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Die Dame mit den grünen Augen

Maurice Leblanc: Die Dame mit den grünen Augen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Leblanc
titleDie Dame mit den grünen Augen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHans Jacob
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150528
projectid06f706ea
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XII. Das Wasser steigt ...

Sie landeten an dem kleinen Strande, auf dem die Sandkörner funkelten wie Glimmer. Die Felsen rechts und links bildeten einen spitzen Winkel. Nach vorn zu lief er so aus, daß er ein kleines Dach bildete.

Unter diesem Dache stand ein kleiner Tisch mit einer Decke, Tellern, etwas Milch und Früchten.

Auf einem Teller lag eine Visitenkarte mit folgenden Zeilen:

»Marquis de Talençay, ein Freund Ihres Großvaters d'Asteux, heißt Sie, liebe Aurelie, herzlichst willkommen. Er bedauert, Sie nicht empfangen und Ihnen erst im Laufe des Tages seine Aufwartung machen zu können.«

»Hat er denn meine Ankunft erwartet?«

»Gewiß«, sagte Raoul. »Wir haben vor vier Tagen lange miteinander gesprochen, und es war verabredet, daß ich Sie heute gegen Mittag hierherbringen sollte.«

Sie sah um sich. Eine Staffelei lehnte an der Wand; daneben standen in einer Art Verschlag zahlreiche Kartons, Malkästen und einige alte Kleidungsstücke lagen dazwischen. Quer über der Ecke hing eine Hängematte. Im Hintergrunde bildeten zwei große Steine einen Herd.

»Wohnt er denn hier?« fragte Aurelie.

»Oft, besonders in dieser Jahreszeit. Die übrige Zeit wohnt er in Juvains, wo ich ihn entdeckt habe. Aber auch dann kommt er jeden Tag hierher. Wie Ihr Großvater, ist er ein Original, sehr gebildet, sehr künstlerisch, obwohl er schlechte Bilder malt. Er lebt allein, ein wenig wie ein Eremit; er geht auf Jagd, beschneidet und pfropft seine Bäume, überwacht die Hirten seiner Herden und ernährt alle Armen hier im Umkreis, denn zwei Meilen in der Runde gehört ihm fast alles Land. Und er wartet seit fünfzehn Jahren auf Sie, Aurelie.«

»Oder sagen wir: auf meine Großjährigkeit.«

»Ganz recht, weil er es so mit seinem Freunde d'Asteux verabredet hatte. Ich habe ihn gefragt, aber er will nur Ihnen Auskunft geben. Ich habe ihm alles erzählen müssen, alles, was sich in den letzten Monaten abgespielt hat, und als ich ihm versprach, Sie hierherzubringen, hat er mir den Schlüssel zu seinem Besitz gegeben. Seine Freude, Sie wiederzusehen, ist unendlich.«

»Warum ist er dann nicht gekommen?«

Die Abwesenheit des Marquis de Talençay überraschte Raoul immer mehr, obwohl er keine besondere Veranlassung hatte, dieser Tatsache irgendwelche Bedeutung beizumessen. Da er das junge Mädchen jedoch nicht beunruhigen wollte, so entwickelte er während der Mahlzeit, die sie in so sonderbarer Umgebung einnahmen, seine ganze Unterhaltungsgabe. Da er peinlich vermied, zuviel Zärtlichkeit zu zeigen, fühlte sie sich immer sicherer in seiner Nähe.

Sie murmelte:

»Ich möchte Ihnen so gern danken. Wenn ich nur wüßte, wie ... Ich kann Ihnen meine Schuld gar nicht abtragen ...«

Er antwortete:

»Lächeln Sie, mein Fräulein mit den grünen Augen, und sehen Sie mich an.«

Sie lächelte und sah ihn an.

»Jetzt sind wir quitt!«

Um dreiviertel drei begannen die Glocken wieder zu läuten, und das tiefe Summen der Kathedrale brach sich an den spitzen Felsen.

»Durchaus logisch; das Phänomen ist auch der ganzen Gegend bekannt. Kommt der Wind aus Nordosten, das heißt, von Clermont-Ferrand her, so bedingt die akustische Disposition der Gegend, daß ein großer Luftstrom alle Geräusche zwangsweise einen Weg führt, der durch die schmalen Felskanäle geht und auf der Oberfläche des Sees endet. Es ist mathematisch. Die Glocken aller Kirchen und das tiefe Summen der Kathedrale von Clermont-Ferrand – sie alle kommen hierher, um ihr Lied zu singen, wie sie es jetzt gerade tun ...«

Sie hob den Kopf.

»Nein,« sagte sie, »das stimmt nicht. Ihre Erklärung überzeugt mich nicht.«

»Haben Sie eine andere?«

»Die wahre Erklärung.«

»Und das wäre?«

»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie den Klang der Glocken hierhergeleitet haben, um mir alle meine Kindheitserinnerungen wiederzugeben.«

»Kann ich denn alles?«

»Ja, Sie können wirklich alles!«

»Ich sehe auch alles«, scherzte Raoul. »Vor fünfzehn Jahren haben Sie hier an der gleichen Stelle geschlafen.«

»Was meinen Sie damit?«

»Daß Sie müde Augen haben, denn Ihr Leben von vor fünfzehn Jahren beginnt von neuem.«

Sie gab nach und legte sich in die Hängematte.

Raoul blieb einen Augenblick am Eingang der Grotte stehen. Dann sah er nach der Uhr und machte eine Bewegung, die deutlich seinen Ärger verriet. Es war ein Viertel nach drei: der Marquis de Talençay war immer noch nicht da.

Er kehrte in die Grotte zurück und sah nach Aurelie. Dann trieb ihn die Unruhe wieder hinaus. Er ging an den Strand und sah, daß das Boot, das er mit dem Vorderteil auf den Strand gezogen hatte, wieder ins Wasser geglitten war. Er zog es mit einer Stange wieder heran und machte eine zweite Feststellung: das Boot, das während der Überfahrt wenige Zentimeter Wasser gezogen hatte, stand jetzt in einer Höhe von dreißig bis vierzig Zentimeter voller Wasser.

»Ein Wunder, daß wir nicht gesunken sind!«

Er sah nach. Und er entdeckte, daß eine Planke besonders durchlässig war, eine morsche Planke, die nicht etwa abgenutzt war, sondern sich von den anderen deutlich unterschied, denn sie war neuerdings eingefügt worden und nur mit vier losen Nägeln angenagelt.

Wer hatte das getan? Raoul dachte zunächst an den Marquis de Talençay. Wozu hätte der Greis das tun sollen? Welche Veranlassung sollte er haben, eine Katastrophe gerade in dem Augenblick herbeizuführen, in dem die Enkelin seines alten Freundes d'Asteux ihm zugeführt werden sollte?

Trotzdem drängte sich eine Frage auf: wie kam Talençay her, wenn er kein Boot zur Verfügung hatte? Wie wollte er denn kommen? Es gab also einen Landweg, der hier an den Klippen endete?

Raoul suchte. Links war kein Durchkommen: die beiden Wasserfälle verstärkten die Mauer aus Granit. Aber rechts, unmittelbar bevor die Felsen in den See stießen, waren etwa zwanzig Stufen in den Felsen geschlagen: sie führten zu einem kleinen Pfade oder vielmehr zu einem natürlichen Rande, der bisweilen so eng war, daß man sich stellenweise an den Felsvorsprüngen festhalten mußte.

Raoul machte einen Vorstoß in dieser Richtung. In Abständen waren eiserne Haken eingeschlagen, deren man sich bediente, um nicht ins Leere zu stürzen. So erreichte er unter großen Anstrengungen das Plateau; von dort aus führte der Pfad um den See herum und verlief in der Richtung auf den Engpaß. Grüne Wiesen, die durch felsige Anhöhen unterbrochen waren, erstreckten sich ringsum. Zwei Hirten trieben ihre Herden vor sich her und auf die große Mauer zu, die den Besitz abgrenzte. Die hohe Gestalt des Marquis de Talençay war nirgends zu sehen.

Raoul kam nach einer Stunde zurück. Er bemerkte zu seinem Unbehagen, daß während dieser Stunde das Wasser gestiegen war und die untersten Stufen bedeckte.

»Sonderbar«, sagte er besorgt.

Aurelie hatte ihn wohl gehört. Sie kam ihm entgegengelaufen und sah ihn erstaunt an.

»Was gibt es?« fragte Raoul.

»Das Wasser ... wie hoch das Wasser steht! ... Vorhin war es doch niedriger, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Wie erklären Sie sich das?«

»Genau so natürlich wie die Glocken.«

Und er versuchte zu scherzen:

»Der See hat Gezeiten: Ebbe und Flut ...«

»Wann wird das Wasser denn aufhören, zu steigen?«

»In ein oder zwei Stunden.«

»Das heißt: das Wasser wird die Grotte bis fast zur Hälfte füllen?«

»Ganz recht. Manchmal füllt es die Grotte sogar ganz; das können wir hier an der schwarzen Marke sehen, die zweifellos einen Höchststand bezeichnet.«

Raoul verstummte. Denn über dieser Marke befand sich noch eine andere fast in Höhe der Decke. Was bedeutete diese Marke? Sollte das Wasser bisweilen bis dahin reichen? Wie konnte das nur geschehen?

Er wies alle phantastischen Vermutungen von sich. Unwillkürlich drängten sich ihm andere Gedankengänge auf. Vor allem die unerklärliche Abwesenheit des Marquis. Er überlegte die Zusammenhänge, die zwischen dieser Abwesenheit und einer plötzlich geahnten Gefahr, die er noch nicht ganz erkannte, bestehen könnten. Er dachte an das zerstörte Boot.

»Was haben Sie?« fragte Aurelie. »Sie sind zerstreut?«

»Ich glaube allmählich, daß wir unsere Zeit hier verlieren! Da der Freund Ihres Großvaters nicht kommt, so gehen wir ihm entgegen! Die Zusammenkunft kann ebensogut in seinem Hause in Juvains stattfinden.«

»Aber wie sollen wir denn zurückkommen? Das Boot scheint nicht mehr gebrauchsfähig zu sein ...«

»Hier rechts ist ein Weg, für eine Frau ziemlich schwierig, aber immerhin gangbar. Sie müssen meine Hilfe annehmen und sich tragen lassen.«

»Warum soll ich denn nicht auch gehen?«

»Weil Sie dann auch ganz naß werden. So brauche ich nur allein durch das Wasser zu gehen.«

Er hatte diesen Vorschlag ohne jeden Hintergedanken gemacht. Da sah er, wie sie rot wurde. Der Gedanke, von ihm getragen zu werden – wie damals auf dem Wege von Beaucourt – mußte ihr unerträglich sein.

Beide schwiegen verlegen.

Dann tauchte sie die Hand ins Wasser und sagte:

»Nein ... nein ... ich kann dies eiskalte Wasser nicht vertragen ... niemals ...«

Sie gingen zurück. Eine Viertelstunde verging, die Raoul sehr lang vorkam.

»Ich bitte Sie,« sagte er, »gehen wir. Unsere Lage wird gefährlich.«

Aurelie gehorchte, und sie verließen die Grotte. Aber im Augenblick, da sie ihre Arme um seinen Hals legte, pfiff etwas an ihnen vorbei und schlug Splitter vom Felsen. In der Ferne hörte man eine Detonation.

Raoul ließ Aurelie zu Boden gleiten. Eine zweite Kugel pfiff an ihren Köpfen vorbei und streifte den Felsen. Mit einer Bewegung drängte Raoul sie wieder in die schützende Grotte und raste davon, als wolle er gegen etwas Sturm laufen.

»Raoul! Raoul! Ich verbiete Ihnen ... Man wird Sie erschießen! ...«

Er mußte sie mit Gewalt in das Innere der Grotte führen, aber sie ließ ihn nicht los und klammerte sich an ihn.

»Ich bitte Sie ... bleiben Sie!«

»Unmöglich! Es muß etwas geschehen!«

»Ich will nicht ... ich will nicht ...«

Sie hielt ihn mit zitternden Händen fest; eben hatte sie noch Angst gehabt, sich von ihm tragen zu lassen – jetzt hielt sie ihn mit unwiderstehlicher Energie eng an sich gedrückt.

»Fürchten Sie nichts«, sagte er sanft.

»Ich fürchte nichts,« sagte sie ganz leise, »aber wir müssen zusammen bleiben ... Uns beiden droht die gleiche Gefahr. Wir wollen einander nicht verlassen.«

»Ich verlasse Sie nicht,« versprach Raoul, »Sie haben recht ...«

Er steckte nur den Kopf hinaus, um den Horizont abzusuchen. Schon schlug eine dritte Kugel über seinem Kopf in die Wand.

Sie wurden also regelrecht belagert; sie waren zur Unbeweglichkeit verurteilt. Zwei Schützen mit weittragenden Gewehren verhinderten jeden Versuch, ins Freie zu gelangen. Raoul hatte nach zwei kleinen Rauchwolken die Stellung dieser beiden Schützen erkennen können. Sie standen ziemlich nahe beieinander auf dem rechten Ufer oberhalb des Engpasses, das heißt, in einer Entfernung von etwa zweihundert Metern. Von dort aus beherrschten sie fast den ganzen See der Länge nach, den kleinen Strand und konnten bis in das Innere der Grotte reichen. Nur wenn man rechts in eine kleine Ausbuchtung sich drängte, war man ihren Schüssen entzogen, und ganz hinten.

Raoul versuchte zu lachen:

»Das ist ja lustig!«

Seine Heiterkeit schien so aufrichtig, daß Aurelie sich beruhigte. Raoul fuhr fort:

»Wir sind also regelrecht abgeschnitten, nicht wahr? Bei der geringsten Bewegung können wir getroffen werden. Wir müssen uns in einem Mauseloch verkriechen. Fein ausgeklügelt, nicht wahr?«

»Von wem?«

»Ich habe sofort an den alten Marquis gedacht. Aber er ist es nicht, er kann es nicht sein ...«

»Was ist dann aus ihm geworden?«

»Er ist sicherlich gefangen. Er wird in irgendeine Falle gegangen sein, die die gleichen Leute gelegt haben, die uns jetzt belagern.«

»Und wer ist das?«

»Zwei unerbittliche Feinde, von denen wir nicht die geringste Nachsicht zu erwarten haben: Jodot und Guillaume Ancivel.«

Er betonte diese Gefahr besonders, um Aurelie von der wirklichen, viel entsetzlicheren Gefahr abzulenken. Jodot und Guillaume, die Schüsse, das fürchtete er alles nicht; viel schlimmer war das Steigen des Wassers, das die Banditen zu ihrem unüberwindlichen Verbündeten gemacht hatten.

»Wozu dieser Hinterhalt?«

»Es handelt sich um den Schatz«, sagte Raoul, der sich mit seinen Erklärungen selbst Gewißheit verschaffen wollte. »Marescal ist unschädlich gemacht, aber ich habe mich keiner Täuschung darüber hingegeben, daß eines Tages auch mit Jodot und Guillaume Schluß gemacht werden muß. Sie sind mir zuvorgekommen. Sie haben auf irgendeine Weise den Freund Ihres Großvaters überfallen und eingesperrt, haben ihm die Papiere und Dokumente gestohlen, die er Ihnen übergeben wollte, und sich seit heute morgen bereitgehalten. Wenn sie uns nicht bereits bei unserer Überfahrt mit Schüssen empfangen haben, so liegt es daran, daß Hirten sich auf dem Plateau gezeigt hatten. Sie hatten ja auch gar keine Eile. Wir mußten hier auf Talençay warten, zumal wir seine Visitenkarte mit einigen Zeilen hier vorfanden, die natürlich von einem der Banditen geschrieben worden sind. Sie haben die Schleusen geschlossen, das Niveau des Sees stieg, ohne daß wir es vor vier oder fünf Uhr hätten bemerken können. Und um diese Zeit sind die Hirten längst heimgekehrt; der See ist verlassen und bietet das herrlichste Schußfeld. Das Boot ist gesunken, und da die Kugeln uns das Verlassen der Grotte verbieten, war jede Flucht unmöglich gemacht!«

All das sagte Raoul im leichten Plauderton, wie ein Mann, der sich über einen Scherz, den man sich mit ihm erlaubt, noch lustig macht. Aurelie hätte fast gelacht.

Er zündete sich eine Zigarette an und streckte das brennende Zündholz hinaus.

Man hörte zwei Detonationen. Unmittelbar darauf eine dritte und vierte. Aber die Schüsse trafen nicht.

Das Wasser stieg unheimlich schnell.

Der Strand bildete einen kleinen Teich; das Wasser war jedoch bereits bis an sein äußerstes Ende gestiegen und warf leichte Wogen über ebenem Boden. Jetzt war der Eingang zur Grotte erreicht.

»Auf den beiden Herdsteinen sind wir am sichersten.«

Sie kletterten hinauf. Raoul half Aurelie in die Hängematte. Dann rannte er an den Tisch, raffte in einer Serviette die Überreste ihrer Mahlzeit zusammen und legte sie auf das Zeichenbrett. Hinter ihm schlugen Kugeln ein.

»Zu spät«, sagte Raoul. »Jetzt haben wir nichts mehr zu befürchten. Etwas Geduld, und wir sind frei. Mein Plan? Wir müssen uns ausruhen und zu Kräften kommen. Inzwischen wird es Nacht. Dann nehme ich Sie auf meine Schultern und trage Sie über den Klippenweg. Die Stärke unserer Gegner beruht darauf, daß es hell ist. Sobald es dunkel ist, sind wir gerettet.«

»Gewiß,« sagte Aurelie, »aber in der Zwischenzeit steigt das Wasser, und in frühestens einer Stunde ist es dunkel genug.«

»Was macht das? Statt eines Fußbades werde ich eben ein Halbbad nehmen müssen.«

Das klang sehr einfach. Aber Raoul kannte die Schwächen seines Planes nur zu gut. Zunächst war die Sonne kaum hinter den Bergen verschwunden; das hieß: es blieb noch eine oder anderthalb Stunden hell. Außerdem würden die Gegner allmählich unter dem Schutze der Dämmerung näher kommen – wie wollte er dann den Durchgang erzwingen?

Aurelie war nicht ganz überzeugt. Aber sie hatte schon andere Leistungen von Raoul gesehen, und sagte fast wider Willen:

»Sie werden auch dieses Wunder vollbringen ...«

»Wunder?« lachte Raoul. »Das sind alles keine Wunder? Weil ich Sie hierhergebracht habe, in die Landschaft, die Sie vergeblich gesucht haben, obwohl Sie mir niemals eine Angabe gemacht haben, glauben Sie vielleicht wirklich an irgend etwas Wunderbares ... Ein großer Irrtum. Ich habe lediglich nachgedacht und kombiniert. Auch Jodot und seine Komplizen wußten von der Flasche und hatten die Formel für das ›Verjüngungswasser‹ gelesen. Aber sie haben keine Folgerungen daraus gezogen. Ich hingegen habe festgestellt, daß die Formel genau der Zusammensetzung der Thermalquellen von Royat entsprach, die eine der bedeutendsten der Auvergne ist. Ich entdeckte das Dorf Juvains (lateinisch juventia) und bin auf der richtigen Spur. Während eines Spazierganges schwatze ich mit den Leuten und bringe in Erfahrung, daß der Marquis de Talençay, der allmächtige Gebieter dieses Landstriches, mit unserem Abenteuer zusammenhängt. Ich stelle mich ihm als Ihren Boten vor. Sobald er mir gesagt hatte, daß Sie seinerzeit stets an Mariä Himmelfahrt gekommen seien, das heißt am fünfzehnten August, bereite ich unsere Expedition für den gleichen Tag vor. Der Wind weht aus Norden, wie damals. Und das nennen Sie nun ein Wunder, mein liebes Fräulein mit den grünen Augen!«

Aber seine Worte vermochten die Aufmerksamkeit seiner Gefährtin nicht mehr abzulenken. Sie flüsterte:

»Das Wasser steigt ... das Wasser steigt ... es reicht schon bis an Ihre Füße ...«

Er legte einen Stein auf den anderen. Dann stützte er seinen Ellbogen auf den Rand der Hängematte und sprach mit dem jungen Mädchen immer weiter. Aber während er sie beruhigte, wurden seine Befürchtungen immer größer. Was ging vor? Die Folge der von Jodot und Guillaume bewirkten Veränderungen war klar: das Wasser steigt. Gut. Aber die beiden Banditen hatten sicherlich diese für sie günstigen Umstände bereits vorgefunden. Die Möglichkeit, den Wasserspiegel so stark zu heben, mußte schon vor langer Zeit bestanden haben (allerdings nicht, um Leute in der Grotte zu ertränken). Der Schleusenverschluß hatte sicherlich zur Verstärkung einen Abfluß mit unsichtbarem Mechanismus, der den Abfluß des Wassers und auch die Leerung des Sees ermöglichte. Wo war dieser Abfluß? Wo war der Mechanismus zu finden, der das Spiel der Schleusen auslöste?

Raoul gehörte nicht zu den Menschen, die auf den Tod warten. Einen Augenblick dachte er daran, sich auf seine Gegner zu stürzen oder bis zu den Schleusen zu schwimmen. Aber wenn eine Kugel ihn träfe oder das eisige Wasser ihn außer Gefecht setzte – was würde dann aus Aurelie werden?

Aber Aurelie täuschte sich nicht länger über die wirkliche Gefahr, und als hätte die Angst, die ihn erfüllte, sich ihr plötzlich mitgeteilt, sagte sie:

»Ich bitte Sie, geben Sie mir Antwort: nicht wahr, es besteht keine Hoffnung mehr?«

»Aber was denn? Es wird immer dunkler ...«

»Nicht schnell genug ... Und wenn es wirklich dunkel ist, werden wir nicht fort können.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Aber ich habe das Gefühl, als sei alles zu Ende, und daß Sie es wissen ...«

Er sagte entschlossen:

»Nein, nein! Die Gefahr ist groß, aber noch nicht in unmittelbarer Nähe. Wir können ihr entgehen, wenn wir keinen Augenblick unsere Ruhe verlieren. Sobald ich mir ganz im klaren über alle Zusammenhänge bin, wird sich schon ein Ausweg finden lassen. Nur ...«

»Nur?«

»Sie müssen mir helfen. Ich brauche Ihre Erinnerungen, ich brauche Ihre Erinnerungen! Ja, ich weiß, Sie haben Ihrer Mutter geschworen, sie nur dem Manne anzuvertrauen, den Sie lieben. Aber der Tod ist ein stärkerer Grund als die Liebe, und wenn Sie mich nicht lieben, liebe ich Sie, wie Ihre Mutter sich gewünscht hätte, daß man Sie liebt. Verzeihen Sie, daß ich es Ihnen sage ... Aber es gibt Augenblicke, in denen man nicht schweigen kann. Ich liebe Sie ... ich liebe Sie ... und ich will Sie retten ... Ich liebe Sie ... Sie dürfen nicht länger schweigen – Sie begehen ein Verbrechen gegen sich selbst. Bitte antworten Sie. Einige Worte genügen vielleicht ...«

Sie flüsterte:

»Fragen Sie mich.«

Und er begann:

»Was hat sich ereignet, als Sie damals mit Ihrer Mutter hier waren? Was für Landschaften haben Sie gesehen? Wohin haben Ihr Großvater und sein Freund Sie geführt?«

»Nirgendshin«, sagte sie. »Ich weiß genau, daß ich hier geschlafen habe, und zwar in einer Hängematte, wie heute. Man unterhielt sich. Die beiden Herren rauchten. Das hatte ich vergessen, jetzt erinnere ich mich in aller Deutlichkeit daran. Ich rieche den Tabak und höre, wie man eine Flasche entkorkt. Und dann ... und dann ... schlafe ich nicht mehr ... man gibt mir zu essen ... draußen scheint die Sonne ...«

»Die Sonne?«

»Es muß schon der nächste Morgen sein.«

»Der nächste Morgen? Wissen Sie das genau? Von dieser Einzelheit hängt alles ab.«

»Ja, ich weiß es genau. Ich bin am nächsten Tage hier aufgewacht, und draußen schien die Sonne. Nur ... alles hat sich geändert ... Ich sehe mich noch hier, und doch ist es anderswo ... ich sehe noch die Felsen, aber sie stehen nicht mehr am selben Fleck.«

»Was heißt das? Sie stehen nicht mehr am selben Fleck?«

»Sie werden nicht mehr vom Wasser umspült.«

»Sie werden nicht mehr vom Wasser umspült – aber Sie verließen diese Grotte?«

»Ich verließ diese Grotte. Ja, mein Großvater ging vor uns. Meine Mutter hielt mich an der Hand. Es ist schlüpfrig unter meinen Füßen. Um uns herum stehen Häuser, Ruinen ... und dann wieder die Glocken ... die gleichen Glocken, die ich immer noch höre ...«

»So ist es ... jawohl, so ist es ...«, sagte Raoul leise vor sich hin. »Alles stimmt mit meinen Vermutungen überein ...«

Sie schwiegen ... Das Wasser klatschte mit einem dumpfen Geräusch gegen die Wände. Tisch, Staffelei, Bücher und Stühle schwammen herum.

Er mußte sich an das äußerste Ende der Hängematte setzen und sich unter der Granitdecke bücken.

Draußen herrschte Zwielicht. Aber was nützte ihm selbst die tiefste Dunkelheit? Wohin sollte er sich wenden?

Plötzlich faßte Aurelie seine Hand, sah ihm fest in die Augen und sagte:

»Ich liebe Sie ...«

Sie sagte es ganz leise, und ihre grünen Augen blitzten im Halbdunkel. Er hörte, wie ihr Herz schlug.

Sie legte ihm die Arme um den Hals und fuhr sehr zärtlich fort:

»Ich liebe Sie. Sehen Sie, Raoul, das ist mein einziges, großes Geheimnis – das andere interessiert mich nicht. Dieses Geheimnis bedeutet mein ganzes Leben. Ich habe Sie sofort geliebt, ohne Sie zu kennen ... Ich empfand etwas, das ich nicht kannte, und ich hatte Angst ... Floh ich Sie später, Raoul, so geschah es, weil ich Sie liebte, nicht weil ich Sie haßte ... Ich war betäubt von meiner Verwirrung ... Ich wollte Sie nicht mehr sehen, und wünschte mir nichts sehnlicher, als Sie wiederzusehen ...«

Er zog sie an sich. Er hatte niemals an ihrer Liebe gezweifelt und ihr Verhalten niemals mißverstanden. Aber er hatte Angst vor dem Glück. Die zärtlichen Worte des jungen Mädchens, ihr naher Atem betäubte ihn. Sein Kampfeswille ließ nach.

Sie spürte seine plötzliche Müdigkeit und zog ihn noch dichter an sich.

»Wir müssen uns in das Unvermeidliche fügen, Raoul. Laß mich dich küssen, vergessen wir unser Schicksal ...«

Sie legte ihren Mund auf seine Lippen, und er vergaß in ihrer Umarmung alle Gefahr. Er machte sich behutsam frei.

»Nein, nein, Aurelie, ich begehe ein Verbrechen, wenn ich tatenlos zusehe, wie die Gefahr immer größer wird ... Ich muß dich retten ... Und ich werde dich retten ... laß mich ... Es muß eine Möglichkeit geben, in einem bestimmten Augenblick das Wasser rasch abzuleiten. Und ich muß diesen Abfluß finden!«

Aurelie hörte nicht auf ihn. Sie stöhnte:

»Bitte ... bleib' bei mir, laß mich nicht allein ...«

»Nein, ich muß fort. Sei tapfer. Und halte zwei Stunden aus ... Das Wasser kann dich vor zwei Stunden nicht erreichen. Und dann bin ich längst zurück. Entweder rette ich dich ... oder wir sterben zusammen ...«

Nach und nach hatte er sich aus ihren Armen frei gemacht. Er neigte sich über sie und sagte:

»Mut, mein Liebes, Mut! Sollte es mir gelingen, einen Ausweg zu finden, so pfeife ich zweimal ... oder ich schieße zweimal ...«

Sie fiel kraftlos zurück.

»Geh, wenn du es willst ...«

»Hast du keine Angst?«

»Nein, denn du willst es nicht.«

Er legte seinen Rock und seine Weste ab und zog sich die Schuhe aus; er warf einen Blick auf das Leuchtzifferblatt seiner Uhr, band sie sich um den Hals und sprang ins Wasser.

Draußen war es stockdunkel. Er hatte keine Waffe bei sich und wußte nicht, wohin er sich wenden sollte ...

Es war acht Uhr ...

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