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Die Damen von Croix-Mort - Zweiter Band

Georges Ohnet: Die Damen von Croix-Mort - Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDie Damen von Croix-Mort ? Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDritter Jahrgang. Band 13
printrun
year1887
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid6d8c853e
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Fünfzehntes Kapitel

Die letztverflossenen Wochen zählte Edmee zu ihren glücklichsten, freilich war dieses Glück nur ein relatives. Aber nach den heftigen Aufregungen, wie es die gewesen, die sie in so kurzer Zeit hatte durchleben müssen, verschafften ihr die Ruhe und das Gefühl der Sicherheit, deren sie sich jetzt erfreute, einen köstlichen Seelenfrieden. Sie hatte ihr reines, stilles Leben wieder aufgenommen und suchte sich der erniedrigenden, häßlichen Gedanken, die sie so lange gequält hatten, zu entschlagen. Sie brauchte sich nicht mehr gegen die Schlechtigkeit zu schützen, und hatte das Böse nicht mehr vor Augen.

Der einzige dunkle Punkt, den sie an ihrem Himmel entdeckte, war die Abgespanntheit und Traurigkeit ihrer Mutter. Frau von Ayères aß, schlief, ging umher, sprach, und dennoch konnte man nicht sagen, daß sie lebe. Nur maschinenmäßig verrichtete sie alle Handlungen, doch ihr Wille war nicht dabei. Sie ließ alles mit sich geschehen, ganz wie ein Kind, sagte niemals nein, aber auch ebensowenig ja.

Sie war vollständig gleichgültig gegen alles, gegen Wesen und Dinge, die sie umgaben. Nur eins war noch lebendig in ihr, die Erinnerung. Unaufhörlich gedachte sie jenes verzehrenden, genußreichen Jahres, das sie in Paris mitten im Strudel der Vergnügungen verlebt hatte, an der Seite des schönen Mannes, der jetzt allein in die Stadt der ewigen Feste zurückgekehrt war.

In dem großen Salon von Croix-Mort ruhte Regine, ihrer Gewohnheit gemäß, halb ausgestreckt auf dem Sofa, während Edmee ihr zur Seite an einer Stickerei arbeitete. Wie in einem Spiegel lagen die Champs-Elysées vor ihr, die langen, mit Kastanienbäumen besetzten Alleen, deren Aeste unter dem rauhen Nordwinde bebten, die Spaziergänger, die mit raschen, tönenden Schritten auf den asphaltierten Trottoirs hinwandelten, und die Wagen, die in geschlossener Reihe sich nach dem Bois bewegten. Sie selbst sah sich in einer Kutsche sitzen, von warmen Pelzen umhüllt, sanft gewiegt von der schaukelnden Bewegung und dem leisen Rollen der Räder, und lächelnd begrüßte sie die Bekannten, die sie im Vorbeifahren gewahrte. Zumeist beschäftigte sie der Gedanke, was sie am liebsten thun würde. Abends würde sie in großer Gesellschaft speisen und später einen Ball besuchen. Sie glaubte das leise Klirren der Gläser zu vernehmen, das dumpfe Murmeln der Gespräche in dem etwas düsteren Speisesaal, wo alles Licht auf die von Kristallen, Silber und Blumen strahlende Tafel fiel. Die bunten Farben der dekolletierten Kleider hoben sich leuchtend von den schwarzen Herrenröcken ab, die Fächer schwirrten, und anmutig wiegten sich die diamantengeschmückten Köpfe. Dann waren es wieder die Ballsäle, die sie am Arme ihres Gatten betrat. Die zahlreichen Gäste plauderten mit feierlicher, geheimnisvoller Miene, indes das Orchester die bekannten Melodieen beliebter Operetten ertönen ließ. Hierauf flog sie am Arme eines Tänzers dahin, mit leerem Blicke, verhaltenem Atem leidenschaftlich walzend, um dem Taumel, der ihr Leben war, die Krone auszusetzen.

Plötzlich erhob sich Edmee etwas geräuschvoll. Regine öffnete die Augen und die reizende Vision verblich. Als ob der Vorhang auf der Bühne herabgerollt wäre, so verschwanden Scenerie und Menschen, und sie sah sich wieder allein mit ihrer Tochter in dem kalten, öden Salon des alten Schlosses. Dann sank ihr Haupt auf die Brust, ihr Blick erlosch und sie hatte die schauerliche Empfindung eines hoffnungslosen Begrabenseins.

Edmee hatte anfangs versucht, ihre Mutter wiederaufzurichten, ihren gesunkenen Mut neu zu beleben; sie ersann mannigfache Zerstreuungen, führte lange Gespräche, ging mit ihr spazieren und bemühte sich, ihr einige Teilnahme abzugewinnen. Allein Frau von Ayères gab kaum eine Antwort, schritt gleichgültig dahin und suchte das nagende Heimweh, das auf ihr lastete, nicht einmal zu verbergen.

Sie kannte nur einen frohen Augenblick während des ganzen Tages, jenen, wo sie die Journale las, die ihr von Paris erzählten, ihr Nachrichten von der Gesellschaft und dem Theater vermittelten, ihr die Bälle und Vorstellungen beschrieben. Sie empfand dabei die Befriedigung eines Gefangenen, dem man von seiner Befreiung spricht. Und stets las Edmee in ihren Augen, die über den Horizont hinweg zu blicken schienen, die Sehnsucht nach jenem aufreibenden Dasein, das aus dieser gesunden und vernünftigen Frau ein sieches, gebrochenes Wesen gemacht hatte.

Edmee fügte sich in ihr Los, lebte, ohne an die Zukunft zu denken, ohne nachzugrübeln, was der nächste Tag bringen könnte, und erfreute sich der friedlichen Gegenwart.

Sie machte wieder ihre Wanderungen durch den Wald, der ihr mit seinem düstern, traurigen Aussehen einen passenden Rahmen für ihre Schwermut bot. Wie früher ließ sie den alten Pony vor das kleine Wägelchen spannen, um mit dem Pfarrer die umliegenden Ortschaften zu besuchen, in denen sie überall mit dankbarem Jubel empfangen wurde. Traurig lächelte sie, wenn man ihr ein Glück wünschte, das ihrer Güte gleichkäme.

Wenn sie in Begleitung des alten Priesters in einen schlechten Fahrweg geriet, in dessen Geleisen das kleine Pferd sich keuchend abmühte, tauchte sogleich Billet auf, als sei er aus einem geheimnisvollen Hinterhalt hervorgebrochen, und brachte mit seinen Herkulesarmen, denen nichts widerstand, Wagen und Pferd wieder in Gang.

Es war, als ob der Brave seine Wachsamkeit verdoppelt hätte. Zwar ließ er sich nur selten blicken, aber stets hielt er sich in einem Umkreise von fünfhundert Schritten seiner geliebten Herrin nahe, solange dieselbe unterwegs war. Oft, wenn der Pfarrer ein Knistern im Gehölz vernahm, fuhr er erschrocken zusammen und warf einen besorgten Blick auf seine Gefährtin; diese aber lächelte: »Es ist Jean, der die Runde macht, Herr Pfarrer. Soll ich ihm pfeifen?... gleich werden Sie ihn herbeikommen sehen.«

Sie spitzte die Lippen und, als echte Tochter des Waldes, die sie war, stieß sie einen schrillen Pfiff aus. Nach einem Augenblick trat der Wächter aus dem Waldessaume hervor, die Tuchmütze in der Hand, froh, gerufen worden zu sein, und gesellte sich den Spaziergängern zu, gleich einem Hunde, der sich mitgestohlen hat und fürchtet, wieder heimgeschickt zu werden.

Der Abbé war nicht ohne geheime Unruhe, da er stets besorgte, den verhaßten Mann plötzlich erscheinen zu sehen, wagte jedoch nicht, seine Befürchtungen dem jungen Mädchen mitzuteilen. Er sah sie meist gleichmütig und hoffte, daß sie vergessen habe; nur zuweilen, wenn sein Blick den ihren traf, gewahrte er ein jähes Aufleuchten, ähnlich einem Flammenschein in dunkler Nacht, das ihm das Wachsein ihrer Gefühle verriet. Er begriff alsdann, daß Edmees Ruhe nur eine äußerliche war, daß sie von dem, den sie so gründlich verabscheute, bloß nicht sprechen wollte, daß aber ihr glühender Haß unter der Asche fortglimme.

Auch andre Anzeichen bestärkten den Greis in seiner Annahme. Niemals wollte Fräulein von Croix-Mort ihren Weg nach der Richtung des Schlosses Vignerie nehmen. Wenn sie sich dem Gehölze nahten, welches jenes unheilvolle Haus umgab, breitete sich ein dunkler Schatten über ihr Antlitz, sie wurde schweigsam und ernst, als ob sie an einem Friedhofe dahinschritte. Und lagen nicht in der That ihre Illusionen und ihre Hoffnungen dort begraben? Den Namen »Ayères« sprach sie niemals aus, selbst dann nicht, wenn sie zu Fremden von ihrer Mutter sprach. Sie nannte sie dann nur »Madame« kurzweg. Zur Beichte ging sie auch nicht mehr, nicht etwa, weil sie sich gescheut hätte, die heftigen Gefühle, die sie bewegten, zu gestehen, sondern weil sie fürchtete, durch das Aussprechen derselben ihrem Zorn neue Nahrung zu geben.

Der Pfarrer speiste jetzt zweimal in der Woche auf dem Schlosse. Es gelang ihm jedoch nicht, die Baronin ihrer Teilnahmlosigkeit zu entreißen. Sie empfing ihn mit lässiger Gleichgültigkeit, hörte gelangweilt dem Gespräche zu und schien nur ein wenig aufzutauen, wenn der Abbé, dem Wunsche Edmees nachgebend, seine Einwilligung zu einer Kartenpartie gab. Man spielte alsdann Ecarté, und zwar sehr hoch. Der alte Priester pflegte zu Edmee zu sagen: »Wissen Sie, mein Kind, daß Sie mich zu einer großen Sünde verleiten? Ich bin erregt, ich wünsche zu gewinnen...«

»Ach was! Es ist ja für die Armen, Herr Pfarrer, der Zweck heiligt die Mittel...«

Und wenn sie die Gewinnste aller zusammengerafft hatte, war sie glücklich, das Geld in die Hand ihres Freundes legen zu können, wenn sich dieser zum Fortgehen anschickte.

»Hier, Herr Pfarrer, und morgen früh, wenn Sie gerade daran sind, thun Sie auch für mich Buße!«

Der Alte drückte lebhaft die Hand des jungen Mädchens und sah sie mit einem Blicke voll liebevoller Bewunderung an, als wollte er fragen, was wohl dieser Engel, der sich auf die Erde verirrt, sich vorzuwerfen habe. Am zweiten Tage nach Weihnachten saß der würdige Mann des Abends, nach eingenommenem trefflichem Mahle, vor dem Spieltische als Partner der Baronin. Er kehrte dem Kamin den Rücken und hatte gerade vor sich ein Fenster, das auf die Terrasse ging.

Edmee, die neben ihrer Mutter saß, stickte, den Augenblick abwartend, wo sie den Verlierenden ablösen sollte. Während Frau von Ayères die Karten mischte, blickte der Pfarrer gleichgültig nach dem Fenster, dessen Rollgardine zufällig in die Höhe gezogen war.

Plötzlich erbleichte er, seine Hände fingen an so heftig zu zittern, daß die Karten, die er eben zur Hand genommen, mit leisem Knistern aneinanderschlugen, indes seine Blicke starr an einem Punkte hafteten. Es war ihm, als habe er draußen, an die Fensterscheibe gelehnt, das drohende diabolische Gesicht Ferdinands wahrgenommen. Sein Blick und derjenige der Erscheinung hatten sich gekreuzt, dann war alles plötzlich verschwunden.

Der Geistliche, der sehr erschrocken war, begann so schlecht zu spielen, daß er die ärgsten Verstöße beging, einen Schnitzer um den andern machte und Fräulein von Croix-Mort ihm sagen mußte: »Heute abend, bester Herr Pfarrer, scheinen Sie nicht ganz bei dem Spiele zu sein; ich glaube, es wäre besser, wenn mir die Partie unterbrächen...«

Der Abbé gab keine Antwort. Er beobachtete unausgesetzt das Fenster, indem er auf dessen dunklem Grunde vergebens die schreckliche Erscheinung suchte. Er dachte: Sollte er zurückgekehrt sein? Weshalb umschleicht er spähend das Schloß? Welche Pläne bekundet dieses geheime Spionieren? Wie vermag ich mich zu überzeugen, ob meine Befürchtung begründet ist?

Er schützte alsbald eine übergroße Ermüdung vor, und um zehn Uhr begab er sich, in seinen warmen Mantel gehüllt, auf den Weg nach dem Pfarrhause in Gesellschaft des Gärtners, der ihn stets mit einer Laterne bis auf den Platz vor der Kirche zu begleiten pflegte. Es war an jenem Abend der herrlichste Mondschein, und da es auch reichlich geschneit hatte, so sah man so klar wie am hellen Tage. Als der Priester am Thor angelangt war, sagte er zu seinem Begleiter: »Ich habe im Vorsaale etwas vergessen, ich muß noch einmal umkehren.«

»Wenn der Herr Pfarrer es wünscht, so werde ich gehen...«

»Nein, Sie würden es nicht zu finden wissen... Warten Sie hier nur eine Minute.«

Hastig vorwärtsschreitend wendete er sich allein dem Schloßgebäude zu. Er wollte sich den Beweis verschaffen, daß er nicht geträumt habe, als er das Gesicht des Barons hinter der Fensterscheibe zu erkennen geglaubt. War er in Wirklichkeit dagewesen, so mußten seine Tritte auf dem Schnee der Terrasse sichtbar sein.

Mit hochklopfendem Herzen, angsterfüllt, eilte der Geistliche vorsichtig weiter, um nicht bemerkt zu werden und niemand Rede stehen zu müssen. Er umging glücklich das Schloß, schritt an den Gartenbeeten vorüber und entdeckte mit heftigem Schreck auf dem weißen, schimmernden Schneeteppich die Spuren eines feinen, zierlich beschuhten Fußes. Sie kamen aus den Baumgängen des Parkes, endeten unter dem Fenster, wo der zertretene Schnee ein längeres Verweilen bekundete, und verloren sich in der Richtung nach der Divonettebrücke.

Der Pfarrer hielt regungslos stille, indem er mit sich zu Rate ging, was er nun thun solle. Sein erster Gedanke war, ins Schloß zu treten und Fräulein von Croix-Mort zu benachrichtigen. Aber alle Lichter im Erdgeschoß waren bereits erloschen; die Damen, welche sich auf ihre Zimmer begeben hatten, würden gar zu sehr erschrecken. Man konnte Edmee von dem Vorfalle nicht in Kenntnis setzen, ohne daß auch die Baronin es erfahren mußte. War die Angst, welche sie die Nacht über quälen würde, nicht schlimmer, als die sie bedrohende, aber entferntere Gefahr?

Indes der Abbé langsamen Schrittes sich abermals dem Thore zuwendete, überlegte er die Sache eifrig und gelangte schließlich zu dem Entschlusse, am nächsten Morgen vor dem Frühstück aufs Schloß zu gehen, um Edmee zu benachrichtigen und sie zu veranlassen, zu Hause zu bleiben. Das junge Mädchen ging vormittags niemals aus.

Er kehrte in höchster Aufregung heim, verbrachte eine sehr schlechte Nacht, erhob sich mit dem Morgengrauen von seinem Lager, beeilte sich mit der Messe, und als es neun Uhr schlug, betrat er den Schloßhof.

Sein Begleiter vom Abend zuvor, der Gärtner, empfing ihn. Er hielt mit dem Hinwegfegen des Schnees, der die Treppen schlüpfrig machte, inne, begrüßte den Geistlichen und sagte: »Wenn Sie vielleicht das gnädige Fräulein suchen, Herr Pfarrer, so kann ich Ihnen sagen, daß sie soeben durch den Park fortgegangen ist ...«

Der Pfarrer wurde totenbleich, in seinen Ohren begann es zu brausen und eine schreckliche Ahnung beschlich sein Herz. Er sah das entstellte Gesicht an der Fensterscheibe, die Augen voll drohender Leidenschaft, die Spuren im Schnee, und auf demselben Wege, den der Bösewicht gegangen, bemerkte er jetzt die leichten Fußstapfen des engelgleichen Mädchens.

Er fragte: »Wie lange ist es, seitdem sie fortgegangen?«

»Noch keine fünf Minuten. Aber sie ging rasch, denn sie hatte Eile.«

»Wohin ging sie denn?«

»Bis an das Ende des Gehölzes, zu der Thibaude, die heute nacht zu früh niedergekommen ist ... Nun ist sie krank, und man kam gleich am Morgen, das Fräulein holen ...«

Der Geistliche hörte ihn nicht mehr. Er schürzte die Soutane in die Höhe und entfernte sich mit eilenden Schritten, indem er mehr lief als ging, um das junge Mädchen einzuholen. An den Kreuzwegen im Walde hielt er still und rief: »Edmee!« ohne daß ihm jedoch eine Antwort ward. Im Parke hatte er die Spuren verfolgen können, auf dem durchwühlten, morastigen Schnee des Waldweges, den er jetzt betrat, konnte er sie nicht mehr gewahr werden. War sie auf dem Hauptwege weitergegangen, oder hatte sie einen Seitenpfad eingeschlagen? Der Alte strengte vergeblich seine Augen an, aber auf den von Holzknechten und Reisigsammlern ausgetretenen Stegen war die Fährte, die ihn hätte leiten können, nicht zu entdecken. Er stieß laute Rufe aus, die in dem drückenden Schweigen der schneebedeckten Gefilde verhallten.

Fräulein von Croix-Mort hatte sich, wie der Gärtner es dem Geistlichen gesagt, mit raschen Schritten entfernt. Sie begab sich zu einer armen Frau, die im Taglohn auf dem Schlosse arbeitete und deren Gatte ein Drahtbinder war, wie sie, einen kleinen Karren vor sich herschiebend, auf dem flachen Lande umherziehen.

Eine Büchse mit Arzneimitteln unter dem Arm tragend, eilte Edmee vorwärts. In Weiß gehüllt, breitete sich der Park vor ihr aus, die Divonette, die sie jetzt überschritt, war jedoch noch nicht zugefroren, aus ihrem Uferschilf stieg ein Schwarm wilder Enten auf, die schnatternd dem Forste zuflogen. Ungefähr eine halbe Stunde mochte sie dahingeschritten sein, als sie ein Rascheln in dem Dickicht des Gehölzes zu vernehmen glaubte; sie hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie mit lauter Stimme: »Bist du es, Billet?«

Das Rascheln hörte auf, doch der Alte trat nicht, wie sie erwartet, aus dem Waldessaume hervor. Es mag ein Reh sein, das die Rinde der Birken benagt, dachte Edmee und schritt hastig weiter, um die kurze Zeit, die sie mit dem Warten verloren, wiedereinzubringen.

Aus der dichten Schneedecke wandelte sie geräuschlos wie über einen Teppich dahin, während sie mit leiser Besorgnis umherlauschte. Ein neues Knistern geknickter Zweige ertönte aus derselben Richtung wie vorher. Wieder stand Edmee still und rief: »Billet!«

Ihre Stimme verlor sich in dem Dickicht, ohne daß sich eine Antwort hören ließ. Jetzt wurde sie von Angst erfaßt. Wer mochte ihr in dem Gehölze folgen? Wer verbarg sich, ohne auf ihre Rufe zu antworten? Sie war von allen im Walde Beschäftigten gekannt. War es vielleicht ein Herumstreicher oder irgend ein Wilddieb? Aber in Billets Waldgebiet wagte ja niemand den Fuß zu setzen.

Sie beschleunigte ihren Gang, der alsbald einer Flucht glich. Alles blieb düster, still und einsam und nur längs des Weges unterschied sie deutlich das Knistern der geknickten Aeste, das von der Verfolgung desjenigen zeugte, der sich ihr schweigend beigesellt hatte. Das Blut stieg ihr zu Gesicht, sie rang nach Atem. Sie fürchtete sich ernstlich, suchte sich aber zu bemeistern und warf entschlossen einen Blick umher, um die Gegend, in der sie sich befand, in Augenschein zu nehmen.

Sie war auf dem Wege, der nach Vieuville führte, Links dehnte sich die Ebene aus, wo sie gesehen werden mußte, da der Raum frei war. Ein Fußpfad leitete dahin. Sie betrat ihn, und um rascher den Waldessaum zu erreichen, fing sie zu laufen an. Schon war sie über den kleinen Weggraben gesprungen, als eine schwarze Gestalt, aus dem Gehölz heraustretend, ihr plötzlich gegenüberstand.

Wie in den Boden festgewurzelt, blieb sie stehen, stieß einen Schrei aus und machte eine Gebärde des Entsetzens: sie hatte Ferdinand erkannt.

Kaum zehn Schritte lagen zwischen ihnen. Sie blickten einander an, sie, zitternd, entsetzt vor seiner Erscheinung; er, düster und bleich, wie schreckerfüllt über das eigne Beginnen. Seine Hände erhoben sich bittend, indes er auf dem Schnee in die Knie fiel und schluchzend murmelte: »Edmee! O, Edmee!«

Dem jungen Mädchen entfuhr ein Schreckensschrei, sie wandte sich um und lief aus Leibeskräften davon. Sie schrie nicht, da sie ihren Atem sparte, um sich ihn für eine längere Dauer zu bewahren. Ferdinand verfolgte sie, immer flehend und Worte stammelnd, die ihr Ohr nicht erreichten, und da er durch diese Verfolgung in immer größere Aufregung geriet, that er jetzt sein Möglichstes, um sie einzuholen. Doch die Furcht verlieh dem jungen Mädchen Flügel, die Entfernung vergrößerte sich zwischen ihr und dem furchtbaren Verfolger. Aber immer noch vernahm sie, wie der abscheuliche Mensch, der ihr nachsetzte, mit keuchender, heiserer Stimme wiederholte: »Edmee! ... Erbarmen! ... Edmee! ...«

Ihre Gedanken verwirrten sich, ihre Brust schien dem Zerspringen nahe und nur eine übermenschliche Gewalt trieb sie vorwärts. Schon hatte sie einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen, als sie, eine Lichtung durcheilend, auf dem gefrorenen Moose ausglitt und zu Boden stürzte. Sich für verloren haltend, gedachte sie des einzigen Wesens, von dem sie noch Hilfe erwarten konnte, und in verzweiflungsvollem Tone schrie sie: »Billet! Billet!«

Ferdinand antwortete auf diesen herzzerreißenden Ruf mit dem Hohnlachen eines Wahnsinnigen, während er die Strecke, die ihn noch von dem jungen Mädchen trennte, durchjagte.

Ehe er sie aber noch erreicht hatte, erschien Billet, mit einem Sprunge aus dem Dickicht auf die Straße setzend. Mit einer Hand faßte er den Baron an der Schulter und brachte ihn zum Stehen, mit der andern ergriff er Edmee und hob sie empor. Als der Elende sich entdeckt sah, verlor er vollends die Vernunft. Seine Züge verzerrten sich, seine Zähne knirschten und mit einer schrecklichen Verwünschung fiel er über den Waldhüter her.

Billet hielt den Angriff aus, schleuderte die Flinte, die ihn belästigte, weit von sich fort, umschlang seinen Gegner und rief: »Fräulein Edmee, fürchten Sie nichts, ich halte ihn fest! ... Entfliehen Sie! ...«

Aber Fräulein von Croix-Mort war vollständig erschöpft, sie blieb regungslos, unfähig, auch nur einen Schritt weiter zu thun, und starrte entsetzt auf die beiden Männer, welche miteinander rangen und gleich kämpfenden Bären ein dumpfes Brummen ausstießen.

Billet war von athletischer Stärke, aber die Wut, die sich Ferdinands bemeistert hatte, verdoppelte dessen Kräfte. Jetzt war es ihm gelungen, den Alten aus dem Gleichgewichte zu bringen, er hob ihn in die Höhe und beide rollten, einander fest umschlungen haltend, in den Schnee.

Ferdinand wurde beim Hinstürzen vom Zufall begünstigt, indem er auf Billet zu liegen kam, und mit wilder Freude dessen Hals umklammernd, suchte er ihn zu erdrosseln. Billet machte eine verzweifelte Anstrengung, um sich aufzurichten, war aber nicht im stande, sich loszumachen. Während seiner Kehle nur noch ein leises Röcheln entstieg, heftete er einen Blick voll Todesangst und Verzweiflung auf das junge Mädchen. Außer sich, suchte Edmee nach einer Waffe, nach einem Stock, nach einem Stein umher; da fiel ihr Auge auf die Flinte, die auf den Rand des Grabens niedergefallen war; sie griff mit einem Freudenschrei nach dem Gewehr und rief, den Lauf auf Ferdinand richtend: »Lassen Sie ihn los oder ich schieße!«

Er gab keine Antwort, sondern preßte den Hals des mit dem Tode ringenden Billet nur noch fester zusammen. Da blitzte ein Feuerschein vor den Augen des jungen Mädchens auf, ein Schuß ertönte – und der von ihr gehaßte Mann rollte getroffen in den Schnee, der sich alsbald blutig rötete.

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