Lied beendet war, hörten sie ein lautes Schluchzen, Klara hatte sich schnell unter dem Singen angekleidet und als die Mädchen hinter dem Schirm hervorkamen, um zu sehen, welchen Eindruck die Überraschung gemacht, breitete Klara ihre Arme nach ihnen aus und rief unter Weinen und Lachen: »Vergebt mir mein mürrisches, böses Wesen, es soll nie wieder vorkommen.« Und nun dankte sie ihnen allen für die unverhoffte Freude, und ihr Gesicht hatte dabei einen so sonnig verklärten Ausdruck, daß man es hübsch nennen konnte.

Elli deutete auf den Spruch und Klara nickte verständnisvoll. Da stand es mit goldenen Buchstaben: »Seid niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch untereinander lieb habt.«

»Das wollen wir uns ins Herz schreiben,« sagte Elli. Die andern jungen Mädchen stimmten dem bei. So hatte die Liebe das böse Unkraut erstickt und den Sieg davongetragen. Elli dachte an Tante Elfriede. Welche Freude würde es ihr gewährt haben, dieser kleinen Begebenheit beizuwohnen.

Die Doktorin empfing Klara mit mütterlicher Umarmung und Ermahnung. Sie strich ihr liebevoll die Wangen und meinte, so freundlich habe Klara noch nie ausgesehen. Letztere sagte, ein mürrisches Gesicht solle Frau Doktorin nie wieder bei ihr finden.

»Vergiß nicht, täglich Gott um Hilfe zu bitten, mein liebes Kind. Von uns selber können wir nichts.«

Elli seufzte. Das hatte sie auch erfahren. Und gerade in dem täglichen Kampf mit dem alten Menschen erfuhr sie's immer wieder, daß wir aus eigener Kraft nichts vermögen, daß aber die Kraft dessen, der versprochen hat, sich in den Schwachen mächtig zu erweisen, sie tragen und heben mußte, sollte anders ihr Tagewerk gelingen. Vergaß sie Gott um Hilfe zu bitten, da kamen die alten Schwachheiten und Fehler ungeheißen und überrumpelten sie. Gestern hatte sie das Köpfchen voller Geburtstagsgedanken wegen Klara, daß sie darüber ihre Pflicht, die Verandatür zu schließen, versäumt hatte. Was hatte diese Vergeßlichkeit wieder alles zuwege gebracht!

Der Doktor war heute morgen sehr gut gelaunt. Der nächtliche Vorfall war zu belustigend gewesen, und als er die Gestalten alle der Reihe nach durchnahm, von der verehrten Frau Gemahlin in der Nachthaube an bis zu Lotte und Mine mit den jammervollen Gesichtern und den Besen im Arm, lachten alle herzlich und die Heiterkeit war eine allgemeine.

Nun ertönten laute Schritte im Hausflur. »Unser Räuber scheint zu kommen,« sagte der Doktor lachend. Fröhlich trat Otto ins Zimmer, er grüßte nach allen Seiten hin und nahm neben der Tante Platz. Der Doktor neckte ihn weidlich, während die Doktorin mütterlich besorgt für seine leiblichen Bedürfnisse aufkam.

Nachdem er die Neckereien des Onkels eine Weile gutmütig aufgenommen hatte, ließ er seine klugen Augen prüfend über die Versammlung gleiten und sagte dann plötzlich:

»Wem habe ich denn eigentlich meine Beförderung zum Räuber, Mörder u. dgl. zu verdanken?«

Niemand antwortete, aber unwillkürlich richteten sich aller Blicke auf Elli, die verwirrt und beschämt dasaß.

Während der junge Mann dem Fräulein eine stumme Verbeugung machte, ergriff der Doktor das Wort und sagte, Elli habe sich ganz geschickt benommen. Daß sie sofort das Eßzimmer verschlossen habe, zeuge von Geistesgegenwart. Er wolle einmal den Menschen sehen, der keinen Lärm mache, wenn er in mitternächtlicher Stunde unberufene Männertritte vernehme. Es gebe genug gottlose Menschen –

»Unter denen ich der vornehmste bin,« ergänzte Otto, Elli scharf prüfend.

Elli errötete tief, denn jäh schoß es ihr durchs Herz, was sie längst vergessen hatte. Sie hatte diesen Mann nicht nur einen gottlosen Menschen genannt, sondern es ihrer Freundin schriftlich bezeugt, und dieses Zeugnis konnte möglicherweise in die Hände dessen gelangt sein, der es am wenigsten sehen sollte. Doch fürchten wollte sie das nicht. Daß er die Antwort gab, war durch des Doktors Bemerkung veranlaßt.

Philippine hatte nun Ottos Hand ergriffen und sagte: »Otto, du bist recht kräftig geworden, seit ich dich nicht gesehen habe, überhaupt,« sie betrachtete ihn wohlgefällig, »hast du dich sehr zu deinem Vorteil verändert.«

»Meinst du,« sagte Otto belustigt. »Eigentlich gelte ich immer für häßlich.« Er warf Elli abermals einen Seitenblick zu und sah, wie sie aufs neue errötete.

Die Tante widersprach der letzten Äußerung. ES half aber nichts. Otto sagte, dagegen ließe sich nichts machen, das habe er schwarz auf weiß. Er lenkte dann geschickt das Gespräch auf etwas anderes, schaute aber wieder unbemerkt Elli an, an deren Verlegenheit er nun deutlich merkte, daß sie es sei und keine andere, die das Büchlein verloren. Ihr dagegen wurde es unheimlich in dem Gedanken, daß er das Büchlein gefunden und vielleicht noch im Besitz desselben sei. Aber fragen konnte sie ihn unmöglich danach, sie mußte also in der peinlichen Ungewißheit bleiben.

Aus Ottos Reden ergab sich, daß er mehrere Wochen zu bleiben gedachte. Er schien eine Prüfung gemacht zu haben und wollte bei Onkel und Tante einige Wochen der Ruhe pflegen. Vorgestellt war er den jungen Mädchen als ein Herr Rost. Elli glaubte, er sei ein angehender Arzt, während Agnes behauptete, er müsse Kandidat der Theologie sein. Letzteres verwarf Elli als etwas Unwahrscheinliches.

Als die jungen Mädchen allein waren, sprachen Agnes und Adelheid ihr Entzücken darüber, daß der junge Herr längere Zeit zu bleiben gedenke, unverhohlen aus. Emilie und Wilhelmine äußerten ihre Gefühle weniger. Daß es ihnen nicht unangenehm war, sah man an ihren befriedigt dreinschauenden Gesichtern. Klara war heute ganz mit ihren Geburtstagsbriefen beschäftigt, nur Elli überkam ein banges Gefühl. Hätte sie aber jemand gefragt, ob der Lange reisen oder bleiben solle, sie würde sich Wider ihren Willen für das letztere entschieden haben.

Was kümmerte er sich um die sechs Zöglinge oder Lehrlinge seiner Tante. Er wollte ausruhen im Hause seiner Verwandten, und dann die Freundschaft mit einem älteren Herrn, der sich hier käuflich niedergelassen hatte, pflegen.

Bei Tische erwähnte er dieses Herrn als des Besitzers des Landhauses Elise, und erzählte, daß er vorhabe, ihn am Nachmittag aufzusuchen und täglich einige Stunden bei ihm zuzubringen.

»Du kennst den Besitzer des Landhauses Elise?« sagte der Doktor erstaunt, und die jungen Mädchen, denen dieser Herr die merkwürdigste Persönlichkeit aus der Welt war, obwohl sie ihn nie gesehen hatten, sahen Otto mit unverhohlenem Erstaunen an. Es regte sich ein Gefühl von Neid gegen diesen Bevorzugten, der von Herrn Müller sprach als von einem genauen Bekannten. Wie wünschten sie, an seiner Stelle sein zu können und im Landhaus freien Zutritt zu haben! Aber einen Vorteil hatten sie doch dabei. Sie würden von dem geheimnisvollen Hause mehr hören als bisher. Daß Ottos Besuch dadurch noch anziehender wurde, läßt sich denken.

Eine Woche war vergangen. Otto hatte sich bei den verwandten häuslich niedergelassen, ohne daß er viel mit den jungen Mädchen in Berührung kam. Sie sahen ihn nur bei den Mahlzeiten, da er viel arbeitete, den Doktor auf seinen Fahrten begleitete und oft in dem Landhaus verkehrte.

Eines Morgens jedoch, als Elli in der Eßstube mit Abwischen beschäftigt war – die andern Mädchen hatten teils oben, teils in der Küche zu tun, der Doktor war ausgefahren und die Doktorin war im Garten beschäftigt – wurde die Tür schnell geöffnet. Otto erschien mit der langen Pfeife im Mund und einem Buch in der Hand, um sich auf die Veranda zu setzen. Er sagte: »Verzeihung,« als er Elli erblickte, durchschritt hastig das Zimmer und trat auf die Veranda. Statt sich dort zu setzen, stellte er die Pfeife behutsam in eine Ecke, legte das Buch auf den Tisch und näherte sich Elli mit lustigem Gesicht:

»Mein verehrtes Fräulein,« begann er, »wir sind uns eigentlich ganz fremd, haben noch nie miteinander gesprochen und doch haben wir uns schon in seltsamen Lagen zusammengefunden. Sie haben mich bei meinem Eintritt in dies Haus als Dieb verschrieen, und ich hätte die größte Lust, Ihnen dies Wort in femininum zurückzugeben, denn Sie haben einen Raub an einem Familienerbstück begangen, den Tante Philippine Ihnen nie verzeihen wird.«

»Sie händigten mir aber doch die bewußte Kanne freiwillig ein.«

»Höchst gezwungen. Hätte ich eine Minute länger Zeit gehabt, würde ich Verwahrung eingelegt haben, überhaupt kam mir der Befehl des Onkels so unerwartet. Ich glaubte, die Kanne sollte geputzt werden oder dergleichen. Daß Sie sie sich angeeignet haben, erfuhr ich erst später.«

»Meine Tante hat eine unglückliche Neigung für derartige Sachen. Es war für mich höchst peinlich, die Bitte auszusprechen.«

»Es knüpften sich sehr viele Jugenderinnerungen daran, besonders für meine Mutter,« sagte der junge Mann. »Onkel Karl scheint weniger an solchen Dingen zu hängen, aber ich meine, die Kanne hätte der Familie erhalten bleiben müssen. Ich z. B. würde ein altes Familienerbstück hoch in Ehren gehalten haben.«

»Nach dem Tode meiner Tante,« sagte Elli verlegen an ihrer Latzschürze zupfend, »geht die Kanne wahrscheinlich auf mich über. Ich verpflichte mich, sie der Familie wieder zuzustellen. Und,« fügte sie mutig hinzu, »da ich aus Ihrer Hand die Kanne empfangen habe, so werde ich, sobald ich darüber frei verfügen kann, sie Ihnen persönlich wieder einhändigen.«

»Was für Familien- und Erbschaftsangelegenheiten werden hier verhandelt?« sagte die Doktorin, die eben die Veranda betrat und ein höchst erstauntes Gesicht machte, ihren Neffen mit einem der jungen Mädchen in Unterhaltung zu finden.

Otto erzählte lachend die Kannengeschichte und Philippine, die schon davon gehört und außer sich darüber gewesen war, wollte es kaum glauben, daß Elli damit im Zusammenhang stehe. Sie machte es ihr zur Pflicht, das wertvolle Stück der Familie zurückzugeben, und entließ sie mit einem Auftrag.

Otto erkundigte sich nach dem Namen des jungen Mädchens, auch nach ihren Eltern. Sie beschäftigte ihn mehr als er sich gestehen mochte. Die Tante, die es merkte, hob den Finger und sagte ernst:

»Es ist nichts für dich. Es sind unglückliche Familienverhältnisse. Das Mädchen ist sehr verkehrt erzogen.«

»Tantchen,« sagte Otto lachend, »brauchst dich nicht zu beunruhigen. Ich denke vorderhand noch nicht im entferntesten daran, mir die Töchter des Landes anzusehen. Ich muß,« und sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, »tüchtig arbeiten, um mich auf mein künftiges Amt vorzubereiten.« Damit nahm er sein Buch und sagte: »Also Tante, ich halte es einstweilen mit den Büchern und lasse deine Garde unangefochten.«

»Das will ich mir auch ausgebeten haben. Es gibt ohnedies genug bei ihnen aufzupassen.«

Er verschwand mit Buch und Pfeife und setzte sich in eine entfernte, dicht bewachsene Laube. Philippine ging in die Küche, um die jungen Köchinnen, die bedenklich viel schwatzten, durch ihr Erscheinen in Ordnung zu bringen.

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