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Die Drangsale eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Drangsale eines Chinesen in China - Kapitel 8
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typefiction
authorJules Verne
titleDie Drangsale eines Chinesen in China
publisherVerlag von A. Weichert
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130116
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Siebentes Kapitel: das höchst trauriger Natur sein würde, wenn es sich nicht um Sitten und Bräuche handelte, die dem himmlischen Reiche eigentümlich sind.

Was auch Seine Ehren William J. Bidulph gesagt oder gedacht haben mochte, so war doch die Kasse der »Centennar« in ihren Kassenbeständen aufs ernstlichste bedroht. Kin-Fo's Plan war thatsächlich keiner von jener Sorte, deren Ausführung nach reiflicher Erwägung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden. Als total zu Grunde gerichteter Mensch hatte Wangs Zögling den förmlichen Entschluß gefaßt, mit einem Dasein aufzuräumen, das ihm selbst zur Zeit seines Reichtums nur Traurigkeit und Langeweile bereitet hatte.

Der erst am achten Tage nach seiner Ankunft von Sun abgelieferte Brief kam aus San-Francisco. Er meldete die Zahlungseinstellungen der Central-Bank von Californien. Nun bestand aber, wie man weiß, Kin-Fo's Vermögen fast ganz aus Aktien dieser berühmten, bis zur Stunde so todsichern Bank. Es ließ sich aber absolut nicht zweifeln. So unwahrscheinlich die Nachricht auch aussehen mochte, leider war sie nur allzu wahr. Die Zahlungseinstellung der Californischen Central-Bank mit dem Sitze in San-Francisco war eben auch erst durch die in Schang-hai eingelaufenen Zeitungen bestätigt worden. Der Bankerott war eben erklärt worden und machte Kin-Fo zum blutarmen Mann, nach seinen Begriffen wenigstens. Was blieb ihm auch thatsächlich außer den Aktien jener Bank? Nichts oder beinahe nichts. Sein Wohnhaus in Schang-hai, dessen Verkauf ihm nur unzulängliche Mittel gebracht haben würde, und das übrigens auch so gut wie unverkäuflich war – die als Prämie an die Kasse der »Centennar«-Gesellschaft eingezahlten 8000 Dollar, ein paar Aktien der Tientsiner Schiffahrtsgesellschaft, die ihm, wenn er sie heut oder morgen verkaufte, kaum so viel brachten, daß er sich nach außen hin einigermaßen decken konnte – das war zur Zeit sein ganzes Vermögen. Ein Europäer, Franzose oder Engländer, hätte ein solches neues Leben vielleicht von der philosophischen Seite aus aufgefaßt und sich durch Arbeit fortzuhelfen gesucht. Ein Sohn des Himmels mußte sich aber berechtigt wähnen, ganz anders zu denken und zu handeln. Freiwilliger Tod war es, den Kin-Fo als richtiger Chinese ohne Gewissensbisse und mit jenem typischen Indifferentismus, der die gelbe Rasse charakterisiert, für das Mittel ansah, sich aus der Verlegenheit zu ziehen.

Der Chinese besitzt nur einen passiven Mut; diesen aber im höchsten Grabe. Seine Gleichgiltigkeit gegen den Tod ist wirklich außerordentlich groß. Wird er krank, so sieht er ihm ohne Schwäche entgegen. Wird ihm das Leben abgeurteilt, so legt er, selbst unter den Händen des Scharfrichters, keinerlei Furcht an den Tag. Die öffentlichen Hinrichtungen, in seinem Lande so häufig wie in China, der Anblick der schrecklichen Todesstrafen, die im Himmlischen Reiche der Rechtskodex verhängt, haben die Söhne des Himmels beizeiten mit dem Gedanken vertraut gemacht, den Dingen dieser Welt ohne Bedauern und Klage Valet zu sagen.

Darum darf man sich nicht verwundern, daß in allen Familien das Kapitel vom Tode auf der Tagesordnung steht und vielen Unterhaltungen zum eigentlichen Thema dient. Bei keinem der alltäglichsten Vorgänge des Lebens fehlt dieser Gedanke an den Tod. Den Ahnenkultus trifft man an bis zu den ärmsten Leuten im Volk herunter. Kein reiches Haus, in welchem nicht eine Art häuslichen Sanktuariums vorhanden wäre – keine armselige Hütte, in der nicht für die Reliquien der Ahnen ein Winkel frei wäre. In jedem zweiten Monat des Jahres wird das Ahnenfest in großartiger Weise gefeiert. Daher kommt es auch, daß man im nämlichen Laden, wo man Betten für Neugeborene und Angebinde für Hochzeitspaare kauft, auch eine große Auswahl in Särgen aller Arten und Sorten findet, die im chinesischen Handel einen äußerst couranten Artikel bilden.

Thatsächlich bildet der Kauf eines Sarges eine der ständigen Obliegenheiten für die Söhne des Himmels. Wenn der Sarg im väterlichen Hause fehlte, so würde das Mobiliar unvollständig sein. Der Sohn erblickt für sich eine Pflicht darin, seinem Vater noch bei dessen Lebzeiten einen Sarg zu schenken. Es liegt hierin thatsächlich ein rührender Beweis von Kindesliebe. Ein solcher Sarg wird in einem besonderen Zimmer aufgestellt. Man schmückt ihn, hält ihn in Stand, und am häufigsten wird er, wenn er die sterbliche Hülle schon in seinen vier schmalen Wänden aufgenommen, noch lange Jahre hindurch mit frommer Fürsorge aufbewahrt. Im Grunde bildet die Achtung gegen die Toten den Grundstock der chinesischen Religion und trägt dazu bei, die Familienbande enger zu knüpfen.

Kin-Fo mußte sich also, leichter und schneller als jeder andere, dank seinem Temperamente, mit dem Gedanken, seinem Leben ein Ziel zu setzen, in vollster Seelenruhe abfinden. Das Schicksal der beiden Menschenwesen, denen seine Zuneigung gehörte, hatte er sicher gestellt. Was blieb ihm nun noch zu bedauern übrig? Nichts. Ueber Selbstmord durfte er sich nicht einmal Gewissensbisse machen. Was in den civilisierten Ländern des Westens als ein Verbrechen gilt, ist im Bereich dieser wunderlichen Kultur des östlichen Asiens nur eine berechtigte Handlung. Kin-Fo's Entschluß war also gefaßt, und keinerlei Beeinflussung hätte ihn der Ausführung desselben abwendig machen können, nicht einmal der Einfluß des Philosophen Wang. Dieser letztere hatte obendrein von den Absichten seines Zöglings nicht die geringste Ahnung. Sun wußte auch nichts davon und hatte nur eins wahrgenommen, daß nämlich sein Herr und Gebieter seit seiner Rückkehr gegen die täglichen Dummheiten seines Lakeien mehr Geduld zeigte als sonst. Sun kam dabei ganz entschieden auf seine Rechnung. Er hätte keinen bessern Herrn finden können, zumal jetzt, wo sein kostbarer Zopf in einer bisher ungekannten Sicherheit des Daseins auf seinem Buckel tanzte.

Ein chinesisches Sprichwort heißt: »Um glücklich hienieden zu sein, muß man in Canton leben und in Liao-Tsche-u sterben«. Tatsächlich verhält es sich so, daß man in Canton allen modernen Luxus des Lebens vorfindet und daß in Liao-Tsche-u die besten Särge gezimmert werden.

Kin-Fo konnte nicht ermangeln, bei der besten Firma seinen Sarg zu bestellen, damit diese letzte Ruhestatt für ihn pünktlich zur Stelle war. Tadellos gebettet für den letzten Schlaf zu sein ist eine ständige Sorge für jeden Sohn des Himmels, der zu leben versteht. Zur selben Zeit ließ Kin-Fo einen weißen Hahn kaufen, der bekanntlich die Eigenschaft hat, sich die entschwebenden Geister anzueignen und in sich einzuverleiben, die im Aufflug eines der sieben Elemente erfassen, aus denen eine chinesische Seele sich zusammensetzt.

Man sieht also, daß der Zögling des Philosophen Wang, so groß auch sein Indifferentismus gegen die Einzelheiten des Lebens war, hinsichtlich der mit dem Tode in Zusammenhang stehenden Dinge wesentlich anders dachte.

Nach Erledigung dieser Vorbedingnisse blieb ihm nun nichts weiter mehr übrig, als das Programm für sie Beerdigungsfeier abzufassen. Am nämlichen Tage noch wurde denn auch auf einem schönen Blatte jener unter der Bezeichnung Reispapier bekannten Papiersorte – bei dessen Anfertigung der Reis selbst absolut keine Rolle spielt – Kin-Fo's letzter Wille niedergeschrieben.

Nachdem er der jungen Wittib sein Haus in Schanghai und Wang ein Brustbild des Kaisers Tai-ping vermacht hatte – das der Philosoph immer mit besonderer Liebe zu betrachten pflegte – beides unbeschadet der bei der »Centennar« versicherten Kapitalien – schrieb Kin-Fo mit fester Hand Ordnung und Reihenfolge der Personen auf, die seiner Beerdigung beiwohnen sollten.

Zuerst im Zuge sollten, da er keine Eltern mehr hatte, die besten seiner Freunde erscheinen, und zwar alle in weißer Kleidung, da weiß, wie bekannt, im Himmlischen Reiche die Trauerfarbe ist. An den Straßen entlang bis zu dem schon lange auf dem Schang-haier Friedhofe errichteten Grabe sollten Leichendiener in zwei Gliedern Aufstellung nehmen mit den verschiedenen Grabes-Attributen: blauen Sonnenschirmen. Hellebarden, Gerechtigkeits-Emblemen, seidenen Lichtschirmen, Schrifttäfelchen mit der Aufzeichnung der feierlichen Handlung – besagte Leichendiener sämtlich in schwarzer Tunika mit weißem Gürtel, als Kopfbedeckung schwarzen Filz mit rotem Federstutz. Hinter der ersten Freundesschar sollte ein Führer, in Scharlach gekleidet von den Füßen bis zum Kopfe, der das als »Gong« bekannte chinesische Schallinstrument schlagen sollte, dem Bildnis des Verstorbenen voraufschreiten, das in einem reichgeschmückten Reliquienwagen liegen sollte. Sodann sollte eine zweite Freundesschar folgen, solche, die in regelmäßigen Abständen auf zu dem Zwecke hergerichteten Polstern in Ohnmacht zu fallen hatten. Zuletzt sollte eine Schar von jungen Leuten unter einem Thronhimmel blau mit gold weiße Papierstückchen, mit einem Loch an der Seite, ähnlich der als »Sapeka« bekannten Münze, auf den Weg streuen, die dazu ausersehen sind, böse Geister zu bannen, die sich etwa versucht fühlen sollten, dem Leichenzuge sich anzuschließen. Nunmehr hätte der Katafalk zu erscheinen, eine ungeheure Sänfte, mit violetter Seide überspannt: diese seidene Hülle sollte mit goldenen Drachen bestickt sein; fünfzig Diener sollten die Sänfte, inmitten einer doppelten Reihe von Bonzen, auf den Schultern tragen. Diese Priesterschar in grauen, roten und gelben Ornaten sollte die Totengebete hersagen und dazwischen sollte abwechselnd der Donnerlärm der Gongs, das Gekreisch der Flöten und die grelle Fanfare aus den 6 Fuß langen Trompeten erschallen. In letzter Reihe sollten die weißbehangenen Trauerwagen den prachtvollen Leichenkondukt schließen, dessen Kosten die letzten Vermögensbestände des reichen Toten verschlingen mußten.

Alles in allem genommen, bot dieses Programm nichts Außergewöhnliches. Begräbnisse dieser »Klasse« ziehen viele durch die Straßen von Canton, Schang-Hai oder Peking, und die Söhne des Himmels erblicken darin nur eine der Person des Dahingeschiedenen schuldige natürliche Ehrerbietung.

Am 20. Oktober traf, an Kin-Fo adressiert, aus Liao-tsche-u eine Kiste in dem Schang-haier Wohnsitze desselben ein. Diese Kiste enthielt in sorgfältiger Verpackung den für den Sonderfall vorgesehenen Sarg. Weder Wang noch Sun, noch einer von der Dienerschaft des Yamens fand in dem Ereignis irgend welche Ursache zu Staunen oder Verwunderung. Wie schon gesagt worden und wie hier wiederholt sei, ein Chinese, der nicht schon bei Lebzeiten das Bett besäße, in das er für die ewige Ruhe gebettet werden soll, läßt sich nicht denken! ... Dieser Sarg, ein Meisterstück des Liao-Tsche-u'er Fabrikanten, wurde in dem »Ahnenzimmer« aufgestellt. Dort hätte er, gefegt, gebohnt, gewichst, zweifelsohne lange stehen und auf den Tag warten können, an welchem der Zögling des Philosophen Wang ihn für eigene Rechnung verwendet haben würde ... Dem sollte nicht so sein! Kin-Fo's Tage waren gezählt, und die Stunde war nahe, die ihn in die Reihen der Ahnen des Hauses verweisen sollte. Thatsächlich hatte Kin-Fo den nämlichen Abend für die Ausführung seines Entschlusses, aus dem Leben zu scheiden, ausersehen.

Im Laufe des Tages kam ein Brief von der untröstlichen Le-u an. Die junge Wittib stellte Kin-Fo das bißchen Eigentum, das sie besaß, zur Verfügung. Für sie hatte Vermögen keine Bedeutung. Sie konnte Geld und Gut entbehren! Sie liebte ja ihn! Was brauchte sie mehr?! Würden sie nicht auch in bescheidenerer Lebenslage glücklich sein können?

Dieser Brief, der die lauterste Liebe atmete, vermochte Kin-Fo's Entschlusse nicht zu ändern.

»Mein Tod allein kann sie reich machen,« dachte er.

Somit verblieb für ihn nichts weiter mehr zu thun, als Entscheidung darüber zu treffen, wo und wie sich diese letzte Handlung vollziehen sollte. Kin-Fo empfand eine besondere Freude an der Ordnung dieser Einzelheiten. Er hoffte wohl, daß im letzten Augenblick eine Aufregung, so flüchtig sie auch sein möchte, ihm Herzklopfen bereiten würde!

In der Umfriedigung des Yamens standen vier allerliebste Kioske, die mit dem ganzen Reichtum von Phantasie, der das Talent chinesischer Dekorateure auszeichnet, geschmückt und verziert waren. Diese Kioske führten bezeichnende Namen: »Pavillon des Glücks«, in welchen Kin-Fo niemals den Fuß setzte – »Pavillon des Reichtums«, den Kin-Fo mit der tiefsten Verachtung betrachtete – »Pavillon der Freude«, dessen Thore sich für ihn seit langer Zeit geschlossen hatten – und »Pavillon des Langen Lebens«, dessen Thür er hinter sich zufallen zu lassen gesonnen war!

Zu dieser Thür war es, daß sein Instinkt ihn führte. In diesen Pavillon, nahm er sich vor, sich bei sinkender Nacht einzuschließen! Dort sollte man ihn, den im Tode schon Glücklichen, anderen Tages auffinden!

Nachdem die Ortsfrage hiermit entschieden war, handelte es sich nun nur noch um das Wie? Welche Todesart sollte er wählen? Sollte er sich nach Japanesen-Brauch den Leib aufschlitzen? oder nach Mandarinen-Brauch mit dem seidenen Gürtel erdrosseln? oder sich, wie ein Epikuräer des alten Roms, in einem parfümierten Bade die Adern öffnen? Nein! Dergleichen Verfahren, sich das Leben zu kürzen, hätten ja in erster Linie gröblich und abstoßend auf seine Freunde und seine Dienerschaft wirken müssen! Ein paar Opiumkörner, mit feinem Gift vermischt oder getränkt, mußten ja auch reichen, um ihn aus dieser in die andere Welt zu schaffen, ohne daß es ihm überhaupt nur zum Bewußtsein kam, was mit ihm vorging – vielleicht trug ihn sogar einer jener Träume ins Jenseits hinüber, die den zeitlichen Schlaf in einen ewigen wandeln!

Die Sonne fing bereits an, hinter dem Horizonte zu verschwinden. Kin-Fo hatte nur noch wenige Stunden zu leben vor sich. Auf einem letzten Spaziergange wollte er noch einmal den Friedhof von Schang-hai und jene Ufer des Huang-Pu wiedersehen, an denen er sich seinen Lebensüberdruß so oft verlaufen hatte. Allein, ohne auch nur Wang im Laufe des Tages aufgesucht oder gesehen zu haben, verließ er den Yamen, um noch ein letztes Mal den Fuß wieder zum Yamen hinein und sodann nie mehr wieder zum Yamen heraus zu setzen!

Durch das englische Gebiet, über die kleine Brücke hinüber, die zum anderen Ufer führte, durch die französische Niederlassung, wanderte er mit jenem trägen Schritte, dessen Tempo nicht einmal durch den Drang, das Nahen dieser letzten Stunde zu beschleunigen, beeinflußt wurde. An dem Quai entlang, der sich am einheimischen Hafen hinzog, nahm er den Weg um die Stadtmauer von Schang-hai bis zur römisch-katholischen Kathedrale, von deren Kuppel aus man die südliche Vorstadt überblickt. Dann schwenkte er rechts ab und stieg ruhig und gelassen den Weg herauf, der zur Pagode von Lung-hao führte.

Weites Flachland dehnte sich bis zu jenen schattigen Höhen hin, die das Thal des Min begrenzen – ungeheure sumpfige Ebenen, die durch den Fleiß des Ackerbauers zu Reisfeldern verwandelt worden sind. Hin und wieder ein Netz von Kanälen, die vom Meere gespeist wurden, ein paar ärmliche Dörfer, deren Hütten aus Rohr einen schmutzig-gelben Anwurf zeigten – ein paar Getreidefelder, hochgelegt, um sie vor Wassersgefahr zu schützen. Die schmalen Pfade entlang flüchteten Hunde, weiße Ziegen, Enten und Gänse, so rasch, wie sie ihre Beine oder Flügel tragen konnten, sobald es einem Wanderer einfiel, sie in ihrem Zeitvertreib zu stören.

Dieses reich bebaute Land, dessen Anblick keinen Eingeborenen verwundern konnte, hätte jedoch einem Ausländer Aufmerksamkeit abgewonnen, wenn nicht vielleicht Abscheu erweckt. Ueberall nämlich, zu Hunderten und Aberhunderten, standen Särge. Abgesehen von den Grabhügeln über den wirklich in der Erde ruhenden Toten, nichts als längliche Kasten, haufenweis, nichts als Sargpyramiden, ein Sarg auf den anderen geschichtet, wie auf einem Zimmerplatze die Balken. Was in China um die Städte herum an flachem Lande vorhanden ist, ist immer nur ein großer, weiter Friedhof. Man behauptet, es sei verboten, diese Särge in die Erde zu scharren, so lange noch die gleiche Dynastie auf dem Throne des Himmelssohnes sitze – und diese Dynastieen sind von jahrhundertlanger Dauer! Mag das Verbot auf Wahrheit beruhen oder nicht, soviel steht fest, daß die in ihre Särge gebetteten Leichen – Särge, bald mit grellen, bald mit düsteren, toten Farben gemalt, Särge, bald neu und schmuck, bald morsch und fast schon zu Staub verfallen – jahre-, jahrelang auf den Tag warten, da man sie unter die Erde scharrt.

Kin-Fo wäre über diese Zustände nicht im geringsten verwundert gewesen, er ging aber einher, ohne sich umzusehen. Nicht einmal zwei nach Europäer-Art gekleidete Ausländer, die ihm schon von seinem Yamen aus gefolgt waren, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah sie nicht, obwohl sie ihn, allem Anschein nach, nicht aus den Blicken verlieren wollten. Sie hielten sich in gewissem Abstande von ihm, folgten ihm, wenn er sich vorwärts bewegte, blieben stehen, wenn er seinen Gang unterbrach. Manchmal wechselten sie untereinander gewisse Blicke, auch wohl ein paar kurze Worte, und ganz ohne Zweifel befanden sie sich hier, um auf ihn aufzupassen. Von mittlerer Größe, kaum über 30 Jahr alt, behend und flink, paßten sie so vortrefflich zusammen, daß man sie für ein paar Vorstehhunde, scharfäugig und schnellfüßig, hätte halten können.

Kin-Fo drehte um, nachdem er etwa eine Meile weit ins Feld hinausgelaufen war, und schritt in der Richtung nach den Ufern des Huang-Pu wieder zurück. Die beiden Leithunde kehrten ebenfalls bald um. Kin-Fo ging auf dem Heimwege an ein paar Bettlern vorbei, die hundsjämmerlich elend aussahen, und gab ihnen ein Almosen. Dann kamen ihm ein paar Chinesenweiber von der christlichen Kolonie entgegen, solche, die von den barmherzigen Schwestern der französischen Mission zu dem Glauben der Milde bekehrt worden waren. Sie trugen Bütten auf dem Rücken und in den Bütten brachten sie arme, ausgesetzte Kinder nach dem Krippenhause. Nicht mit Unrecht hat man diese Weiber mit dem Namen »Kinder-Lumpenliesen« belegt, denn was sind solche unglücklichen kleinen Dinger schließlich anders, als Lumpen, hinter den Zaun geworfen?! Kin-Fo schüttete seine Börse in die Hand dieser barmherzigen Schwestern.

Die beiden Fremden schienen über solche Handlung von seiten eines Sohnes des Himmels ziemlich erstaunt zu sein.

Der Abend war da. Kin-Fo schlug von der Stadtmauer aus den Weg am Quai wieder ein. Die Leute, die auf dem Wasser ihre Wohnung hatten, die »schwimmende Bevölkerung« – wie sie genannt wurden – schliefen noch nicht. Geschrei und Gesang erschallte von allen Seiten. Kin-Fo lauschte. Er wollte hören, welche Abschiedsworte wohl ihm bestimmt seien. Eine junge Tankadere, die ihr Paddelboot durch die finsteren Wasser des Huang-Pu steuerte, sang also:

»Mit bunten Blumen ist mein Boot geschmückt,
Aus meinem Garten
Hab' ich sie heute alle frisch gepflückt,
Mit bangem Herzen will ich ihn erwarten;
Denn morgen kehrt er heim ins Vaterland.
Der Blaue Gott beschütz' ihn! Seine Hand
Behüte ihn, daß er vom Weg nicht irrt
Und daß ihm auch die Reise unverwandt
Zu lang nicht wird!«

»Morgen wird er wiederkehren! Und ich – wo werde ich morgen sein!« dachte Kin-Fo, den Kopf schüttelnd. Die junge Tankadere sang weiter:

»Seit in die weite Fern' er zog, verschwand
Schon manches Jahr.
Er ist gezogen bis zum Mandschu-Land,
Bis zu den Mauern Chinas, glaub' ich gar.
Ach, oftmals hat mein sehnend' Herz geschlagen,
Wenn plötzlich jäher Wind in wildem Jagen
Zu ungestümem Sturme sich erhob.
Wenn das Gewitter dann mit seinen Plagen
Geschwind zerstob.«

Kin-Fo lauschte noch immer. Diesmal sagte er nichts. Und die Tankadere schloß also:

»Ob wohl nach Glücke noch zu suchen, hier
Für Dich sich lohnt?
Du willst dem Tod Dich weihen, fern von mir.
O sieh, mein Schatz, schon ist's der dritte Mond!
O komm, O komm! Der Bonze rüstet sich:
Er wartet auf uns beide sicherlich,
Um zu vereinen in derselben Stunde
Zwei Phönixe! Ich liebe Dich, Du mich
Aus Herzensgrunde!«

»Jawohl! Vielleicht!« flüsterte Kin-Fo – »Reichtum ist ja schließlich nicht alles hienieden! Aber so viel, daß man's auf diese Probe ankommen läßt, ist das Leben nicht wert!«

Nach einer halben Stunde betrat Kin-Fo wieder sein Haus. Die beiden Ausländer, die ihm bis hierher gefolgt waren, mußten Halt machen. Kin-Fo lenkte ruhig und gelassen die Schritte nach dem »Pavillon des Langen Lebens«, schloß die Thür auf, schloß sie wieder zu und befand sich allein in einem kleinen Zimmer, das von einer Laterne mit matten Scheiben eine milde Helligkeit erhielt.

Auf einem aus einem einzigen Stück Gagat gefertigten Tische stand ein Köfferchen. Drin lagen ein paar Körnchen, Opium, mit tödlichem Gifte vermischt, enthaltend – ein »Notbehelf«, den der blasierte, reiche Mann immer bei der Hand hielt. Kin-Fo nahm zwei von diesen Körnchen, steckte sie in eine rote Thonpfeife, wie sich die Opiumraucher ihrer bedienen, dann schickte er sich an, sie anzuzünden.

»Ha! so was!« rief er – »nicht mal in dem Augenblick, wo ich einschlafen will, um nicht wieder zu erwachen, eine Spur von Aufregung!« Er zögerte eine Weile. »Nein!« rief er dann wieder und warf die Pfeife zu Boden, daß sie zerschellte; »ich will sie fühlen, diese höchste Erregung, und wär's auch nur das bißchen Erregung, in das Hangen und Bangen versetzt! ... Ich will sie fühlen! und ich werde sie fühlen!«

Und Kin-Fo verließ den Kiosk und schnelleren Schrittes, als gewöhnlich, begab er sich nach Wang's Zimmer.

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