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Die Dame aus der Derwisch-Höhle

Elisabeth Heinroth: Die Dame aus der Derwisch-Höhle - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorKlaus Rittland
titleDie Dame aus der Derwisch-Höhle
booktitleMeister-Novellen neuerer Erzähler
publisherHessen & Becker Verlag
printrunErstes bis zehntes Tausend
editorRichard Wenz
firstpubo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160314
projectid1a44ec2a
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»Soll ich das etwa sein?« fragte Jeanne, über meine Schulter blickend.

»Freilich, – bist du nicht auch eine Reisebekanntschaft?«

»Aber der gräßliche Titel! Der klingt ja nach Kolportage-Roman – oder Dumas fils. Streich' ihn aus!«

»Pardon, Majestät; – diesmal nicht. Du hast damals viele Tage lang unter dieser Bezeichnung meine Phantasie beschäftigt; also – – und überhaupt, ich finde den Titel ganz hübsch.«

»Na, – denn man zu!« – –

»Pfui, Hannchen!« – zur Strafe. – Wenn sie Gassenjungen-Ausdrücke gebrauchte, – wofür sie eine merkwürdige Vorliebe hatte, – nannte ich sie immer ›Hannchen‹. Diese gemütliche Verdeutschung ihres Namens konnte sie nämlich nicht ausstehn.

»Wart', jetzt geh' ich zu deinem Sohn und sage ihm, was für einen garstigen Vater er hat!« drohte sie und verschwand im Nebenzimmer, wo Baby in seinem kleinen Wagen lag.

»Herzelchen, Schätzelchen,« hörte ich Jeannes weiche Stimme schmeicheln, – »denk mal: ›Hannchen‹ nennt er immer deine arme Mama! – Du wirst deine Frau niemals ›Hannchen‹ nennen, wenn du erst eine hast, nicht wahr, Jörgi? – Binde dich nur nicht zu früh, mein Sohn! Hörst du wohl? Heirate möglichst spät. Man kann so schrecklich dabei 'reinfallen!«

»Egä, egä!« versicherte Jörgi mit seinem krähenden Kinderstimmchen. – Ich stand auf und schloß leise die Tür. Die liebe, freundliche Gegenwart mußte schweigen, wenn die Vergangenheit reden sollte. – – Also: Ich war bereits seit mehreren Jahren Konsul in Kairo. Da unternahm ich eines Vormittags einen weiten Spaziergang. Erstens hatte ich an diesem Morgen mein erstes graues Haar entdeckt: das Alter grüßte! Zwar erst ganz flüchtig, en passant nickte es mir zu, aber in dem Gruß lag doch die niederdrückende Versicherung: Wart' nur, wir lernen uns schon bald näher kennen! – Und zweitens war heute der vierundzwanzigste Dezember! Weihnachtsheiligabend! – – – – Ich stieg auf die Zitadelle hinauf, durchschritt die altehrwürdige, von Sultan Saladdin erbaute Feste, deren dicke Mauern so mittelalterlich trotzig aus dem Felsengrunde herauswachsen und deren Inneres ein krauses Labyrinth von Höfen, Gäßchen, Gewölben, zerfallenen und noch benutzten Gebäuden und geheimnisvollen Schlupfwinkeln bildet – und stieg auf der anderen Seite hinab nach dem sandverwehten Ruinenfelde, welches, zwischen dem grünen Niltal und der Felsenkette des Mokattamgebirges gelegen, eine wahre Schatzgrube für den Liebhaber altarabischer Architektur bildet. Zur Rechten erblickte ich die stark verfallenen Mameluckengräber, zur Linken die stattliche Reihe der teilweise noch gut erhaltenen Kalifengräber; schöne, zierliche Grabmoscheen, die sich hier in vornehmer Einsamkeit, streng abgeschieden von anderen Wohn- und Grabstätten, auf dem reinen gelben Wüstensande erheben. Kahl und unwirtlich stieg hinter ihnen das rötlich gelbe Wüstengebirge empor, – jene Felsen, aus welchen einst die Steine zum Pyramidenbau gebrochen wurden. Leuchtend in heißer, versengender Glut brannte die Sonne auf das nackte Gestein, auf die weite Sandfläche herab. Das Auge wurde geblendet durch den Anblick dieser farbensatten, hellen, einförmigen – echt ägyptischen Landschaft. Aber die leichte, reine Wüstenluft machte das Atmen zu einem Genusse, trieb das Blut fröhlich und schnell durch die Adern und ließ die Wärme nur als angenehm gesteigertes Lebensgefühl erscheinen.

Und heute war Weihnachtsheiligabend! Daheim im lieben Vaterlande die Natur in Schnee und Eis erstarrt, die Menschenherzen aber schlugen desto höher in freudiger Feststimmung. Alles war in fieberhafter, feierlicher Geschäftigkeit, die ehrlichsten Familienglieder belogen und betrogen einander mit dreister Stirn – bis dann der Abend kam und alle Geheimnisse enthüllte! Die Liebe hielt ihren Triumphzug über die Erde!

Ich kam mir plötzlich so einsam und verlassen vor, hier draußen auf dem sonnenbeglänzten Wüstenpfade, und heiße Sehnsucht ergriff mich, jemanden zu erfreuen und mich erfreuen zu lassen. Ja, wenn ich heute in Deutschland wäre! Aber selbst dort – ein Herz, welches meiner bedurfte, besaß ich auch dort nicht. Meine Eltern waren hinüber – dort, wo man keine irdische Liebe mehr braucht; meine Geschwister glücklich verheiratet – sie hatten ihren Mittelpunkt im eigenen Heim gefunden.

»Backschisch!« weckte mich eine flehende, dünne Stimme aus meinen Gedanken. Zwei arabische Weiber kamen des Weges, schmutzig und zerlumpt, aber malerisch trotzdem in ihren glatt herabwallenden blauen Leinengewändern, schwere Nilschlammkrüge auf den hoch erhobenen Köpfen tragend. Ihnen voraus kam ein Bübchen gelaufen, ein kleines, bräunliches, halbnacktes Geschöpf mit funkelnden Herzkirschenaugen, und hielt mir das begehrliche Händchen entgegen. Ich wollte einen Piaster hineinlegen, – doch nein, – heute war ja Weihnachten; wenn der kleine Muselmann auch nichts davon ahnte, – er sollte einen ganzen Franken haben. So klein er war, den Wert des Geldes schien er doch zu kennen, obwohl er gewiß selten anderes als Kupferpiaster zu sehen bekam. – »Schuf, ya ummi!« (Sieh, o Mutter!) rief er jubelnd dem einen Weibe zu. Das lachte und schaute mich – vorbeischreitend – mit einem unglaublich dummen Ausdruck an. Ich glaube, es hielt mich für verrückt.

Ich wanderte weiter. Da zog etwas meinen Blick auf sich, worüber ich mir schon oft, wenn ich in diese Gegend gekommen war, den Kopf zerbrochen und noch nie Auskunft erhalten hatte: Hoch oben am Abhang des Felsens dort lag ein freundliches grünes Fleckchen – wie durch Zauberstabberührung aus dem öden Gestein hervorgelockt, – ein schattiges Gärtchen und ein kleines, weißes Gebäude darin; ein steiler Felspfad führte hinauf; seltsam und märchenhaft erschien dieses Stückchen Leben inmitten der starren, toten Einöde! – –

Es zog mich an mit unwiderstehlicher Gewalt.

Ein Saka (Wasserträger), seinen leeren Fellsack auf dem Rücken, begegnete mir.

Ich fragte ihn, ob er wisse, was das dort oben für eine Ansiedlung sei.

»Ein Derwischkloster, Herr,« antwortete er.

»Kannst du mich hinaufführen?«

»Gewiß, Herr.«

Und nun trabten wir miteinander durch dicken Sand, über unwegsames Terrain, bis wir am Fuße des Felsens angelangt waren. Nach kurzer Rast ging es aufwärts. Der Weg war nicht lang, aber mühsam. Die Sonne stand schon im Zenith und brannte mit ihrer ganzen südlichen Mittagsgewalt auf das gelbe Gestein herab; es war, als hauchte der Berg feurigen Atem aus.

Endlich waren wir oben. Einladend winkten graziöse Palmenbäume, üppige Bananen und Orangen. Wir ließen das Haus rechts liegen und schritten durch das Gärtchen; im Hintergrunde desselben zeigte sich eine weite dunkle Öffnung in der Felswand; – das Heiligtum, dem zu Ehren das Derwischkloster gestiftet worden war. Mein Saka verschwand für einige Sekunden und kehrte dann mit einem brennenden Lichtstumpf zurück. Wir traten in die Höhle ein, die, tief und weit gewölbt, in ziemlich gerader Linie den Felsen durchschnitt. Der Saka erzählte mir ihre Entstehungsgeschichte. »Vor langen Jahren lebte hier draußen, am Rande der Wüste, ein frommer Schech. Dem erschien eines Nachts Mohammed, der Prophet, und befahl ihm, mit seinen Nägeln die Felswand auszuhöhlen, immer in östlicher Richtung, bis daß er, durch den spröden Leib der Erde hindurch, nach Mekka gelangte. Und als die Sonne aufging, da begann der Schech seine Arbeit. Er grub und grub mit seinen Fingernägeln in das harte Gestein, und Allah gab ihm Kraft, daß er nicht müde würde, und er grub diese tiefe, weite Höhle – bis endlich der Tod ihn von seiner Aufgabe abrief.« Langsam schritten wir vorwärts in dem merkwürdigen Raume. In der Mitte führte ein breiter Pfad. Und zu beiden Seiten desselben befanden sich die Grabstätten der Derwische, die dem Andenken des frommen Schechs ihr Leben gewidmet hatten; auch einige Frauen lagen hier begraben: die Mütter ehrwürdiger Derwische.

Etwa zehn Minuten lang waren wir gegangen. »Jetzt sind wir gleich am Ende, ya hawage!« (o Herr!) berichtete der Saka, »siehst du dort den großen Sarkophag, von einem Gitter umgeben? Das ist das Grabmal des heiligen Schechs!« – Da, was war das? Ich glaubte, mit meinem Führer allein zu sein, aber als ich mich dem Grabmal näherte, bemerkte ich bei dem schwachen Kerzenlicht zwei andere menschliche Gestalten und zwar die eines Arabers und die einer – europäisch gekleideten Dame. – Das hätte ich nicht erwartet! Noch nie hatte ich gehört, daß die Derwisch-Höhle von Reisenden besucht wurde. Die Dame fuhr ein wenig zurück, als sie mich gewahrte. Ich glaube, wir waren uns beide gegenseitig unheimlich in diesem Moment. Ich grüßte und sie dankte. Ihr Gesicht konnte ich nicht genau erkennen, aber mir schien, daß es jugendlich war.

Eine kurze Zeit standen wir stumm vor der letzten Ruhestätte des mysteriösen Kratzheiligen. Dann redete mich die Dame auf englisch an:

»Können Sie mir vielleicht sagen, wer hier begraben ist, Sir, und mir überhaupt die Bedeutung dieser wunderbaren Höhle erklären? Der Eseljunge, der mich hierhergeführt hat, spricht nur Arabisch und ich verstehe es noch so schlecht!«

Ich erzählte ihr, was ich selbst wußte, und bewunderte ihren Mut, daß sie sich allein in die Einöde gewagt.

»Ich habe keine Furcht,« lachte sie.

Sie hatte ein sehr weiches Organ und lachte hell und ungezwungen wie ein Kind.

Wir wandten uns wieder dem Ausgange zu. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen und machten uns gegenseitig auf irgend etwas aufmerksam; aber ich drängte ein wenig vorwärts, da ich gespannt auf den Anblick meiner Gefährtin bei Tageshelle war.

Jetzt wurde es licht um uns.

»Donnerwetter!« hätte ich beinahe ausgerufen. – Das war ja eine Schönheit! – Eng umschloß das hellgraue Lodenkostüm die mittelgroße, volle Gestalt. Ein weißes Matrosenhütchen saß auf dem dunkelbraunen Haar und beschattete mit seinem steif abstehenden Rande ein reizendes Gesicht: runde, weiche Formen, ein etwas dunkler, samtiger, gesunder Teint, eine kurze gerade Nase, tiefblaue, schwarzbewimperte Augen, ein energisches Mündchen und ein festes rundes Kinn. Prüfend blickte sie mir einen Moment ins Gesicht. Dann flog ein kindlich übermütiges Lächeln über ihre Züge. »Guten Morgen!« rief sie.

Jetzt traten zwei Derwische an uns heran, – gutmütig dreinschauende alte Männer im dunklen Kaftan, das Haar mit der topfähnlichen, grauen Filzkappe bedeckt, die das Abzeichen der Derwische bildet. Sie luden uns ein, eine Tasse Mokka bei ihnen zu trinken. Wir traten in ein schlichtes, mit Strohmatten belegtes Gemach, ließen uns auf einen an den Wänden entlang laufenden Diwan nieder und nippten den süßen, schwarzen Kaffee, während ich den mohammedanischen Mönchen meine Bewunderung für ihr Heiligtum aussprach und mich nach den näheren Lebensumständen des Stifters erkundigte. Darüber schien mir jedoch einiges Dunkel zu herrschen. So behauptete ein Derwisch, der Schech habe vor viertausend Jahren gelebt. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß ja die ganze mohammedanische Religion erst eintausendzweihundert Jahre alt sei, meinte er, dann habe er sich wohl um ein paar Tausend Jahre geirrt.

Hierauf fragte er, ob ich und meine Frau, wofür er die junge Dame hielt, schon lange in Kairo wären. – Ich übersetzte meiner Begleiterin auf ihren Wunsch die ganze Konversation. – Dann gratulierte er mir, daß ich eine so schöne Gattin besäße. Natürlich übersetzte ich gewissenhaft auch dieses naive Kompliment.

Sie lachte – wollte augenscheinlich gern die ungenierte, sichere Weltdame herausbeißen –, aber sie wurde dunkelrot dabei, und als sie das merkte, stieg ihre Verlegenheit noch höher, was ihr so reizend stand, daß ich – sehr ärgerlich wurde, als sich jetzt die Tür öffnete und ein schick gekleideter Herr eintrat, welcher der jungen Dame lachend auf französisch zurief: »Aber meine Liebe, was sind das für kühne Abenteuer?«

Sie sprang auf, verabschiedete sich von mir sowie von unfern gutmütigen Wirten und verließ dann mit ihrem Begleiter die idyllische Behausung.

Also verheiratet? – Schade! – Nun ja, die vollentwickelte Gestalt hatte ja auch etwas Frauenhaftes; – aber das Gesicht, das süße, kindliche Gesicht? – Schade!

Ich blieb nicht lange mehr im Derwischkloster. Als ich fortging, brach einer der frommen Brüder einen Rosenzweig ab und reichte ihn mir zum Abschied. Da war mir zumute, als hätte ich einen Weihnachtsgruß erhalten. – – –

Das kleine Abenteuer ging mir viel im Kopfe herum. Wer mochte die Dame nur sein? Offenbar eine Französin. Der ›Gemahl‹ hatte den reinsten Pariser Akzent gehabt. Was mochte er für eine Lebensstellung einnehmen? – Ob er in Kairo wohnte oder nur auf der Reise war? Jedenfalls mußte ich dahinterkommen. Irgendwo würden sie schon wieder auftauchen, die beiden Menschen.

Ohne daß ich mir dessen so recht klar bewußt wurde, drehte sich von jenem Tag an all mein Sinnen und Trachten um diesen einen Gegenstand. Auf der Ghesirehpromenade, auf der Straße, im Esbekihegarten, einem inmitten der Stadt gelegenen Lustpark, in der Oper, auf Bällen und Soiréen, – – überall suchte ich nach meiner reizenden Dame aus der Derwisch-Höhle; – – aber vergebens! Auch meine Bekannten konnten mir keine Auskunft geben. Da kam mir ein Gedanke: ich wollte Madame Danischeff fragen. Madame Danischeff, die russische Generalkonsulin, kannte alles, was zur Kairoer Gesellschaft gehörte, aufs genaueste; – obschon sie nach ihrer eigenen Versicherung » une pauvre malade« war, die stündlich ihr Ende erwartete, ließ sie doch keine Gelegenheit zum Amüsement vorübergehen. Wo irgendein Wohltätigkeitsball, ein Konzert, ein Picknick stattfand, – stets war die ›schwerkranke‹ Generalkonsulin unter den dames patronesses.

Der Donnerstag war ihr Empfangstag. Ich erschien unter den ersten Gästen. Bald fand sich Gelegenheit, meine Frage anzubringen.

»Eine junge Französin, – dunkles Haar, blaue Augen, weißer Matrosenhut?« überlegte sie; – »natürlich«, rief sie dann lebhaft, »natürlich weiß ich, wen Sie meinen: Madame Latournaye. Seit zwei Monaten in Ägypten. Du dernier chic! – Und der Mann schlank, mager, rötlich-brauner Henriquatre?«

»Ganz recht!«

»Sie wünschen die Latournayes kennen zu lernen? Gut. Montag bitte ich Sie, mit ihnen bei mir zu speisen. Ganz en petit comité. Sind Sie zufrieden mit Ihrer armen, alten, kranken Freundin?«

Ich küßte ihr die durchsichtige nervöse Hand.

»Und zur Belohnung tanzen Sie morgen bei General Stephenson ein paar Tänze mit meiner Nichte Vera? – Wollen Sie? Sie brauchen nichts von ›besonderem Vorzug‹ zu murmeln! Ich weiß wohl, Vera ist ein eckiger Backfisch und tanzt wie ein junges Nilpferd. Mais que voulez-vous? Ich muß sie doch ein bißchen lancieren! Also abgemacht!«

Ich war ein Märtyrer an Opfermut auf dem Stephensonschen Balle. Zwei Walzer, eine Polka und einen Lancier tanzte ich mit der fürchterlichen kleinen Vera – – und am Montag zum Diner stellte ich mich pünktlich auf dem russischen Generalkonsulate ein. Aber – o weh! – ein äußerst liebenswürdiges, mir total fremdes junges Ehepaar trat mir entgegen. Die Dame sehr zierlich, sehr affektiert, mit einem kindlich sein sollenden Krauskopf und scharfen Zügen; – – nein, um Madame Latournaye hätte ich die vier Martertänze nicht getanzt! – – – Da warf mir der Zufall das Glück entgegen, – am folgenden Nachmittag.

Ich schlenderte durch den arabischen Bazar, kaufte ein paar originelle Nilschlammvasen und freute mich an dem bunten orientalischen Volksleben. Da plötzlich – in dem nach der Straße zu offenen Laden eines türkischen Kaufmanns, von einer Fülle prächtiger Seidenstoffe, Goldstickereien und Kaschmirgewebe umgeben, wie ein Edelstein in glänzender Fassung – saß die Langgesuchte – meine Dame aus der Derwisch-Höhle! Sie trug ein schlichtes, weißes Flanellkleid – appetitlich zum Anbeißen! – Die Wangen tief gerötet vom Handelseifer.

Ich grüßte sie, blieb stehen und verlangte, goldgestickte, türkische Sammetpantoffeln zu sehen. – Ein mit Paketen beladener nubischer Diener schien die einzige Begleitung der jungen Dame zu bilden. Ich wählte so lange, wie noch nie vorher in meinem Leben; natürlich wanderte mein Blick von den prunkenden Pantöffelchen häufig zu dem reizenden Frauengesicht hinüber! – Jetzt verlangte sie ›sogenannte türkische Taschentücher, ganz große, durchsichtige, wie man sie als Stores vor die Fenster hängt‹. Der Verkäufer brachte ein leichtes rotes Seidengewebe, mit gelben Punkten durchwirkt, für welches er einen unverschämten Preis forderte.

»Ach nein,« entgegnete sie abwehrend, »die Tücher, welche ich meine, sind ganz billig, weiß, mit gedruckten bunten Mustern!«

Der Türke versicherte ihr aber, diese roten Seidentücher seien die einzigen für Stores verwendbaren, und suchte sie zum Kaufe zu überreden.

Da murmelte sie vor sich hin – zu meiner großen Überraschung mit unverkennbar norddeutscher Aussprache:

»Nee, alter Jagdfreund. Beschwatzen is nich!« und wandte sich, dem Diener die bereits gekauften Sachen übergebend. – »Gnädige Frau,« redete ich sie jetzt an, »ich habe die von Ihnen bezeichneten Tücher vorhin in dem kleinen Laden eines Syriers gesehen; beschreiben läßt sich der Ort schwer, aber wenn Sie vielleicht gestatten, daß ich Sie begleite und Ihnen den Weg zeige?« Sie nahm meinen Vorschlag dankend an. Ich hielt den Zeitpunkt für geeignet, mich ihr vorzustellen. Sie verneigte sich leicht, nannte mir aber ihren Namen nicht. Und nun schritten wir miteinander durch die engen, staubigen, gegen Sonnenbrand durch übergespannte Zeltleinwand geschützten, von süßlichen Wohlgerüchen und allerlei andern – weniger lieblichen! – Düften erfüllten Basargäßchen. Ich sprach ihr meine Freude darüber aus, in ihr eine Landsmännin zu treffen. Sie erzählte mir, daß sie erst seit vier Wochen in Kairo sei und das orientalische Leben ›riesig amüsant‹ fände. Näheres über ihre Verhältnisse erfuhr ich jedoch vorläufig nicht, obschon ich es machte wie ein unreeller Droschkenkutscher, der eine ›doppelte Tour‹ herausschlagen will, und die junge Dame etwa zwanzig, Minuten lang immer in spiralförmigen Windungen um das ganz nahegelegene Ziel, den persischen Laden, herumführte.

Endlich schien sie das zu merken. »Na, hören Sie, an der Moscheetür sind wir aber nun schon zweimal vorübergekommen!« sagte sie plötzlich, indem sie stehen blieb.

»Pardon, ich hatte mich geirrt,« antwortete ich. »Dort, – um jene Ecke herum, – dort muß der Laden sein!«

Sie kaufte ihre Vorhänge und ich hielt es nun doch für angemessen, mich zu verabschieden. In diesem Moment kam ein mir befreundetes deutsches Ehepaar vorüber: Herr Dieler Bey, ein in ägyptischem Dienst stehender Beamter, nebst Gattin. Letztere stürzte lebhaft auf meine Begleiterin zu.

»Ach, Fräulein Jeanne, wie geht es Ihrer Frau Mama?«

»Danke, sie ist bereits wieder ausgegangen. Diese letzten acht Tage habe ich viel Sorge um sie gehabt, aber nun ist sie wiederhergestellt.«

»Kommen Sie mit uns? Wir wollen auf den Goldschmiedbasar. Und Sie, Herr Konsul, begleiten Sie uns auch ein Stückchen?«

Ich hatte Dielers bisher immer herzlich langweilig gefunden. Heute war ich entzückt, sie begleiten zu dürfen. Nun erfuhr ich auch bald den vollen Namen meiner Schönheit: sie hieß Jeanne von Wittersleben. – Den Schluß dieses erfolgreichen Basarbesuchs bildete eine Verabredung zu einem Eselritt nach den Pyramiden für den nächsten Morgen; dort Picknick in größerer Gesellschaft – Dielers wollten ›alle nächsten Bekannten‹ auffordern; Rückkehr nachmittags; »und bitten Sie nur die Mama recht herzlich, daß sie mitkommt, liebe Jeanne, sie kann ja einen Wagen nehmen!«

Jeanne versprach, ihr möglichstes zu tun.

Ich war den ganzen Abend über vergnügt wie ein Kind – voll innerlichen Jubels. Am liebsten wäre ich der alten Frau Lüttke, meiner Wirtschafterin, um den Hals gefallen, als sie sich erbot, noch schnell eine schöne Torte zu backen, damit ich nicht mit leeren Händen auf das Picknick käme. Aber ich besann mich noch rechtzeitig auf meine Würde als ›Vater der deutschen Kolonie‹, wie meine Freunde mich nannten.

Am nächsten Morgen sieben Uhr zogen wir, eine lustige Kavalkade zu Esel, über die große Nilbrücke dem libyschen Wüstenrand zu, ich stets an Jeannes Seite. Unsere beiden Eselchen schienen sich ebensogut wie ihre Reiter zu verstehen, denn sie hielten prächtig gleichen Schritt. Auf dem Rendezvousplatz war ich noch schnell Frau von Wittersleben vorgestellt worden, die, mit einer anderen Dame, zu Wagen unsere Vorhut bildete. Sie sah fein, kränklich und – französisch aus, berechtigterweise, wie ich unterwegs durch ihre Tochter erfuhr. Das schöne Mädchen saß so anmutig ›zu Esel‹, als habe sie ein edles Vollblut unter sich, und die klare Morgenbeleuchtung paßte so recht für ihr süßes, junges Gesicht.

»Wissen Sie, daß ich Sie für eine verheiratete Dame gehalten habe?« redete ich sie an.

»Freilich,« antwortete sie lächelnd. »Sie nannten mich ja auf dem Basar immer ›gnädige Frau‹!«

»Und weshalb klärten Sie meinen Irrtum nicht früher auf?«

»I wo!« entgegnete Fräulein Jeanne. »Das war ja gerade mein Hauptspaß!« Das große Kind – trotz ihrer Frauengestalt!

Dann erzählte ich ihr auch, daß ich geglaubt, sie sei eine Französin, und sie meinte, das sei auch ›kein gänzlicher Aberglaube‹ gewesen. Mit großer Offenheit weihte sie mich nun in ihre Familienverhältnisse ein.

Die Mutter, eine geborene Französin, verwitwete Marquise de S., hatte im Sommer 1870 schwerkrank in ihrem Landhause gelegen und deshalb nicht mit ihren anderen Freunden und Standesgenossen fliehen können, als die bösen ›Prussiens‹ anrückten. Sie hatte ihre Seele Gott befohlen und den grimmigen Feind erwartet. Der war denn auch gekommen. Aber o Wunder! kein Haar war der Marquise und ihrer Dienerschaft gekrümmt worden; – ja, ein junger blondbärtiger Riese, der ›Herr Hauptmann‹, hatte sogar mit so ritterlicher Weise seine Leute im Zaum gehalten und für Stille und Ordnung gesorgt, daß kaum ein Laut, geschweige denn die Kunde irgendeiner Missetat an das Ohr der kranken Schloßherrin gedrungen war. »Nicht einmal den Hühnern drehen sie den Hals um!« hatte der Küchenchef selig gemeldet. Die Neugierde, den liebenswürdigen Feind bald von Angesicht zu Angesicht zu sehen, machte die junge Marquise merkwürdig schnell gesund – – und als nach langen blutigen Kämpfen endlich der heilige Frieden wieder ins Land zog, da führte der blondbärtige Hauptmann eine holde ›lebenslängliche Kriegsgefangene‹ mit heim in sein geliebtes Vaterland. – Anfangs hatte es freilich harte Kämpfe mit der Familie der Marquise gegeben, aber endlich hatte man ihr die ›unpatriotische‹ Liebe verziehen, welche sie so unendlich glücklich gemacht, und der edle, ritterliche ›feindliche‹ Verwandte war schließlich der erklärte Liebling der stockfranzösischen Aristokratenfamilie geworden. Nach vierzehnjähriger Ehe war Hauptmann von Wittersleben gestorben und seine Witwe hatte mit ihrem einzigen Kinde seitdem viel in Frankreich und England bei den Verwandten gelebt. Die Mutter der Marquise war nämlich eine Engländerin gewesen. Kein Wunder, daß Jeanne eine Schönheit war, bei so vielfacher Rassenkreuzung! –

»Eine Wohnung in Berlin haben wir immer beibehalten,« erzählte das junge Mädchen, »dorthin kehren wir stets wieder zurück nach unseren Irrfahrten. Wir lieben Berlin. Papa liegt ja dort begraben! – Aber Mama ist kränklich, sie verträgt den deutschen Winter nicht mehr gut und deshalb hat unser Hausarzt uns dies Jahr nach Kairo geschickt.«

Sie erzählte munter und amüsant von ihrem abwechslungsreichen Reiseleben; am wärmsten aber wurde sie, wenn sie auf den verstorbenen Vater kam. Er hatte sich in ihrer Erinnerung zu einer heldenhaften Lichtgestalt verklärt und alle – selbst die unbedeutendsten – Erlebnisse, welche mit ihm zusammenhingen, dünkten sie die Glanzpunkte ihres jungen Lebens. Papas Brauner, auf dem er die kleine Jeanne durch den Hof hatte reiten lassen, Papas Bursche, der drollige Polacke Schnadrewski, Papas Feldbriefe von 1870, die er bisweilen an gemütlichen Winterabenden der Tochter vorgelesen hatte, – – das alles erwähnte sie mit besonderer Genugtuung. Von ›Papa‹ schien sie auch die etwas burschikose Redeweise übernommen zu haben, denn, wenn sie ihn redend einführte, war es immer in der gewissen derb-humoristischen Tonart, die sie selbst – trotz ihres vielen Verkehrs in internationaler Gesellschaft – beibehalten hatte.

»Aber, nun sagen Sie mir doch auch, wer der vermeintliche Gemahl war, der Sie neulich aus dem Derwischkloster abholte?«

»O, der hat schon längst eine andere Frau!« lachte sie. »Maurice d'Ausigny heißt er, ein weitläufiger Vetter von Mama, lebt in Kairo, macht große Geschäfte mit dem ägyptischen Gouvernement und wollte neulich eine, hinter der Zitadelle gelegene, alte Patronenfabrik in geschäftlichem Interesse besichtigen. Ich hatte ihn begleitet; aber da ich des Umherstehens in den öden Räumen müde geworden war, kniff ich dem lieben Vetter aus und suchte mir meine eigene Unterhaltung.«

Mittlerweile waren wir auf dem Pyramidenfelde von Giseh angelangt. Am Fuße der Cheopspyramide stiegen wir ab.

»Gnädiges Fräulein sind bereits früher hier gewesen, wie ich höre,« wandte sich jetzt ein junger österreichischer – in Kairo ansässiger – Advokat, der zu Anfang des Rittes viele vergebliche Versuche gemacht hatte, seinen faulen, störrischen Esel mit demjenigen Fräulein Jeannes in gleichen Trab zu bringen, an das junge Mädchen. »Aber, nicht wahr, es ist doch etwas Erhabenes? Man ist immer wieder neu ergriffen von der Großartigkeit!«

»Nein, – ich nicht,« antwortete die Angeredete ehrlich; und dann – sich gleich wieder an mich wendend, was ja für mich sehr schmeichelhaft, aber gegen den anderen nicht gerade liebenswürdig war – fragte sie:

»Finden Sie das erhaben, diese ungeheure Steinmasse von denkbar langweiligster Gestalt? Mir kann plumpe Kolossalität allein nicht imponieren! Die Pyramiden kommen mir vor wie Denkmäler des unsterblichen Stumpfsinns, der heiligen Beschränktheit! – Kann man sich etwas Starreres, Toteres vorstellen, als diese nüchterne geometrische Form?«

»Aber in der ungeheueren Einfachheit liegt ja gerade das Großartige der Wirkung,« wandte ich ein.

Das wollte sie jedoch nicht zugeben.

»Nein,« beharrte sie, »ich finde die Dinger abscheulich! Man kann sich so gar nichts dabei denken. Man braucht nur den Fuß so einer Pyramide anzusehen, dann weiß man ganz genau: so und nicht anders kann das Bauwerk werden; wenn man sich die langweiligen schrägen Linien noch eine Weile verlängert denkt, dann müssen sie schließlich in eine Spitze zusammenlaufen und die Sache ist fertig. So was Abgeschlossenes kann ich nicht leiden. Wissen Sie, was ich liebe? Die gotischen Dome. Das ist großartig – das lebt! Wenn man so mit den Augen verfolgt, wie die unzähligen reichen Glieder an dem Bauwerk aufwärtsstreben. – Eins will immer das andere überholen, immer höher, immer luftiger wächst es in die Wolken hinein – da ist's, als bekäme man selber Flügel!« – –

Nach einer kurzen Wanderung wurde ein schattiges Plätzchen zum Frühstücken ausgesucht, und die Stimmung in der kleinen Gesellschaft belebte sich mehr und mehr. Nur Fräulein Jeanne machte eine Ausnahme. Je lustiger die anderen wurden, desto nachdenklicher ward sie. Alle Bemühungen des jungen Österreichers und der übrigen Herren, die Aufmerksamkeit des schönen Mädchens zu fesseln, schlugen fehl. Auch gegen mich wurde sie wortkarger. Nur fühlte ich, wie von Zeit zu Zeit ihr Auge lange – prüfend – auf mir ruhte. – –

Auf dem Heimritt hielt sie sich immer neben Frau Dieler-Bey. Ich fürchtete fast, sie irgendwie verletzt zu haben, aber beim Abschied reichte sie mir so freundlich-treuherzig, mit der Miene eines guten Kameraden, die Hand, daß meine Besorgnisse unverzüglich verschwanden.

Von nun an sahen wir uns oft, – fast täglich. Frau von Wittersleben schien Freude an dem Verkehr mit mir zu finden; wir machten oft gemeinsame Exkursionen, auch brachte ich häufig die Abendstunden in der Pension Durand zu, wo die Damen logierten. Die liebliche Jeanne nahm bald mein ganzes Herz gefangen, – dieses alte, lebenserfahrene – wie ich gemeint hatte, so weise abgekühlte – und doch noch so sehnsüchtige, glücksdurstige Junggesellenherz! –

Und wie es um sie stand? – Darüber konnte ich mir nicht recht klar werden. Oft war sie so lieb und vertraulich, – und dann kam plötzlich etwas über sie, was ich mir nicht zu deuten vermochte: ein Auf-sich-selbst-besinnen, eine traurige, gezwungene Zurückhaltung, als schämte sie sich ihrer harmlosen Vertraulichkeit! – –

Eines Tages wollte ich Frau von Wittersleben einen Besuch machen. Ich möge nur in den Salon treten, sagte der arabische Diener; er wolle mich gleich melden, madame la baronne sei im Garten. Ich trat ein. Eine Glastür des Salons führte auf eine kleine Terrasse hinaus, die den Übergang zum Garten bildete. Einige bequeme, um ein Tischchen gruppierte Korbstühle luden zur Ruhe im Freien ein. – Und dort – aber nicht auf einem Stuhl, sondern auf dem Tische – saß Jeanne, in ziemlich ungezwungener Stellung; – es klingt zwar nicht sehr hübsch aber – um der Wahrheit die Ehre zu geben: sie baumelte mit den Beinen. Dabei verzehrte sie mit stiller Inbrunst eine saftige Mandarine. – Ich näherte mich der Glastür.

Ja, was war denn das? Tränen? – Wahrhaftig, jetzt konnte ich es ganz deutlich erkennen: eine Träne nach der anderen tropfte auf die goldige Frucht herab. Dieser Anblick war komisch und rührend zugleich. Die kindische Position und das weinende Gesicht!

Ich räusperte mich ein wenig, während ich hinaustrat.

»Ach Sie, Herr Konsul!« Sie sprang herab und reichte mir die Hand.

»Sie sind bekümmert, Fräulein Jeanne, sagen Sie mir, was Ihnen fehlt!« bat ich, das weiche Händchen festhaltend. Aber sie entzog es mir hastig.

»Ach, gar nichts,« antwortete sie mit einem künstlichen Lächeln. »Ein bißchen Kopfweh. Ganz natürlich bei der Bärenhitze.«

Jetzt trat Frau von Wittersleben zu uns und wir ließen uns im Salon nieder.

»Haben Sie schon gehört, daß wir lieben Besuch aus Deutschland erwarten?« fragte sie. »Graf Könitz, ein lieber Freund von uns, der uns« – mit einem Blick auf die Tochter – »bald noch näher treten wird.«

Das klang ja schrecklich unheimlich! Ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen wich.

»Ah, ich verstehe« – indem ich zu lächeln versuchte –, »ich ahnte allerdings bisher nicht, daß Ihr Fräulein Tochter – verlobt sei!« –

»Es ist auch noch nicht öffentlich,« bemerkte Frau von Wittersleben. »Graf Könitz hat kürzlich seinen einzigen Bruder verloren und während der Trauerzeit soll die Verlobung nicht deklariert werden, – aber da Sie uns bereits ein so lieber Freund geworden sind« – mit einem huldreichen Händedruck – »und wir hoffentlich noch viel zusammen sein werden, hätte Ihnen das Geheimnis doch nicht lange verborgen bleiben können.«

Jeanne hielt den Kopf gesenkt. Sie hatte geweint – und erwartete den Verlobten? Kaum daß sie sich an der Unterhaltung beteiligte. Ich schwatzte über gleichgültige Dinge, während mir das Herz blutete. Jetzt fühlte ich erst ganz, wie unendlich lieb sie mir geworden war, – die Braut des Grafen Könitz!

Da traten Monsieur und Madame d'Ausigny ein.

»Wir hatten uns zu einer Fahrt nach dem Ciccolani-Garten verabredet. Begleiten Sie uns vielleicht, Herr Konsul?« fragte mich die Wirtin.

Ich bejahte, trotz der soeben erhaltenen Schreckensbotschaft. Ach, ich war bereits in jenes Stadium der Verliebtheit eingetreten, wo man nichts heißer ersehnt als die Nähe der Geliebten, sei's auch unter Qualen, um jeden Preis!

Die an der Schubraallee gelegene Villa des Herrn Ciccolani, eines reichen italienischen Modegeschäftinhabers, gehörte zu den Sehenswürdigkeiten Kairos. Frau von Wittersleben wünschte das Innere des Hauses in Augenschein zu nehmen. Die geborene Französin betete den Luxus an. Herr und Frau d'Ausigny begleiteten sie, während Jeanne erklärte, im Freien bleiben zu wollen, ihres Kopfwehs wegen. Ich bot mich an, ihr Gesellschaft zu leisten.

So wanderten wir beide allein durch den märchenhaft schönen Garten. Tropische Pflanzen- und Blütenpracht umgab uns in verschwenderischer Fülle. Hoch oben in der durchsichtig klaren Luft breitete die Dattelpalme ihre gefiederten Arme aus. Die vielverzweigte, vollblättrige Sykomore bot ihr kühlschattiges Laubdach dar; gelbleuchtenden Feuerkugeln gleich strahlten die reifen Orangen aus ihrem dichten, dunkelgrünen Blätterwerk hervor und abenteuerlich geformte Kaktuspflanzen trugen auf ihren grotesken, seltsam verrenkten Gliedern rotstrahlende Wunderblüten.

Wir ließen uns in einer kleinen Tuffsteingrotte nieder. Vorn öffnete sich dieselbe, einen malerischen Blick auf den schönsten, wohlgepflegtesten Teil des Parkes freigebend – aber nur durch eine Art Schleier; denn von oben plätscherte ein kleiner Wasserfall über die Grottenöffnung in den zu ihren Füßen liegenden Teich herab. Das klang so träumerisch – schwermütig!

Die üppig berauschende, südliche, schimmernde Blütenpracht da draußen duftete und prangte – eine schweigende Jubelhymne in Farbentönen, eine Dithyrambe schönheitstrunkener Lebenslust! Aber die gleichmäßig niedersickernden Wasserstrahlen dicht vor uns, sie sangen von Leid und Entsagung. Wie Tränen fielen die silbernen Tropfen nieder. Und von dem Tuffstein hingen zarte grüne Ranken mit mattvioletten Klematisblüten herunter. Die kamen mir vor wie traurige Gedanken!

Mir war so weh ums Herz und auch Jeanne sah ernst aus.

»Fräulein Jeanne,« begann ich nach längerem Stillschweigen, »weshalb sagten Sie mir nicht schon früher, daß Sie Braut sind?«

»Ich weiß nicht,« antwortete sie leise nach einigen Sekunden, »ich – ich konnt's nicht herausbringen.«

Ahnte sie vielleicht, wie weh sie mir mit diesem Bekenntnis getan haben würde?

Wieder Stillschweigen.

»Fräulein Jeanne,« begann ich dann von neuem, »weshalb weinten Sie heute? Freuen Sie sich nicht auf die Ankunft Ihres Verlobten?« Wie indiskret diese Frage war, daran dachte ich gar nicht.

»Nein, nicht sehr, bis jetzt« – antwortete sie ehrlich – »aber – es wird schon noch kommen!«

»Bitte, sagen Sie mir eins,« bat ich plötzlich, ihre Hand ergreifend. »Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe soviel, so sehr viel – Teilnahme für Sie! Lieben Sie den Grafen Könitz?«

Ruhig blickte sie zu mir auf mit ihren großen, feuchten, dunkelblauen Augen und antwortete: »Nein, ich heirate ihn – aus Achtung.«

»Und – haben Sie ihm das gesagt?«

»Versteht sich! – Vorlügen werd' ich ihm doch nichts!«

»Und er begnügt sich mit der Achtung?«

»Ja, er meint, die Liebe kommt schon später noch. Sie braucht aber gar nicht! Es ist viel besser, wenn man nur aus Achtung heiratet!«

»Wie sind Sie denn zu dieser kühlen Lebensphilosophie gekommen?«

»Durch meine beiden Berliner Kusinen, die wie Schwestern mit mir ausgewachsen sind. Lili, die älteste, hat aus Liebe geheiratet, einen Landrat in Ostpreußen, – alle Damen sind entzückt von ihm; na, bildschön ist er ja– und auch soweit ganz nett, aber eitel und egoistisch. Wenn Lili ihrer vielen kleinen Kinder wegen daheim bleiben muß, geht er allein auf die Bälle, schneidet die Cour – und sie sitzt zu Hause und fuchst sich –«

»Was tut sie?« fragte ich.

»Sie fuchst sich!« (mit erhobener Stimme). »Nee, ich möcht' ihn nicht haben, den Artur, – nicht geschenkt! – Suse dagegen, die jüngere, hat aus Achtung geheiratet, einen Major, Witwer mit vier Jungens, Kurt Benzler heißt er, hat ein kleines, dickes, feuerrotes Gesicht, wie ein Borsdorfer Äpfelchen. Aber ein riesig netter Kerl! Ich hab' ihn nach Mama am liebsten von allen Menschen! Und die beiden werden alle Jahre glücklicher!«

»Aber,« bemerkte ich, »eins taugt doch nicht für alle. Vielleicht sind Sie und Ihre Kusine recht verschiedene Naturen?«

»Ja, diese ist ziemlich pomadig.«

»Glauben Sie wirklich, daß Sie in so einer Vernunftehe Ihr Glück finden werden?«

»Jawohl, das glaube ich,« antwortete sie trotzig. »Sehr glücklich werd' ich, das sollen Sie sehen.«

Ihre Stimme bebte aber ein wenig bei den energischen Worten und die Tränen wollten von neuem in ihre Augen treten.

»Nun, ich will es von Herzen wünschen, Fräulein Jeanne,« sagte ich bewegt – »denn ich – Sie sind mir sehr lieb geworden in dieser kurzen Zeit.«

Sie schreckte auf; aber in meinem ruhig wehmütigen Blick mochte sie wohl lesen, daß dies keine Liebeserklärung sein sollte, und ihre Unbefangenheit kehrte sofort zurück.

Wieder versanken wir beide in Stillschweigen. Sinnend, traurig, blickte ich auf das schöne Mädchen. Ihre junge, kräftige Brust hob und senkte sich stürmisch unter dem weißen Wollstoff, den ich so sehr an ihr liebte, die dunkelroten Lippen hatte sie fest aufeinandergepreßt und die wundervollen Augen waren fragend, träumend geradeaus gerichtet. Alles um uns her lockte, duftete, atmete Liebe, süßen, lachenden Lebensgenuß – und dieses herrliche, zur Liebe geschaffene Geschöpf wollte seine Zukunft auf eine nüchterne Vernunftehe bauen?

Sie weiß nicht, was sie tut, sie ist ein großes Kind! sagte ich mir, – aber sie tat mir bitter leid – und ich mir selber dazu.

Jetzt blickte sie mich an. Ich glaube, ich sah bekümmert aus, denn augenscheinlich erwachte der Wunsch in ihr, mir etwas Freundliches zu erweisen. Sie erhob sich, trat an die Grottenöffnung, pfückte eine der herabhängenden hellila Klematisblüten und reichte mir dieselbe hin. »Da, die schenk' ich Ihnen; – – aber ich glaube, man darf hier nichts abreißen. Stecken Sie die Blume lieber einstweilen in Ihre Tasche. Nur müssen Sie sich vorsehen, daß Sie sie nicht zerquetschen.« – –

Jetzt kamen die andern herbei. Sie erzählten begeistert von venezianischen Spiegeln und Brokatstoffen – und meinten, Jeanne habe viel versäumt!

Zwei Tage später ließ sich Graf Könitz bei mir melden. Noch nie im Leben war ich auf die Bekanntschaft eines Menschen so neugierig gewesen. Ich erblickte einen langen, mageren Herrn, mit schmalen, etwas abfallenden Schultern, tadellos gekleidet, alles an ihm korrekt bis zum Übermaß, ein vornehmes, schläfriges Gesicht, blondes dünngescheiteltes Haar, ein blondes Schnurrbärtchen und hellblaue mattblickende Augen mit leicht geröteten Lidern; – unangenehm war das Gesicht eigentlich nicht: die Linie von Stirn und Nase konnte sogar schön genannt werden; – – aber er sah aus, als hätten alle seine Vorfahren prinzipiell nur Kusinen geheiratet, – kraftlos und degeneriert, nichts Frisches, Lebendiges in der ganzen Erscheinung; – wie ein ausgewaschener oder verschossener Kleiderstoff. Sein Benehmen war das unfehlbar taktvolle, verbindliche des vollendeten Gentleman. – Aber er – Jeannes Gatte? Der Gedanke erschien mir unglaublich verschroben – widernatürlich! Während ich mit ihm die üblichen Gesprächsthemen: Seereise, Hotels, orientalischer Schmutz und Temperaturverhältnisse durcharbeitete, beschloß ich bei mir, die Witterslebenschen Damen künftig nur selten aufzusuchen; ich wollte mir die Qual ersparen, das Brautpaar oft miteinander zu sehen, – – und als mir der Graf beim Verabschieden eine Einladung seiner Schwiegermutter in spe für den Abend übermittelte, da sagte ich sofort – zu! So inkonsequent macht die Liebe!

Ich war sehr aufgeregt, als ich abends in den wohlbekannten Salon trat, fand aber die Situation weniger unerträglich als ich erwartet hatte. Die beiden dachten nicht im entferntesten daran, ein verliebtes Brautpaar darstellen zu wollen. Jeanne sah bleicher als sonst aus, hielt sich sehr gerade, sprach wenig und benahm sich alles in allem – unnatürlich gesetzt. Ihre Mama zeigte ein glückstrahlendes Lächeln – und Graf Könitz beschäftigte sich mit jedem der Anwesenden genau soviel wie mit seiner schönen Braut. Er und Jeanne nannten sich »Sie«, aber mit Vornamen, und machten im übrigen kein Geheimnis aus ihrem Verhältnis; dasselbe war, wie ich bald merkte, jedem aus der Gesellschaft, die aus den d'Ausignys und einigen näheren Freunden bestand, bekannt.

Nach dem Tee schlug die Wirtin einen Spaziergang durch den mondscheinbeleuchteten Garten vor. Jeanne nahm den Arm ihres Verlobten, und ich schloß mich einer Gruppe an, die in einen entgegengesetzten Laubgang bog; tat es mir doch förmlich physisch weh, die reizende Jugendgestalt am Arm des müden, schmächtigen, blasierten Mannes hängen zu sehen. Es währte jedoch nicht lange, da fühlte ich, wie eine warme Hand sich auf meinen Arm legte. Die ängstlich Vermiedene stand vor mir. »Ich habe Sie heute noch keinen Moment allein gesprochen,« begann sie, langsam neben mir herschreitend auf dem taghell beleuchteten, dunkelumsäumten Wege. –

»Wie gefällt er Ihnen?« fragte sie dann plötzlich und blickte mir gerade ins Gesicht – mit einem ängstlich forschenden Ausdruck.

»Wer? – Graf Könitz?« – Das war eine peinliche Frage. »Nach einem so flüchtigen ersten Eindruck, mein gnädiges Fräulein« – –

»Ganz egal, Sie sollen ja auch kein Zeugnis vor Gericht ablegen,« unterbrach sie mich ungeduldig. »Seien Sie doch nicht so langstielig« –, das war wieder die gewohnte Jeanne! – »Ich will ja nur wissen, wofür Sie ihn halten!« –

»Für einen vollendeten Kavalier.« –

»Das versteht sich ganz von selbst.« – –

»Doch nicht so ganz in dem Sinn, wie ich es meine: Ich glaube, daß Sie sicher sein können, nie auch nur die leiseste Unzartheit oder Rücksichtslosigkeit von ihm zu erfahren.« –

»Aber weiter, – außerdem,« fiel sie mir ins Wort. »Glauben Sie, daß ich einmal recht glücklich mit ihm leben werde –, daß ich ihn auch so von Jahr zu Jahr lieber gewinnen werde, wie meine Kusine Suse ihren Mann – und daß ich in allen Lebenslagen eine Stütze an ihm finden werde; – – Ja?« – –

Mein Gott, weshalb quälte sie mich denn so? Ich durfte ihr doch nicht meine wahre Ansicht sagen! – –

»Alle sagen es ja, daß er ein vorzüglicher Mensch ist,« fuhr sie fort, da ich mit meiner Antwort zögerte, »ernst und gewissenhaft, von vornehmer Gesinnung – und besonders ein musterhafter Sohn! Das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr? – Ach, er hat aber auch eine zu nette Mutter! Die alte Gräfin Könitz ist eine famose alte Dame, so klug und energisch, so herzensgut und lustig, – wenn sie alte Hofgeschichten und Anekdoten aus ihrer Jugend erzählt, wird man nicht müd', ihr zuzuhören: dazu das schönste alte Frauengesicht, das ich je gesehen habe.«

Von der Schwiegermama sprach sie weit feuriger als von dem Verlobten.

»Nehmen Sie, bitte, dieses Tuch um, liebe Jeanne, es wird kühl,« ertönte jetzt eine dünne, ziemlich klanglose Stimme hinter uns, und Graf Könitz legte seiner Braut einen seidenen Schal um die Schultern; er berührte sie dabei kaum mit den Fingerspitzen – und sie zuckte zusammen unter der leisen Berührung, als ob ihr dieselbe unangenehm sei.

»Die kleine Jeanne macht eine gute Partie,« erzählte mir Madame d'Ausigny, als ich spät abends das Ehepaar nach Hause geleitete, »die Könitz' haben enorme Besitzungen in Schlesien. Thielo, Jeannes Verlobter, ist, nachdem kürzlich sein älterer Bruder gestorben, der einzige Erbe. Deshalb hat sich die alte Gräfin jetzt wohl auch schleunigst nach einer Schwiegertochter umgesehen – sie und meine Kusine, Frau von Wittersleben, sind seit Jahren intime Freundinnen!« –

Die Situation wurde mir bald klar. Frau von Wittersleben war im Grunde eine echte Französin geblieben, trotz ihrer ›Prussien‹-Heirat. Sie dachte praktisch und kühl. Zwar hatte sie selbst einst – zu ihrem Glücke – dem Zuge des Herzens nachgegeben, – aber das war eben ein Frauenherz, ein mündiges, gewesen. Junge Mädchen hingegen haben noch nichts mitzureden in Liebesangelegenheiten, die werden verheiratet.

Und Jeanne selbst? Sie hatte offenbar auch keinen Einwand erhoben. Weshalb? »Er war ja ein so vortrefflicher Mensch! Das sagten alle!«

Sonderbarerweise fühlte sich der Graf augenscheinlich zu mir hingezogen. Er suchte mich fast täglich auf, holte mich zu Spaziergängen ab und weihte mich in seine ›Passionen‹ ein. Denn er hatte wirklich Passionen, – sehr wohlgezähmte natürlich: das Studium der Heraldik und – alte Möbel. Eifrig streifte er in Kairo umher nach altarabischen Gerätschaften, Schnitzereien und Ornamenten, die er zur Herstellung eines arabischen Salons in seinem Heimatschlosse verwenden wollte. Eine wurmstichige ›Mascharabije‹ – vergittertes Haremsfenster – oder ein Türfeld mit eingelegter Arbeit – war sogar imstande, einen Lebensschimmer über seine unbeweglichen, aristokratischen Züge zu zaubern.

Oft begleiteten uns die Witterslebenschen Damen auf diesen Entdeckungsreisen. Jeanne gestand mir zwar, sie fände es sinnlos, den alten Plunder mit nach Deutschland zu schleppen.

»Mir gefällt er nur da, wo er gewachsen ist, in der dazugehörigen Umgebung. Aber wenn's doch dem Thielo Spaß macht! Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen!«

Sie fand das ihrige überall. Wenn wir Kuriositäten einhandelten, pflegte sie unterdessen auf der Straße Unterhaltung zu suchen. Bald machte sie sich mit einem Haufen halbnackter Negerkinder zu schaffen, für welche sie Kupfermünzen in weitem Bogen durch die Luft warf und sich darüber amüsierte, wie die kleine Gesellschaft durcheinander purzelte und kugelte, die herabfallende Münze zu erhaschen. Bald setzte sie sich auf irgend eine Steinstufe neben eine junge arabische Mutter und jagte deren schmutzigem Säugling die Fliegen vom Gesichtchen. Auch unternahm sie wohl auf eigene Faust Entdeckungsreisen in den engen Gäßchen, verfallenen Moscheen und stillen Höfen, suchte malerische Eckchen und geheimnisvolle Schlupfwinkel auf. Immer fand sie irgend etwas Merkwürdiges, erlebte irgend etwas Interessantes. Auffallend schnell hatte sie es fertig gebracht, sich auf Arabisch verständigen zu können; zwar besaß sie nur einen ganz kleinen Wörterschatz, aber sie führte die lebhaftesten Konversationen damit.

»Aus welchem Born haben Sie nur diese überraschenden Kenntnisse geschöpft?« fragte ich sie einmal.

»Der Born heißt Ali,« antwortete sie lachend. »Der Boab (Türhüter) der Pension Durand. Ich leiste ihm oft Gesellschaft bei seiner anregenden Beschäftigung, die eigentlich nur im Dasitzen auf einer Hausflurbank besteht. Da erhalte ich unentgeltlich Sprachunterricht. Ich frage » deh eh di?« (was ist das?), bezeichne dabei irgendeinen Gegenstand und er nennt mir den arabischen Namen. Dabei lernt man eine ganze Menge!«

Jeanne hatte in der kurzen Zeit das ägyptische Volksleben schon besser kennen gelernt, als es manchem in Jahren gelingt. Sie verstand die Kunst, den Reiz fremdartigen Lebens zu erfassen, zu genießen, wie wenige. Ob sie das alles nur spielend tat wie ein neugieriges Kind, oder ob in dem hübschen Kopf auch ernstere Gedanken wohnten, darüber war ich oft in Zweifel. Meistens schien sie nur auf der Oberfläche umherzuflattern, aber dann sprach sie auch zuweilen originelle Fragen, durchdachte Ansichten aus, die mich in Erstaunen versetzten.

Eines Morgens hatte ich Frau von Wittersleben eine Bestellung zu machen. Die Damen waren noch beim Ankleiden und ich mußte im Salon warten. Da sah ich auf dem Fußboden eine halbausgepackte Kiste stehen, augenscheinlich Sachen, welche sich die Damen aus Europa hatten nachkommen lassen. Etliche Bücher lagen auf dem Teppich verstreut. Ich hob eins derselben auf: »Die Welt als Wille und Vorstellung« von Schopenhauer; ein anderes: »Buddha, sein Leben und seine Lehre« von Oldenberg; ein drittes: »Philosophie des Unbewußten« von Eduard von Hartmann. – Ich traute meinen Augen kaum. »Ist das Ihre Lektüre?« fragte ich die eintretende Jeanne. Sie errötete bis über die Stirn. »Nun ja, weshalb denn nicht? Die Fliegenden Blätter und der Punch sind ja meine Lieblingslektüre – aber man will doch auch Abwechslung haben. Sie dachten wohl, ich läse überhaupt nichts Ernstes?«

»Neigung zur Philosophie – und gerade zu dieser pessimistischen Philosophie – hätte ich Ihnen allerdings nicht zugetraut.«

»Die trägt man doch auch gerade nicht allen sichtbar aufgesteckt, wie eine Hutfeder,« entgegnete sie; »ach, wenn Sie wüßten, was ich schon alles durchgeschmökert habe.«

Sie lachte schelmisch – und fuhr dann ernster– ein wenig verlegen, gleichsam entschuldigend, fort:

»Denken Sie nicht, daß mir was dran liegt, sogenannte Gelehrsamkeit aufzuschnappen! Blaustrümpfe sind mir verhaßt; sie geben doch meist nur unverdautes Zeug von sich; – aber es gibt so vieles, worüber ich immer wieder nachdenken muß und worüber mir niemand Aufklärung gibt; – alle speisen mich mit Dutzendredensarten ab; – da nehm' ich meine Zuflucht zu diesen da,« – auf die Bücher zeigend; – »im Schopenhauer hab' ich schon manches gefunden, was mir einleuchtet.« –

»Was sind es denn hauptsächlich für Fragen, die Sie beschäftigen?« fragte ich.

»So rasch läßt sich das nicht sagen,« antwortete sie ausweichend. »Mir scheint vieles ganz lächerlich gleichgültig, was die Menschen für ernst und wichtig halten. Oft, wenn sie so recht feierliche Mienen aufsetzen, möcht' ich sie auslachen; ein nichtsnutziges Hanswurstgefühl überkommt mich, und das ganze Leben erscheint mir wie eine Posse. – Dann wieder packt mich aber oft die Empfindung, als ob es doch was bitter Ernstes sei und als ob man's nicht so hinträumen und hintändeln dürfe, – als ob es eine Forderung an uns stellte, die wir erfüllen müßten; aber ich kann nicht herausfinden, welche. Worauf es ankommt, das möcht' ich wissen, sehen Sie. Thielo sagt, eine Frau müsse absolut ihren geistigen Halt in der Religion finden. Grübeln sei nutzlos und töricht. Ja, aber die Religion gibt mir auf so vieles auch keine Antwort. – Und es fragt und grübelt von selber in mir; – das kann ich nicht ändern. Thielo mag nicht, daß ich über solche Dinge mit ihm rede – und doch – ist's nicht natürlich, daß man Fragen bespricht, die einem so sehr am Herzen liegen, – wenn man das ganze, lange Leben miteinander verbringen soll?« –

Arme kleine Jeanne! – Es war wohl nicht böser Wille, wenn Thielo Könitz gewissen Gesprächsstoffen auswich! – Ich hatte in den letzten Wochen genug Gelegenheit gehabt, in das Innere des korrekten Grafen Einblick zu gewinnen, – eine sterile Geistesöde; – – und er sollte ihr eine Stütze sein! Sie verlangte viel, wahrhaftig. – – Jetzt trat Frau von Wittersleben ein. Ich war während der Unterhaltung mit ihr sehr zerstreut; die neue Seite, welche mir ihre Tochter heute offenbart, gab mir zu denken. Wo ich bisher ein sorglos heitres Kind erblickt, fand ich nun eine ringende, strebende Menschenseele!

Von nun an sprach ich oft mit ihr über ernstere Dinge, brachte ihr Lektüre und suchte, soviel ich es selbst vermochte, Klarheit in die reiche, aber jugendlich unreife, verworrene Welt ihrer Vorstellungen zu bringen. Sie war mir rührend dankbar. Noch nie hatte sich, wie sie sagte, jemand in dieser Weise mit ihr beschäftigt. Und diese ernsten Gespräche woben ein festes, unzerreißbares Band zwischen uns!

Jeannes Mutter schien dies mit Unbehagen zu bemerken; sie schrieb unserm guten Einvernehmen wohl einige Schuld an dem sich stets gleichbleibenden, eher frostiger, als wärmer werdenden, allzusteifen Verhältnis zu, welches zwischen den Brautleuten herrschte. Und doch – es konnte ja nicht anders sein! Bei jeder Gelegenheit trat die Grundverschiedenheit dieser beiden Charaktere hervor. Zwei gute Menschen, vom besten Willen beseelt, aber – widerstreitende Elemente, wie Feuer und Wasser.

Ein kleiner, an sich unbedeutender Vorfall zeigte mir das besonders deutlich: Ich begleitete den Grafen zu einem Spediteur, mit dem er zu verhandeln hatte und dessen Bureau sich in einem etwas abseits gelegenen Stadtteile befand. Wartend stand ich während der Verhandlung am Fenster. Da hörte ich auf der Straße ein Durcheinander von Stimmen. Eine derselben klang mir so bekannt! – Ich schaute hinaus. Wahrhaftig – sie war es – Jeanne! Mitten auf dem Fahrwege stand sie, vor einer am Boden liegenden Frauengestalt – eine auffallend geputzte und geschminkte Person, wohl Syrierin oder Levantinerin! – welche von fürchterlichen Krämpfen befallen war, Schaum vor dem Munde, verdrehte Augen, zuckende Glieder, – ein heftiger Anfall von Epilepsie. Jeanne forderte einige umstehende Weiber auf, ihr behilflich zu sein; sie wollte die Kranke in ein Haus tragen. Aber die Weiber schauderten zurück; neugierig starrten sie das unglückliche Geschöpf an, rührten jedoch keine Hand. Immer dringender bat Jeanne, – umsonst.

Jetzt kam eine kleine, runzlige Greisin vorüber. »Das ist eine Sorte, die ein feines junges Fräulein nicht anrühren sollte,« rief sie, auf die am Boden Liegende deutend, und humpelte dann lachend weiter.

»Ein armes, krankes Weib ist es,« entgegnete Jeanne, den Oberkörper der Kranken umfassend, und aufhebend, nachdem sie die durch die heftigen Zuckungen verschobenen Kleider der Epileptischen über deren Füße herabgezogen hatte, die feuerroten Strümpfe bedeckend; – sie schämte sich für die elende Geschlechtsgenossin!

Ich eilte auf die Straße hinab; Jeanne errötete, als sie mich gewahrte; ich nahm die Kranke aus ihren Armen und trug sie in das betreffende Haus. Als ich wieder auf die Straße trat, war Könitz an der Seite seiner Braut. Er sah verstimmt aus und schien ihr Vorwürfe gemacht zu haben; ich vernahm nur noch die Worte »anderweitige Hilfe holen«.

»Und wenn mittlerweile ein Wagen um die Ecke gebogen wäre und die arme Person überfahren hätte?« entgegnete sie heftig. Bei meiner Annäherung legte der Graf sein Gesicht sofort wieder in freundliche Falten. Jeanne hatte weniger Selbstbeherrschung. Sie blieb verstimmt.

»Ich glaube, Jeanne hält mich für hochmütig und herzlos,« bemerkte der Graf, als wir seine Braut nach Hause gebracht hatten und allein weitergingen. »Sie versteht nicht, daß es doch nur – daß ich es nicht liebe, wenn sie sich so exponiert. Mir ist alles Auffallende, Exzentrische peinlich! – Und Jeanne« – mit einem sauersüßen Lächeln – »kommt so leicht in ungewöhnliche Situationen.«

Ja, das war es. Hochmütig und herzlos konnte man ihn nicht nennen. Er war nur eine ausschließlich aristokratische Natur, die vor jeder rauhen Berührung mit der derben, gemeinen Wirklichkeit mimosenartig zurückbebte und in kühl abgeschlossener Unnahbarkeit durch die Welt wanderte, – Jeanne dagegen war ein vollsaftiges, von Kraft und Lebensmut strotzendes Menschenkind, das sich gegen jeden Zwang sträubte und seine reiche, originelle Persönlichkeit überall ungehindert betätigen wollte. – Das war ihm unheimlich, genant! Er betrachtete sie manchmal scheu von der Seite, wie man ein schönes, wildes Tier betrachtet, dessen kraftvolle Grazie man anstaunt, aber von dem man jeden Moment fürchtet, es möchte die Gitter seines Käfigs zerbrechen und auf die wehrlosen Bewunderer losstürzen. – – –

Einige Tage nach jener Straßenszene unternahmen wir in größerer Gesellschaft einen Ausflug. Mr. und Mrs. Dodson, ein in der Pension Durand wohnendes englisches Ehepaar, hatten für eine Reise nach Oberägypten eine Dahabije gemietet – wie man die kleinen Nildampfer nennt – und vor ihrer Abreise nach Luxor etliche Freunde – hauptsächlich Deutsche und Engländer – zu einer kleinen »Probefahrt« eingeladen. Witterslebens, Graf Könitz und ich waren unter den Gästen. Wir wollten ein Stückchen nilaufwärts fahren, am östlichen Ufer landen, einen Eselritt nach dem in der arabischen Wüste gelegenen Schwefelbade Heluan machen, dort unser Diner einnehmen und abends auf dem Dampfer nach Kairo zurückkehren.

In heißer Mittagsstunde fuhren wir ab. Wie Brennspiegel warfen die glitzernden Wellen die Sonnenstrahlen zurück, kein Lüftchen bewegte den glutzitternden, klaren Äther. Aber der kleine Dampfer war aufs bequemste hergerichtet, ein Segelleinen schützte das Verdeck vor allzulästigem Sonnenbrand und eisgekühlte Getränke wurden zur Erfrischung der schlaffen Lebensgeister herumgereicht. Ich hatte zwischen zwei hübschen Engländerinnen Platz genommen, einer ganz jungen und einer zweifelhaft-altrigen. Sie schienen beide die freundliche Absicht zu haben, den heutigen Ausflug durch eine kleine »Flirtation« mit mir zu würzen, aber ich war undankbar genug, weder auf die blitzenden Lachzähne der älteren, noch auf die schwärmerischen Rehaugen-Blicke der Kleinen gebührend zu reagieren. Meine Aufmerksamkeit galt dem Brautpaare dort drüben. Sie saßen beide so beängstigend schweigsam nebeneinander; er sah gleichgültig, sie trostlos gelangweilt aus. Augenscheinlich hatten sie sich absolut nichts zu sagen.

»Wünschen Sie vielleicht etwas Lektüre, liebe Jeanne?« fragte er endlich und holte einige Kreuzzeitungsnummern aus der Rocktasche. Er ließ sich diese Zeitung, die einzige, welche er las, mit jeder Post aus Deutschland kommen.

Jeanne ergriff ein Blatt, während er sich alsobald in ein anderes vertiefte. Sie las aber nicht, sondern blickte über das Blatt hinweg ins Leere. Ich hätte nie geglaubt, daß dieses frische Mädchengesicht so trübe und hoffnungslos blicken könnte!

»Sobald wir nach Deutschland zurückkommen, wird die Verlobung deklariert,« hörte ich Frau von Wittersleben, die nicht weit von mir, neben meinem rehäugigen Backfisch saß, einer anderen Dame erzählen. »Und dann werden sie auch bald heiraten. Gräfin Könitz schrieb mir kürzlich, es wäre ihr lieb, wenn die Hochzeit noch im Sommer stattfände!« – –

Am Anlegeplatz erwartete uns bereits eine gesattelte Eselschar, und es währte nicht lange, da hatten wir das Wüstenbad erreicht. Nachdem sie sich in dem ganz europäisch eingerichteten »Grand Hotel« etwas erfrischt, zerstreute sich die Gesellschaft. Einige hielten auf der Hotelterrasse eine kleine Siesta, andere – darunter ich selbst – machten einen Spaziergang durch die kahlen, sonnigen, weißschimmernden, – nur hie und da mit ganz spärlichem Grün unterbrochenen – Straßen des seltsamen Kurorts, in welchem nicht nur der »Effendini« (Vizekönig) selbst, sondern auch viele andere ägyptische Paschas und Prinzen ihr stilles Tuskulum besitzen; ist auch die Natur ringsumher öde und einförmig, so weht doch eine Luft über Heluan hin, wie sie in dieser balsamischen, wohltuenden, nervenstärkenden Reinheit nur wenige Kurorte der Erde aufweisen können! – Unweit des Hotels bezeichnete ein penetranter Schwefelgeruch die Quelle, welcher Heluan seinen Ruf verdankt. – Vergebens hatte ich mich auf unserer Wanderung nach Jeanne umgesehen. Auch im Hotel, wohin wir kurz vor der Dinerstunde zurückkehrten, war sie nicht zu finden. Ihre Mutter und Graf Könitz wurden unruhig. Alles geriet in Aufregung. Mich selbst ergriff heftige Angst; Jeannes verzweifelter Gesichtsausdruck von heute morgen trat mir wieder vor die Seele; – – sie war ein so unberechenbares Geschöpf! – – Könitz und ich gingen nach verschiedenen Richtungen aus, sie zu suchen. Da plötzlich tauchte etwas hinter einem niedrigen Wüstenhügel vor meinen bange forschenden Blicken auf: Gott sei Dank, sie war es – die leichtsinnige kleine Vagabundin! – Frisch, fröhlich und sonnverbrannt trat sie mir entgegen, mit glühenden Wangen und blitzenden Augen.

»Ach, es war herrlich,« rief sie mir zu, »ganz allein bin ich in die Wüste gelaufen, immer weiter und weiter. Und als ich müde war, hab' ich mich in den heißen Sand gelegt, den Sonnenschirm aufgespannt über meinen Kopf und – süß geträumt. Es ruht sich so schön auf dem nackten Sandboden; man glaubt, den Atem der Erde zu spüren, und man fühlt sich so geborgen, so heimatlich sicher, als ob das der einzig natürliche Ruheplatz wäre!« – – Wir hatten das Hotel erreicht. Ein Sturm von Vorwürfen – halb freundlicher, halb ernster Art – empfing den Flüchtling.

»Jeanne, wie rücksichtslos! Du wußtest doch, daß wir um halb sechs Uhr dinieren wollten,« begann Frau von Wittersleben – und bereitete uns den Ohrenschmaus einer ausführlichen mütterlichen Strafpredigt.

Die Kleine tat mir leid. Still, mit gesenktem Haupte, ließ sie die Redeflut über sich ergehen. Aber als die Mama geendet hatte, bog sie den Kopf zur Seite, blickte verschmitzt auf und mit einem kleinen Seufzer sprach sie die unsterblichen Worte: »Siehste, Nauke, da haste die Pauke!« ... – Alles, was Deutsch verstand, lachte hell auf, nur Graf Könitz nicht. Er zuckte zusammen, als habe er eine Ohrfeige bekommen, und machte ein verdrossenes Gesicht.

Frau von Wittersleben, die es bemerkte, warf ihrer Tochter einen strafenden Blick zu – und mit einem Male war der Sonnenschein lustigen Jugendübermuts von dem Antlitz des jungen Mädchens verschwunden. Wieder erschien jener Ausdruck müder Resignation, und sie blieb den ganzen Abend still und ernsthaft, wie ein Vöglein, dem man ein dunkles Tuch über sein Bauer geworfen hat, weil es allzuschmetternde Triller gesungen.

Als wir – nach beendigtem Diner – an das Flußufer zurückgeritten waren, hatte sich bereits die Nacht herniedergesenkt. Feierlich groß, in mildstrahlender Herrlichkeit wölbte sich der Sternenhimmel über der schlafenden Erde. Es war kühl geworden und ein Teil der Gesellschaft zog, erhitzt von dem Ritte, den Aufenthalt im Kajütenraum demjenigen auf dem luftigen Deck für die Heimfahrt vor. Auch Graf Könitz machte seiner Rheumatismusneigung diese Konzession. Ich hatte erwartet, Jeanne würde gleichfalls unten bleiben. Aber vergebens; sie ließ sich nicht blicken in dem dumpfigen, lampenerhellten, teppichbelegten Schiffssalon.

So stieg ich denn bald hinauf; – ich sehnte mich so nach einem Gespräch mit ihr. Dort saß sie ganz allein und träumte in die dunklen Wogen hinab.

»Darf ich?« Und ich setzte mich neben sie.

»Ich habe jetzt oft solche Sehnsucht nach Einsamkeit,« vertraute sie mir an. »Unter den Menschen möcht' ich manchmal laut aufschreien vor Qual. Früher war ich nicht so; aber jetzt« – –

»Soll ich auch lieber gehen? Möchten Sie lieber ganz allein bleiben?« fragte ich; aber sie hielt mich bei der Hand fest.

»Nein, nein, Sie stören mich nicht. Sie sind mein Freund – und verstehen mich manchmal besser, als ich mich selber verstehe. Mit Ihnen – –«

Sie vollendete nicht. Unsere Hände ruhten ineinander. Ich hatte die ihrige nicht wieder losgelassen. Lange saßen wir so stumm beisammen. Unter uns rauschte der heilige Nilstrom, der schon an so vielem Menschenleid und Menschenglück vorübergerauscht ist; das göttliche Schweigen der Nacht lag auf den dunklen, flachen, palmenbewachsenen Ufern – und dort, jener hellrote Stern im Westen, er lächelte über eine geheimnisvolle Stätte herab: die Totenstadt des alten Memphis! Dort lagen sie, in den Schoß der Wüste versenkt, zu Staub zerfallen, dem mütterlichen Elemente wiedergegeben, jene Tausende, die einst gebangt und gejubelt, geliebt und gekämpft – wie wir, – und die nun so still geworden waren, so wunschlos und geduldig!

Da fühlte ich einen heißen Tropfen auf meiner Hand. Jeanne weinte! Das zweite Mal, daß ich sie weinen sah – aber diesmal fielen die warmen Tropfen wie befruchtender Regen in mein Herz und brachten eine süße, selige Hoffnung zur Blüte, eine Hoffnung, die mir noch gestern so töricht erschienen wäre und die sich heute fest und fester einzuwurzeln begann.

»Mir ist so bang ums Herz,« antwortete die Weinende auf meine teilnehmende Frage. »Ich weiß nicht, – ich kann mich nicht mehr auf das Leben freuen. So dunkel wie der Nachthimmel liegt die Zukunft vor mir – –«

»Ernstlich? Nun, dann blicken Sie erst einmal ordentlich auf zu diesem Nachthimmel –« Sie gehorchte. – »Sehen Sie wohl, daß er gar nicht so dunkel ist? Millionen Sterne blinken hell und tröstlich herab. Das sind die vielen, vielen Freuden, welche das Schicksal noch für Sie aufgespart hat!«

Aber sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, – – ach, glauben Sie nur nicht, daß es bloße sentimentale Kopfhängerei von mir ist! – – Sie haben nur zu wahr gesprochen, – damals in der Ciccolani-Grotte; – Sie entsinnen sich doch, – als ich Ihnen von meiner Verlobung erzählte.« –

Und ob ich mich entsann!

»Ich hatte es mir leichter gedacht; – ach, ich bin ihm ja heute noch so fremd wie am ersten Tage« – mit tränenerstickter Stimme – »es ist so schrecklich – –«

– – »Aber weshalb, – ja weshalb lösen Sie dann nicht ein Band, welches Ihnen beiden nicht zum Segen gereichen kann?«

»O Gott, nein, das ist unmöglich,« rief sie bebend, – »das wäre ja schändlich von mir. Er liebt mich ja doch, – auf seine Weise; er hat mir nie etwas zuleide getan, und es würde ihn doch so tief verletzen; und wie würden sie alle außer sich sein, Mama und die nette alte Gräfin; nein, daran ist nicht zu denken!«

»Jeanne!« ertönte jetzt die Stimme der Frau von Wittersleben von der Kajütentreppe herüber.

»Ich komme!«

Noch einen heißen Kuß drückte ich auf die kleine, tränenbefeuchtete Mädchenhand. Dann entwand sich dieselbe meinen Fingern. – – – Vor der großen Nilbrücke legte die Dahabije an und wir gingen auseinander. Graf Könitz schloß sich mir auf dem Heimwege an. Er schien verstimmt. Sollte es ihn verletzt haben, daß Jeanne so lange mit mir allein auf dem Verdeck gesessen hatte? Doch nein. Anlage zur Eifersucht hatte ich nie bei ihm bemerkt. Seine Verstimmung wurzelte tiefer, wie ich alsbald erfahren sollte.

»Es ist doch ein sonderbares Gefühl,« begann er nach kurzem Stillschweigen, »wenn man sich schon so ganz an ein abgeschlossenes Garçonleben gewöhnt und seit Jahren mit keiner Dame – die eigene Mutter ausgenommen – intimer verkehrt hat, sich dann plötzlich in vertrauliche Gemeinschaft mit einem lebenslustigen, jungen Mädchen einzuleben; man fühlt sich ungeschickt, beklommen, und ich glaube, man versteht so eine junge Frauenseele auch nicht recht zu behandeln!«

Ich wußte nichts hierauf zu erwidern; hätte ich ihm doch nur allzu recht geben müssen!

Wieder wanderten wir fünf Minuten still nebeneinander her. Dann begann er von neuem, sich verlegen räuspernd, offenbar von dem Bedürfnis, sich auszusprechen, getrieben: »Nicht wahr, man sagt ja wohl, daß übermütige, eigenwillige Mädchen später oft gerade die würdevollsten Frauen werden?«

»Ja, die Liebe ist eine gute Lehrmeisterin,« antwortete ich.

»Die Liebe? Hm! – Allerdings, ja. – – Wissen Sie,« – stieß er plötzlich, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, hervor, – »daß mir manchmal bange um unsre Zukunft wird? Ich fühle ja sehr wohl, daß ein junges Mädchen etwas anderes von ihrem Verlobten beanspruchen kann, als ich Jeanne zu bieten vermag, glühenderes, jugendlicheres Empfinden, – wie soll man es nennen? aber, – nun, man kann doch so etwas nicht forcieren! – Und sie? Ein anderer Mann würde vielleicht entzückt von ihrer Originalität sein, während ich? – Ach Gott, es ist so peinlich.«

Er seufzte.

»Aber wenn Sie fühlen, daß Sie nicht füreinander passen, weshalb dann nicht – noch ist es nicht zu spät.«

Und ich wiederholte dieselben Worte, die ich bereits vor einer halben Stunde ausgesprochen hatte, – an eine andere Adresse gerichtet.

»Mein Wort zurücknehmen?« entgegnete er lebhaft. »Nimmermehr. Lieber mein Leben lang einen selbstverschuldeten Irrtum büßen, als unehrenhaft handeln, eine Dame kompromittieren. Denn kompromittierend ist und bleibt doch eine zurückgegangene Verlobung, das müssen Sie mir zugeben?«

»Durchaus nicht,« versetzte ich. »Ich finde es stets achtungswert, wenn Menschen den Mut besitzen, einen begangenen Fehler einzugestehen!«

»Nein, nein, es kann nicht sein!« wiederholte er kopfschüttelnd.

Wir waren vor meinem Hause angelangt und sagten uns Gute-nacht.

Eine sehr unruhige Nacht wurde es für mich. Schlaflos, grübelnd, fieberhaft erregt warf ich mich auf meinem Lager umher. Als die Morgensonne durch meine Vorhänge drang, kam ich endlich zur Ruhe, denn ich hatte einen Entschluß gefaßt.

Die beiden Menschen durften nicht blindlings in ihr Unglück hineinrennen – aus falschem Anstandsgefühl. Keins von beiden würde das erlösende Wort sprechen, – so mußte ein dritter es wagen! – Wohl war ich mir bewußt, daß es weder für zartfühlend noch für klug gilt, sich unberufenerweise in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, – aber war dies nicht auch meine – meine heiligste, tiefinnerste Herzensangelegenheit? – Diese ganzen letzten Wochen hatte ich ja mit aller moralischen Kraft gegen meine Liebe anzukämpfen gesucht, – aber nun? Nach den beiden gestern vernommenen Geständnissen wäre fernere Zurückhaltung törichte Donquichotterie, Verschrobenheit – Sünde gewesen.

In früher Vormittagsstunde ließ ich mich bei Frau von Wittersleben melden. Auf ihren, mir so oft gegebenen Freundschaftsversicherungen fußend, teilte ich ihr mit, was ich gestern gehört, und flehte sie an, der unglücklichen Sache ein Ende zu machen, ihre Tochter vor einer lieblosen Ehe zu bewahren.

Zuerst schien sie frappiert über meine Kühnheit, – aber schließlich siegte die mütterliche Empfindung.

»Mein Gott,« sagte sie, mich ratlos, traurig anblickend, »ich habe ja doch nur ihr Glück gewollt; – zwingen möchte ich sie ja nimmermehr; – aber – es wäre doch alles so schön gewesen.«

Das Ende unserer Unterredung war, daß sie mir für meine freundschaftliche Offenheit dankte und mir versicherte, sie würde mit Jeanne sprechen. – – – – – Drei Tage später trat Graf Könitz bei mir ein und teilte mir mit, Fräulein von Wittersleben habe die Verlobung aufgelöst! – Ich atmete auf – und auch ihm schien ein Alp von der Seele genommen. Noch nie hatte ich ihn so jugendlich animiert gesehen! »Mit dem nächsten englischen Brindisi-Dampfer reise ich ab,« sagte er – und fügte hinzu:

»Fräulein von Wittersleben hat recht gehandelt; es ist das beste so.«

Dann bat er mich, ihm meine Unterstützung bei einem Einkauf zu leihen. »Ich habe einen so wundervollen alten Koranständer entdeckt, bei einem Araber im Chan-Challil (einem Teil des Basars); aber ich kann mit dem Menschen nicht handelseins werden; – Sie verstehen diese Orientalen so gut zu behandeln!«

Ich versprach, sofort mitzugehen. Auch seine Bitte, »ob er eine Anzahl arabischer Möbel und antiker Bronzegefäße, die ihm später nach geschickt werden sollten, einstweilen auf dem Konsulate unterstellen dürfe«, gewährte ich gern. Und wenn er von mir verlangt hätte, ich sollte mir das ganze Haus bis an die Decke mit wurmstichigem Plunder anfüllen lassen und selbst auf dem flachen Dache logieren, – ich hätte mich sanft lächelnd gefügt. So lieb hatte ich ihn an jenem Tage!

Mit stillem Hochgenuß las ich am nächsten Dienstag in der Passagierliste des abfahrenden Brindisi-Dampfers: » Le comte de Könitz et domestique.« – – Und was nun weiter geschah? – Das schönste, köstlichste Ereignis meines Lebens! –

Es war Schem-en-nessim, auf Deutsch »Lüftchen-Riechen«, – ein arabisches Frühlingsfest. Ganz früh, bei Sonnenaufgang, zieht das Volk ins Freie hinaus, die Herrlichkeit der Natur zu genießen, – so wie es wohl in Deutschland am Himmelfahrtstage geschieht. Auch ich hatte mich zu ungewohnt früher Stunde erhoben und wanderte in den Esbekihegarten, das Menschengewimmel zu beobachten. Wie das durcheinanderwogte, -schwirrte, -plapperte! Alle Wege, Plätze, Cafés und Ruhesitze des herrlichen tropischen Gartens waren belebt von festlich geschmückten, fröhlich genießenden Menschen. – Der unschuldige, herzerfrischende, würzige Morgenduft der erwachenden Natur konnte zwar nicht recht aufkommen gegen den unerquicklichen Dunst von Schmutz, Schweiß, Haaröl und Tabak, wie er aus jeder dichten Menschenmenge aufzusteigen pflegt – und doch freute ich mich an dem festlichen Gewühl. Bunt wechselte da die weiße, gelbe und braune Hautfarbe ab. Araber, Sudanesen, Nubier, Abessinier, Griechen, Italiener, Türken und Levantiner, – alles war vertreten. Fremdartig nahmen sich dazwischen die strammen Gestalten der englischen Soldaten – von der Okkupationsarmee – aus; etwas großprotzig, landeseroberermäßig traten sie auf; erhielten aber manchen schmachtenden Blick aus schwarzen Frauenaugen, die über dichtverhüllenden Gesichtsschleiern hervorblitzten, als Anerkennung für ihre derbe, blonde, nordisch-kraftvolle Männlichkeit.

Im ganzen ging es friedlicher hier zu, wie bei unseren nordischen Volksfesten. Der dort unvermeidliche Alkohol übte hier nicht seine vertierende Wirkung aus. Nur die Engländer hatten teilweise schon etwas starkgerötete Gesichter und dort – jene drei halbwüchsigen Burschen – Levantiner oder Italiener – die schienen auch schon etwas tief ins Glas geguckt zu haben. Einer wie der andere den Fes schief auf dem Kopfe tragend, eine funkelrote Rose im Knopfloch, eine dicke Uhrkette über den Magen herabhängend, mit einem halben Kilo Berloques beschwert, so schlenderten sie vorbei; laut – mit lallender Stimme – teilten sie sich gegenseitig ihre Ansichten über jedes vorüberkommende weibliche Wesen mit. »Dort geht wieder die schöne, stolze Signorina!« rief plötzlich der eine. »Seht ihr wohl? Eben biegt sie um die Ecke. Jetzt rede ich sie aber an!« Und er beschleunigte seine Schritte.

» Per bacco, der will immer das Beste haben!« rief einer seiner Gefährten – und sie eilten beide dem Kühnen nach.

Ich folgte ihnen aus der Entfernung. Jener große weiße Spitzenschirm, der den Oberkörper der »schönen, stolzen Signorina« verbarg, war das nicht –?

Jetzt hatten die Burschen das junge Mädchen erreicht und redeten es an. Die augenscheinlich Erschrockene wandte den Kopf und – ich erblickte Jeanne von Wittersleben! Ängstlich wollte sie weitereilen. Aber die Zudringlichen folgten ihr. – Schnell war ich an ihrer Seite. »Guten Morgen, mein gnädiges Fräulein!«

»Ach, Gott sei Dank!« – und sie nahm erfreut meinen Arm, während die mutigen Jünglinge sich »seitwärts in die Büsche schlugen«.

»Aber Sie sind auch recht unvorsichtig, Fräulein Jeanne,« schalt ich sie, »zu so früher Morgenstunde allein in den Esbekihegarten zu gehen, mitten unter das Volk! – Wußten Sie denn nicht, daß heute Schem-en-nessim ist?«

»Ja, gerade deshalb – ich wollte mir das Getümmel mal ansehen. Ganz leise bin ich aufgestanden. Mama hat nichts gemerkt.« Und sie lachte vergnügt über den wohlgelungenen Streich.

Äußerlich still – aber innerlich tief erregt wanderten wir miteinander durch die bunte Volksmenge dem Ausgange des Gartens zu. War es doch das erstemal, daß wir uns wiedersahen seit jener Nilfahrt: – und was lag dazwischen! – – »Nun ist er abgereist,« fing ich endlich an, unseren beiderseitigen Gedanken Worte gebend.

»Ja,« nickte sie – »ach, ich bin herzlich froh! – – Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie's Mama gesagt haben, daß die ganze Verlobungsgeschichte doch nur eine – na, eine Tierquälerei war!«

»So habe ich mich nun gerade nicht ausgedrückt,« versetzte ich lachend. »Aber, Fräulein Jeanne,« fuhr ich dann fort, »um ganz ehrlich zu sein: eigentlich verdiene ich keinen Dank. Ich habe nicht ganz selbstlos gehandelt.« – –

»Nicht?« Die süßen, warmstrahlenden Augen schauten fragend auf – und senkten sich gleich wieder vor meinem beredten Blicke. Sie wurde glühend rot, und dann begann sie, lebhaft, hastig zu plaudern von einer Spazierfahrt, die sie gestern unternommen, und ähnlichen Dingen, die wie eintöniges Summen an mein Ohr klangen.

Jetzt hatten wir die Pension Durand erreicht.

»Haben Sie schon Ihren Morgentee getrunken?« fragte Jeanne. »Nein? Ich auch nicht. Kommen Sie, wir frühstücken zusammen auf unserer Veranda.«

Wir ließen uns auf dem lauschigen Plätzchen nieder, und Jeanne bestellte den Tee.

»Wir werden wohl etwas warten müssen,« meinte sie entschuldigend. »Mit Extrapost geht's hier nicht.«

»Ich habe sehr viel Geduld,« antwortete ich.

Es war so schön, so wunderlieblich. Tiefe Morgenstille ringsumher, nur hin und wieder von hellem Vogelgezwitscher unterbrochen. Aus den taufrischen Gartenbeeten stieg ein reiner, wonniger, lebenspendender Hauch empor – wie die Ahnung eines großen Glückes! Jeanne saß an meiner Seite, so schüchtern und jungfräulich – befangen, wie ich sie noch nie gesehen, – und so schön! In wortlosem Entzücken betrachtete ich lange die herrliche Gestalt, das reizende, junge, süße Gesicht.

»Fräulein Jeanne,« redete ich sie an – ganz leise, und es waren doch nur die Vögel und Schmetterlinge zugegen, die mich hätten belauschen können! – »Fräulein Jeanne, warum fragten Sie mich vorhin nicht, inwiefern ich egoistisch gehandelt hätte?«

Gewiß, eine recht hölzerne, prosaische Art, eine Liebeserklärung zu beginnen; aber wenn das Herz so übervoll ist, daß keine Sprache der Welt den genügenden Ausdruck geben könnte – dann sind die Worte überhaupt Nebensache!

Schelmisch blickte sie unter den dunklen Wimpern hervor. »Weil – weil ich gar nicht zu fragen brauchte, weil ich es wußte!« flüsterte sie dann.

»Weil Sie wußten, – daß ich dich liebe, Jeanne, nicht wahr?« jubelte ich auf. – – »Und du, liebe, süße Jeanne, sag' mir – –«

Sie war sonst immer so rasch mit der Antwort bereit gewesen. Aber diesmal antwortete sie gar nicht. – Sie tat etwas anderes – und das genügte mir! Selig – in weltvergessener Wonne – hielt ich die Heißgeliebte in meinen Armen.

Da trat Frau von Wittersleben aus der Salontür, schreckerstarrt, vorwurfsvoll, – – aber bald besänftigt. – Wer hätte zwei so überglücklichen Menschenkindern widerstehen können? – Ihre Tochter eine bürgerliche Frau Konsulin statt einer Gräfin Könitz? Der Tausch erschien ihr zuerst gewiß etwas kümmerlich! Aber dann – dachte sie wohl der seligen Stunde, wo sie ihre Hand in die geliebte Feindeshand gelegt. – – – Und eine glückliche Frau ist ihre übermütige Jeanne geworden, so wie sie mich zum glücklichsten Manne gemacht hat.

»Nicht wahr, Jeanne? – kannst du das unterschreiben?« – – Sie ist aus dem Nebenzimmer eingetreten. Leise nimmt sie mir die Feder aus der Hand. »Ja. Von ganzem Herzen.

Jeanne Reinfeld
geb. von Wittersleben.«

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