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Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H.

: Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H. - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Schilling
titleDie Denkwürdigkeiten des Herrn von H.
publisherby edition or-mondial/Paris
year1966
firstpub
senderreuters@abc.de
created20070410
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Ein kleines Anekdötchen

Ich glaube nicht, daß ich meinen Lesern zu geschwind gehe. Mein Pinsel ist etwas stumpf geworden, und ich finde, daß ich die Farbenmischung nicht genug verstehe, um meinen Gemälden durchwegs Verschiedenheit zu geben.

Ich bin jetzt auf der Reise nach Italien und werde daselbst ebenso kurz, vielleicht noch kürzer sein, als in England. Zunächst ein kleines Anekdötchen aus Rom.

In meiner Wohnung hatte ich ein herrliches Frauenbild gesehen, das alles in sich vereinigte, was zu einer schönen Römerin gehört. Eines Abends, als ich bereits im Bette lag und meine Gedanken mit dem Schönen und Erhabenen Roms beschäftigt waren, vernahm ich plötzlich einen ungeheuren Lärm im Hause, ich sprang aus dem Bette, öffnete die Tür und – ein halbtotes Mädchen stürzte mir in die Arme. Schnell schloß ich die Tür wieder und legte die ohnmächtige Schöne auf mein Bett. Nun zog ich mich an, setzte mich in guten Verteidigungszustand und eilte, die Tür wieder verschließend, die Treppe hinunter.

»Sie ist doch entkommen«, sagte der Wirt, »Ihre Mühe ist vergebens.«

Mit funkelnden Augen faßte mich ein junger Mann beim Arm. »Schaffen Sie mir sofort meine Schwester oder –«

Der Lärm begann noch einmal; doch konnte ich aus der ganzen Geschichte nicht klug werden. Plötzlich trat jemand herzu, der dem Wütenden etwas ins Ohr flüsterte, worauf sich alle in größter Eile entfernten.

Ich bat den Wirt um Auskunft.

»Ein junges Mädchen, welches seit einigen Tagen hier wohnt, wurde, ich weiß nicht weshalb, von ihnen verfolgt. Sie scheint jedoch entkommen zu sein.«

Ich eilte auf mein Zimmer. Das Mädel hatte sich erholt, doch Todesblässe überzog ihr Gesicht, als sie mich bewaffnet sah.

»Ruhig, meine Schöne«, sagte ich, »Sie sind ja in Sicherheit; nun fordern Sie, was ich tun soll.«

Sie erzählte mir, daß sie die Tochter eines Kaufmannes aus Florenz sei und beim Nachhausegehen aus dem Theater entführt worden wäre, jedoch wieder glücklich entkommen, aber zu ihrem Schreck, von neuem entdeckt worden sei.

»Und wer ist der Räuber?«

»Der Marchese S.«

Ein sonderbarer Handel, der mich in Italien leicht in Lebensgefahr bringen konnte. Indessen war ich entschlossen, die Tochter ihren Eltern zuzuführen.

»Allein, schönes Mädchen, Sie sind nun in sicheren Händen, doch weiß ich nicht, ob es gut ist, wenn Sie sich in diesem Hause zeigen.«

»Retten Sie mich, auf welche Weise es auch sei.«

»Das will ich gern. Aber, liebes Mädchen, du hast Erholung nötig und ich habe nur ein Bett.«

»Es sind doch Stühle da.«

»Nicht doch, ich werde dich auch im Bett beschützen.«

Ich küßte sie; sie schlug beschämt die Augen nieder.

»Es war unvorsichtig, mein Herr, bei Ihnen meine Zuflucht zu nehmen – allein, schon gestern hatte ich beschlossen, mich Ihnen zu entdecken, weil Ihre Erscheinung mir Zutrauen einflößte. Habe ich mich in Ihnen geirrt?«

»Nein, meine Schöne. Wenn ich dir aber sage, daß ich dich vom ersten Augenblick an, als ich dich sah, liebte, was antwortest du mir darauf?«

(Achselzuckend.) »Ich bin in Ihrer Gewalt.«

»Das nicht, liebe, holde Grazie – frage dein Herz, es muß freier Wille von dir sein, ob du mich in deinen Armen beglücken willst. Wo nicht, so schwöre ich dir, daß ich dich, außer einem leichten Kusse, nicht berühren will.«

»Könnten Sie das? Ich meine, Sie wären ein Engel.«

Ich versprach's ihr und sie legte sich nach langem Zureden ins Bett. Ich half ihr, sich zu entkleiden und versicherte, daß es ein harter Stand war, mich so vielen Reizen nahe zu wissen ohne sie zu genießen.

Ich machte mir ein Lager von Kleidungsstücken und Wäsche auf der Erde, deckte mich mit meinem Mantel zu und schlief sehr bald und ruhig ein.

Es war schon hoher Tag, als ich erwachte. Ich ging in die Kammer und trat vors Bett. Welch ein herrlicher Anblick! – Noch schwebte leichter Schlummer auf ihrem Engelsangesicht. Wie ein Wölkchen am heitren Himmel, erblickte man Kummer in ihren Zügen. Lockig umwallte schwarzes Haar die weiße Stirn, den fleischigen Hals und die runden Schultern. Ihr voller schöner Busen, weißer als gefallener Schnee, hob sich langsam und schwer; erstickte Seufzer drängten sich halb hervor, und ihr runder, schöner Arm, der lässig über die Decke hinlag, zuckte bisweilen.

Aus Furcht, ihr die erquickende Ruhe zu rauben, enthielt ich mich, ihren schönen Rosenmund zu küssen, so reizend er auch war. Leise setzte ich mich zu ihr und weidete mich an ihrer bezaubernden Schönheit.

Sie erwachte und das schönste Rosenrot überzog ihr Gesicht, wie sie mich erblickte. Ihr schönes, schwarzes Auge glänzte vor Vergnügen. Ich ergriff ihre Hand und küßte den wonnigen Mund. Schauer durchfuhr alle meine Glieder, als ich den Kuß erwidert fühlte.

»Großmütiger Mann, wie unruhig legte ich mich nieder, und wie ruhig erwache ich wieder.«

»Und was ich vermag, werde ich anwenden, daß Sie jeden Tag so ruhig erwachen sollten.«

Nach langem Bitten erlaubte sie mir das Vergnügen, bei ihrem Ankleiden gegenwärtig zu sein, und nahm meine Hilfeleistung sehr artig an.

Nun wurde beschlossen, daß sie in Manneskleidern die Reise nach Florenz antreten sollte, und mit Hilfe meines Bedienten waren die Kleidungsstücke bald in Ordnung, und schon den folgenden Tag reisten wir ab. Ich bin nie vergnügter gereist, als in der Gesellschaft dieses Signors. Ein wahrer Adonis, den ich nicht genug umarmen und küssen konnte.

Als wir in Florenz ankamen, ging ich gleich zu Signor Battioli, ihrem Vater. Ich traf das Haus noch voller Betrübnis über den Verlust der Tochter. Nach einigen Erdichtungen drang ich mehr in ihr Geheimnis und ganz wie von ungefähr sagte ich, daß ich einen jungen Italiener in Dienst genommen, der mir entfernt so etwas von der Entführung eines jungen Frauenzimmers erzählt hätte.

Man drang in mich, den Bedienten herzusenden. Ich schrieb sogleich ein paar Zeilen, sandte ihn hin und mein schöner Reisegefährte kam. Allein, er war zu schwach, die Rolle zu spielen, die ich ihm aufgetragen hatte; so wie er eintrat, sank er seiner Mutter in die Arme.

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