Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Die Drangsale eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Drangsale eines Chinesen in China - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/verne/chinese/chinese.xml
typefiction
authorJules Verne
titleDie Drangsale eines Chinesen in China
publisherVerlag von A. Weichert
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130116
projectidbfb6db83
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel: worin der Leser ohne Anstrengung und Mühe vier Städte in einer einzigen durchwandern kann.

Pe-tschi-li, die nördlichste der achtzehn Provinzen von China, ist in neun Distrikte geteilt. Einer von diesen Distrikten hat Schun-Kin-Fo zur Hauptstadt, welcher Name so viel wie: »dem Himmel gehorsame Stadt erster Ordnung« bedeutet. Diese Stadt ist Peking.

Stelle sich der Leser das unter dem Namen »chinesischer Kopfbrecher« bekannte Zusammensetz-Spiel in einer Oberfläche von 6000 Hektar und einem Durchmesser von 8 Meilen vor, dessen unregelmäßige Stücke genau ein Rechteck ausfüllen sollen, so hat er jenes geheimnisvolle Khan-ba-ligh oder Kambalu vor Augen, von welchem Marco Polo eine so merkwürdige Beschreibung gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab – die gegenwärtige Hauptstadt des Himmlischen Reiches!

In Wirklichkeit begreift Peking zwei verschiedene Städte in sich, die durch einen großen Boulevard und eine befestigte Mauer geschieden werden: die eine, ein rechtwinkliges Parallelogramm, die chinesische Stadt, die andere ein fast vollkommenes Viereck, die Tatarenstadt, diese schließt zwei andere Städte in sich: die Gelbe Stadt, Hoang-tsching, und Tsen-kin-tsching, die Rote oder Verbotene Stadt. Ehemals zählten diese städtischen Anhäufungen weit über zwei Millionen Einwohner. Aber die durch das Uebermaß von Elend hervorgerufene Auswanderung hat diese Ziffer auf höchstens eine Million herabgemindert. Meist Tataren und Chinesen, zu denen etwa 10 000 Muselmanen hinzuzurechnen sind, ferner eine gewisse Zahl Mongolen und Tibetaner, welche die schwimmende Bevölkerung bilden

Der Plan dieser Beiden übereinander geschobenen Städte bildet so ziemlich genau einen Kredenzschrank, und zwar bildet die Tatarenstadt seinen oberen Teil oder das Buffet und die Chinesenstadt den unteren Teil oder die Kredenz. Eine sechs Meilen lange befestigte Mauer von einer Höhe und Breite von 40-50 Fuß, außen mit Ziegeln bekleidet, in Abständen von 200 zu 200 Meter durch hervorspringende Türme geschützt, umgiebt die Tatarenstadt mit einer prachtvollen, gepflasterten Promenade und läuft in vier ungeheuren Bastionen aus, deren Plattform vom Leibgarden-Korps besetzt gehalten wird. Wie man sieht, wird der Kaiser, der Sohn des Himmels, wohl bewacht.

Im Mittelpunkt der Tatarenstadt liegt die Gelbe Stadt, die einen Flächenraum von 660 Hektaren bedeckt und von 8 Thoren verschlossen wird. In ihr liegt ein 300 Fuß hoher Kohlenhügel, der eigentliche »Aussichtspunkt« der Stadt, sodann ein prächtiger Kanal, »Meer der Mitte« genannt, über den eine Marmorbrücke führt; zwei Bonzenklöster befinden sich ebenfalls in ihrem Bereiche, sodann die Prüfungshalle mit Zellen für 12 000 Personen, der Pe-tass-ee oder Tempel der weißen Pagode, ein auf einer Halbinsel erbauter Bonzensitz, der über den hellen Gewässern des Kanals zu schweben scheint, der Pai-tang oder Sitz der katholischen Missionare, die kaiserliche Pagode, ein Prachtbau mit seinem Dach von klingenden Glöckchen und blauen Lapis-Ziegeln, der große, den Ahnen der herrschenden Dynastie geweihte Tempel, der Tempel der Geister, der Tempel des Genius der Winde, der Tempel des Genius des Blitzes, der Tempel des Erfinders der Seide, der Tempel des Herrn des Himmels, die fünf Pavillons der Drachen, das Kloster zur Ewigen Ruhe usw. usw.

Im Mittelpunkte dieses Vierseits versteckt sich die Verbotene Stadt mit einer Oberfläche von 80 Hektaren, umgeben von einem kanalisierten Graben, über den sieben Marmorbrücken führen. Daß die erste dieser drei Städte, da die herrschende Dynastie dem Mandschu-Stamm angehört, vorzugsweise von einer Bevölkerung gleicher Rasse bewohnt wird, versteht sich wohl von selbst. Die Bevölkerung chinesischen Stammes ist nach dem unteren Teile des Kredenzschrankes, in die Filialstadt, verwiesen worden.

In das Innere der Verbotenen Stadt, die von roten, von einem Kapitäl aus goldgelb gefirnisten Ziegeln überragten Backsteinmauern umschlossen wird, gelangt man durch ein Thor im Süden, das Thor der »Großen Reinheit«, das sich nur vor dem Kaiser und den Kaiserinnen öffnet. Dort erheben sich der Ahnentempel der tatarischen Dynastie, von einem zweifachen Dach aus vielfarbigen Ziegeln bedeckt: die Tempel Sche und Tsi, die den irdischen und den himmlischen Geistern geweiht sind; der für Staatsfeierlichkeiten und offizielle Bankette vorbehaltene Palast der »Erhabenen Eintracht«: der Palast der »Mittleren Eintracht«, in welchem die Ahnenbilder des Sohnes des Himmels hängen; der Palast der »Schützenden Eintracht«, in dessen mittlerem Saale der Kaiserthron seinen Platz hat; der Palast des Nei-ko, worin der große Rat des Kaiserreiches seine Sitzungen abhält; der »Pavillon der litterarischen Blumen«, in welchem der Kaiser einmal im Jahr die Heiligen Bücher verdolmetschen läßt; der Pavillon Tschuan – Sin – Ti – en, in welchem die Opfer zum Andenken an Kon-fu-tse dargebracht werden; die Kaiserliche Bibliothek, die Kanzlei der Historiographen, der Wu-Igne-Ti-en, worin die zum Druck der Bücher bestimmten Kupfer- und Holzplatten aufbewahrt liegen; die Werkstätten, in denen die Gewänder für den kaiserlichen Hofstaat fabriziert werden; der »Palast der Himmlischen Reinheit« oder die Beratungsstätte für Familien-Angelegenheiten; der Palast des »Höheren Irdischen Elements, worin die junge Kaiserin ihren Hof hält; der »Palast des Sinnens«, wohin sich der Herrscher zurückzieht, wenn er krank ist; die drei Paläste, in denen die kaiserlichen Kinder erzogen werden; der Tempel der toten Eltern; die vier Tempel, die für die Witwe und die Frauen des im Jahre 1861 verstorbenen Kaisers Hi-en-Fong bestimmt worden; der Tschu-Si-e-u-Kong, die Residenz der kaiserlichen Ehegattinnen; der Palast der »Bevorzugten Hüte«, bestimmt für den offiziellen Empfang der Hofdamen; der Palast der »Allgemeinen Ruhe«, für eine Kinderschule und zwar der höheren Beamtenschaft gewiß eine eigentümliche Benennung; der Palast »der Reinigung und des Fastens; der Palast »der Gagatenen Reinheit«, in welchem die Prinzen von Geblüt wohnen; der Tempel des »Schutzgottes der Stadt«; ein Tempel tibetanischer Baukunst; das Magazin der Krone; die Kaiserliche Intendantur; der Lao-Kong-Tschu oder die Wohnung der Eunuchen, deren es nicht weniger als 5000 in der Roten Stadt giebt; endlich andere Paläste, die die Zahl der im Bereiche der Kaisermauer eingeschlossenen Staatsbauten bis auf 48 erhöhen, den Tsen-Kwang-Ko oder Pavillon des »Purpurroten Lichts«, am Ufer des Sees der Gelben Stadt gelegen, wo am 19. Juni 1873 die fünf Minister der Vereinigten Staaten, von Rußland, Holland, England und Preußen, dem Kaiser von China vorgestellt wurden.

Welches Forum des Altertums hat je eine solche Anhäufung von Bauwerken, so verschieden in der Form, so reich an kostbaren Gegenständen aufgewiesen? Ja, welche Großstadt sogar, welche Regierungs- und Hauptstadt in den europäischen Staaten könnte eine solche Reihe von Gebäudenamen aufweisen?

Zu dieser Aufzählung muß übrigens noch der Wan-tschou-shan, der kaiserliche Sommerpalast, hinzugefügt werden, der zwei Meilen von Peking entfernt liegt. Im Jahre 1860 von den Engländern zerstört, liegen seine Gärten Juen-ming-juen, der »Runde und Glänzende Garten«, sein »Edelsteinquellenhügel« Jü-tschüan-shan, sein »Jagdpark« Hsiang-shan, in welchem sich noch Herden von Sse-pu-hsiang, dem sonst ausgestorbenen Cervus Davidianus, finden, sein »Hügel der 10 000 Generationen«, heute fast sämtlich nur mitten unter und wohl auch selbst nur meist in Ruinen!

Um die Gelbe Stadt herum liegt die Tatarenstadt, dort befinden sich die Gesandtschaften des Deutschen Reiches, der Vereinigten Staaten, diejenigen von Japan, von Frankreich, England, Italien und Rußland, und zwar im Südosten der Kaiserstadt, ferner das Missionshospital von London, die katholischen Missionen für den Osten und für den Norden, die alten Marställe für die Elefanten, deren nunmehr nur einer noch, blind und hundertjährig, am Leben ist. Dort erhebt sich der große »Glockentempel« Ta-tschung-ssee mit seinem roten, von grünen Ziegeln gefaßten Dache; der Tempel des Kon-fu-tse, das Kloster der tausend Lamas mit dem »Großen Lamatempel« Jung-ho-kung, der Tempel von Fa-kwa, das alte Observatorium mit den berühmten Bronze-Instrumenten aus dem 13. und 17. Jahrhundert in dem viereckigen Kolossalturme, der Yamen der Jesuiten, der Yamen der Weisen, wo die Universitäts- und Staatsexamina abgelegt werden. Dort erheben sich die Triumphbogen des Ostens und des Westens. Dort fließen das Nordmeer und das Rosenmeer, beide mit Seerosen und blauen Nymphäen teppichartig belegt, die beide vom Palaste des Ostens aus den Kanal der Gelben Stadt speisen. Dort stehen Paläste neben Palästen, in denen Prinzen von Geblüt residieren, dort haben die Ministerien der Finanzen, des Kultus, des Krieges, der öffentlichen Arbeiten, der ausländischen »Relationen« ihren Sitz; dort befinden sich der Rechnungshof, das Astronomische Tribunal, die medizinische Universität. Alles zeigt sich im bunten Durcheinander, mitten zwischen engen Strafen und Gassen, die im Sommer von Staub erfüllt, im Winter von Schmutz und Nässe starren, zumeist mit armseligen, niedrigen Häuschen hüben und drüben bestanden sind. Zwischen ihnen steigt hin und wieder, unvermittelt, jäh, von schönen Bäumen beschattet, irgend eines Großwürdenträgers palastartiger Wohnsitz auf; Ueber die erdrückend vollen Straßen laufen herrenlose Hunde, Kamele aus der Mongolei, beladen mit Braunkohle, werden je nach dem Range der Würdenträger von acht oder vier Trägern in Palankinen und Sänften getragen, rasseln Maultierwagen, Karren. Kutschen, laufen arme Leute, die nach Pater Tschu-tse eine unabhängige Bettler- und Landstreicher-Körperschaft von 70 000 Köpfen bilden, und in diesen »von übelriechendem schwarzem Morast gleichsam eingefetteten Gassen und Straßen«, erzählt Pater Arsenius. »in denen man bis zu den Knieen einsinkt, kommt es gar nicht selten vor, daß ein blinder Bettler stolpert und ertrinkt oder erstickt.«

Von vielen Gesichtspunkten aus gleicht die chinesische Stadt von Pe-king, die den Namen Wai-Tscheng trägt, der tatarischen Stadt, aber in einigen Gesichtspunkten unterscheidet sie sich doch. Zwei berühmte Tempel erheben sich im südlichen Teile, der Tempel des Himmels und der Tempel des Ackerbaues. Neben ihnen verdienen die Tempel der Göttin Ko-a-nin, des Genius der Erde, des Genius der Läuterung, die Tempel des Schwarzen Drachens, der Geister des Himmels und der Erde, die Goldfisch-Teiche, das Kloster Fa-jun-tsse, die Marktplätze, die Theater usw. Erwähnung.

Dieses rechtwinklige Parallelogramm wird von Nord nach Süd durch eine wichtige Ader, die den Namen »Große Avenue« trägt und von dem Thore von Hung-Ting im Süden bis zum Thore von Ti-en im Norden führt, geteilt. In bei Querrichtung wird sie durch eine andere Arterie von größerer Länge geschnitten, die rechtwinklich über die erstere hinweg und vom Thore von Scha-kua im Osten bis zum Thore von Kuan-tsu im Westen läuft. Sie trägt den Namen Scha-kua und hundert Schritt etwa entfernt von ihrem Schnittpunkt mit der Großen Avenue wohnte die zukünftige Madame Kin-Fo.

Man besinnt sich wohl, daß die junge Witwe hinter jenem Briefe, der ihr Kin-Fo's Ruin anzeigte, einen zweiten erhalten hatte, der den Inhalt des ersten aufhob und ihr meldete, daß der siebente Mond nicht verstreichen würde, ohne daß sein »jüngeres Brüderchen« wieder bei ihr wäre.

Ob Le-u von diesem Tage, dem 17. Mai, an die Tage und die Stunden zählte, darüber sich auszulassen, ist überflüssig. Kin-Fo hatte ihr aber während der sinnlosen Reise, über deren phantastische Route er unter keinerlei Vorwand etwas verlauten lassen mochte, keinerlei Nachricht weiter gegeben. Le-u hatte nach Schang-Hai geschrieben: ihre Briefe waren unbeantwortet geblieben; man kann sich nun denken, wie groß ihre Unruhe sein mußte, als bis zum 19. Juni noch kein Brief wieder bei ihr eingelaufen war.

Die junge Wittib hatte deshalb während dieser langen Zeit ihr Haus in der Avenue Scha-kua auch nicht verlassen. Sie wartete voller Unruhe. Der »Z'widerwurz'n« von Nan war nicht darnach besaitet, ihr die Einsamkeit anmutig zu machen. Diese »alte Mutter« machte sich unangenehmer, als je zuvor und hätte an die hundertmal im Monat verdient, an die Luft gesetzt zu werben.

Aber wieviel endlose, angst- und unruhvolle Stunden sollte es noch dauern, ehe der Augenblick da war, wo Kin-Fo nach Peking kommen würde! Le-u zählte sie, und das Additions-Exempel, zu welchem sie hierbei gelangte, erschien ihr bald erschrecklich lang und mühsam.

Wenn die Religion des Lao-tse die älteste in China ist, wenn der in der nämlichen Epoche, 500 Jahre etwa vor Christo, verbreiteten Lehre des Konfu-tse der Kaiser, die Gelehrten und Weisen und die hohen Mandarinen anhängen, so ist der Buddhismus oder die Religion des Fo diejenige, welche die größte Zahl von Gläubigen – fast 300 Millionen – auf der Oberfläche der Erde zählt. Der Buddhismus scheidet sich in zwei besondere Sekten, von denen die eine jene Bonzen, durch ihre graue Gewandung und roten Kopfputz, die andere, die Lamas, durch ihre gelbe Gewandung kenntlich, als Priester besitzt.

Le-u war eine Buddhistin der ersteren Sekte. Die Bonzen sahen sie oft bei sich im Tempel von Koan-ti-Miao, der bekanntlich der Göttin Koa-nin geweiht ist. Dort leistete sie Gelübde für ihren Freund und brannte, dieweil sie mit der Stirn auf dem Estrich des Tempels lag, wohlriechende Stäbchen.

Gerade an diesem Tage war ihr der Gedanke gekommen, zur Göttin Koa-nin zu beten und von ihr die Erfüllung noch heißerer Wünsche zu erflehen. Eine Ahnung sagte ihr, daß demjenigen, dem sie mit so gerechter Ungeduld entgegensah, eine ernstliche Gefahr bedrohe. Le-u rief deshalb die »alte Mutter« und gab ihr Befehl, an der Ecke der Großen Avenue eine Sänfte zu holen. Nan zuckte die Achseln, der abscheulichen Gewohnheit gemäß, die sie an sich hatte, und ging hinaus, den erhaltenen Befehl auszuführen. Unterdes betrachtete die junge Wittib, so lange sie allein in ihrem Boudoir war, traurig den stummen Apparat, der ihr die Stimme des Abwesenden aus der Ferne schon lange nicht mehr übermittelte.

»Ach!« sagte sie. »er soll doch wenigstens wissen, daß ich nicht aufgehört habe, an ihn zu denken! meine Stimme soll es ihm künden, wenn er wiederkehrt!«

Und mit einem Druck auf die Feder setzte sie die phonographische Walze in Bewegung und sprach mit einer Stimme so laut wie möglich die süßesten Sätze, die ihr Herz ihr einflößen konnte. Nan unterbrach durch ihren plötzlichen Eintritt diesen zärtlichen Monolog. Der Sänftenträger wartete, meldete sie, vor der Thür auf Madame, »die doch ganz gut hätte daheim bleiben können!« Le-u hörte nicht auf sie, sondern verließ das Haus, die »alte Mutter« schelten lassend, soviel sie Lust hatte, und machte es sich in der Sänfte bequem, nachdem sie dem Träger Weisung gegeben, sie in den Koan-ti-Miao zu bringen.

Der Weg hin ging ziemlich in gerader Richtung. Man brauchte nur um die Ecke der Scha-kua-Avenue zu biegen und die große Avenue bis zum Thore von Ti-en hinauf zu gehen. Aber die Sänfte kam nicht so leicht und rasch vorwärts. Der Verkehr wogte zu dieser Zeit noch ziemlich lebhaft in den Straßen, die in diesem Stadtviertel sowieso schon immer ziemlich stark begangen waren; denn die Gegend gehörte zur dichtbevölkertsten. Auf der Chaussee gaben Buden fremder Kaufleute der Scenerie das Aussehen eines Jahrmarkts mit seinem tausendfachen Lärm und Geschrei. Volksredner unter freiem Himmel, öffentliche Vorleser, Wahrsager und Zeichendeuter, Photographen, Karikaturenzeichner, die ziemlich wenig Respekt vor dem Ansehen der Mandarinen zeigten, schrieen und warfen ihre Glossen mitten hinein in das allgemeine Tohuwabohu. Hier zog, den Verkehr hemmend, mit großem Pomp ein Leichenzug vorbei: dort ein Hochzeitszug, der dem Trauerkondukt an Lustigkeit vielleicht nachstand, aber dieselbe Wirkung auf den Verkehr übte. Vor dem Namen einer Obrigkeit war großes Gedränge. Einer, der klagen wollte, hatte die »Trommel der Klagen« gerührt, um die gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auf dem Steine Le-u-ging lag ein Missethäter auf den Knieen, der eben die Bastonnade erhalten hatte, welchen Polizisten bewachten, kenntlich an der Mandschu-Mütze mit roten Eicheln, dem kurzen Spieß und den zwei Säbeln in einer Scheide. Ein kurzes Stück seitab wurden ein paar bockbeinige Chinesen, die mit den Zöpfen zusammengebunden waren, auf die Polizeiwache geführt. Noch weiter seitab schritt ein armer Teufel, dem man die linke Hand und den rechten Fuß in die zwei Löcher eines Brettes gesteckt hatte, hinkend einher, wie ein Tier von wunderlicher Art. In einen Holzkasten eingezwängt, bloß mit dem Kopfe aus dem Bodenstück herausreichend, lag ein Dieb an der Erde, der öffentlichen Mildthätigkeit überlassen. Andere wieder, gebückt wie Ochsen unter dem Joche, schleppten den Schandpfahl am Halse. Diese Unglücklichen suchten augenscheinlich die vielbegangenen Straßen und Plätze auf, in der Hoffnung, hier eine bessere Ernte an Almosen zu halten; diese Spekulation auf das Mitgefühl der Vorübergehenden ging aber stark auf Kosten der Bettler aller möglichen Sorten, die, bald einarmig oder lahm, bald paralytisch oder epileptisch, bald einzeln, bald in Zügen, z. B. Blinde unter Führung eines Einäugigen, abgesehen von den Tausenderlei Verschiedenheiten teils wirklicher, teils falscher Gebrechen, in den Städten des Kaiserreichs der Blumen wimmeln wie Ameisen.

Die Sänfte bewegte sich also langsam vorwärts. Das Gewühl wurde um so größer, je näher sie dem äußeren Boulevard kam. Indessen gelangte sie dorthin und machte in dem inneren Bastionswinkel, der das Thor schützt, nahe dem Tempel der Göttin Koa-nin, Halt. Le-u stieg aus der Sänfte, trat in den Tempel, kniete vor dem Eingang nieder, warf sich dann vor der Bildsäule der Göttin auf das Gesicht und schritt zuletzt auf einen zum Dienst der Göttin gehörigen Apparat zu, der den Namen »Betmühle« führt und sich als eine Art Haspel ausweist, deren acht Arme an ihren Enden kleine, mit heiligen Sprüchen geschmückte Papierfähnchen, drehen. Ein Bonze wartete gravitätisch neben dem Apparat auf die frommen Gläubigen und vor allem auf den Obolus, den die fromme Haspelei abwerfen würde. Le-u drückte dem Diener Buddhas ein paar Taëls in die Hand, als Beitrag zu den Kosten des Kultus; dann nahm sie den Griff der Haspel in die rechte Hand und gab ihr, nachdem sie die linke Hand aufs Herz gedrückt hatte, einen leichten Schwung. Zweifelsohne drehte sich die Mühle nicht rasch genug, um dem Gebet Wirksamkeit zu leihen.

»Rascher! rascher!« sprach der Bonze zu ihr, ihr durch Gebärden Mut machend.

Und die junge Wittib haspelte sich ab mit der Haspel, daß es eine Art hatte!

Das ging so beinahe eine Viertelstunde lang fort, worauf der Bonze endlich die Versicherung gab, die Gebete der frommen Frau würden Erhörung finden. Le-u warf sich zum andernmal vor der Bildsäule der Göttin Koa-nin auf die Stirn, verließ den Tempel und setzte sich wieder in die Sänfte, um sich nach Hause tragen zu lassen. In dem Augenblick aber, als sie in die große Avenue einbiegen wollten, mußten die Träger sich schleunigst auf die Straßenseite flüchten. Soldaten stießen mit rohen Püffen die Menge beiseite. Die Läden schlossen sich im Nu auf lautes Kommando. Die Quer- und Seitenstraßen wurden unter der Aussicht von Tipaos durch blaue Vorhänge abgesperrt. Ein langer Zug von Menschen über Menschen besetzte einen Teil der Avenue und bewegte sich mit lautem Lärmen vorwärts.

Der Kaiser Koang-Sin, dessen Name »Ruhm über Ruhm« bedeutet, hielt seinen Einzug in seine gute Tatarenstadt, und zu seinem Einlaß in die Kaiserstadt sollte sich das mittlere Thor aufthun. Hinter zwei Spitzenreitern kam ein Zug Plänkler, dann ein berittener Vortrab, der in zwei Gliedern auf beiden Seiten postiert war und einen Stab über der Schulter trug. Hinter ihnen entfaltete ein Korps Offiziere von hohem Rang den gelben Sonnenschirm mit Spitzen, geschmückt mit dem Drachen, der das Sinnbild des Kaisers, wie der Phönix das Sinnbild der Kaiserin ist.

Der Palankin, dessen gelbseidener Vorhang gelüftet war, erschien sogleich, gehalten von sechzehn Trägern, die in roten, mit weißen Rosetten besäeten Gewändern, und gepanzert mit Westen aus pikierter Seide, einhergingen. Prinzen von Geblüt, Würdenträger auf Rossen, die als Abzeichen hohen Adels mit gelber Seide aufgezäumt waren, gaben dem kaiserlichen Transportmittel das Geleit. In dem Palankin thronte, halb sitzend, halb liegend, der Sohn des Himmels, Vetter des Kaisers Tong-tsche und Neffe des Prinzen Kong. Hinter dem Palankin kamen Stallknechte und Reserveträger.

Endlich verschwand dieser ganze lange Zug, zur lebhaften Befriedigung der Fußgänger, Kaufleute, Bettler, die nun wieder ihren Geschäften und Verrichtungen nachgehen konnten, hinter dem Thore von Ti-en. Le-u's Sänfte setzte ihren Weg fort, und nach einer zweistündigen Abwesenheit langte die schöne Wittib wieder vor ihrem Hause an.

Ach! welche Ueberraschung hatte die gütige Göttin Koa-nin der jungen Frau beschert!

In dem Augenblick, als die Sänfte zu Boden gesetzt wurde, war ein mit zwei Maultieren bespannter Wagen, über und über mit Staub bedeckt, am Hause vorgefahren. Kin-Fo, gefolgt von Craig-Fry und von Sun, stieg aus dem Wagen!

»Du? Du!!« rief Le-u, die ihren Augen nicht trauen konnte.

»Liebstes jüngeres Schwesterchen!« antwortete Kin-Fo, »an meiner Rückkehr hast Du doch nicht gezweifelt?«

Le-u gab keine Antwort. Sie ergriff die Hand ihres Freundes und zog ihn in das Boudoir vor den kleinen phonographischen Apparat, den heimlichen Vertrauten ihres Herzeleids!

»Ich habe nicht einen Augenblick aufgehört, Deiner zu warten!« sagte sie. »Du süßes Herz, gestickt mit Blumen von Seide!«

Und die Walze ausrückend, drückte sie auf die Feder, die die Walze in Bewegung setzte. Und Kin-Fo konnte nun eine süße Stimme hören, die ihm wiederholte, was die süße Le-u erst vor wenigen Stunden gesagt hatte:

»Komm wieder, vielgeliebtes Brüderchen! Komm an meine Seite! Ach, möchten doch unsere Herzen nie weiter voneinander sein, als die beiden Sternbilder des Hirten und der Leier! All meine Gedanken weilen bei Deiner Rückkehr ...«

Der Apparat schwieg eine Sekunde ... bloß eine Sekunde. Dann setzte er wieder ein, aber diesmal mit einer kreischenden, keifenden Stimme:

»Mit einer Herrin im Hause ist's nicht genug! es muß auch ein Herr noch drin sein! Daß doch Fürst Yen sie alle beide erdrossele!«

Sie war nur zu gut kenntlich, diese zweite Stimme! Es war Nans Stimme. Der Z'widerwurz'n von »alter Mutter« hatte, als Le-u das Haus verlassen, während der Apparat noch funktionierte, das Gespräch fortgesetzt und nun gab der Apparat die unvorsichtigen Worte, ohne daß die Alte so etwas geahnt hatte, wieder!

Dienstboten männlichen und weiblichen Geschlechts, nehmt euch in acht vor Phonographen!

Noch an demselben Tage erhielt Nan ihren Abschied, und mit ihrer Entlassung wurde gar nicht einmal gewartet, bis der siebente Monat um war, trotzdem es nur noch wenige Tage bis dorthin waren!

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.