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Die Dame mit den grünen Augen

Maurice Leblanc: Die Dame mit den grünen Augen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMaurice Leblanc
titleDie Dame mit den grünen Augen
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHans Jacob
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150528
projectid06f706ea
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IX. Was kommt dort von der Höh'?

Um zwei Uhr desselben Tages zog sich die »Kleine« an, wie Marescal sie nannte. Ein alter Diener namens Valentin, der jetzt allein im Haushalt den Dienst versah, hatte ihr im Zimmer zu essen serviert und ihr mitgeteilt, daß Brégeac sie zu sprechen wünsche.

Man konnte ihr die Krankheit noch deutlich ansehen. Bleich und sehr schwach nahm sie sich zusammen, um aufrecht und erhobenen Hauptes vor dem Manne zu erscheinen, den sie verabscheute. Sie fuhr sich mit dem Stift über die Lippen, legte etwas Rot auf und ging hinunter.

Brégeac erwartete sie im ersten Stock in seinem Arbeitszimmer, einem großen Raum, dessen Fensterläden geschlossen waren.

»Setz' dich«, sagte er.

»Nein.«

»Setz' dich. Du bist müde.«

»Sagen Sie mir lieber schnell, was Sie mir mitzuteilen haben, damit ich wieder auf mein Zimmer gehen kann.«

Brégeac ging einige Augenblicke im Zimmer auf und ab. Er sah erregt und sorgenvoll aus. Heimlich sah er Aurelie an, sein Blick war feindselig und leidenschaftlich zugleich. Er hatte auch etwas Mitleid mit ihr.

Er näherte sich ihr, legte ihr eine Hand auf die Schulter, zwang sie mit sanfter Gewalt in einen Stuhl und setzte sich selbst.

»Du hast recht: es soll nicht lange dauern. Was ich dir mitzuteilen habe, läßt sich in wenigen Worten sagen. Dann kannst du dich entscheiden.«

Sie saßen dicht beieinander und waren doch weiter voneinander entfernt als zwei Gegner. Brégeac fühlte das. Alle seine Worte würden den Abgrund zwischen ihnen nur noch breiter machen. Er ballte die Fäuste und sagte:

»Hast du denn immer noch nicht begriffen, daß wir von Feinden umgeben sind und daß es so nicht weitergehen kann?«

Sie stieß zwischen den Zähnen hervor:

»Von welchen Feinden?«

»Aber das weißt du doch! Marescal haßt dich, und er will sich rächen ...«

Ganz leise fügte er ernst hinzu:

»Wir werden seit geraumer Zeit überwacht. Im Ministerium durchsucht man meine Schubladen. Vorgesetzte und Untergebene, alle haben sich gegen mich verschworen. Warum? Weil sie alle mehr oder weniger in Marescals Diensten stehen. Weil sie wissen, daß er beim Minister größeren Einfluß hat als ich. Wir beide aber, du und ich, wir sind aneinandergeschmiedet, und wäre es nur aus Haß. Vor allem aber durch unsere Vergangenheit, die gleich ist, ob du es willst oder nicht! Ich habe dich erzogen; ich bin dein Vormund. Und mein Untergang ist dein Untergang. Ich frage mich sogar häufig, ob man es nicht eigentlich auf dich abgesehen hat, aus Gründen, die ich nicht kenne ... Ja, manchmal habe ich wirklich den Eindruck, daß man mich in Ruhe lassen würde, daß dein Leben jedoch ständig bedroht ist.«

Sie war einer Ohnmacht nahe.

»Wieso?«

Er antwortete:

»Ich habe sogar einen anonymen Brief bekommen, der auf Ministerialpapier geschrieben ist, ein lächerlicher und unzusammenhängender Brief, in dem man mich darauf aufmerksam macht, daß man dich verfolgen wird.«

Sie hatte noch die Kraft, zu sagen:

»Verfolgen? Sie sind ja wahnsinnig! Und nur weil ein anonymer Brief ...«

»Ja, ich weiß«, sagte er. »Irgendein Untergebener kann sich ein Gerücht zunutze gemacht haben ... Immerhin, Marescal ist alles zuzutrauen.«

»Wenn Sie Angst haben, so fliehen Sie!«

»Für dich habe ich Angst, Aurelie.«

»Ich habe nichts zu befürchten.«

»Doch! Dieser Mann hat geschworen, sich an dir zu rächen.«

»Dann will ich abreisen.«

»Hast du denn Kraft genug dazu?«

»Ich habe alle Kraft, um dieses Gefängnis hier zu verlassen und Sie nicht mehr wiederzusehen.«

Er machte eine müde, mutlose Handbewegung:

»Schweig ... Ich könnte nicht weiterleben ... Ich habe während deiner Abwesenheit zu sehr gelitten. Mir ist alles gleich, nur keine Trennung von dir! Mein ganzes Leben hängt von deinem Leben, deinem Blick ab ...«

Sie stand auf und sagte, bebend vor Entrüstung:

»Ich verbiete Ihnen, so mit mir zu sprechen! Sie haben mir geschworen, daß ich nie wieder solche Worte von Ihnen hören werde.«

Sie fiel vor Schwäche in ihren Sessel zurück; er entfernte sich von ihr, warf sich in einen Sessel, legte den Kopf in beide Hände, und man sah, wie seine Schultern von heftigem Schluchzen geschüttelt wurden: ein besiegter Mann, für den das Dasein eine unerträgliche Last bedeutete.

Nach einem langen Schweigen begann er wieder:

»Nach deiner Reise stehen wir uns noch feindseliger gegenüber als vorher. Du bist vollkommen verwandelt zurückgekehrt. Was ist denn mit dir geschehen, Aurelie? ... Nicht in Sainte-Marie, sondern während der drei Wochen, in denen ich dich wie ein Wahnsinniger gesucht habe. Dieser Schuft von Guillaume – ich weiß, du liebst ihn nicht ... Und trotzdem bist du mit ihm gegangen. Warum? Und was ist aus euch beiden geworden? Was ist vor allem aus ihm geworden? Ich ahne, daß sich sehr ernste Dinge abgespielt haben ... Man spürt, wie unruhig du bist, und während des Fiebers sprachst du wie ein Mensch, der beständig auf der Flucht ist, du sähest dauernd Blut und Tote ...«

Sie erbebte.

»Ich habe mich nicht verhört«, sagte er; »sogar jetzt spiegeln deine Augen das ganze Entsetzen wider ... man könnte glauben, deine Träume gingen weiter ...«

Er näherte sich ihr und fuhr langsam fort:

»Du brauchst Ruhe, mein armes Kleines. Und ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich habe heute morgen um Urlaub gebeten, und wir werden verreisen. Ich schwöre dir, daß nicht ein Wort über meine Lippen kommen wird, das dich verletzen könnte. Ich werde nicht von dem Geheimnis sprechen, das du mir hättest anvertrauen müssen, denn es gehört mir ebenso wie dir. Ich werde auch nicht in deinen Augen zu lesen versuchen, die dieses Geheimnis bergen, ich werde deine Augen in Frieden lassen ... Ich werde dich nicht ansehen. Ich verspreche dir das aufs feierlichste. So komm, du Arme. Du tust mir wirklich leid. Du leidest. Du scheinst auf irgend etwas zu warten, aber es kann doch nur irgendein neues Unglück sein! Komm ...«

Sie schwieg hartnäckig. Sie konnten sich nicht vertragen, es war unmöglich, ein Wort auszusprechen, das nicht wehtat oder beleidigte. Brégeacs verwerfliche Leidenschaft trennte sie stärker als die Vergangenheit und tausend andere Dinge.

»So antworte doch«, bat er.

Sie sagte kalt:

»Ich will nicht. Ich kann Ihre Gegenwart nicht mehr ertragen. Ich kann nicht mehr in demselben Hause wohnen wie Sie. Bei der ersten Gelegenheit werde ich abreisen.«

»Und zweifellos nicht allein,« spottete er, »genau wie das erstemal ... Guillaume, nicht wahr?«

»Ich habe Guillaume zum Teufel gejagt!«

»Ein anderer also. Ein anderer, auf den du wartest, davon bin ich fest überzeugt. Deine Augen suchen unaufhörlich ... deine Ohren lauschen ... auch jetzt ...«

Die Tür zum Vorzimmer war geöffnet und wieder geschlossen worden.

»Sagte ich es nicht?« sagte Brégeac mit einem häßlichen Lachen. »Man sollte wirklich meinen, du hofftest ... daß irgend jemand hierherkomme! Aurelie: niemand wird kommen, weder Guillaume noch ein anderer. Es ist Valentin, den ich ins Ministerium geschickt habe, um meine Post zu holen. Denn ich gehe nicht mehr ins Amt.«

Die Schritte des Dieners kamen die Stufen zum ersten Stock hinauf und durch das Vorzimmer. Er trat ein.

»Hast du die Besorgung gemacht?«

»Jawohl, Herr Brégeac.«

»Waren Briefe da oder Unterschriften zu leisten?«

»Nein, Herr Brégeac.«

»Seltsam. Und die Post?«

»Die Post war gerade Herrn Marescal ausgehändigt worden.«

»Mit welchem Rechte konnte Marescal? ... War er denn da?«

»Nein, Herr Brégeac, er war schon dagewesen und sofort wieder gegangen.«

»Wieder gegangen? ... Um halb zwei? ... In einer dienstlichen Angelegenheit vermutlich?«

»Jawohl, Herr Brégeac.«

»Hast du versucht, etwas Näheres zu erfahren? ...«

»Jawohl, aber man wußte nichts.«

»War er allein?«

»Nein, er war mit Labonce, Tony und Sauvineux zusammen.«

»Mit Tony und Labonce!« rief Brégeac. »Dann handelt es sich um eine Verhaftung! Warum hat man mich nicht davon in Kenntnis gesetzt? Was geht denn vor?«

Valentin zog sich zurück. Brégeac ging wieder auf und ab und wiederholte nachdenklich:

»Tony, Marescals Spießgeselle durch dick und dünn ... Labonce, einer seiner Günstlinge ... und alles ohne mich ...«

Fünf Minuten vergingen. Aurelie sah ihn angstvoll an. Plötzlich ging er an eines der Fenster und öffnete den Laden. Ein Schrei entfuhr ihm, und er sagte:

»Sie stehen ... am ... Ende der Straße ... und lauern ...«

»Wer?«

»Marescals Gehilfen: Tony und Labonce.«

»Und?« murmelte sie.

»Die beiden verwendet er nur in ganz schweren Fällen. Heute morgen hat er noch mit beiden hier im Viertel gearbeitet ...«

»Sind sie da?« fragte Aurelie.

»Ja, gewiß, ich habe sie ja gesehen.«

»Und Marescal kommt auch?«

»Bestimmt. Du hast ja gehört, was Valentin gesagt hat.«

»Er kommt ...«, stammelte sie, »er kommt ...«

»Was hast du denn?« fragte Brégeac, der sich über ihre Fassungslosigkeit wunderte.

»Nichts«, sagte sie und nahm sich zusammen. »Man erschrickt manchmal wider Willen, ohne einen Grund dazu zu haben.«

Brégeac überlegte. Auch er versuchte sich zu beherrschen und wiederholte:

»Keinerlei Grund, allerdings ... Man ereifert sich meistens aus ganz kindischen Gründen ... Ich werde sie fragen, und alles wird sich aufklären. Bestimmt. Die Ereignisse lassen darauf schließen, daß weniger wir als das Haus gegenüber überwacht wird.«

Aurelie hob den Kopf.

»Welches Haus?«

»Die Sache, von der ich dir sprach ... der Mann, der heute mittag verhaftet worden ist. Du hättest nur sehen sollen, wie Marescal um elf Uhr das Bureau verließ! Ich traf ihn. Er sah zufrieden und haßerfüllt aus ... Dieser Ausdruck hat mich etwas verwirrt. Einen solchen Haß hat man im Leben nur gegen einen Menschen. Und mich haßt er oder vielmehr uns beide! Und deswegen dachte ich, wir seien bedroht.«

Aurelie hatte sich aufgerichtet und war noch bleicher geworden.

»Was sagen Sie da? Eine Verhaftung im Hause gegenüber?«

»Ja, es handelt sich um einen gewissen Limézy, der sich als Forscher ausgibt. Ein Baron de Limézy. Um ein Uhr teilte man mir im Ministerium mit, daß er ins Polizeigefängnis eingeliefert worden sei.«

Sie kannte Raouls Namen nicht, aber sie zweifelte nicht daran, daß es sich um ihn handle, und sie fragte mit zitternder Stimme:

»Was hat er denn getan? Was ist er denn, dieser Limézy?«

»Marescal meint, er sei der Mörder aus dem Expreßzug, der dritte Bandit, den man sucht.«

Sie wäre beinahe umgefallen. Sie taumelte und sah aus wie eine Wahnsinnige; sie tastete ins Leere, um eine Stütze zu finden.

»Was ist denn los, Aurelie? Was hat denn das mit uns zu tun?«

»Wir sind verloren«, stöhnte sie.

»Was willst du damit sagen?«

»Das können Sie nicht verstehen.«

»Erkläre dich. Erkläre dich. Kennst du diesen Menschen?«

»Ja ... Ja ... er hat mich gerettet, er hat mich vor Marescal gerettet und vor Guillaume und vor Jodot ... auch heute hätte er uns gerettet.«

Er sah sie starr vor Staunen an:

»Auf ihn hast du also gewartet?«

»Jawohl,« sagte sie, »er hatte mir versprochen, da zu sein ... Ich war ruhig ... Ich habe ja miterlebt, wie er mit Marescal fertig geworden ist ...«

Sie hatte etwas Zerstreutes und Abwesendes in ihrer Art zu sprechen; sie fuhr fort:

»Dann ist es vielleicht doch besser, daß wir uns in Sicherheit bringen ... Sie und auch ich ... Es liegen da Geschichten vor, die man gegen Sie auslegen könnte ... Geschichten von früher ...«

»Du bist wahnsinnig,« sagte Brégeac, »nicht das geringste liegt gegen mich vor ... Ich habe für mich nichts zu befürchten!«

Trotz ihres Sträubens führte er sie dann aus dem Zimmer und ging auf die Treppe zu. Im letzten Augenblick leistete sie energischen Widerstand.

»Wozu? Wir werden gerettet werden ... Er wird kommen ... Er wird fliehen ... Warum wollen wir nicht auf ihn warten?«

»Aus dem Polizeigefängnis kann man nicht fliehen!«

»Wirklich? O mein Gott, wie entsetzlich ist das alles!«

Sie wußte nicht, wozu sie sich entschließen sollte, aber ihres Stiefvaters Zögern trieb sie zur Tat. Sie eilte in ihr Zimmer und kehrte mit einer Reisetasche in der Hand zurück. Auch Brégeac hatte sich vorbereitet. Sie sahen aus wie zwei Verbrecher, die nicht rasch genug das Weite suchen können. Sie eilten die Treppe hinunter und durchschritten die Diele.

In diesem Augenblick läutete es.

»Zu spät!« hauchte Brégeac.

»Aber nein,« sagte sie, »vielleicht kommt jemand ...«

Sie dachte an ihren Freund von der Terrasse im Kloster. Er hatte geschworen, sie nicht im Stich zu lassen. Vielleicht gab es Hindernisse auch für ihn.

Es läutete abermals.

»Mach' auf«, sagte Brégeac leise.

Man hörte hinter der Tür Schritte und Geflüster. Es klopfte.

»So öffne doch«, wiederholte Brégeac.

Der Diener gehorchte.

Draußen stand Marescal mit seinen drei Helfern. Aurelie lehnte sich gegen das Treppengeländer und flüsterte so leise, daß nur Brégeac sie verstehen konnte:

»Mein Gott, er ist es nicht.«

Vor seinem Untergebenen fand Brégeac seine Haltung wieder.

»Was wollen Sie? Ich hatte Ihnen doch verboten, sich hier blicken zu lassen.«

Marescal antwortete lächelnd:

»Ein dienstlicher Auftrag und Befehl des Ministers.«

»Ein Befehl, der mich betrifft?«

»Sie und das gnädige Fräulein.«

»Ein Befehl, zu dessen Ausführung Sie sich von drei Mann begleiten lassen?«

Marescal begann zu lachen:

»O nein ... Ein reiner Zufall ... Sie gingen hier spazieren ... Ich bedauere, daß dieser Umstand Ihnen auffällt ...«

Er trat ein und sah die beiden Handtaschen.

»Ei, ei, eine kleine Reise! ... Eine Minute später ... und mein Auftrag wäre mißglückt.«

»Herr Marescal,« sagte Brégeac sehr ruhig, »wenn Sie einen Auftrag auszurichten haben, dann tun Sie es bitte sofort.«

Der Kommissar beugte sich vor und sagte hart:

»Keinen Skandal, Brégeac, keine Dummheiten, kein Mensch weiß etwas, nicht einmal meine Leute. Vielleicht sprechen wir uns in Ihrem Arbeitszimmer aus.«

»Kein Mensch weiß etwas? ... Wovon?«

»Von dem was vorgeht, und was nicht ganz ohne Bedeutung ist. Wenn Ihnen Ihre Stieftochter nichts davon gesagt hat, so wird sie wenigstens zugeben, daß eine Unterredung unter vier Augen vorzuziehen ist, nicht wahr, gnädiges Fräulein?«

Bleich wie der Tod schien Aurelie, die immer noch an der Treppe stand, einer Ohnmacht nahe.

Brégeac stützte sie und sagte:

»Gehen wir hinauf.«

Sie ließ sich führen. Marescal ließ seine Leute eintreten.

»Nicht aus der Diele gehen, und keiner darf herein oder heraus. Der Diener hat sich in die Küche einzuschließen. Sollte es oben einen Zwischenfall geben, so pfeife ich, und Sauvineux kommt mir zu Hilfe, verstanden?«

»Verstanden«, antwortete Labonce.

»Kein Irrtum möglich?«

»Nein, Herr Marescal.«

»Ach ja, gib mir die Flasche, Tony!«

Er nahm die Flasche, oder vielmehr den Karton, in dem sie eingepackt war, stieg schnell die Treppe hinauf und überschritt als Sieger die Schwelle des Arbeitszimmers, des gleichen Arbeitszimmers, aus dem er vor einem halben Jahr von Brégeac hinausgejagt worden war.

Brégeac versuchte zu protestieren. Marescal wies ihn sofort zurück.

»Bemühen Sie sich nicht, Brégeac. Ihre Schwäche besteht darin, daß Sie nicht wissen, welche Waffen ich gegen das gnädige Fräulein und folglich auch gegen Sie habe. Wären sie Ihnen bekannt, so würden Sie selbst begreifen, daß es Ihre Pflicht ist, nachzugeben.«

Die beiden Feinde standen einander gegenüber und maßen sich mit den Blicken. Ihr Haß war gleich groß. Geboren aus Ehrgeiz und hauptsächlich aus einer Rivalität, die von den Ereignissen auf einen Höhepunkt getrieben wurde. Zwischen beiden saß Aurelie starr aufgerichtet auf einem Stuhl.

Marescal war überrascht, denn sie schien sich wieder gefaßt zu haben. Sie sah zwar noch sehr müde aus, aber sie war nicht, wie zu Beginn des Überfalls, gehetzt und außer Fassung.

Marescal schlug mit der Faust auf den Tisch. Er trat ganz dicht an Brégeac heran und sagte:

»Fassen wir uns kurz. Es gibt lediglich Tatsachen, die ich noch einmal kurz zusammenfassen werde. Also, am sechsundzwanzigsten April ...«

Brégeac erbebte.

»Am sechsundzwanzigsten April fand unser Zusammenstoß auf dem Boulevard Haussmann statt.«

»Ganz recht. Es war der Tag, an dem Ihre Stieftochter Ihr Haus verlassen hatte. Es ist der gleiche Tag, an dem im Expreßzug nach Marseille drei Personen ermordet worden sind.«

»Was für ein Zusammenhang besteht zwischen diesen beiden Ereignissen?« fragte Brégeac verblüfft.

Der Kommissar beruhigte ihn mit einer Handbewegung. Er fuhr fort:

»Am sechsundzwanzigsten April war der Wagen Nummer fünf dieses Zuges nur von vier Personen besetzt. Im letzten Abteil befanden sich eine Engländerin, Miß Bakefield, eine Diebin, und der Baron de Limézy, vorgeblich Asienforscher. Im Spitzenabteil saßen zwei Männer, die Brüder Loubeaux aus Neuilly-sur-Seine.

Im nächsten Wagen, dem vierten, befanden sich außer mehreren Personen, die in keinerlei Zusammenhang mit den Ereignissen stehen, ein Kommissar der internationalen Fahndungspolizei und außerdem ein junger Mann und ein junges Mädchen, die in einem Abteil mit verhängtem Licht saßen und so taten, als ob sie schliefen, die aber niemand bemerken konnte, nicht einmal der Kommissar. Der Kommissar war ich; ich war hinter Miß Bakefield her. Der junge Mann war Guillaume Ancivel, Börsenspekulant und Einbrecher, eifriger Besucher dieses Hauses, der sich mit einer Begleiterin auf der Flucht befand.«

»Sie lügen! Sie lügen!« rief Brégeac empört. »Aurelie ist über jeden Zweifel erhaben.«

»Ich habe ja gar nicht gesagt, daß diese Begleiterin das gnädige Fräulein gewesen sei«, entgegnete Marescal.

Und er fuhr kaltblütig fort:

»Bis nach La Roche geschah nichts. Eine weitere halbe Stunde ... immer noch nichts. Dann ereignet sich das Drama rasch wie eine Explosion. Der junge Mann und das junge Mädchen tauchen aus dem Schatten auf und eilen aus dem Wagen vier in den Wagen fünf. Sie haben sich verkleidet. Sie tragen lange, graue Blusen, Mützen und Masken. Am Ende des Wagens Nummer fünf erwartet sie der Baron de Limézy. Die drei ermorden und berauben Miß Bakefield. Dann läßt sich der Baron von seinen Komplizen fesseln, während diese selbst weiterlaufen und die beiden Brüder ermorden und berauben. Auf dem Rückwege Zusammenprall mit dem Schaffner. Kampf. Sie fliehen, während der Schaffner den Baron de Limézy wie ein Opfer gefesselt und angeblich beraubt vorfindet. Das ist der erste Akt. Der zweite besteht aus der Flucht durch den Wald. Es wird Alarm geschlagen. Ich beginne die Untersuchung und treffe alle notwendigen Maßnahmen. Ergebnis: Die beiden Flüchtlinge werden umstellt. Der eine entkommt. Der andere wird verhaftet und in Gewahrsam genommen. Man benachrichtigt mich. Ich suche ihn in dem dunklen Raume auf, in den man ihn geschafft hat. Es ist eine Frau.«

Brégeac war immer weiter zurückgewichen und wankte wie ein Betrunkener. Er lehnte sich gegen, den Rücken eines Sessels und stammelte:

»Sie sind wahnsinnig geworden! Sie schwatzen Unsinn!«

Marescal fuhr unerschütterlich fort:

»Ich komme zum Ende. Mit Hilfe des Pseudobarons, dem ich törichterweise nicht genug mißtraute, gelingt es der Gefangenen, zu fliehen und sich wieder mit Guillaume zu vereinen. Ich finde ihre Spuren in Monte Carlo wieder. Dann verliere ich Zeit. Ich suche vergeblich ... bis zu dem Tage, da ich auf den Gedanken komme, nach Paris zurückzukehren und nachzusehen, ob Ihre Nachforschungen, Brégeac, nicht ein besseres Ergebnis hatten als meine. So konnte ich Ihnen im Kloster Sainte-Marie um wenige Stunden zuvorkommen und zu einer gewissen Terrasse gelangen, auf der sich das gnädige Fräulein Liebeserklärungen machen ließ. Der Anbeter war nicht mehr derselbe: nicht mehr Guillaume Ancivel, sondern Baron de Limézy, der dritte Helfer.«

Brégeac hörte diese entsetzlichen Beschuldigungen starr vor Staunen an. All das mußte ihm so unwiderleglich wahr erscheinen und seine eigenen Ahnungen bestätigen; alles entsprach auch den halben Andeutungen, die Aurelie ihm über ihre Rettung gemacht hatte, so sehr, daß er nicht mehr zu widersprechen wagte. Ab und zu beobachtete er das junge Mädchen, das unbeweglich und stumm in ihrer starren Haltung verharrte. Die Worte schienen nicht zu ihr zu dringen. Sie schien eher auf die Geräusche von draußen zu achten. Wartete sie immer noch?

»Und weiter«, sagte Brégeac.

»Mit seiner Hilfe gelang es ihr abermals zu entfliehen. Und ich muß Ihnen gestehen, daß ich heute darüber lache! Denn ...«

Er sprach leiser:

»Denn heute habe ich mich rächen können ... Und wie rächen können, Brégeac! Erinnern Sie sich, vor einem halben Jahr haben Sie mich wie einen Dienstboten aus diesem Zimmer gejagt ... Und heute halte ich das Schicksal dieser Kleinen in meinen Händen! ... Und alles ist aus.«

Er machte eine Bewegung mit der Faust, als drehe er einen Schlüssel im Schloß herum, und diese Bewegung war so klar, bezeichnete seinen unbeugsamen Willen so deutlich, daß Brégeac rief:

»Nein, nein, das ist nicht wahr, Marescal! ... Nicht wahr, Sie werden dieses Kind nicht ausliefern? ...«

»In Sainte-Marie,« sagte Marescal hart, »habe ich ihr die Hand zum Frieden geboten: sie wollte nicht ... Heute ist es zu spät.«

Und als Brégeac mit ausgestreckten Händen sich ihm näherte, schnitt er jede Bitte mit folgenden Worten ab:

»Geben Sie sich keine Mühe! ... Sie hat mich nicht haben wollen ... Folglich soll auch sie niemanden haben. Und das ist gerecht so. Die begangenen Verbrechen büßen, bedeutet den Schmerz bezahlen, den sie mir zugefügt hat!«

Aurelie rührte sich nicht. Marescal nahm das Telephon und ließ sich mit dem Polizeipräsidium verbinden.

»Hallo! Verbinden Sie mich bitte mit Herrn Philippe, hier Marescal.«

Dann wandte er sich zu dem jungen Mädchen und legte ihm den zweiten Hörer gegen das Ohr.

Aurelie rührte sich nicht. Am anderen Ende hörte man eine Stimme antworten:

»Philippe?« fragte Marescal.

»Marescal?«

»Hör' zu. Neben mir steht jemand, den ich überzeugen will. Bitte beantworte alle meine Fragen.«

»Bitte.«

»Wo warst du heute vormittag um zwölf Uhr?«

»Im Polizeigefängnis, du hattest mich darum gebeten. Ich habe die Person in Empfang genommen, die Labonce und Tony einbrachten.«

»Woher kam diese Person?«

»Aus der Wohnung in der Rue de Courcelles, gegenüber von Brégeacs Haus.«

»Man hat ihn also festgenommen?«

»Ich habe persönlich seine Unterbringung überwacht.«

»Unter welchem Namen?«

»Baron de Limézy.«

»Tatbestand?«

»Er soll der Anführer der Banditen aus dem Expreß sein.

»Ist er seit heute morgen nochmals vorgeführt worden?«

»Jawohl. Er ist eben gemessen worden. Man ist noch dabei.«

»Danke, Philippe. Auf Wiedersehen.«

Er hing an und sagte:

»Nun, mein schönes Fräulein, wo ist der Retter? Gefangen und gefesselt.«

Sie antwortete:

»Das wußte ich.«

Er lachte laut auf:

»Sie wußte es! Und wartet trotzdem! Zu komisch! Wie denken Sie sich das eigentlich? Sollen die Mauern des Gefängnisses einstürzen und ein Auto vom Himmel fallen, damit er hier aus der Decke erscheinen kann!«

Er hatte das junge Mädchen bei der Schulter gepackt und schüttelte es brutal.

»Es ist aus! Nichts kann dich mehr retten! In einer Stunde bist auch du ...«

Er konnte nicht zu Ende sprechen. Hinter ihm richtete Brégeac sich auf und umspannte seinen Hals mit seinen fiebrigen Händen.

Sobald Marescal sich dem jungen Mädchen genähert hatte, war es Brégeac rot vor Augen geworden. Marescal brach zusammen, und die beiden Männer rollten auf den Fußboden.

Der Kampf war erbittert. Wohl war Marescal der Stärkere, aber Brégeacs Haß glich seine körperliche Unterlegenheit aus.

Aurelie beobachtete sie entsetzt, aber sie rührte sich nicht. Alle beide waren Feinde, sie verabscheute alle beide ...

Endlich konnte Marescal sich freimachen; man sah, wie er nach seinem Browning fassen wollte. Aber der andere verrenkte ihm den Arm, und es gelang Marescal nur, nach seiner Signalpfeife zu greifen, die an seiner Uhrkette hing. Ein schriller Pfiff ertönte. Brégeac verdoppelte seine Anstrengungen, um seinen Gegner noch einmal an der Kehle zu packen. Die Tür wurde aufgerissen. Eine Gestalt stürzte ins Zimmer. Marescal war im Handumdrehen befreit, und Brégeac sah zehn Zentimeter vor seinen Augen den Lauf eines Revolvers.

»Bravo, Sauvineux!« rief Marescal ... »Das soll Ihnen nicht vergessen werden!«

Sein Zorn war so groß, daß er die Feigheit besaß, Brégeac mitten ins Gesicht zu spucken.

»Du Schuft! Du winselst vorhin noch um Nachsicht! Schluß damit! Der Minister fordert deinen Abschied. Ich habe ihn in der Tasche – du brauchst nur noch zu unterzeichnen!«

Er zog ein Papier aus der Tasche.

»Der Abschied ... Und Aurelies Geständnis. Hier ist zu unterschreiben! ›Ich gestehe, am Verbrechen im Expreß teilgenommen und auf die Brüder Loubeaux geschossen zu haben. Ich gestehe ferner, daß ...‹ Kurz und gut, die ganze Geschichte! Du brauchst gar nicht erst zu lesen! ... Unterschreibe ... Verlieren wir keine Zeit.«

Er hatte ihr seinen Füllfederhalter in die Hand gedrückt, und sie unterschrieb, ohne das Schriftstück auch nur durchzulesen.

»So, das hätten wir«, sagte Marescal vergnügt. »Ich hätte nicht gedacht, daß alles so glatt geht. Bravo, Aurelie, du hast die Situation erkannt, und du, Brégeac?«

Brégeac schüttelte den Kopf. Er weigerte sich.

»Unterzeichnen Sie getrost«, redete Aurelie ihm zu.

Und Brégeac unterzeichnete.

»Das hätten wir«, sagte Marescal, und steckte die Schriftstücke zu sich. »Aber das ist noch nicht alles! Du weißt genau, Brégeac, warum du so rasch klein beigegeben und ein Geständnis abgelegt hast.«

»Ich bin bereit, die Verantwortung für das zu tragen, was sie in einem Anfall von Wahnsinn begangen haben mag.«

»O nein«, höhnte Marescal. »Du weißt, warum du dich von mir duzen läßt: Du hast Angst! Es gibt noch andere Dinge, Dinge von früher! Verbrechen! ...«

»Von früher? Verbrechen? Was soll das bedeuten?«

Marescal geriet wieder in Zorn:

»Was? Du verlangst Erklärungen, wo du welche zu geben hast! Was hatte kürzlich die Expedition an das Ufer der Seine zu bedeuten? Und Sonntag vormittag das Wachestehen vor der verlassenen Villa? Und die Verfolgung des Mannes mit dem Sack? Soll ich dir das Gedächtnis stärken und dir erzählen, daß diese Villa den beiden Brüdern gehörte, die deine Stieftochter im Expreß erledigt hat? Daß der Mann, den du verfolgst, ein gewisser Jodot ist, nach dem ich im Augenblick fahnde? Jodot, der Teilhaber der beiden Brüder ... Jodot, dem ich einst in diesem Hause begegnet bin ... Wie sich eine Tatsache an die andere reiht! Wie leicht jetzt die Zusammenhänge zu erraten sind!«

Brégeac zuckte die Achseln:

»Unsinn! ... Lächerliche Hypothesen ...«

»Hypothesen, gewiß. Aber sie sind seit einiger Zeit zur Gewißheit geworden! Und du wirst mir dabei helfen, die letzten Unklarheiten zu beseitigen. Ich werde nicht locker lassen. Wider deinen eigenen Willen wirst du ein Geständnis ablegen, jetzt, hier, sofort ...«

Er nahm den Karton, den er mitgebracht und auf den Kamin gestellt hatte, und band ihn auf. Er enthielt eine Strohhülse, wie man sie gebraucht, um Flaschen zu schützen. Marescal zog die Flasche heraus und stellte sie vor Brégeac auf.

»Hier, mein Lieber! Du erkennst sie doch wieder? Du hast diese Flasche dem braven Jodot gestohlen; ich habe sie dir wieder abgenommen, und ein Dritter hat sie vor deinen Augen mir wieder gestohlen. Dieser Dritte war der Baron de Limézy, bei dem ich sie wiedergefunden habe. Verstehst du jetzt meine Freude? Diese Flasche ist ein unersetzlicher Schatz. Hier steht sie nun, Brégeac, mit ihrem Etikett und der Zusammensetzung irgendeines Verjüngungsmittels. Limézy hat sie mit einem Korken versehen und versiegelt. Sieh hin ... man sieht deutlich eine kleine Rolle Papier im Innern der Flasche. Und die wolltest du zweifellos Jodot wieder abnehmen ... Ein Geständnis ... Irgendeine Niederschrift, die dich schwer belastet ... Ja, ja, mein armer Brégeac ...«

Er war auf dem Höhepunkt seines Triumphes. Er zerschlug das rote Siegel und zog den Korken heraus. Dann drehte er die Flasche um. Das Papier fiel heraus. Und noch hingerissen vom Schwunge seiner Ausführungen las er den Inhalt des Papiers vor, ohne den Sinn des Geschriebenen erfaßt zu haben:

»Marescal ist ein Rindvieh!«

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