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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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14. Der Umzug

Elfriede saß in ihrem Bett, gestützt von den Kissen, und hatte die Hand auf das Haupt eines vor ihrem Bett knieenden jungen Mädchens gelegt.

»Weine, mein liebes Kind!« sagte sie bewegt. »Es wird dir leichter werden; laß deinen Tränen freien Lauf. Aber dann – aufgeschaut mit Freuden. Des Christen Herz auf Rosen geht, wenn's mitten unterm Kreuze steht!«

»Es ist mir schon etwas leichter, seit ich dir alles gesagt habe, liebe Tante. Ich wußte, du könntest mich am besten trösten, darum bat ich die Mutter mir zu erlauben, dich vor unserer Abreise noch einmal zu besuchen. Aber ist es nicht sehr traurig, was ich dir erzählt habe? Wir sind eine unglückliche, zerrissene Familie. Wenn ich nun von der Mutter gehe, dann wird die Zerrissenheit immer größer, sie wird sich bei der Tante unglücklich fühlen und ich in der Fremde vielleicht auch.«

»Denke, daß die jetzige Trennung zu deinem Besten sein wird, Elli, denke, daß du es aus Liebe zur Mutter tust. Der Zweck ist, dich zu einer tüchtigen Haushälterin heranzubilden, damit du einst weise und sparsam zu wirtschaften verstehst mit dem Wenigen, was euch bleibt. So kannst du deiner Mutter am besten nützen und ihr die künftigen Jahre ihres Lebens erleichtern und verschönern. Lerne vor allen Dingen selbstlos sein. Du wirst glücklicher und zufriedener sein, wenn du an andere eher denkst, als an dich. Ist schon ein Platz ausersehen, wo du den Haushalt lernen sollst?«

»Die Tante schrieb, sie habe schon verschiedene Adressen; zwei gefielen ihr am besten. Unter diesen beiden könne ich wählen, näheres weiß ich nicht.«

»Gott gebe, daß es ein Haus ist, wo du nicht nur in treue Zucht genommen wirst, sondern wo du auch für den Geist die rechte Nahrung findest.«

»Wenn ich dich nur immer bei mir haben könnte, liebe Tante. Wenn du mir immer ratend zur Seite stehen könntest!«

»Es ist jemand bei dir, der das viel besser zu tun vermag als ich. Vergiß nicht, Elli, den Heiland mit ins Leben hinaus zu nehmen, mit ihm wird es dir gelingen in allem, das du tust. Halt dich täglich zu seinem Wort, das wird dir in allen Lagen des Lebens sagen, wie du recht tun und nach Gottes Wohlgefallen wandeln mögest. Laß deine Hauptsorge jeden Morgen aufs neue sein, wie du Gottes liebes Kind sein mögest. Dann wird sein Segen mit dir sein und dich behüten allerwegen. Wie eines guten Baumes Art ist, lauter gute, edle Früchte zu tragen, so ist eines Gotteskindes Art, an guten Werken einen guten Wandel zu erzeigen und doch sich des nicht rühmend, sondern wie der Baum selber nicht weiß, wie edle Früchte er hervorbringt und sie selbstlos andern zur Freude spendet, so soll auch ein Gotteskind, sich selber unbewußt, reich an guten Werken erfunden werden, andere erquickend und erfreuend. Daß Gott der Herr aus meiner lieben Elli einen Baum mache, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringe zu seiner Zeit, darum will ich fleißig beten auf meinem Krankenlager.«

»Das ist mir doch in meinem Leben noch nicht vorgekommen,« rief auf einmal eine frische Stimme ins Krankenzimmer, »daß jemand wie ein Dieb in der Nacht zur Tante Elfriede einschleicht, ohne daß Tante Auguste etwas merkt. Kind, ohne Kaffee setzest du dich hierher und verschmachtest.«

»Verzeihe, liebe Tante,« sagte Elli und hob ihr verweintes Angesicht zu ihr auf. »Ich wollte gern recht lange mit Tante Elfriede sprechen, und da niemand im Hause war, wagte ich zu ihr hineinzugehen.«

»Ich habe mit Mine die ersten Äpfel abgenommen von einem jungen Bäumchen, das in diesem Jahr so viel getragen hat. Wir mußten die Zweige stützen, da es sich unter der Last beugte.«

»Das junge Bäumchen trägt die meisten Früchte, Elli,« sagte Tante Elfriede und nickte ihr verständnisvoll zu.

»Komm mit,« sagte Tante Auguste, »ich will dir's zeigen. Die Luft wird dir überdies gut tun, du blasses, verweintes Kind. Und nun fröhlich,« sagte sie, faßte sie bei der Hand und sprang mit ihr die Stufen zum Garten hinunter, »sieh den prächtig blauen Herbsthimmel und diese schönen, rotbackigen Äpfel. Das Herz lacht einem im Leibe dabei. Hier ist ein recht schöner, versuche ihn, Elli.«

Elli biß hinein und fand ihn wundervoll. Sie durfte schmausen, so viel sie wollte, und Tante Auguste war so lustig und machte Spaß, daß Elli am Ende auch lachte und mit rosigen Wangen, fröhlichen Angesichts zu Tante Elfriede zurückkam. »So ist's recht, Elli,« sagte Elfriede lächelnd. »Tante Auguste trifft immer das rechte. Laß mich den Eindruck von dir behalten.« Sie sah sie lange an und prüfte ihre Gesichtszüge. Sie wollte darin eine Bestätigung dessen finden, was ihr im Lauf von Ellis Erzählung schon fast zur Gewißheit geworden war. Doch sagte sie dem jungen Mädchen nichts davon.

Sie sprachen von Anna, und Tante Elfriede rühmte der lieblichen Anna treffliche Eigenschaften, und wie sich Elli dieselbe in allen Dingen zum Vorbild nehmen könne. »Eine solche Freundin,« sagte sie, »ist Goldes wert, pflegt die Freundschaft durch Briefe. Anna ist nicht weichmütig und ergeht sich nicht in Gefühlsäußerungen, es hat alles Kern und Gehalt.«

Als Elfriede ein wenig ruhte, durfte Elli sich im Zimmer umsehen. Sie ging zum Vögelchen und ließ sich von ihm am Finger picken, dann sah sie die Bilder an und die vielen Bücher und hüpfte munter von einem zum andern. Elfriedens Augen folgten ihr, wie sie sich schnell und jugendkräftig bewegte.

»Gestalt und anmutige Bewegungen ganz wie Elise, das Gesicht erinnert weniger an dieselbe. Sollte ich mich täuschen?«

Sie rief Elli wieder an ihr Bett, und sprach vieles mit ihr. »Heute,« meinte sie, »machen wir einen Freundschaftsbund miteinander, du darfst nicht wieder eine so lange Pause machen. Wenn du nicht kommen kannst, mußt du mir schreiben. Und nun grüße deine Mutter recht schön, sage ihr, Tante Elfriede lasse herzlich bitten, sie einmal zu besuchen.«

»O, wenn die Mutter das wollte! Bei dir würde sie den rechten Trost finden. Ich will sie bitten.«

»Tue das, liebe Elli. Sie soll mir jeden Tag herzlich willkommen sein.« Und nun, nachdem Elfriede Elli herzlich verabschiedet hatte mit Kuß und Segenswort, schied diese aus dem stillen weißen Häuschen. In der Friedensstätte, wo die Kranke lag, war auch ihr Herz still und voll Frieden geworden, nachdem es die Tage vorher unruhig wie ein stürmisch bewegtes Meer gewesen war. Sie stellte nun alles Gott anheim und wie die Jugend so gerne hofft, so war auch ihr Herz voller Hoffnung, daß der Herr die zerstreute Familie einmal zusammen zu bringen vermöchte, wenn es auch vor Menschen unmöglich schien.

Zu Hause angekommen, wurde sie gleich mit Briefen von der Tante empfangen. Dieselbe sprach den Wunsch aus, die Übersiedlung nach Mohrdorf möchte so bald als möglich geschehen. Für Elli lagen zwei Anzeigen zur Auswahl, ein Pastorenhaus war bereit sie aufzunehmen, und ebenso wurden in der Familie eines Arztes junge Mädchen zur Erlernung des Haushaltes gesucht. Im Pfarrhaus sollte sie das einzige junge Mädchen sein und der Pastorin helfen bei vielen Kindern. Bei Doktors gab's keine Kinder, aber sechs junge Mädchen. Die Tante schrieb, die Doktorin hätte sich's, da ihre Ehe kinderlos sei, zur Aufgabe gestellt, junge Mädchen häuslich zu erziehen. Elli schwankte lange. Zu Kindern wäre sie gern gegangen, denn sie hatte sie sehr lieb, aber zu den vielen jungen Mädchen zog es sie auch. Sie hatte sich in der Familie des Doktor Burg so glücklich gefühlt, es war ihr, als müsse es bei dieser Doktorsfamilie wieder ebenso werden. Wir kurzsichtigen Menschen wählen und prüfen, Gott der Herr ist's aber, der die unsichtbaren Fäden unseres Geschickes in seinen Händen hält, und da Elli ihm ihre Wege befohlen hatte, so lenkte er ihr Herz, daß sie sich für das Haus des Doktor Willers entschied.

Ihre Mutter und sie hatten nun viel zu ordnen und zu arbeiten. Es war um so schwieriger, als sie beide des Wirtschaftens ungewohnt und der Haushaltungsarbeiten unkundig waren. Aber Lina, die sich treu bewährte, hatte einen anschlägigen Kopf und praktische Begabung, Sie war klug und hatte manches gelernt, so daß sie jetzt ihrer Herrschaft eine Stütze sein konnte. Die Tante, der ein Mädchenwechsel bevorstand, hatte Wohlgefallen an dem Mädchen gefunden und sie bestimmt, in ihre Dienste zu treten.

»Ich tu's nur aus Liebe zu Ihnen, Fräulein Elli, weil Sie sich um die Mutter sorgen,« sagte sie, »denn – bei der Frau Tante werde ich's wohl nicht zum besten haben. Na, meine Großmutter war auch eine wunderliche Frau, da hab' ich mich schon an Wunderlichkeiten gewöhnen müssen. Und Ordnung hab' ich bei der Mutter gelernt.«

Also Lina zog mit. Das war Elli wie auch ihrer Mutter ein Trost. –

Den Gruß und die Bitte von Tante Elfriede hatte Elli der Mutter ausgerichtet. Hätte sie, wie die Tante es wünschte, den Namen genannt, so wäre die Mutter durch denselben gewiß aufmerksam geworden. Aber Elli, die nichts von dem Zusammenhang der beiden ahnte, grüßte von der »kranken Tante« und brachte deren Bitte vor.

Die Mutter war nicht abgeneigt, die kranke Dame einmal aufzusuchen, doch meinte sie, augenblicklich, wo die große Umwälzung bevorstände, sei nicht daran zu denken.

Es war ein rauher, stürmischer Herbsttag, Anfang Oktober, als Frau Braun mit Elli die Hauptstadt verließ, um ihr Heim bei der Tante aufzuschlagen. Sie hatten eine Stunde mit der Bahn zu fahren, dann folgte eine zweistündige Postfahrt nach dem einsam gelegenen Flecken Mohrdorf, wo die Tante schon eine Reihe von Jahren den ersten Stock eines am Markt gelegenen Hauses bewohnte. Sie wurde durchaus als zu den besten Familien gehörig betrachtet, einesteils, weil sie für reich galt und ihre Wohltätigkeit der Stadt zugute kam, und andernteils, weil sie durch ihr ganzes Auftreten sich selbst das Ansehen einer vornehmen Dame zu verschaffen wußte. Doch wurde in dem kleinen Ort viel über die Wunderlichkeiten der alten Dame geschwatzt, wozu der häufige Wechsel der Dienstboten nicht wenig beitrug.

Elli war neugierig, welchen Eindruck das Heim der Tante auf sie machen würde. Sie konnte nicht umhin, sich dasselbe, nachdem sie die Tante mit ihren Eigentümlichkeiten kennen gelernt hatte, wunderlich vorzustellen. Sie war nicht enttäuscht.

Als sie die Treppe erstiegen hatte, war das erste, was sie erblickte, eine große, ausgestopfte Eule, die finster und mißmutig von einem Schrank heruntersah und nicht gerade ein freundliches Willkommen bot. Dann ging es durch die Tür in einen frostigen Saal, dessen hochbeinige, steife Möbel gelbseidene Bezüge hatten. In großen alten Blumengläsern gab es geschmacklose Sträuße von gemachten Blumen, mit weißem Flor umhüllt, als Schutz gegen den Staub. Diese Florumhüllungen schien die Tante zu lieben, denn es gab noch andere verhüllte Gegenstände im Saal, die durch diese Verschleierungen ein geheimnisvolles Ansehen gewannen. Wer sich nun mit der Hoffnung trug, nach diesem Vorzimmer werde ein gemütliches Wohnzimmer folgen, täuschte sich. Alle Zimmer der Tante glichen mehr Speichern als Wohnräumen. So war auch die zweite Stube vollgestopft von oben bis unten. Was nicht in die Schränke ging, war oben aufgebaut; es war eine unglückliche Liebhaberei der Tante, alles, was ihr gefiel, anzukaufen. Elli, an die seine, geschmackvolle Einrichtung von daheim gewöhnt, schauderte in dem Gedanken, daß die Mutter hier leben sollte. Doch die Tante hatte ja von einem leeren Zimmer gesprochen, das sie der Mutter zur Benützung überlassen wolle, des tröstete sie sich.

Zu ihrem Schrecken aber begann die Tante: »Elise, wir müssen nun sehen, wie wir deine Sachen überall einklemmen. Ein ganzes Zimmer kann ich dir nicht zur alleinigen Benützung überlassen, ich habe zu viel Seltenheiten, die Platz beanspruchen.« Elise schwieg.

»Du mußt überhaupt dankbar sein,« sagte die Tante gereizt, »daß ich dich bei mir aufnehme und für Elli das teure Kostgeld bezahle. Was sollte aus euch werden! Nun setze dich, du wirst müde sein von der Reise.« Eben wollte Elise der Aufforderung Folge leisten und sich aufs Sofa setzen, da sprang ein großer Kater knurrend auf und die Tante rief unwillig: »Nur nicht gerade, wo mein Mignon liegt, es gibt ja Platz genug.«

Elli hatte sich zur Tür hinausgeschlichen, sie wollte sehen, was Lina machte.

»Fräulein,« rief diese, »närrisch hab' ich mir's bei der Frau Tante gedacht, aber so drollig doch nicht. In der Küche ist alles zugebaut, ich kann nicht einmal bis zum Herd. Das wird aber anders, ganz anders, Fräulein Elli. Lassen Sie mich nur ein paar Tage da sein. Aufzuräumen versteh ich, das soll mir niemand nachsagen.«

»Was geht denn hier vor,« rief die Tante, die eben in der offenen Küchentür erschien, »ich glaube gar, das dumme Ding vergreift sich an meinen Sachen.«

»Ich gebe den Körben und Kisten nur andere Plätze, Frau Merker,« sagte Lina gewandt. »Sehen Sie, wenn Sie allein sind, geht's ja, aber wenn so viel Leute in der Küche wirtschaften, ist es besser, ich stelle die Sachen beiseite, daß sie nicht Schaden leiden.«

Die Tante brummte und ging davon. Lina räumte und packte unverdrossen. Sie entfaltete eine solche Begabung, die Sachen hübsch unterzubringen, daß Elli Mut faßte für die Zukunft.

Am Abend führte die Tante Elise und Elli in ihr Schlafzimmer, wo denn auch außer den Betten so unendlich viel Möbel und Sachen aufgetürmt waren, daß füglich mehrere Zimmer damit hätten möbliert werden können. Außerdem schien das Gemach eine Art Vorratskammer zu sein. Es roch nach geräuchertem Speck, und Elli entdeckte an einem großen Haken in einer Ecke des Zimmers einen Schinken, auch verschiedene Würste. In einer anderen Ecke waren auf zusammengesetzten Stühlen große Schober Betten aufgehäuft, welche mit einer großblumigen Kattundecke zugedeckt waren. Auf den Schränken gab es alte Gefäße von Porzellan und Majolika, zinnene Geräte, Körbe und Körbchen, Vogelbauer, Schachteln und dergl. Auf einem Tisch aber in der dritten Ecke des Zimmers stand weiter nichts als ein umfangreiches, unbestimmtes Etwas mit dichtem schwarzem Flor umhüllt. Elli sah immer wieder hin, doch wagte sie nicht, es zu ergründen. Sie war froh, hier nicht allein schlafen zu müssen, in diesem Gemisch von Wunderlichkeiten und Geheimnissen.

»Mutter,« sagte sie beklommen, »ich hatte es mir doch etwas gemütlicher bei der Tante gedacht, auch hoffte ich, du würdest ein eigenes Zimmer bekommen.«

»Wenn ich nur überhaupt meine Sachen hier unterbringe,« sagte die Mutter gedrückt. »Es kann ja kein Apfel mehr zur Erde fallen, geschweige denn können Möbel eingeklemmt werden.«

»Vielleicht tut sich morgen noch irgendwo ein leerer Raum aus.«

»Das ist undenkbar bei der Tante Anlagen,« sagte die Mutter auf alles verzichtend. »Doch laß uns schlafen, Elli, ich bin abgespannt und müde.«

»Mutter,« begann Elli zaghaft, »ich habe der kranken Tante versprochen, jeden Abend vor dem Einschlafen im Worte Gottes zu lesen. Darf ich es laut tun?«

Die Mutter nickte. Elli nahm ihr Neues Testament heraus und las die Losung des Tages, Psalm 84: »Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth, meine Seele verlangt und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn,« und weiter bis zum Schluß: »Gott der Herr ist Sonne und Schild, der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verläßt.«

»Das war doch schön, Mütterchen,« sagte Elli. »Wenn es uns hier in unserer Behausung nicht gefällt, wollen wir immer an die lieblichen Wohnungen des Herrn Zebaoth denken. Die kranke Tante sagt: Gottes Wort vermag uns in allen Lagen des Lebens zu trösten.«

»Da hat die kranke Tante recht. Was du mir eben vorgelesen hast, hat mich getröstet. Doch nun leg dich schlafen, Elli, es ist schon spät.«

Mit dem glücklichen Gefühl, endlich den Zugang zum Herzen der Mutter gefunden zu haben, legte sich Elli und dankte Gott, der ihr den Mut verliehen habe, der Mutter aus der Bibel vorzulesen. Nun wollte sie sie bitten, es täglich selbst zu tun, weil das, wie die Tante im Weißen Häuschen sagte, zum dauernden Glück führe.

Sie mochte wohl ein Stündchen geschlafen haben, da erwachte sie von einem argen Lärm. Es raschelte, huschte, sprang, knapperte, besonders toll ging es in der Schinkenecke her. Der Mond schien hell und beleuchtete die schwarze Gazegruppe. Und sieh, wie ein weißes Gespenst lugte es durch die schwarze Gaze hindurch. Elli sah es ganz deutlich. Es war etwas Weißes mit glänzenden Augen. Und dazu das Lärmen und Wirtschaften in der Stube. Dazwischen das regelmäßige Atmen der Mutter.

Ob sie sie nur wecken sollte? Aber die arme Mutter war so müde gewesen, es wäre selbstsüchtig, sie aus ihrer Ruhe zu reißen. Sie wollte alle Selbstsucht ablegen und sich beherrschen. Wenn sie nur gewußt hätte, was die verschiedenen Geräusche zu bedeuten hatten. Die schwarze Gazegruppe stand still und unbeweglich, die ausgestopften Vögel im Glasschrank sahen zwar im bleichen Mondlicht schreckenerregend aus, aber sie saßen fest im Schrank, konnten nicht heraus. Jene große, graue Urne, die ein grinsendes Gesicht zeigte, war von Stein und hatte auch kein Leben. Aber dort in der Schinkenecke ging es lustig zu, sollten etwa Mäuse einen Hochzeitsschmaus halten? Plötzlich sah Elli ein Mäuschen durch das Zimmer huschen. Gehörte auch die Entdeckung nicht zu den angenehmen, so war es doch wenigstens insofern beruhigend, als das Geräusch in etwas Natürlichem seinen Grund hatte. Sie zog ihr Deckbett ganz über den Kopf, so daß sie von der wenig anziehenden Mondscheinlandschaft nichts sah und hörte. Sie versuchte zu schlafen, doch lange wollte der Freund der Nacht nicht kommen. Sie zog Vergleiche zwischen dem weißen Häuschen und der Wohnung der Tante und dachte darüber nach, wie doch jedes Heim den Geist und das Gepräge der Bewohner zeigte. Wie lieblich und zart war alles, was Tante Elfriede umgab. Tiefe Sabbatruhe und Frieden dort, während hier wunderliche, verschrobene Einfälle verkörpert schienen. Man wurde beständig geängstigt und aufgeregt; zu einem Frieden, der der Seele wohltut, kam es in der Tante Umgebung nicht. Ob es wohl daher kam, weil ihr der innere Friede fehlte? Und wie war es bei der Mutter gewesen? Dort sollte alles reich und vornehm sein und nach außen glänzen; aber die Mutter fing an anders zu denken, sie hatte es ja schwer jetzt. Was würde aber ihr eignes Heim, wenn sie je eines besitzen würde, für ein Gepräge haben? Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth, klang es in ihr. Auf Tante Elfriedens irdisches Heim ließ sich das Wort anwenden, und wäre es nicht schön, wenn jedes Heim auf Erden daran erinnerte? Sie wollte ihren Heiland über alles lieben, damit auch ihr äußeres Gepräge und alles, was sie umgab, den Stempel trüge des inneren Friedens. Das waren Ellis Nachtgedanken. Nun ließ sie die Mäuse toben und den Mond das häßliche Zimmer bescheinen, ihr Herz freute sich der lieblichen Wohnungen des Herrn Zebaoth und mit den Worten auf ihren Lippen: »Wohl denen, die in deinem Hause wohnen,« schlief sie ein.

Am andern Morgen war sie fröhlich und guter Dinge. Sie erzählte ihrem Mütterchen von den Schrecknissen der Nacht und wie der am Abend gelesene Psalm ihr alle Furcht und alles Grauen genommen habe. Dann lüftete sie den schwarzen Schleier, um zu ergründen, was darunter verborgen war. Sie entdeckte zwei ausgestopfte Hunde, einen weißen Spitz und einen schwarzen, gewiß frühere Lieblinge der Tante. Sorgfältig breitete sie die Hülle wieder darüber, indem sie lachend sagte: »Wartet, ihr sollt mir nicht wieder die Nachtruhe rauben.«

Im Laufe des Tages zeigte die Tante ihnen die anderen Räume der Wohnung. Es war nicht viel mehr vorhanden, außer den genannten Stuben noch einige Kämmerchen, natürlich vollgepropft von oben bis unten. Elli sah die Mutter besorgt an, die Hoffnung, derselben ein gemütliches Heim zu schaffen, schwand immer mehr. Jetzt holte die Tante noch einen Schlüssel und mit den Worten:

»Hier ist noch ein kleiner Raum, wo du einige Sachen unterbringen kannst,« schloß sie die Tür auf. Vor den erstaunten Blicken der beiden zeigte sich ein hübsches, leeres, zweifenstriges Zimmer, das freundlich tapeziert einen höchst wohnlichen Eindruck machte.

»Hier kannst du dich einrichten wie du willst, Elise.« Dabei sah die Tante sie mit einem Blick an, der Elli noch vom Bade her bekannt war. Wenn sie die Menschen aufs äußerste verstimmt hatte, dann auf einmal wußte sie sie aufs höchste zur Dankbarkeit zu verpflichten durch eine Tat der Gutmütigkeit, die man am wenigsten bei ihr vermutete. Elli umarmte die Mutter jubelnd.

»Mütterchen, dein eigenes Zimmer, siehst du, nun geh ich noch einmal so gern fort, wenn ich dich behaglich eingerichtet weiß.«

Elise, die verwöhnte Dame, fühlte zum erstenmal Dankbarkeit und Zufriedenheit mit ihrer Lage.

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