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Die Drangsale eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Drangsale eines Chinesen in China - Kapitel 4
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typefiction
authorJules Verne
titleDie Drangsale eines Chinesen in China
publisherVerlag von A. Weichert
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel: Worin der Leser ohne Anstrengung einen Blick über die Stadt Schang-hai werfen kann.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wann die Säbel rosten und die Spaten glänzen – wann die Stockhäuser leer und die Scheuern gefüllt sind – wann die Stufen der Tempel von den Schritten der Gläubigen abgelaufen und die Korridore der Gerichtshöfe mit Gras bedeckt sind – wann die Aerzte zu Fuß gehen und die Bäcker zu Pferde sitzen: – dann wird das Reich wohl regiert!

Ein gutes Sprichwort! Das sich mit Fug und Recht auf sämtliche Staaten der Alten und Neuen Welt anwenden ließe. Wenn es aber einen Staat giebt, in welchem die Wahrheit dieses Wortes noch meilenweit entfernt von der Wirklichkeit ist, so ist es gerade das Himmlische Reich! Dort glänzen die Säbel und rosten die Spaten, dort sind die Stockhäuser gefüllt und die Scheuern leer. Dort feiern die Bäcker mehr als die Aerzte und wenn die Pagoden die Gläubigen an sich ziehen, so fehlt es dafür in den Gerichtssälen weder an Klägern noch an Beklagten.

Uebrigens kann wohl auch in einem Reiche von 180 000 Quadratmeilen, das, von Nord nach Süd gemessen, über 800 Meilen und von Ost nach West über 900 Meilen weit reicht, das 18 große Provinzen in sich begreift, die Vasallenstaaten Mongolei, Mandschurei, Tibet, Tonking, Korea, die Liu-Tschu-Inseln etc. nicht gerechnet, von einer tadellosen Verwaltung wohl auch kaum die Rede sein. Besteht vielleicht bei den Chinesen in dieser Hinsicht ein schwacher Zweifel, so sind die Ausländer über diesen Punkt frei von jeglicher Illusion. Einzig und allein vielleicht der Kaiser, der in seinem Palaste eingesperrt sitzt und über dessen durch dreifache Stadtmauern gesicherten Thore nur selten den Fuß setzt – dieser Sohn des Himmels, Vater und Mutter seiner Unterthanen, der nach Lust und Belieben Gesetze erläßt oder Gesetze aufhebt, der über Leben und Tod all seiner Unterthanen gebietet und dem kraft seiner Geburt alle Einkünfte des Reiches gehören – dieser Herrscher, vor welchem alle Stirnen sich in den Staub beugen, – Er allein vielleicht meint, daß alles zu best sei in der besten der Welten. Ihm beweisen zu wollen, daß er sich irre, würde wahrlich den Versuch nicht lohnen, irrt sich doch ein Sohn des Himmels niemals!

Hatte Kin-Fo einige Ursache gefunden zu der Meinung, daß es besser sei, nach europäischem als nach chinesischem Dogma regiert zu werden? Man könnte versucht sein, es zu glauben. Thatsächlich wohnte er nicht in, sondern außerhalb von Schang-hai, auf einem Anhängsel der englischen Niederlassung, die sich eine gewisse und zwar hoch geschätzte Selbstherrlichkeit bewahrt.

Die eigentliche Stadt Schang-hai liegt auf dem linken Ufer des Huang-Po, eines kleinen Flusses, der sich in Form eines rechten Winkels mit dem Wu-sung vereinigt, dann in den Jang-tse-kjang oder Blauen Fluß ergießt und mit diesem in das Gelbe Meer mündet.

Es ist ein von Nord nach Süd gezogenes Oval, umgeben von hohen Mauern und von fünf Thoren durchbrochen, die nach den fünf Vorstädten führen. Ein unentwirrbares Netz von Gäßchen, mit einem Pflaster, das einer Dampfstraßenfege bald zum Opfer gefallen sein würde; finstre Läden ohne Vorbaue und ohne Schaufenster, wo Kerle bedienen, die bis zum Gürtel nackt sind; kein Wagen, keine Sänfte, kaum hin und wieder ein Reiter; ein paar landesübliche Tempel oder ausländische Kapellen; statt einer Allee oder Promenade ein simpler »Theegarten« und auf aufgeschüttetem Boden ein ziemlich sumpfiges Paradefeld, das noch durch allerhand Ueberbleibsel an seine frühere Eigenschaft als Reisfeld erinnert und von schlimmen Ausdünstungen belagert ist; im Bereich dieser Straßen und Gassen, in den Tiefen dieser schmalen, engen Häuser eine Bevölkerung von 200 000 Einwohnern – das ist die Großstadt Schang-hai, die als Wohnplatz so gut wie gar keine Vorzüge bietet, aber als Handelsplatz von um so größerer Wichtigkeit ist.

Schang-hai nämlich war diejenige Stadt, in welcher nach dem Friedensschlusse von Nan-king die Ausländer zum ersten Male Berechtigung zur Errichtung von Handelskontoren erlangten. Schang-hai wurde das große, offne Thor Chinas für den Handel Europas. Darum hat die chinesische Regierung draußen vor Schang-hai und seinen Vorstädten gegen Zahlung eines jährlichen Pachtschillings drei Landgebiete an die Franzosen, Engländer und Amerikaner abgetreten, deren Zahl sich auf etwa 2000 belaufen mag.

Ueber die französische Niederlassung ist wenig zu sagen. Sie ist die unbedeutendste, grenzt fast an die nördliche Stadtmauer und erstreckt sich bis zum Yang-King-Pang, einem Bache, der sie von dem englischen Gebiet scheidet. Dort erheben sich die Kirchen der Lazaristen und Jesuiten, die auch vier Meilen von Schang-Hai die hohe Schule von Tsi-ka-ve besitzen, auf der Chinesen geistlichen Unterricht erhalten. Aber diese kleine französische Kolonie reicht der Bedeutung und Größe nach an die ihrer beiden Nachbarn nicht heran. Von zehn im Jahre 1861 errichteten Handelshäusern bestehen nur noch drei, und die Escompte-Bank hat es sogar vorgezogen, auf das Gebiet der englischen Niederlassung zu übersiedeln. Das amerikanische Gebiet hat den rückseitigen Teil am Wu-sung inne, wird von dem englischen durch den Su-Tscheu-Creek geschieden, über den eine Brücke führt. Hier befinden sich das Hotel Astor, die Missionskirche; hier liegen die für die Ausbesserung der europäischen Schiffe errichteten Docks.

Aber die blühendste der drei Niederlassungen ist ohne Widerrede die englische. Luxusbauten an den Quais, Häuser mit Veranden und Gärten, Palästen der Handelsfürsten, die Orientalische Bank, der »Hong« des berühmten Hauses Dent mit seiner Schwesterfirma »Lao-Tschi-Tschang«, die Kontore von Jardyne, Russel und andern Großkaufleuten, das englische Klubhaus, das Theater, das Ballspielhaus, der Park, die Rennbahn, die Bibliothek – das ungefähr bildet das Ensemble dieser reichen und großartigen Schöpfung der Angelsachsen, die mit vollem Recht den Namen einer Musterkolonie verdient und bekommen hat. Man wird sich deshalb nicht wundern, auf diesem bevorrechteten Landgebiete, das unter dem Patronat einer liberalen Verwaltung steht, »eine«. – wie Léon Rousset es nennt – »chinesische Stadt von höchst eigentümlichem Gepräge, die nirgendwo in der Welt ihresgleichen hat« – vorzufinden. Demnach wird der Ausländer, der auf der malerischen Wasserstraße des Blauen Flusses nach Schang-Hai kam, auf diesem kleinen Fleckchen Erde eines vierblättrigen Kleeblatts von Flaggen ansichtig, die sich im Hauche ein und derselben Brise entfalten: der französischen Trikolore, der »Yacht« des vereinigten Königreichs, des amerikanischen Sternenbanners und des Sankt-Andreas-Kreuzes, gelb auf grünem Grunde, des Kaiserreichs der Blumen.

Mit der Umgebung von Schang-hai ist es nicht weit her – Flachland ohne einen Baum, von schmalen, steinigen Straßen und rechtwinklig trassierten Pfaden durchschnitten, von Cisternen und » arroyos« durchlöchert, die zur Bewässerung von ungeheuern Reisfeldern dienen, von Kanälen durchfurcht, auf denen, wie die »Gribanen« in Holland durch die Landschaften, die »Dschunken« von Feld zu Feld fahren – ein Bild sozusagen von riesigem Umfange, streng grün in den Farben, dem es nur an einem Rahmen fehlte.

Der Dampfer »Perma« hatte am Quai des chinesischen Hafens, vor der Ostvorstadt Schang-hai's, angelegt. Dort stiegen Wang und Kin-Fo am Spätnachmittag an Land.

Das Kommen und Gehen der geschäftigen Bevölkerung am Gestade war ungeheuer – das Leben auf dem Flusse schier unbeschreiblich. Dschunken zu Hunderten, Blumenkähne, »Sampans« (eine Art von Paddelgondeln). Gigs und andre Fahrzeuge aller Größen bildeten eine schwimmende Stadt, in welcher eine seemännische Bevölkerung von wenigstens 40 000 Seelen lebte – eine Kaste untergeordneten Standes, aus der selbst der wohlhabende Teil nicht zur Klasse der Gelehrten oder Mandarinen aufsteigen kann.

Die beiden Freunde spazierten langsam am Quai auf und ab, mitten zwischen der buntscheckigen Menge von Kaufleuten aller Art, Händlern, die Erdnüsse, Apfelsinen, Arekanüsse oder Pompelmus-Früchte ausboten. Seeleuten aller Nationen. Wasserträgern, Wahrsagern, Bonzen, Lamas, katholischen Priestern, nach Chinesenart mit Zopf und Fächer angethan, einheimischen Soldaten, »Tipaos« oder städtischen Polizisten und »Comporadores«, worunter Kommissionäre oder Makler zu verstehen sind, die für Rechnung europäischer Handelsfirmen Geschäfte abschließen, Waren ein- und verkaufen ec.

Kin-Fo ließ, mit dem Fächer in der Hand einherwandelnd, seine Blicke gleichgiltig über die Menge schweifen. An den Vorgängen um ihn her nahm er kein Interesse. Weder der metallische Klang der mexikanischen Piaster noch der edlere Klang der silbernen Taëls und der geringere der kupfernen Sapeken, die zwischen Käufern und Verkäufern geräuschvoll ausgetauscht wurden, hätte ihn zerstreuen oder ablenken können. Besaß er doch selbst so viel, um die ganze Vorstadt kaufen und bar bezahlen zu können!

Wang hatte dagegen seinen großen gelben Schirm, der mit ungeheuerlichen Figuren schwarz bemalt war, aufgespannt und suchte, fortwährend »auf dem Laufenden«, wie es ein echter Chinese sein muß, überall nach Dingen, die seiner Beobachtung wert waren. Als er vor dem östlichen Thore vorbeiging, blieb sein Blick zufällig auf einem Dutzend Bambuskäfige haften, in denen grinsende Köpfe von Verbrechern hingen, die tags vorher hingerichtet worden waren.

»Wer weiß,« meinte er, »ob sich nicht Besseres thun ließe, als Köpfe abschlagen! Ich glaube, wenn man sie fester rückte, thäte man gescheiter!«

Kin-Fo hörte ohne Zweifel nicht, was Wang sagte, das war wohl gut, denn solche Worte aus dem Munde eines ehemaligen Taiping würden ihn ganz gewiß in keine geringe Verwunderung gesetzt haben.

Beide gingen den Quai weiter hinunter, der sich um die Mauern der chinesischen Stadt zieht. Am äußersten Ende der Vorstadt angelangt, wollten sie gerade den Fuß auf das französische Gebiet setzen, als ihnen ein mit langem blauen Oberkleid angethaner Chinese auffiel, der aus einem Büffelhorn durch Schläge mit einem Stöckchen einen grellen Ton hervorbrachte und die Aufmerksamkeit der Menge auf sich lenkte.

»Ein Si-en-cheng,« sagte der Philosoph.

»Was geht der uns an!« versetzte Kin-Fo.

»Freund,« erwiderte Wang, »laß Dir doch wahr von ihm sagen! Für jemand, der so kurz vor der Heirat steht, ist das doch was!«

Kin-Fo wollte seinen Weg fortsetzen. Wang hielt ihn zurück.

Der »Si-en-cheng« ist eine Art Volksprophet, der für ein paar Sapeken die Zukunft weissagt. Als Handwerkszeug hatte er weiter nichts als einen kleinen Käfig, in dem ein Vögelchen saß, und der an einem Knopf seines Oberkleides hing – sodann ein Spiel von 64 Karten, auf denen Götter-, Menschen- oder Tierfiguren dargestellt waren. Der Chinese, gleichviel welcher Klasse er angehört, ist im allgemeinen abergläubisch und schlägt die Prophezeiungen des Si-en-cheng, der selbst wahrscheinlich nicht viel von ihnen hält, keineswegs gering an.

Auf einen Wink Wang's breitete der Si-en-cheng einen baumwollenen Teppich auf dem Boden aus, setzte sein Vogelbauer darauf, langte sein Kartenspiel hervor, mischte es und legte es so auf den Teppich, daß die Figuren nicht zu sehen kamen. Nun wurde der Käfig geöffnet. Das Vögelchen kam heraus, suchte sich eine Karte aus und ging wieder in sein Bauer, nachdem es ein Reiskorn zur Belohnung bekommen hatte. Der Si-en-cheng wendete die Karte um; sie zeigte eine männliche Figur mit einem in Kunan-runa geschriebenen Spruche – bekanntlich der Mandarinensprache im Norden, die zufolge ihres offiziellen Charakters von den gebildeten Leuten im Lande gesprochen wird. Hierauf wendete sich der Wahrsager an Kin-Fo und prophezeite ihm, was ihm alle Kollegen des Wahrsagers prophezeit haben würden, daß er nämlich nach einer bevorstehenden Prüfung zehntausend glücklicher Jahre genießen würde.

»Wenn's nur ein einziges ist.« erwiderte Kin-Fo – »ein einziges nur, dann will ich Dir alle anderen schenken!«

Hierauf warf er einen Silber-Taël hin, auf den sich der Prophet wie ein hungriger Hund auf einen Marksknochen stürzte. Solches Trinkgeld war bei ihm nicht an der Tagesordnung.

Wang lenkte nun mit seinem Zögling die Schritte nach der französischen Kolonie hinüber. Wang in Gedanken vertieft über diese Prophezeihung, die im Einklang stand mit seinen eigenen Theorien über das Glück – Kin-Fo von der Zuversicht erfüllt, daß ihn Prüfungen nicht treffen könnten. So schritten sie an dem französischen Konsulat vorbei, gingen wieder bis zu der über den Yang-King-Pang geworfenen Brücke hinauf, über den Bach hinüber und auf der anderen Seite der Brücke in schräger Richtung durch das englische Niederlassungsgebiet, um den Quai des europäischen Hafens zu erreichen.

Es schlug Mittag. Die während des Vormittags flotten Geschäfte stockten plötzlich wie durch Zauberschlag. Das kommerzielle Tagewerk war sozusagen beendigt, und auf das Leben und Treiben folgte die Ruhe und zwar auch in der englischen Stadt, die in dieser Hinsicht echt chinesisch geworden war.

In diesem Augenblicke liefen mehrere Ausländerschiffe, die meisten unter der Flagge des Vereinigten Königreichs, den Hafen an. Zu neun Zehnteln sind sie, wie man freilich sagen muß, mit Opium beladen. Dieses vertierende Präparat, dieses Gift, mit welchem England China überfüttert, stellt einen Handelswert von mehr als 260 Millionen Mark dar und wirft einen Nutzen von 300 Prozent ab. Umsonst hat die chinesische Regierung versucht, die Einführung des Opiums in das Himmlische Reich zu verhindern. Der Krieg 1841 und der Friedensschluß von Nan-king haben der englischen Handelsware freie Einfuhr und den Handelsfürsten freies Spiel verschafft. Bemerkt muß übrigens noch werden, daß die Regierung von Peking zwar über jeden Chinesen, der Opium verkaufen wollte, die Todesstrafe verhängen würde, daß sich aber mit den Herren Regierungsbeamten leicht zu einem Abkommen gelangen läßt, wenn es dem, der ein solches Abkommen sucht, nicht an Geld fehlt und auf Geld nicht ankommt. Man hegt sogar die Ansicht, daß der Mandarin-Gouverneur von Schang-hai alljährlich eine Million einstreicht, ohne weiter etwas dafür zu thun, als daß er über mancherlei Thun der ihm unterstellten Beamten einfach die Augen schließt.

Daß weder Wang noch Kin-Fo der verabscheuungswürdigen Gewohnheit des Opiumrauchens frönten, die den Organismus von Grund aus zerstört und mit rasender Schnelligkeit zum Tode führt, versteht sich wohl von selbst. Es war noch niemals ein Quentchen von diesem Präparat in die reiche Wohnung gelangt, vor der die beiden Freunde nach Verlauf einer Stunde, von dem Augenblick ihrer Landung am Quai von Schang-hai ab gerechnet, anlangten. Wang hätte – was von seiten eines ehemaligen Tai-ping wiederum verwunderlich gewesen sein würde – wohl nicht zu bemerken unterlassen:

»Vielleicht gäb's was Besseres zu thun, als ein ganzes Volk der Vertierung zuzuführen! Handel und Wandel ist ja eine ganz gute Sache; aber Philosophie ist eine bessere Sache! Seien wir vor allem Philosophen! vor allem Philosophen!«

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