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Die Drangsale eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Drangsale eines Chinesen in China - Kapitel 17
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typefiction
authorJules Verne
titleDie Drangsale eines Chinesen in China
publisherVerlag von A. Weichert
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
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Sechzehntes Kapitel: worin Kin-Fo, nach wie vor Junggeselle, munter wieder in der Welt herumzulaufen anfängt.

In solcher Situation befand sich nun Kin-Fo, – in einer Situation, die tausendmal schlimmer war, als seine bisherige! Trotz des gegebenen Wortes hatte also Wang, als es sich darum gehandelt hatte, seinen einstigen Zögling zu Tode zu treffen, sich von seinem Gefühl überwältigen lassen, so daß seine Willenskraft erlahmt war! Sonach wußte Wang von der Veränderung, die mit Kin-Fo's Vermögen vor sich gegangen war, noch keine Silbe, denn in seinem Briefe sprach er nicht davon! Also einen andern hatte Wang beauftragt, das Versprechen zu halten, das er gegeben hatte, und welchen andern!! Einen Tai-ping, den Fürchterlichsten von allen, der nicht den geringsten Gewissensbiß fühlen würde vor einem einfachen Morde, für den ihn nicht einmal jemand zur Verantwortung ziehen könnte! Kin-Fo's Brief stellte ihn ja vor jeder Bestrafung sicher, und Wangs Vermächtnis stellte ihm ein Vermögen von 50 000 Dollars sicher!

»Ha! aber nun wird mir die Sache doch langsam genug!!« rief Kin-Fo in einer ersten Zornesregung.

Craig-Fry hatten von Wangs Botschaft Kenntnis genommen.

»Trägt Ihr Schreiben nicht,« fragten sie Kin-Fo, »als äußerstes Datum den 25. Juni?«

»Nicht doch!« versetzte er. »Wang sollte es erst vom Tage meines Todes datieren und konnte auch gar nicht anders! Nun kann dieser Lao-Schen handeln, wann es ihm beliebt, ohne durch die Zeit beschränkt zu sein!«

»O!« meinten Fry-Craig. »er hat Interesse daran, sich an die kürzeste Frist zu halten!«

»Wieso ...?«

»Damit Ihre Police auch bezahlt werde und ihm das Kapital nicht entgehe!«

Auf diesen Grund ließe sich nichts erwidern.

»Meinetwegen,« antwortete Kin-Fo. »Nichtsdestoweniger darf ich keine Stunde verloren gehen lassen, wieder in Besitz meines Briefes zu gelangen, und sollte ich diesem Lao-Schen 50 000 Dollars dafür bar auf den Tisch legen!«

»Ganz richtig,« sagte Craig.

»Stimmt vollkommen!« ergänzte Fry.

»Ich werde also abreisen! Es gilt herauszubekommen, wo jetzt dieser Tai-ping-Häuptling steckt! Vielleicht ist er nicht so unauffindbar wie Wang!«

Kin-Fo konnte kaum noch diese Worte mit Ruhe sagen; es hielt ihn keine Sekunde mehr! Er lief auf und ab. Diese Keulenschläge, die ihn mit Wucht hintereinander trafen, versetzten ihn in einen Zustand von nervöser Ueberreizung, der thatsächlich kaum seinesgleichen hatte.

»Ich reise ab!« rief er – »ich begebe mich auf die Suche nach Lao-Schen! Was Sie anbetrifft, meine Herren, so können Sie thun und lassen, was Ihnen genehm ist!«

»Mein Herr Kin-Fo,« antworteten Fry-Craig, »die Interessen der Centennar-Gesellschaft sind weit mehr bedroht als je! Sie unter solchen Umständen zu verlassen, hieße gegen unsere Pflicht verstoßen. Wir werden Ihnen also nicht von der Seite weichen.«

Es war keine Stunde Zeit zu verlieren. Vor allem aber handelte es sich darum, genau zu erfahren, was dieser Lao-Schen eigentlich war und an welchem Orte er eigentlich wohnte! Bekannt war er nun allerdings gerade genug, daß hieraus sonderliche Schwierigkeiten nicht erwachsen konnten.

Thatsächlich hatte sich dieser ehemalige Kamerad Wangs in der aufständischen Bewegung der Mang-Tschao in das nördliche China zurückgezogen, über die Große Mauer hinaus, nach dem benachbarten Teile des Golfs von Leao-Tong, der bekanntlich nichts weiter als eine Verlängerung des Golfes von Pe-tschi-li ist. Hatte die kaiserliche Regierung auch noch nicht mit ihm Frieden geschlossen, wie sie es bereits mit mehreren anderen Rebellenhäuptlingen, deren sie anders nicht Herr werden konnte, gethan hatte, so ließ sie ihn doch wenigstens auf jenen jenseits der chinesischen Grenzen gelegenen Territorien in völliger Ruhe seiner Wege gehen. Dort trieb Lao-Schen, der sich nun in eine bescheidenere Rolle gedrängt sah, das richtige Buschklepper-Handwerk! Ha! Wang hatte wirklich den besten Kerl ausgesucht: einen Kerl der von Gewissensbissen keine Ahnung hatte! einen Kerl, dem ein Dolchstoß mehr oder weniger nicht die geringste Beunruhigung machte!

Kin-Fo und seine beiden Akoluthen erlangten also äußerst ausführliche Nachrichten über den Tai-ping, der sich zuletzt, so weit man wußte, in der Gegend von Fu-Ning herumgetrieben hatte, einem kleinen Hafenplatz am Golfe von Leao-Tong. Dorthin also beschloß man sich ohne Säumen zu begeben.

Zuvörderst wurde Madame Le-u von den jüngsten Ereignissen unterrichtet. Ihre Aengste verdoppelten sich! Thränen feuchteten ihre schönen Augen. Sie wollte Kin-Fo davon abbringen, daß er sich wieder auf Reisen begebe. Liefe er denn nicht einer unvermeidlichen Gefahr entgegen? Würde es denn nicht besser sein, zu warten, sich von Peking, im schlimmsten Falle sogar aus dem Himmlischen Reiche, zu entfernen? Sich nach irgend einem Teile der Welt zu flüchten, wo ihn dieser wilde Lao-Schen nicht zu erreichen vermöchte?

Aber Kin-Fo machte der jungen Frau begreiflich, daß er die Aussicht, unter solcher unaufhörlichen Bedrängnis, unter solchem ewigen Damoklesschwert, der Gnade solches Schufts überantwortet, für den sein Tod ein Vermögen bedeute, nicht zu ertragen vermöchte! Nein! dieser Situation mußte ein für alle Mal ein Ende gemacht werden! Kin-Fo würde mit seinen Getreuen noch an demselben Tage abreisen, und zwar bis hin zu dem Tai-ping, würde den beklagenswerten Brief für teures Gold von ihm zurückkaufen und würde wieder in Peking zurück sein, weit früher, als das Interdikts-Dekret widerrufen sein würde.

»Süßes, kleines Schwesterchen!« sagte Kin-Fo, »mir thut es jetzt lange nicht mehr so leid wie vordem, daß unsere Hochzeit um einige Tage verschoben worden! Wäre es anders, in welcher Lage befändest Du Dich dann!«

»Wäre es anders,« erwiderte Le-u, »so würde ich das Recht und die Pflicht haben, Dir zu folgen, und würde Dir folgen!«

»Nein!« sagte Kin-Fo; »tausend Tode würde ich lieber ertragen, als Dich solcher Gefahr aussetzen! ... Leb wohl, Le-u! Leb wohl!«

Mit nassen Augen riß sich Kin-Fo aus den Armen der jungen Wittib, die ihn zurückhalten wollte, und am selben Tage verließen Kin-Fo, Craig und Fry, gefolgt von Sun, dem das widrige Schicksal keinen Augenblick mehr Ruhe gönnte, Pe-king und begaben sich nach Tong-tsche-u. Eine Sache, die in einer Stunde abgethan war! Beschlossen war das folgende worden: Die Reise zu Lande durch eine Provinz, mit deren Sicherheit es nicht weit her war, bot sehr ernste Schwierigkeiten. Wenn es sich nur darum gehandelt hätte, bis zur großen Mauer zu gelangen, nördlich von der Hauptstadt, so hätte man sich, möchten die Gefahren auf dieser Strecke von 160 Lis oder 40 Lieues oder ca. 70 km sich auch noch sehr gehäuft haben, doch wohl entschlossen, ihnen die Stirn zu bieten. Aber nicht im Norden, sondern im Osten befand sich der Hafen von Fu-Ning. Begab man sich zu Wasser, also übers Meer dorthin, so mußte man Zeit gewinnen und auch sicherer würde es sein. In 4–5 Tagen konnte Kin-Fo mit seinen Akoluthen dort sein und dann würde man ja sehen, was weiter zu machen sei.

Aber würde auch ein Schiff zu finden sein, das nach Fu-Ning in See ginge? Darüber hieß es sich vor allem Gewißheit zu verschaffen und deshalb begab man sich zu den Schiffsagenten von Tong-tsche-u.

Hierbei kam nun der Zufall Kin-Fo zu Hilfe, den das Mißgeschick sonst unablässig bedrückte. Ein Schiff, in Ladung nach Fu-Ning, lag an der Mündung des Pei-ho vor Anker. Was anders als eins jener flinken Dampfboote besteigen, die den Flußverkehr vermitteln, bis zum Aestuarium desselben hinunterfahren und sich auf dem fraglichen Schiffe einschiffen, ließ sich da nicht thun! Craig und Fry erbaten, um sich für die Reise einzurichten, bloß eine Stunde Zeit, und diese verwandten sie darauf, alle bekannten Rettungsapparate zu kaufen, vom primitiven Korkgürtel bis zu den gegen alles Sinken gefeiten Bekleidungsstücken des Kapitäns Boyton. Kin-Fo wertete doch nach wie vor seine 200 000 Dollars; und da er ja gegen alle Gefahren versichert hatte, unternahm er, ohne daß er eine Extraversicherung einzugehen brauchte, ruhig seine Fahrt übers Meer. Nun konnte aber eine Katastrophe doch jederzeit eintreten! Vorsehen mußte man wenigstens alles, und thatsächlich wurde auch alles vorgesehen.

Am 26. Juni, mittags, schifften sich also Kin-Fo, Craig-Fry und Sun auf dem »Pei-tang« ein und fuhren den Pei-Ho hinunter. Die Krümmungen dieses Flusses sind so wunderlicher Art, daß seine Wasserstrecke genau das doppelte einer geraden Linie ausmacht, von Tong-tsche-u bis zu seiner Mündung gezogen. Aber er ist kanalisiert und mithin schiffbar für Schiffe von ziemlich starkem Tiefgang. Zufolgedessen ist der Schiffsverkehr sehr bedeutend und weit wichtiger als der auf der großen Wasserstraße, die fast parallel mit ihm läuft.

Der »Pei-tang« fuhr flink zwischen den Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichnen, schlug mit seinen Schaufelrädern die gelblichen Fluten des Flusses und trübte mit seinem Kielwasser die zahlreichen Bewässerungskanäle beider Ufer. Der hohe Turm einer Pagode jenseits von Tong-tsche-u war bald passiert und verschwand an der Ecke einer ziemlich scharfen Biegung.

Auf dieser Höhe war der Pei-ho noch nicht breit. Bald zwischen sandigen Dünen, bald an kleinen Bauerndörfern vorbei, floß er mitten durch eine ziemlich waldreiche Landschaft, deren Gehölze indes von Obstgärten und lebendigen Hecken häufig unterbrochen wurden. Mehrere bedeutendere Flecken traten in Sicht, Ma-tao, He-si-wu, Nan-tsaë, Yang-tsun, wo sich Ebbe und Flut noch bemerkbar machen.

Tien-tsin wurde bald sichtbar. Dort trat ein Zeitverlust ein, denn man mußte erst die Brücke des Ostens öffnen lassen, die die beiden Ufer des Flusses verbindet, und nicht ohne Mühe gelang es sodann, um die Hunderte von Schiffen herum zu fahren, mit denen der Hafen gefüllt ist. Dabei setzte es auch lautes Geschrei ab, und mehr als eine Barke ging der Taue verlustig, die sie in der Strömung hielten. Sie wurden übrigens, ohne daß man sich Kopfschmerzen darüber machte, was für Schaden daraus entstehen könnte, einfach durchgehauen. Daraus ergab sich ein Wirrwarr, ein Gedränge von abtreibenden Schiffen, das den Hafenmeistern alle Hände voll zu thun gegeben haben würde, wenn dergleichen Beamte in Tien-tsin vorhanden gewesen wären.

Wollte man sagen, daß auf dieser ganzen Wasserfahrt Craig und Fry mit einem großem Aufgebot von Strenge und Gewissenhaftigkeit als je ihrem Klienten keine Sekunde »vom Leder gegangen« wären, so würde das der Wahrheit noch lange nicht entsprechen. Handelte es sich doch nicht mehr um den Philosophen Wang, mit dem sich, wenn man ihn hätte Benachrichtigen können, leicht zu einem Abkommen hätte kommen lassen, sondern vielmehr um Lao-Schen, jenen Tai-ping, den sie gar nicht kannten – wodurch seine Furchtbarkeit natürlich bedeutend gesteigert wurde. Eigentlich hätte man sich, da man auf dem Wege zu ihm war, für sicher wähnen können; wer bewies aber, daß er sich nicht schon auf den Weg gemacht hatte, um sein Opfer aufzusuchen! Und dann – wie ihm aus dem Wege gehen? Wie ihm Nachricht geben? Craig-Fry erblickten in jedem Passagier des »Pei-tang« einen Meuchelmörder! Sie aßen nicht mehr, sie schliefen nicht mehr, sie lebten nicht mehr!

Wenn Kin-Fo, Craig und Fry schon aufs ernstliche beunruhigt waren, so verging Sun seinesteils schier vor Angst. Der bloße Gedanke schon, daß die Fahrt übers Meer gehen solle, verursachte ihm Herzbeklemmungen. Je näher der »Pei-tang« dem Meerbusen von Pe-tschi-li kam, desto kreideweißer wurde sein Gesicht. Die Nase juckte ihm; seine Lippen schlossen sich krampfhaft, und doch versetzten die ruhigen Gewässer des Flusses den Dampfer noch absolut nicht ins Schaukeln oder Schwanken! Was würde wohl erst mit Sun vorgehen, wenn er sich mit den kurzen, jähen Wellen eines engen Meeres abzufinden hatte, deren Stöße das Schiff in stark schlingernde Bewegung setzten?

»Sie sind noch nie zu Schiff gewesen?« fragte ihn Craig. – »Noch nie!« – »Die Sache paßt Ihnen wohl nicht recht?« fragte ihn Fry. – »Nein!« – »Ich rate Ihnen, halten Sie nur den Kopf immer hoch!« setzte Craig hinzu. – »Den Kopf?« fragte Sun. – »Und machen Sie, rate ich Ihnen, den Mund nicht auf!« setzte Fry hinzu. – »Den Mund?« fragte Sun.

Hierauf machte Sun den beiden Versicherungsbeamten begreiflich, daß es ihm lieber sei, auf alle Unterhaltung zu verzichten; und nicht ohne über den schon stark verbreiterten Fluß jenen melancholischen Blick von Leuten geworfen zu haben, denen die Seekrankheit sozusagen schon in den Gliedern steckt, noch ehe sie das Meer gesehen haben, begab er sich nach dem Mittelpunkte des Schiffes und hockte sich dort nieder.

Die Landschaft hatte nun in diesem Thale, dem der Fluß folgte, einen andern Charakter angenommen. Das rechte, steiler ansteigende Ufer stand durch sein höheres Gelände in auffälligem Gegensatze zu dem linken Ufer, dessen langer flacher Strand unter einer leichten Widersee schäumte. Ueber den Strand hinaus dehnten sich ungeheure Sago-, Mais-, Korn- und Hirsefelder. So wie in ganz China – eine Hausmutter, die für so viel Millionen Mäuler Nahrung zu schaffen hat – gab es dort nicht das kleinste bebaubare Bodenfleckchen, das vernachlässigt oder gar vergessen worden wäre. Ueberall Bewässerungskanäle oder Bambusvorrichtungen in Gestalt von urwüchsigen »Eimerketten« oder »Paternosterwerken«, die Wasser in Uebermasse schöpften und auf die Ackerflächen gössen. Hin und wieder erhoben sich in der Nähe von Dorfschaften, deren kleine Häuser aus gelblichem Kleiberlehm aufgebaut waren, ein paar Baumgruppen, darunter alte Apfelbäume, die keiner Ebene in der Normandie zur Unehre gereicht hätten. Am Strande liefen Fischer in zahlreicher Menge hin und her, denen die als »Kormorans« bekannte Seeraben-Gattung den Dienst eines Jagd- oder richtiger Fischhundes that. Diese Vögel tauchten auf einen Wink ihres Herrn unter Wasser und brachten die Fische ans Land, denn ein Halsring, der ihnen so eng angelegt war, daß er sie fast dem Ersticken nahe brachte, hinderte sie daran, die Fische zu verschlucken. Enten, Krähen, Raben, Elstern, Sperber wurden durch das Stampfen und Zischen des Dampfers scharenweis aus dem hohen Ufergras aufgescheucht.

Wenn die große Chaussee, die längs des Flusses führte, sich jetzt auch leer und verlassen zeigte, so nahm doch das Leben auf dem Flusse nicht ab. Welche Zahl von Schiffen aller möglichen Art fuhren zu Berg und zu Thal! Kriegs-Dschunken im Stil der alten Barbette-Turmschiffe, deren Geschützdeck in scharf konkaver Kurve vom Vorder- zum Hintersteven lief und die der Chinese durch eine doppelte Ruderreihe oder durch Schaufelräder, von Menschenhand bewegt, lenkt und manövrier; zweimastige Zoll-Dschunken mit Schluppensegeln, die über Quer-Raaen gespannt waren und am Vorder- und Hinterschiff mit Köpfen oder Schweifen phantastischer Tiergebilde geschmückt waren; Kauffahrtei-Dschunken von ziemlich starkem Tonnengehalt, mit mächtig gebauchtem Rumpf, die mit kostbaren Produkten aus dem Himmlischen Reiche beladen, in See gehen und vor den verheerenden Wirkungen der Taifune in den benachbarten Meeren keine Furcht haben; Passagier-Dschunken, die durch Ruder getrieben oder längs der Ufer getreidelt werden und die Zeit der Ebbe und Flut ausnützen, was um so leichter für sie ausführbar ist, als sie ja doch nur für Leute vorhanden sind, die mit der Zeit nicht zu rechnen haben, sondern Zeit verlieren können: Mandarinen-Dschunken, in Gestalt von Vergnügungsyachten, die ihre Boote im Schlepptau bugsieren; Sampans von allerhand Formen, mit Segeln aus Binsengeflecht, von denen die kleinsten durch junge Weiber getrieben werden mit dem Ruder in der Hand und mit dem Kind auf dem Rücken, und die ihren Namen mit Recht verdienen, welcher so viel wie »drei Planken« bedeutet: endlich Holzflöße, richtige schwimmende Dorfschaften mit Hütten drauf, Gartenstückchen, die mit Bäumen bepflanzt sind und auf denen Gemüse gesät wird, oft von geradezu ungeheurer Größe, aus irgend einem mandschurischen Walde herrührend, den die Holzfäller ratzekahl niedergemäht haben!

Mittlerweile wurden die Ortschaften und Flecken immer spärlicher. Man zählt ihrer zwischen Tien-tsin und Ta-ku an der Mündung des Flusses etwa zwanzig. An den Ufern qualmten dicke Rauchwirbel aus einigen Ziegelöfen, deren Dünste in Gemeinschaft mit dem Qualm aus den Schloten des Dampfers die Luft verunreinigten. Der Abend kam, nachdem ihm die unter diesem Breitengrade ziemlich lange dauernde Juni-Dämmerung vorausgegangen war. Bald zeichnete sich in dem Zwielicht, wie mit dem Wischer gewischt, eine Kette von weißen Dünen in symmetrischer Anordnung und von gleichförmiger Zeichnung. Es waren Salzhaufen, die aus den benachbarten Salinen herstammten. Dort öffnete sich zwischen dürrem Landgebiet das Aestuarium des Pei-ho, eine traurige Landschaft, die, wie de Beauvoir berichtet, weiter nichts ist als Sand und Salz und Staub und Asche.

Am Morgen des 27. Juni, vor Sonnenaufgang, kam der »Pei-tang« im Hafen von Ta-ku an, fast dicht vor der Mündung des Flusses. An dieser Stelle erheben sich an beiden Ufern die nördlichen und südlichen Forts, die anno 1860 von der englisch-französischen Armee genommen wurden und jetzt in Trümmern liegen. Dort war am 24. August desselben Jahres der glorreiche Angriff des Generals Collineau erfolgt; dort hatten die Kanonenboote den Flußeingang erzwungen; dort dehnt sich ein schmaler, kaum bewohnter Landstreifen, der den Namen »Französische Niederlassung« trägt. Dort steht noch das Grabdenkmal, unter dessen Schatten die in diesen denkwürdigen Kämpfen gefallenen Offiziere und Soldaten gebettet liegen.

Der »Pei-tang« durfte über die Barre nicht hinaus fahren. Sämtliche Passagiere mußten also in Taku an Land gehen. Ta-ku ist eine schon ziemlich bedeutende Stadt, der eine beträchtliche Entwicklung gewiß ist, wenn die Mandarinen den Bau einer Eisenbahn bis Tien-tsin genehmigen werden. Das Schiff in Ladung nach Fu-Ning sollte noch am selben Tage unter Segel gehen. Kin-Fo durfte keine Stunde Zeit verlieren; deshalb mietete er, ohne zu säumen, einen Sampan und nach einer Viertelstunde etwa stieg er mit seinen beiden Getreuen und seinem Diener Sun an Bord des »Sam-Yep«.

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