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Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H.

: Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Schilling
titleDie Denkwürdigkeiten des Herrn von H.
publisherby edition or-mondial/Paris
year1966
firstpub
senderreuters@abc.de
created20070410
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Enthält mancherlei Betrachtungen

Ich müßte mich sehr irren oder vielmehr meine Erfahrung müßte ich hintergehen, wenn mich nicht mancher meiner Leser herzlich beneidete.

Wie viele junge Männer haben bei dem heftigsten Triebe keine Gelegenheit, ihre Erstlinge auf dem Altar der Liebe zu opfern. Wie vielen fehlt der Mut, so daß mancher die schönsten Kräfte seiner Jugend mit eigener Hand vernichtet und im eigenen Feuer aufgehen läßt.

Mir half der Zufall und feuerte meinen Mut an. Vielleicht wäre Madame nie so gefällig gegen mich gewesen, hätte sie mich nicht überrascht und hätte ich mich nicht in ihr Zimmer verirrt. Absicht war es nicht von mir, meine Begierden hatten mich blind gemacht. Vielleicht war es auch gar nicht ihre Absicht, mich in ihr Heiligtum einzuführen, wäre ihr nicht mein trotziger, aufrechtstehender Amor in die Augen gefallen, der ihren Zorn besänftigen und ihre Lust reizen mochte. Gute Gelegenheit und Zufall verschaffen mehr Siege als angestrengte Mühe; das habe ich oft erfahren und werde es meinen Lesern mitteilen.

Mein Temperament war nun einmal so, und wäre ihm die Gelegenheit entgangen, so würde ich gewiß auch, wie Tausend Jünglinge, Mut und Kraft durch die Hand spritzen, Körper und Seele schwächen, und würde zum trägen, mißmutigen und unzufriedenen Geschöpf, das mehr einem Kastraten als einem Manne gleicht, wie wir deren so viele sehen; anstatt daß ich jetzt in einem Alter von 60 Jahren noch munter und stark bin, drei Stunden herzhaft marschieren und den ganzen Tag zu Pferde sitzen kann, heiter meine Tage zubringe, mit Lust esse und trinke und sanft die Nacht durchschlafe.

Fern sei es von mir, daß ich alles, was ich meinen Lesern erzählen werde, für Recht halte; wie reimt sich dies mit einem feurigen Jüngling zusammen? Gar zu gern und oft kann er nicht anders, folgt seiner Begierde und überschreitet die Schnur.

Daß ich für den Menschen etwas anderes in Anspruch nehme, als ihm die Systeme der Moral vorzuschreiben, versteht sich von selbst.

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