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Die Dame mit den grünen Augen

Maurice Leblanc: Die Dame mit den grünen Augen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Leblanc
titleDie Dame mit den grünen Augen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHans Jacob
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150528
projectid06f706ea
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V. Der Neufundländer

Eine ganze Woche lang wußte Raoul nicht, wohin er das Feld seiner Tätigkeit verlegen sollte. Aufmerksam las er in den Zeitungen die Berichte über den dreifachen Mord im Expreßzug. Er stellte sich daraus das für ihn Wichtige zusammen:

1. In den Augen der Polizei ist der dritte Komplize, der Mann, dem ich eben die Dame mit den grünen Augen entrissen habe und von dem die Polizei keine Ahnung hat, niemand anders als ich! Marescal sorgt dafür, daß ich im schlechtesten Licht dastehe. Ich habe alles organisiert und eingefädelt. Man hat mich nur scheinbar gefesselt und geknebelt – in Wirklichkeit habe ich alle Manöver überwacht und lediglich die Spuren meiner Schuhe hinterlassen.

2. Die anderen Komplizen haben nach der Aussage des Arztes in seinem Wagen ihre Flucht bewerkstelligt. Bis wohin? In der Dämmerung hat man den führerlosen Wagen gefunden. Marescal zögert keinen Augenblick. Er bezeichnet als den einen Täter eine hübsche junge Frau, gibt jedoch ihr Signalement nicht in allen Einzelheiten, obwohl er dazu in der Lage wäre, um sich später das ausschließliche Verdienst ihrer Entlarvung und Verhaftung vorzubehalten.

3. Die beiden Ermordeten sind identifiziert worden. Es handelt sich um die Gebrüder Arthur und Gaston Loubeaux, Vertreter einer Sektfirma, ansässig in Neuilly an der Seine.

4. Ein wichtiger Punkt: der Revolver, mit dem die beiden Brüder ermordet worden sind; er wurde im Gang gefunden und bildet einen wertvollen Hinweis. Er war vierzehn Tage vor der Tat von einem schlanken jungen Mann gekauft worden, der von seiner Begleiterin, einer jungen Dame, Guillaume angeredet wurde.

5. Miß Bakefield. Gegen sie liegt nichts vor. Marescal, der keine Beweise hat, wagt sich nicht vor und schweigt. In der Londoner Gesellschaft und an der Riviera aufs beste bekannt, wollte sie als einfache Reisende zu ihrem Vater nach Monte Carlo. Das ist alles. Hat man sie aus Versehen ermordet? Vielleicht. Warum aber sind die Gebrüder Loubeaux ermordet worden? In diesem Punkt und in allem übrigen keinerlei Anhaltspunkte oder die stärksten Widersprüche.

Raoul ließ den Dingen ihren Lauf, bis er eines Tages in der Provinzzeitung folgende Notiz las:

»Nachdem Lord Bakefield in der Heimat der Beisetzung seiner unglücklichen Tochter beigewohnt hat, ist er nach Monte Carlo zurückgekehrt und wohnt wie gewöhnlich im Bellevue-Palace.«

Am gleichen Abend bezog Raoul im Bellevue-Palace das an die drei vom Lord Bakefield bewohnten Räume grenzende Zimmer. Alle Fenster gingen nach dem Garten; jedes Zimmer hatte seinen kleinen Balkon; diese Räume im Erdgeschoß lagen dem Hoteleingang genau entgegengesetzt.

Am nächsten Tage sah er den Engländer, als er sein Zimmer verließ. Es war ein noch verhältnismäßig junger, etwas schwerfälliger Mann, dessen Nervosität und Niedergeschlagenheit deutlich in zerfahrenen Bewegungen zum Ausdruck kamen.

Zwei Tage später hatte Raoul die Absicht, ihm seine Karte zu schicken und ihn um eine vertrauliche Unterredung zu bitten – da sah er jemanden an des Engländers Tür klopfen: Marescal.

Diese Tatsache verblüffte ihn keineswegs. Da er selbst diesen Weg gehen wollte, um weiterzukommen, war er nicht erstaunt, daß auch Marescal von Konstanzes Vater Weiteres erfahren wollte.

Er öffnete die eine der gepolsterten Türen zum Nebenzimmer. Aber er konnte nichts hören.

Am nächsten Tage fand eine zweite Unterredung statt. Raoul hatte in der Zwischenzeit das Zimmer des Engländers betreten und auf der anderen Seite den Riegel der Verbindungstür zurückschieben können. Von seinem aus machte er nun auch die zweite Tür sehr behutsam auf; es war sehr günstig, daß auf des Engländers Seite ein Vorhang über der Verbindungstür hing. Abermals ein Mißerfolg. Die beiden sprachen so leise, daß er nicht ein einziges Wort verstehen konnte.

So verlor er drei Tage, in denen der Engländer und der Beamte zahlreiche Unterredungen miteinander hatten und gemeinsame Spaziergänge im Garten machten, die ihn lebhaft beunruhigten. Welchen Zweck verfolgte Marescal? Lord Bakefield mitteilen, daß seine Tochter eine Diebin gewesen war – daran konnte Marescal nichts liegen. Er mußte also etwas anderes im Auge haben.

Der Gedanke, daß der Lord in eine Falle gelockt werden sollte, wurde dadurch bestärkt, daß Raoul plötzlich auch Guillaume und die Dame mit den grünen Augen auftauchen und wieder verschwinden sah. Zweifellos waren auch sie von der Anwesenheit des Engländers angelockt worden.

Eines Morgens hörte Raoul, wie es nebenan mehrmals stark läutete, und es gelang ihm, die Bruchstücke einer telephonischen Unterhaltung mit anzuhören:

»Gut, einverstanden. Heute um drei Uhr im Garten des Hotels. Das Geld steht zu Ihrer Verfügung, mein Sekretär wird es Ihnen gegen die vier Briefe aushändigen, von denen Sie sprechen.«

Vier Briefe ... und Geld ..., sagte sich Raoul, das sieht mir sehr nach einer Erpressung aus ... Da wird es sich wohl um den ehrenwerten Herrn Guillaume handeln ... Als Komplize von Miß Bakefield versucht er heute ihre Korrespondenz zu Gelde zu machen.

Diese Vermutung rechtfertigte auch Marescals Anwesenheit. Zweifellos war der Lord bedroht worden, und er hatte den Kommissar um seinen Beistand gebeten. Und Marescal lockte den Verbrecher in eine Falle, um seiner Sache ganz sicher zu sein. Gut. Das konnte Raoul ganz gleich sein. Was aber hatte die Dame mit den grünen Augen damit zu tun? Was sollte er gegebenenfalls tun? Sie wieder retten? Das wollte er nicht. Was dann? Sie von Marescal fangen lassen?

An diesem Tage behielt der Lord den Kommissar zum Frühstück im Hotel. Nach dem Essen gingen sie in den Garten und spazierten in lebhafter Unterhaltung herum. Um dreiviertel drei Uhr kehrte der Beamte in die Gemächer des Engländers zurück. Der Lord selbst setzte sich auf eine Bank, die in der Nähe des Eingangs stand.

Raoul überwachte die Vorgänge von seinem Fenster aus.

Guillaume erschien nach einer Weile. Er war allein und näherte sich vorsichtig dem Eingange. Das junge Mädchen nahm also an dieser Expedition nicht teil, man konnte vielleicht sogar vermuten, daß sie von Guillaumes Vorgehen keine Ahnung hatte.

Die Begegnung zwischen den beiden Männern war überaus kurz, da die Bedingungen ihres Handelns vorher besprochen worden waren. Beide näherten sich den Zimmern des Lords; Guillaume war etwas unruhig, der Lord schien überaus nervös.

Auf der Terrasse äußerte der Engländer:

»Treten Sie näher. Ich wünsche mit diesen unsauberen Dingen nichts mehr zu tun zu haben. Mein Sekretär weiß Bescheid; entspricht der Inhalt der Briefe Ihren Angaben, so wird er Ihnen die vereinbarte Summe auszahlen.«

Dann ging er fort.

Raoul hatte sich hinter der Doppeltür auf den Anstand gelegt. Er war auf einen Theatercoup gefaßt, dann fiel ihm jedoch ein, daß Guillaume Marescal nicht kannte und ihn für Lord Bakefields Sekretär halten mußte. Er hörte auch, wie Marescal laut und deutlich sagte:

»Hier sind fünfzigtausend Franken in Noten und ein Scheck über den gleichen Betrag auf London. Haben Sie die Briefe?«

»Nein!« sagte Guillaume.

»Wie soll ich das verstehen? In diesem Falle haben Sie sich vergeblich bemüht: ich habe genaue Anweisungen. Gegen die Briefe soll ich nach Prüfung das Geld auszahlen, Zug um Zug.«

»Ich werde sie Ihnen zusenden.«

»Sie sind wohl nicht bei Verstande – oder glauben Sie, daß Sie uns hereinlegen können?«

Guillaume ging einen Schritt weiter.

»Ich habe die Briefe, aber ich habe sie nicht bei mir.«

»Und?«

»Einer meiner Freunde hat sie in Verwahrung.«

»Wo befindet sich dieser Freund?«

»Im Hotel. Ich werde ihn holen.«

»Das hat keinen Zweck«, sagte Marescal, der das Manöver durchschaute und der Sache ein Ende machen wollte.

Er läutete. Das Stubenmädchen kam, und er sagte:

»Bitten Sie doch das junge Mädchen her, das draußen wartet. Sagen Sie ihr, Sie kämen im Auftrage des Herrn Guillaume.«

Guillaume fuhr zusammen. Man wußte seinen Namen.

»Was bedeutet das? Das widerspricht meinen Abmachungen mit Lord Bakefield. Die Dame, die auf mich wartet, hat hier gar nichts zu suchen ...«

Er wollte das Zimmer verlassen. Aber Marescal vertrat ihm den Weg und machte, ohne daß man ihn von draußen sehen konnte, die Tür auf. Das junge Mädchen trat zögernd ein und fuhr zusammen, als hinter ihr die Tür plötzlich zugeschlagen und abgeschlossen wurde. Im gleichen Augenblick packte eine Faust sie an der Schulter. Sie stöhnte:

»Marescal!«

Bevor sie noch diesen fürchterlichen Namen ausgesprochen hatte, machte Guillaume sich die Verwirrung zunutze, stieß die ohnedies nur angelehnte Fenstertür auf und floh durch den Garten. Marescal kümmerte sich gar nicht um ihn. Ihm lag nur an dem jungen Mädchen, das wankend und totenblaß vor ihm stand. Er entriß ihr ihre Handtasche und sagte:

»Dieses Mal kann Sie niemand retten. Mitten in der Mausefalle, was?«

Er suchte in der Tasche und brummte:

»Wo sind die Briefe? Macht man jetzt in Erpressung, wie? Wie weit ist es mit Ihnen gekommen! Was für eine Schande!«

Das junge Mädchen sank in einen Sessel. Da er nichts fand, wurde er grob.

»Her mit den Briefen! Wo sind sie? Am Körper versteckt?«

Mit einer Hand zerriß er den dünnen Stoff ihres Kleides und wollte mit der anderen Hand suchen, wo die Briefe versteckt sein konnten, als er sich plötzlich einem Kopfe gegenüber sah, der zwischen ihm und dem jungen Mädchen auftauchte, einem sonderbaren Kopfe, dessen rechtes Auge nervös blinzelte und in dessen ironisch verzogenem Munde eine Zigarette hing.

»Hast du Feuer für mich, Rodolphe?«

Wo hatte Marescal diese Stimme und die gleiche Frage schon einmal gehört? Und hatte er sie nicht auch auf seinem Notizblock gelesen? ... Was sollte das bedeuten? Und dieses »Du«! Und das blinzelnde Auge? ...

»Wer sind Sie? ... Was? Der Mann aus dem Zuge? Der dritte Komplize? ... Wie? ... Was? ...«

Marescal war kein Narr. Er hatte sich schon in den schwierigsten Situationen bewährt und hatte auch vor mehreren Gegnern keine Angst.

Dieser Gegner war jedoch etwas Außergewöhnliches. Marescal wurde das unsichere Gefühl der beständigen Unterlegenheit nicht los. Er beschränkte sich folglich auf die Defensive, während Raoul sich sehr ruhig an das junge Mädchen wandte:

»Legen Sie die vier Briefe auf den Kamin ... Der Umschlag enthält doch die vier Briefe? ... Eins ... zwei ... drei ... vier ... Gut. Und dann ab durch die Mitte! Ich hoffe, daß wir uns nicht sobald wiedersehen! Also viel Glück!«

Das junge Mädchen sagte kein Wort und ging.

Raoul fuhr fort:

»Wie du siehst, Rodolphe, kenne ich diese Person mit den grünen Augen. Aber ich bin weder ihr Komplize noch der dritte Mörder, der dir einen so heilsamen Schrecken eingejagt hat. Nein. Ich bin ein biederer Reisender, dem dein eingebildetes Gesicht vom ersten Augenblick an nicht gefallen hat und der sich damit belustigt, dir dein Opfer zu entreißen. Mich interessiert diese junge Dame nicht mehr, und ich bin fest entschlossen, mich nicht mehr um sie zu kümmern. Aber ich will, daß du dich auch nicht mehr um sie kümmerst. Jeder geht seinen Weg. Sie nach rechts, du nach links, ich in der Mitte. Du hast mich doch verstanden, Rodolphe?«

Rodolphe wollte nach seinem Revolver greifen – er konnte die Bewegung jedoch nicht ausführen: Raoul hatte seine Waffe gezogen und hielt sie ihm kaltblütig und entschlossen unter die Nase.

»Darf ich bitten, ins Nebenzimmer zu gehen, Rodolphe. Dort können wir uns rascher verständigen ...«

Er ließ den Kommissar vorangehen und schloß die Tür. Kaum standen sie in Raouls Zimmer, da riß dieser eine Decke vom Tisch und warf sie Marescal wie eine Kapuze über den Kopf. Der andere leistete keinen Widerstand. Hätte er um Hilfe gerufen oder gar versucht, zu läuten, so wußte er genau, daß jeder Versuch eine vernichtende Antwort gefunden hätte. So ließ er sich in Decken und Laken wickeln, die ihn fast erstickten und ihm jede Bewegung unmöglich machten.

»So!« sagte Raoul, als er fertig war. »Wir sind einig. Ich nehme an, daß man dich morgen früh gegen neun Uhr befreien wird. So hast du Zeit zum Nachdenken, und das Fräulein, Guillaume und ich haben Zeit, um uns jeder nach seiner Richtung in Sicherheit zu bringen.«

Er packte ohne jede Eile seinen Koffer und schloß ihn ab. Dann zündete er sich eine Zigarette an und verbrannte die vier Briefe der Engländerin.

»Noch ein Wort, Rodolphe. Laß Lord Bakefield in Ruhe. Da du keine Beweise gegen seine Tochter hast und niemals welche besitzen wirst, sei so klug und spiele Vorsehung. Ich überlasse dir das Tagebuch von Miß Bakefield, das ich in ihrem Brustbeutel gefunden habe. Gib ihm das. Dann wird der Vater die Überzeugung behalten, daß seine Tochter die edelste und reinste Frau der Welt war. Und du tust Gutes damit. Das ist wenigstens etwas. Wegen Guillaume und seiner Helferin sag' dem Lord einfach, es habe sich um eine ganz gewöhnliche Erpressung gehandelt, die gar nichts mit dem Überfall im Zuge zu tun hätte. Du habest sie laufen lassen. Laß übrigens die ganze Angelegenheit laufen, sie ist zu schwer für dich. Du wirst nur Scherereien haben! Adieu, Rodolphe.«

Raoul zog den Schlüssel ab, ging ins Hotelbureau, verlangte seine Rechnung und sagte:

»Reservieren Sie mir mein Zimmer bis morgen. Ich zahle im voraus, falls ich wider Erwarten nicht zurückkehren sollte.«

Als er vor der Tür stand, atmete er auf. Was ging ihn die ganze Geschichte an! Mochte das junge Mädchen sehen, wie sie ihren Hals aus der Schlinge zog!

Als er sie dann im D-Zug nach Paris sah, machte er sich gar nicht bemerkbar und vermied es sogar, sich blicken zu lassen.

In Marseille stieg sie um in den Zug nach Toulouse. Sie befand sich in Gesellschaft von Leuten, die sie unterwegs kennengelernt hatte und die wie Schauspieler aussahen. Guillaume tauchte an ihrer Seite auf.

Gute Reise! dachte Raoul. Ich bin froh, daß ich mit euch nichts zu tun habe!

In der letzten Minute jedoch verließ er sein Abteil und sprang ebenfalls in den Zug nach Toulouse, wo er am nächsten Morgen eintraf.

Nach dem Überfall im Expreß, nach dem Einbruch in die Villa Tarandoni und dem Erpressungsversuch im Bellevue-Palace, nach Vorgängen, die unzusammenhängend und gewaltsam aneinandergereiht zu sein schienen wie die Bilderfolge eines sehr schlechten Theaterstücks, dem der Zuschauer nicht mehr zu folgen vermag, weil jeder logische Faden zu fehlen scheint, nach all diesen überraschenden Ereignissen schien sich ein drittes vorzubereiten, das binnen wenigen Stunden seinen Höhepunkt erreichte wie ein schlechter, ohne jede Psychologie gemachter Film.

In Toulouse erfuhr Raoul von dem Portier des Hotels, in dem das junge Mädchen mit ihren Reisegefährten abgestiegen war, daß diese Leute zur Truppe der Operettensängerin Léonie Balli gehörten, die am gleichen Abend im Stadttheater in »Veronika« auftrat.

Er legte sich auf die Lauer. Gegen drei Uhr verließ das junge Mädchen das Hotel. Sie schien ängstlich und sah sich um, ob jemand ihr folgte. Fürchtete sie, daß Guillaume ihr auf den Fersen sei? Sie eilte auf die nächste Post und schrieb in fieberhafter Eile ein Telegramm, das sie dreimal umschrieb. Als sie die Post verlassen hatte, konnte Raoul mühelos eines der nur einmal in der Mitte durchgerissenen Formulare auflesen und zusammenstellen. Er las:

»Hotel Miramare-Luz-Pyrenäen. Eintreffe morgen ersten Zug. Benachrichtigt Haus.«

Was will sie um diese Zeit mitten im Gebirge, dachte Raoul. »Benachrichtigt Haus.« ... Wohnt ihre Familie in Luz?

Vorsichtig nahm er seine Verfolgung wieder auf und sah, wie sie ins Stadttheater ging, zweifellos, um der Probe beizuwohnen.

Abends saß Raoul im Hintergrunde einer Loge. Beim ersten Auftritt war er sprachlos vor Staunen: die Schauspielerin, die die Veronika spielte, war die Dame mit den grünen Augen!

»Leonie Balli,« sagte sich Raoul, »sollte sie wirklich so heißen? ... Und Operettensängerin in der Provinz?«

Raoul konnte sich gar nicht fassen. Diese Entdeckung war so weit entfernt von allen Vermutungen, mit denen seine Phantasie sich beschäftigt hatte!

Jedenfalls war sie eine bezaubernde Schauspielerin und eine sehr gute Sängerin. Sie war anmutig und voller Gefühl, war verführerisch und zurückhaltend zugleich. Eine kaum wahrnehmbare Unsicherheit erhöhte den Reiz ihres Spiels. Raoul erinnerte sich an seinen ersten Eindruck auf dem Boulevard. Ja, hier mußten zwei Geschicke miteinander vereinigt sein ...

Raoul geriet ganz in den Bann ihrer Rolle. Aber immer wieder tauchte vor seinen Augen die Vision des Geschöpfes auf, das getötet hatte und Guillaumes Helferin war.

Welches von den beiden Bildern war das richtige? Raoul suchte vergeblich, zumal ein drittes Bild alle anderen deckte, nämlich Veronika, die Bühnengestalt, die sie verkörperte, und deren Bewegungen ihn mit Entzücken erfüllten. Allerdings erkannten seine scharfen Augen eine gewisse Unruhe, eine gewisse Ängstlichkeit ...

Vielleicht ist irgend etwas geschehen, sagte sich Raoul. Wahrscheinlich ist zwischen ein und drei Uhr etwas sehr Wichtiges vorgefallen. Dieses Ereignis hat sie auf die Post getrieben und zittert noch jetzt auf der Bühne in ihr nach. Sie denkt daran, sie ist unruhig. Wer anders als Guillaume kann damit zusammenhängen ...

Als der Vorhang über dem letzten Akt gefallen war, wurden der Schauspielerin lebhafte Ovationen bereitet und draußen drängten sich zahlreiche Menschen um den Bühneneingang.

Vor der Tür stand ein Auto. Der einzige Zug, der am nächsten Morgen früh in Pierrefitte-Mestalan, der Bahnstation von Luz, eintreffen konnte, ging um zwölf Uhr fünfzig. Zweifellos wollte sich das junge Mädchen unmittelbar zum Bahnhof fahren lassen, nachdem ihr Gepäck bereits aufgegeben worden war. Auch Raoul hatte seinen Koffer an diesen Zug bringen lassen.

Zwölf Uhr fünfzehn stieg sie ins Auto, das sich langsam in Bewegung setzte. Guillaume hatte sich nicht sehen lassen. Alles ging glatt vonstatten.

Es mochten keine zwanzig Sekunden vergangen sein, als Raoul in plötzlicher Eingebung dem Wagen nachsetzte, ihn erreichte und sich hinten so gut es ging anhing.

Und schon geschah, was er instinktiv gefürchtet hatte. Im Augenblick, als der Wagen in die wenig belebte Bahnhofstraße hätte einbiegen müssen, bog er in entgegengesetzter Richtung auf die Chaussee ab und raste so schnell dahin, daß an ein Abspringen nicht zu denken war. Der Wagen fuhr jedoch nicht allzu weit. Plötzlich wurden die Bremsen angezogen. Der Chauffeur sprang ab, öffnete die Tür und ging in den Wagen.

Raoul hörte einen Aufschrei. Fest überzeugt, daß nur Guillaume der Angreifer sein könne, wollte er zuerst lauschen und womöglich erfahren, um was es sich eigentlich handle. Aber der Angriff schien jedoch eine gefährliche Wendung genommen zu haben und sein Eingreifen erforderlich zu machen.

»So sprich doch!« schrie der Mann. »Ach, du meinst, du kannst dich auf und davon machen! ... Gewiß wollte ich dich hereinlegen, weil du es weißt, und ich werde auch nicht locker lassen ... Los! ... Sprich! ... Sonst! ...«

Raoul klangen die erstickten Schreie der Miß Bakefield im Ohr. Ein zu starker Druck des Daumens, und das Opfer ist tot. Er öffnete rasch entschlossen den Wagenschlag, packte den Gegner am Bein und riß ihn beiseite.

Der andere leistete Widerstand. Raoul brach ihm mit einem Griff den Oberarm.

»Sechs Wochen Ruhe,« sagte er dann, »und belästigst du das junge Mädchen noch einmal, dann breche ich dir das Rückgrat, verstanden? ...«

Er ging wieder an den Wagen heran. Das junge Mädchen verschwand bereits im Dunkeln.

»Lauf nur zu«, sagte Raoul. »Ich weiß, wohin du gehst, du wirst mir nicht entkommen. Aber ich habe es jetzt satt, stets den treuen Neufundländer zu spielen, der das arme Kind rettet und nicht einmal ein Stück Zucker zur Belohnung bekommt! Was ich will, will ich! Und ich will dich! Deine grünen Augen und deine Lippen!«

Er ließ Guillaume beim Auto liegen und eilte zum Bahnhof. Der Zug fuhr ein. Durch zwei überfüllte Abteile voneinander getrennt, reiste er mit der Dame mit den grünen Augen nach Luz.

In Lourdes bog der Zug von der Hauptstrecke ab. Eine Stunde später war man in Pierrefitte-Mestalan, der Endstation.

Kaum war das junge Mädchen ausgestiegen, als es von einer ganzen Schar junger Mädchen umringt wurde, die alle gleichartig gekleidet waren und sich in Begleitung einer Nonne befanden, die eine riesige weiße Haube trug.

»Aurelie! Aurelie!« schrie es durcheinander.

Die Dame mit den grünen Augen ging von einem Arm zum anderen und wurde schließlich besonders herzlich von der Nonne umarmt:

»Wie lieb von dir, daß du gekommen bist! Nicht wahr, jetzt bleibst du wenigstens einen Monat bei uns?«

Draußen wartete ein Break, der den Dienst zwischen Pierrefitte und Luz versieht. Die Dame mit den grünen Augen stieg mit ihrer Gesellschaft ein und der Wagen setzte sich in Bewegung.

Raoul, der sich nicht hatte sehen lassen, mietete einen Wagen nach Luz.

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