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Die Dame mit den grünen Augen

Maurice Leblanc: Die Dame mit den grünen Augen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Leblanc
titleDie Dame mit den grünen Augen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHans Jacob
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150528
projectid06f706ea
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X. Inhaltsschwere Worte

Es entstand ein langes Schweigen, in dem der verblüffende Satz nachklang ... Marescal war betäubt wie ein Boxer, der einen Schlag auf den Magen bekommen hat. Auch Brégeac, den Sauvineux mit seinem Revolver in Schach hielt, schien bestürzt.

Plötzlich ertönte ein nervöses, unfreiwilliges Lachen, das trotzdem die drückende Atmosphäre des Zimmers heiter unterbrach. Aurelie lachte über das dumme Gesicht, das Marescal machte. Die Tatsache, daß der Gegenstand des Witzes selbst den Satz vorgelesen hatte, trieb ihr die Tränen in die Augen.

Marescal betrachtete sie nicht ohne eine gewisse Unruhe. Er schien in ihrer Heiterkeit eine Bestätigung dafür zu sehen, daß sie immer noch Hilfe erwartete. Vielleicht war alles nur eine sehr geschickt gestellte Falle? Es drohte Gefahr.

»Sobald Brégeac sich rührt – eine Kugel in den Kopf!« befahl er Sauvineux.

Er ging bis zur Tür und öffnete sie:

»Ho! Unten nichts Neues?«

»Herr Marescal?«

Er beugte sich über das Treppengeländer:

»Tony? ... Labonce? ... Niemand gekommen?«

»Nein. Ist oben etwas vorgefallen?«

»Nein, nein ... Sauvineux ist ja bei mir.«

Er kehrte ins Arbeitszimmer zurück. Brégeac, Sauvineux und das junge Mädchen hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Nur ... nur es geschah etwas Unerhörtes, Unmögliches, Unvorstellbares, das ihn unbeweglich im Türrahmen festnagelte. Sauvineux hatte eine Zigarette im Munde und sah ihn an, als ob er ihn um Feuer bitten wollte.

Marescal glaubte, er sehe nicht recht. Warum sollte Sauvineux nicht rauchen wollen? Aber allmählich wurde Sauvineux' Gesicht von einem so boshaften und so unverschämten Lächeln erhellt, daß Marescal sich mit den Tatsachen abfinden mußte: Sauvineux verwandelte sich, Sauvineux verschwand gleichsam und wurde ...

Unter gewöhnlichen Umständen hätte sich Marescal gegen eine so ungeheuerliche Tatsache stärker zur Wehr gesetzt. Aber wenn es sich um Ereignisse handelte, die mit dem Menschen zusammenhingen, den er den »Mann aus dem Expreß« nannte, wurden die phantastischsten Tatsachen zu natürlichen Geschehnissen, denen er sich widerstandslos unterwarf. Es konnte ja nicht anders sein: Sauvineux, den der Minister ihm vor acht Tagen ausdrücklich empfohlen hatte, war derselbe Teufelskerl, den er am Morgen verhaftet hatte und der gegenwärtig im Polizeigefängnis gemessen wurde.

»Tony«, brüllte der Kommissar und verließ zum zweitenmal das Zimmer.

»Tony! Labonce! So kommt doch herauf, zum Teufel!«

Er schrie, heulte und tobte im Treppenhause blindlings, wie eine Biene gegen ein Fenster anrennt.

Seine Leute kamen heraufgestürmt. Er versuchte zu erklären:

»Sauvineux ... ist ... Sauvineux ist der Kerl von heute morgen, den wir drüben verhaftet haben; er ist geflohen und hat sich verkleidet ...«

Tony und Labonce fanden keine Worte.

Marescal geriet außer sich. Er stieß sie in das Zimmer, dann zog er seinen Revolver:

»Hände hoch, Schurke! Hände hoch! Labonce, nimm ihn auch aufs Korn!«

Sauvineux hatte auf dem Schreibtisch einen kleinen Taschenspiegel aufgebaut und begann, sich sorgfältig abzuschminken. Er hatte sogar den Browning auf den Tisch gelegt.

Marescal sprang zu, packte die Waffe, wich zurück und streckte beide Arme aus.

»Hände hoch! Oder ich schieße! Hörst du denn nicht, du Schurke?«

Auf den »Schurken« schien das weiter keinen Eindruck zu machen. Sorgfältig riß er sich Haar für Haar aus den Backen und an den Augenbrauen kleine wilde Härchen aus.

»Ich schieße! Ich schieße! Ich zähle noch bis drei! Eins ... zwei ... drei ...«

»Du begehst eine Dummheit, Rodolphe«, flüsterte Sauvineux.

Und Rodolphe beging die Dummheit wirklich. Er schoß mit beiden Händen drauflos, auf gut Glück, auf den Kamin, auf die Bilder, dumm und verbissen, wie ein Mörder, den der Blutgeruch berauscht und der in den wankenden Leichnam immer wieder den Dolch stößt.

Brégeac duckte sich. Aurelie rührte sich nicht. Ihr Vertrauen war unbegrenzt. Sauvineux hatte etwas Fett auf sein Taschentuch gelegt und schminkte sich das Rot aus seinem Gesicht. Allmählich kam Raoul wieder zum Vorschein.

Sechs Schüsse waren gefallen. Das Zimmer war voller Rauch. Zertrümmerte Spiegel, Marmorsplitter, zerfetzte Bilder ... Es war, als hätte man das Zimmer im Sturm genommen. Marescal, der sich seines Tobsuchtsanfalls schämte, kam wieder zu sich. Er sagte zu den beiden Agenten:

»Warten Sie draußen. Sobald ich rufe, kommen Sie wieder herein.«

Er schloß hinter den beiden Männern die Tür.

Sauvineux legte letzte Hand an seine Verwandlung. Er schob seine Krawatte zurecht und richtete sich auf: ein anderer Mensch.

»Guten Tag, gnädiges Fräulein«, sagte Raoul. »Darf ich mich vorstellen? Baron de Limézy, Forscher ... Und seit einigen Wochen auch Polizist! Sie haben mich gleich wiedererkannt, nicht wahr? Schweigen Sie, aber lachen Sie weiter! Ihr Lachen ist meine schönste Belohnung.«

Dann wandte er sich an Brégeac:

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Brégeac.«

Dann drehte er sich zu Marescal um und sagte heiter:

»Guten Tag, lieber Freund. Warum hast du mich denn nicht wiedererkannt? Du zerbrichst dir wahrscheinlich den Kopf darüber, wie ich dazu komme, an Sauvineux' Stelle hier zu stehen! Denn du glaubst immer noch an deinen Sauvineux. Die ganze Polizei munkelt von einem ungewöhnlich tüchtigen Beamten namens Sauvineux! In Wirklichkeit hat Sauvineux niemals existiert. Sauvineux ist ein Mythos! Eine Persönlichkeit, deren Fähigkeiten man so lange dem Minister angepriesen hat, bis er ihn dir durch Vermittelung seiner Frau als Mitarbeiter angehängt hat! So bin ich seit zehn Tagen in deinen Diensten, das heißt, ich habe dir auf die richtige Spur geholfen, habe dir die Wohnung des Barons de Limézy verraten, habe mich dann heute morgen durch mich verhaften lassen und dort, wo ich sie versteckt hatte, die wunderbare Flasche gefunden, die die fundamentale Wahrheit enthält: ›Marescal ist ein Rindvieh‹.«

Marescal beherrschte sich. Am liebsten hätte er sich auf seinen Gegner gestürzt, der im angenehmsten Plaudertone fortfuhr:

»Du scheinst gar nicht zufrieden zu sein, Rodolphe? Was paßt dir denn nicht? Du fragst dich, wie ich zu gleicher Zeit als Limézy ins Gefängnis gehen und dich als Sauvineux begleiten konnte? Ja, ja, du alter Detektiv! Die Sache ist ja so einfach! Da der Überfall in mein Haus von mir selbst geplant war, habe ich dem Baron von Limézy einen Menschen untergeschoben, der mich schweres Geld gekostet hat. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Baron und hatte sich verpflichtet, alles auf sich zu nehmen, was ihm an diesem Tage geschehen könnte. Von meiner alten Wirtschafterin geführt, hast du dich wie ein Stier auf meinen Ersatz gestürzt, und ich, Sauvineux, habe ihm sofort ein Tuch über den Kopf geworfen. So ging's ins Polizeigefängnis. Ergebnis: Da du unbedingt sicher warst, daß Limézy dir nicht in den Weg treten konnte, tatest du, was du sonst niemals gewagt hättest, wenn ich frei gewesen wäre. Das mußte aber geschehen. Hörst du, es mußte geschehen. Wir mußten uns einmal zu viert sprechen. Die Sache mußte einmal geregelt werden, damit wir weiterkommen. Jetzt ist alles in Ordnung, nicht wahr? Man atmet geradezu erleichtert auf! Es muß doch ein angenehmer Gedanke für dich sein, zu wissen, daß das gnädige Fräulein und ich uns in zehn Minuten von dir verabschieden werden.«

Marescal hatte seine Beherrschung wiedergefunden. Er wollte ebenso ruhig sein wie sein Gegner. Er nahm das Telephon ab.

»Hallo! Polizeipräsidium, bitte ... Hallo ... Präsidium? ... Bitte Herrn Philippe ... Nun? ... Hat man den Irrtum schon gemerkt? ... Ja, ich weiß bereits Bescheid ... Hör' mal ... Nimm zwei Motorräder und komm' schleunigst hierher ... Zu Brégeac! ... Unten läuten, verstanden? Also los! ... Jede Sekunde ist kostbar ...«

Er hing an und beobachtete Raoul.

»Du hast etwas zu früh die Karten aufgedeckt«, sagte er jetzt, und machte sich über ihn lustig. »Der Angriff hat das Ziel verfehlt – jetzt kommt der Gegenstoß. Unten stehen Tony und Labonce. Hier stehe ich – und auch Brégeac, der schließlich keine Veranlassung hat, dein Freund zu sein. Das dürfte dir wohl fürs erste die Lust nehmen, Aurelie zu befreien. In zwanzig Minuten treffen außerdem drei Spezialisten aus dem Präsidium ein. Genügt dir das?«

Raoul beschäftigte sich eingehend damit, Zigaretten in eine Tischplatte zu stecken. Er stellte sieben hintereinander auf, dann etwas weiter entfernt eine einzelne Zigarette.

»Teufel,« sagte er, »sieben gegen einen. Das ist ein bischen knapp! Was soll nur aus euch werden?«

Er faßte zögernd nach dem Telephonhörer.

»Gestattest du?«

Marescal ließ ihn ruhig gewähren, beobachtete aber jede Bewegung. Raoul begann:

»Hallo ... Bitte Elysées 2223, Fräulein ... Habe ich die Ehre mit dem Präsidenten der Republik? Ach, Herr Präsident, schicken Sie doch bitte Herrn Marescal ein Bataillon Infanterie ...«

Wütend riß Marescal ihm den Hörer aus der Hand:

»Genug mit diesen Albernheiten. Ich nehme an, du bist nicht zum Spaß hierhergekommen! Was willst du?«

Raoul machte eine mutlose Handbewegung.

»Du verstehst wirklich keinen Spaß.«

»So sprich endlich!«

»Bitte sprechen Sie«, bat auch Aurelie ...

Er sagte lachend:

»Wenn Sie befehlen, gern!«

Er wurde ernst.

»Worte können zu Taten werden, und manchmal ist nichts so wertvoll, wie die Bestimmtheit gewisser Worte. Mein Zweck ist, euch zu überzeugen ...«

»Wovon zu überzeugen?«

»Daß das gnädige Fräulein vollkommen unschuldig ist«, sagte Raoul ruhig.

»Sie hat also niemanden getötet?« fragte spöttisch der Kommissar.

»Nein.«

»Und du vielleicht auch nicht?«

»Ich auch nicht.«

»Wer hat denn getötet?«

»Andere.«

»Lüge!«

»Nein! Wahrheit! Marescal, vom ersten bis zum letzten Schritt hast du dich in dieser Angelegenheit geirrt. Ich wiederhole, was ich dir bereits in Monte Carlo gesagt habe: ich kenne das gnädige Fräulein kaum. Als ich sie auf dem Bahnhof von Beaucourt rettete, hatte ich sie erst einmal gesehen, und zwar am Nachmittag auf dem Boulevard Haussmann. Erst in Sainte-Marie haben wir uns einige Male gesprochen. Bei diesen Begegnungen hat sie stets vermieden, vom Verbrechen im Expreß zu sprechen, und ich habe sie niemals danach gefragt. Die Wahrheit ist ohne ihr Zutun an den Tag gekommen.«

Marescal zuckte die Achseln, widersprach jedoch nicht. Trotz allem war er neugierig, wie der andere die Ereignisse auslegen würde.

Er sah nach der Uhr und lächelte. Philippe und seine Leute mußten bald da sein.

Brégeac hörte zu, ohne zu begreifen, und sah Raoul an.

Aurelie schien plötzlich Angst bekommen zu haben und ließ ihn nicht aus den Augen.

Er begann und gebrauchte unbewußt die gleichen Ausdrücke, deren sich Marescal bedient hatte.

»Am sechsundzwanzigsten April also war der Wagen Nummer fünf des Expreßzuges nach Marseille nur von vier Personen besetzt, von einer Engländerin, Miß Bakefield ...«

Er unterbrach sich plötzlich, dachte einige Sekunden nach und fuhr dann entschlossen fort:

»Nein, so darf man nicht vorgehen. Man muß weiter zurückgreifen und die ganze Geschichte logisch entwickeln. Einige Einzelheiten fehlen mir. Aber was ich weiß und was man mit einiger Bestimmtheit ergänzen kann, genügt, um die Zusammenhänge klarzustellen.

Vor etwa achtzehn Jahren – Marescal, ich wiederhole: vor etwa achtzehn Jahren – trafen sich in Cherbourg vier junge Leute ziemlich regelmäßig im Café: Ein gewisser Brégeac, Sekretär im Marineamt, ein gewisser Jaques Ancivel, ein gewisser Loubeaux und ein Herr Jodot. Die Beziehungen waren ziemlich oberflächlich und dauerten nicht lange, zumal die drei Letztgenannten mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren und Brégeac als Verwaltungsbeamter diesen Verkehr nicht fortsetzen konnte. Außerdem heiratete Brégeac und wurde nach Paris versetzt.

Er hatte eine Witwe geheiratet, die ein kleines Mädchen namens Aurelie d'Asteux hatte. Der Vater seiner Frau, Etienne d'Asteux, war ein Sonderling, der in der Provinz lebte, ein unermüdlicher Sucher und Erfinder, der schon mehrmals nahe daran gewesen war, ein großes Vermögen zu erwerben, oder ein Geheimnis zu ergründen, das ihm ein solches Vermögen in den Schoß werfen konnte. Kurze Zeit vor der Heirat seiner zweiten Tochter mit Brégeac schien er eines dieser wunderbaren Geheimnisse entdeckt zu haben. Er behauptete es wenigstens in Briefen an seine Tochter, von denen Brégeac nichts erfährt, und läßt sie eines Tages mit der kleinen Aurelie zu sich kommen, um es ihr zu beweisen. Die heimliche Reise kam jedoch Brégeac zu Ohren, nicht erst später, wie das gnädige Fräulein annimmt, sondern sofort. Brégeac fragt seine Frau. Sie schweigt über das Wesentliche, wie sie es ihrem Vater geschworen hat. Immerhin macht sie ihrem Manne Andeutungen, die ihn in dem Glauben bestärken, daß der Alte irgendwo einen Schatz vergraben habe. Aber wo? Und warum sollte man sich nicht sofort in seinen Besitz setzen? Das Zusammenleben wird qualvoll. Brégeac verbeißt sich immer mehr, er belästigt Etienne d'Asteux, fragt das Kind aus, das keine Antwort gibt, verfolgt seine Frau, bedroht sie sogar, kurz, er lebt in einem Zustande beständig wachsender Erregung.

Da bringen ihn zwei Ereignisse vollends außer sich. Seine Frau stirbt an einer Lungenentzündung. Und er erfährt, daß auch sein Schwiegervater d'Asteux im Sterben liegt. Brégeac ist verzweifelt. Was soll aus dem Geheimnis werden, wenn Etienne d'Asteux nicht spricht? Was soll aus dem Schatz werden, wenn Etienne d'Asteux ihn seiner Enkelin als ›Großjährigkeitsgeschenk‹ vermacht (wie es in einem der Briefe heißt)? Brégeac sollte leer ausgehen? Alle Reichtümer sollten ihm entgehen? Er muß, gleichviel wie, das Geheimnis ergründen. Ein unheilvolles Schicksal weist ihm Mittel und Wege. Er wird mit der Untersuchung eines Diebstahls betraut und stößt dabei auf seine drei alten Kameraden aus Cherbourg, Loubeaux, Jodot und Ancivel. Die Versuchung ist zu groß für Brégeac. Er unterliegt ihr und spricht. Sie werden handelseins. Für die drei Diebe bedeutet es sofortige Freilassung. Sie machen sich sogleich nach dem Dorf auf, in dem der alte Herr im Sterben liegt, und wollen ihm gütlich oder gewaltsam die nötigen Angaben entreißen.

Der Anschlag mißlingt. Mitten in der Nacht wird der alte Mann überfallen, man will ihn zum Sprechen zwingen; aber er sagt kein Wort und stirbt. Die drei Mörder fliehen. Brégeacs Gewissen ist mit einem Verbrechen belastet, das ihm nicht den geringsten Nutzen gebracht hat.«

Raoul de Limézy machte eine Pause und beobachtete Brégeac.

Brégeac schwieg. Widersprach er so ungeheuerlichen Beschuldigungen? War sein Schweigen ein Geständnis? Man hätte meinen können, all dies sei ihm sehr gleichgültig und die Vergangenheit lasse ihn angesichts seiner gegenwärtigen verzweifelten Lage kalt.

Aurelie hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen; sie hatte zugehört, ohne sich zu rühren. Marescal wurde wieder zuversichtlicher; er war auch etwas erstaunt, daß Raoul de Limézy so wichtige Tatsachen enthüllt hatte und nun preisgab. Marescal fühlte, wie sein Todfeind Brégeac ihm immer stärker ausgeliefert wurde. Und er sah abermals nach der Uhr.

Raoul fuhr fort:

»Das Verbrechen war also nutzlos, aber die Folgen machten sich bemerkbar, obwohl die Gerichte niemals davon erfahren hatten. Zunächst reist einer der Komplizen, Jaques Ancivel, nach Amerika. Bevor er reist, sagt er alles seiner Frau. Diese wendet sich an Brégeac und zwingt ihn, bei Androhung sofortiger Denunziation, zur Unterzeichnung eines Schriftstückes, indem er die gesamte Verantwortung für das an Etienne d'Asteux begangene Verbrechen auf sich nimmt und die drei Schuldigen entlastet. Brégeac hat Angst und unterzeichnet törichterweise. Das Dokument wird Jodot ausgehändigt und von diesem und Loubeaux in eine Flasche geschlossen, die sie unter Etienne d'Asteux' Kopfkissen gefunden und durch Zufall behalten haben. Von jetzt ab haben sie Brégeac in der Hand und können ihn hochgehen lassen, wenn sie wollen.

Sie haben ihn in der Hand. Aber es handelt sich um intelligente Burschen, die zunächst auf kleine Erpressungen verzichten und Brégeac ruhig avancieren lassen. Im Grunde haben sie nur einen Gedanken, nämlich, den Schatz zu entdecken, von dem ihnen Brégeac unvorsichtigerweise erzählt hat.

Brégeac weiß aber gar nichts. Niemand weiß etwas ... niemand, außer dem kleinen Mädchen, das die Landschaft gesehen hat, aber im Innersten ihrer Seele das ihr auferlegte Gebot des Schweigens hält. Es heißt also, warten und aufpassen. Man will handeln, sobald sie das Kloster verlassen hat, in das sie Brégeac geschickt hat ...

Sie kommt aus dem Kloster. Am Tage ihrer Ankunft selbst, vor zwei Jahren, erhält Brégeac einen Brief von Jodot und Loubeaux, in dem sie ihm mitteilen, daß sie ihm für die Suche nach dem Schatz vollkommen zur Verfügung stehen. Er solle die Kleine zum Sprechen bringen und sie auf dem laufenden halten, sonst ...

Für Brégeac ist es ein Blitz aus heiterem Himmel. Nach zwölf Jahren durfte er mit Recht hoffen, daß die Angelegenheit endgültig begraben sei. Er hat im Grunde auch gar kein Interesse mehr an der Sache. Die Geschichte erinnert ihn an ein Verbrechen, das er verabscheut, und an eine Zeit, an die er sich nur mit Entsetzen erinnert. Und plötzlich tauchen diese Schändlichkeiten wieder aus dem Schatten der Vergangenheit auf! Was soll er tun?

Solche Fragen sind kaum zu beantworten. Er muß gehorchen, er muß seine Stieftochter quälen und sie zum Sprechen bringen. Und er tut es wirklich. Die Begierde nach Reichtum erwacht wieder in ihm. Jeden Tag wird das arme Mädchen ins Verhör genommen. Es gibt Streit und Drohungen. Die Unglückliche fühlte sich in jedem Gedanken und in jeder Erinnerung gehetzt. Sie will leben: man gönnt es ihr nicht. Sie will ihr Leben genießen, sie darf sogar einige Freundinnen sehen, singt bisweilen ... Aber kaum ist sie zu Hause, beginnt das Martyrium wieder.

Ein Martyrium, zu dem etwas wirklich Abscheuliches hinzukommt, etwas, wovon ich kaum zu sprechen wage: Brégeacs Liebe. Lassen wir das. Marescal, du weißt besser Bescheid als ich, denn, kaum hattest du Aurelie gesehen, wurdest du Brégeacs unversöhnlicher Rivale.

Allmählich mußte das arme Opfer die einzige Rettung in der Flucht sehen. Sie wird bestärkt in diesem Gedanken durch eine Persönlichkeit, die Brégeac selbst wider Willen in seinem Hause einführt, nämlich durch Guillaume, den Sohn des einen Kameraden aus Cherbourg. Der spielt seine Rolle sehr geschickt im Dunkeln und erregt keinerlei Mißtrauen. Seine Mutter lenkt ihn; sie weiß, daß Aurelie dem Manne, den sie lieben wird, ihr Geheimnis anvertrauen kann, und Guillaume träumt davon, sich ihre Liebe zu erringen. Er bietet ihr seine Hilfe an. Er will sie in den Süden begleiten, wohin ihn angeblich seine Geschäfte führen.

So kam der sechsundzwanzigste April.

Marescal, beachte die Stellung der Schauspieler in diesem Drama und den Zusammenhang der Dinge! Zunächst flieht Aurelie aus ihrem Gefängnis. Glücklich über die bevorstehende Befreiung, hatte sie sich bereit gefunden, am letzten Tage mit ihrem Stiefvater in einer Konditorei auf dem Boulevard Haussmann Tee zu trinken. Dort traf sie dich zufällig. Skandal. Brégeac führt seine Stieftochter nach Hause. Ihre Flucht gelingt. Am Bahnhof trifft sie Guillaume.

Guillaume verfolgt ein doppeltes Ziel. Er will Aurelie verführen, gleichzeitig aber will er in Nizza einen Einbruch unter der Leitung von Miß Bakefield ausführen, zu deren Bande er gehört. So wird die Engländerin in ein Drama verwickelt, in dem sie nicht die geringste Rolle spielte.

Außerdem haben wir noch Jodot und die Brüder Loubeaux. Die drei sind so geschickt vorgegangen, daß Guillaume und seine Mutter keine Ahnung von ihrem Wiederauftauchen haben und nicht wissen, daß sie Konkurrenten sind. Aber die drei Banditen haben Guillaumes Manöver verfolgt, sie wissen, was vorgeht; sie haben auch den Einbruchsplan erfahren und sind am sechsundzwanzigsten April zur Stelle. Ihr Plan steht fest: sie wollen Aurelie entführen und sie, ganz gleich, wie, zum Sprechen zwingen. Das ist doch klar, nicht wahr?

Die besetzten Plätze verteilen sich folgendermaßen: Wagen Nummer fünf. Hinten Miß Bakefield und Baron de Limézy. Vorn Aurelie und Guillaume Ancivel ... Du verstehst doch, Marescal? Vorn! Aurelie und Guillaume, und nicht die Brüder Loubeaux, wie man bisher annahm. Die beiden Brüder und auch Jodot befinden sich anderswo. Sie sind im Wagen Nummer vier, in deinem Wagen, Marescal; sie haben die Lampe verdunkelt und sind nicht zu erkennen. Begreifst du jetzt?«

»Ja«, sagte Marescal leise.

»Der Zug ist in voller Fahrt. Zwei Stunden vergehen. Station La Roche. Es geht weiter. In diesem Augenblick verlassen die drei Männer aus dem Wagen Nummer vier, das heißt, Jodot und die Brüder Loubeaux, ihr verdunkeltes Abteil. Sie sind maskiert, tragen graue Blusen und Mützen. Sie betreten den Wagen Nummer fünf. Gleich links zwei Silhouetten, ein Herr und eine Dame mit hellblonden Haaren; beide scheinen zu schlafen. Jodot und der ältere Loubeaux machen sich ans Werk, während der andere Schmiere steht. Der Baron wird niedergeschlagen und gebunden. Die Engländerin wehrt sich. Jodot packt sie an der Kehle, und jetzt erst erkennt er seinen Irrtum: es ist nicht Aurelie, sondern eine andere Frau, die die gleichen Haare hat. In diesem Augenblick kommt der jüngere Bruder und führt seine Komplizen an das Ende des Wagens zu dem Abteil, in dem sich wirklich Guillaume und das junge Mädchen befinden. Dort kommt alles anders. Guillaume hat Lärm gehört und ist auf der Hut. Er hat seinen Revolver; der Kampf ist sofort entschieden: zwei Schüsse, die beiden Brüder fallen, und Jodot flieht.

Wir verstehen uns doch, Marescal, nicht wahr? Dein Irrtum, der Irrtum der Behörden, aller Menschen Irrtum bestand darin, die Tatsachen nach dem Anschein zu betrachten, und nach dieser sehr richtigen und übrigens durchaus logischen Methode sind die Toten die Opfer, und die Flüchtigen die Verbrecher. Man hat nicht daran gedacht, daß es auch umgekehrt sein kann: daß die Angreifer getötet werden und die Überfallenen heil und unversehrt fliehen können. Und Guillaume mußte sich zur Flucht entschließen. Wenn er wartet, ist er verloren. Guillaume, der Einbrecher, hat keine Lust, der Polizei Einblicke in seine Angelegenheiten zu geben. Bei der geringsten Untersuchung mußten die dunklen Untergründe seines Lebens ans Tageslicht kommen. Sollte er den Kampf aufgeben? Das wäre zu dumm gewesen, zumal er sich zu helfen wußte. Er zögert keine Minute, er macht seiner Begleiterin die Folgen eines Skandals klar. Entsetzt, starr vor Schrecken und gelähmt beim Anblick der beiden Toten, läßt sie willenlos alles mit sich geschehen. Guillaume zieht ihr mit Gewalt eine Bluse über und verkleidet sie als den jüngeren Loubeaux. Er selbst schleppt alle Handtaschen fort, um ja keine Spur zu hinterlassen. So laufen beide den Gang entlang, treffen auf den Schaffner und springen ab.

Eine Stunde später, nach einer schrecklichen Flucht durch die Wälder, wird Aurelie verhaftet, in einem Raume des Bahnhofsgebäudes festgesetzt. Sie ist verloren, denn sie sieht sich ihrem unerbittlichen Gegner Marescal gegenüber.

Da kommt die Überraschung: ich trete auf ...«

Raoul ließ es sich nicht nehmen, zur Tür zu gehen und die Bewegung des auftretenden Schauspielers getreulich nachzuahmen.

»Ich trete also auf«, sagte er und lächelte zufrieden. »Es war auch höchste Zeit. Ich bin überzeugt, daß auch du dich gefreut hast, Marescal, unter diesem Lumpengesindel einem Manne zu begegnen, der noch, bevor er wußte, worum es sich eigentlich handelte, und nur weil das gnädige Fräulein so schöne grüne Augen hat, sich als Beschützer der verfolgten Unschuld ins Zeug legte.«

Raoul beugte sich vor und sagte:

»Warum weinen Sie, gnädiges Fräulein? Die bösen Dinge sind doch alle vorbei, sogar Marescal verneigt sich vor einer Unschuld, die er anerkennen muß. Weinen Sie nicht, gnädiges Fräulein ... Ich komme immer zur rechten Zeit. Ich habe mir das so angewöhnt und versäume meinen Auftritt niemals. Ich war noch immer zur Stelle: in Beaucourt, in Nizza, in Sainte-Marie und jetzt. Was befürchten Sie also? Alles ist vorbei – wir brauchen nur noch in aller Ruhe zu gehen, bevor die Hilfstruppen aus dem Präsidium kommen oder das Bataillon Infanterie das Haus umzingelt hat. Nicht wahr, Rodolphe? Du legst uns doch kein Hindernis in den Weg, und das gnädige Fräulein ist frei? ... Nicht wahr, du bist von dieser Lösung, die deinen Sinn für Gerechtigkeit und Höflichkeit befriedigt, ganz entzückt? Darf ich bitten, gnädiges Fräulein? ...«

Sie kam zögernd; sie fühlte nur zu gut, daß die Schlacht noch nicht gewonnen sei. Marescal stand unerbittlich auf der Schwelle. Brégeac stellte sich neben ihn. Die beiden Männer machten gegen den Rivalen, der triumphierte, gemeinsame Sache ...

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