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Die drei Freundinnen

Helene Hübener: Die drei Freundinnen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleDie drei Freundinnen
publisherD. Gundert, Verlag
printrun42.-47. Tausend
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131211
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wgs9110
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11. Doktor Körner

»Wenn mir nur das Wasser nicht so schrecklich wäre, Elli, ich führe einmal mit dir über den Fluß. Möchte gern einmal drüben an den Dünen entlang spazieren gehen,« sagte einige Tage nachher die Tante.

Elli, die sich lange nach einem tüchtigen Spaziergang gesehnt hatte, bat die Überfahrt zu versuchen, es sei gar nicht schlimm, zumal bei dem ruhigen Wetter. Die Tante ließ sich überreden, und die Damen begannen ihre Wanderung hart am Meeresstrand. Es war ein stiller, warmer Tag, der Himmel grau, mit Wolken verhangen. Diese Färbung teilte sich auch dem Meere mit. Grau und trübselig rollten die Wellen heran und brachen sich am Ufer. Tiefer Friede umgab sie, nur hie und da sah man einzelne Spaziergänger, die auch die Einsamkeit liebten, oder Familien, die Entdeckungsreisen anstellten, oder Kinder, die nach Bernstein suchten. Im ganzen aber war der Meeresstrand still und menschenleer im Gegensatz zu drüben, wo es in den Nachmittagsstunden von Menschen wimmelte. Die Seeluft hatte die Tante so gestärkt, daß sie besser zu gehen vermochte als sonst. Als sie in die Nähe eines Sandfuhrwerks kamen, das von einem Esel gezogen wurde, ward sie heiter und gesprächig; sie erzählte Elli, wie sie in ihrer Jugendzeit auf Eseln geritten sei und großes Vergnügen dabei gehabt habe. Dann ging sie auf den alten Fuhrmann los, der mit Sandschaufeln beschäftigt war, und knüpfte eine lange Unterhaltung an.

Elli stand sinnend und betrachtete die graue Gruppe mit dem grauen Himmel über sich und dem grauen Meer daneben. O, daß doch dieses düstere Grau zerrisse und auf einmal blauer Himmel und Sonnenschein würde! Wenn doch eine rechte Erquickung und Freude fürs Herz käme!

Jetzt hatte sich die Tante, des Stehens müde, gesetzt. Elli bat um die Erlaubnis, etwas weiter gehen zu dürfen, was ihr durch ein Kopfnicken gewährt wurde. Sie ging Muscheln und Steine suchend immer weiter, bis sie durch laute Stimmen, die an ihr Ohr schlugen, in ihren Träumereien gestört wurde. Was waren denn das für Stimmen? Sie blickte auf und sah zwei Herren kommen. War der Alte nicht Doktor Burg und die beiden Damen, die in einiger Entfernung folgten – –

Elli flog auf sie zu, und mit dem Ruf: »Anna, meine Anna, bist du es wirklich?« fiel sie weinend und lachend der Freundin um den Hals. Dann umschlang sie die Doktorin, und der Doktor, der sich infolge der stürmischen Begrüßung umdrehte, rief:

»Potztausend, das ist ja unsere Elli! Wo kommen Sie denn her, Kind?« Dabei streckte er ihr beide Hände entgegen. Der junge Herr verbeugte sich auch lächelnd, er erkannte das junge Mädchen wieder, das sein Gegenüber im Postwagen gewesen war. Der Doktor stellte ihn vor als Doktor Körner. Elli errötete sehr verlegen; sie kannte ihn ja schon, und hatte sie sich vor einigen Tagen gewundert, wie derselbe sich als ein Freund des langen Unbekannten entpuppte, so war sie jetzt erstaunt, ihn in Begleitung ihrer Freunde zu sehen.

Die Herren schritten voran in eifrigem Gespräch, während Elli und Anna sich immer wieder umarmten und sich nicht genug wundern konnten ob des seltsamen Zusammentreffens am stillen Meeresstrand.

»So führt Gott die Menschen zusammen und wieder auseinander,« sagte Anna ernst und seufzte leise.

»Das ist so, mein Kind,« sagte die Doktorin, »du mußt dich darein finden.«

Elli sah, daß Annas Augen feucht wurden, und doch mochte sie nicht fragen, was sie hatte.

Sie mußte der Doktorin berichten, mit wem sie hier sei, und als sie bei der Tante angelangt waren, stellte Elli die Damen einander vor. Die Herren waren weit voraus.

Die Doktorin und die Tante waren bald über Elli und die häuslichen Verhältnisse bei der Mutter in eifrigem Gespräch. Die Doktorin erfuhr manches, was sie noch nicht gewußt, und beide waren einig in dem Punkt, daß mit Elli irgend etwas geschehen müsse, um sie dem Einfluß der Mutter zu entziehen und in eine zweckmäßige Arbeit einzuführen.

Nun, da die jungen Mädchen unbeobachtet waren, vertraute Anna der Herzensfreundin, daß der junge Mann beim Vater längere Zeit Assistenzarzt gewesen sei, daß sie sich hätten kennen und lieben lernen, wie aber der Vater nicht eher in eine Vereinigung willigen wolle, bis Doktor Körner ansässig geworden sei und eine eigene Arbeit übernommen habe. Nun habe er einen Ruf als Schiffsarzt bekommen und angenommen. Einmal habe ihn die Aussicht fremde Länder zu sehen gelockt, und dann hoffe er für seinen Beruf wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Morgen gehe das Schiff in See. Der junge Mann habe so gern noch einmal mit ihrem Vater sprechen wollen, und da sie auf der diesjährigen Sommerreise in der Nähe des Badeortes gewesen, so habe der Vater seinem Urlaub noch einen Tag zugefügt, und sie seien hierhergekommen, um –

Tränen erstickten Annas Stimme.

»Abschied zu nehmen,« ergänzte Elli und sah die Freundin zärtlich an. Plötzlich wurde ihr der Auftritt im Pfarrgarten klar. Sie wußte, was der Abschied der beiden Freunde zu bedeuten hatte. Sollte sie Anna davon erzählen? Wohl nicht. Da der junge Mann in einem so zarten Verhältnis zu der Freundin stand, möchte es letztere beunruhigen, wenn sie ihr sagte, daß der unbekannte Lange sein Freund sei. Hoffentlich hatte der Zukünftige ihrer geliebten Anna ernstere Ansichten als jener. Sie setzte es von Anna, als Elfriedens lieber Pate, voraus, daß sie danach zuerst fragen würde.

Nachdem beide eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, fragte Elli, ob Anna im weißen Häuschen gewesen sei.

Sie bejahte es und erzählte, wie Tante Elfriede alles wisse und so lieb und gut gewesen wäre. Wie sie auch nach Elli gefragt habe und betrübt sei, daß sie nicht wieder zu ihr gekommen sei.

»Ich darf ja nicht,« sagte Elli traurig. »Aber ich muß und will sie einmal wiedersehen,« rief sie plötzlich, heftig erregt. »Ach, Anna, wenn ich dich noch hätte! Dir wird das Gutsein gar nicht schwer, du sagtest und tatest immer das Rechte, ich konnte von dir lernen. Seit du fort bist, ist es mit mir rückwärts gegangen.«

Anna umschlang die Freundin und lehnte das Lob bescheiden ab. Sie habe, sagte sie, so prächtige Eltern, denen sie alles verdanke.

So konnte sie, die beizeiten gelernt hatte, sich dem elterlichen Willen zu beugen, jetzt still und gehorsam ertragen, was der Vater verlangte. Die jungen Leute sollten sich als Fremde begegnen; erst wenn Doktor Körner heimgekehrt sei und sich als Arzt in der Heimat niedergelassen habe, wollte er ihm gestatten, um Anna zu werben.

Sie waren nun alle wieder am Fluß angelangt, und die Überfahrt sollte beginnen. Doktor Körner war den Damen beim Einsteigen behilflich, die jungen Mädchen hüpften schnell hinein und setzten sich zum Vater, die Doktorin eilte auch ins Boot, nicht so die Tante, die das Fahrzeug von allen Seiten prüfte, bevor sie Miene machte, einzusteigen. Doktor Körner streckte die Hand aus, ihr zu helfen. »Verehrte Frau,« sagte er höflich, »heute müssen wir zusammen aushalten, eine andere Fahrgelegenheit gibt's nicht, und aussteigen kann ich diesmal nicht.«

Die Tante zog ein außerordentlich mißmutiges Gesicht, als sie den jungen Mann erkannte; sie fühlte wohl, daß sie ihm gegenüber etwas gutzumachen habe, da sie aber zu stolz war, dies einzugestehen, so suchte sie es durch eine griesgrämige Miene zu verdecken.

Beim ersten Schwanken des Bootes schrie sie laut auf. Als es sich wiederholte, rief sie: »Das Boot ist überladen, es wird sinken. Wir kommen alle um.«

Die Herren hatten Not, sie zu beschwichtigen, doch gelang es dem jungen Doktor durch ein liebenswürdiges Gespräch, das er mit der alten Dame anfing, sie allmählich von der Angst abzulenken, und so wurde das jenseitige Ufer ohne Gefahr erreicht.

In einer Stunde ging das Dampfschiff ab, das Doktor Körner in einen größeren Hafen Norddeutschlands bringen sollte, von wo aus er mit einem Schiff die Reise nach Südamerika anzutreten gedachte.

Die Tante, welche von Frau Doktorin aufgefordert wurde, bis zum Abgang des Schiffes zu warten, erklärte entschieden, die Abendluft schade ihr. Elli könne bleiben, wenn sie wolle, doch zuvor müsse sie sie nach Hause geleiten.

Der höfliche junge Mann stand schon an ihrer Seite. »Verehrte Frau, ich werde mir die Ehre geben, das Fräulein trennt sich nicht gern von der Freundin.«

»Sie sind ein reizender junger Mann, kommen Sie,« sagte sie, überwunden, schob ihren Arm unter den seinigen und ging eiligen Schrittes mit ihm von dannen. –

»Wie köstlich, Anna, daß ich einen Abend im Freien zubringen darf, der erste Abend, seit ich hier bin. Und mit dir!« rief Elli.

Anna drückte der Freundin die Hand und sie folgten den Eltern, die in der großen Veranda des Gasthofes, das dem Dampfschiffplatz gegenüberlag, Plätze belegten, um dort bis zur Abfahrt des Schiffes zu warten. Nach einigen Minuten kam Doktor Körner zurück. Jetzt nahm er den Platz neben Anna ein, ohne jedoch irgendwie die Grenze der Vertraulichkeit zu überschreiten. Sie wußten beide, woran sie waren, ehrten aber den Willen des Vaters. Und doch war die Stimmung der Herzen eine tiefbewegte und in den anscheinend gleichgültigen Worten, die gewechselt wurden, lag mehr, als ein Uneingeweihter hätte herausfinden können.

Auch hier gab es Musik, wie im Kurhaus. Es war eine Pause gewesen, nun setzte sie wieder ein. Sei es zu Ehren des zur Abfahrt bereiten Dampfschiffes oder der vielen abreisenden Gäste, sie begann dasselbe Lied, das Elli vor einigen Abenden tief bewegt hatte. Alles verstummte und lauschte den Klängen, die feierlich durch die Abendluft zogen.

»Wenn Menschen auseinandergehn, so sagen sie: auf Wiedersehn.«

»Auf Wiedersehn« – tönte es in allen Herzen und Körner beugte sich tief zu Anna und flüsterte leise: »Auf Wiedersehn!«

Es läutete vom Schiff her. Der Doktor erhob sich und mit den Worten: »schnell Kinder« nahm er Doktor Körner unter den Arm, winkte Anna an die andere Seite zu kommen, die Doktorin machte mit Elli den Beschluß.

»Und nun keine Rührszenen,« sagte der alte Herr. »Gott behüte Sie, mein lieber Körner, wenden Sie Ihre Zeit gut an, lernen Sie noch etwas Tüchtiges, und wenn Sie zurückkehren, wird sich alles Weitere finden.« Hierauf umarmte er den jungen Mann, die Doktorin schüttelte ihm beide Hände, er dankte für alles Gute, was er in ihrem Hause genossen hatte, gab auch Elli die Hand und zuletzt reichte er sie Anna. Er hielt sie lange und sah das junge Mädchen tiefbewegt an: »Gott behüte Sie. Auf Wiedersehen!«

Der junge Mann betrat festen Schrittes das Schiff. Es waren schon zahlreiche Fahrgäste versammelt. Sie hatten alle die Angesichter nach dem Ufer gerichtet, wo die Angehörigen in dicht gedrängter Schar standen, um noch einen Blick, einen Abschiedsgruß zu erhaschen.

»Auf Wiedersehen,« tönte ein feines, liebliches Stimmchen, und ein kleines, blondes Mägdelein winkte mit dem Händchen seinem Vater zu, der auf dem Schiff stand und seiner Gattin und der Kleinen zunickte. Das Kind lächelte freundlich und sagte immer wieder: »Auf Wiedersehen.« Es empfand noch nichts von dem tiefen Weh, das die Herzen erfaßt, wenn das Wort »Trennung« in seiner tiefsten Bedeutung verstanden wird. Ein junges Paar grüßt auch von dem Schiff herüber einem alten Mütterchen zu, das mit leiser Stimme sagt: »Auf Wiedersehen!« Aber es liegt in dem Wort und Ausdruck der Alten: »Wenn nicht hier auf Erden, dann droben im Himmel.«

Jetzt löst sich das Schiff langsam vom Ufer, es rauscht durch den Strom und nicht lange, so gleitet es hinein in die weite See. Die Menge verlor sich still. Burgs schauten dem Schiff noch lange nach, und gingen am Ufer entlang, dem Meer zu. Die jungen Mädchen erbaten sich die Erlaubnis, noch eine Strecke auf den Damm, der ins Meer hineingebaut war, gehen zu dürfen. So wanderten sie auf dem schmalen Steindamm, zu beiden Seiten von den Meereswellen umrauscht, die eine mit tiefem Abschiedsweh im Herzen, die andere die Freundin tröstend, dabei sich ihrer gegenseitigen Liebe bewußt, eine der andern vertrauend. Aus der Ferne tönte noch immer die Musik, es war, als könnte sie heute kein Ende finden mit dem: »Auf Wiedersehen!« Auch die Wellen, die kamen und gingen, schienen dasselbe zu sagen und Anna und Elli waren tiefbewegt angesichts des Abschieds, der auch ihnen bevorstand. Da winkten die Eltern, es mußte geschieden sein. Burgs wollten am nächsten Morgen in aller Frühe aufbrechen, um die ferngelegene Heimat in einem Tage erreichen zu können. Sie begleiteten Elli nach Hause und nahmen ihr das Versprechen ab, sie im nächsten Jahr auf längere Zeit zu besuchen. Anna mahnte die Freundin, den Besuch im weißen Häuschen nicht aufzuschieben, und in herzinniger Umarmung mit dem Wort: »Auf Wiedersehen!« schieden die beiden Freundinnen.

Elli ging leise hinauf. Die Tante schlief. Sie war noch zu erregt, um zu Bett gehen zu können. Was hatte sie alles erlebt! Wie wunderbar, daß die Tante, die sich sonst nur auf kleine Ausgänge beschränkte, heute auf den Einfall kam, nach dem jenseitigen Ufer zu fahren. Sonst hätte sie Burgs nicht getroffen, das schöne Wiedersehen, die köstlichen Stunden des Beisammenseins wären nicht erfolgt.

Wie mochte es nur Anna zumute sein mit einer so schönen Hoffnung im Herzen. Sie konnte sich keine Vorstellung davon machen. Auf einmal schob sich der lange Unbekannte in ihre Träume. Was wollte denn der hier? Ja so, es war der Freund von Doktor Körner. Sie schaute unwillkürlich in den Pfarrgarten. Dort waren sie vor einigen Tagen auf und ab gewandert, dort hatten sie sich umarmt und Abschied genommen. Wo waren nun beide? Der eine auf dem weiten Meer und der andere? Wie kam es, daß sie befreundet waren? Sie waren gewiß beide Mediziner, hatten zusammen studiert. Zu Doktor Körner hatte sie von Anfang an, noch eh' sie von seiner Bekanntschaft mit Burgs wußte, herzliches Vertrauen gehabt, sie hätte ihn, wäre sie gefährdet gewesen, unbedingt um Schutz bitten können. Auf so vieles hätte sie Antwort haben mögen, in ihrem Köpfchen wirbelte es. Wie mochte es der Mutter daheim ergehen? Freute sie sich, wieder zu ihr zu kommen? Wie würde sich ihr ferneres Leben gestalten? So dachte und träumte Elli lange, bis die vorgerückte Zeit ans Schlafengehen mahnte.

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