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Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H.

: Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H. - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Schilling
titleDie Denkwürdigkeiten des Herrn von H.
publisherby edition or-mondial/Paris
year1966
firstpub
senderreuters@abc.de
created20070410
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Ich bin in London

Ich war fast drei Monate schon in London und hatte unter allen meinen Bekanntschaften noch keine Engländerin besiegt. Mein Ehrgeiz war beleidigt, ich verdoppelte meine Angriffe, allein der ruhige, ernste Blick und das kalte, steife Betragen hielt mich immer wieder zurück.

Ein schönes englisches Frauenzimmer reißt zur Bewunderung hin, allein sie läßt das Herz von jenen süßen, lockenden Gefühlen leer.

Mein unbefriedigtes Temperament machte mich mißlaunig, ich klagte es einem Freunde.

»Dem ist abzuhelfen«, sagte er, »wir wollen nach – zum – fahren und eine Bestellung machen und wenn wir wollen, können wir morgen Abend mit Personen von erstem Range speisen und uns ergötzen, es kommt nur darauf an, wie hoch wir die Taxe setzen.«

»Wie verstehen Sie das?«

»Wir bestellen ein Abendessen, entweder für 20 Pfund und haben eine Dame niedrigen Standes, oder 100 Pfund und unsere Gesellschafterin ist schon ziemlich hohen Standes.«

Der Vorschlag wurde angenommen und wir fanden uns am folgenden Abend ein. Für zwei herrliche Dämchen, von schönem graziösem Aussehen war bestens gesorgt. Wir aßen und tranken, gingen dann in ein Kabinett, um in Wollust zu schwelgen.

Ich vergeudete alle möglichen Liebesspiele; sie erwiderte dieselben zwar auch, aber es fehlten ihr die französischen Manieren dabei. Nun entkleidete ich sie und fand den herrlichsten Körperbau. Nach und nach wurde sie warm, ich legte sie aufs Bett und mich darüber und führte Gott Amor in den Tempel der Wollust. Ich bewegte mich, sie lag still; ich küßte sie oft und viel und bat, meine Bewegungen zu erwidern; allein, sie verstand es nicht. Wir leerten endlich den Wollustbecher, jedoch ohne jenen hohen, begeisternden Taumel, der so unbeschreiblich beseligt. Meine Donna äußerte ihre Zufriedenheit, indem sie bei der folgenden Umarmung viel feuriger und gefühlvoller wurde. Allein, es fehlte noch viel an jenem wonnigen Hinschmachten.

Meine Dame bat mich um meinen Namen und meine Wohnung, bevor wir wieder in den Speisesaal gingen. Wir amüsierten uns noch ein Stündchen mit allerlei Scherzen und gingen dann auseinander.

Eine Mistreß Glaßer ließ sich nach einiger Zeit meine Höflichkeiten gefallen und erlaubte mir einige Zusammenkünfte. Ich würde Unrecht tun, wenn ich nicht gestände, daß ich außerordentliches Vergnügen in ihren Armen genossen hätte, ungeachtet dessen, daß ich es nie von ihr erlangen konnte, daß sie ihren schönen Körper meinen Augen nackend präsentierte. Sie liebte stark, feurig und innig. Ich gab ihr dadurch, daß sie mich mit der Lady B. fahren sah, Veranlassung, unser reelles Verhältnis abzubrechen.

Eines Tages, als ich eben ausfahren wollte, überbrachte ein Diener mir ein niedliches Briefchen.

Ich öffnete es und las:

Wenn Sie heute vor meinem Hotel in der Leipzigerstraße beim Ausfahren halten, erwartet Sie gegen vier Uhr Ihre

Betty B.«

»Von wem, guter Freund?«

»Von Mylady B.«

Lady B., dachte ich. Unter allen meinen Bekannten ist kein ähnlicher Name.

Ich fuhr vor; wurde in ein schönes Zimmer geführt und bald darauf trat aus einer Seitentür Lady B.

Ich erkannte meine Schöne und staunte.

Sie bemerkte es und versicherte mir sehr artig, daß eine unwiderstehliche Neigung zu mir sie bewogen hätte, sich mir zu erkennen zu geben. Ich zog sie aufs Sofa und bot alle nur erdenklichen Mittel auf, um sie recht feurig zu machen. Sie führte mich in ein Schlafgemach, ich kleidete sie aus und rieb mit einem wollenen Tuch ihre Hinterbacken so lang, bis sie ganz rot waren. Die Lefzen ihrer schönen Muschel waren sehr aufgelaufen, ihr Busen wallte, ihre Lippen bebten und ihre Augen verdunkelten sich.

Sie gestand, daß sie noch nie ein so zehrendes Feuer in dem Innern ihrer Wollusthöhle gefühlt hätte, und als ich sie hinlegte und meinen Amor einführte, war auf einmal Bewegung in ihren Lenden, um die ich damals vergeblich gebeten hatte. Mein Vergnügen wurde durch das ihrige vermehrt. Mit wahrem Entzücken taumelten wir in die Arme der wohltätigsten Wollust.

Auch Lady B. liebte feurig, hinreißend. Es ist etwas Angenehmes, eine Engländerin zu sehen, welche verliebt ist. Der große und edle Anstrich, den sie ihrer Neigung zu geben weiß, oder vielmehr, den ihr die Natur und der Nationalismus gibt, hat etwas von Ehrfurchterregendes an sich. Wenn du der Französin in die Arme fallen möchtest, so wünscht du vor der Engländerin zu knien. Sie gibt sich ungeteilt, ganz oder gar nicht und opfert sich eher selbst auf, ehe sie den Liebhaber ferner beglücken sollte, von dessen Untreue sie überzeugt ist. Und ist sie ihrer Sache sicher, so ist die einzige Strafe Verachtung; selten läßt sich die Engländerin zur Rachsucht hinreißen. Auch ist ihre Seele zu erhaben, als daß Argwohn und Verdacht sie gleich beunruhigen sollten; sie wird bloß aufmerksam, untersucht und handelt nach Befund der Tatsache. Man hat mir zwar versichert, daß eine ausschweifende Engländerin alles überträfe, was sich denken läßt; allein, ich habe dies gerade nicht gefunden.

Längere Zeit besuchte ich ein Frauenzimmer, ein Freudenmädchen, von der ich versichern kann, daß die keuscheste deutsche Frau sich nicht anständiger, edler betragen könnte. Man fand auch bei ihr beständig die ausgesuchteste Gesellschaft. Sie belebte durch Geschmack, Ton, Witz und Geist die Unterhaltung. Ein jeder, welchem sie bisweilen die höchste Gunst gewährte, schätzte sich glücklich. Man konnte fast sagen, sie beglückte längere Zeit immer nur einen Liebhaber.

Kurz vor meiner Abreise aus London fragte ich sie scherzend, ob ich mich denn nicht in Deutschland rühmen sollte, daß ich in der Umarmung der schönsten Engländerin, die, wenn nicht größeren, doch gleichen Nachruhm verdient, wie Lais von Korinth, das höchste Glück der Liebe genossen hatte.

»Sir«, antwortete sie, »wenn Sie Lais kennen wie ich, so werden Sie selbst wissen, daß Sie zu viel gesagt haben. Ich armes Mädchen! Nicht einmal an Zärtlichkeit des Herzens gleiche ich ihr, geschweige denn in den übrigen Eigenschaften. Glauben Sie Vergnügen bei mir zu finden, so sind Sie für morgen Abend eingeladen.«

Ich fand bei ihr den Lord N. und den Esquire E. Attisches Salz war die Würze unserer Mahlzeit. Mistreß Grandham war schön wie eine Gottheit, und würde man eher die stolze, gefühllose Donna Diana, als die schmachtende und liebesdurstige Venus in ihr gesucht haben.

Die Herren empfahlen sich und meine Mistreß führte mich in die der Liebe geweihten Hallen: ein Zimmer, wo einem Wollust und nur immer Wollust entgegenhauchte und alles, was man erblickte, Wollust erregte. Bald stand sie da, wie die Venus, welche sich den Wellen entwand. Mit staunendem Entzücken betrachtete ich sie, schloß sie in meine Arme, fand in ihr das zur Liebe erschaffene weibliche Wesen und genoß alles, was irdische Wesen bei der innigsten Vereinigung nur genießen können.

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