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Die drei aus Hollywood

Paul Rosenhayn: Die drei aus Hollywood - Kapitel 7
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typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie drei aus Hollywood
publisherHugo Wille / Verlagsbuchhandlung / Berlin
illustratorKurt Lange
year1929
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VI.

Susie Lacombe ging die Hoteltreppe hinunter. Der Geschäftsführer wartete, den großen Blumenstrauß in der Linken, am Podest. Er machte eine respektvolle, tiefe und schweigende Verbeugung und legte die Nelken in ihren Arm.

Von unten schlug ihr wie eine leise und plätschernde Brandung das Raunen der Wartenden entgegen. Der Name Prisca drang flüsternd zu ihr empor. Als man ihrer ansichtig wurde, lüfteten die Männer die Hüte; die Frauen winkten ihr. Glänzende Augen, erregtes Stimmendurcheinander, begrüßte sie.

Der Hotelier mochte mit einem Ansturm der Begeisterten gerechnet haben; eine rotseidene Schnur sperrte den Korridor zum Konversationszimmer ab.

Susie trat ein. Betäubender Duft schlug ihr entgegen.

Der Raum erstrahlte von tausend Blumen, leuchtend in allen Farben.

Der Tisch war bedeckt mit Briefen. Mit Telegrammen. Mit Visitenkarten, die klangvolle Namen zeigten, Susie betrachtete alles dies: den leuchtenden, duftenden Raum, die sich zu kleinen Bergen häufenden Sympathiekundgebungen, mit glücklichem Lächeln.

Eine Tür ging auf, Herren traten ein, verbeugten sich, sprachen verbindliche Worte, küßten ihr die Hand, legten Blumen nieder. Frauen kamen, führten Kinder an den Händen: Glückwünsche, Segenssprüche umschwirrten sie, hüllten sie und alle Dinge in diese Welle einer weichen und warmen Herzlichkeit.

Wieder ging die Tür. Der Hotelier kam; er blieb im Eingang stehen und ließ eine Dame eintreten. Susie sah sie an. Sie trat einen Schritt zurück.

Es war Ivy Griffith.

»Durchlaucht ...« Ivy machte einen tiefen Knicks ... »Durchlaucht – wie freue ich mich, daß es mir vergönnt ist, Sie noch in Budapest zu erreichen! Befindet die Fürstin-Mutter sich wohl? Sie müssen nämlich wissen, meine Herrschaften –« sie wandte sich den Umstehenden zu, die der kleinen Szene mit wachsender Aufmerksamkeit folgten – »daß ich die Ehre habe, die Prinzessin Prisca seit mehreren Jahren zu kennen. Wissen Sie, woher ich eben komme? Von Ihrer Frau Mutter. Sie feiert in ihrem Stadtpalais das Fest ihrer Rehabilitierung! Der ganze Adel von Budapest ist versammelt. Alles gratuliert – nur über eine Kleinigkeit wundert man sich: daß die junge Prinzessin Prisca fehlt. Wollen Sie nicht hingehen, Teuerste? Kommen Sie – mein Auto steht vor der Tür.«

Der Saal hatte sich mit weiteren Gästen gefüllt; Journalisten; auch Doktor Farago, der erfolgreiche Verteidiger, war eingetreten. Einige blickten sich an, einige zuckten die Achseln; man begriff, daß hier etwas Feindseliges im Anzuge war.

Von außen kam ein dumpfes Raunen: fast als ob eine Menschenansammlung näher komme.

»Hören Sie, Prinzessin?« Die Schauspielerin lächelte. »Das Volk von Budapest wünscht die Heldin des Tages zu begrüßen!«

»Was wollen Sie von mir?« fragte Susie.

»Was ich will? Warum so abweisend, schönste Prinzessin? Können Sie es mir verdenken, wenn ich von dem allgemeinen Taumel der Begeisterung mitgerissen bin? Nämlich« – wieder wandte sie sich den Umstehenden zu – »Fräulein ... ich wollte sagen: Prinzessin Prisca war meine Kollegin. Und, denken Sie sich: bis vor kurzem führte sie einen völlig anderen Namen. Einen ganz gewöhnlichen bürgerlichen Namen: Susie Lacombe. Wollen Sie es nicht glauben? Dann, bitte, kommen Sie in mein Hotel. Ich werde Ihnen einige Szenen aus einem Film zeigen, in denen Sie diese Susie Lacombe erkennen werden.«

Das Raunen draußen schwoll an; der Hotelier, mit unruhigen Augen, ging zur Balkontür. Irgend ein Wort, ein Zuruf, ein Schrei flatterte zu den Fenstern empor; die Anwesenden sahen sich betroffen um.

»Und wenn ich fragen darf: wo ist denn Ihr Begleiter? Der scharmante Herr Ladinser? Hat er seine halbe Million schon dafür erhalten, daß er eine Schwindlerin als Prinzessin Prisca vor Gericht präsentiert hat?«

»Was ist das?« Jemand trat auf Ivy Griffith zu. Es war Doktor Farago.

Alles blickte auf Susie. Sie war bleich geworden. Stockenden Atems antwortete sie:

»Das Gericht hat entschieden. Es hat mich als Prinzessin anerkannt.«

»Jawohl!« schrie Ivy ihr ins Gesicht. »Das Gericht hat entschieden, weil es betrogen worden ist! Soll ich es Ihnen beweisen? Bitte, Herr Doktor Farago: ich frage Sie: haben Sie gestern abend Herrn Ladinser seine Belohnung ausgezahlt – dafür, daß er eine Filmschauspielerin aus Hollywood als die verschwundene Prinzessin Prisca nach Budapest gebracht hat?«

»Ist das wahr, Doktor Farago?« fragte Susie erbleichend. »Haben Sie Herrn Ladinser ...«

Ihre Worte wurden übertönt von den brausenden Rufen, die von der Straße heraufschlugen.

Der Hotelier öffnete die Balkontür. Gellende Pfiffe empfingen ihn; der Name Susie Lacombe scholl herauf. Plötzlich traf ein Steinwurf das Fenster, das klirrend zerbarst.

»Großer Gott!« Der Hotelier stürzte ins Zimmer. »Man demoliert mir das Hotel! Sie müssen fort, Prinzessin ...!«

Susie wollte antworten; aber das Schreien dort unten schwoll zum Brüllen an. Fünf, sechs Steinwürfe hagelten gegen die Scheiben, Splitter prasselten ins Zimmer. Die ganze Straße war angefüllt von Heulen, Pfeifen und Toben.

Die Besucher sahen erschrocken auf Susie, auf die brüllende, heulende Straße dort unten; Türen wurden aufgerissen; Trampeln, Schreie, Rufe irrten durch das Haus. Nun stand Susie Lacombe allein mit Ivy Griffith, mit dem Hotelier.

»Schlagt sie nieder!« brüllte es.

Der Hotelier faßte beschwörend Susies Hände. »Sie müssen hinuntergehen, Sie müssen die Leute beruhigen.«

»Ja«, sagte Ivy Griffith höhnisch lächelnd. »Das ist eine gute Idee.«

Was nun kam, folgte so blitzschnell aufeinander, daß Susie kaum vermochte, die einzelnen Prämissen zu begreifen. Unten polterten krachende Schläge gegen die Türen, dumpf hallend schlugen Pforten zurück, Rufe, Trampeln von hundert Füßen hämmerte auf den Treppen. Im nächsten Augenblick wurde die Tür von neuem aufgerissen – keuchend, kaum eines Wortes mächtig, stand Peter Thornquist auf der Schwelle.

»Wir müssen fort, Susie! Jeden Augenblick können sie hier sein. Man wird Sie totschlagen – kommen Sie mit – es gibt eine Katastrophe.«

Er zog sie, ohne ein Wort abzuwarten, durch eine Seitentür in ein kleines dunkles, leeres Zimmer. Der Wirt folgte ihnen mit beschwörenden Gesten. Seitenräume, spärlich erleuchtet, taten sich auf. Irgendwo hing Dienstbotengarderobe; Peter raffte im Vorbeigehen ein paar Kleidungsstücke zusammen; das Trampeln kam näher. Man hörte deutlich das Rufen: »Wo ist sie – Betrügerin ...!«

Dort war eine Tür. Sie war verschlossen. Er versuchte vergeblich, sie zu öffnen. Er stemmte sich mit aller Kraft seiner Schultern dagegen; die Tür sprang aus dem Schloß, flog krachend zurück. Er raste, Susie am Arm haltend, die schmale Nottreppe hinunter. Nun waren sie an irgend einem kleinen, unbeachteten Gärtchen, vielleicht an dem Hinterausgang. Er hängte ihr eilig ein Cape um.

Draußen stand ein geschlossenes Auto.

Während sie durch den schmalen Vorgarten rannten, kam ein Zuruf. Susie wandte sich zur Seite; es war Ladinser. Wo kam Ladinser her? Er war plötzlich da, die Gefahr hatte ihn herbeigeführt, vielleicht, daß er, in einer letzten ritterlichen Aufwallung, begriff: du mußt sie schützen, du hast sie hierhergeführt.

Thornquist riß den Schlag auf. Er drängte Susie ins Wageninnere. Sie wollte sprechen. Warum stand Thornquist unbeweglich? Warum machte er keine Anstalten, sich zu ihr zu setzen? Sie wollte eine Erklärung sagen, vielleicht ein freundliches Wort. Sie dachte an jene Nacht in Wien – aber er sah an ihr vorüber.

Der Chauffeur deutete nach drüben. Die Menschenmenge kam näher. Ein paar Neugierige mochten sie erspäht haben. Irgendwo fiel ein Schuß.

»Sie sind gerettet, Susie«, sagte Thornquist. »Jetzt ist meine Pflicht getan. Leben Sie wohl.«

Sie wollte antworten, sie wollte schreien, sie wollte, an Ladinser vorbei, den Wagen verlassen. Aber schon fuhr der Schlag zu, das Auto raste davon, in der Richtung nach dem Donauufer.

»Gott sei Dank ...!« Ladinser blickte durch das kleine Fenster zurück. »Sie drohen hinter uns her. Richtig: einer notiert die Nummer unseres Autos.«

»Das bedeutet?« fragte sie tonlos.

»Das bedeutet, daß man dieses Auto in einer Stunde oder eher irgendwo anhalten wird. Nur schade, ihr Herren: dann werden wir diesen Wagen längst gewechselt haben.«

Das Auto sauste durch die Vorstadt von Budapest. Glänzende Nachmittagssonne lag über der Donau, Rebenhügel schimmerten im Dunst der Ferne; das ganze leuchtende Bild dieser Stadt, heiter, schattenlos, mütterlich, grüßte abschiednehmend herüber.

Ein paarmal versuchte Ladinser das Wort an seine Begleiterin zu richten. Sie blickte schweigend geradeaus.

Plötzlich fragte sie:

»Ist es wahr, daß Sie Geld dafür bekommen haben ...?«

Er nickte.

Wieder saßen sie schweigend nebeneinander. Die Straßen wurden weiter, leerer – Schienenstränge zweigten ab, zur Linken, zur Rechten. Hie und da glitten letzte Häuser vorüber.

Plötzlich hielt der Wagen.

Susie blickte Ladinser erstaunt an. Der stieg aus, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre. Ein unscheinbares Haus, ziemlich groß, verfallen, ein kleines bißchen unheimlich, stand in der schrägen Nachmittagssonne.

Ein Mann kam heraus, klein, untersetzt, mit flinken Mausaugen. Er grüßte fast unmerklich. Das Auto fuhr weiter.

»Wir nehmen von hier aus einen anderen Wagen«, erklärte Ladinser ihr leise. »Einen Bauernwagen. Wenn alles gut geht, sind wir morgen mittag in Wien.«

Er wies auf das Erlengebüsch zur Rechten; dort stand eine Bank mit einem rohgezimmerten Tisch.

Ladinser ging mit dem Mann ins Haus. Die beiden sahen sich kurz nach ihr um. Alles hatte einen heimlichen und verräterischen Unterton.

Susie ging mit müden Schritten auf die Bank zu. Dort, jenseits des Stromes, lagen die Herbstfelder. Marienfäden schwebten in dem bläulichen Dunst, über den Herbstzeitlosen. Ein Rabenschwarm flog auf. Ein langer Wagen, maisbeladen, schwankte rumpelnd stallwärts.

Von rechts, von der endlosen Landstraße her, kam eilends ein Mann. Er trat in den Garten. Ohne sich um die Frau dort drüben zu kümmern, zog er eine Flasche und setzte sie an den Mund. Behutsam steckte er sie wieder fort, um sie mit einem plötzlichen Entschluß zum zweiten Male zu ziehen. Nun, da er näher kam, sah Susie, daß er taumelte. Er war von dunklem Typ, zigeunerhaft. Sicher war er einst ein schöner Mann gewesen, aber mit unendlicher Schwermut in den dunklen Augen, mit einem seltsam starren und trostlosen Blick.

Plötzlich schien er Susie zu gewahren. Er zog den Hut und ging in demütiger Haltung auf sie zu. Während er vor ihr stand, taumelte er von neuem; erschrocken hielt er sich am Tisch fest.

Das Getrappel von Pferdehufen klang auf. Der Zigeuner sah sich scheu um. Am Eingang, unter der alten Ulme, erschienen zwei Reiter: Landjäger.

Sie stiegen ab, schritten eilends den verwahrlosten Gartenweg hinauf; sie sahen sich spähend um. Einer grüßte die junge Dame. Sie blickte zur Seite: vom Zigeuner war nichts zu sehen.

Ladinser kam heraus, mit dem breitschultrigen, kleinen, flinkäugigen Hausherrn. Eine eifrige Unterhaltung entspann sich. Plötzlich stürzte der eine der Landjäger auf das Gebüsch zu und zerrte den Zigeuner, der sich winselnd wehrte, hervor.

In Susie regte sich das Mitleid. Sie wollte ein begütigendes Wort sprechen. Aber Ladinser kam ihr zuvor.

»Ein alter Dieb ..., man sucht ihn seit vielen Monaten. Wollen Sie wissen, wodurch er sich verraten hat? Man hat bei einem Hehler silbernes Gerät gefunden, das das Wappen von Klausenburg trägt.«

Der Landjäger legte seinem Häftling Fesseln an.

Ladinser deutete auf die Bank, mit einem bezeichnenden Blick auf die Beamten. Susie trat ein paar Schritte vorwärts. Er sagte leise, in englischer Sprache:

»Es wird Zeit, daß wir über die Grenze kommen. Denken Sie sich: man hat die Fürstin Klausenburg auf's neue verhaftet.«

»Mein Gott!«

Er nickte. »Gleichzeitig hat man unsern Freund Peter Thornquist festgenommen. Wegen Begünstigung ...«

»Und wir ...?« fragte Susie.

»Wir ...?« er lachte. »Wir haben unsere Pflicht getan. Wir haben ...«

»... das Geld in der Tasche. Das wollten Sie doch sagen?«

Er zuckte die Achseln. »Nun ja.«

Auch der zweite Landjäger salutierte und schwang sich auf sein Pferd. Die beiden führten den Häftling zwischen den Pferden. Am Halfter des rechten lief der Häftling.

Die Beamten legten Trab ein. Der Zigeuner rannte aus Leibeskräften.

»Und nun,« sagte der Mann mit den Mausaugen, »nun werde ich Sie nach Esztergom fahren.«

Er ging hinüber in den Stall. Das Scharren von Pferdehufen drang heraus.

»Nun, Susie?« Ladinser mochte fühlen, daß eine Veränderung in ihr vorgegangen war. »Nun, Susie?«

Eben rollte der Wagen aus der Remise. Die Stalltüren gingen auf; zwei Rappen, glänzend und rassig, stampften den Boden.

Der Besitzer deutete auf den Wagen. Der Geschirrjunge schnallte mit flinken Händen die Riemen ein; der kleine Breitschultrige schwang sich auf den Bock.

Ladinser führte Susie an den Wagen; er hielt ihr stützend die Hand entgegen. Aber Susie, mit einem entschlossenen Kopf schütteln, sagte:

»Fahren Sie allein. Ich kehre nach Budapest zurück.«

*

Während sich hinter der dunklen eichenen Tür des hohen Saals der letzte Akt des Falles Klausenburg abspielte, geschah dies: Die Tür vom Korridor ging leise auf, und der Rechtsanwalt Doktor Imre Farago trat ein. Er ging auf den Präsidenten zu, immer mit seinen langsamen, schlürfenden Schritten. Und er sagte:

»Wir haben vor einer Stunde erfahren, Herr Präsident – daß die Leiche, die man im englischen Pavillon gefunden hat, die Frau des Zigeuners Janozs Meszlényi gewesen ist. Ihr Mann hat bekannt, daß sie eine Diebin war. Sie hat die Kleider, die Schmuckstücke der verschwundenen Prinzessin gestohlen. Sie hatte mehrere Wochen in jenem Pavillon kampiert; bis sie in jenem Feuer umgekommen ist – das sie vermutlich selbst fahrlässigerweise verschuldet hat. Damit, Herr Präsident, ist der Weg zu der Prinzessin Prisca frei; nichts spricht mehr für ihren Tod. Und um den letzten Punkt unter dies Kapitel zu setzen, will ich Ihnen jetzt die Prinzessin präsentieren.«

Der Präsident räusperte sich. Er sah hinüber zu der Fürstin – und zu Peter Thornquist, der schweigend auf den kleinen Advokaten blickte.

»Ist es am Ende wieder jenes Fräulein Susie Lacombe, das Sie uns bringen?«

»Gewiß, Herr Präsident«, antwortete Doktor Farago freundlich.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Verteidiger. »Hier sitzt der Graf Faludi. Ihren Bemühungen ist es gelungen, sein Erscheinen durchzusetzen. Ich fürchte, dieser Zeuge wird uns endgültig bestätigen, daß Fräulein Lacombe – eben Fräulein Lacombe ist.«

Doktor Farago zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.« Er ging zur Tür.

Susie Lacombe trat ein.

»Die Prinzessin Prisca Klausenburg«, sagte Doktor Farago feierlich.

Der Präsident blickte auf Susie – er sah auf die Fürstin, die sich mit glücklichem Lächeln erhoben hatte – er sah auf Thornquist, der fassungslos aufgesprungen war – und er blickte hinüber zu dem Grafen Faludi, der, die Arme weit von sich gestreckt, wie abwesend auf Susie starrte.

»Nun, Herr Graf?«

Graf Faludi ging mit zögernden Schritten, wie in der Furcht, aus einem beklommenen und unbegreiflichen Traum zu erwachen, auf Susie zu. Er blieb vor ihr stehen; zitternd erfaßte er ihre Hände; dann, mit einem tiefen Atemzug, wandte er sich zum Gerichtstisch herum und sagte mit verstörter Stimme:

»Das ist die Prinzessin Prisca Klausenburg!«

Doktor Farago ging auf den Grafen zu. Er schüttelte ihm die Hand. Dann wandte er sich zum Richterkollegium, streckte die Arme aus und machte eine tiefe Verbeugung, wie ein erfolgreicher Zauberkünstler, der sich unter dem rauschenden Beifall seines Publikums verneigt.

*

Der Wagen fuhr durch die Királystraße. Ein paar Neugierige sahen lächelnd auf die zwei jungen Menschen, die kaum einen Blick für ihre Umgebung hatten.

Früher Abend lag über der Stadt, mit warmen, silbrigen Schleiern.

»Immerhin,« sagte Peter, »immerhin ...«

»Nun ja.« Susie lächelte. »Ich weiß schon ...«

»Es wäre doch die einfachste Sache von der Welt gewesen, wenn du mir von vornherein gesagt hättest: ich bin die Prinzessin Prisca.«

»Aber ich habe es doch gesagt ...«

»Warum bist du vor mir geflohen?«

»Ich wußte doch, man hatte dir zugeflüstert: sie ist eine Betrügerin.«

»Eben das. Es wäre dir doch ein leichtes gewesen, dich zu rechtfertigen.«

Der Wagen bog zur Linken ein: in die Franz Liszt-Straße.

»Kannst du mich nicht begreifen«, sagte sie leise, in einem zärtlichen und fragenden Ton. Er blickte ihr überrascht in die Augen, und er sah das verschämte Lächeln, das in ihrem Gesicht aufstieg. »Kannst du nicht begreifen ...? Ich wollte dich ein wenig auf die Probe stellen. Daß ich dir gefiel, als du wußtest, das ist die Prinzessin: eine reiche Erbin – das war kein Wunder. Nein, Peter, ich wollte wissen: was wird er tun, wenn er an dir irre werden muß ... wird er sich von dir wenden ...? Gilt seine Zuneigung der Prinzessin ...? Oder liebt er dich? Dich selbst – nicht deinen Stand? Nicht dein Vermögen?«

»Und ... und habe ich die Prüfung bestanden?«

Sie antwortete nicht. Aber er spürte den Druck ihrer Hand.

Das Oktogon tauchte auf, mit dem weiten Aspekt der Andrassystraße.

»Du bist mir noch eine Erklärung schuldig. Vor wem bist du in jener Nacht in New York geflüchtet?«

Sie seufzte. »Du sollst alles wissen: ich bin geflohen vor den Menschen, die mich aufgestöbert hatten, die mich nach Ungarn zurückbringen wollten. Ich bin geflohen vor meiner Mutter. Ich haßte sie, ich wollte nichts mehr von ihr wissen. Nichts mehr von jenem Lande. Alles sollte ausgelöscht sein. Darum bin ich geflohen.«

»Aber schließlich bist du doch nach Ungarn zurückgekehrt?« fragte er. Eben hielt der Wagen vor dem Portal.

»Weil ich durch Ladinser erfuhr, daß meine Mutter in Todesgefahr war.«

»Deine Mutter ...«

Sie stiegen aus.

Die breite Front des Hauses lag im Dunkel. Nur in einem Zimmer des ersten Stocks brannte Licht, das schimmernd durch die Stores fiel.

»Und nun?« fragte er zögernd.

Sie deutete hinauf, zu den erleuchteten Fenstern. Zärtlich hängte sie sich in seinen Arm.

Das Portal öffnete sich. Eine Lichtwelle flutete heraus.

Auf der Innentreppe, im Schein der Girandolen, stand mit glücklichem Lächeln die Mutter.

 

Ende.

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