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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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16. Die jungen Mädchen und ihre Fehler

»Der erste Schnee!« rief Klara erfreut, als die sechs jungen Mädchen Anfang Dezember am Fenster des Eßzimmers saßen. Sie füllten ihre Freistunden mit Weihnachtsarbeiten aus und plauderten dabei.

»Wenn der erste Schnee fällt, geht's heute abend zu Tante Berta, da gibt's Bratäpfel,« sagte Emilie.

Sie ließen die Arbeiten ruhen und sahen den Schneeflocken zu, wie sie lustig durch die Luft wirbelten. Zu Tante Berta gingen die jungen Mädchen gern. Es war so traulich und heimlich in ihrem zierlichen Stübchen, sie selbst so liebreich und gut. Sie war eine unpraktische, schwärmerisch angelegte Natur, und würde sich allein nicht durchs Leben gefunden haben. Ungleichere Schwestern wie Philippine und Berta konnte es kaum geben, um so edler war es von ersterer, daß sie der heimatlosen Schwester nach dem Tode der Eltern ihr Haus anbot. Berta ihrerseits suchte sich dankbar zu bezeigen und diente der Schwester mit ihren Gaben, indem sie die jungen Mädchen in der Musik unterrichtete, Französisch mit ihnen las und ihnen Literaturstunde gab. Die Stunde, welche sie nach dem Kaffee gemeinsam bei Tante Berta verbrachten, gehörte zu den angenehmsten des Tages. Es erinnerte an die Schulzeit und war doch anders. Es gab keine Schulangst bei Tante Berta. Mit stets gleicher Geduld und Langmut verbesserte sie, wenn falsch gelesen wurde, schwieg, wenn Aufgaben nicht zur Zufriedenheit ausgefallen waren. Kurz, unter allen Umständen und in allen Lagen blieb Tante Berta freundlich und gut. Es war, als wollte sie durch das Übermaß ihrer Güte die Strenge der Schwester ausgleichen. Und doch würden sich die jungen Mädchen unter ihrer milden, aber unsichern Hand nicht halb so wohl gefühlt haben, als unter Philippinens sicherer Führung. Aber als Tantchen, das man nur lieb zu haben brauchte, konnte man sich keine bessere wünschen.

Der Doktor neckte sie gern, doch das trug sie mit liebenswürdigem Gleichmut. Nichts konnte sie in Harnisch bringen, sie wandelte still und friedlich ihre Bahn, Liebe säend und erntend. Es war gut, daß ihr das Los so gefallen war, daß andere für sie sorgten und ihr die Mühen und Unruhen des Lebens abnahmen. Wäre sie in einen andern Beruf hineingestellt worden, hätte das Leben sie rauher angefaßt, dann wäre sie vielleicht verkümmert und würde der Last erlegen sein. Wer weiß, ob sie dann glücklich geworden wäre und andere glücklich zu machen verstanden hätte?

Nach der Literaturstunde – Tante Berta hatte mit Begeisterung aus der Jungfrau von Orleans vorgetragen und sich vorlesen lassen – lud sie die jungen Mädchen feierlich zum Abend ein. Elli und Agnes wurden zum Teemachen bestellt, und sie selbst wanderte mit der bekannten schwarzen Ledertasche in die Stadt, um Gebäck für den Abend einzukaufen. Doktors hatten für denselben Abend eine Einladung in der Stadt angenommen, zwei der jungen Mädchen durften sie jedesmal begleiten. Heute zogen sie es vor, alle zu Tante Berta zu gehen.

So finden wir sie abends schmuck und sauber am wohlgeordneten Teetisch. Im Ofen zischten und summten die Äpfel und die diensttuenden jungen Mädchen eilten geschäftig hin und her, bald die Äpfel wendend, dann auftragend, was Tante Berta gespendet hatte. Elli sieht frisch und rosig aus, und bewegt sich mit einer Gewandtheit und Schnelligkeit, die man früher nicht an ihr kannte. Auch das Träumerische in den Augen hat sich mehr verloren, sie fühlt festen Grund unter sich und lernt gewisse Schritte tun. Die feste Hand, die sie leitet, hätte sie schon früher gebraucht, aber sie ist bestrebt, mit neunzehn Jahren noch nachzuholen, was sie in früheren Jahren versäumt hat. Es war in den zwei Monaten nicht immer glatt abgegangen, es hatte manche Demütigungen gegeben; aber sie hatten dazu gedient, Elli mehr und mehr auf sich achten zu lehren, und da sie mit Ernst trachtete, nach Gottes Wort zu wandeln, so lernte sie aus demselben täglich die rechte Weisheit. Das Wort Tante Elfriedens aber: »Vergiß im Gewirre des Lebens deinen Heiland nicht,« stand ihr immer oben an.

Mit ihrer Mutter stand sie in regelmäßigem Briefwechsel. Diese bemühte sich, wenig zu klagen, aber Elli vermochte zwischen den Zeilen zu lesen, wie schwer sie es bei der Tante hatte, und wie ihr die Wunderlichkeiten der alten Dame das Leben oft unerträglich machten.

»Ich habe zwar mein eigenes Stübchen,« schrieb sie, doch wird es im Winter aus Sparsamkeitsrücksichten nicht geheizt, und ich sitze Tag für Tag mit der Tante und ihrem Kater in dem vollgepfropften Warenlager der Wohnstube. Machen wir einmal einen Ausgang, so kommen wir schwer beladen zurück mit allerhand wertlosem Gerümpel, das unterzubringen große Mühe kostet. Schon fängt die Tante an, diesen und jenen Gegenstand in mein Zimmer zu stellen, und es wird nicht lange währen, so wird auch mein kleiner Zufluchtsort ein Stapelplatz alten Gerümpels sein. Doch ich muß mich bücken und schmiegen, es ist die Strafe für mein vergangenes Leben. Elli, lerne beizeiten, dich im Leben nützlich zu machen, es ist hart, wenn man im Alter nicht auf eigenen Füßen zu stehen vermag.«

Solche und ähnliche Briefe der Mutter befestigten in Elli das Verlangen, etwas Tüchtiges zu lernen. Sie tröstete die Mutter, daß es nach Ablauf eines Jahres besser werden sollte, wiewohl sie selbst ein Grauen erfaßte, sich später für immer an die Häuslichkeit der Tante gebannt zu sehen. Aber vielleicht würde es ihr gelingen, die Mohrdorfer Behausung ein klein wenig behaglicher zu machen. Dies stachelte sie an, fleißig zu sein, zu lernen und sich selbst in Zucht zu nehmen. Anders war es mit Agnes, die, von Haus aus verweichlicht, sich schwer in die streng geregelte Tätigkeit finden konnte. Sie hatte etwas Schwärmerisches und hing mit leidenschaftlicher Liebe an Tante Berta, als an einer ihr verwandten Natur. Die Doktorin bemerkte es mit Mißbehagen, da sie gerade für Agnes Bertas Einfluß als unerwünscht ansah. Doch kamen die jungen Mädchen wenig mit Berta zusammen. Sie liebte die Einsamkeit, ihr Zimmer, ihre Bücher und Blumen, mit der Außenwelt hatte sie keinen Verkehr.

Der heutige Abend war deshalb auch eine Ausnahme. Und weil eine Einladung bei Tante Berta etwas Besonderes war, wurde sie von den jungen Mädchen hochgeschätzt. Sie lobten das schöne Teegebäck und aßen von den verlockenden Bratäpfeln, die zum Schluß aufgetragen wurden, mit Wohlbehagen. Berta, die sonst keine Neuigkeitskrämerin war, verkündete heute den jungen Mädchen, daß sie ihnen etwas Reizvolles mitzuteilen habe. Sie sei beim Gang in der Stadt an dem »Landhaus Elise« vorübergegangen, das seit dem Tode der Besitzer verschlossen gewesen sei. Da haben alle Fenster aufgestanden, es sei geputzt und gescheuert worden darin, und zufällig habe sie gehört, daß ein reicher Herr von weither es angekauft habe und es demnächst beziehen würde.

Dieses Landhaus, das schönste und vornehmste der Stadt, war schon lange Gegenstand der Teilnahme für die jungen Mädchen gewesen. Es war nicht groß, aber sehr geschmackvoll gebaut und von einem Garten umgeben, der durch seine reizenden Anlagen stets das Entzücken der Vorübergehenden war. Die jungen Mädchen hatten immer bedauert, die Besitzung so verödet und verlassen zu sehen. Sie hatten sich oft ausgemalt, wie schön es sein müsse, dort als Herrin zu walten. So hörten sie denn mit großem Erstaunen, daß das Landhaus gekauft sei, und ergingen sich in Vermutungen, wer wohl die Familie sein werde, und wer von ihnen zuerst etwas von ihnen hören werde.

»Klara und Wilhelmines Woche ist es, Besorgungen zu machen,« rief Adelheid. »Wie schade, daß ich nicht zuerst in die Stadt komme, ich wollte euch die gewissesten Nachrichten bringen.«

»Du wärest neugierig genug,« meinte Emilie, »alles auszuforschen.«

»So etwas muß ergründet werden,« sagte Adelheid beharrlich, »ich bitte Frau Doktorin, mich morgen in die Stadt zu lassen.«

Tante Berta, welche fürchtete, schon zu viel gesagt zu haben, schlug nun vor, ihre Albums zu holen und aus der Jugendzeit zu erzählen. Während die jungen Mädchen in den Stammbüchern blätterten und sich über die vergilbten Blätter, über die altmodischen Handschriften und Verse wunderten, erzählte Tante Berta, wie sie daheim sechs Schwestern gewesen, zwei seien jung gestorben, eine im Auslande verheiratet, wie auch die Großmutter im Hause gelebt und das ganze Hauswesen geleitet habe. Wie sie selbst aber nicht der Liebling der Großmutter gewesen, weil sie Poesie und Wissenschaft höher geschätzt, als die Werke des Haushalts. Aber Frau Doktorin sei der Großmutter Stolz gewesen, die habe sich ganz nach ihr gebildet und sei deshalb eine so vortreffliche Frau geworden. Die jungen Mädchen sollten sich glücklich schätzen, von ihr lernen zu können. Während dieselben eifrig auf Bertas Erzählungen lauschten, saß Elli still und sah ein vergilbtes Blatt nach dem andern eines kleinen Stammbuches durch. Aber immer wieder griffen die Hände nach dem einen, was sie beiseite gelegt hatte. Ein zierliches Vergißmeinnicht war von kunstfertiger Hand darauf gemalt und mit kleinen steifen Schriftzügen, wie sie nur ihrer Mutter eigen waren, standen die Worte geschrieben: Gleich einem rosigen Bach, der sanft durch Rosengesträuche die Ufer rieselnd benetzt, so müsse im Schoße des Glücks, o Freundin, dein Leben verstreichen, von keinem Unfall verletzt. Darunter: Elise Willen, der Mädchenname ihrer Mutter, und hier stand »Bergen«, der Name des Städtchens.

»Nun, Elli, was vertiefst du dich denn in den Stammbuchvers,« sagte Tante Berta und nahm ihr das Blatt aus der Hand. »Elise Wilken war eine Jugendfreundin von uns Schwestern, besonders die meiner Schwester Lorchen. Sie ist in Amerika verheiratet und hat nie wieder etwas von sich hören lassen. Sie war sehr reich, diese Elise, und das einzige Kind ihrer Eltern. Ihr Gatte soll ein reicher Handelsherr in New York sein. Sie wird in ihrer reichen Umgebung nicht mehr an das stille Städtchen und das einfache Pfarrhaus zurückdenken.«

Elli war sehr erregt. Sie hatte es auf den Lippen, zu sagen: »Es ist meine Mutter,« aber eine gewisse Scheu, die trüben Lebensschicksale ihrer Mutter hier bloß zu legen, ließ sie schweigen. Auch wollte sie den lästigen Fragen der jungen Mädchen entgehen.

Sie blieb den Abend sehr gedankenvoll, und als die jungen Mädchen die Photographiealbums holten, denn bei Tante Berta konnten sie sich alle Freiheiten gestatten, zog sie still ihren Strickstrumpf vor und begann zu arbeiten. Ei, wie klapperten die Nadeln und wie schnell und gewandt bewegten sich die Finger. Ein fertiger Strumpf liegt schon vor ihr und der zweite naht sich seinem Ende. Mit großer Gewissenhaftigkeit hat sie alle Schwierigkeiten überwunden. Sie konnte ohne anderer Hilfe einen Strumpf anfangen und vollenden. Es war in den zwei Monaten eine Errungenschaft, auf die sie stolz war. Wessen Füße diese ihre Strümpfe einst bekleiden würden, konnte ihr ja gleich sein. Warum mußte sie sich immer wieder die Persönlichkeit ausmalen und wie kam es, daß der älteste Neffe der Frau Doktorin in ihren Gedanken immer die Gestalt und das Ansehen jenes Unbekannten hatte, der ihr in jenem Pfarrhaus am Seestrand die Kanne überreicht hatte? –

»Elli, lege das Strickzeug weg. Bei Tante Berta wird nicht gestrickt,« mit diesen Worten rückte Emilie näher und legte das Album so, daß Elli mit hineinsehen mußte. Sie wandte das Blatt und rief: »Fünf Jungen in gestreiften Anzügen! Sieh doch, Elli!«

»Die Jungen kenne ich,« jubelte Elli erstaunt. »Das sind Pastor Kunzes fünf, hier der Ernst, der Karl, der Bernhard, Fritz und der kleine Philipp. Ich kenne sie vom Seebade her.«

Nun mußte Elli erzählen, wie sie Tante Bertas Neffen habe kennen lernen. Welche Entdeckung war es aber für sie selbst, dieser Zusammenhang mit den Familien, mit denen sie zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten bekannt geworden war! Was gab das ihren Gedanken für eine neue Richtung. Tante Berta erzählte, wie auch sie zeitweise versucht habe, im Hause ihres Bruders zu leben, doch die Jungen hätten es unmöglich gemacht. Die beständige Aufregung sei für ihre Nerven zu viel gewesen. Ihre urwüchsige Schwägerin passe zur Mutter vieler Jungen, habe aber ein schweres Tagewerk. Ihr Bruder sei sehr mit Amtsgeschäften überhäuft, daß er wenig Zeit für seine Familie habe.

So verging der Abend unter mancherlei aufregenden Entdeckungen. Am andern Morgen wurden die jungen Mädchen durch ihre streng geregelte Tätigkeit in Anspruch genommen, doch wollte es Elli gar nicht von der Hand gehen. Die Gedanken waren immer wo anders als wo sie sein sollten. Frau Doktorins Scharfblick hatte schon beim Morgenkaffee entdeckt, daß Elli träumte. Ohne daß diese es merkte, wurde sie scharf beobachtet. Jedes junge Mädchen hatte ihre gewissen Ämter, an Elli war es in dieser Woche, die Lampen zu putzen. Sie war eben dabei, dieselben mit Öl zu versehen, als ihr plötzlich einfiel, daß sie vergessen habe, ihr Bett zu machen. Sie ließ alles im Stich und lief hinauf.

Wie gut, daß sie es tat, die fünf übrigen Betten waren alle in Ordnung mit Bettdecken versehen, nur das ihrige, wie sie es am Morgen verlassen. Schnell begann sie, es aufzuschütteln. Doch, o weh, die Hände waren nicht sauber. Sie ging an den Waschtisch, es fehlte an Seife. Sie mußte ein Stück aus der Kommode holen. Wo war der Schlüssel? Auch nicht am rechten Fleck. Sie hatte ihn gewiß im gestrigen Kleide. Sie ging an den Kleiderschrank und suchte in der Tasche des Kleides. Dasselbe hatte sie angehabt, als sie zuerst zu Pastor Kunzes ging wegen der Kanne. Sie stand sinnend still. Kunzes waren also nahe Verwandte von Doktor Willers? Wie merkwürdig! Wenn sie doch alle einmal zu Besuch kämen, das wäre lustig. Was würden die Jungen für erstaunte Gesichter machen, sie hier zu treffen. Jetzt hatte sie den Schlüssel. Ob Frau Doktorin die fünf Jungen wohl besser in Zaum und Zügel halten konnte als die Mutter? Sie ließ den Kleiderschrank weit offen in reiner Gedankenlosigkeit und ging an die Kommode. Sie schloß auf. Was wollte sie doch? Da stand ein zierliches Muschelkästchen, das hatte sie sich selbst geklebt im Bade. Die Muscheln hatte sie an dem Nachmittage gesucht, wo sie ihre Anna so unverhofft am jenseitigen Ufer des Flusses getroffen hatte. Wie mochte es nur Anna gehen, sie hatte lange nichts von ihr gehört. Und was machte Doktor Körner, der feine, liebenswürdige junge Mann in weiter Ferne?

Frau Doktorin, die Ellis plötzliches Fortlaufen wohl gemerkt hatte, war ihr nach kurzer Zeit gefolgt. Sie hatte schon auf der Treppe gestanden und still zugesehen, als Elli am offenen Kleiderschrank träumte. Jetzt stand sie in der Schlafstubentür, Elli beobachtend. Diese nahm ein Kästchen nach dem andern aus dem Schrank und betrachtete jedes sinnend. Bei jedem gab's eine andere Erinnerung, das Badeleben war doch sehr hübsch gewesen und die lustigen Jungen. –

Ein Windstoß vom Fenster her ließ sie auffahren. Es schneite wieder und der Schnee kam zum Fenster herein. Sie wollte es schließen und sah in den schneebedeckten Garten. Wie mochte es wohl in Kunzes Garten aussehen. Was würden die wilden Jungen nun treiben? Vielleicht machten sie einen Schneemann, so lang – – so lang wie der Vetter?

Wie der Vetter! Richtig, der lange Vetter gehörte auch zur Familie. Und war der Vetter Kunzes Vetter, dann war er doch auch Doktors Vetter. Und die Strümpfe, die sie strickte, waren – o welch eine Entdeckung! waren am Ende für den langen Vetter!

»Mein Kind, was machst du hier,« sagte eine ernste, ausdrucksvolle Stimme. Elli sah in jähem Schrecken in das unzufriedene Gesicht der Doktorin. Sie nahm sie schweigend bei der Hand, zeigte aus das halbfertige Bett, auf den offenen Schrank, ging mit ihr zur Tür hinaus, ließ sie den weitgeöffneten Kleiderschrank wahrnehmen, ging dann mit ihr die Treppe hinunter, wo die im Stich gelassenen Lampen standen. Die Ölkanne, die sie geöffnet auf der Erde hatte stehen lassen, war umgestoßen und hatte sich ihres Inhalts entleert.

»Zu sagen brauche ich wohl weiter nichts, die Tatsachen reden für sich. Ei, ei, Elli, so etwas noch nach zweimonatlichem Aufenthalt in meinem Hause!« Mit diesen Worten verließ die Doktorin Elli, welche durch die stumme Überführung ihrer Schuld härter gestraft war, als durch eine lange Strafrede. Sie unterdrückte mit Mühe die hervorquellenden Tränen, machte alle halbbegonnenen Arbeiten fertig und ging dann reuig, der Doktorin Verzeihung zu erbitten. Im Eßzimmer traf sie Adelheid in Tränen. Dieselbe hatte Staub gewischt und dabei an der halboffenen Tür gehorcht, gerade als Frau Doktorin ihrem Gemahl Ellis Gedankenlosigkeit klagte. Der Doktor hatte sich plötzlich umgedreht und laut gerufen: »Und doch ist mir Elli mit ihren Tränen zehnmal lieber als Adelheid mit ihrer abscheulichen Neugierde!« Der Doktor tadelte die jungen Mädchen selten, er überließ es seiner Frau. Um so mehr wirkten diese kurzen, kräftigen Worte bei Adelheid, die sich eingebildet hatte, zu den besonders Bevorzugten zu gehören. Die gute Doktorin war dann in die Küche gegangen, nicht ahnend, daß dort neuer Verdruß ihrer wartete. Wilhelmine hatte die Milch überlaufen lassen. Agnes hatte eine Schüssel mit gekochtem Obst hingeworfen und war eben dabei, die Scherben aus dem auf der Erde liegenden Kompott zu sammeln. Emilie endlich hatte Streit mit den Dienstmädchen und Klara ging schon den ganzen Tag mit sauren Mienen umher, denn sie glaubte sich von den übrigen vernachlässigt. Einige leise Worte, die Emilie und Wilhelmine miteinander gewechselt, hatten sie in dem Verdacht bestärkt, daß man etwas gegen sie habe.

Überall hatte die Doktorin zu strafen, zu ermahnen. Es galt heute, die Zügel straff zu ziehen und das verstand sie. Mit strenger Entschlossenheit ging sie ans Werk. Gab's auch zu Mittag erhitzte Gesichter und vom Weinen gerötete Augen, so ging doch sonst alles wie am Schnürchen. Elli, die in dieser Woche das Amt des Tischdeckens hatte, hatte nichts vergessen. Adelheid, die sonst gesprächige, war auffallend schweigsam und blickte zuweilen von unten auf nach dem Doktor hin, dessen Worte sie bis ins innerste Herz getroffen hatten. Tante Berta saß still an ihrem Platze, nichts ahnend von den Widerwärtigkeiten des Lebens, mit denen man in den unteren Räumen gekämpft hatte, Während sie oben in Blumenduft und Poesie gelebt hatte.

»Euer gestriger Besuch bei Tante Berta scheint üble Folgen gehabt zu haben. Ihr habt alle sechs eure Schuldigkeit nicht getan,« sagte Frau Doktorin zu Elli, die ihr nach Tisch gefolgt war, um sie wegen ihrer Gedankenlosigkeit um Verzeihung zu bitten. Elli erzählte ihr offen und bescheiden, daß sie durch den gestrigen Besuch bei Tante Berta die Entdeckung gemacht habe, daß ihre Mutter mit der Familie der Frau Doktorin befreundet gewesen sei, dies, sowie noch anderes, habe sie so verwirrt, daß sie heute morgen immer daran habe denken müssen. Als dann Elli den Mädchennamen ihrer Mutter nannte, war die Doktorin aufs höchste betroffen.

»Elise Wilkens Tochter bist du, das einzige Kind der reichen amerikanischen Kaufmannsfrau?«

»Reich sind wir nicht mehr,« sagte Elli leise, »sondern sehr arm, wir hängen ganz von der Güte einer alten Tante ab.«

»Das ist die Tante, die dich hieher geschickt hat?« fragte die Doktorin. »Hätte ich dies ahnen können!« Sie schaute Elli lange ins Gesicht. »Ähnliches hast du von der Mutter, im Gesicht weniger als in der Gestalt und Sprache.«

Sie zog sie zu sich heran. »Wenn das meine Schwester Lorchen wüßte! Sie war eine Freundin deiner Mutter. Wir haben manche vergnügte Stunde zusammen verlebt.«

Elli mußte nun von ihren Lebensschicksalen erzählen. Sie gedachte ihrer Mutter in schonendster Weise. Da Frau Doktorin von vorneherein annahm, daß Ellis Vater längst tot sei, Elli selbst dies auch für viel wahrscheinlicher hielt als das Gegenteil, so konnte sie den Punkt, der ihr am schmerzlichsten war, ganz unberührt lassen. Hätte Philippine früher gewußt, daß Elli eine Tochter Elisens sei, sie würde sich weniger gewundert haben über deren vernachlässigte Erziehung. Wie konnte Elise, die zu Hause nichts angerührt hatte, die nur zur Selbstsucht und Bequemlichkeit erzogen war, eine Tochter richtig anleiten? Frau Doktorin gelobte es sich aber im stillen, aus Elli mit Gottes Hilfe ein brauchbares, tüchtiges Mädchen zu machen. Philippine war eine treue Natur. Sie hing sehr an den Jugenderinnerungen. Sie zog die alte Zeit mit ihrem einfachen Sinn, mit ihren gesunden Ansichten der Neuzeit vor und war eifrig bemüht, die Erziehungsweise der lebenserfahrenen Großmutter weiter fortzupflanzen. Wie oft hatte sie die Großmutter sich tadelnd aussprechen hören über Elisens verkehrte Erziehung. Es war ihr nun doppelte Pflicht, die Tochter in besondere Obhut zu nehmen. Elli fühlte von dem Tage an, daß sie, wenn auch nicht äußerlich bevorzugt, doch mit besonderer Liebe von Frau Doktorin behandelt wurde.

Ihrer Mutter hatte sie von der köstlichen Entdeckung geschrieben. Wenn auch selbige sehr erfreut war darüber und Elli bat, sich besonders nach ihrer Freundin Lorchen und deren Aufenthalt zu erkundigen, so war sie durch das Zusammenleben mit der strengen, jetzt auch kränkelnden Tante, sowie durch ihre anderweitigen, traurigen Verhältnisse so gedrückt, daß die Freude noch nicht zur Geltung kommen konnte.

Eines Tages, Elli hatte schon sehnsüchtig auf einen Brief von der Mutter gewartet, kam einer mit dem Poststempel Mohrdorf, aber die Handschrift war groß und ungefüge wie von jemand, der des Schreibens unkundig sein mochte.

Elli entfaltete den Brief und las:

»Liebes Fräulein!

Es soll mich herzlich freuen, wenn Ihnen die paar Zeilchen bei guter Gesundheit antreffen. Uns haben sie nicht so verlassen, denn Frau Tante liegen schon zwei Tage im Bett. Aber ich bin ganz froh, daß Frau Tante nicht mehr so herumgrassieren kann, es kommt mehr Ruhe in die Wirtschaft. Ich schaffe nun heimlich viel Gerümpel fort und das ausgestopfte Viehzeug, vorzüglich die drohende Eule, die mir jeden Morgen, wenn ich mit meinem Lämpchen aus der Kammer komme, Furcht einflößt, habe ich alles zusammen in die kleine Kammer gestellt. Und wenn Frau Tante böse wird, stelle ich es ihr vor, daß es unser zoologischer Garten sein soll. Sie läßt sich in gutem manches abgewöhnen. So koch ich auch mit Zufriedenheit alle Tage gute Bissen, was besonders die Frau Mutter gut gebrauchen kann. Aber sie ist vor gewöhnlich unappetitlich, und immer recht weinerlich, was mir auch betrübt macht. Aber es wird schon alles besser werden, wenn Fräulein Elli aus Seehausen zurück ist. Schöner wäre es, wir drei könnten allein sein. Denn immer mit Frau Tante zusammen! (Das letzte ist mit einem Seufzer geschrieben.) Und so grüßt sie seufzend

Lina Schulze.«

Der Brief war nicht angetan, Elli zu beruhigen oder ihr ein heiteres Bild von daheim zu entwerfen. Hätte sie einen Blick dahin tun können, so hätte sie gesehen, daß die Mutter allerdings ein gequältes Dasein führte. Beständig von der Tante auf den Füßen erhalten, mußte sie nun lernen, sich selbst vergessen, anderen zu dienen, sich an wenigem genügen zu lassen. Als die Tante anfing zu kränkeln, wurde sie reizbar und oft ungerecht. Elise, die anfangs gern davongelaufen wäre, mußte aushalten, die Verhältnisse und die dringende Not zwangen sie. Letztere erwies sich als heilsame Rute. Elise lernte aufmerken auf ihre eigene Schuld, lernte in Gottes Wort suchen nach Rat und Trost. Sie mußte im Alter ihren Eigenwillen brechen lernen. Wieviel schwerer war das nun, wo derselbe fest eingewurzelt war, als es in früheren Jahren gewesen wäre. Doch sie widerstrebte nicht mehr der Zucht Gottes. So wurde ihr langsam und allmählich die Not zum Segen.

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