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Percy Bysshe Shelley: Die Cencit - Kapitel 9
Quellenangabe
typedrama
authorPercy Bysshe Shelley
titleDie Cencit
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
yearo.J.
translatorAdolf Strodtmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150204
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Geschichte des Todes der Familie Cenci.

Das überaus nichtswürdige Leben, welches der römische Edelmann. Francesco Cenci während seiner irdischen Laufbahn führte, verursachte nicht ihm allein, sondern auch vielen Andern Verderben und Tod, und hatte den Untergang seines ganzen Hauses zur Folge. Dieser Edelmann war der Sohn des Monsignore Cenci, welcher unter dem Pontifikate Pius V. Schatzmeister gewesen war und seinem einzigen Sohne Francesco ungeheure Reichthümer hinterließ. Aus dieser Erbschaft allein genoß er ein Einkommen von 160,000 Kronen, und er vermehrte noch sein Vermögen, indem er sich mit einer außerordentlich reichen Dame vermählte, welche starb, nachdem sie sieben unglückliche Kinder geboren. Er schloß darauf eine zweite Ehe mit Lucretia Petroni, einer Dame aus einer edlen römischen Familie; aber er hatte keine Kinder mit ihr. Sodomiterei war das geringste, Atheismus das größte Laster Francesco's, wie durch seinen Lebenslauf erwiesen wird; denn er wurde dreimal der Sodomiterei angeklagt, und zahlte der Regierung 100,000 Kronen zur Ablösung der rechtmäßig auf dies Verbrechen gesetzten Strafe; und was seine Religiosität betrifft, so genügt es anzuführen, daß er nie eine Kirche besuchte; und obschon er eine kleine, dem Apostel St. Thomas gewidmete Kapelle im Hofe seines Palastes erbauen ließ, war es dabei doch nur seine Absicht, all' seine Kinder, die er grausam haßte, dort zu bestatten. Er hatte die ältesten derselben, Giacomo, Christofero und Rocco, aus dem väterlichen Hause gejagt, als sie noch zu jung waren, als daß sie ihm wirkliche Ursache zu ernstlicher Unzufriedenheit hätten geben können. Er schickte sie nach der Universität Salamanca; da er sich aber weigerte, ihnen das nöthige Geld zu ihrem Unterhalte dorthin zu senden, kehrten sie verzweiflungsvoll nach Hause zurück. Sie fanden, daß ihr Elend sich dadurch nur verschlimmert hatte; denn der Haß und Zorn ihres Vaters gegen sie hatte sich so gesteigert, daß er sich weigerte, ihnen Kleidung und Nahrung zu geben, so daß sie genöthigt waren, sich an den Papst zu wenden, welcher dem Cenci befahl, ihnen eine angemessene Alimentationssumme zu zahlen, mit der sie sein Haus verließen.

Um diese Zeit wurde Francesco zum dritten Mal für sein gewöhnliches Verbrechen der Sodomiterei eingezogen, und seine Söhne benutzten diese Gelegenheit, den Papst um die Bestrafung ihres Vaters und um die Befreiung seiner Familie von einem so verruchten Scheusal anzugehen. Obschon der Papst zuvor geneigt war, Francesco zu der verdienten Todesstrafe zu verurtheilen, wollte er doch Solches nicht auf Begehren seiner Söhne thun, sondern gestattete ihm abermals, sich durch Entrichtung der gewöhnlichen Geldbuße von 100,000 Kronen mit dem Gesetz abzufinden. Der Haß Francesco's gegen seine Söhne wurde durch dies ihr Benehmen noch erhöht; er fluchte ihnen, und oft schlug und mißhandelte er auch seine Töchter. Die älteste derselben, unfähig, die Grausamkeit ihres Vaters länger zu ertragen, schilderte dem Papst ihre elende Lage und flehte ihn an, sie entweder nach seiner eigenen Wahl zu verheirathen, oder sie in ein Kloster zu senden, damit sie auf irgend eine Weise von der grausamen Bedrückung ihres Vaters befreit werde. Ihre Bitte ward erfüllt, und der Papst gab sie, aus Mitleid mit ihrem Unglück, dem Signore Carlo Gabrielli, einem der ersten Edelleute der Stadt Gabbio, zur Gemahlin, und nöthigte Francesco, ihr eine angemessene Mitgift von mehren tausend Kronen zu geben.

Da Francesco fürchtete, daß seine jüngste Tochter, wenn sie erwachsen sei, dem Beispiel ihrer Schwester folgen werde, sann er darauf, diese Absicht zu vereiteln, und sperrte sie zu dem Ende allein in ein Zimmer seines Palastes, wohin er ihr selbst ihre Nahrung brachte, damit Keiner sich ihr nähere; und auf diese Art hielt er sie mehre Monate lang gefangen, wobei er sie oftmals mit Stockschlägen mißhandelte.

Mittlerweile starben zwei seiner Söhne, Rocco und Christofero, – der eine durch die Hand eines Wundarztes, der andere durch Paolo Corso ermordet, während er der Messe beiwohnte. Der unmenschliche Vater legte jegliches Zeichen der Freude an den Tag, als er diese Botschaft erhielt; er sagte, daß Nichts ihm größere Lust bereiten würde, als wenn all' seine Kinder stürben, und daß er, wenn das Grab das letzte derselben aufnähme, zum Beweis seines Entzückens ein Freudenfeuer aus all' seinen Besitzthümern machen wolle. Zum ferneren Zeichen seines Hasses weigerte er sich bei dem gegenwärtigen Anlasse, auch nur die geringste Summe zu den Begräbnißkosten seiner ermordeten Söhne beizutragen.

Francesco trieb seine nichtswürdigen Ausschweifungen so weit, daß er junge Mädchen (von denen er stets eine Anzahl in seinem Hause hielt) und selbst gewöhnliche Buhldirnen im Bett seiner Gemahlin schlafen ließ, und daß er oftmals mit Gewalt und Drohungen versuchte, seine Tochter Beatrice zu entehren, die jetzt erwachsen und ausgezeichnet schön war Die hier im Manuskript angeführten Einzelheiten sind gräßlich, und nicht zur Veröffentlichung geeignet..

 

Beatrice, die es unmöglich fand, in einer so elenden Weise fortzuleben, folgte dem Beispiel ihrer Schwester; sie sandte eine wohlgeschriebene Bittschrift au den Papst und beschwor denselben, seine Autorität auszuüben, um sie der Gewaltthätigkeit und Grausamkeit ihres Vaters zu entziehen. – Allein diese Bittschrift, die, wenn ihr Gehör wäre gegeben worden, das unglückliche Mädchen vor einem frühen Tode geschützt hätte, blieb ohne allen Erfolg. Sie wurde nachmals unter der Sammlung von Denkschriften aufgefunden, und man behauptet, daß sie dem Papste niemals vor Augen gekommen sei.

Francesco, welcher diesen Versuch von Seiten seiner Tochter entdeckte, ward noch ergrimmter und verdoppelte seine Tyrannei, indem er nicht nur Beatrice, sondern auch seine Gemahlin aufs strengste eingesperrt hielt. Endlich, als diese unglücklichen Wesen sich jeder Hoffnung auf Erlösung beraubt sahen, beschlossen sie, von Verzweiflung getrieben, auf seinen Tod zu sinnen.

Der Palast Cenci wurde bisweilen von einem Monsignore Guerra besucht, – einem jungen Manne von hübschem Aeußern und einnehmenden Manieren, und von jenem lenksamen Charakter, der sich leicht zur Theilnahme an jeder Handlung bestimmen läßt, einer guten oder schlechten, wie es sich eben trifft. Seine Züge waren gefällig, und seine Gestalt schlank und wohlproportionirt; er war etwas verliebt in Beatrice, und kannte recht gut die Ruchlosigkeit von Francesco's Charakter, der ihn wegen des vertraulichen Umgangs haßte, welcher zwischen ihm und den Kindern dieses unnatürlichen Vaters stattfand; aus diesem Grunde wählte er die Zeit seiner Besuche mit Vorsicht, und kam nur in das Haus, wenn er wußte, daß Francesco abwesend sei. Er empfand ein lebhaftes Mitleid mit der Lage Lucretia's und Beatricens, die ihm oft ihr mehr und mehr zunehmendes Leid klagten, und sein Mitgefühl wurde stets durch irgend eine Erzählung neuer Tyrannei und Grausamkeit genährt und erhöht. Bei einer dieser Unterredungen ließ Beatrice einige Worte fallen, welche offen andeuteten, daß sie und ihre Stiefmutter die Ermordung ihres Peinigers beabsichtigten, und Monsignore Guerra billigte nicht allein ihr Vorhaben, sondern versprach auch, zur Ausführung desselben gemeinsam mit ihnen zu handeln. Solcherweise angespornt, theilte Beatrice das Vorhaben ihrem ältesten Bruder Giacomo mit, ohne dessen Beistand dasselbe unmöglich gelingen konnte. Letzterer war leicht zur Einwilligung zu bestimmen, denn er war äußerst aufgebracht wider seinen Vater, der ihn mißhandelte und sich weigerte, ihm eine genügende Unterstützung für seine Frau und seine Kinder zu gewähren.

Die Wohnung des Monsignore Guerra war der Ort, wo die Details des zu begehenden Verbrechens beredet und beschlossen wurden. Hier hielt Giacomo, im Einverständniß mit seiner Schwester und seiner Stiefmutter, mehre Berathungen, und man beschloß endlich, die Ermordung Francesco's zweien seiner Vasallen aufzutragen, welche seine erbitterten Feinde geworden waren. Der Eine hieß Marzio und der Andere Olimpio; Letzterer war, auf Francesco's Veranlassung, seines Postens als Kastellan des Felsenschlosses Petrella entsetzt worden.

Es war schon bekannt, daß Francesco, mit Erlaubniß des Barons dieses Lehens, des Signor Marzio di Colonna, sich nach Petrella zurückzuziehen und den Sommer dort mit seiner Familie zu verbringen gedachte. Einige Banditen aus dem Königreiche Neapel wurden gedungen und angewiesen, in den Waldungen um Petrella auf der Lauer zu liegen und sich Francesco's zu bemächtigen, sobald sie von dessen Kommen benachrichtigt werden würden. Dieser Plan war so angelegt, daß, obschon die Räuber Francesco nur ergreifen und fortschleppen sollten, doch seine Gemahlin und seine Kinder nicht in den Verdacht gerathen konnten, Mitschuldige der That zu sein. Allein der Anschlag mißglückte; denn da die Banditen nicht frühzeitig genug von seinem Kommen benachrichtigt wurden, gelangte Francesco wohlbehalten nach Petrella. Man war also genöthigt, einen neuen Plan zu ersinnen, um das Ziel zu erreichen, das die Betheiligten mit jedem Tage ungeduldiger ersehnten; denn Francesco beharrte noch immer in seinem verruchten Lebenswandel. Da er ein Greis von mehr als siebenzig Jahren war, verließ er niemals das Schloß; daher konnte man sich nicht der Banditen bedienen, welche sich noch immer in der Umgegend versteckt hielten. Man beschloß deshalb, den Mord in Francesco's eigner Behausung zu vollführen.

Marzio und Olimpio wurden nach dem Schlosse berufen; und Beatrice, von ihrer Stiefmutter begleitet, sprach zur Nachtzeit, während ihr Vater schlief, vom Fenster aus mit ihnen. Sie trug ihnen auf, sich wieder zu Monsignore Guerra zu verfügen, mit einem Billet, in welchem sie ersucht wurden, gegen eine Belohnung von tausend Kronen Francesco umzubringen; ein Dritttheil sollte ihnen vor der That von Monsignore Guerra, und die zwei andern Dritttheile nach vollbrachter That von den Damen selbst ausgezahlt werden. Nachdem sie sich hiemit einverstanden erklärt, wurden sie am 8. September 1598 heimlich ins Schloß eingelassen; da jedoch an diesem Tage die Jahresfeier der Geburt der Gebenedeiten Jungfrau stattfand, wünschte Signora Lucretia, durch ihre Ehrfurcht vor einer so heiligen Zeit zurückgehalten, unter Beistimmung ihrer Stieftochter, daß die Ausführung der Mordthat bis zum folgenden Tag verschoben würde. Sie mischten geschickt Opium in das Getränk Francesco's, der, als er zu Bette ging, bald in einen tiefen Schlaf sank. Gegen Mitternacht führte seine Tochter selbst die beiden Meuchelmörder in das Zimmer ihres Vaters und ließ sie dort zurück, damit sie die übernommene That vollbringen möchten, und ging in ein dicht nebenan liegendes Zimmer, wo sich auch Lucretia befand, um die Rückkehr der Mörder und den Bericht ihres Erfolgs zu erwarten. Bald darauf traten die Mörder wieder ein und sagten den Damen, daß Mitleid sie zurückgehalten, und daß sie ihren Abscheu, einen armen alten Mann kaltblütig im Schlafe zu ermorden, nicht zu überwinden vermöchten. Diese Worte erfüllten Beatrice mit Zorn, und nachdem sie sie bitter als Feiglinge und Verräther geschmäht hatte, rief sie aus: »Da ihr nicht Muth genug besitzt, einen Schlafenden zu ermorden, so will ich selbst meinen Vater tödten; aber euer Leben soll nicht lange mehr sicher sein!« Als die Mörder diese kurze, aber schreckliche Drohung vernahmen, fürchteten sie, daß, wenn sie nicht die That begingen, der Sturm auf ihre eigenen Häupter hereinbrechen werde, faßten Muth, gingen wieder in die Kammer, wo Francesco schlief, und trieben mittelst eines Hammers einen Nagel vom Auge aus durch seinen Kopf; einen zweiten schlugen sie ihm in den Hals. Nach wenigen Zuckungen hauchte der unglückliche Francesco seinen Geist aus. Die Mörder entfernten sich, nachdem sie den Rest des versprochenen Lohnes empfangen hatten; außerdem schenkte Beatrice noch Marzio einen goldverbrämten Mantel. Darauf hüllten die beiden Frauen, nachdem sie die beiden Nägel herausgezogen, den Leichnam in ein feines Laken und trugen ihn nach einer offenen Galerie, die auf einen Garten hinausging und unter der ein Hollunderbaum stand; von dort aus warfen sie ihn hinab, so daß man glauben konnte, Francesco sei, um einem natürlichen Bedürfnisse nachzukommen, durch diese Galerie gegangen, als dieselbe, nur von schwachen Balken gestützt, eingebrochen sei und so seinen Tod herbeigeführt habe.

Und Solches glaubte man wirklich am nächsten Tage, als die erheuchelten Wehklagen Lucretia's und Beatricens, welche untröstlich schienen, die Nachricht von Francesco's Tode verbreiteten. Er ward ehrenvoll bestattet, und seine Familie kehrte, nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Schlosse, nach Rom zurück, um die Früchte ihres Verbrechens zu genießen. Sie lebten dort eine Zeitlang in Ruhe; aber die göttliche Gerechtigkeit, welche eine so verruchte That nicht verborgen und ungestraft lassen wollte, fügte es, daß der Hof von Neapel, dem die Nachricht von dem Tode Cenci's mitgetheilt wurde, Zweifel über die Art und Weise desselben zu hegen begann und einen Kommissar absandte, der die Leiche besichtigen und Erkundigungen einziehen sollte. Unter Anderm entdeckte dieser Mann einen Umstand, der gegen die Familie des Verstorbenen sprach; es stellte sich nämlich heraus, daß Beatrice am Tage nach dem Tod ihres Vaters ein blutbeflecktes Laken in die Wäsche gegeben hatte, mit dem Bemerken:

 

Diese Entdeckungen wurden sogleich dem römischen Hofe mitgetheilt; aber nichtsdestoweniger verstrichen mehrere Monate, ohne daß eine Maßregel gegen die Familie Cenci ergriffen worden wäre; mittlerweile starb der jüngste Sohn Francesco's, und nur zwei blieben noch von den fünfen übrig, die er besessen hatte, nämlich Giacomo und Bernardo. Monsignore Guerra, welcher von der Mittheilung gehört hatte, die der Hof von Neapel dem römischen Hofe gemacht, und welcher befürchtete, daß Marzio und Olimpio der Justiz in die Hände fallen und bewogen werden möchten, ihr Verbrechen zu bekennen, dang Leute, sie zu ermorden; es glückte ihm jedoch nur Olimpio in der Stadt Terni umbringen zu lassen. Marzio, welcher diesem Mißgeschick entgangen war, hatte bald darauf das Unglück, in Neapel verhaftet zu werden, wo er Alles gestand. Zu gleicher Zeit, als die Ankunft Marzio's in Rom von Neapel her erwartet wurde, verhaftete man Giacomo und Bernardo und führte sie in die Corte Savella ab, während Lucretia und Beatrice in ihrem eigenen Hause unter guter Bewachung gefangen gehalten wurden; allein später wurden sie in denselben Kerker geführt, in welchem die Brüder sich befanden. Hier wurden sie verhört, und leugneten Alle beharrlich das Verbrechen ab, namentlich Beatrice, welche gleichfalls leugnete, daß sie Marzio den vorhin erwähnten goldverbrämten Mantel geschenkt habe; und Marzio, überwältigt und ergriffen von der Geistesgegenwart und dem Muth Beatricens, nahm Alles, was er in Neapel ausgesagt hatte, zurück und starb lieber hartnäckig unter seinen Folterqualen, als daß er nochmals ein Geständnis abgelegt hätte.

Da kein hinreichendes Beweismaterial vorhanden war, um die Anwendung der Folter gegenüber der Familie Cenci zu rechtfertigen, wurden sie Alle nach Castello gebracht, wo sie mehre Monate in Ruhe gelassen wurden. Aber zu ihrem Unglück fiel einer der Mörder Olimpio's zu Terni der Justiz in die Hände; er gestand, daß er zu dieser That von Monsignore Guerra gedungen worden, der ihn gleichfalls beauftragt habe, Marzio umzubringen. Zum Glück für diesen Prälaten erhielt derselbe eine schnelle Benachrichtigung von dem wider ihn abgelegten Zeugniß, und war im Stande, sich für eine Zeitlang zu verbergen und einen Plan zu seiner Flucht zu entwerfen, die sehr schwierig war; denn seine Statur, die Feinheit und Schönheit seiner Züge und sein blondes Haar setzten ihn leicht der Entdeckung aus. Er vertauschte seine Kleidung gegen die eines Köhlers, schwärzte sein Gesicht und rasirte sein Haupt; und so vermummt, zwei Esel vor sich hertreibend, ein Stück Brot und ein paar Zwiebeln in der Hand, schritt er frei durch Rom, unter den Augen der Gerichtsdiener, die ihn überall suchten; und ohne von Jemandem erkannt worden zu sein, ging er durch eines der Thore zur Stadt hinaus, wo er nach kurzer Zeit den Sbirren begegnete, welche das Landgebiet durchsuchten, und unerkannt, an ihnen vorbeizog, nicht ohne große Angst über die Gefahr, entdeckt und verhaftet zu werden. Mittelst dieser schlauen Verkleidung bewerkstelligte er seine Flucht in ein sicheres Land.

Die Flucht des Monsignore Guerra und das Geständniß des Mörders von Olimpio verstärkten die übrigen Beweisgründe in so schlimmer Art, daß die Cenci von Castello nach Corte Savella zurückgebracht und zur Tortur verurtheilt wurden. Die beiden Söhne erlagen schmählich ihren Qualen und wurden überführt; Lucretia, die von vorgerücktem Alter war, da sie ihr fünfzigstes Jahr zurückgelegt hatte, und ein starkes Embonpoint besaß, vermochte nicht der Tortur des Stranges zu widerstehen ... ( Hier fehlt etwas im Originalmanuskript.) ... Aber Signora Beatrice, die jung, lebensfrisch und kräftig war, ließ weder durch gute noch schlechte Behandlung, weder durch Drohungen noch aus Furcht vor der Folter, ihren Lippen ein einziges Wort entschlüpfen, das als ein Bekenntniß ihrer Schuld hätte dienen können; und durch ihre lebhafte Beredtsamkeit verwirrte sie sogar die Richter, die sie verhörten. Als der Papst durch Signor Ulysse Moraci, den in dieser Sache bestellten Richter, Kenntniß von allem Vorgefallenen erhielt, gerieth er auf den Verdacht, daß die Schönheit Beatricens das Gemüth dieses Richters bestochen haben möge, und übertrug die Führung des Prozesses einem Andern, der eine neue Art Tortur erfand, die Haarfolter genannt; und als sie schon zu dieser Tortur gebunden war, führte er ihre Stiefmutter und ihre Brüder zu ihr heran. Sie begannen allesammt sie zu ermahnen, ein Geständniß abzulegen, indem sie sagten: Da das Verbrechen verübt worden sei, müßten sie die Strafe dafür erleiden. Beatrice versetzte nach einigem Widerstande: »So wünscht ihr Alle zu sterben, und Schmach und Verderben über unser Haus zu bringen? – Das ist nicht recht; aber da es euch so gefällt, sei es so!« Und sich zu den Folterknechten wendend, hieß sie dieselben sie losbinden und forderte, daß man ihr alle Verhörsprotokolle vorlegen möchte, hinzufügend: »Was ich bekennen muß, werde ich bekennen; was ich einräumen muß, werde ich einräumen; und was ich leugnen muß, werde ich leugnen.« Und solchergestalt ward sie überführt, ohne bekannt zu haben. Dann wurden sie Alle entfesselt, und da es jetzt fünf Monate her war, seit sie sich Alle gesehen hatten, so wünschten sie an dem Tage mit einander zu speisen. Drei Tage nachher wurden sie jedoch abermals getrennt; die Frauen blieben in der Corte Savella, und die Brüder wurden in die Kerker der Tordinona geführt.

Nachdem der Papst alle Verhörsprotokolle und sämmtliche Geständnisse eingesehen hatte, befahl er, daß die Delinquenten an Pferdeschweifen durch die Straßen geschleift und dann enthauptet werden sollten. Viele Kardinäle und Fürsten verwendeten sich für sie und baten, daß ihnen wenigstens gestattet werden möge, sich zu vertheidigen. Der Papst weigerte sich Anfangs, hierin zu willigen, indem er streng antwortete und die Vermittler fragte, welche Vertheidigung man denn Francesco gestattet habe, als er so barbarisch im Schlafe ermordet worden sei; später jedoch gab er insoweit nach, daß er ihnen eine fünfundzwanzigtägige Frist zu diesem Zweck erlaubte. Die berühmtesten römischen Advokaten übernahmen es, die Verbrecher zu vertheidigen; und am Ende des festgesetzten Termines überreichten sie dem Papst ihre Schriften. Der Erste, welcher das Wort ergriff, war der Advokat Nicolas di Angelis; aber der Papst unterbrach ihn zornig mitten in seiner Rede und sagte, er wundere sich sehr, daß es in Rom Kinder gäbe, die eine so unnatürliche That begingen, ihren Vater zu ermorden, und daß sich Advokaten fänden, die schlecht genug wären, ein so gräßliches Verbrechen zu vertheidigen. Diese Worte machten Alle verstummen, außer dem Advokaten Farinacci, welcher sprach: »Heiliger Vater, wir sind Euch nicht zu Füßen gefallen, um die Ruchlosigkeit des Verbrechens zu vertheidigen, sondern um das Leben der Unschuldigen zu retten, wenn Eure Heiligkeit geruhen wollen, uns anzuhören.« Der Papst hörte ihm geduldig vier Stunden lang zu, und entließ dann die Advokaten, indem er ihre Schriften entgegennahm. Der Advokat Altieri, welcher sich zuletzt entfernte, wandte sich um und sagte, indem er sich dem Papste zu Füßen warf, sein Amt als Armenadvokat habe ihm nicht gestattet, sein Mitwirken bei dieser Angelegenheit zu verweigern; und der Papst antwortete, er sei nicht verwundert über den Antheil, welchen er, sondern über den Antheil, welchen die Uebrigen an dieser Sache genommen. Statt sich zur Ruhe zu begeben, verbrachte er die ganze Nacht damit, die Angelegenheit mit dem Kardinal di San Marcello ernstlich zu prüfen, indem er mit großer Sorgfalt die besonders zur Entschuldigung dienenden Stellen der Schrift des Advokaten Farinacci beachtete, welche einen so zufriedenstellenden Eindruck auf ihn machte, daß er schon Hoffnung zur Begnadigung der Verbrecher gab; denn die Verbrechen des Vaters und der Kinder waren in dieser Schrift einander gegenüber gestellt und wider einander abgewogen, und um die Söhne zu retten, war die Hauptschuld auf Beatrice gewälzt, und solchergestalt konnte, indem die Stiefmutter gerettet ward, auch die Tochter leichter davonkommen, die, wie die Verhältnisse lagen, durch die Grausamkeit ihres Vaters zu der Verübung eines so furchtbaren Verbrechens verleitet worden war. Der Papst befahl daher, daß die Angeklagten wieder insgeheim eingekerkert werden sollten, damit sie von dem Zeitgewinn Nutzen ziehen könnten. Da es aber nach dem hohen Rathschlusse der Vorsehung beschlossen war, daß sie die gerechte Strafe des Vatermordes erleiden sollten, so geschah es, daß um diese Zeit Paolo Santa Croce in der Stadt Subiaco seine Mutter umbrachte, weil sie sich weigerte, ihm ihr Erbtheil auszuhändigen. Und der Papst beschloß, als dies zweite Verbrechen ähnlicher Art vorgefallen, Diejenigen, welche des ersten schuldig waren, zu bestrafen, und zwar um so mehr, als der Muttermörder Santa Croce der Rache des Gesetzes durch die Flucht entronnen war. Der Papst kehrte am 6. Mai nach Monte Cavallo zurück, um am nächsten Morgen in der benachbarten Kirche Santa Maria degli Angeli dem am 3. Mai desselben Jahres 1599 von ihm zum Bischof von Olumbre ernannten Kardinal Diveristiana die Weihen zu ertheilen. Am 10. Mai beschied er Monsignore Ferrante Taverna, den Gouverneur von Rom, zu sich, und sagte ihm: »Ich lege die Sache der Cenci in Eure Hand, damit Ihr so bald wie möglich die ihnen gebührende Justiz vollziehen mögt.« Sobald der Gouverneur in seinem Palast anlangte, theilte er dem Kriminalrichter das Urtheil mit und berieth sich mit demselben über die Art und Weise, in welcher die Verbrecher zum Tode gebracht werden sollten. Viele Edelleute eilten sofort zum Quirinal- und Vatikan-Palaste, um mindestens die Gnade eines nicht öffentlichen Todes für die Frauen, und Begnadigung für den unschuldigen Bernardo zu erflehen; und glücklicherweise hatten sie Zeit, das Leben dieses Jünglings zu retten, da das Errichten des Schafottes auf der Brücke San Angelo nothwendigerweise viele Stunden in Anspruch nahm, und da man auf die barmherzige Brüderschaft warten mußte, welche die Verurtheilten auf den Richtplatz begleiten sollte.

Das Urtheil wurde am Sonnabend Morgen, den 11. Mai, vollstreckt. Die mit Kundmachung der Sentenz beauftragten Boten und die Brüder der Consorteria wurden um 5 Uhr in der vorhergehenden Nacht in die verschiedenen Gefängnisse gesandt, und um 6 Uhr wurde das Todesurtheil den unglücklichen Brüdern verkündet, die in ruhigem Schlaf lagen. Als Beatrice dasselbe vernahm, brach sie in herzzerreißendes Wehklagen und in leidenschaftliche Geberden aus, und rief: »Wie ist es möglich, o mein Gott, daß ich so plötzlich sterben muß?« Lucretia, die schon auf ihr Geschick vorbereitet und in dasselbe ergeben war, hörte ohne Schrecken das Vorlesen dieser furchtbaren Sentenz an, und bewog ihre Stieftochter durch zärtliche Bitten, mit ihr in die Kapelle zu gehen; und so sehr Beatrice sich bei der ersten Nachricht von ihrem schnellen Tode einer maßlosen Aufregung hingegeben hatte, um so muthiger faßte sie sich jetzt, und gab einem Jeden sichere Beweise einer demüthigen Ergebung. Nachdem sie um Hersendung eines Notars gebeten hatte und dieser Wunsch ihr gewährt worden war, machte sie ihr Testament, in welchem sie der Brüderschaft des Sacre Stimmate 15,000 Kronen aussetzte und die Verfügung traf, daß ihre ganze Mitgift zur Aussteuer für fünfzig Mädchen verwandt werden solle; und Lucretia verordnete, das Beispiel ihrer Stieftochter nachahmend, daß man sie in der Kirche San Gregorio zu Monte Celio bestatten möge, indem sie 32,000 Kronen zu mildtätigen Zwecken testirte und noch andere Legate machte. Hierauf verbrachten sie einige Zeit in der Consorteria, wobei sie Psalmen, Litaneien und andere Gebete so inbrünstig vortrugen, daß es ersichtlich war, wie Gottes besondere Gnade ihnen beistehe. Um 8 Uhr beichteten sie, hörten die Messe, und empfingen das heilige Abendmahl. Da Beatrice der Meinung war, daß es nicht schicklich sei, vor den Richtern und auf dem Schafotte in ihren prächtigen Kleidern zu erscheinen, bestellte sie zwei Anzüge, einen für sich und einen für ihre Stiefmutter, nach Art der Nonnengewänder gemacht, – ausgenommen und mit langen Aermeln von schwarzem Baumwollzeug für Lucretia, und von gewöhnlicher Seide für sich selbst; mit einem großen Gürtelstrick. Als diese Anzüge kamen, stand Beatrice auf und sagte, sich zu Lucretia wendend: »Mutter, die Stunde unsres Scheidens naht, laß uns daher diese Gewänder anlegen, und laß uns einander bei diesem letzten Werke helfen.« Lucretia folgte bereitwillig dieser Aufforderung, und sie kleideten sich an. Eine der Andern helfend, und legten dabei so viel Gleichgültigkeit und Freude an den Tag, als ob sie sich zu einem Feste anzögen.

Die Gesellschaft der barmherzigen Brüder langte bald darauf vor den Kerkern der Tordinona an; und während sie drunten auf der Straße mit dem Krucifix warteten, bis die Verurtheilten herabkommen würden, ereignete sich ein Zufall, welcher unter der dort versammelten Menge einen solchen Tumult erregte, daß die Gefahr einer großen Unordnung entstand. Die Sache kam folgendermaßen: einige fremde Herren, welche in einem hohen Fenster standen, stießen unachtsamerweise einen Blumentopf hinunter, der auf einen der barmherzigen Brüder fiel und denselben tödlich verwundete. Dies verursachte Verwirrung unter der Menge; und Diejenigen, welche zu weit entfernt standen, um die Ursache wahrzunehmen, ergriffen die Flucht, und indem Einer über den Anderen fiel, wurden Mehre verwundet. Als der Tumult sich gelegt hatte, schritten die Brüder Giacomo und Bernardo zur Gefängnißthür hinab, neben welcher zufällig einige Fiskalbeamte standen, die zu Bernardo herantraten und ihm sagten, daß ihm durch die Milde des Kirchenfürsten das Leben geschenkt sei, unter der Bedingung, daß er bei dem Tode seiner Verwandten zugegen sei. Ein goldverbrämter Scharlachmantel, in welchem er zuerst in das Gefängniß geführt worden war, wurde ihm überreicht, sich damit zu bedecken. Giacomo befand sich schon auf dem Karren, als das Placet des Papstes eintraf, das ihn von dem schwereren Theil der dem Todesurtheil hinzugefügten Strafe befreite, und befahl, daß es nur mit dem Hammer und durch Viertheilung vollstreckt werden solle.

Die Armesünder-Procession ging durch die Via dell' Orso, an der Apollinara vorbei, von dort über die Piazza Navona; von der Kirche San Pantalio nach der Piazza Pollarola, über den Campo di Fiori, San Carlo a Castinari zum Arco de' Conte Cenci; auf ihrem ferneren Wege hielt sie unter dem Palast Cenci an, und schließlich an der Corte Savella, um die beiden Frauen in Empfang zu nehmen. Als diese anlangten, kam Lucretia zuletzt, in schwarzer Kleidung, wie beschrieben, mit einem Schleier von derselben Farbe, der sie bis zum Gürtel bedeckte. Beatrice ging neben ihr, gleichfalls verschleiert; sie trugen sammtene Morgenschuhe, mit seidenen Rosen und Goldlitzen; und statt der Handschellen waren ihre Hände mit einem seidenen Strick gebunden, der in solcher Weise an ihren Gürtel befestigt war, daß ihnen fast der freie Gebrauch ihrer Hände verblieb. Jede von ihnen trug in ihrer linken Hand das heilige Symbol der Erlösung, und in ihrer rechten ein Taschentuch, mit welchem Lucretia ihre Thränen und Beatrice den Schweiß von ihrer Stirn abtrocknete. Als sie auf dem Richtplatze angelangt waren, ward Bernardo auf dem Schafott gelassen, und die Andern wurden in die Kapelle geführt. Während dieser fürchterlichen Trennung fiel der unglückliche Jüngling bei dem Gedanken, daß er bald die Enthauptung seiner nächsten Verwandten mit ansehen sollte, in einer tödlichen Ohnmacht nieder, von welcher er sich indessen zuletzt erholte und dem Block gegenüber Platz nahm. Die Erste, welche heraustrat, um zu sterben, war Lucretia, die wegen ihrer Korpulenz sich nur mit Mühe in die rechte Lage versetzen konnte, um den Streich zu empfangen. Als der Scharfrichter ihr das Halstuch abnahm, wurde ihr Hals entblößt, der noch immer schön war, obgleich sie fünfzig Jahr' zählte. Tief erröthend, schlug sie die Augen nieder, und rief dann, sie thränenerfüllt wieder gen Himmel emporwendend, aus: »Sieh, theurer Jesus, diese schuldbeladene Seele bereit, vor dir zu erscheinen, – Rechenschaft von ihren Handlungen zu geben, die mit vielen Verbrechen gepaart sind. Wenn sie vor deinem göttlichen Throne erscheinen wird, so bitte ich dich, mit dem Auge der Barmherzigkeit, und nicht der Gerechtigkeit, auf sie zu blicken.« Dann begann sie den Psalm » Miserere mei Deus« herzusagen, und indem sie ihren Hals unter das Beil legte und den zweiten Vers dieses Psalmes wiederholte, ward ihr bei den Worten: » et secundum multitudinem« das Haupt vom Rumpfe geschlagen. Als der Henker das Haupt emporhob, sah die Menge mit Verwunderung, daß die Gesichtszüge lange den Ausdruck des Lebens behielten, bis es in ein schwarzes Tuch gehüllt und in einen Winkel des Schafottes gelegt ward. Während das Schafott für Beatrice in Ordnung gebracht wurde, und während die Brüderschaft in die Kapelle zurückkehrte, um sie abzuholen, stürzte der Balkon eines von Zuschauern erfüllten Kaufladens ein, und fünf der darunter stehenden Personen wurden so schlimm verletzt, daß zwei derselben einige Tage nachher starben. Beatrice, welche das Geräusch hörte, fragte den Scharfrichter, ob ihre Mutter gut gestorben sei, und als sie eine bejahende Antwort erhielt, kniete sie vor dem Krucifix nieder und sprach also: »Sei dir in Ewigkeit gedankt, o mein gnädigster Heiland, daß du mir durch den guten Tod meiner Mutter die Zuversicht deiner Barmherzigkeit gegen mich gegeben hast.« Dann sich erhebend, schritt sie muthig und fromm ergeben zum Schafott, unterwegs mehre Gebete mit solcher Inbrunst der Seele wiederholend, daß Alle, die sie hörten, Thränen des Mitleids vergossen. Das Schafott besteigend, richtete auch sie, während sie sich zum Tode bereitete, die Augen gen Himmel, und betete also: »Geliebtester Jesus, der du, deiner Göttlichkeit entsagend, ein Mensch wurdest, und durch die Liebe meine sündige Seele gleichfalls von ihrer Erbsünde mit deinem kostbaren Blute reinigtest; nimm, so flehe ich zu dir! dasjenige, welches ich zu vergießen bereit bin, vor deinem allbarmherzigen Richterstuhle als eine Buße an, welche meine vielen Verbrechen auslöschen möge, und erlaß mir einen Theil jener Strafe, die mir von Rechtswegen gebührt.« Dann legte sie ihr Haupt unter das Beil, und dasselbe ward, indem sie den zweiten Vers des Psalms » De profundis« wiederholte, bei den Worten: » fiant aures tuae« mit Einem Schlage von ihrem Körper getrennt; der Schlag gab letzterem eine heftige Erschütterung und brachte ihren Anzug in Unordnung. Der Henker zeigte dem Volke das Haupt, und als er es in den untenstehenden Sarg hinabgleiten ließ, entschlüpfte der Strick, an welchem es hing, seiner Hand, und der Kopf fiel auf die Erde, sehr viel Blut vergießend, das mit Wasser und Schwämmen ausgewaschen ward.

Bei dem Tode seiner Schwester wurde Bernardo abermals ohnmächtig; die wirksamsten Mittel wurden eine Zeitlang vergebens bei ihm angewandt; und Alle glaubten, daß diese zweite Ohnmacht, die ihn bereits von Aufregung überwältigt und kraftlos gefunden, ihn des Lebens beraubt habe. Endlich, nach Verlauf einer Viertelstunde, kam er wieder zu sich und gewann langsam wieder den Gebrauch seiner Sinne. Giacomo wurde hierauf zum Schafott geführt, und der Scharfrichter nahm ihm den Trauermantel ab, der ihn umhüllte. Er richtete seine Blicke auf Bernardo, und sprach dann, sich umwendend, mit lauter Stimme zum Volke: »Jetzt, da ich im Begriff stehe, vor den Richterstuhl der unfehlbaren Wahrheit zu treten, schwöre ich, daß, wenn mein Heiland, mir meine Sünden vergebend, mich auf den Weg der Erlösung weisen wird, ich ohne Aufhören für die Erhaltung Sr. Heiligkeit, des Papstes, beten will, der mir die Verschärfung der Strafe erlassen, welche mein entsetzliches Verbrechen nur allzu sehr verdient, und der meinem Bruder Bernardo das Leben geschenkt hat, welcher der Schuld des Vatermordes höchst unschuldig ist, wie ich in all' meinen Verhören beständig erklärt habe. Es betrübt mich nur in diesen meinen letzten Augenblicken, daß er genöthigt worden ist, bei einem so fürchterlichen Schauspiel zugegen zu sein; da es aber dir, o mein Gott! also gefallen hat, fiat voluntas tua.« Nachdem er Solches gesprochen, kniete er nieder; der Scharfrichter verband ihm die Augen und schnürte seine Beine ans Schafott, versetzte ihm mit einem bleigefüllten Hammer einen Schlag auf die Schläfe, schnitt ihm den Kopf ab, und zertheile dann seinen Rumpf in vier Theile, welche an den Ecken des Schafottes aufgespießt wurden.

Als die letzte, von der Justiz verordnete Strafe vollstreckt war, wurde Bernardo nach dem Gefängnis der Tordinona zurückgeführt, wo ihn bald ein hitziges Fieber befiel; man ließ ihn zur Ader und wandte andere Mittel an, sodaß er endlich wieder genas, freilich nicht ohne viele Leiden. Die Leichname Lucretia's und Beatricens ließ man bis zum Abend am Ausgang der Brücke, von zwei Fackeln beleuchtet, und von einem so großen Volksgedränge umgeben, daß es unmöglich war, über die Brücke zu gelangen. Eine Stunde nach Dunkelwerden ward der Leichnam Beatricens in einen Sarg gelegt, der mit einem schwarzen, reich mit Gold verzierten Sammettuche bedeckt war; Blumenguirlanden wurden, eine zu Häupten und eine andere zu Füßen des Leichnams, hingelegt, und letzterer selbst wurde mit Blumen bestreut. Er ward durch die barmherzigen Brüder nach der St. Peterskirche in Montorio begleitet, und viele Franciskanermönche folgten, mit großem Pomp und unzähligen Fackeln. Beatrice ward dort vor dem Hochaltare bestattet, nachdem die üblichen Ceremonien vollbracht waren. Wegen der weiten Entfernung der Kirche von der Brücke wurde die Ceremonie erst vier Stunden nach Dunkelwerden beendet. Nachher ward die Leiche Lucretia's, in derselben Weise begleitet, nach der Kirche San Gregorio auf dem cölischen Hügel gebracht, wo sie nach Vollzug der Ceremonie ehrenvoll bestattet ward.

Beatrice war ziemlich groß, von zartem Teint, und hatte ein Grübchen auf jeder Wange, das, zumal wenn sie lächelte, ihren lieblichen Zügen einen Reiz verlieh, der Jeden, welcher sie sah, bezauberte. Ihr Haar sah wie Goldfäden aus, und da es sehr lang war, so pflegte sie es aufzubinden; löste sie es dann auf, so blendeten die reichen Locken den Blick des Beschauers. Ihre Augen waren von einem tiefen Blau, freundlich und voll Feuer. Zu all' diesen Schönheiten fügte sie, sowohl in Worten wie in Handlungen, einen Geist und eine majestätische Lebendigkeit hinzu, die Jeden für sie einnahmen. Sie war zwanzig Jahre alt, als sie starb.

Lucretia war ebenso groß wie Beatrice, allein ihre Korpulenz ließ sie kleiner erscheinen; sie war gleichfalls schön und von so frischem Teint, daß sie mit fünfzig Jahren – dem Alter, in welchem sie starb – nicht über dreißig erschien. Ihr Haar war schwarz, und ihre Zähne außerordentlich regelmäßig und weiß.

Giacomo war von mittlerer Große; hübsch, aber von ziemlich rother Gesichtsfarbe, und mit schwarzen Augenbrauen; von liebenswürdigem Wesen, gewandt, und in allen Wissenschaften und ritterlichen Uebungen wohl erfahren. Er war nur achtundzwanzig Jahre alt, als er starb.

Bernardo endlich glich Beatricen so sehr an Gestalt, Gesichtszügen und in allem Andern, daß man sie leicht mit einander verwechselt haben würde, wenn sie ihre Kleider getauscht hätten. Sein Geist schien ebenfalls nach demselben Modell wie der seiner Schwester geschaffen; und zur Zeit ihres Todes war er sechsundzwanzig Jahre alt.

Er blieb im Gefängniß von Tordinona bis zum Septembermonat desselben Jahres, nach welcher Zeit er, auf Verwendung der hochwürdigen Großbrüderschaft des allerheiligsten Krucifixes von St. Marcellus, gegen Zahlung von 25,000 Kronen an das Hospital der allerheiligsten Dreifaltigkeit der Wallfahrer seine Freiheit erhielt. So wurde er, als der einzige übriggebliebene Sprößling der Familie Cenci, der Erbe all' ihrer Besitzthümer. Er ist jetzt verheirathet, und hat einen Sohn, Namens Christofero.

Das sehr getreue Bild Beatricens befindet sich im Palast der Villa Pamfili, außerhalb des Thores San Pancrazio; wenn sich ein anderes Porträt im Palast Cenci befindet, so wird es Niemanden gezeigt, um nicht das Angedenken an eine so schreckliche Begebenheit zu erneuern.

Dies war das Ende dieser Familie; und bis zu der Zeit, wo dieser Bericht zusammengestellt worden, ist es nicht möglich gewesen, den Marchese Paolo Santa Croce ausfindig zu machen; doch sagt ein Gerücht, er wohne in Brescia, einer Stadt im venetianischen Gebiete.

 

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