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Die Dame mit den grünen Augen

Maurice Leblanc: Die Dame mit den grünen Augen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Leblanc
titleDie Dame mit den grünen Augen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHans Jacob
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150528
projectid06f706ea
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IV. Der Einbruch in der Villa B.

»Einem einzigen Prinzip bin ich während meines ganzen Lebens treu geblieben«, sagte mir Arsène Lupin, als er mir viele Jahre später die Geschichte des Fräuleins mit den grünen Augen erzählte, »ich versuche nämlich niemals ein Problem zu lösen, bevor der Moment dazu da ist. Manche Rätsel werden durch einen Zufall gelöst; auch die Wahrheit will vorsichtig behandelt und nicht erzwungen sein ...«

Diese Auffassung war um so berechtigter, als eigentlich nur die widersprechendsten Dinge vorlagen. Jeder ging für eigene Rechnung vor.

Raoul verbrachte den ganzen Tag unter seiner Plane, während der Zug dem Süden entgegenfuhr. Die Untersuchung des Brustbeutels brachte kein besonderes Ergebnis. Er fand Listen von Mitwissern, Korrespondenten mit Helfern in allen möglichen Ländern ... ja, ja, Miß Bakefield war wirklich eine Diebin gewesen; das bewiesen diese Dokumente, die selbst die geschicktesten Verbrecher rätselhafterweise so oft nicht verbrennen. Aber für irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Einbruchsplan der jungen Engländerin und dem Verbrechen der drei Banditen fand sich keinerlei Anhaltspunkt.

Ein einziger Brief war dabei, der Brief, von dem Marescal gesprochen hatte, und der sich auf den Einbruch in der Villa B. bezog.

»Die Villa B. liegt rechts von der Straße von Nizza nach Giniez jenseits der Römischen Arena. Ein stattlicher Bau mit einem Riesengarten, der von Mauern eingefaßt ist.

Am letzten Mittwoch jeden Monats steigt der alte Graf von B. in seinen Wagen und fährt mit seinem Diener nach Nizza. Mit ihm fahren auch die beiden Dienstmädchen, um einzukaufen, so daß das Haus von drei bis fünf Uhr vollkommen verlassen ist.

Um die Gartenmauern herumgehen, bis zu der Stelle, die über dem Paillon-Tale liegt. Dort befindet sich eine kleine morsche Holztür; Schlüssel dazu ging mit gleicher Post ab.

Es steht fest, daß der alte Graf, der mit seiner Frau in Unfrieden lebte, das von der Gräfin versteckte Paket Effekten nicht gefunden hat. Aber ein von der Verstorbenen an eine Freundin geschriebener Brief enthält Andeutungen, die sich auf einen zerbrochenen Violinkasten beziehen; dieser Kasten soll sich in einer Art Belvedere befinden, der zum Aufbewahren von Gerümpel dient. Die Freundin ist an dem Tage, an dem sie den Brief erhielt, gestorben.

Der Brief ist nach zwei Jahren in meine Hände gelangt.

Inliegend der Plan des Gartens und ein Plan des Hauses. Am Ende einer Treppe befindet sich das fast gänzlich zerfallene Belvedere. Zu dieser Expedition sind zwei Personen nötig; eine muß aufpassen, denn eine Nachbarin, eine Waschfrau, kommt häufig durch einen anderen Garteneingang, zu dem sie einen Schlüssel besitzt.

Bitte das Datum zu bestimmen (am Rande war deutlich vermerkt: 28. April) und mir Nachricht zu geben, damit wir im gleichen Hotel absteigen können.

gez. G.«

» Postscriptum: Meine Ermittelungen bezüglich des großen Rätsels sind immer noch unzulänglich. Handelt es sich um einen großen Schatz oder nur um eine unschätzbare wissenschaftliche Entdeckung? Ich weiß es noch nicht. Die Reise, die ich vorbereite, wird also entscheidend sein. Ihre Mitwirkung wird dann von außerordentlicher Bedeutung sein! ...«

Vorläufig beachtete Raoul das sonderbare Postskriptum gar nicht. Ihn interessierte ganz besonders der geplante Einbruch ...

In der folgenden Nacht kroch Raoul in Marseille von seinem Sitz und bestieg den Expreßzug nach Nizza, wo er am siebenundzwanzigsten früh ankam, nicht ohne vorher einen braven Bürger um einige Banknoten erleichtert zu haben, mit deren Hilfe er sich einen Koffer, Kleidung und Wäsche kaufen und obendrein in einem der besten Hotels an der Promenade absteigen konnte.

Dort nahm er sein Frühstück ein und las in den Zeitungen die tollsten Berichte über den Mord im Expreßzug. Um zwei Uhr nachmittags ging er aus, so verwandelt in Kleidung und Aussehen, daß Marescal ihn kaum hätte wiedererkennen können. Wie sollte Marescal auch darauf kommen, daß der Mann, der ihm einen Streich gespielt hatte, Miß Bakefield bei dem Einbruch in die Villa B. ersetzen wollte!!

Raoul erforschte das Gelände der Villa Tarandoni. Um punkt drei Uhr fuhr der Graf mit seinem Personal nach Nizza. Das Nest war also leer. »Miß Bakefields Mitwisser muß unbedingt ihren Tod erfahren haben und wird unmöglich den Einbruch allein versuchen!« sagte sich Raoul.

Raoul ging zu einer geeigneten Stelle an der Mauer, die er sich ausgesucht hatte. Rasch kletterte er hinüber. Die Fenster im Erdgeschoß standen sämtlich offen. Im Vestibül führte eine Treppe zum Belvedere. Kaum hatte Raoul den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als ein elektrisches Läutewerk ertönte.

»Verflucht,« entfuhr es Raoul, »der Graf scheint ein mißtrauischer Herr zu sein!«

Die Glocke ertönte schrill und laut ohne Unterbrechung; erst als Raoul sich bewegte, hörte das Läuten auf. Er prüfte die Leitung und entdeckte, daß sie sorgfältig verborgen nach außen führte. Sie mußte also durch einen Vorgang draußen in Tätigkeit getreten sein ...

Er ging hinaus. Der Draht war sehr hoch gezogen und führte zur kleinen Holztür. Raoul wußte Bescheid.

»Sobald man die kleine Tür öffnet, klingelt es. Folglich hat einer diese Tür zu öffnen versucht und auf ein weiteres Eindringen verzichtet, als er die Glocke hörte.«

Raoul bog etwas links ab und erreichte eine kleine Erhöhung, von der aus er, hinter dichtem Gebüsch verborgen, das Haus, einen Teil der umliegenden Gärten und vor allem die Mauern übersehen konnte. Er war überzeugt, daß dem ersten Versuch unmittelbar ein zweiter folgen müsse. Und er hatte sich nicht getäuscht. Aber auf die Art dieses Versuches war er nicht gefaßt gewesen. Genau wie er kletterte nämlich ein Mann über die Mauer, hakte vorsichtig die Alarmleitung aus und ließ sich niedergleiten.

Dann wurde die Tür von außen aufgestoßen und eine Frau trat ein. Im Leben aller großen Abenteurer spielt der Zufall häufig die Rolle des hilfreichen Mitarbeiters. Raoul, der dieses Gesetz kannte, versäumte niemals, sich dieses Zufalls zu bedienen. Blitzschnell erkannte er, daß das Erscheinen der Dame mit den grünen Augen doch nicht ganz auf Zufall beruhen konnte. Die beiden wußten also auch um das Geheimnis dieses Hauses? Beide kamen unter den Olivenbäumen näher. Der Mann war ziemlich mager, glatt rasiert und sah aus wie ein Schauspieler; er hielt einen Plan in der Hand und sah besorgt und mißtrauisch um sich.

Die junge Dame ... Raoul erkannte sie ohne jeden Zweifel. Und trotzdem – wie sehr hatte sie sich verändert! Wo war das hübsche, lachende Gesicht vom Boulevard Haussmann geblieben? Es war auch nicht das tragische Gesicht, das im Zuge wie eine Vision an ihm vorbeigehuscht war, es war ein armes, unglückliches, verzerrtes, schmerzliches, angstvolles Gesicht ... In diesem Augenblick hatte Raoul, der sein Versteck noch nicht verlassen hatte, den Eindruck, als nehme er mit den Augenwinkeln wahr, wie an der gleichen Stelle, an der der glattrasierte Mann über die Mauer gestiegen war, für den Bruchteil einer Sekunde der Kopf eines Mannes mit schwarzen Haaren auftauchte ... Schon war er wieder verschwunden ...

War das der dritte, der Schmiere stand? Oder gar ein Verfolger?

Raoul neigte dieser zweiten Erklärung zu, als er sah, daß das Paar in einiger Entfernung stehenblieb, wo der Weg zur Tür und der Weg von der kleinen Holztür zusammenliefen; Guillaume gab dem jungen Mädchen eine Signalpfeife, stellte sie im Schutze eines Gebüsches auf Wache und deutete auf die Umfassung. Für Guillaume also gab es nur eine Gefahr, die Vorsichtsmaßregeln erforderte: das Kommen der Nachbarin. Man konnte also daraus schließen, daß an der Tür irgendein Verfolger, vielleicht irgendein Agent von Marescal, auf der Lauer lag.

Nachdem Guillaume seine Anordnungen getroffen hatte, eilte er auf das Haus zu. Er überließ die junge Frau einer Gefahr, von der er nichts wissen konnte und die auch sie nicht ahnte.

Raoul wußte nicht recht, was er tun sollte. Wie er sie betrachtete, so wurde sie zweifellos von einem unbekannten Feinde durch die Spalten der Holztür beobachtet. Sollte er sie abermals warnen? Sie wie in Beaucourt vor Gefahren bewahren, von denen sie nichts wußte?

Seine Neugierde war stärker als alles andere. Er wollte wissen. Die junge Frau lehnte an einem Baum und spielte zerstreut mit der Alarmpfeife. Die Jugendlichkeit ihres Gesichts, eines Kindergesichts, verblüffte Raoul.

So verging geraume Zeit. Plötzlich war das Kreischen der Gittertür vernehmbar, und Raoul sah, wie eine einfache Frau mit einem Wäschekorb den Weg zum Hause betrat. Auch die Dame mit den grünen Augen hatte das Geräusch gehört. Sie glitt am Baum nieder und versuchte angstvoll zu pfeifen: sie setzte die Pfeife an den Mund, konnte jedoch keinen Ton herausbringen. Die Wäscherin setzte ihren Weg fort, ohne den im Schatten des Hauses hockenden Menschen zu sehen.

So vergingen ein paar fürchterliche Augenblicke. Was würde geschehen? Wie würde sich Guillaume dieser Frau gegenüber verhalten? Der Zusammenstoß mußte unausdenkbare Folgen haben ...

Raoul brauchte sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Es geschah nämlich das Überraschende, daß die Wäscherin das Haus durch eine Hintertür betrat, und gerade, als sie darin verschwunden war, kam aus der anderen Tür Guillaume; er hatte ein in Zeitungspapier gewickeltes Paket, das der Form nach ein Violinkasten sein konnte. Die Begegnung war vermieden worden ...

Die Unbekannte in ihrem Versteck übersah diesen Sachverhalt nicht sofort. Erst als Guillaume vor ihr stand, unterrichtete ihn der angstvolle Bericht von der überstandenen Gefahr. Dann machten sich beide ziemlich verwirrt auf den Weg.

In Raoul stritten zwei Empfindungen miteinander: einerseits hätte er dem jungen Mädchen gern geholfen, andererseits empfand er eine gewisse Schadenfreude, daß beide Marescals Helfer geradezu in die Hände liefen. Bevor er einen Gedanken zu Ende denken oder sich entschließen konnte, geschah etwas ganz Rätselhaftes, wie an diesem Tage die Dinge überhaupt ohne jeden Zusammenhang zu geschehen schienen. Zwanzig Schritt vor der Tür sprang der Mann, dessen Kopf Raoul über der Mauer gesehen hatte, plötzlich aus einem Gebüsch, setzte mit einem wohlgezielten Faustschlag Guillaume außer Gefecht, nahm das junge Mädchen unter den Arm wie ein Paket, griff nach dem Violinkasten und rannte davon, aber nicht durch das Olivenfeld, sondern in der dem Hause entgegengesetzten Richtung.

Raoul setzte ihm nach. Nach einigen hundert Metern gelangte der Mann an eine Umfriedung von etwa ein Meter Höhe, die wahrscheinlich als Aufschüttung einen Weg deckte. Er ließ die Frau hinunter, indem er sie an den Gelenken hielt, dann warf er den Kasten hinüber und folgte selbst nach.

Ausgezeichnet, dachte Raoul, er wird unten irgendwo sein Automobil haben ...

Und er hatte recht. Ein großer offener Wagen stand unten. Das junge Mädchen war bereits auf den Sitz gehoben worden. Ein Druck auf den Starter, der Wagen setzte sich in Bewegung und fuhr davon.

Der Weg war ziemlich uneben, der Wagen federte sehr stark und konnte nicht allzu schnell fahren. Raoul fegte hinterher, klammerte sich ans Verdeck und schwang sich in das Innere des Wagens, ohne daß der Führer, der nur auf seine Flucht bedacht war und sehr auf den Weg achten mußte, etwas bemerkt hatte. Raoul verbarg sich dicht hinter den Vordersitzen unter einem Mantel.

Endlich war der Wagen auf der großen Straße. Bevor er einbog, legte der Mann dem Mädchen seine knochige Hand auf den Nacken und sagte: »Du bist verloren, wenn du dich rührst! Sonst geht es dir wie der anderen!«

Auf dem Wege kamen Bauern und Spaziergänger. Der Wagen entfernte sich von Nizza. Das Opfer rührte sich nicht.

Raoul versuchte einen Zusammenhang zu finden. Dieser Mann mußte der dritte sein, der Mörder von Miß Bakefield, der Mörder der »anderen«! Das war ihm auch der Beweis, daß zwischen der Sache Bakefield und den drei Banditen ein Zusammenhang bestand. Marescal hatte sicherlich recht mit seiner Vermutung, die Engländerin sei lediglich durch ein Mißverständnis getötet worden. Trotzdem hatten sich diese Leute mit dem gleichen Plan nach Nizza begeben: auch sie wollten in die Villa B. einbrechen. Guillaume hatte den Plan entworfen, er war auch der Verfasser des »G.« gezeichneten Briefes. Guillaume war Mitglied beider Banden; er war am Einbruch und gleichzeitig an der Lösung des großen Rätsels interessiert, von dem er in seinem Postskriptum schrieb. Nach dem Tode der Engländerin will Guillaume den Coup allein ausführen. Er nimmt seine Freundin mit den grünen Augen mit, da zwei Personen notwendig sind. Und der Schlag wäre auch geglückt, wenn nicht der dritte ihnen die Beute wieder abgejagt und die »grünen Augen« entführt hätte. Wozu eigentlich? Bestand irgendeine Eifersucht zwischen den beiden Männern?

Einige Kilometer später wurde nach rechts abgebogen. Raoul kannte diese Gegend sehr gut. Endlich fuhr der Wagen auf dem Wege nach Lovens, von wo aus man in das Departement Var fahren oder den Weg ins Gebirge wählen kann. Was sollte geschehen?

Ein Versuch des jungen Mädchens bestimmte auch seine Entschlüsse. In einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung versuchte sie, ohne Rücksicht auf die damit verbundene Todesgefahr, zu fliehen. Der Mann hielt sie mit seiner stählernen Hand fest.

»Mach' keine Dummheiten! Du mußt sterben, durch meine Hand und zur festgesetzten Stunde! Vergiß nicht, was ich dir im Zuge gesagt habe, als ihr beide die Brüder erledigt habt! Ich rate dir also ...«

Er konnte nicht zu Ende sprechen. Wie er sich zu dem jungen Mädchen wandte, hatte sich zwischen ihn und das junge Mädchen ein Körper gelegt, der ihn in seinen Sitz drängte. Und eine Stimme fragte höhnisch:

»Wie geht es dir, alter Junge?«

Der Mann war starr vor Staunen. Beinahe wären alle drei durch seine Unaufmerksamkeit in einen Abgrund gestürzt.

»Wo kommst du ... her?«

»Du erkennst mich nicht wieder? Hast du nicht eben vom Zuge gesprochen? Hast du mich nicht ganz zuerst wehrlos gemacht? Hast du mir nicht dreiundzwanzigtausend Franken abgenommen? Das gnädige Fräulein erkennt mich wieder, nicht wahr? Sie waren nicht gerade nett, mich heute nacht einfach zu verlassen, nachdem ich Sie so behutsam auf meinen Armen getragen hatte ...«

Das junge Mädchen schwieg. Auch der Mann schwieg. Der Wagen fuhr jetzt immer schneller.

»Dir paßt wohl mein Dazwischenkommen nicht? Hübsch langsam gefahren, sonst geschieht ein Unglück!«

Die Straße zog sich in ziemlich scharfen Kurven oberhalb eines steil abfallenden Abgrunds entlang. Bei jeder Wendung prüfte Raoul mit scharfen Blicken die Strecke, die vor ihnen lag. Der Weg wurde schmaler, doppelt schmal durch die auf der einen Seite liegenden Gleise der elektrischen Bahn.

Plötzlich richtete sich Raoul ganz auf, öffnete beide Arme, legte sie rechts und links um den vor ihm sitzenden Feind, sprang regelrecht auf ihn hinauf und packte über seine Schultern hinweg mit kräftigen Armen das Steuer.

Der Mann versuchte sich fluchend zu befreien. Aber die Arme lagen gleich Klammern um seinen Hals. Raoul rief höhnisch:

»Entweder in den Abgrund, mein Lieber, oder in die Elektrische, die uns entgegenkommt. Oder du bremst, wie ich dir schon einmal geraten habe!«

Fünfzig Meter vor ihnen tauchte die Elektrische auf. Der Mann begriff seine Zwangslage. Mit einem Ruck riß er die Bremse. Der Wagen stand auf den Schienen und hielt. Die beiden Wagen standen sich sozusagen Nase an Nase gegenüber.

Der Mann konnte sich vor Wut nicht lassen. Er schimpfte und fluchte unaufhörlich.

Raoul hörte nicht auf ihn, sondern sagte in aller Ruhe:

»Los, der Wagen muß vom Gleis, sonst müssen wir hier übernachten!«

Er reichte dem jungen Mädchen die Hand; ohne seine Hilfe anzunehmen, stieg sie aus und wartete auf dem Wege.

Die Insassen der Elektrischen begannen zu schimpfen. Der Schaffner schrie. Endlich hatte der Wagen die Straße freigegeben, die Elektrische setzte ihren Weg fort.

Raoul wandte sich an den Mann:

»Mach', daß du fortkommst und laß diese Dame in Frieden! Sonst liefere ich dich den Behörden aus. Du hast den Überfall im Zuge ausgeheckt und du hast die Engländerin erwürgt.«

Der Mann war totenblaß geworden und drehte sich um.

»Lüge! ... Alles ist Lüge! ...«

»Ich habe alle Beweise in Händen. Mach', daß du fortkommst, laß deine Maschine hier und sei froh, wenn du so davonkommst!«

Er sprang in den Wagen, hob den heruntergefallenen Kasten auf und fluchte plötzlich:

»Zum Teufel! Sie hat sich aus dem Staube gemacht!«

Die Dame mit den grünen Augen stand wirklich nicht mehr am Wege. In der Ferne bog die Elektrische um eine Kurve. Sie hatte sich den Streit zunutze gemacht, um zu fliehen.

Jetzt gerieten die beiden mit verdoppelter Wut aneinander. Es begann damit, daß der Mann Raoul den Kasten entreißen wollte. Eine Weile ging der Kampf hin und her. Da näherte sich eine zweite Elektrische. Raoul sprang auf, während sich der Bandit vergeblich bemühte, seine Maschine in Gang zu setzen. Der Wagen blieb stehen.

Wütend fuhr Raoul in sein Hotel zurück. Zum Glück besaß er ja die Effekten der Gräfin Tarandoni.

Bei näherer Prüfung entdeckte Raoul, daß die Violine durch einen geschickten Kunstgriff zu öffnen war. Er machte sich an die Arbeit. Die Violine enthielt lediglich ein Pack alter Zeitungen; die Vermutung lag nahe, daß entweder die Gräfin ihr Vermögen anderswo versteckt hatte oder daß der Graf schon längst die Zinsen des Vermögens genoß, das die Gräfin ihm hatte entziehen wollen.

»Vollkommene Niederlage auf der ganzen Linie,« brummte Raoul, »und an allem ist dieses verteufelte Frauenzimmer mit den grünen Augen schuld!«

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