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Die Damen von Croix-Mort - Zweiter Band

Georges Ohnet: Die Damen von Croix-Mort - Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDie Damen von Croix-Mort ? Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeDritter Jahrgang. Band 13
printrun
year1887
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Was zwischen Frau von Ayères und ihrem Gatten vorgefallen, hätte ein weniger argloses Gemüt als das Edmees leicht erraten. Ohne gerade als großer Hexenmeister zu gelten, hätte man den beiden Gatten zur Zeit ihrer Vermählung das Horoskop stellen können.

Mit ihrer Reise nach Paris ging Regine dem Unglücke entgegen. Sie selber führte Ferdinand den gefährlichen Versuchungen in die Arme, stieß ihn wieder in den Strom des schlechten Lebens hinein, das er ehedem gelebt. Wie hätte er sich nicht hinreißen lassen sollen? Auf Schloß Croix-Mort, in der Unthätigkeit und Einsamkeit des Landlebens, war es ihm ein reizender Zeitvertreib, Regine zu lieben. In Paris, wo der Vergleich zwischen den jungen, eleganten Frauen und der achtunddreißigjährigen Provinzlerin schrecklich ausfiel, dachte er keinen Augenblick, ihr treu zu bleiben.

Die Baronin hatte sich zwar mit der ihrem Geschlechte eignen Klugheit vom ersten Tage an umgewandelt. Mit erstaunlicher Raschhheit war sie eine andre geworden. Kleidung, Frisur, Sprache, Manieren – alles hatte sie während einer Woche verfeinert, und sie konnte sich nun der schärfsten Kritik aussetzen. Es gibt Provinzler in Paris, wie es Pariser in der Provinz gibt. Regine war sehr bald Pariserin geworden vom Scheitel bis zur Sohle und füllte ihren Platz in bester Weise aus. Ihr Gatte hatte sie in jene Kreise eingeführt, die, teils dem Adel, teils der Finanzwelt angehörend, das gelobte Land des Vergnügens bilden. Nirgends wird so sehr den Lustbarkeiten gefrönt, als in jenem auserlesenen Winkel, wo die Eleganz Königswürde genießt, der Reichtum die Gewalt besitzt und Dreistigkeit das Mittel ist, um alles zu erreichen.

Dort gewinnt der Schein stets die Oberhand über die Wirklichkeit, niemand geht den Dingen auf den Grund. Hütet man sich nur vor öffentlichem Skandal, so mag man im stillen thun und treiben, was man will, ohne daß jemand Schlimmes dabei findet. Man duldet nichts Offenkundiges, aber man gestattet alles Fragwürdige. Diese Gesellschaft besteht weder aus der Aristokratie, noch aus dem Bürgertum, sie ist eine Zusammensetzung von beiden, mit Künstlern, Politikern und ausländischen Millionären des weiteren ausgeschmückt; eine soziale Verbindung von Genußmenschen, welche den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten angehören. Ihre Losung ist: Vergnügen.

In Paris finden diese Kreise täglich neue Sammelpunkte. Da gibt es stets eine Ausstellung, eine Versteigerung oder ein Konzert, Spaziergänge, Wettrennen, Theatervorstellungen oder Bälle, wo man in einer durch Gewohnheit gefestigten Vertraulichkeit miteinander verkehrt, sich begrüßt, sich liebt, einander zulächelt, sich Angenehmes sagt oder sich gegenseitig verlästert. Immer sind es dieselben Erscheinungen, die gleichen Unterhaltungen: ein Dasein, das sich glänzend und nichtig abspielt, wie die sich abrollenden Gazegewebe, mit denen man auf der Bühne die Wasserfälle darstellt.

Herr und Frau von Ayères wurden wegen ihres Reichtums, ihres angesehenen Namens und ihres guten Auftretens mit offenen Armen aufgenommen. Ferdinand hatte dort schon als Junggeselle große Erfolge gefeiert. Er kehrte jetzt siegreich zurück, umgeben von dem Nimbus einer in der Provinz geschlossenen guten Heirat, deren Glanz durch die Entfernung vergrößert wurde. Von den ersten Tagen an stürzte er sich in den dichtesten Strudel, und Regine folgte ihm.

Damals war ihr Leben so, wie es die an Edmee gerichteten Briefe schilderten: voll Aufregung, Abwechslung und Geräusch; eine fieberhaft eilige Reise durch ein Land ewiger Festlichkeiten, deren Haltestellen Paris, Nizza und Trouville gewesen und deren Ausgangs- und Endpunkt Croix-Mort war. Welche Anstrengungen und welche Uebermüdung! Regine hatten sie erschöpft, Ferdinand hatten sie neue Kräfte verliehen. Nach einigen Monaten mußte die Baronin darauf verzichten, gleichen Schritt mit ihrem Weggenossen zu halten, dessen Kraft sich in den Strapazen nur noch zu stählen schien. Sie ließ ihm die Freiheit, allein zu gehen, nur um das Recht zu haben, sich ausruhen zu dürfen.

Der schöne Ferdinand fand sich sehr gerne in die Stellung eines Ehemann-Junggesellen, Er hatte wahrlich niemals eine bessre gekannt; jetzt genoß er gleichzeitig die Vorteile der Ehe und alle Annehmlichkeiten der Freiheit. So hatte er es sich auch während der trübseligen Woche, die er vor seiner Verheiratung in dem kleinen Salon seines Schlosses sinnend verbrachte, geträumt. Das waren Vorteile, die er bei der Heirat mit einem jungen Mädchen nie gefunden hätte.

Anfangs hatte er seiner Frau gegenüber Schonung und Rücksicht walten lassen. Er hielt seine Eroberungen geheim und that, als ob er Regine wie eine besorgte Mutter behandle, der man die leichtsinnigen Streiche ihres Sohnes verbergen müsse. Allmählich aber wurde er dieser drückenden Vorsicht müde und stellte kühn sein Glück zur Schau. Da entstanden denn Schwierigkeiten, welche seinen Triumphzug eine Zeitlang unterbrachen.

Liebe und Stolz empörten sich gleichzeitig in dem Herzen der Frau von Ayères. Sie hatte sich ausgeruht und strebte nicht mehr nach Ruhe um jeden Preis. Sie wollte ihre Nebenbuhlerinnen bekämpfen und sich ihren Gatten zurückerobern. Allein sie gelangte gar bald zu der Erkenntnis, daß sie ihn für immer verloren habe. Sie suchte Widerstand zu leisten, ließ sich vom Zorne hinreißen und wollte Rache nehmen. Dieses Verfahren hatte indes üble Folgen. Sie lernte Ferdinand von einer Seite kennen, von deren Vorhandensein sie nicht die leiseste Ahnung gehabt. Die Worte, die sie von ihm vernahm, gehörten zu jenen, die das Herz grausam verwunden und unauslöschliche Spuren in demselben zurücklassen. Ein Anfall von Verzweiflung erfaßte sie; schon dachte sie daran, sich nach Croix-Mort zu flüchten, doch ein Rest von Klugheit hielt sie zurück.

Sie ermaß jetzt klar die ganze Tragweite der Thorheit, die sie begangen hatte. Ohne sich wie ehemals von ihren empfindsamen Betrachtungen, denen sie sich sonst so gerne hingegeben, beirren zu lassen, erwog sie kalt die Sachlage und sah ein, daß, nachdem sie nun einmal die Dummheit begangen hatte, einen Mann wie Herrn von Ayères zu heiraten, sie eine noch viel größere begehen würde, wollte sie sich jetzt von ihm trennen. Es gab kein andres Heil für sie als in einem verständigen Sichfügen in ihr Unglück. Sich den Anschein geben, als ahne sie nicht, daß sie betrogen werde, ihre Nebenbuhlerinnen empfangen und ihnen ein freundliches Gesicht zeigen, das mußte sie sich zur Lebensregel machen. Wenn sie in der Einsamkeit der stillen Nächte weinte, so war dies ein Geheimnis, das sich nur durch den Verfall ihrer körperlichen Kräfte verriet. Aeußerlich setzte sie das frühere Leben fort, doch nicht mehr aus Neigung, sondern aus Klugheit.

Endlich aber fühlte sich der schöne Ferdinand, nachdem er viel gelebt und viel geliebt hatte, plötzlich von Ueberdruß ergriffen. Mit Betrübnis ward er inne, daß er nicht mehr die geringste Erregung empfand, wenn er einen neuen Liebeshandel anknüpfte. Früher hatte ihn der Reiz der Abwechslung angelockt, er hatte ein noch nie Dagewesenes zu finden erwartet, jetzt wußte er, daß es nichts Neues mehr für ihn gab. Er, der in diesen glänzenden, verderbten Kreisen seit zwanzig Jahren lebte, der sich dort zweimal ruiniert, d.h. zweimal Gelegenheit gehabt, die Größe des Egoismus und die Tiefe der Undankbarkeit zu ermessen, war heute vollständig blasiert. Alt, trotz seiner blonden Haare, mit einem empfindungslosen, toten Herzen, trotz des gesunden, kräftigen Körpers, war er ein Stück Faust, niedriger und moderner freilich, aber ebenfalls bereit zu allem, zum Bund mit der Hölle selbst, um sich irgend einen neuen Lebensreiz zu erkaufen, ein Verlangen, das ihn erregen, eine Leidenschaft, die ihn noch einmal hinreißen könnte. Keine noch so jugendfrische Reinheit und Unschuld würde ihm dann heilig sein.

Er war am absoluten Skepticismus angelangt, glaubte an nichts, als an sein Vergnügen und setzte vermessen sein Selbst über alle Dinge und alle Wesen. Die Menschheit schien ihm bloß seiner Befriedigung wegen geschaffen, und seine Laune war ihm die Gottheit, der er alles opferte. Er hatte einen besondern Codex, dessen einzige Vorschrift dahin lautete, nichts zu thun, was der Ehre zuwider sei; sein Begriff von Ehre hatte aber mit der Rechtschaffenheit nichts Gemeinsames. Er maßte sich das Recht an, sehr sträfliche Handlungen zu begehen, indem er sie leichten Sinnes als liebenswürdige Kleinigkeiten hinstellte.

In dem fieberhaften Treiben seines Pariser Lebens war es ihm gelungen, sich zu betäuben; er hatte keine Zeit, über sein Dasein nachzudenken.

In Croix-Mort begann die Einsamkeit schon nach einigen Stunden auf ihn zu wirken. Er fand sich endlich allein mit sich selbst. Kein Wirbeln parfümierter Damenkleider zerstreute sein Auge, kein Gesumme pikanter Gespräche drang an sein Ohr. In seinem Gesichtskreise lag jetzt nur der stille Himmel und die dunkle Linie der großen Bäume des Parkes, und rings umher tiefes, ernstes Schweigen, das ihn zum Nachdenken stimmte.

An all diese Dinge hatte er jetzt gedacht, als er, auf der Terrasse hin und her wandelnd, den Rauch seiner Cigarre in die Luft blies. Ein düsteres, wehmütiges Gefühl ergriff ihn bei dem Anblick dieses Schlosses, in welchem er Monate zubringen sollte. Und nur Edmees Bild, das unwillkürlich in seiner Seele auftauchte, warf einen hellen Schein in das traurige Dunkel. Sie aber haßte ihn, er war sich dessen wohl bewußt, und sie machte ja auch kein Geheimnis aus ihrer Abneigung.

Während er mit regelmäßigen Schritten seinen Spaziergang auf dem knirschenden Sande fortsetzte, unterhielt er sich damit, in die Vergangenheit zurückzukehren und sich sein Leben anders auszumalen. Warum hatten ihn die Schönheit und der Reiz dieses Kindes nicht berührt, als er das erste Mal nach Croix-Mort gekommen? Warum hatte er bloß Regine bemerkt? Wie anders wäre es gewesen, wenn er sich in Edmee verliebt und diese geheiratet hätte! Statt seiner Frau, die mit einemmal alt geworden war, wie ein morsches Gemäuer, das plötzlich einstürzt, würde er jetzt eine junge Gefährtin haben, die mit ihm gleichen Schritt halten könnte und ihn nicht allein, müde und überdrüssig zurückgelassen hätte. Er würde vielleicht Kinder bekommen haben. Kinder! Kleine, frische, rosige Geschöpfe, zwitschernd wie die Vögel, mit runden, weichen Händchen, die so süß zu liebkosen verstehen! Wer weiß, ob die Vaterfreude sein verwelktes Herz nicht wieder neu hätte erblühen lassen?

Damit war es nun vorbei! Von seinen bösen Gewohnheiten, seinen Leidenschaften hingerissen, war er stets achtlos an dem ruhigen, erlaubten Glücke vorübergegangen. Er hatte von der Liebe stets nur Vergnügen begehrt. Jetzt mußte er sich voll Bitterkeit gestehen, daß auch diese Freuden ihm vergiftet schienen und daß ihm nur Widerwille und Ekel verblieben waren.

Während er bis Mitternacht draußen im Dunkeln am Rande des regungslos daliegenden Teiches verweilte, suchte er den verzweifelten Schmerz, der in seinem Innern wühlte, zu beschwichtigen, und bemühte sich, vernünftig zu denken, fand jedoch statt der Beweisgründe nichts als Lästerungen.

Nach der ruhelosen Nacht, die Edmee verbracht hatte, erwachte sie erst, als sie den Rechen des Gärtners auf dem Sande der Terrasse knistern hörte und die Sonne bereits hell ins Zimmer flutete. Aengstlich blickte sie nach der Uhr, die auf die achte Stunde wies. Die Ermüdung vom Abend zuvor hatte sie länger schlafen lassen, als es ihre Gewohnheit war. Hastig kleidete sie sich an und eilte hinab, um zu sehen, ob der Dienst im Hause sich ordnungsmäßig vollziehe. Das Schloß lag noch in tiefem Schweigen, nur die Fenster des Herrn von Ayères waren schon geöffnet. Er selbst erschien auch alsbald und Edmee sah ihn auf sich zuschreiten. Mit vertraulicher Freundlichkeit redete er sie an: »Ich bemerke, daß wir die einzigen sind, welche die frische Morgenluft lieben. Ihre Mutter ist von der Reise ein wenig angegriffen und dürfte noch kaum aufgewacht sein ... Ich ließ gestern dem Waldhüter sagen, er möge heute vor dem Frühstück kommen; ich will mich mit ihm besprechen und die Ordnung für die morgige Jagd festsetzen ... Jagen Sie, Edmee?«

Zum erstenmal nannte Herr von Ayères Fräulein von Croix-Morit bei ihrem Taufnamen. Diese Freiheit, die er sich herausnahm, mißfiel dem jungen Mädchen. Sie zog die Brauen zusammen und gab ein kurzes »Nein« zur Antwort.

»Einige von den Damen, die wir heute abend erwarten, fürchten sich nicht vor einem Flintenschuß ... Ich glaubte, daß Sie die Jagd liebten ... Ihre Mutter erzählte mir, daß Sie ehemals sehr gerne die Wälder durchstreiften in Gesellschaft jenes Bären, jenes Billet ...«

Fräulein von Croix-Mort heftete bei diesen Worten einen festen Blick auf Herrn von Ayères.

»Es ist wahr, daß Billet, als ich noch ein Kind war, sehr gut gegen mich gewesen und daß ich ihm nicht von der Seite wich. Er ist ein sehr ergebener Diener unsrer Familie. Sein Vater ist in unsern Diensten gestorben, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ihn gütig behandeln wollten ... Wenn Sie ihn in seiner Thätigkeit kennen lernen werden, bin ich überzeugt, daß Sie ihn schätzen werden.«

»Dafür genügt Ihr Wunsch,« erwiderte Herr von Ayères ungezwungen. »Er ist Ihr Liebling. Unter diesem Titel wird er mir heilig sein.«

Er that einige Schritte vorwärts und sagte: »Ich gehe bloß bis ans Ende des Teiches, wollen Sie mich begleiten?«

»Entschuldigen Sie, ich will mich zu Mama begeben, um zu sehen, ob sie nichts nötig hat.«

»Das ist recht.«

Er grüßte sie mit einer freundlichen Gebärde und entfernte sich. Ihre Blicke folgten ihm einen Augenblick. Er schritt in gefälliger, stattlicher Haltung dahin, und die mächtige Breite seiner Schultern hob sich von dem Grün des Dickichts ab. Er sah in der That merkwürdig jung aus. Welch ein Unterschied zwischen der leidenden Regine, die so zart, so schwach war, und diesem Manne, der von Gesundheit strotzte! Edmee stieß einen Seufzer aus, indem sie der traurigen, bitteren Zukunft gedachte, der ihre Mutter entgegenging. Schmerzlich bekümmert trat sie ins Schloß zurück.

Sie fand Frau von Ayères, durch einen guten Schlaf gekräftigt, in sehr heiterer Laune, die ihr alles in rosigem Lichte erscheinen ließ. Die herrliche Ruhe auf Croix-Mort konnte nicht genugsam von ihr gelobt werden. Kein Geräusch unter den Fenstern, keine nächtlichen lärmenden Auftritte, kein Wagengerassel. Das tiefe Schweigen hatte sie sogar anfangs gestört, jetzt aber genoß sie es voll köstlichen Behagens. Sie hatte bereits unter ihren Juwelen eine Auswahl für Edmee getroffen, und breitete nun reizende Schmucksachen vor ihrer Tochter aus. Auch mit Kleidungsstücken aus ihren Schränken wollte sie sie jetzt bedenken. Edmee weigerte sich, etwas zu nehmen: sie wünschte so zu bleiben, wie man sie am ersten Abend gesehen hatte. Um jedoch ihre Mutter nicht zu kränken, nahm sie ein goldenes, mit Rubinen und Saphiren besetztes Armband, welches Regine einst von Herrn von Croix-Mort erhalten hatte. Dieses Armband war für das junge Mädchen eine Erinnerung aus der Kindheit. Sie hatte sich hundertmal damit geschmückt, wenn sie vor dem Spiegelschrank die große Dame spielte. Sie legte es jetzt mit frommer Rührung an und dankte, als ob es sich um einen großen Schatz gehandelt hätte. Von den Toiletten nahm sie keine einzige an, da sie dieselben sämtlich zu auffallend fand.

»Ich habe ein weißes Mousselinkleid, das mir nicht allzu schlecht steht,« meinte sie; »ich denke, daß es mir genügen wird.«

»Ich wünsche aber, daß du ganz besonders vorteilhaft gekleidet seiest,« erklärte Regine mit Nachdruck.

Diese Worte fielen Edmee auf. Mit fragendem Blick sah sie ihre Mutter an. Hierauf gestand diese nach langen Umschweifen, daß sich für ihre Tochter vielleicht jetzt Gelegenheit zu einer günstigen Verheiratung bieten könnte. Sie wollte sie nicht beunruhigen, sagte nicht, daß sie eine bestimmte Wahl getroffen, sondern meinte nur, daß unter der großen Menge junger Leute, die nach Croix-Mort kommen sollten, sich vielleicht einer finden könnte, der eine passende Partie wäre, und den dürfe man dann nicht durch eine aller Anmut entbehrende Einfachheit zurückschrecken.

Diese so unvorbereitet gemachte vertrauliche Mitteilung versetzte Edmee in höchste Angst und Aufregung. Sie glaubte Ihre Sicherheit ernstlich gefährdet. Ihre Mutter bemerkte diese Angst, die sich in ihren veränderten Gesichtszügen ausdrückte, und fragte sie lachend, ob ihr denn die Aussicht, sich zu verheiraten, so beunruhigend erscheine. Edmee schüttelte den Kopf, als wollte sie die peinlichen Gedanken verscheuchen, die ihre Stirn umdüsterten, und ohne an die grausame Tragweite ihrer Worte zu denken, sagte sie langsam: »Wie sollte ich mich darüber nicht beunruhigen? Weiß ich denn nicht, wie man sich täuschen kann und wie man darunter leidet?«

In einem einzigen Augenblicke warf Frau von Ayères einen Rückblick auf ihr eignes Thun, und ihr verfehltes, gebrochenes Leben breitete sich in seinem ganzen Elende vor ihrer Seele aus; sie begriff, daß die durchdringenden Blicke ihrer Tochter auf dem Grunde ihres Herzens gelesen hatten. Mit feuchten Augen und bebenden Lippen schrie sie auf: »Edmee!«

Gedrängt von jener leidenschaftlichen Lebhaftigkeit, die einen der vornehmsten Reize ihres Wesens bildete, eilte Edmee auf ihre Mutter zu und bat sie unter herzlichen Küssen um Vergebung.

Die arme, stolze Regine, die sich von der Antwort ihrer Tochter schwer getroffen gefühlt, wollte jetzt versuchen, diese irrezuführen. Sie beteuerte ihr, daß sie glücklich sei und nichts zu bereuen habe. Herr von Ayères sei ein musterhafter Gatte, voll zarter Aufmerksamkeit und ritterlicher Rücksichtnahme.

Edmee gab sich den Anschein, diese Erklärungen für wahr zu halten, entfernte sich jedoch alsbald, um nicht länger heucheln zu müssen, und weil sie sich sehnte, allein zu sein.

Sie flüchtete sich in ihr Atelier und bemühte sich, ihre Gedanken zu klären und zu ordnen. Ihre Mutter hegte demnach die Absicht, sie frühzeitig zu verheiraten und ihr schon jetzt einen Gatten auszuwählen, ohne Zweifel einen Mann aus ihrem Gesellschaftskreis, das heißt nach dem Muster des Herrn von Ayères, der ihr wohl der Inbegriff aller äußerlichen Vollkommenheiten dünken mochte – denn sie hatte ihn geheiratet – und aller moralischen Vorzüge, da sie so begeistert sein Lob verkündete. Edmee zitterte vor Zorn. Sie war tief bewegt von Mitleid für die bedauernswerte Frau, sie hatte ihr mehr Zuneigung gezeigt, als sie in Wirklichkeit empfand, aber sie fühlte sich zu jedem Widerstande stark genug, wenn man sich anmaßen sollte, ihr Geschick gegen ihren Willen leiten zu wollen. Ein zweiter Ferdinand in der Familie würde wahrhaftig zu viel sein; sie konnte den Gedanken nicht ertragen, an das Leben eines solch leeren, unnützen Wesens geknüpft zu sein, wie es dieser schöne Mann war.

Zudem, weshalb sie verheiraten? War sie jetzt nicht ruhig, frei, glücklich? Empfand sie etwa ein Verlangen, sich auch ihrerseits in den Feuerofen von Paris zu stürzen, der Herz und Gehirn ausdörrt? War das Leben dieser Weltmenschen, der neuen Freunde ihrer Mutter, beneidenswert? Und mußte man nicht, um es zu führen, sich unter das blöde, drückende Joch der Mode beugen, deren Anforderungen als erstes, höchstes Gesetz anerkennen?

An dem hohen Fenster stehend, sah sie die dichten Baumgänge des Parkes grünend, schweigsam und friedlich sich vor ihr ausdehnen. In dem großen Teiche spiegelte sich der Himmel mit seinem Azurblau und seinen leichten Wölkchen wider, und die weißen Schwäne glitten stolz über die frische, klare Wasserfläche. Glich sie nicht auch ihnen? Besaß sie nicht auch deren Scheu, ihre Reinheit, ihren Stolz? War ein reines, frisches Element nicht ebenfalls die Grundbedingung ihrer Existenz? Dieses Bild, das sich in dieser Stunde der Unruhe und Besorgnis ihrem Blicke darbot, dünkte ihr eine himmlische Mahnung. Nein, sie, das Kind des Waldes und der Fluren, würde sich ihrer Heimat nicht berauben lassen; die an freie Luft gewöhnte Pflanze müßte in der erstickenden Atmosphäre des Treibhauses hinsiechen und verschmachten.

Nachdem sie den festen Entschluß gefaßt, sich ihre Freiheit zu wahren, fühlte sie sich um vieles ruhiger. Die übrige Zeit des Tages verbrachte sie in Gesellschaft ihrer Mutter, mit der sie im Parke, am Strande der Divonette lustwandelte. Die Baronin nahm wieder Besitz von ihrem stillen, lieben Croix-Mort, erfreute sich der milden Luft und des hellen Lichtes und stärkte sich zum Widerstande gegen die Aufregungen, welche mit der Ankunft der erwarteten Gäste von neuem bevorstanden.

Während dieser wenigen Stunden gehörte ihre Mutter ihr mehr an, als es jemals der Fall gewesen, und Edmee fühlte sich hochbeglückt. Doch gegen fünf Uhr fing das Gesellschaftsfieber wieder an, sich der Baronin zu bemeistern, was sich in der Ungeduld äußerte, mit welcher sie die Rückkehr des Wagens erwartete, der schon vor mehreren Stunden nach dem Bahnhofe gefahren war, und in dem wiederholten Hinaustreten auf die Freitreppe, um die Allee entlang zu blicken, die nach dem Schlosse führte.

Endlich gegen sechs Uhr ließ sich ein Wagenrollen vernehmen, und die Schellen der Pferde klingelten lustig, als sollten sie ein Fest verkünden. Der schöne Ferdinand, der sich seit dem Frühstück nicht gezeigt hatte, eilte strahlend herbei, und während die Kutsche in einer Staubwolke anhielt, kamen heiter erregte Gesichter zum Vorschein und stürmische Begrüßungen wurden von allen Seiten laut.

Frauen in zierlichem Reisekostüm stiegen flink aus, indem sie ihre seidenen Strümpfe in einer Flut weißer Röcke zeigten. Die Männer, eine Blume im Knopfloch, folgten. Man umarmte sich, tauschte Händedrücke, wobei die Armbänder geräuschvoll klirrten. Fräulein von Croix-Mort, die allein beiseite stand, sah wie das Schloß sich mit fröhlichen Eindringlingen füllte, welche die Treppen, Zimmer und Salons in Beschlag nahmen, mit munterem Lärm und Lachen, welches die alten Mauern erstaunt widerhallten. Edmee fühlte, daß sie von diesem Augenblicke an in ihrem eignen Hause eine Fremde geworden war.

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