Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maurice Leblanc >

Die Dame mit den grünen Augen

Maurice Leblanc: Die Dame mit den grünen Augen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Leblanc
titleDie Dame mit den grünen Augen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHans Jacob
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150528
projectid06f706ea
Schließen

Navigation:

VI. Auf der Terrasse

Während Raoul vor sich die Glocken der Maultiere, die die ersten steilen Hänge zu erklimmen begannen, läuten und klingen hörte, wurde ihm klar, daß die Dame mit den grünen Augen auch nicht Léonie Balli, die Operettensängerin, war. Aurelie, wie er sie von jetzt ab zu nennen beschloß, wollte hinter den Mauern eines Klosters ein Geheimnis hüten, das ihre Gegner ihr entreißen wollten.

Das gleichmäßige Wiegen seines Wagens ließ ihn allmählich einschlummern, und er war froh, im Dämmern seiner Müdigkeit des weiteren Nachdenkens enthoben zu sein ...

Die kleine Stadt Luz und ihre Nachbarin Saint-Sauveur bilden eine Thermalquellengemeinschaft, in der zu dieser Jahreszeit die Gäste sehr selten waren. Raoul wählte ein nahezu leeres Hotel; er gab sich als eifriger Botaniker und Mineraloge aus und begann bereits am Nachmittag die Gegend zu studieren.

Ein sehr enger, unbequemer Weg führte zum alten Marienkloster, in dem die Schwestern ein Pensionat betrieben. Inmitten einer herben Landschaft befinden sich das Gebäude und die Gärten; der ganze Komplex liegt auf einem Bergkegel, der terrassenförmig ansteigt und von starken Mauern durchzogen wird, längs deren der Sankt-Marien-Fluß entlang fließt, der in diesem Teil seines Laufes unterirdisch wird. Der andere Abhang ist von starken Nadelwäldern bedeckt. Zwei Kreuzwege sind Zugänge für die Holzfäller. Dort gibt es Grotten und Felsen, die an Sonntagen das Ziel von zahlreichen Ausflügen sind.

Auf dieser Seite legte Raoul sich auf die Lauer. Die Gegend war einsam. Man hörte fernhin die Schläge der Holzfäller. Raoul sah von seinem Platze aus die regelmäßigen Beete und Alleen des Gartens, die, von Linden eingefaßt, den Pensionärinnen als Spaziergänge dienen. Nach einigen Tagen kannte er die Pausen und überhaupt die ganze Einteilung des Klosterlebens. Nach Tisch war die Allee über der Schlucht für die »Großen« reserviert.

Erst am vierten Tage tauchte die Dame mit den grünen Augen, die sich inzwischen sicherlich im Innern des Klosters erholt hatte, in dieser Allee auf. Jede von den Großen schien kein anderes Bestreben zu kennen, als sie eifersüchtig für sich mit Beschlag zu belegen.

Raoul sah sofort, daß sie sich verändert hatte, wie ein Kind, das eine Krankheit überwunden hat und sich nun in der freien Luft im Gebirge erholen soll. Sie war gekleidet wie die anderen jungen Mädchen und bewegte sich heiter, lebhaft und liebenswürdig unter ihnen; sie spielte und rannte mit ihnen um die Wette, und ihr Lachen tönte, vom Echo wiederholt, von den Bergen wider.

Dann mußten die anderen wieder zum Unterricht, und Aurelie blieb allein. Sie blieb gleich heiter wie vorher, wurde keineswegs melancholisch. Sie trieb allerlei Kurzweil, hob Tannenzapfen auf, pflückte Blumen und legte sie an einer nahen Kapelle nieder.

Aurelie bewegte sich mit großer Anmut. Sie unterhielt sich leise mit einem kleinen Hund oder mit einer Katze, die schmeichlerisch um ihre Knöchel strich. Insgeheim legte sie etwas Rot auf und puderte sich; dann bemühte sie sich wieder, den Puder zu verwischen – es mußte wohl verboten sein.

Am achten Tage überstieg sie die Mauer und gelangte zur äußersten Terrasse, an deren Ende sich eine Hecke befand.

Am neunten ging sie mit einem Buch in der Hand an denselben Ort. Da entschloß sich Raoul endlich, sie am neunten Tage während der Pause zu sprechen.

Er mußte sich erst durch das dichte Unterholz schleichen, das den Waldrand einfaßte, dann mußte er einen Teich überqueren. Der Sankt-Marien-Bach mündet hinein wie in ein großes Becken, bevor er dann wieder unterirdisch weitergeht. An einem Pfahl war ein morscher Kahn befestigt; mit Hilfe von alten Rudern gelang es ihm so, eine kleine Bucht zu erreichen, die sich unmittelbar unter der Terrasse befand.

Die Terrassenmauer bestand aus flachen Steinen, die einfach übereinandergelegt waren; in den Fugen blühten wilde Blumen. Regenfälle hatten Sandstreifen abgesetzt und stufenartige Auswaschungen gebildet, die von den Jungen der Umgebung mit Vorliebe zu Kletterkunststücken benutzt wurden. Raoul gelangte mühelos nach oben. Auf der Terrasse befand sich eine Sommerlaube mit Sitzgelegenheiten. In der Mitte stand eine hübsche Terrakottavase.

Er hörte das Summen der Pause. Dann trat Stille ein. Er vernahm Schritte, die sich näherten. Eine Stimme sang leise eine Romanze. Er spürte, wie sein Herz klopfte. Was würde sie sagen, sobald sie ihn sähe?

Geräusch. Zweige wurden auseinandergebogen wie ein Vorhang, durch den man ein Zimmer betritt. Es war Aurelie.

Sie blieb stehen, hörte auf zu singen, und ihre ganze Haltung drückte äußerste Verblüffung aus. Ihr Buch, ihr Strohhut, den sie mit Blumen gefüllt hatte, fielen zu Boden. Sie rührte sich nicht – in ihrem einfachen Kleide eine rührende und zarte Silhouette ...

Sie erkannte Raoul erst etwas später. Sie errötete, wich zurück und flüsterte:

»Gehen Sie ... Gehen Sie ...«

Es fiel ihm gar nicht ein, ihrer Aufforderung nachzukommen; er schien gar nicht gehört zu haben, was sie gesagt hatte. Er betrachtete sie schweigend mit unsagbarem Vergnügen.

Da wiederholte sie energisch:

»Gehen Sie!«

»Nein.«

»Dann soll ich gehen?«

»Dann komme ich mit. Dann kehren wir gemeinsam ins Kloster zurück.«

Sie drehte sich um, als wollte sie fliehen. Er trat näher und packte sie beim Arm.

»Rühren Sie mich nicht an!« fuhr sie empört auf und versuchte, sich freizumachen. »Ich verbiete Ihnen, mich anzufassen – ich verbiete Ihnen, sich auch nur in meiner Nähe aufzuhalten.«

Er war von ihrer Heftigkeit überrascht:

»Warum denn?«

Sie antwortete sehr leise:

»Ich hasse Sie.«

Ihre Antwort war so außergewöhnlich, daß er lächeln mußte.

»So sehr hassen Sie mich?«

»Ja.«

»Noch mehr als Marescal?«

»Ja.«

»Noch mehr als Guillaume aus der Villa Tarandoni?«

»Ja, ja, ja!«

»Immerhin haben diese Menschen Ihnen allerhand antun wollen, und ohne ...«

Sie schwieg. Sie hatte ihren Hut aufgehoben und drückte ihn gegen den unteren Rand ihres Gesichts, so daß er ihre Lippen nicht sehen konnte. Damit war ihr ganzes Benehmen erklärt. Sie haßte ihn nicht, weil er der Zeuge ihrer Verbrechen war, sondern weil er sie in seinen Armen gehalten und sie auf den Mund geküßt hatte. Eine etwas seltsame Scheu bei einem Menschen, der so viele Verbrechen begangen hatte!

Trotzdem wich Raoul einige Schritte zurück und sagte:

»Sie müssen jene Nacht vergessen! Ich bin auch gar nicht hierhergekommen, um Sie an diese Dinge zu erinnern. Der Zufall hat mich Ihnen in den Weg geführt und mir gleich beim ersten Schritt ermöglicht, Ihnen nützlich zu sein. Weisen Sie meine Hilfe also nicht zurück. Mehr denn je droht Ihnen Gefahr. Was vermögen Sie allein gegen Ihre erbitterten Feinde?«

»Gehen Sie!«

Sie blieb unbeweglich stehen und vermied es, Raoul anzusehen. Sie ging nicht fort.

»Gehen Sie! Hier habe ich Ruhe gefunden. Sie haben mit allen diesen Dingen zu tun gehabt ... mit allen diesen ... Höllendingen ...«

»Gott sei Dank!« entgegnete er. »Ich werde auch mit den kommenden Dingen zu tun haben. Glauben Sie, daß man Sie nicht sucht? Glauben Sie, daß Marescal auf Sie verzichtet? Er sucht nach Ihnen. Und er wird Sie finden. Wenn Sie hier einige glückliche Kindheitsjahre verlebt haben, wie ich vermute, so wird Marescal das in Erfahrung bringen und Sie zu finden wissen.«

Er sprach sehr sanft, aber so eindringlich, daß sie sich der Wirkung seiner Worte nicht entziehen konnte. Es klang schon viel unsicherer und zögernder:

»Gehen Sie ...«

»Gewiß, aber ich werde morgen wieder da sein und übermorgen, und Sie an jedem Tage zur gleichen Stunde erwarten. Ich will nichts wissen, und die Wahrheit wird ganz von allein an den Tag kommen. Aber es gibt andere Dinge, die im Augenblick viel wichtiger sind, über die ich Fragen an Sie stellen muß, und diese Fragen werden Sie beantworten müssen. Mehr wollte ich Ihnen heute nicht sagen. Denken Sie nach, aber seien Sie ganz ruhig. Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, daß ich immer da bin. Sie brauchen nicht zu verzweifeln.«

Ohne ein Wort zu sagen, ohne auch nur mit dem Kopfe zu nicken, ging sie. Raoul beobachtete sie: sie ging die Terrassen hinunter und bog in die Lindenallee ein. Als er sie nicht mehr sah, hob er einige von den Blumen auf; dann mußte er über sich selbst lächeln.

Er ging zurück, wie er gekommen war, überquerte den Teich und ging im Walde spazieren. Er wurde das Bild der Dame mit den grünen Augen nicht los.

Am nächsten Tage ging er wieder zur Terrasse. Aurelie kam nicht, ebensowenig an den beiden folgenden Tagen. Aber am vierten Tage bog sie das Laub auseinander, ohne daß er ihr Kommen hatte hören können.

Er begriff an ihrer Haltung, daß er sich nicht bewegen, daß er kein Wort sagen dürfe, falls er sie nicht verjagen wollte. Sie war wie am ersten Tage eine Gegnerin, die sich dagegen wehrt, daß ihr Gegner ihr Gutes erwiesen hat.

Ihre Stimme war jedoch weniger hart, als sie mit halbabgewandtem Kopfe sagte:

»Ich hätte nicht kommen sollen. Der guten Schwestern wegen hätte ich es nicht tun sollen. Aber dann dachte ich mir wieder, daß ich ... Ihnen danken müßte ... und vielleicht behilflich sein könnte ... Und dann habe ich auch Angst ... ja, große Angst wegen all der Dinge, die Sie mir gesagt haben. Fragen Sie also – ich will antworten.«

»Auf alle Fragen?« sagte er.

»Nein, nicht auf alle«, entgegnete sie beklommen, »nicht über die Nacht von Beaucourt ... sonst ja ... Und bitte, machen Sie es kurz ... Was wollen Sie wissen?«

Raoul dachte nach. Die Fragen waren schwer zu stellen, da sie alle Licht in das Dunkel bringen sollten und das Mädchen selbst zu zusammenhängenden Aussagen nicht zu bringen war.

Er begann:

»Wie heißen Sie?«

»Aurélie ... Aurélie d'Asteux.«

»Woher kommt der Name Léonie Balli? Ist das ein Pseudonym?«

»Nein, Léonie Balli existiert wirklich. Sie fühlte sich nicht wohl und war in Nizza geblieben. Unter den Schauspielern, mit denen ich von Nizza nach Marseille reiste, befand sich ein Bekannter, mit dem ich im vergangenen Jahre bei einer Liebhaberaufführung die ›Veronika‹ gespielt hatte. Da haben mich dann alle gebeten, für Léonie Balli einzuspringen. Sie waren so verzweifelt, daß ich ihrem Drängen schließlich nachgab. Der Direktor in Toulouse wurde eingeweiht, und er ließ absichtlich in letzter Minute keine neuen Plakate drucken. Und so wurde ich allgemein für die Balli gehalten.«

Raoul sagte:

»Sie sind also nicht Schauspielerin ... das ist auch besser so ...«

Sie runzelte die Brauen:

»Bitte fragen Sie weiter!«

»War der Mann, der beim Verlassen der Konditorei auf dem Boulevard Haussmann drohend den Stock gegen Marescal hob, Ihr Vater?«

»Mein Stiefvater.«

»Wie heißt er?«

»Brégeac.«

»Was ist er?«

»Leiter der Rechtsabteilung im Ministerium des Innern.«

»Folglich der direkte Vorgesetzte von Marescal?«

»Ganz recht. Sie haben einander nie recht leiden mögen. Marescal, der vom Minister stark unterstützt wird, möchte meinen Stiefvater gern überflügeln, und mein Stiefvater möchte sich seiner gern entledigen.«

»Und Marescal liebt Sie?«

»Er hat um meine Hand angehalten. Ich habe ihm einen Korb gegeben. Mein Stiefvater hat ihm das Haus verboten. Er haßt uns und hat geschworen, sich an uns zu rächen.«

»Und an einem anderen. Wie heißt der Mann von der Villa Tarandoni?«

»Jodot.«

»Beruf?«

»Das weiß ich nicht. Er besuchte ab und zu meinen Stiefvater.«

»Und der dritte?«

»Guillaume Ancivel, der ebenfalls bei uns verkehrte. Er arbeitet an der Börse und macht Geschäfte.«

»Die mehr oder weniger krumm sind?«

»Ich weiß nicht ... vielleicht ...«

Raoul faßte zusammen:

»Das sind also Ihre drei Gegner ... andere sind doch nicht vorhanden ... oder doch?«

»Gewiß. Mein Stiefvater.«

»Der Mann Ihrer Mutter?«

»Meine arme Mutter ist tot.«

»Und diese Leute verfolgen Sie alle aus demselben Grunde? Wahrscheinlich wegen des Geheimnisses, das Sie von einem dieser Menschen wissen?«

»Ja, mit Ausnahme von Marescal, der keine Ahnung hat und nur seine Rache kennt.«

»Können Sie mir einige Angaben, wenn nicht über das Geheimnis selbst, so wenigstens über die damit verknüpften Zusammenhänge machen?«

Sie dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie:

»Ja, das kann ich. Ich kann Ihnen sagen, was die anderen wissen und warum sie so erbittert sind.«

Aurelie, die bis dahin ruhig und nüchtern gesprochen hatte, schien für die nun kommenden Mitteilungen mehr Interesse zu zeigen:

»Mein Vater war der Vetter meiner Mutter und ist vor meiner Geburt gestorben. Er hinterließ ein geringes Vermögen, dazu kam eine Rente, die uns mein Großvater d'Asteux ausgesetzt hatte, Mamas Vater, ein wundervoller Mensch, Künstler, Erfinder, der immer Entdeckungen machte und Geheimnisse erforschte und der wegen seiner angeblich wunderbaren Entdeckungen ununterbrochen auf Reisen war. Ich habe ihn noch gekannt und höre noch, wie er mir immer gesagt hat:

›Die kleine Aurelie wird eines Tages sehr reich sein. Für sie arbeite ich ja einzig und allein.‹

Ich war gerade sechs Jahre alt, als er uns, Mama und mich, bat, zu ihm zu kommen, ohne daß jemand etwas davon erfahren sollte. Eines Abends setzten wir uns in den Zug und blieben zwei Tage bei ihm. Bevor wir abfuhren, sagte meine Mutter zu mir in seiner Gegenwart:

›Aurelie, du darfst keinem Menschen jemals sagen, wo du während dieser zwei Tage gewesen bist oder was du gemacht oder gesehen hast. Von heute ab bist auch du in dieses Geheimnis eingeweiht, und wenn du zwanzig Jahre alt bist, wird dieses Geheimnis dich sehr reich machen.‹

›Sehr reich‹, bestätigte mein Großvater. ›Schwöre uns also, daß du zu niemandem davon sprechen wirst.‹

›Zu niemandem,‹ fügte meine Mutter hinzu, ›außer zu dem Manne, den du eines Tages lieben wirst und zu dem du das Vertrauen hast, daß er ebenso sicher ist wie du selbst.‹

Ich leistete alle Eide, die man von mir verlangte. Die Unterhaltung hatte großen Eindruck auf mich gemacht und ich weinte.

Einige Monate später verheiratete sich Mama zum zweiten Male mit Brégeac. Es war eine Heirat, die nicht glücklich war und sehr bald endete. Im Laufe des folgenden Jahres starb meine arme Mutter an einer Brustfellentzündung. Unmittelbar vor ihrem Tode steckte sie mir ein Stück Papier zu, das alle Angaben über die Gegend enthielt, in die wir seinerzeit gereist waren, und mir auseinandersetzte, wie ich mich zu benehmen hätte, sobald ich zwanzig Jahre alt wäre. Fast zur gleichen Zeit starb auch mein Großvater d'Asteux. Mein Stiefvater entledigte sich meiner, indem er mich hier in dieses Marienkloster schickte. Ich war sehr traurig, da ich ganz allein war, aber die Kenntnis eines wichtigen Geheimnisses gab mir Kraft. Es war an einem Sonntag. Ich suchte eine einsame Stelle, und ich kam hier auf die Terrasse, um einen Plan auszuführen, den mein Kinderhirn ausgebrütet hatte. Die von meiner Mutter gemachten Angaben wußte ich auswendig. Wozu sollte ich ein Dokument aufheben, von dem ich überzeugt war, daß alle Welt es kennenlernen würde, wenn ich es bei mir behielte? Ich verbrannte es in dieser Vase.«

Raoul hob den Kopf.

»Und Sie haben die Angaben vergessen?«

»Ja. Nach und nach habe ich mich hier eingewöhnt, und inmitten all der Liebe, mit der man mich umgab, sind sie aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich habe den Namen der Gegend vergessen, den Ort, die Eisenbahnstrecke, die dorthin führt, und auch die Dinge, die ich zu tun hatte ... alles.«

»Wirklich alles?«

»Mit Ausnahme einiger Landschaften und einiger Eindrücke, die sich mir besonders deutlich eingeprägt hatten ... Bilder, die ich immer vor Augen gehabt habe ... einiger Glockenklänge, die ich noch immer zu hören vermeine, als ob sie niemals zu läuten aufhörten.«

»Und diese Eindrücke, diese Bilder wollen Ihre Feinde kennenlernen, weil sie hoffen, dann hinter Ihr Geheimnis zu kommen?«

»Ja.«

»Woher wußten sie denn überhaupt etwas?«

»Meine Mutter hatte die Unvorsichtigkeit begangen, einige Briefe, in denen mein Großvater Andeutungen über das mir anvertraute Geheimnis gemacht hatte, nicht zu vernichten. Während der zehn Jahre, die ich hier verbrachte – vielleicht sind es die schönsten Jahre meines Lebens gewesen – sprach Brégeac, der die Briefe an sich genommen hatte, niemals von ihnen. Aber am gleichen Tage, an dem ich nach Paris zurückkehrte, vor etwa zwei Jahren, fragte er mich. Ich sagte ihm, was ich auch Ihnen gesagt habe. Das war mein gutes Recht, ich wollte jedoch keine jener verschwommenen Erinnerungen preisgeben, die ihn auf die richtige Fährte hätten bringen können. Von diesem Augenblick an wurde ich ununterbrochen verfolgt, es gab Vorwürfe, Streitigkeiten, entsetzliche Wutausbrüche ... bis zu dem Moment, wo ich mich zu meiner Flucht entschloß.«

»Allein?«

Sie errötete.

»Nein«, sagte sie. »Guillaume Ancivel machte mir den Hof, sehr zurückhaltend, so etwa, wie einer, der sich nur nützlich machen will, und dabei weiß, daß er niemals belohnt werden wird. So gelang es ihm, wenn auch nicht meine Zuneigung, so immerhin mein Vertrauen zu erringen, und ich war so töricht, ihm meine Fluchtpläne zu erzählen.«

»Er gab Ihnen gewiß recht?«

»Er unterstützte mich so gut er konnte, half mir bei den Vorbereitungen und verkaufte einige Schmucksachen und Effekten, die ich noch von meiner Mutter hatte. Am Tage vor meiner Abreise wußte ich nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da sagte Guillaume: ›Ich komme aus Nizza und muß morgen wieder nach Nizza zurück. Soll ich Sie begleiten? Ruhiger als an der Riviera ist es jetzt nirgends.‹ Warum hätte ich sein Anerbieten ablehnen sollen? Ich liebte ihn zwar nicht, aber er schien mir aufrichtig und ehrlich zugetan zu sein. Ich nahm an.«

»Wie unvorsichtig!«

»Ganz recht«, sagte sie. »Aber was sollte ich tun? Ich war allein, ich war unglücklich und fühlte mich verfolgt. Hier bot sich eine Stütze ... wenigstens für einige Stunden, schien mir. Wir reisten also ab.«

Aurelie zögerte etwas. Dann fuhr sie schnell fort:

»Die Reise war fürchterlich ... aus Gründen, die Ihnen bekannt sind. Als Guillaume mich in den Wagen warf, den er dem Arzt geraubt hatte, war ich am Ende meiner Kräfte. Er konnte mich hinschleppen, wohin er wollte; so ging es zunächst zum nächsten Bahnhof; und da wir bereits Fahrkarten hatten, fuhren wir nach Nizza, wo ich mir mein Gepäck abholte. Ich war im Fieber, es war wie ein Delirium. Ich handelte, ohne mir meiner Handlungen bewußt zu werden. Diesen Zustand benutzte er, um sich am nächsten Tage in meiner Begleitung in eine Besitzung zu begeben, wo er sich Wertpapiere holen wollte, die ihm gestohlen worden waren. Ich dachte an nichts. Ich gehorchte. In dieser Villa wurde ich von Jodot überfallen und entführt ...«

»Und zum zweiten Male von mir gerettet; ich wurde prompt zum zweiten Male ... durch Ihre Flucht belohnt! Lassen wir das. Auch Jodot wollte Angaben gemacht haben, nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Und dann?«

»Ich kehrte ins Hotel zurück, wo Guillaume mich anflehte, ihm nach Monte Carlo zu folgen.«

»Aber in diesem Augenblick wußten Sie doch über den Menschen Bescheid?«

»Woher? Man erkennt, wenn man hinsieht. Ich lebte doch seit zwei Tagen in einer Art Wahnsinn und war durch Jodots Überfall fast um den Verstand gebracht worden. Ich folgte Guillaume also, ohne ihn nach dem Zweck der Reise zu fragen. Ich war wehrlos, schämte mich meiner Feigheit; die Gegenwart dieses Menschen, der mir fremder und fremder wurde, lastete auf mir ... Was habe ich in Monte Carlo eigentlich getan? Ich weiß es selbst nicht. Guillaume hatte mir Briefe anvertraut, die ich ihm im Flur eines Hotels übergeben sollte und die er an einen Herrn weitergeben sollte. Was für Briefe? An was für einen Herrn? Warum war Marescal da? Und wie kam es, daß Sie mich ihm entrissen haben? All das ist mir völlig unklar. Immerhin war mein Instinkt wieder wach geworden. Ich wurde immer feindseliger gegen Guillaume. Ich verabscheute ihn. Und ich verließ Monte Carlo mit dem festen Entschluß, mit ihm zu brechen und mich hier zu verbergen. Er verfolgte mich bis Toulouse, und als ich ihm am frühen Nachmittag mitteilte, daß ich fest entschlossen sei, ihn zu verlassen und nichts, aber auch nichts mich wankend machen könne, antwortete er mir kalt und hart, ohne mit der Wimper zu zucken:

›Gut. Trennen wir uns. Im Grunde ist es mir gleich. Aber ich stelle eine Bedingung.‹

›Eine Bedingung?‹

›Ja. Ich habe gehört, wie Ihr Stiefvater eines Tages von einem Geheimnis sprach, das er Ihnen hinterlassen hat. Sagen Sie mir dieses Geheimnis, und Sie sind frei.‹

Da verstand ich alles. Seine Beteuerungen, seine Fürsorge, alles war Lüge. Er hatte nur einen Zweck verfolgt: Früher oder später durch Liebe oder durch Drohungen hinter mein Geheimnis zu kommen, das auch Jodot mir entreißen wollte.«

Sie schwieg. Raoul beobachtete sie. Er war fest davon überzeugt, daß sie die Wahrheit gesagt hatte. Und er fragte sie:

»Wollen Sie genau wissen, was das für ein Mensch ist?«

Sie schüttelte den Kopf:

»Muß das sein?«

»Es ist besser. Die Wertpapiere, die er in der Villa Tarandoni in Nizza suchte, waren gar nicht sein Eigentum. Er wollte sie stehlen. In Monte Carlo verlangte er hunderttausend Franken für die Herausgabe der kompromittierenden Briefe. Ein Dieb und Erpresser. Jetzt kennen Sie den Menschen ganz.«

Aurelie widersprach nicht mehr. Sie hatte die Wirklichkeit wohl schon längst geahnt, und das brutale Feststellen der Tatsachen konnte sie nicht mehr erschüttern.

»Sie haben mich vor ihm bewahrt, ich danke Ihnen.«

»Sie hätten nur schon früher Vertrauen zu mir haben sollen! Mein Gott, was haben wir für Zeit verloren!«

Sie wollte bereits gehen, drehte sich aber noch einmal um:

»Warum sollte ich Vertrauen zu Ihnen haben? Wer sind Sie? Ich kenne Sie nicht. Marescal, der Sie verdächtigt, weiß nicht einmal Ihren Namen. Sie haben mich gerettet – weswegen? Wozu? Ich weiß nichts. Ich begreife nichts. Seit zwei oder drei Wochen umgibt mich eine Mauer von Dunkelheit. Ich muß allem und allen mißtrauen.«

Er ließ sie gehen.

Auch er ging und dachte:

Sie hat die fürchterliche Nacht mit keinem einzigen Wort erwähnt. Miß Bakefield ist tot. Zwei Männer sind ermordet worden. Und ich habe sie maskiert und in Männerkleidung gesehen.

Auch für ihn war alles geheimnisvoll und unerklärlich. Auch er war von einer Mauer von Dunkelheit umgeben.

Zwei Tage sah er sie nicht. Dann kam sie wieder drei Tage hintereinander, ohne eine Erklärung zu geben, aber er hatte das Gefühl, sie sei gekommen, um gleichsam Schutz zu suchen.

Zuerst blieb sie zehn Minuten, dann fünfzehn, dann eine halbe Stunde. Sie sprachen wenig. Wider Willen wurde sie vertrauensvoller. Sie war weniger abwesend, es kam sogar vor, daß sie Fragen an ihn stellte. Kamen sie jedoch im Gespräch irgendwie auf Ereignisse, die mit der Nacht von Beaucourt zusammenhingen, so war sie sofort wieder verwirrt und verstört. Allmählich wurde sie freier, dann sprach sie am liebsten von ihrer Kindheit, von den sorglosen Tagen, die sie hier in Sainte-Marie verlebt habe, und von dem Frieden, den sie an dieser Stätte wiederzufinden hoffe.

Er bestärkte sie in dieser Zuversicht. Ihre Feinde hatten augenscheinlich ihre Spur verloren. Zwei, drei Wochen friedlichen Lebens vergingen ungetrübt. Er selbst fürchtete sich bisweilen vor dieser Ruhe. Aber nur zu gern überließ er sich diesem trügerischen Frieden.

Das Erwachen war entsetzlich genug. Als sie eines Nachmittags nebeneinander standen und auf den Teich blickten, hörten sie, wie eine Stimme in weiter Entfernung rief:

»Aurelie! ... Aurelie! ... Wo ist Aurelie?«

»Mein Gott!« sagte das junge Mädchen sehr unruhig, »warum ruft man mich?«

Sie lief zum äußersten Ende der Terrasse und sah in der Lindenallee eine Nonne.

»Hier bin ich! Hier! Was ist denn los, Schwester?«

»Ein Telegramm, Aurelie.«

»Ein Telegramm? Bemühen Sie sich nicht, Schwester. Ich komme zu Ihnen.«

Als sie wenige Augenblicke später die Laube wieder betrat, war sie vollkommen außer Fassung.

»Von meinem Stiefvater.«

»Brégeac?«

»Ja.«

»Sie sollen zurückkommen?«

»Nein, aber er kann jede Minute hier eintreffen.«

»Warum?«

»Er will mich abholen.«

»Unmöglich!«

»Da ...«

Er las die beiden Zeilen (das Telegramm war aus Bordeaux):

»Eintreffe vier Uhr. Reisen sofort gemeinsam weiter.
Brégeac.«

Raoul dachte nach; dann fragte er:

»Haben Sie ihm geschrieben, daß Sie hier sind?«

»Nein, aber er holte mich in den Ferien hier immer ab, und er wird wohl angefragt haben ...«

»Was wollen Sie tun?«

»Was kann ich tun?«

»Sich weigern, ihm zu folgen.«

»Die Oberin wird mich nicht hierbehalten wollen.«

»Dann müssen Sie jetzt sofort abreisen.«

»Wie? Abreisen? Dieses Kloster wie eine Schuldige verlassen? Damit würde ich den guten Frauen hier zu großen Kummer bereiten. Sie lieben mich, als wäre ich ihre Tochter. Nein, das niemals!«

Sie war sehr müde. Sie setzte sich auf eine Steinbank. Raoul näherte sich ihr und sagte sehr ernst:

»Ich habe den großen Fehler begangen, in den letzten Wochen unaufmerksam zu werden und nicht so auf Ihren Schutz bedacht zu sein, wie ich es hätte tun sollen. Ich hätte mißtrauisch bleiben und schon in den ersten Tagen Ihre Abreise durchsetzen müssen, die ich von vornherein für unvermeidbar hielt. Aber meine Empfindungen ... Nein, nein, bleiben Sie nur ... Ich will nichts sagen, was Sie verletzen könnte. Immerhin müssen Sie fühlen, daß ich für Sie sorge, wie ein Mann für eine Frau sorgt ..., die alles für ihn bedeutet. Und Sie müssen nicht nur Vertrauen zu mir haben, Sie müssen mir auch bedingungslos gehorchen. Denn es handelt sich um Ihre Rettung. Begreifen Sie das jetzt?«

»Ja«, sagte sie einfach.

»So hören Sie. Nehmen Sie Ihren Vater ohne jeden Widerspruch auf. Kein Streit. Keine Unterhaltung. Kein Wort. Auf diese Weise können Sie keine Fehler begehen. Kein Wort. Reisen Sie mit ihm. Kehren Sie nach Paris zurück. Am Abend Ihrer Ankunft gehen Sie unter irgendeinem Vorwand aus. Eine ältere Dame mit weißen Haaren wird Sie in unmittelbarer Nähe Ihrer Wohnung in einem Automobil erwarten. Ich werde Sie beide in die Provinz bringen, an einen Zufluchtsort, wo niemand Sie aufspüren wird, und ich werde erst zu Ihnen zurückkehren, wenn Sie mich rufen. Einverstanden?«

»Ja«, nickte sie mit dem Kopfe.

»Also auf morgen abend. Und vergessen Sie meine Ratschläge nicht. Was auch geschehen mag, wenn sich das Schicksal scheinbar gegen uns wendet, lassen Sie den Mut nicht sinken. Werden Sie nicht unruhig. Wiederholen Sie sich immerzu, daß selbst in der größten Gefahr keine Gefahr für Sie besteht. Ich werde zur Stelle sein. Ich empfehle mich, meine Gnädigste.«

Dann war er verschwunden.

Aurelie hatte sich nicht gerührt.

Eine halbe Minute verging.

In diesem Augenblick hörte sie ein Knistern und hob den Kopf. Das Gebüsch bewegte sich.

Sie wollte schreien, um Hilfe rufen. Sie konnte nicht. Ihre Stimme versagte.

Das Laub bewegte sich stärker. Ein Kopf tauchte auf. Marescal trat aus seinem Versteck.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.