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Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H.

: Die Denkwürdigkeiten des Herrn von H. - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGustav Schilling
titleDie Denkwürdigkeiten des Herrn von H.
publisherby edition or-mondial/Paris
year1966
firstpub
senderreuters@abc.de
created20070410
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Eine Überraschung über die andere

Am andern Morgen kam ein Reitknecht zu mir und fragte, was er mir für ein Pferd satteln sollte.

»Welches er will, guter Mann.« –

Ich war zerstreut; der gestrige Vorgang hatte zu großen Eindruck auf mich gemacht.

Ich empfahl mich bei meinem Vater mit tränenden Augen und stockender Stimme. Lilla war bei ihm, ich küßte ihre Hand.

»Soll ich Lilla morgen auch mitbringen?« fragte mein Vater.

»Wollen Sie ohne Lilla kommen, mein Vater, da Sie sie doch unstreitig allen andern Damen vorziehen?«

»Du bist mein Sohn«, sagte mein Vater und küßte mich. »Lilla, lieb ihn, wie meinen Sohn.«

»Können Sie zweifeln, gnädiger Herr?« sagte Lilla, »hätte er seine Mutter ehren können, da er mich von Anfang an geehrt hat?«

»Dafür küsse ich dich, Lilla«, erwiderte mein Vater, »und du bist mir noch einmal so lieb, wenn du das wirklich fühlst, was du sagst.«

Bis nach Blassenheim sind fünf Stunden. Der Reitknecht begleitete mich. Ich sprach kein Wort, stellte allerhand Betrachtungen an über das Verhalten meines Vaters und über mein künftiges Schicksal, und kam eher an, als ich es vermutete.

Das herrschaftliche Haus ist ein großes, weitläufiges Gebäude mit einem großen Hofraum. An dem Tor empfing mich meines Vaters alter Haushofmeister.

»Gnädiger Herr«, sagte der alte Graukopf, »ich habe Befehl, Ihnen die ganzen Ingredienzien dieses Schlosses zu überliefern und zuzuzählen, und wenn Sie wollen, können Sie auch mich, so lange ich lebe, zum Inventarium schlagen. Ich bin in der Familie alt geworden und möchte nun nicht gerne austreten.«

»Also, Alter, er bleibt hier Hausvogt«, sagte ich zu meinem Führer.

»Dachte ich's doch! Sagte es auch gleich meinem gnädigen Herrn; o, ich seh's dem gnädigen Herrn an, daß er mich behält.« –

»Noch eins, den Pferdestall.« –

Ich fand drei schöne Reitpferde, wobei auch mein Weißfuchs war, den ich nun zu meinem Liebling machte, weil er mich zu der schönen Glossen getragen hatte.

Ich könnte nun viel erzählen von meinen mancherlei Empfindungen, will es aber nicht tun, sondern die Zergliederung der großmütigen Handlung meines Vaters meinen Lesern überlassen.

»Morgen kommen Gäste, Alter.«

»Weiß ich schon, habe auch schon backen lassen, und mit dem frühesten will ich den Koch mit seinem Jungen in Bewegung setzen.«

»Also der ganze Haushalt schon in Ordnung?«

»Ja, so lange Sie hier bleiben, und dann kommt es auf Sie an, wie Sie es abändern wollen. Der Keller ist auch gut versehen und darüber bitte ich mir die Aufsicht aus. – Befehlen Sie eine Flasche Burgunder oder Champagner?«

Fast mit jedem Worte des Alten hörte ich neue Beweise von der Güte meines Vaters.

Es war bald zehn Uhr abends, ich saß noch bei meiner Flasche Wein in einem kleinen niedlichen Zimmer nach dem Garten hin, als mein Alter zu mir kam und sagte, daß eine Dame vor dem Hoftore in einer Halbchaise hielt und nach dem Burgvogt hätte fragen lassen. Er wäre sogleich hinausgegangen, die Dame hätte aber sehr fremd getan, nach der Herrschaft gefragt und ihm endlich befohlen, den gnädigen Herrn um ein Nachtlager zu bitten, weil sie die Nacht überrascht hätte. Er hätte nach ihrem Namen gefragt, welchen sie ihm auch genannt, den er aber, weil er so kurios klinge, nicht verstanden habe. Die Chaise fuhr jetzt in den Hof. Ich war in Verlegenheit und sagte dem Alten, er hätte ihr ein Zimmer anweisen und mir nichts sagen sollen.

Ich ging hinunter, mein Alter mit zwei Lichtern voraus.

Eine Dame in einer dicken Florkappe quälte da eine Menge Entschuldigungskomplimente her, und sagte in einem fort so viel von Unbequemlichkeit des Reisens, daß mir die Ohren gellten.

Unter Entschuldigungen, daß ich noch gar nicht zum Empfange einer Dame eingerichtet sei, folgten wir meinem Alten, der uns in ein Zimmer brachte, und sich, um das Weitere anzuordnen, entfernte.

Ich geriet in die größte Verlegenheit, weil die Dame zu sprechen aufhörte und ich nichts zu sagen wußte.

Mein Alter brachte eine Bouteille Wein und etwas Gebackenes und verließ uns wieder.

»Wollen Sie, gnädige Frau, es sich nicht – bequem machen?«

»Mein Kutscher wird wohl meine Sachen bringen –«

»Sogleich will ich befehlen.«

Eben kam mein Alter mit dem Knecht, sie brachten einen kleinen Reisekoffer und gingen wieder.

»Es ist unangenehm – daß mich der Schurke irrefahren mußte – mein Kammermädchen –«

»Wenn Sie erlauben, so werde ich Ihnen Freiheit lassen, und Sie befehlen, wie bald ich die Gnade haben soll, angenehme Ruhe zu wünschen.«

»O, in zehn Minuten, in zehn Minuten, es ist ja schon spät!«

Wer war froher als ich. – Die Stimme war mir so widerlich, daß mich nicht die geringste Neugierde, ihr Gesicht unbeflort zu sehen, anwandelte.

Den zehn Minuten gab ich fünf zu, und hätte gern noch mehr zugesetzt, wenn ich dabei etwas gewonnen hätte.

Ich ging endlich wieder in ihr Zimmer, es brannte nur ein Licht, sie war mit dem andern ins Nebenzimmer gegangen.

Ich ging auf und ab. Auf einmal faßte es mich bei den Schultern, ich erschrecke, kehre mich um und stehe wie versteinert.

Die schöne Frau v. Glossen im rosenroten Kleide!

»Das heiße ich überrascht, nicht wahr, lieber v. H.?«

Ich fiel ihr um den Hals.

»Engel! Und sie konnten sich so verstellen und mir durch ihre angenommene widerliche Stimme unangenehme Empfindungen erregen!«

»Die doch jetzt vorüber sind?«

Ich wußte vor Vergnügen nicht, was ich beginnen sollte.

»Wie freue ich mich ihrer Freude! – Doch vorerst, lieber H., rufen Sie Ihren Alten, daß er mich sieht, und dann mein Mädchen, das vor dem Tore wartet, hereinholt und ihr eine Schlafstelle anweist, und dann – sind wir allein.«

Mein Jonas kam. Er faltete die Hände und nicht viel fehlte, daß er nicht ein Gottseibeiuns ausrief. Ich beschied ihn.

»Schon gut, schon gut«, sagte der alte Schalk, »ich will das Mädchen schon betten, daß ihr das Lauschen gewiß vergehen soll.«

Das Mädchen kam und ward abgefertigt. »Aber, liebe schöne Frau, wie habe ich das Glück –«

»Lesen Sie!«

Sie überreichte mir ein Billet. Ich erkannte meines Vaters Hand.

»Wenn die liebenswürdige Frau v. Glossen den jungen Herrn v. H. als Besitzer und Eigentümer von Blassenheim den 13. ds. begrüßen wollen, so werden Sie mich und noch einige Freunde dort finden. Sein Vater glaubt durch diese Nachricht, Ihnen, meine schöne Frau, und auch seinem Sohne keinen unangenehmen Dienst zu erweisen.

W. C. v. H.«

»Der alte Fuchs ist uns auf der Spur. Mag er doch! Nicht, lieber H.?«

»Ich weiß vor Vergnügen keine Worte zu finden.«

»Freut mich, lieber Junge. Wie könnte ich bei dieser Nachricht bis morgen warten. Ich mußte dir ja Glück wünschen, da gewiß niemand größeren Anteil daran nimmt.«

Sie küßte mich unaufhörlich und ich vergnügte mich, das herrliche Weib anzusehen und an ihrem vollen Busen zu spielen.

»Ich möchte wohl gern Vorgang und Veranlassung wissen; allein ich spare meine Neugierde bis morgen. Komm, holder Knabe, in dein Zimmer, was ich vermag, will ich anwenden, daß du die erste Nacht in deinem Eigentume vergnügt zubringen sollst.«

»Engel der Liebe, wie könnte ich das anders als in deinem Arm, an deiner Brust?«

Sie küßte mir jedes Wort vom Munde.

Es war zu Ende des August und die Abende waren kühl.

Mein alter Jonas verstand sein Amt; im Kamin meines Schlafkabinetts brannte Feuer. Sanfte Wärme und angenehmer Geruch erfüllten das Zimmer.

Ich weiß meinen Lesern keine Ursache anzugeben, wenn es nicht die ist, daß der Vorgang mit meinem Vater und meine jetzige Lage mein Nervensystem so erschüttert hatte, daß mir jetzt jeder kleine Reiz doppelte Schwingung verursachte. Gewiß hatte ich schon alles Vergnügen mit meiner schönen Glossen im Spiel, Kuß und Umarmung genossen; allein mit so außerordentlichem Gefühl, mit so überschwenglicher Zärtlichkeit hatte ich noch nicht ihren schönen Körper berührt, sie an meine Brust gedrückt und der Liebe Nektar von ihren Lippen geschlürft. Es ist nicht das Stürmische der Leidenschaft, es war hinsinkende Schwäche, herzliche Zärtlichkeit, die mit so wonnigem Entzücken Busen an Busen führte und unsern Geist in den seligsten Zustand versetzte.

Wir waren entkleidet, legten uns nieder und sanken in ein wollüstiges Daunenbett. Fest umschlossen, Lippe auf Lippe, kein Laut, nur leiser Hauch ging aus einem Munde in den andern über, der bisweilen in Seufzen sich umwandelte, so lagen wir lange.

Stillschweigend erstieg ich endlich der Liebe Thron. Ein leises Ach! kündigte Amors Ankunft in der Grotte der Wollust an. Unser Gefühl stieg aufs höchste, bedurfte keines Hände- und Zungenspieles, und in stummem, zärtlichem, ohnmächtigem Hinsinken leerten wir den beseeligenden Becher der Wollust und taumelten dem lieblichsten Schlaf in die Arme.

Noch hielt mich meine Glossen fest in ihren Armen wie ich erwachte. Ihr ganzer Körper duftete und jeder Muskel war so sanft wie unser Flaumenbett, das uns umgab. Kein leidenschaftlicher Zug durchfurchte ihr schönes Gesicht, nur zärtliche, himmlische Liebe hatte ihre schöne Seele hingezeichnet. – Mit zärtlichsten Küssen weckte ich sie, sie schlug die Augen auf:

»Ach, lieber H., jedesmal glaubte ich, nun hast du alles Vergnügen genossen, dessen eine menschliche Seele fähig ist, und jedes folgende Mal war es doch größer; aber den Grad, in dem ich es gestern genoß, kann es gewiß nicht überschreiten.«

Sie küßte mich unaufhörlich.

»Jüngling, ganz geschaffen zum Genusse alles dessen, was das Menschenleben Beseeligendes hat, höre mich, sei fest und laß dich nicht hinreißen zur niedrigen Wollust, die alle beseeligenden Gefühle zerstört.«

Jedenfalls wird das in dem Mund der schönen Glossen vielen von meinen Lesern paradox klingen, besonders wenn sie dabei bedenken, daß sie die Frau eines Offiziers ist und jetzt in meinen Armen liegt.

Daß wir ohne innige zärtliche Vereinigung und ohne der Liebe ein reichliches Opfer zu bringen nicht aufstanden, hätte ich wohl nicht erst berühren dürfen, da es ebenso natürlich war, wie ein Kapitel auf das andere folgt.

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