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Die Drangsale eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Drangsale eines Chinesen in China - Kapitel 11
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typefiction
authorJules Verne
titleDie Drangsale eines Chinesen in China
publisherVerlag von A. Weichert
translatorPaul Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel: worin Craig und Fry dem neuen Klienten der »Centennar« offiziell vorgestellt werden.

»Jawohl, Herr Bidulph! Börsenmanöver! Nichts weiter als Börsenmanöver! Eins im echten Yankee-Stile!« sagte Kin-Fo zu dem Generalagenten der Versicherungsgesellschaft.

Seine Ehren Herr William I. Bidulph lächelte mit Kennermiene.

»Fein gemacht, muß man sagen – denn alle Welt ist darauf hineingefallen!« meinte er.

»Sogar mein eigener Korrespondent!« erwiderte Kin-Fo. »Eine Zahlungs-Einstellung bloß zum Scheine, mein Herr! eine Theater-Pleite! eine Tataren-Meldung! Acht Tage nachher ist bei offenen Schaltern schlank bezahlt worden. Das Geschäft ist gemacht. Die Aktien, die um 80 Prozent gesunken waren, hatte die Central-Bank zum niedrigsten Kurse zurückgekauft, und auf die Frage, was die Pleite abwerfen werde, hat der Direktor mit der liebenswürdigsten Miene geantwortet: 175 Prozent. So schreibt mir heute früh mein Korrespondent hier in diesem Briefe, in demselben Augenblicke, wo ich als total ruinierter Mensch ...«

»Mich am eigenen Leben vergreifen wollte?« rief William I. Bidulph.

»Nein,« versetzte Kin-Fo – »wahrscheinlich ermordet werden sollte!«

»Ermordet!«

»Mit meiner schriftlichen Ermächtigung – Mord auf Grund einer zwischen zwei Teilen getroffenen Vereinbarung ... durch Schwur erhärteten Vereinbarung ... die Ihnen bar gekostet hätte ...«

»200 000 Dollars,« antwortete William I. Bidulph, »da die Versicherung auf alle Todesfälle lautete. Hm! wir würden Sie sehr aufrichtig bedauert haben, lieber Herr ...«

»In Höhe der Versicherungssumme?«

»Und der entfallenden Zinsen!«

William I. Bidulph ergriff seines Klienten Hand und schüttelte sie herzlich, nach amerikanischer Sitte.

»Aber ich verstehe nicht ...« setzte er hinzu.

»Sie werden schon verstehen ...« antwortete Kin-Fo und setzte nun die Beschaffenheit der Verpflichtung auseinander, die ein Mann, der sein volles Vertrauen genösse, ihm gegenüber eingegangen sei. Er wiederholte sogar die Ausdrücke im Briefe, den dieser Mann bei sich in der Tasche trüge, und der ihn vor jeder Verfolgung schütze und ihm völlige Straflosigkeit verbürge. Was aber die Sache außerordentlich erschwere, sei die zweifellose Gewißheit, daß das Versprechen erfüllt und das gegebene Wort eingelöst werden würde.

»Der Mann ist ein Freund von Ihnen?« fragte der Generalagent.

»Jawohl, ein Freund,« antwortete Kin-Fo.

»Und aus Freundschaft also ...?«

»Aus Freundschaft und, wer weiß, vielleicht auch aus Berechnung! Ich habe ihn mit 50 000 Dollars bei Abschluß meiner Versicherung bedacht.«

»Mit 50 000 Dollars!« rief William I. Bidulph – »also ist's der Herr Wang?«

»In Person.«

»Ein Philosoph! Der wird sich doch nie dazu verstehen ...«

Kin-Fo hätte beinahe geantwortet: »Dieser Philosoph ist ein ehemaliger Tai-ping. Sein halbes Leben lang hat er mehr Morde begangen, als nötig wären, um die »Centennar« zu ruinieren, wenn all die ihre Klienten gewesen wären, die seinem Dolch zum Opfer gefallen sind! Seit 18 Jahren hat er seinen wilden Instinkten wohl einen Zügel angelegt; aber heute, nachdem ihm die Gelegenheit geboten wird, nachdem er mich ruiniert, nachdem er mich entschlossen weiß, zu sterben, nachdem er anderseits die Gewißheit hat, daß ihm nach meinem Tode ein kleines Vermögen zufallen muß – heute wird er sich nicht besinnen ...« Aber – von all dem sagte Kin-Fo kein Sterbenswort. Das hätte geheißen, Wang zu verderben, denn William I. Bidulph würde sich keine Sekunde besonnen haben, Wang beim Gouverneur der Provinz als einen alten Tai-ping anzuzeigen. Ohne Zweifel würde solcher Schritt für Kin-Fo Rettung, für den Philosophen aber Tod und Verderben bedeutet haben.

»Nun, dann giebt's bloß eins, was sich machen läßt,« äußerte der Generalagent der Versicherungsgesellschaft – »und dies eine ist doch wohl einfach genug?«

»Nämlich –?«

»Herr Wang muß benachrichtigt werden, daß alles erledigt ist – der böse Brief muß ihm abgenommen werden, der ihn ...«

»Leichter gesagt, als gethan,« versetzte Kin-Fo – »aber Wang ist seit gestern verschwunden, und niemand weiß, wohin er sich begeben!«

»Hm!« machte der Generalagent – und die Art, wie er den Laut hervorbrachte, bekundete deutlich den Zustand von Verlegenheit, in den er geraten war. Er fixierte seinen Klienten scharf.

»Und nun, Verehrtester, haben Sie keine Lust mehr zum Sterben?« fragte er.

»Meiner Treu, nein!« antwortete Kin-Fo. »Das Manöver der Californischen Central-Bank hat mein Vermögen nahezu verdoppelt, und ich denke nun sehr stark daran, mich zu verheiraten! Aber ich mag es nicht früher thun, als bis ich Wang wiedergefunden habe, oder bis die vereinbarte Frist voll und richtig abgelaufen ist!«

»Und wann ist sie abgelaufen?«

»Am 25. Juni des laufenden Jahres. Innerhalb dieser Zeitspanne läuft die »Centennar« erhebliche Gefahr. Mithin liegt es in Ihrem Interesse, Maßnahmen zu treffen!«

»Zur Auffindung des Philosophen,« antwortete Seine Ehren Herr William I. Bidulph.

Der Generalagent ging ein paar Augenblicke auf und ab, mit den Händen auf dem Rücken. Dann sagte er:

»Nun gut! Wir werden ihn aufstöbern, diesen Freund oder besser, dieses Mädel für alles, und sollten wir ihn der Erde aus den Eingeweiden schneiden! Bis dahin aber, mein Herr! werden wir Sie gegen jeden Mordversuch sicher stellen, wie wir Sie ja schon gegen jeden Selbstmordversuch sicher zu stellen beflissen waren!«

»Was sollen die Worte bedeuten?« fragte Kin-Fo.

»Daß Ihnen vom letztverflossenen 30. April an, von dem Tage an, seit Sie Ihre Lebensversicherung abgeschlossen, zwei Agenten in meinem Auftrage auf Schritt und Tritt gefolgt sind, Ihr Verhalten beobachtet, Ihr Thun und Lassen kontrolliert haben!«

»Ich habe absolut nichts bemerkt ...«

»O! es sind vorsichtige und verschwiegene Herren, die ich Ihnen an die Fersen geheftet habe, mein Herr! Sie haben wohl nichts dawider, wenn ich sie Ihnen vorstelle, nachdem ja keine Notwendigkeit mehr vorliegt, daß ihre Handlungen vor Ihren Augen verborgen bleiben, ausgenommen höchstens, was den Herrn Wang betrifft.«

»Bin gern einverstanden,« erwiderte Kin-Fo.

»Craig-Fry müssen zur Stelle sein, da Sie zur Stelle sind!« und William I. Bidulph schrie: »Craig-Fry?«

Craig-Fry waren thatsächlich zur Stelle, und zwar standen sie hinter der Thür des Privatzimmers! sie hatten dem Klienten der »Centennar« bis zu seinem Eintritt in die Kanzlei das »Geleit gegeben« und warteten nun draußen auf seinen Weggang.

»Craig-Fry!« redete der Generalagent sie an – »Sie haben von dieser Minute ab unsern kostbaren Klienten während der ganzen Dauer seiner Versicherung nicht mehr gegen ihn selbst, sondern gegen einen Busenfreund, gegen den Philosophen Wang zu wehren und zu schützen, der sich anheischig gemacht hat, ihn zu ermorden!«

Die beiden Unzertrennlichen wurden nunmehr auf das laufende gesetzt. Sie begriffen die Lage – sie fanden sich ab mit der Lage! der reiche Kin-Fo war ihnen überwiesen, verabfolgt, in die Hände geliefert – nun! ein paar treuere Dienerseelen zu finden würde ihm schwer, wenn überhaupt möglich sein!

Und nun! welchen Entschluß galt es zu fassen?

Die Sachlage bot, wie der Generalagent auszuführen anhub, zweierlei Möglichkeiten: entweder sich in dem Schang-hai'er Hause höchst sorgfältig zu verstecken, so daß Wang nicht hinein gelangen könnte, ohne daß Craig-Fry auf der Stelle benachrichtigt würden, mit allen Mitteln und auf allen Wegen dahinter zu kommen, wo sich besagter Wang versteckt hielte, und ihm den Brief wieder abzunehmen, der für null und nichtig in allen Punkten und Hinsichten erklärt werden müsse.

»Die erste Möglichkeit hat absolut keinen Wert,« erwiderte Kin-Fo – »denn Wang würde jederzeit bis zu mir gelangen können, ohne daß er gesehen würde, da ja mein Haus auch sein Haus ist. Man muß ihn also wiederfinden um jeden Preis!«

»Sie haben recht, mein Herr,« antwortete hierauf William I. Bidulph – »das allersicherste ist, wir finden besagten Wang wieder – und – wir werden ihn wiederfinden!«

»Tot oder ...Hub Craig an –

»Lebendig!« ergänzte Fry.

»Nein! Lebendig!« rief Kin-Fo – »ich will auf keinen Fall, daß Wang durch meine Schuld in Gefahr komme, sei es auch nur einen Augenblick!«

»Craig und Fry,« setzte William I. Bidulph hinzu – »Sie bürgen noch 77 Tage für unseren Klienten! bis zum 30. Juni laufenden Jahres gilt der Herr 200 000 Dollars für uns!«

Nunmehr verabschiedeten sich der Klient und der Generalagent der »Centennar« voneinander. Zehn Minuten später war Kin-Fo unter dem Geleit seiner beiden Leibwächter, die ihm nicht mehr von der Seite weichen durften, in sein Yamen zurückgekehrt. Als Sun sah, daß Craig und Fry im Hause offiziell Wohnung nahmen, hielt begreiflicherweise ein gewisser Grad von Bitterkeit in seinem Herzen Einzug, denn nun war's vorbei mit Fragen und Antworten – vorbei mit Trinkgeldern und Spenden und Leckerschlückchen! Außerdem ließ es sich sein Herr mit seiner frisch erwachten Lebenslust noch angelegen sein, den ungeschickten und faulen Schlingel von Lakai wieder tüchtig in die Schere zu nehmen. Armer Sun! und was Hätte er erst gesagt, wenn er gewußt hätte, was ihm die Zukunft vorbehielt!

Kin-Fo's erste Sorge war, nach Peking, Avenue Scha-Kua, die Schicksalswandlung zu »phonographieren«, die ihn reicher machte, als vordem. Die junge Frau vernahm die Stimme desjenigen, den sie auf ewig für verloren gewähnt hatte, und der ihr die herzlichsten Zärtlichkeiten herbetete! Ach! Er würde sein jüngeres Schwesterchen nun wiedersehen! Der siebente Mond würde nicht verstreichen, ohne daß er zu ihr geeilt sei, um sie, ach! nimmer wieder zu verlassen! Nachdem er aber nichts davon hätte wissen wollen, sie unglücklich und elend zu machen, wollte er jetzt auch nicht Gefahr laufen, sie von neuem zur Witwe zu machen! Le-u begriff nun freilich nicht recht, was mit diesem letzten Satze gemeint sei; sie verstand nur eins, daß nämlich ihr Bräutigam wieder zu ihr käme, und daß er, ehe acht Wochen verstrichen seien, wieder bei ihr sein würde.

Und an diesem Tage gab's keine glücklichere Frau im ganzen Himmlischen Reiche, als die junge Wittib in Peking, Avenue Scha-Kua!

Thatsächlich hatte sich in Kin-Fo's Ideengang eine totale Umwandlung vollzogen, nachdem er, dank der großartigen Fruktifizierung der kalifornischen Centralbank, zum vierfachen Millionär geworden war. Er hielt nun was auf das Leben, und zwar auf gutes Leben. Zwanzigtägige Aufregungen hatten ihn ganz umgewandelt. Weder der Mandarin Pao-Shen, noch der Kaufherr Yin-Pang, noch Tim, der Lebemann, noch Hu-al, der Gelehrte, würden ihn wiedererkannt haben! ihn, den indifferenten Amphitryo, der mit ihnen auf einem der Blumenkähne des Perlenflusses seine Henkersmahlzeit als Junggeselle gefeiert hatte. Wang würde seinen eigenen Augen nicht getraut haben, wenn er dagewesen wäre! Aber er war und blieb verschwunden, ohne daß eine Spur von ihm sichtbar wurde. Keinen Fuß setzte er mehr in das Schang-hai'er Haus. Für Kin-Fo begreiflicherweise eine Quelle zu großer Sorge, und für seine beiden Leibwächter zu Mühen und Aengsten aller Augenblicke!

Acht Tage später, am 24. Mai, noch keinerlei Nachricht von seiten des Philosophen – mithin auch keinerlei Möglichkeit, sich auf die Suche nach ihm zu begeben! Umsonst hatten Kin-Fo, Craig und Fry die Gebiete der ausländischen Niederlassungen, die Bazare, die verdächtigen Stadtviertel, die ganze Umgegend von Schang-hai abgesucht – umsonst hatten sich die geschicktesten Tipaos der Polizei auf die Beine gemacht. Der Philosoph war nicht zu finden! Mittlerweile vervielfachten aber Craig und Fry, die von immer lebhafterer Unruhe ergriffen wurden, ihre Vorsichtsmaßregeln. Weder bei Tag noch bei Nacht wichen sie ihrem Klienten von der Seite, aßen mit ihm an der gleichen Tafel, schliefen mit ihm in dem gleichen Zimmer. Ja, sie wollten ihn sogar nötigen, ein Panzerhemd zu tragen, damit er vor jedem Dolchstoß gefeit sei, und nichts anderes, als Eier in der Schale, zu essen, die sich ja nicht vergiften ließen!

Kin-Fo brachte sie, wie man gestehen muß, ganz gehörig auf den Trab! Warum ihn denn nicht gleich auf acht Wochen in den diebes- und feuersicheren Tresor der »Centennar« einsperren, auf den Vorwand hin, daß er einen Wert von 200 000 Dollars darstelle?

Nun machte Seine Ehren William I. Bidulph, praktisch zu allen Zeiten und in allen Dingen! seinem Klienten das Anerbieten, ihm die eingeschossene Prämie zurückzuzahlen und die Versicherungspolice zu vernichten.

»Ganz untröstlich!« erwiderte hierauf klar und fest Kin-Fo – »aber das Geschäft ist mal gemacht, und so wie ich, müssen auch Sie die Folgen auf sich nehmen!«

»Meinetwegen,« versetzte darauf der Generalagent, sich in eine Lage wohl oder übel fügend, an der sich nichts mehr ändern ließ – »meinetwegen! Sie haben ja auch recht! Besseren Schutz, als wir Ihnen gewähren müssen, können Sie ja gar nicht finden!«

»Und zu billigerem Preise auch nicht!« versetzte Kin-Fo.

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