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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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15. Elli kommt in die Wirtschaftslehre

Ein hübscher offener Stuhlwagen rollte auf der Landstraße dahin. Ein älterer, aber noch rüstiger Herr führte selbst die Zügel und lenkte die Pferde mit so sicherer Hand, als sei er lebenslang Kutscher gewesen. Ihm zur Seite saß ein junges Mädchen, ihn schüchtern von Zeit zu Zeit musternd, als wollte sie nach dem äußeren Ansehen seines Wesens Art ergründen. Doktor Willers war eine treuherzige, biedere Natur. Seine Hausgenossen rühmten ihn als wohlwollend und gütig. Ging etwas gegen seinen Willen, konnte er aufbrausen und ungeduldig werden, kam alsobald Abhilfe von dem, was ihn erregte, war er schnell versöhnt und beschwichtigt. Doktor Willers gehörte nicht zu den schlimmen Hausherren, wohl aber war seine Gattin bekannt als eine, die strenge Zucht im Hause hielt.

Von Zeit zu Zeit wandte der Doktor sein wohlwollendes Angesicht dem jungen Mädchen zu und tat immer dieselben Fragen: »Sitzen Sie denn bequem, liebes Kind? Haben Sie auch Platz?« Jedesmal wenn Elli, denn sie war es, die Fragen mit einem schüchternen »Ja« beantwortet hatte, zog er die Zügel straffer und es ging in schnellem Trabe vorwärts. Bäume, Felder und Wiesen flogen an ihnen vorüber.

Ellis Gedanken schweiften über Berg und Tal zu ihrer Mutter, mit der sie in den acht Tagen bei der Tante inniger zusammen gelebt hatte denn je. Es war, als ob alle mütterliche Liebe, die ihr zeitlebens so karg zuerteilt worden war, sich nun auf einmal in Strömen über sie ergötze. Elise war durch die Zeit der Not anders geworden. Sie war weicher, liebevoller, mitteilsamer. Gerade jetzt wäre Elli gern in ihrer Nähe geblieben. Doch ein Jahr würde bald vergehen; sie wollte es treu ausnutzen, um dann ihrer Mutter Stütze sein zu können. Vorderhand mußte sie dankbar sein, die Mutter bei der Tante untergebracht zu haben. Das eigene Stübchen war mit Linas Hilfe wirklich recht hübsch und wohnlich geworden, dort konnte sie Zuflucht finden, wenn es ihr im Wirrsal der Tante zu bunt werden wollte. Aber traurig war und blieb die Lage doch. Seit Elli alles wußte, tauchte immer wieder der Gedanke in ihr auf: wie, wenn der Vater noch lebte? Und zwar in Armut, elend und verlassen. Ja, wenn sie das Weltmeer nicht trennte! Dann würde sie nicht ruhen, bis sie ihn gefunden und bis sie wieder gut gemacht, was an ihm versäumt worden war. Da erfaßte sie oft eine Sehnsucht und ein Verlangen nach dem unbekannten Vater, den sie längst tot geglaubt und den sie sich nun ebenso gut unter den Lebenden denken konnte. Und der Bruder! Würde sie ihm je im Leben begegnen? Sie waren sich einander ja gänzlich fremd. Seine Großeltern würden es ihm gesagt haben, wie selbstsüchtig seine zweite Mutter gewesen sei. Er würde also nie Verlangen tragen sie aufzufinden.

So war Elli in Gedanken und Träumen versunken, während die Pferde munter trabten unter des Doktors sicherer Führung. »Nun sind wir bald zu Hause,« sagte er mit einem Seitenblick auf Elli. »Heimweh werden Sie nicht gleich bekommen, bei uns ist ein lustiges Leben. Fünf junge Mädchen springen schon bei uns herum, Sie sind die sechste. Aber,« fuhr er nach einer Pause fort, »meine Frau ist strenge. Auf Ihrer Hut müssen Sie sein, liebes Kind. Aber Sie können auch etwas Tüchtiges bei ihr lernen.«

Dann, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, räusperte er sich und begann: »Ich möchte Ihnen zweierlei anempfehlen, oder vielmehr, ich möchte Sie vor einem Dinge warnen und eins Ihnen raten, bevor Sie unser Haus betreten. Wissen Sie, ich habe nun schon Erfahrung mit den jungen Mädchen. Da gibt es etwas, das meiner Frau in den Tod zuwider ist: Träumen Sie nicht! Ein träumerisches Wesen kann sie ganz außer Fassung bringen. Ich will hiermit nicht sagen, daß ich es von Ihnen glaube, ich wollte Sie nur gewarnt haben.«

Elli erschrak. Es war gerade ihr Fehler, daß sie oft über dem Träumen die Wirklichkeit vergaß. Sie wollte aber gewiß ihr Möglichstes tun, um stets ihre Gedanken bei der Sache zu haben. Nun hätte sie gern noch gewußt, was er ihr anempfehlen wollte. Doch er schwieg, als wolle er den Eindruck der letzten Worte bei Elli wirken lassen.

Nach einer Weile begann er wieder: »Nun kommt das, was ich Ihnen anempfehlen möchte.« Elli horchte hoch auf.

»Packen Sie, sobald Sie können, Ihren Strickstrumpf aus und stricken Sie eifrig. Ein in rechter Weise gehandhabtes Strickzeug ist dasjenige, wodurch Sie sich meiner Frau Herz im Sturm erobern.«

Elli lief es kalt über den Rücken. Strickstrumpf auspacken! Wie konnte sie das, wenn gar keiner eingepackt war! Bei der Mutter daheim war das Stricken keine Lieblingsbeschäftigung gewesen, sie selbst konnte es wohl notdürftig, aber zu einer Fertigkeit darin hatte sie es nie gebracht. Und nun stand es gerade hier so in Ansehen. Der gute Doktor hatte Ellis Gemüt sehr beunruhigt durch seine wohlmeinenden Ratschläge, doch das ahnte er nicht.

Er zeigte ihr nun den Turm der Stadt, in deren Vorstadt er seine Besitzung hatte. Dann wandte er sich an den hinter ihm sitzenden Kutscher, ihm Anordnungen wegen der morgigen Ausfahrten zu geben. Nun wurden Häuser sichtbar, und Ellis Aufmerksamkeit wurde anderweitig in Anspruch genommen. Die Gegend, die vorher öde und einförmig gewesen war, bot jetzt ein freundliches, buntes Bild. Mit Nadel- und Laubholz bedeckte Hügel, fruchtbare Täler, üppige Wiesen wechselten miteinander ab. Ein kleiner Fluß wand sich einem Silberfaden gleich durch freundliche Landschaft. Jetzt kamen sie an Obstgärten vorbei; viele Bäume hatten schon ihre Früchte hergeben müssen, lange Leitern an ihnen bewiesen, daß die Ernte erst heute gehalten war, andere standen noch reichbeladen mit rotbackigen Äpfeln und gelben Birnen.

»Das ist unser Obstgarten,« sagte der Doktor und zeigte auf einen großen Garten, in dem mehrere junge Mädchen mit Obstsammeln beschäftigt waren. Sie sangen dabei: »Goldene Abendsonne, wie bist du so schön.« Das klang lieblich durch den Herbstabend. Nun begann im nahen Dörfchen das Abendläuten. So hielt Elli ihren Einzug in Seehausen.

Sie fuhren die Straßen entlang um das stattliche Haus herum, das sich am Ende des Obstgartens erhob. Von vorn machte es einen feinen Eindruck, ein eisernes Gitter umschloß einen schön angelegten Blumengarten, der augenblicklich eine Georginenpracht und Mannigfaltigkeit zeigte, wie Elli sie noch gar nicht gesehen hatte. Gerade als der Wagen vorfuhr, kamen die jungen Mädchen mit vollen Körben, an denen je zwei trugen. Mit den Worten: »die Neue kommt,« verschwanden sie mit ihrer Bürde in den unteren Räumen des Hauses.

Eine stattliche Dame, vielleicht Mitte der Fünfziger, erschien an der Haustür. Mit den Worten: »Bist du da, Willers, das ist schön,« begrüßte sie ihren Gatten.

Als sie Elli willkommen hieß, hatte sie etwas Wohlwollendes in ihrem Blick. Aber ihre ganze Erscheinung flößte Achtung ein. Elli fühlte sofort, daß Frau Doktor Willers eine Persönlichkeit war, der sie sich unbedingt unterzuordnen habe.

Sie trug dem Dienstmädchen auf, Ellis Koffer nach oben zu tragen, und sagte Elli, sie solle ihr folgen, um ihren Anzug in Ordnung zu bringen, da in einer Viertelstunde Abendbrot gegessen werde solle. Dabei maß sie das Mädchen von oben bis unten mit ihren dunklen Augen, als wollte sie ergründen, wes Geistes Kind sie sei.

Dann klatschte sie in die Hände und rief:

»Emilie und Klara, deckt den Tisch, es ist höchste Zeit.«

Elli hätte gern noch abgewartet, wer auf den Ruf herbeikommen würde, doch eine Handbewegung der Frau Doktor nach oben ließ Elli mehr als Worte empfinden, daß sie durchaus zu gehen habe ohne Aufschub. Sie folgte dem Mädchen, das oben angekommen, die Tür zu einem großen geräumigen Zimmer öffnete, den Koffer niedersetzte und wieder ging mit den Worten: »Hier ist Ihre Stube, nun können Sie auspacken.«

Elli schaute sich um. Das helle, große Zimmer enthielt sechs Betten, dort standen Waschtische, einige Schränke und Stühle, das war alles. Hier sollte sie schlafen, mit den fünf unbekannten Mädchen, mit denen sie hoffentlich bald Freundschaft würde schließen können. Ob es wohl auch ein Wohnstübchen für sie gab? Vielleicht führte die Tür rechts in einen solchen Raum. Sie klinkte leise auf, schloß jedoch sofort wieder und wurde ganz rot. Sie hatte allerdings in ein Wohnstübchen geblickt, aber es war nicht leer gewesen. Am Fenster hatte eine ältere blasse Dame gestanden, die sich beim Knarren der Tür umgesehen hatte. Ob sie sie bemerkt hatte, wußte sie nicht: jedenfalls war es von Elli unbescheiden gewesen, in einem fremden Hause ohne Erlaubnis Umschau zu halten.

Kaum hatte sie sich gewaschen und ihr Haar geglättet, so tönte lautes Schellen durch das Haus. Gleichzeitig wurde ihre Tür aufgerissen, zwei Mädchenköpfe wurden sichtbar, eine Stimme rief: »Kommen Sie zum Essen!« Darauf wurde die Tür wieder zugeworfen und die Mädchen liefen davon. Das war wenig vertrauenerweckend. Elli folgte schüchtern. Als sie die Treppe hinunterkam, sah sie die Doktorin mit den jungen Mädchen sprechen: »Habe ich euch deshalb hinaufgeschickt, um das fremde junge Mädchen durch euer häßliches Wesen zu verblüffen? Denkt euch an ihre Stelle. Wie war euch zumute, als ihr den ersten Abend hier ankamt? Immer hübsch an andere denken und durch freundliches, liebreiches Wesen einander helfen und beistehen.«

»Komm, Elli, du wirst bald heimisch werden,« sagte sie dann. Sie schlang freundlich den Arm um sie und ging mit ihr in das Eßzimmer. Elli fühlte sich aufs angenehmste berührt, als sie von der gefürchteten Dame so gütig behandelt wurde. Sie fühlte, daß die Hausherrin Liebe zu geben imstande war, und das gewann dieser das Herz des fremden Mädchens am ersten Abend.

Mit stummer Verwunderung bemerkte Elli, wie geschickt und anmutig die jungen Mädchen die ihnen obliegenden Geschäfte besorgten. Wie würde sie mit ihrem Ungeschick und ihrer Unkenntnis hineinpassen? Eine von den fünfen schien indes auch noch fremd zu sein, sie stand etwas seitwärts wie Elli und verhielt sich, wie diese, beobachtend. Frau Doktorin stellte sie vor als eine gestern gekommene, und als man sich eben zu Tisch setzen wollte, öffnete sich die Tür und jene blasse Dame, die Elli oben flüchtig gesehen hatte, trat ein. Sie setzte sich schweigend zur Seite des Hausherrn. Die jungen Mädchen nannten sie Tante Berta und Elli merkte bald, daß es eine Schwester der Frau Doktorin war. Sie hatte etwas sehr Gutes und Mildes im Gesichtsausdruck, so daß man wohl Vertrauen zu ihr haben konnte. Die jungen Mädchen schien sie sehr lieb zu haben, denn nach dem Essen küßte sie einige derselben, verschwand aber dann.

»Nun kommt der gemütliche Teil des Tages,« sagte die Doktorin vergnügt, als die jungen Mädchen abgedeckt hatten. Sie klopfte in die Hände und rief: »Schnell, die Strickzeuge!«

Wie der Wind waren die jungen Mädchen zur Tür hinaus und kehrten alsobald mit zierlichen oder umfangreichen Strickkörbchen zurück. Sie setzten sich um den Sofatisch und begannen eifrig zu stricken.

»Mein Kind, hole deinen Strickstrumpf,« sagte die Doktorin mit Nachdruck, als sie Elli ratlos und verlegen dastehen sah.

»Ich habe keinen mitgebracht,« sagte Elli offen und ehrlich. »Wir haben zu Hause wenig gestrickt.«

»Das ist ja sehr merkwürdig,« sagte die Doktorin erstaunt. »Aber du trägst doch Strümpfe, wer hat denn die gestrickt, wenn ich fragen darf?«

»Mama kaufte sie gleich fertig.«

Die Doktorin schüttelte den Kopf und sagte wieder: »Das ist ja sehr merkwürdig. Nun, hier wird gestrickt,« setzte sie bestimmt hinzu. »Da du kein eigenes Strickzeug hast, so kannst du für mich stricken. Ich wollte eben ein halbes Dutzend Socken beginnen, die werde ich dir überlassen, damit du in Übung kommst.« Mit diesen Worten schritt sie auf einen großen Strickkorb zu, wo es viele Wollknäuel gab, suchte einen dunkelgrauen aus, reichte ihn Elli samt dazu passenden Stricknadeln und sagte: »Nimm zwanzig Maschen auf jede Nadel, das wird genügen, denke ich; im übrigen richte dich nach diesem Meßstrumpf. Ich habe viele Füße zu bedenken, für kleine und große Neffen zu sorgen, es ist mir lieb, wenn du mir hilfst.«

Mit diesen Worten setzte sie sich aufs Sofa neben ihren Mann, der schon gemütlich mit einer Pfeife in der andern Ecke saß und schon lange nach Elli hinübergeblinzelt hatte. Er hörte auch jetzt nicht auf, sie zu beobachten. In ihren verzweifelten Mienen merkte er, daß sie gar nicht anzufangen wisse. Die arme Elli war allerdings in einer schrecklichen Lage. Rings um sie her eifrige Strickerinnen, nur sie selbst zog immer noch mit den Nadeln durch den Faden und machte vergebliche Versuche. Die Doktorin schien nichts davon zu merken oder wollte nicht, bis der gutmütige Doktor, der ein menschliches Rühren fühlte, leise zu seiner Frau sagte: »Philippine, sie kann ja gar nicht aufschlagen, aber beschäme sie nicht vor den andern.«

»Elli, komm her,« rief die Doktorin, »du scheinst mir das Aufschlagen vergessen zu haben.«

»Ich habe es nie gekonnt,« sagte Elli mit treuherziger Offenheit.

Frau Doktorin sah sie überrascht an, schien aber angenehm berührt durch das offene Bekenntnis, das das junge Mädchen in Gegenwart der andern, die sie scharf beobachtet hatten, große Überwindung gekostet hatte. Frau Doktorin würde, hätte Elli Ausflüchte gemacht, eine lange Strafrede nicht unterlassen haben; es war für sie ein hartes Ding, ein junges Mädchen unter ihrem Dach zu haben, die keinen Strumpf anzufangen wußte.

Aber, wie gesagt, Ellis Wahrheitsliebe hatte sie entwaffnet, und mit Geduld und dem ihr eigenen Geschick zeigte sie dem jungen Mädchen, wie sie es zu machen habe. Nach einigen mißglückten Versuchen hatte es Elli erfaßt.

Der Doktor las nun vor, wie er abends gewöhnlich zu tun pflegte. Es war etwas Lehrreiches aus der Geschichte oder Literatur; die jungen Mädchen sollten neben der häuslichen Arbeit das Wissenschaftliche nicht vernachlässigen, und ihm machte es Freude, nach des Tages Last und Hitze mit der Jugend zu verkehren; Tante Berta, einer jüngeren Schwester der Frau Doktorin, lag es ob, die jungen Mädchen in Musik und Sprache zu fördern.

Die Doktorin war ein ungemein reger Geist, dabei praktisch veranlagt. Da ihre Ehe kinderlos geblieben war, hatte sie im Einverständnis mit ihrem Mann beschlossen, ihre Gaben zum Nutzen junger Mädchen anzuwenden und immer eine Anzahl derselben zu tüchtigen Hausfrauen oder Stützen derselben heranzubilden. Sie hatte schon glänzende Erfolge erzielt, viele junge Hausfrauen wußten es ihr Dank, daß sie sie so trefflich angeleitet hatte. Sie suchte nicht nur ihr äußeres Wohl, sie hatte auch ein Herz für die Jugend und erzog sie nach Gottes Wohlgefallen. Sie nahm Rücksicht auf eine jede und behandelte sie ihren Anlagen und Fähigkeiten entsprechend. Mit großem Scharfblick wußte sie die jungen Mädchen richtig zu beurteilen und richtig zu nehmen. Diese hingen mit großer Liebe und Verehrung an ihr, wenngleich ihr strenges Wesen ihnen zuweilen Furcht einzuflößen vermochte. Der Doktor machte durch seine Milde und Freundlichkeit alles wieder gut. Er hatte die jungen Mädchen gern und fühlte sich behaglich in dem erweiterten Familienkreise. Das Leben, das sonst sehr öde und einsam gewesen wäre, gewann durch das jugendliche Element an Frische und Lebendigkeit. Es tat dem alten Herrn wohl, wenn die jungen Mädchen als Töchter des Hauses für seine Bequemlichkeit sorgten, wenn sie um ihn her alles schmückten und ordneten. Er hatte einen feinen Sinn und war übertrieben pünktlich; etwas, was dem Schönheitssinn widerstrebte, konnte er nicht dulden, in diesem Punkt stimmte er mit seiner Gattin überein.

Als die jungen Mädchen am Abend schlafen gegangen waren, konnte die Doktorin nicht unterlassen, ihr Herz gegen ihren Mann auszuschütten über die unerhörte Tatsache, daß ein Mädchen von 19 Jahren noch keinen Strumpf anzufangen wisse.

Der Doktor begnügte sich damit, daß das Mädchen sonst keinen üblen Eindruck mache, auch habe ihm ihr offenes Bekenntnis, das ihr sichtlich Kampf gekostet habe, gefallen.

»Das hat mich auch für sie eingenommen,« gab die Doktorin zu. »Aber was für eine Erziehung muß das Mädchen gehabt haben!«

»Weißt du nichts über die näheren Verhältnisse?«

»Die Tante, eine Frau Merker, schrieb mir, daß ihre verwitwete Nichte, eine Frau Braun, von harten Schicksalsschlägen betroffen sei, daß dieselbe leider nicht imstande sei, ihre Tochter selber einfach und häuslich zu erziehen, und daß sie, die Tante, sie deshalb in ein Haus zu geben wünsche, wo sie streng zu allem Guten angeleitet würde.«

Hätte Philippine Willers, Lorchens Schwester, gewußt, wer die Mutter Ellis war, so würde sie sich weniger gewundert haben über Ellis Unerfahrenheit.

Die jungen Mädchen waren unterdes in ihrem Schlafgemach unter sich und suchten mit Elli nähere Bekanntschaft anzuknüpfen.

»Wir nennen uns selbstverständlich alle ›Du‹«, sagte Emilie, die das Oberhaupt der sechs zu sein schien. Wenigstens führte sie stets das Wort und die andern erkannten schweigend ihre Herrschaft an. Sie war ein großes, kräftiges, nicht eben hübsches Mädchen und hatte eine derbe Art. Ihr grobes Wesen war dem Doktor nicht angenehm, während Frau Doktor sie um ihrer Anstelligkeit willen gern hatte. Klara, ein lang aufgeschossenes, blasses Mädchen, war etwas empfindlicher, mißtrauischer Natur, was sie bei ihren Genossinnen oft unliebsam machte. Adelheid, eine kleine bewegliche Gestalt, mit klugen Augen, war sehr neugierig, und suchte alles zu erforschen. Wilhelmine war schwer von Begriffen, aber gutmütig. Agnes, die Neuzugekommene, schien ein zierliches, feines Stadtpüppchen zu sein, die vorderhand noch viel mit ihrer eigenen Person zu tun hatte und sich noch gar nicht hineinzufinden schien, daß sie hier mit ihren zarten Händen alles angreifen müsse.

Als sie alle im Bett waren und das Licht gelöscht war, begann Emilie: »Kinder, ich kann euch etwas verkündigen. Morgen werden Heringe eingelegt.«

»Da kommen die neuen dran,« rief Klara.

»Die neuen Heringe?« fragte Agnes mit ihrer feinen Stimme.

»Nein, die neuen Mädchen müssen die Heringe einlegen.«

»Ich kann keinen Hering angreifen,« rief Agnes entsetzt.

»Wird dir wenig helfen, du mußt,« sagte Emilie.

»Das wird spaßig werden, morgen,« kicherte Adelheid.

»Pfui, Adelheid, wie kannst du dich darauf freuen,« tönte Wilhelminens tiefe Stimme gutmütig dazwischen.

Es klopfte an die Tür.

»Tante Berta klopft, wir sollen schlafen.«

»O, Tante Berta ist gut, sie läßt uns schon noch ein Weilchen plaudern.«

Elli hörte schweigend der Unterhaltung zu. Sie hatte so viel zu denken, so viele neue Eindrücke gehabt, daß der Schlaf fürs erste noch nicht kommen mochte. Wie schwer war des Tagewerks Anfang gewesen, wie beschämt sah sie auf den ersten Abend zurück. Aber nun war es überwunden, Frau Doktorin sollte von nun an ihre Freude an ihr haben, sie wollte eine eifrige Strickerin werden. Für wen mochten aber wohl die großen Strümpfe bestimmt sein, die ihr anzufertigen übertragen worden? Sie konnte sich kaum denken, daß jemand so große Füße haben könne, außer –

»Elli,« unterbrach Adelheid ihren Gedankenkreis, »wo bist du eigentlich her?«

»Meine Mutter wohnt jetzt in Mohrdorf.«

»In dem kleinen Nest,« rief sie, »das muß langweilig sein.«

»Hast du noch Geschwister?«

»Nein,« war die Antwort.

»Was ist dein Vater?«

»Der war Kaufmann.«

»Da ist er also tot?«

Bevor Elli antworten konnte, ertönte ein kräftiges Klopfen an der äußern Tür. »Ich bitte mir Ruhe aus,« sagte eine Stimme und mit den Flüsterworten: »Frau Doktorin selber« waren die jungen Mädchen plötzlich verstummt.

Am andern Morgen um sechs Uhr wurde geweckt. Punkt halb sieben mußten alle, glatt und schmuck, unten sein. Elli, die bisher keine Regel im Aufstehen gekannt hatte, kam es sauer an, sich gleich auf Befehl erheben zu müssen, doch sie wußte, daß dies die Zucht sei, die an ihr geübt wurde, und unterzog sich derselben willig. Es war ein frischer, nebeliger Herbstmorgen, die Fenster waren angelaufen und im Eßzimmer war's kühl. Aber Adelheid und Wilhelmine, welche diese Woche den Kaffee zu besorgen hatten, erschienen jetzt mit der heißen Kaffeekanne und das warme Getränk verfehlte seine gute Wirkung nicht. Es ging gesprächig und heiter beim Kaffee zu. Elli zog unwillkürlich Vergleiche zwischen hier und zu Hause. Dort war sie aufgestanden, wenn sie Lust hatte. Sie hatte den Kaffee fast immer allein getrunken, während die Mutter, die noch viel später als sie erschien, auch ihr Frühstück allein und schweigend einnahm. Wie viel besser schmeckte es in Gemeinschaft, wie viel schöner war überhaupt eine geregelte Tageseinteilung!

Nach dem Kaffee begannen die Arbeiten des Tages. Während die andern jungen Mädchen anderweitig beschäftigt waren, nahm die Doktorin Agnes und Elli mit in die Küche. Sie mußten Pflaumen auskernen und beim Einkochen helfen. Die Arbeit war angenehm und leicht zu bewältigen.

»Ich soll mir die Arbeiten eigentlich nur etwas ansehen,« bemerkte Agnes gegen Elli, als Frau Doktorin hinausgegangen war. »Ich habe es überhaupt gar nicht nötig etwas zu tun. Meine Eltern sind reich, ich bin aus einer sehr feinen Familie.«

Elli seufzte. So hatte ja ihre Mutter früher auch gesprochen, und wie bedauerte sie nun, die Jugendzeit so ungenützt vorübergelassen zu haben.

»Warum seufzest du? Du bist wohl sehr arm?«

»Ja,« sagte Elli, »wir sind arm.«

»Du siehst aber trotzdem fein aus, feiner als die andern Mädchen, ich werde mich an dich anschließen.«

Die Doktorin trat wieder ein. Die Mädchen waren mit der aufgegebenen Arbeit fertig.

Sie winkte Agnes an einen Tisch, auf dem eine ansehnliche Schüssel Heringe stand.

»Gib einmal das Brett von der Wand her.«

Agnes tat, wie ihr befohlen.

»Nun nimm einen von den Heringen –«

»Den« – rief Agnes entsetzt, »den kann ich nicht angreifen. Heringe habe ich noch nie mit bloßen Händen angefaßt!«

Frau Doktor sagte ruhig aber bestimmt, daß sie zimperliches Wesen nicht dulde, und Agnes mußte wohl oder übel mit dem salzigen Ungetüm in Berührung treten. Sie faßte den Gesellen mit zwei Fingern, ließ ihn aufs Brett fallen, hielt die Finger vor die Nase und wandte sich mit widerwilliger Geberde ab.

Frau Doktor tat, als bemerkte sie es nicht. »Aufgepaßt,« sagte sie, »du machst es genau wie ich und greifst herzhaft zu.«

Agnes wagte keinen Widerstand. Ergeben faßte sie den Feind und begann ihm nach Anweisung der Hausfrau die Haut abzuziehen.

»Siehst du, es geht ja,« sagte die Herrin ermutigend, während Agnes stille Tränen auf den Gesalzenen träufeln ließ.

»Spare deine Tränen, mein Kind, und sei froh, wenn du keine andere Ursache zum Weinen hast. Das nächste Mal kommt Elli dran. Heute ist es dein Geschäft.«

Nachdem sie Agnes weiter unterwiesen hatte, überließ sie sie ihrem Schicksal und wandte sich an Elli, die am Herd beim Kochen des Obstes beschäftigt war.

Als die Mittagsstunde nahte, hatte Elli wieder am Herd zu tun. Sie sollte die Suppe bereiten und hatte den Auftrag, eine ihr zugemessene Menge Nudeln in die kochende Fleischbrühe zu schütten. Sie stand wartend am Herd, doch da die Fleischbrühe auf sich warten ließ, so kamen die Gedanken und bald stand sie in Träumen verloren da. Jetzt kocht etwas. Schnell schüttete sie die Nudeln in den Topf, aber in demselben Augenblick ertönte der Doktorin Stimme: »Elli, Elli, du träumst ja. Ist es zu glauben? Du schüttest die Nudeln in den Essig, den ich für die Pflaumen aufgestellt hatte und verdirbst mir beides.« Mit diesen Worten fischte sie mit einem großen Durchschlag die Nudeln mit Geschick heraus, ließ sie ablaufen, goß Wasser darüber und rettete, was zu retten war.

Elli stand zerknirscht dabei und bat um Verzeihung. Die Doktorin aber sagte ärgerlich:

»Es betrübt mich sehr, die Entdeckung machen zu müssen, daß du träumst. Gedankenlose junge Mädchen sind mir schwer zu ertragen. Ich werde dir sobald nichts wieder übertragen. Wo hast du deine Gedanken gehabt?«

Elli wurde glühend rot und schwieg.

»Woran hast du gedacht?« fragte die unerbittliche Doktorin noch einmal. »Ich habe allen Grund, danach zu fragen.«

»Ich dachte,« stotterte Elli, »für wen wohl – die großen Strümpfe bestimmt wären, die ich stricken muß.«

»Und um dieser Strümpfe willen läßt du mir die Suppe verderben,« rief die Doktorin ärgerlich. »Wenn es aber deine zerstreuten Gedanken sammelt, so wisse, daß sie für meinen ältesten Neffen bestimmt sind, den zu kennen du nicht die Ehre hast.«

Elli war sehr betrübt, daß ihre guten Vorsätze gleich am ersten Tage zuschanden geworden waren. Tränen der Scham und Reue liefen über ihre Wangen. Das Träumen sollte nun gewiß ein Ende haben. Hier war es nicht angebracht, das merkte sie. Hier wurde strenge Ordnung und Zucht geübt.

Draußen im warmen Sonnenschein saßen die vier andern Mädchen auf einer Bank vor dem Küchenfenster, mit Obstschälen beschäftigt. Adelheid hatte sich so gesetzt, daß sie immer einen Blick in die Küche werfen konnte, um die Neulinge zu beobachten. So hatte sie den Vorfall mit den Heringen beobachtet und berichtete den andern alle Einzelheiten. »Agnes ist schon in Tränen,« sagte sie. »Mit Elli wird's auch etwas geben, der erste Morgen in der Küche ist immer verhängnisvoll.«

»Jetzt weint Elli auch, sie hat am Herd etwas Dummes gemacht, ich kann aber nicht dahinter kommen, was es ist.«

»Deine Neugierde ist etwas Häßliches,« sagte Emilie. »Kümmere dich doch um deine Angelegenheiten und schäle nicht so dick, sonst setzt es bei dir auch noch Tränen, wenn die Doktorin kommt.«

Bei Tisch schmeckte der Doktor immer an den Nudeln herum und sagte endlich: »Philippine, die Nudeln haben einen etwas säuerlichen Geschmack, was ist das nur?«

»Es ist etwas damit vorgegangen,« sagte die Doktorin ruhig. »Es hat jemand, dem die Suppe übertragen ist, seine Gedanken nicht dabei gehabt.«

Der Doktor sah sofort an Ellis Erröten, daß sie die Schuldige sei. Er erhob lächelnd den Finger und sagte nur bedeutungsvoll: »Ei, ei, träumen wir auch?«

Das war für Elli die härteste Strafe, gerade deshalb, weil der gute Herr sie gestern so freundlich gewarnt hatte.

Nach Tisch hatten die jungen Mädchen eine freie Stunde. Sie konnten die Zeit je nach Belieben anwenden mit Briefschreiben, Lesen oder Plaudern. Heute wollten sie in den Garten, die Vier riefen Elli und Agnes, sie zu begleiten.

Da trat die Doktorin dazwischen. »Elli und Agnes bleiben heute bei mir,« sagte sie. Die beiden jungen Mädchen erschraken und meinten, noch eine Strafpredigt zu erhalten für das, was sie am Morgen verschuldet hatten. Aber die Doktorin umschlang sie liebevoll und nahm sie mit sich in ihr Zimmer.

»Nun wollen wir wieder gute Freunde sein,« sagte sie und setzte sich mit den beiden ans Fenster. Sie verstand es, die Herzen zu rühren durch Worte, wie Elli sie bisher nur von Tante Elfriede gehört hatte.

»Meine liebe Agnes,« sagte sie unter anderem zu ihr, »halte dich nie für zu vornehm oder zu gut für irgend eine Arbeit, welcher Art sie sei. Die Arbeit erniedrigt keinen Menschen, wohl aber die Unlust und der Widerwille gegen dieselbe. Daß du die dir übertragene Arbeit zu meiner Zufriedenheit ausgeführt und dich selbst überwunden hast, gereicht dir viel mehr zu Ehre, als wenn du deine zarten Hände geschont hättest. Es geht uns im Leben nicht immer nach Wunsch, töricht ist es, sich auf den ungewissen Reichtum zu verlassen.«

Elli nickte zustimmend. Sie wußte es am besten durch ihre Mutter, wie der Reichtum nicht glücklich mache.

»Und Elli nimmt ihre Gedanken hübsch zusammen und träumt nicht mehr,« sagte die Doktorin heiter, den Arm um sie schlingend. »Du mußt jedes Ding, das dir übertragen wird, es sei klein oder groß, mit Treue und Sorgsamkeit ausführen. Unser Heiland will, wir sollen treu im Kleinen sein, und du willst doch tun nach seinen Worten?«

Elli nickte mit Tränen in den Augen.

Nachdem die Doktorin noch länger eingehend und freundlich mit den jungen Mädchen gesprochen hatte, schickte sie sie in den Garten mit den Worten: »Nun tummelt euch noch, bis die Pflicht ruft.«

Elli und Agnes, denen die Strenge der Hausfrau am Morgen Furcht eingeflößt hatte, sahen nun mit Liebe und Verehrung zu ihr auf. Zucht, Lehre und Vermahnung ist dem jungen Geschlecht vonnöten. Wo aber die Liebe fehlt, erbittert es und bringt nicht den gewünschten Erfolg. Wird aber selbstlose Liebe, die nicht das Ihre sucht, mit der Strenge verbunden, so erweckt es Gegenliebe und Vertrauen, und nur in diesem Fall ist der Einfluß ein gesegneter.

Elli fühlte, daß der Geist des Hauses derselbe war wie im weißen Häuschen. Sie wußte sich geborgen, eine Lust umgab sie, die ihr innerlich und äußerlich wohltat.

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