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Die Damen von Croix-Mort - Zweiter Band

Georges Ohnet: Die Damen von Croix-Mort - Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDie Damen von Croix-Mort ? Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDritter Jahrgang. Band 13
printrun
year1887
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
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Vierzehntes Kapitel

Nach der heftigen Scene, die seiner Abreise vorangegangen war und diese veranlaßt hatte, hatte Ferdinand sein geistiges Gleichgewicht gänzlich verloren. Mit überreizten Nerven und gemartertem Gehirn in seinem Zimmer auf und nieder wandelnd, hatte er den Rest der Nacht verbracht, hatte zu überlegen versucht, aber nicht dahin gelangen können, die Gedanken festzuhalten, die in seinem Kopfe wirbelten wie vom Sturmwind fortgerissene Blätter.

Er schwankte zwischen dem beschämenden Gefühle, entdeckt zu sein, und der Wut, sich besiegt zu sehen. Er hatte sich beugen müssen unter den bitteren Vorwürfen jener Frau, die er für so unbedeutend und so schwach hielt. Er, der alles wagende Tyrann, der kein andres Gesetz kannte als seine Laune, er hatte seine Stärke und seine Widerstandsfähigkeit verloren gegenüber einem schwachen, verachteten Geschöpf, das plötzlich Kraft schöpfte aus dem Gefühle der Pflicht. Tugend, Moral – Worte, die ihm sonst lächerlich schienen – hatten ihn, den Cyniker, gebändigt. Wie hatte dies geschehen können?

Gleich der unter der Ferse des Weibes getretenen Schlange bäumte er sich auf, rasend über seine Ohnmacht. Die Familie, in der er nach den Ausschweifungen seiner Jugend eine Zufluchtsstätte gefunden, sein Rettungshafen, wies ihn unbarmherzig von sich. Von neuem sah er sich mitten in die Stürme des Lebens geschleudert, und ein noch tieferer Widerwille, als er ihn bisher empfunden, bemächtigte sich seiner, eine noch vollständigere Abspannung drückte ihn nieder. Er fühlte sich erschöpft, leer, aufgerieben, hielt sich für überflüssig und andern gefährlich, und legte sich die Frage vor, ob es nicht besser wäre, sogleich eine gewaltsame Lösung der Tragikomödie seines Lebens herbeizuführen.

Er hielt vor dem Spiegel still, lächelte bitter über den Verzweifelten, der ihn mit hohlen Augen anstarrte, und indem er die Stelle mitten auf der Stirn zwischen den Augenbrauen betrachtete, sagte er sich, daß diese für eine Kugel wie geschaffen sei. Wäre dies nicht das einfachste, das schnellste, das würdigste Mittel, um allen Verwicklungen zu entgehen?

Dabei fänden alle ihre Rechnung; er würde in der ewigen Ruhe verharren, die armen Frauen könnten, befreit von der Furcht, die er ihnen einflößte, endlich erleichtert aufatmen.

Er nahm einen Revolver aus der Schublade seines Tisches, drehte ihn mechanisch in der Hand um und hielt ihn vor das Gesicht. Ein Schritt, welcher den Fußboden über seinem Haupte erschütterte, ließ ihn in der Ausführung seines Vorhabens innehalten. Die Dienerschaft des Schlosses stand schon auf. Er warf einen Blick auf die Wanduhr, sie wies auf die sechste Stunde. Die Nacht war unter diesen Aufregungen hingegangen, der Tag brach an. Seine Phantasie malte ihm jetzt vor, wie auf den Schuß hin alles im Schlosse verstört herbeieilen würde; er vernahm den Tumult, das Geschrei, sah seine Frau und Edmee blutbespritzt und empfand die Schande, welche das Gräßliche dieses tragischen Endes noch steigerte.

Nun hatte er die Herrschaft über sich selbst wiedergewonnen. Nein, diese äußerste Prüfung sollte ihnen erspart bleiben, er hatte versprochen, sich zu entfernen; vor allem galt es mithin, dieses Versprechen zu halten. Er gedachte, weit fortzugehen, an einen fernen Ort, wo man bei einem Selbstmorde seine Identität nicht würde feststellen können, und indem er auf diese Weise seinen beiden Opfern die Freiheit wiedergab, konnte er seine schreckliche Schuld gegen sie als getilgt betrachten. Durch diesen großmütigen Entschluß fühlte er sich erleichtert. Er klingelte, befahl anzuspannen, ließ einpacken und reiste nach Paris ab.

Paris hat eine ganz eigne Atmosphäre, deren Zusammensetzung aus Sauerstoff und Stickstoff wahrscheinlich eine andre sein mag, als die der gewöhnlichen Luft; denn das Leben ist dort verzehrender, aufreibender, als irgendwo anders. Diese Luft berauscht und überreizt diejenigen in hohem Grade, die nicht gewohnt sind, sie zu atmen, aber sie ist das wesentliche Element der Thätigkeit und des Schaffens derjenigen, deren Lungen ihre versengende Glut ertragen. Der Pariser, der eine Zeitlang von Paris entfernt ist, erschlafft und siecht dahin; kehrt er in die Zone zurück, wo die Wirkung dieser eigentümlichen Luft sich geltend macht, so gewinnt er seine Regsamkeit wieder, seine Ideen werden andre, er wird wieder er selbst.

Ferdinand unterlag unbewußt diesem Gesetze. Als er am Horizont die graue, von riesigen Schornsteinen überragte Häusermasse, eingehüllt in jenen Nebel von Rauch, der Paris ankündigt, auftauchen sah, als er durch den Güterbahnhof fuhr, auf welchem pfeifende Lokomotiven sich kreuzen, welche die Lebensmittel für zwei Millionen lebender Wesen in zahllosen Waggons herbeischleppen, da bemächtigte sich seiner eine fieberhafte Erregtheit und er konnte vor Ungeduld den Augenblick des Aussteigens kaum erwarten. Er, der bei der Abreise von Croix-Mort sich gesagt hatte: Ich thue den ersten Schritt zu einer Reise, von der man nicht wiederkehrt – er begrüßte Paris mit den Empfindungen eines auf einer Vergnügungsfahrt befindlichen Touristen.

Als er das Trottoir unter seinen Füßen fühlte, verfiel er förmlich in Entzücken. Erhobenen Hauptes schritt er dahin, die Reisetasche in der Hand, ohne daß es ihm einfiel, einen Wagen zu nehmen. Er war völlig berauscht von dem Lärmen und Treiben und ertappte sich einige Augenblicke später, an einer Straßenecke stehend, im Anschauen von Frauen vertieft, die in einen Omnibus einstiegen.

»Ich verliere den Kopf,« sagte er sich, rief einen Wagen herbei und ließ sich nach dem Klub fahren. Seine Wohnung war zu seinem Empfange nicht hergerichtet und die Dienerschaft war in Croix-Mort verblieben. Im dritten Stockwerke des Klubhauses stehen Zimmer zur Verfügung der Mitglieder, die auf dem Lande wohnen. Dort war er sicher, gute Bedienung und jenen Komfort zu finden, den er im Hotel vergebens gesucht haben würde.

Er frühstückte, machte Toilette, suchte seinen geschäftlichen Vertreter auf, begrüßte einige Bekannte und kehrte um fünf Uhr zurück. Im Klub wurde er aufs wärmste von seinen Freunden empfangen, denen er mitteilte, daß er sich bloß auf der Durchfahrt in Paris aufhalte. Das Gespräch regte ihn an, er fühlte sich wieder wühl in diesem Kreise, in welchem er so lange gelebt, dinierte höchst vergnügt und befand sich um neun Uhr bei einer ersten Vorstellung im Variététheater.

Es waren nicht viel mehr als zwölf Stunden seit dem Moment verflossen, wo er das Gelübde gethan, den Schiffbruch seiner Ehe nicht zu überleben, und jetzt saß er in dem schwülen Theatersaal, unter dem strahlenden Lichte des Kronleuchters, lauschte den Gassenhauermelodieen und applaudierte der Diva, der Heldin des Tages.

Aus dem Theater kehrte er zu Fuß heim. Es herrschte eine trockene Kälte; kein Schnee wie in Croix-Mort. Eine Cigarre rauchend, ging er die Boulevards entlang, begegnete einigen Freunden, soupierte mit ihnen, spielte, gewann viel, und um vier Uhr morgens begab er sich zu Bett, vor Müdigkeit wie gebrochen, aber von dem Verlangen zu sterben vollständig geheilt.

Als er um zehn Uhr erwachte, war er im ersten Augenblick höchst überrascht. Er kannte sich in der fremden Umgebung nicht aus. Aber bald besann er sich und empfand bei der Erinnerung an den unglücklichen Auftritt der vorhergegangenen Nacht einen dumpfen Schmerz; dann sagte er sich mit übelangebrachtem Selbstgefühl, daß er die Kraft besessen habe, seine Niedergeschlagenheit abzuschütteln und den feigen Einflüsterungen der Verzweiflung zu widerstehen. Er dachte: Ich war zu früh an mir selbst verzweifelt, noch ist nicht alles in mir abgestorben. Das Leben hat noch Reize für mich; ich bin noch nicht so erschöpft, noch nicht so verbraucht, als ich zu sein glaubte. Da »sie« mich weggejagt haben, so will ich sie vergessen.

Er bot auch in der That alles auf, um jeden Gedanken an Edmee aus seinem Hirn zu bannen; er überließ sich den Vergnügungen seines früheren Lebens und suchte sich auf jede Weise zu betäuben, was ihm zeitweilig auch gelang. Freilich waren die Augenblicke, in welchen die Vernunft die Oberhand gewann, geradezu schrecklich.

Die Freude, welche ihm die Rückkehr in die Welt des Vergnügens bereitet hatte, entfloh gar bald, und düster, müde, verzweifelt schleppte er sich dahin, ergoß sich in Spöttereien über die andern und sich selbst, beging Ausschreitungen, die selbst inmitten schwelgerischer Gelage seine Freunde verblüfften. Er hatte Anfälle wilder Lustigkeit, während welcher er unbändig lachte, alles um sich her zerschlug, um gleich darauf wieder in einen Trübsinn zu verfallen, den nichts zu bannen vermochte. Hübschen Mädchen machte er eifrig den Hof, überhäufte sie mit Geschenken und entließ sie plötzlich unter Beschimpfungen. Gleich einem Verdammten wand er sich in seinen glühenden Fesseln, ohne sie brechen zu können.

Mitten in seinen Orgien, wenn er unmäßig getrunken hatte und sein Denken im Rausch untergegangen war, tauchte mit einemmal das reine, milde, traurige Bild Edmees vor seiner Seele auf. Er erhob sich dann, ohne ein Wort zu reden, und folgte dem verführerischen Phantom in die Einsamkeit, in die Stille, verfluchte sein erbärmliches Geschick und fand trotzdem eine schmerzliche Wollust in dem Gedanken an diejenige, die ihn haßte.

Mochte er immerhin seine Zeit so einteilen, daß er auch nicht eine freie Minute hatte, er konnte das Joch dieser quälenden Gedanken nicht abschütteln. Entfernt von Croix-Mort, war er mit allen seinen Sinnen dennoch dort; er begleitete Edmee in den Baumgängen des Parkes, sah sie mit ihrem schlanken Wuchs anmutig zu Pferde sitzen, vor ihm hergaloppieren, und sein Herz fing so heftig an zu pochen, als wolle es ihm die Brust zersprengen. Dann weilte er wieder im Salon, und die beiden Frauen saßen still, vom Lampenschein beleuchtet, um den Tisch, mit einer Handarbeit beschäftigt. Die Täuschung war eine so vollständige, daß er ihre Stimmen zu vernehmen glaubte.

Er verfiel in trostlose Melancholie, ging fast gar nicht mehr aus, verharrte während ganzer Tage regungslos im Anschauen jener Erscheinung versunken, die er so gern heraufbeschwor. Um diese Zeit war es, daß er Regine jene schmerzerfüllten Briefe schrieb, welche sie so ungemein erschütterten.

Nach vierzehn Tagen eines tollen Lebens, das er damit hingebracht, sich selbst zu betrügen, gelangte er zu der Erkenntnis, daß er fern von Croix-Mort nicht leben könne. Er marterte sein Gehirn, um einen möglichen Ausweg aus seiner Lage zu finden, stieß jedoch immer wieder auf die unbesiegliche Abneigung Edmees. Würde der größte Heldenmut, die höchste Hingebung seine Liebe weniger schmählich erscheinen lassen, und würden sie das Unmögliche möglich machen? Er kannte das junge Mädchen zu gut, um zu hoffen, daß sie eine Nichtswürdigkeit begehen könnte. Und zudem, wenn sie es thäte, würde er sie denn dann noch lieben? War es nicht ihr abweisender Stolz, der ihn berückte? Blasiert und verdorben, wie er war, waren es gerade ihre Reinheit und Unnahbarkeit, die ihn unwiderstehlich anzogen.

Sein Gehirn war bis aufs äußerste gereizt, nur eine einzige Überanstrengung noch und das bißchen Verstand, das ihm noch geblieben, wäre vom Wahnsinn erstickt worden. Er war sich seiner Handlungen kaum mehr bewußt, überließ sich dem Zufalle und beteiligte sich willenlos an dem Treiben seiner Freunde, gleich einem Körper ohne Seele. Bald wurde die Seltsamkeit seines Benehmens bemerkt. Der rasche Wechsel seiner Launen, eine geräuschvolle Lustigkeit, der alsbald eine düstere Traurigkeit folgte, eine plötzliche Niedergeschlagenheit, die gleich darauf in helle Begeisterung überging, vermochte freilich jene Leute nicht in Erstaunen zu setzen, die den Unsinn zum alleinigen Gesetz ihres Daseins erheben. Die letzte Wunderlichkeit Ferdinands war indessen stark genug, um in ihrer Erinnerung eine Spur zurückzulassen; später gedachte man derselben, und sie diente dazu, manches Unerklärliche aufzuhellen.

Es war am Weihnachtsabend bei einem luftigen Gelage, als jener Vorfall sich ereignete. Ferdinand, der nun wieder von einer Vergnügungssucht befallen war, gleich heftig wie in den ersten Tagen seines Verweilens in Paris, hatte die Nacht auf dem Opernballe zugebracht, der zu jener Zeit noch sehr glänzend und sehr besucht war. In den Logen und Gängen zeigte er eine Heiterkeit, wie man sie lange nicht mehr an ihm gesehen hatte, scherzte, intriguierte und ging endlich um drei Uhr morgens in lustiger Gesellschaft nach einem Restaurant, wo das Souper eingenommen wurde. Die hübschesten Damen der Halbwelt und die reizendsten Schauspielerinnen von Paris waren dort versammelt. Er nahm zwischen Fanny Mangin und Cécile Letourneur Platz und kokettierte während des ersten Teiles der Mahlzeit mit ihnen in der ungebundensten, freiesten Weise. Später steigerte sich die allgemeine Lebhaftigkeit, der in Strömen fließende Champagner verwirrte die Köpfe und man fing an, buntes, tolles Zeug zu schwatzen.

Das Gespräch kam auf die Frauen, und ein sehr bedeutender Schriftsteller, der gerade im besten Zuge war, Paradoxen aufzustellen, unternahm es, zu beweisen, daß in der Liebe nur das Vergnügen begehrenswert sei. Er entwickelte seine These mit einer Menge von Beweisgründen, die gleich den Raketen eines Feuerwerks sprühten und leuchteten. Voll Begeisterung proklamierte er die Herrschaft der freien Liebe und erhob inmitten eines tosenden Beifalls die Courtisane zur Gottheit.

Er schilderte sie, gefürchtet und angebetet, thronend auf den Ruinen der Gesellschaft und der Familie, ihren Einfluß übend auf alle, auf Menschen und Dinge, zeigte, wie sie Souveräne zu ihren Füßen sehe, wie sie Staatsmänner von strengem Rufe umgarne, Monarchieen und Republiken verschachere, Geheimnisse verkaufe und schließlich das Scepter der Welt in Händen halte.

Hierauf brach ein Sturm von Beifall, von Händeklatschen und jubelnden Zurufen aus, der noch nicht verhallt war, als sich Ferdinand, anscheinend ruhig, erhob. Man glaubte, er würde sich über dieses pikante Thema weiter aussprechen und es mit noch teuflischeren Variationen ausschmücken, er rief jedoch mit bebender Stimme: »Ihr seid alle Dummköpfe oder Verrückte, wenn ihr solchen Aussprüchen applaudiert! Es gibt nichts Mächtigeres als die Tugend, nichts Siegreicheres als die Keuschheit! Sehet euch doch die Geschöpfe an, die euch umgeben und die ihr zu eurem Vergnügen kaufet! Für eine Handvoll Louisd'or werden sie die Sklaven eurer Laune. Sie besitzen die Gewalt des Bösen, wohl, aber was beweist das? Böses thun? Nichts leichter als das! Aber Gutes thun, darin liegt die Schwierigkeit!«

Er brach in ein wildes Lachen aus.

»Hör' mal,« rief Fanny Mangin, »vorhin warst du viel unterhaltender! Um diese Stunde ist die Moral längst schlafen gegangen. Man darf sie nicht wecken.«

»Lassen Sie ihn doch!« meinte einer der Teilnehmer. »Herr von Ayères ist schon seit mehreren Tagen übler Laune; er hat sich vielleicht in eine Unschuld verliebt.«

»Ist es wahr, daß du verliebt bist, mein Guter?« hub Fanny wieder an. »Ist deine Kleine hübsch? Wie heißt sie? Wirst du sie uns zeigen?«

Bei diesen Worten wurde Ferdinand totenbleich. Es war ihm, als hatte eine ruchlose Hand sein Ideal berührt und es entweiht. Er griff nach seinem Glase, schleuderte es auf den Tisch, daß es entzweibrach, und schrie, indem er die ihn umgebenden Lebemänner, welche sein Zorn höchlich belustigte, mit Blick und Stimme beschimpfte: »Ihr Bestien und Dirnen, mein Herz wendet sich voll Abscheu von euch. Ich kann eure Verworfenheit nicht länger ertragen und werde keine Sekunde länger in eurer Mitte bleiben!«

Ein Chor von zornigen oder spottenden Stimmen erhob sich um Ferdinand, der kalt nach der Thür schritt. Ehe er den Ausgang erreichte, hörte er Fanny Mangin ausrufen: »Das ist einmal ein ungeschliffener Mensch!«

Cécile Letourneur fügte hinzu: »Der Kerl ist verrückt! Auf seine Gesundheit, meine Kinder! Er hat's nötig!«

Obgleich nun alle, die dieser Scene beigewohnt, hätten bestätigen können, daß er im Zustande der Trunkenheit oder des Wahnsinns so gehandelt habe, so war Herr von Ayères doch bei kaltem Blute. Er fühlte sich in der That angeekelt, so wie er es gesagt hatte. Im schönsten Augenblicke des Festes, zu der Stunde, als der Champagner schon allen zu Kopfe stieg, war plötzlich Edmees bleiches, trauriges Bild gleich einem reinen Geist vor ihm aufgetaucht, und sofort hatte er alles um sich mit andern Augen angesehen. Die erhitzten Gesichter der Männer, die entblößten Schultern der Frauen, der ganze Anblick des schwelgerischen Gelages, das sich seinem Auge schon so oft dargeboten, empörte ihn jetzt. Die Beschimpfungen drängten sich ihm auf die Lippen und er ließ sie mit bitterer Befriedigung ausströmen.

Jetzt war es mit alledem zu Ende, es gab für ihn keine Zerstreuung mehr. Er fühlte sich unfähig, noch einen Tag länger in Paris zu weilen. Dem herz- und geisttötenden Leben, das er führte, zog er alle Qualen der Einsamkeit vor. Lieber wollte er sich in seine widernatürliche Liebe versenken, und sollte er auch den Wahnsinn oder den Tod in ihr finden. Er wünschte den Ort wiederzusehen, wo Edmee lebte, dieselbe Luft mit ihr zu atmen, wollte sich verborgen halten, sie belauschen und sie vielleicht von ferne erblicken, ohne daß sie es ahnte, denn er nahm sich vor, sie weder zu erschrecken, noch zu belästigen.

Noch am selben Tage reiste er ab. Mit großer Vorsicht löste er eine Fahrkarte nach einer Station, die um sechs Meilen weiter lag, als diejenige, wo er gewöhnlich ausstieg, wenn er sich nach Croix-Mort begeben wollte. Hier war er völlig fremd. Er speiste in einem Gasthofe und fuhr des Nachts in einem schlechten Bauernwagen nach seinem Schlosse. Zwei Kilometer von demselben hielt er an, ging zu Fuß nach Hause, weckte seinen alten Gärtner, befahl ihm, kein Wort von seiner Ankunft verlauten zu lassen, und erwartete ruhig, wie er es seit langem nicht gewesen, den Tag.

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