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Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H.

: Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H. - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Schilling
titleDie Denkwürdigkeiten des Herrn von H.
publisherby edition or-mondial/Paris
year1966
firstpub
senderreuters@abc.de
created20070410
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Wer hätte geglaubt, daß sie ernst machen würde?

Ich lag eines Morgens noch im Bette, als mir mein Bedienter meldete, daß ein Frauenzimmer draußen wäre, die mich zu sprechen verlange.

»Wer ist sie?«

»Ich weiß es nicht, sie wollte mir ihren Namen nicht sagen, vermutlich –«

»Nun, was vermutest du?«

»Vermutlich hat sie etwas so Gewisses von geheimen Aufträgen; wer weiß, von welcher schönen Dame.«

»Meinst du? Wenn sie aber ein eigenes Anliegen hätte?«

»Da ist sie zu alt dazu. Ein halbes Jahrhundert steht ihr wenigstens auf der Stirn geschrieben.«

»Ich glaube, du wirst noch witzig, wenn wir lange hier bleiben. Laß sie hereinkommen.«

Und siehe, es war der Marquise alte Kammerfrau.

Vermutlich eine schöne Einladung, dachte ich.

»Mein Herr, Sie waren unlängst so galant und gaben mir die Erlaubnis, Sie zu besuchen, und hier sehen Sie mich.«

»Es freut mich –«

Ich staunte, aber wahrlich, ich freute mich nicht. Sollte sie Ernst machen? – Ich konnte mich kaum in Fassung erhalten.

Und sie machte Ernst, setzte sich auf mein Bett, sprach so verliebt und zärtlich, wie kein deutsches Mädchen von achtzehn Jahren sprechen kann. Endlich legte sie sich über mich hin, und küßte mich, fuhr mit der Hand unter die Decke und erhaschte meinen Amor.

»O der scharmante niedliche Knabe! Wie schön er ist!«

Ihre Augen glänzten vor Wollust.

Wohl oder übel, es ist ein Übergang, dachte ich, stand auf und schloß die Türe ab und legte sie aufs Sofa.

Mein Bedienter irrte gewiß nicht in Ansehung ihres Alters; allein ich wunderte mich über die noch festen und starken Schenkel. Der Myrthenwald hatte freilich viel gelitten und manchen Sturm und manche Überschwemmung ausgehalten und bestand meistens aus dornigem Gesträuche; und der Eingang in den Wollusttempel war von den vielen Wallfahrten so geräumig, daß er einem schmalen Tale fast gleichkam.

Gewiß kein sonderlicher Reiz, indessen – ich faßte Posto und benahm mich so gut ich vermochte.

Es war ein wahres Vergnügen, die abwechselnden Posituren und Kapriolen anzusehen, die sie annahm, um mich in Feuer zu bringen, und es mißlang ihr auch nicht gänzlich.

Wie ich endlich den Nektar der Wollust ausgoß, so glaubte ich, sie würde wütend. Sie wußte meinen Amor so zu pressen, daß er nicht ganz ohne Gefühl abtrat.

»Sie sind ein braver Kavalier! O wär' ich doch dreißig Jahre jünger!«

Mein lieber junger Leser, es ist keine Wohltat für deinen Körper, wenn dich der Zufall an den Altar einer älteren Frau führt. Du verlierst ohne den geringsten Ersatz. Im Gegenteil, du strengst dich bei einer fünfzigjährigen Matrone mehr an, als bei drei zwanzigjährigen Frauenzimmern. Die erstere hat nicht mehr die Macht, eine Atmosphäre um ihren Körper auszubreiten, in welcher du die Ausgießung deiner Kräfte wieder ersetzen könntest. Du allein machst die ganze Atmosphäre; dein Feuer erwärmt und kräftigt sie. Ein altes Frauenzimmer ist mit einem Schwamme zu vergleichen, welcher zwar einsaugt und aufschwillt, aber nichts von sich gibt. Willst du dich überzeugen, so brauchst du nur junge Männer, die alte Weiber geheiratet, anzusehen, und wirst finden, daß sie schwächlich oder gar elend sind. Andrerseits wirst du manchen alten Krauter, der eine junge Frau hat, lustig und vergnügt, ich möchte sagen, jugendlich, finden. Dieses kommt daher, weil seine Kräfte durch die Umarmungen seiner jugendlichen Gattin gehoben werden und er noch einmal jung wird. Die Vereinigung des Mannes und Weibes erhält das Menschengeschlecht. Vereinigung ungleichen Alters aber ist zu vergleichen mit einem vom Wurm angestochenen Apfel – eine wurmstichige Vereinigung zu nennen.

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