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Die Drangsale eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Drangsale eines Chinesen in China - Kapitel 5
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typefiction
authorJules Verne
titleDie Drangsale eines Chinesen in China
publisherVerlag von A. Weichert
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel: in welchem Kin-Fo ein wichtiges Schreiben erhält, das schon acht Tage alt ist.

Unter einem Yamen versteht man eine Gesamtheit von verschiedenen Baulichkeiten, die nach einer parallelen Linie gebaut sind, die von einer anderen Linie von Kiosken und Pavillons senkrecht geschnitten wird. Am häufigsten dient der Yamen den Mandarinen von hohem Range als Wohnsitz und gehört dem Kaiser. Aber es ist den reichen Söhnen des Himmels durchaus nicht verboten, einen Yamen als Eigentum zu besitzen, und ein solches mit verschwenderischer Pracht eingerichtetes Besitztum war es, das der reiche Kin-Fo bewohnte.

Wang und sein Zögling standen vor dem Hauptthor, das zur Vorderfront der großen Mauer führte, welche die verschiedenen Gebäude des Yamens, seine Gärten und Höfe einschloß. Wäre dieser Yamen, statt Wohnsitz eines schlichten Privatmanns zu sein, Wohnsitz eines Mandarinen gewesen, so würde unter dem reich geschnitzten und buntbemalten Vorbau des Thores den wichtigsten Platz eine große Trommel eingenommen haben. Diese Trommel würden nun zur Nachtzeit wie bei Tage all jene Unterthanen gerührt haben, die bei ihm Gerechtigkeit gesucht hätten. Statt solcher »Beschwerdentrommel« standen aber vor Kin-Fo's Yamen große Schalen aus Porzellan mit kaltem Thee, der durch den fürsorglichen Hausverwalter fortwährend nachgefüllt wurde. Diese Schalen standen zum Besten der Vorübergehenden da; jeder konnte von dem Thee trinken, so viel ihm beliebte, und diese Freigebigkeit, die Kin-Fo Ehre machte, hatte ihn, wie es hieß, in große Beliebtheit gesetzt »bei seinen Nachbarn östlich und westlich«.

Als der Herr und Gebieter sich seinem Yamen näherte, kam die Dienerschaft zu seiner Bewillkommnung vor die Thür gelaufen. Kammerdiener, Läufer, Thorwarte, Sänftenträger, Stallknechte, Kutscher, Diener, Nachtwächter, Köche, alles, was in einem chinesischen Hausstande zu den dienstbaren Geistern gehört, bildete unter dem Kommando des Hausverwalters Spalier. Ein Dutzend Kuli, auf monatliche Kündigung für die groben Arbeiten gedungen, hielt sich in mäßigem Abstande im Hintergrunde.

Der Hausverwalter wünschte dem Herrn des Hauses einen gesegneten Eingang. Kin-Fo winkte kaum mit der Hand und schritt rasch durch das Spalier.

»Sun?« rief er bloß.

»Sun!« versetzte Wang lächelnd – »wenn Sun da wäre, so wäre er doch Sun nicht mehr!«

»Wo ist Sun?« fragte Kin-Fo wieder.

Der Verwalter musste bekennen, daß weder er noch jemand anders wüßte, was aus Sun geworden sei. Sun war nun aber nichts geringeres als Kin-Fo's erster Kammerdiener und für Kin-Fo absolut unentbehrlich.

War also Sun ein Musterlakei? Nein. Denn seinen Dienst noch schlechter zu thun, war unmöglich. Zerstreut, unüberlegt, ungeschickt sowohl mit den Händen als mit der Zunge, leckermäulig im schlimmsten Sinne des Wortes, hasenfüßig im besten Sinne des Wortes, kurz, ein Chinese von echtem Schrot und Korn, aber eine treue Seele im Grunde, und endlich der einzige Mensch auf Erden, der die Gabe hatte, seinen Herrn »auf den Trab zu bringen«. Denn zwanzigmal am Tage bekam Kin-Fo Ursache, sich über Sun zu erbosen, und wenn er ihn auch nur zehnmal am Tage zur Rede setzte und wamste, so geriet er dadurch doch ebensoviel mal aus seiner gewohnten Lebensträgheit und seine Galle kam dadurch in Fluß. Wie man also sieht, gewissermaßen ein Laxiermittel von Lakei!

Uebrigens meldete sich Sun, wie es bei der größeren Zahl von chinesischen Lakeien der Fall ist, ganz von selbst zur Strafe, sobald er welche verdient hatte. Sein Herr schenkte sie ihm auch nie! Aber wenn es auch Prügel mit dem Rotang nach Noten setzte, so scherte Sun sich darum wenig! Wogegen er aber unendlich viel empfindlicher war, das waren die Verkürzungen, die Kin-Fo an seinem ihm auf dem Rücken baumelnden geflochtenen Zopfe von Fall zu Fall vornahm, sobald er sich eines schweren Versehens schuldig gemacht hatte.

Wieviel der Chinese auf dieses wunderliche Anhängsel giebt, weiß wirklich niemand. Der Verlust des Zopfes ist die erste Strafe, die über Verbrecher verhängt wird; ein abgeschnittener Zopf gilt als Entehrung für das ganze Leben! Darum war dem unglücklichen Lakeien nichts so schrecklich, als zum Verlust eines Stückes von seinem Zopfe verurteilt zu werden. Vier Jahre war es her, seit Sun bei Kin-Fo in Dienst getreten war. Damals hatte sein Zopf, einer der schönsten im Himmlischen Reiche, 1 Meter 25 Centimeter gemessen – zu der Stunde, da diese Erzählung anhebt, waren nur noch 57 Zentimeter vorhanden.

Wenn es mit der Abschneiderei so fortging, dann war Sun in Zeit von zwei Jahren der kahlste Kahlkopf im Reiche!

Mittlerweile waren Wang und Kin-Fo, mit der Hausdienerschaft in respektvoller Entfernung hinter sich, durch den Garten gewandelt, dessen meist in thönerne Kübel gesetzte Pflanzen mit erstaunlicher, aber einer besseren Aufgabe würdiger Kunstfertigkeit zu allerhand phantastischen Tierformen verschnitten waren. Dann lenkten die beiden Freunde die Schritte um das mit »Guramis« und roten Fischen bevölkerte Wasserbecken herum, dessen helle, durchsichtige Flut unter den breiten blaßrötlichen Blumen des »Nelumbo« verschwand, bekanntlich der schönsten aller im Kaiserreiche der Blumen heimischen Nymphäaceen, zu deren Familie außer der berühmten Victoria regia auch die Lotosblume zählt. Nachdem sie sich vor der hieroglyphischen Darstellung eines Vierfüßlers, die im Stil eines symbolischen Freskobildes in grellen Farben auf eine besonders hierfür errichtete Wand gemalt war, verneigt hatten, gelangten sie endlich vor das eigentliche Wohngebäude des Yamens.

Es war ein Haus, das aus Erdgeschoß und einem Stockwerk bestand und das auf einer Terrasse stand, zu der sechs marmorne Stufen hinauf führten. Bambusbecken waren in Form von Portalen oder Vorbauen vor Thüren und Fenster gezogen, um durch Erleichterung der Ventilation die schon sehr heiße Temperatur der inneren Räume erträglich zu machen. Das platte Dach des Hauses stand in seltsamem Gegensatze zu den wunderlichen Kuppen und Spitzen, mit denen die hier und dort in der Umfriedigung des Yamens verstreut errichteten Pavillons gekrönt waren, die mit ihren an Zinnen erinnernden Auskragungen, mit den buntfarbigen Dachziegeln und den in zierlicher Arabeskenform gehaltenen Backsteinen den Blick erheiterten.

Im Innern waren, abgesehen von den als Wohnzimmer für Wang und Kin-Fo bestimmten Räumen, nur Säle vorhanden, die von kleineren Gemächern mit durchsichtigen Scheidewänden umgeben waren. An diesen Scheidewänden liefen Blumenmalereien in Guirlanden-Form entlang, abwechselnd mit Feldern, auf denen Sittensprüche eingeschrieben standen, die beim Chinesen bekanntlich in reichen Mengen vorhanden sind. Ueberall Sitzvorrichtungen in wunderlichen Formen, aus Thon oder aus Porzellan, aus Holz oder aus Marmor, einiger Dutzende von Polstern und Kissen nicht zu vergessen, deren weiche Füllung noch nachdrücklicher zum Ruhen einlud. Ueberall Lampen oder Laternen von verschiedenster Gestaltung, mit Glasscheiben in den zarten Farbenschattierungen und mit Eicheln, Fransen und Büscheln reicher geschmückt als ein Maultier in Spanien. Ebenso überall jene kleinen Theetische, die unter dem Namen »Tscha-ki« bekannt sind und als unumgänglich notwendiger Bestandteil eines chinesischen Mobiliars gelten. Wer all die Ciselier-Arbeiten aus Elfenbein oder Perlmutter, all die Bronze-Niellen, all die Rauchfässer, Rauchpfannen und sonstigen Gefäße zur Räucherung, all die vergoldeten Lackarbeiten, im Relief aufgehöht und mit Filigran geziert, all die Nephrit-Sachen, weiß wie Milch und grün wie Smaragd, all die runden oder prismatisch geschliffenen Vasen aus der Dynastie der Ming und der Tsing, all die noch weit kostbareren Porzellansachen aus der Dynastie der Yen, all die Emailgefäße mit Zellenschmelz, glänzend in Fleischton oder Gelb durch hinzugefügte transparente Farben, deren Arbeitsgeheimnis heute vergessen ist – wer all diese Herrlichkeiten hätte zählen wollen, hätte Stunden dazu gebraucht, aber seine Zeit nicht verloren. Diese luxuriöse Wohnung wies die ganze phantastische Pracht des Chinesentums auf im Verein mit dem Komfort der europäischen Kulturwelt.

Kin-Fo war thatsächlich, wie schon bemerkt worden und wie es seine Neigungen erweisen, ein Mann des Fortschritts. Keiner neuen Erfindung des Abendlandes und ihrer Einführung stand er skeptisch oder ablehnend gegenüber. Er gehörte zu jener Kategorie von Söhnen des Himmels, die Sinn haben für die Wissenschaft der Physik und der Chemie, die leider im Himmlischen Reiche noch immer zu spärlich vorhanden sind. Er hatte also nichts zu thun mit jenen Barbaren, die der Firma Reynolds die ersten Telegraphendrähte zerschnitten, die sie nach Wusung legen wollte, um über die Ankunft der englischen und amerikanischen Post schneller unterrichtet zu sein, noch weniger mit jenen rückständigen Mandarinen, die nicht leiden wollten, daß das unterseeische Kabel zwischen Schang-hai und Hong-kong irgend eine Stelle des festen Landes berühre, sondern die Elektrotechniker zwangen, es mitten im Flusse auf einen schwimmenden Kahn zu legen!

Nein! Kin-Fo schloß sich jenen von seinen Landsleuten an, die es billigten, daß die Regierung unter der Leitung von französischen Ingenieuren die Arsenale und Werkstätten von Fu-tschao angelegt hatte. So besaß er auch Aktien derjenigen chinesischen Dampfergesellschaft, die den Verkehrsdienst zwischen Tien-tsin und Schang-hai in streng nationalem Interesse verrichtet, und war in ähnlicher Weise beteiligt an jenen Schnelldampfern, die Singapur um drei bis vier Tage früher erreichen, als die englische Post.

Materieller Fortschritt hatte, wie schon bemerkt, den Weg bis in sein Inneres gefunden. Telephonische Apparate setzten die verschiedenen Baulichkeiten seines Yamens untereinander in Verkehr. Elektrische Klingeln verbanden die Zimmer seiner Wohnung. Zur kalten Jahreszeit ließ er heizen, ohne sich Gewissensbisse zu machen, in dieser Hinsicht klüger als seine Mitbürger, die in ihren vier- oder fünffach übereinandergezogenen Kleidern am kalten Herde sitzen und frieren. Er brannte Gas in seinem Hause, ganz genau so wie der Zolldirektor in Peking, genau so wie der steinreiche Mister Yang, der Haupt-Eigentümer der Leihhäuser im Reiche der Mitte! Endlich hatte sich der fortschrittliche Kin-Fo – wie man alsbald sehen wird – des veralteten Brauches der Schrift für seinen intimen Briefwechsel geringschätzig entäußert und sich zum Phonographen bekannt, den Edison erst vor ganz kurzer Zeit zum höchsten Grade der Vollkommenheit geführt hatte.

Dem Zöglinge des Philosophen Wang bot das Leben also sowohl in materieller als in moralischer Hinsicht alles was ein Mensch zu seinem Glücke brauchte! Und doch war er nicht glücklich! Er hatte Sun als Ableitungsmittel für seine tägliche Apathie, und selbst Sun reichte nicht hin, um ihm das Glück zu verleihen!

Freilich zeigte sich, wenigstens für den Augenblick, Sun noch immer nicht; Sun war ja auch niemals, wo er hätte sein sollen und diesmal hatte er zweifellos irgend was schlimmes auf dem Kerbholze, vielleicht daß er während der Abwesenheit seines Gebieters eine recht arge Tölpelei begangen hatte – und wenn ihm schliesslich auch nicht bange war um seinen Buckel, der an Trachten mit dem Rotang oder spanischen Rohre des Hauses gewöhnt war, so neigte doch alles dem Glauben zu, daß er besonders für seinen Zopf zagte und bebte.

»Sun!« hatte Kin-Fo gerufen, als er den Fuß in die Vorhalle setzte, auf die hinaus die Säle zur Rechten und Linken führten, und seine Stimme verriet schlecht verhaltene Ungeduld.

»Sun!« hatte Wang wiederholt, dessen gute Ratschläge und Ermahnungen bei dem unverbesserlichen Lakai immer ohne Wirkung blieben.

»Suchet Sun und bringt ihn mir her!« sagte Kin-Fo, zu dem Hausverwalter gewandt, der sofort die ganze Dienerschaft hinter dem unauffindbaren Lakaien herhetzte.

Wang und Kin-Fo blieben allein.

»Die Weisheit,« sagte nun Wang, »befiehlt dem Reisenden, der in seine Penaten heimkehrt, eine kurze Ruhe zu genießen.«

»Also seien wir weise!« versetzte schlicht und einfach der Zögling Wangs und verfügte sich, nachdem er dem Philosophen die Hand gedrückt, in seine Gemächer, während Wang die Schritte nach seinem Zimmer lenkte.

Sobald Kin-Fo allein war, streckte er sich auf einen jener weichen Divans europäischen Fabrikats, deren behagliche Polsterung kein chinesischer Tapezier jemals zu stande gebracht hätte. Dort überließ er sich seinem Sinnen und Träumen. Etwa über seine Verheiratung mit der liebenswürdigen, schönen Dame, die er zur Gefährtin seines Lebens machen wollte? Jawohl, so war's! Und das kann nicht verwundern, da er am andern Tage ein Rendezvous mit ihr haben sollte. Die holde Dame wohnte nämlich nicht in Schang-hai, sondern in Peking, und Kin-Fo machte sich sogar klar, daß es schicklich sein dürfte, ihr gleichwie seine Rückkehr nach Schang-hai, so auch seine bevorstehende Ankunft in der Hauptstadt des Himmlischen Reiches anzuzeigen. Ja, wenn er selbst einen gewissen Wunsch, eine leichte Ungeduld, sie wiederzusehen, an den Tag legte, so möchte das wohl kaum als nicht am Platze erscheinen. Empfand er doch ganz ohne Frage eine aufrichtige Zuneigung für sie! Wang hatte ihm das nach den unbestreitbarsten Regeln der Logik haarklein bewiesen, und dieses neue Element, das solcherweise in sein Dasein trat, könnte vielleicht dessen unbekannte Größe finden ... das Glück nämlich, das ihm ... womit ihm ... wovor ihm ...

Kin-Fo träumte bereits mit geschlossenen Augen, und wenn er nicht an seiner rechten Hand einen eigentümlichen Kitzel gefühlt hätte, so wäre er ganz gewiß sanft und ruhig entschlummert. Unwillkürlich schlossen sich seine Finger wieder und faßten einen cylindrisch geformten Körper von stattlicher Dicke, dessen Flächen hin und wieder knotige Stellen aufwiesen, und den seine Finger zu hantieren zweifelsohne gewohnt waren.

Kin-Fo konnte sich nicht irren: ein Rotang war's, ein spanisches Rohr, das ihm in die rechte Hand geglitten war, und im selben Augenblicke glitten ihm, in verzagtem Tone gesprochen, die Worte ins Ohr:

»Wenn's dem gnädigen Herrn belieben sollte!«

Kin-Fo richtete sich auf und schwang mit einer Bewegung, deren Natürlichkeit nichts zu wünschen ließ, den zuchtpolizeilichen Rotang.

Sun stand mit gekrümmtem Buckel vor ihm, in der Stellung eines Kranken vorm Arzte. Mit der einen Hand auf den Zimmerteppich gestützt, hielt er in der andern einen Brief.

»So? Endlich da!« sprach Kin-Fo.

»A-i a-i ya!« versetzte Sun. »Ich erwartete meinen gnädigen Herrn erst in drei Tagen. Wenn's dem gnädigen Herrn belieben sollte!«

Kin-Fo warf das spanische Rohr an die Erde. So gelb der arme Sun von Natur aus war, so fing er doch blaß zu werden an!

»Wenn Du ohne alle Entschuldigung Deinen Buckel den Schlägen bietest,« sprach der Herr, »so verdienst Du gewiß mehr als das! Was ist vorgegangen?«

»Ach, hier der Brief!«

»So rede doch!« rief Kin-Fo und riß Sun den Brief aus der Hand.

»Ich habe ungeschickterweise vergessen, dem gnädigen Herrn den Brief auszuhändigen, bevor der gnädige Herr nach Canton abreiste!«

»Um acht Tage zu spät, Halunke!«

»Ich habe gesündigt, o Herr und Gebieter!«

»Komm her!«

»Ich bin wie ein armer Krebs, dem die Beine fehlen und der nicht laufen kann. A-i! a-i! ya!«

Dieser letzte Aufschrei war ein Verzweiflungsschrei. Kin-Fo hatte Sun an seinem Zopfe gepackt und ihm mit einer scharfen Scheere soeben das Endstück abgeschnitten. Die Beine waren, wie man annehmen muß, dem armen Krebse im Nu wieder gewachsen, denn er trollte sich behend von dannen, nicht ohne von dem Zimmerteppich das Endstück seines kostbaren Anhängsels aufgehoben zu haben. Von 57 Centimetern war Suns Zopf bis auf 54 Zentimeter geschwunden!

Kin-Fo hatte all seine Ruhe wiedergefunden, hatte sich wieder auf den Divan geworfen und musterte wie ein Mensch, für den es das Wort Eile nicht giebt, den vor acht Tagen eingegangenen Brief. Er zürnte Sun nur seiner Nachlässigkeit, nicht der Verspätung halber. In welcher Hinsicht konnte ihn irgend welches Schreiben interessieren? Erwünscht wäre es höchsten Falls nur, wenn es ihm eine Aufregung bereitete. Ach, ihm eine Aufregung!

Indessen sah er das Schreiben an, wenn auch zerstreut.

Der Umschlag, der aus gesteifter Leinwand bestand, wies auf der Adressen- und auf der Rückseite verschiedene Briefmarken von einer Farbe halb Wein halb Schokolade auf, die unter einem männlichen Brustbilde die Ziffer zwei und die Worte »sechs Cents« enthielten. Also ein Beweis, daß der Brief aus den Vereinigten Staaten von Amerika kam.

»Gut!« sagte Kin-Fo bei sich, die Achseln zuckend – »ein Brief von meinem Korrespondenten in San Francisco!« und er warf den Brief in eine Ecke des Divans.

Was konnte ihm sein Korrespondent sonderlich Wichtiges zu melden haben? Daß die Wertpapiere, die fast sein ganzes Vermögen ausmachten, ruhig in den Kassen der Californischen Centralbank schlummerten? Daß seine Aktien um 15–20 Prozent gestiegen seien? Daß die Dividenden, die zur Verteilung kommen sollten, höher als die im verwichnen Jahre sich belaufen würden usw.!

Ein paar tausend Dollars im Jahre mehr oder weniger war wahrlich keine Sache, ihn aufzuregen! Nichtsdestoweniger nahm er nach einigen Minuten den Brief wieder und riß mechanisch den Umschlag los. Statt den Brief selbst aber zu lesen, suchten seine Augen zuerst nur nach der Unterschrift.

»Es ist doch ein Brief meines Korrespondenten!« meinte er bei sich. »Von was anderm als Geschäften kann er mir doch nichts melden! Lassen wir, was Geschäft heißt, bis morgen!« Und zum zweiten Male wollte Kin-Fo den Brief beiseite werfen, als sein Blick mit einem Male durch ein auf der Vorderseite des zweiten Blattes mehrmals unterstrichenes Wort gefesselt wurde. »Passiva« hieß das Wort, auf welches der Korrespondent von San Francisco offenbar die Aufmerksamkeit seines Schang-haier Klienten hatte hinlenken wollen. Kin-Fo las nun den Brief von Anfang an, las ihn von der ersten bis zur letzten Zeile, nicht ohne ein gewisses Gefühl von Neugierde, das bei ihm halb und halb überraschen mußte. Einen Moment lang zogen seine Brauen sich zusammen. Aber als er zu Ende gelesen hatte, spielte so etwas wie ein verächtliches Lächeln um seine Lippen.

Kin-Fo stand nun auf, schritt etwa zwanzig Mal in seinem Zimmer auf und ab, trat auf einen Moment an das Sprachrohr heran, das ihn direkt mit Wang in Verbindung setzte. Ja, er setzte die Mündung des Rohrs an den Mund und wollte Wang anrufen. Aber er besann sich anders, ließ den Kautschukschlauch fallen und streckte sich wieder auf den Divan.

»Bah!« machte er. In diesem Worte kam Kin-Fo zum Ausdruck, ganz wie er war ... »Und sie!« sprach er leise vor sich hin – »sie ist bei der ganzen Geschichte weit stärker interessiert als ich!« ... Er trat nun an ein kleines Lacktischchen heran, auf dem eine längliche, kostbar ciselierte Schale stand. In dem Moment aber, als er sie öffnen wollte, hielt seine Hand inne.

»Was stand in ihrem letzten Briefe?« fragte er sich leise.

Und statt den Deckel der Schachtel zu heben, drückte er auf eine am Rande befindliche Feder. Alsbald ließ eine sanfte Stimme sich vernehmen!

»Mein älteres Brüderchen! Bin ich Dir nicht mehr wie die Mei-hwa-Blüte im ersten Mond, wie die Blüte des Aprikosenbaumes im zweiten, wie die Blüte des Pfirsichbaumes im dritten Monat! Mein süßes Herz aus kostbarem Edelstein! Tausendmal, zehntausendmal Dir süßen guten Morgen!«

Die Stimme einer jungen Dame war es, deren zärtliche Worte der Phonograph wiedergab.

»Armes, jüngeres Schwesterchen!« sagte Kin-Fo.

Dann machte er die Schachtel auf, nahm das mit feinen Rillen streifenartig bedeckte Papier, das eben alle Biegungen der fernen Stimme wiedergegeben, und ersetzte es durch ein anderes. Der Phonograph war damals schon so weit vervollkommnet, daß es hinreichte, mit lauter Stimme hineinzusprechen, wenn die Membran in Schwingung treten und das durch ein Uhrwerk bewegte Rädchen die Worte auf das eingelegte Papierblatt fixieren sollte. Kin-Fo sprach also etwa eine Minute lang. An seiner nach wie vor ruhigen Stimme hätte man nicht merken können, unter welchem Eindruck von Freude oder Traurigkeit er seinen Gedanken Worte lieh. Drei oder vier Sätze, nicht mehr, war alles, was Kin-Fo in den Phonographen hineinsprach. Dann hemmte er den Gang desselben, nahm das Papierblatt heraus, worauf die von der Membran bewegte Nadel schräge Rillen gezogen hatte, gemäß den Worten, die er gesprochen. Dann steckte er das Papier in einen Umschlag, schloß denselben, schrieb von links nach rechts folgende Adresse darauf:

» Madame Le-u

Scha-Kua-Allee – Peking

und drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel, worauf jener Diener herbeikam, der mit der Korrespondenz beauftragt war. Ihm wurde der Befehl, den Brief auf der Stelle zur Post zu tragen. Und eine Stunde nachher schlief Kin-Fo friedlich, in seine Arme seinen »Tschu-fu-jen« drückend, eine Art Schlummerrolle aus geflochtenem Bambus, die in den chinesischen Betten eine mittlere Temperatur hält – eine kostbare Sache unter diesen heißen Breiten!

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